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1. Christoph Stiefel „To The Source“
2. Lea Gasser 5tet „Circles“
3. Studnitzky „KY!“
4. Jakob Dreyer „Roots And Things“
5. Stephan Micus „Behind Eleven Deserts“
6. SML „How You Been“
Freitag 05.12.2025
Christoph Stiefel „To The Source“
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Manch einer ging innerhalb der Geschichte der kreativen Musik den umgekehrten Weg: Zuerst kam der Anspruch, die Kunst, das Originelle – auch Jazz genannt. Dann, als deutlich wurde, dass dieser Ansatz letztendlich eher brotlos, zumindest jedoch brotarm sein könnte, wechselte der bis dahin Visionäre in den Bereich der reinen, manchmal auch schnöden Unterhaltung – und verdiente hier das große Geld.
Bei Christoph Stiefel, dem 1961 geborenen Pianisten, war es hingegen umgekehrt. Er wurde mit gerade einmal 23 Jahren Mitglied der Band um Andreas Vollenweider, dem gelockten Harfenisten, und zog mit ihm von Kontinent zu Kontinent, um die Menschen zu begeistern. Auf einer Woge des Erfolgs, wurden dabei die Konzerthäuser im Sturm genommen.
Fünf Jahre das Ganze, dann begann Christoph Stiefel ausschließlich seine Musik zu spielen: Im Duo, im Trio, im Quartett, im Quintett, im Septett und auch solistisch. Er entwickelte eine völlig eigene Spielweise, den Isorhythm, bewegte sich voller Leidenschaft zwischen „Präzision und Entfesselung“, komponierte, improvisierte, interpretierte.
Zwei Dutzend eigene Alben hat er bis heute eingespielt, „To The Source“ ist sein bisher letztes. Und die Musik? Sie klingt befreit. Zur einen Hälfte im Festsaal des Kirchgemeindehauses in der Liebestrasse in Winterthur aufgenommen, zur anderen Hälfte in der Kirche Oberstrass in Zürich eingespielt klingt „To The Source“ wie eine üppige Reise ins innere Ich. Der Pianist schwadroniert durch die kleinen poetischen Gassen impressionistischer Ideen und über die großen, angestammten Plätze des Jazz, wie sie zum Beispiel Horace Silver mit „Peace“ hinterlassen hat.
Es sind individuelle Entwürfe und versteckte Überzeugungen, die Christoph Stiefel pianistisch zusammensetzt, an denen er bei seiner ganz persönlichen Vermessung des Jazz den Zuhörer teilhaben lässt. Technisch brillant gespielt, geschickt ausgedacht und trotzdem voller poetischer Unvorhersehbarkeiten. „Die Musik fließt einfach durch mich hindurch, quasi ohne mein zutun.Mein Beitrag besteht lediglich darin, diesem Schöpfungsakt nicht im Wege zu stehen, damit dieses ganze Neue, auch mir Unbekannte überhaupt entstehen kann.
Jörg Konrad

Christoph Stiefel
„To The Source“
NWOG Records
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Dienstag 02.12.2025
Lea Gasser 5tet „Circles“
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Für mich hat Musik die besondere Fähigkeit, einen Raum zu eröffnen, in dem wir träumen können – fernab vom Alltag – und uns tief berühren zu lassen. Dieses Erlebnis gemeinsam mit anderen zu erfahren und zu teilen, empfinde ich als etwas sehr Wertvolles.“ Das antwortete Lea Gasser in einem Interview an dieser Stelle auf die Frage, wen oder was sie mit ihrer Musik erreichen möchte. Diesen fast schon spirituellen Anspruch löst sie mit ihrem Album „Circles“ auf akustisch faszinierende Weise ein. Die Schweizerin, die sich auf dem Akkordeon zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und kammermusikalischen Klangwelten bewegt, findet diesen ganz speziellen Sound auf einem Instrument, das nicht unbedingt und oft in diesen Stilistiken anzutreffen ist. Aber das ist andererseits vielleicht auch das Besondere an diesem manuellen Blasebalg. Denn so melancholisch und ein wenig nach Weltschmerz das Akkordeon auch klingt, letztendlich ist es ein sehr körperliches, ein sehr direktes Instrument und insofern sind die Emotionen, mit denen es gespielt wird, immens spürbar.
Lea Gasser verbrachte eine Zeit in Island – um den Kopf insgesamt frei zu bekommen und nach kreativen Möglichkeiten und Ausdrucksformen zu suchen. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs und fasziniert vom Land und den dort lebenden Menschen und ließ sich völlig befreit von der rauen Natur und der Sagenwelt des Hohen Nordens inspirieren.
Die Musik auf „Circles“ bewegt sich tatsächlich in einem Mysterium zwischen geerdetem Terrain und luftigen, beseelten Passagen. Kein Tango! Keine Polka! Stattdessen imaginäre Wandlungsfähigkeit, atmosphärische Klangmalereien, aber auch klar strukturierte Melodien, gespielt in virtuoser Bescheidenheit.
Mit ihrer Band, deren Mitglieder sie allesamt während eines Zusatzstudiums in Performance und Komposition in Lausanne kennenlernte, lotet sie die stilistischen Schnittpunkte ihrer Musik aus und bringt etwas sehr Individuelles zum Ausdruck. Sie beherrscht eine suggestiver Einfachheit und verliert sich auch gern in verwinkelter Experimentierlust. Insgesamt ein wunderbares Album, ein Kleinod stiller Töne und großer Poesie.
Jörg Konrad

Lea Gasser 5tet
„Circles“
NeuKlang
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Sonntag 30.11.2025
Studnitzky „KY!“
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Es ist erst ein gutes Jahr her, da erschien mit „Memento Odesa“ ein Album des Wahlberliners Sebastian Studnitzky, das über die reine Musik hinausreichte. Denn der Trompeter bezog sich in dieser Aufnahme inhaltlich auf den zerstörerischen Krieg Russlands gegen die Ukraine und nahm eindeutig Stellung. Ein Teil des Albums wurde während dieses Konflikts in der Hafenstadt Odessa mit dem Odesa Philharmonic Orchestra eingespielt. Aufgrund der enormen Gefahren und der Folge russischer Raketenangriffe zog das Orchester und die Band nach Berlin und vollendete hier in der Gedächtniskirche die Einspielung.
Mittlerweile hat Sebastian Studnitzky neue Orchesteraufnahmen geschrieben und arrangiert, die im legendären Meistersaal Berlin aufgenommen wurden. Für dieses Projekt stellte der Trompeter eine neue Band zusammen und konnte für diese Einspielung zudem seine guten und verlässlichen Kontakte zum Odesa Philharmonic Orchestra und ihrem Leiter Volodymyr Dykyi nutzen und ausbauen.
Auf „KY!“ bringt Studnitzky überzeugend all seine Fähigkeiten als Komponist, Leader und Solist ins Spiel. Er verknüpft auf diesem Album geschickt stilistische Genre miteinander, gibt ihnen eine gemeinsame musikalische Sprache, die gekennzeichnet ist von akustischer Eleganz und Souveränität, von Toleranz und Intelligenz. So ist „KY!“ ein Kunstwerk zwischen Klassik und Jazz, eine musikalische Herausforderung zwischen emotionaler Tiefe und stringenter Komposition. Man spürt einen Schöpfer am Werk, der kosmopolitisch denkt, in seiner genreübergreifenden Methodik aber immer ausreichend Respekt vor individueller Ausdruckskraft an den Tag legt.
Im Kammerorchester der Philharmonie Odessa hat er ein absolut passendes Sprachrohr gefunden, das seinen Ideen professionell folgt und selbst eine bereichernde Dynamik an den Tag legt. Studnitzkys Band, mit Claudio Puntin, Arto Mäkelä, Andrii Pokaz, Paul Kleber, Tim Sarhan und Bodek Janke ist eine fein aufeinander abgestimmte Formation, die dieses tiefgründige Opus veredelt und der orchestralen Stimme eine zusätzliche transparente Intimität gibt. Nicht in großen, ausufernden Improvisationen, sondern mit mehr zurückhaltenden, harmonischen Akzenten, die berührende Klanglandschaften entstehen lassen.
Jörg Konrad

Studnitzky
„KY!“
XJazz
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Freitag 28.11.2025
Jakob Dreyer „Roots And Things“
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Es gehört schon eine Portion Mut dazu, sich als norddeutscher Bassist nach New York zu wagen und dort seinen Lebensmittelpunkt aufzuschlagen. Etliche Musiker gaben anschließend keine Nachrichten mehr durch. Jakob Dreyer hat sich in diesem Sammelbecken der Kulturen scheint es durchgebissen und arbeitet kontinuierlich und entschlossen an seiner Karriere. Auf jeden Fall vermittelt dies sein neues, in New York eingespieltes Album „Roots And Things“. Aufgenommen mit seinem neuen, erst vor einiger Zeit gegründeten Quartett, das an Intensität, Kreativität und Zielstrebigkeit als eine absolute Entdeckung gelten darf.
In Tivon Pennicott steht Dreyer ein Saxophonist zur Seite, der auf eine immense Erfahrung zurückgreifen kann. Er begleitete schon vor Jahren Gregory Porter und hat anschließend selbst einige hochgelobte Alben eingespielt. Ein melodisch geschmeidiger Tenorist, der jedoch auch mit expressivem und fulminantem Druck umzugehen versteht.
Für eine besondere Klangfarbe steht die aus San Francisco stammende Vibraphonistin Sasha Berliner. Mit ihrem warmen und sanften Spiel hat sie etliche ihrer bisherigen Arbeitgeber, die durchweg zum Who's Who der zeitgenössischen Szene der USA gehören, nachhaltig beeindruckt: Tyshawn Sorey, Nicholas Payton, Ravi Coltrane, Victor Wooten u.v.a.
Bleibt noch Schlagzeuger Kenneth Salters aus South Carolina. Der hat sich seine Sporen neben dem Jazz im R&B verdient. So spielte er neben Don Byron und Chris Potter auch bei Aretha Franklin und Joanna Wallfisch.
Ein tatkräftiges Quartett, mit dem Jakob Dreyer eine robuste wie sensibel austarierte Musik spielt, die in ihrer Komplexheit starke magische Momente aufweist. Hier wird wunderbar untereinander und miteinander kommuniziert und die fast durchweg Eigenkompositionen aus der Feder Jakob Dreyers suggestiv ausgeleuchtet.
Jörg Konrad

Jakob Dreyer
„Roots And Things“
Fresh Sound Records
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Donnerstag 27.11.2025
Stephan Micus „Behind Eleven Deserts“
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Seit über fünfzig Jahren zieht Stephan Micus ruhelos durch die Kontinente dieser Welt und befindet sich als Multiinstrumentalist auf der ständigen Suche nach neuen, ethnisch beeinflussten, landestypischen Klangmöglichkeiten. Er hat bis heute auf seinen beeindruckenden Reisen eine ungezählte Anzahl an Blas-, Schlag- und Saiteninstrumenten spielen gelernt und mit ihnen die unterschiedlichsten Atmosphären menschlicher Kulturen in den Studios aufgezeichnet. So sind im Laufe der Zeit zwei Dutzend Aufnahmen zusammengekommen, die zum überwältigenden Anteil auf dem Münchner ECM-Label erschienen sind.
Der aus Stuttgart stammende Micus gilt als Globetrotter, als einer der letzten Sammler musikalischer Kulturgüter, deren traditionelle Handhabung er zudem beherrscht und die durch ihre Klangmöglichkeiten akustische Reisen in die Vergangenheit möglich machen. Imaginäre Weltmusik, die in ihrer Lebendigkeit und stillen Hinwendung tief berührt – obwohl sich Stephan Micus ganz klar und deutlich von jeder esoterischen Vereinnahmung distanziert.
In der „INTUITION-Masters-Serie“ ist nun das sorgfältig gemasterte Album „Behind Eleven Deserts“ auf 180-Gramm-Vinyl erschienen, das ursprünglich 1978 eingespielt wurde. Diese Musik hat bis heute nichts von ihrer Magie verloren und reiht sich nahtlos in das Gesamtwerk des Künstlers auch rückblickend ein. Man spürt deutlich, mit welch einer inneren Hingabe Micus schon damals, zu Beginn seiner archäologischen Klangforschungenn auch immer die meditativen Räume der Musik in den Mittelpunkt gestellt hat. Ein exotischer Klangnomade, dessen Kunst zum Innehalten und zur Konzentration anregt. Bei ihm entstehen Motive in ätherischen Dimensionen. Und immer steht bei ihm das Einfache, das Unbeschwerten, die Natürlichkeit im Vordergrund. Die Stille ist bei Stephan Micus, der die Großstädte nicht sehr mag und diese möglichst meidet, ein anderer wichtiger Baustein in seiner Musik - ebenso wie Bescheidenheit und Zurückhaltung.
Jörg Konrad

Stephan Micus
„Behind Eleven Deserts“
Intuition
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Freitag 21.11.2025
SML „How You Been“
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Sie sind mittlerweile das Flaggschiff der in Chicago ansässigen Musik-Firma International Anthem. Denn erstens manifestiert sich in kaum einer anderen Band dieses Labels so sehr deren eigentliche Philosophie. Und zweitens sind einige Musiker von SML (Small Medium Large) zugleich führende Köpfe und Sideman in anderen Formationen bei International Anthem.
Vor gut zehn Jahren gegründet, will das Label inhaltlich innovativ und vielfältig sein. So gibt es Veröffentlichungen in dem mittlerweile fast 150 Titel umfassenden Katalog, die deutlich avantgardistisch ausgerichtet sind (Jamie Banch), es gibt magische Field Recordings (Jeremiah Chiu & Marta Sofia Honer), improvisierte Folk- & Reggea-Improvisationen (Jeff Parker), düstere Balladenalben (Alabaster DePume), knackige Jazz-Aufnahmen (Chicago Underground Duo) oder Latino Exotismen (Daniel Villarreal).
Die beiden Initiatoren von International Anthem David Allen und Scott McNiece sind im November 2024 von der ZEIT gefragt worden, woher sie diesen schier unerschöpflich erscheinenden Pool an neuen, manchmal unbekannten Musikern immer wieder neu auffüllen: „Musiker sind Nomaden. Wir folgen den Künstlern, die wir kennen, und lernen dadurch neue kennen. So haben wir uns schnell über Chicago hinausbewegt. Im Gegenzug versuchen wir, unsere Künstler international bekannt zu machen.“ So einfach scheint es.
SML klingen wie eine hypernervöse, halb akustische, halb elektronische Band. Fiebrige Rhythmen, psychedelische Einschübe, mal gibt es Assoziationen zu einem Jazz-Quintett, mal zu einer Prog-Rock-Formation. So könnten heute auch die Talking Heads klingen – wenn es sie denn noch gäbe. Dann gibt es wieder Ähnlichkeiten zu den Golden Palominos aus dem Jahr 1983, mit Bill Laswell, John Zorn und David Moss. Auf jeden Fall kann man den Zusammenschluss aus innovativen Komponisten, abenteuerfreudigen Produzenten und mutigen Improvisatoren als eine Art moderne „Supergroup“ bezeichnen. Expeditionsfreudig ziehen sie durch die Klang-Urwälder und stilistischen Gärten der letzten Jahrzehnte und bringen Live dieses Konglomerat förmlich zum Beben.
Anschließend mischen sie im Studio alles neu ab, bearbeiten die spontanen Mitschnitte akribisch nach. So ist mit „How You Been“ jetzt ihr zweites Album erschienen – das ihrem Debüt von 2024 in nichts nachsteht.
Jörg Konrad

SML
„How You Been“
International Anthem
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Autor: Siehe Artikel
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