Zurück zu den neuesten Artikeln...
13. Makaya McCraven „Off The Record“
14. Masako Ohta Solo „My Music Garden“
15. Fieldword „Thereupon“
16. Mauricio Fleury „Revoada“
17. Christoph Stiefel „To The Source“
18. Lea Gasser 5tet „Circles“
Freitag 12.12.2025
Makaya McCraven „Off The Record“
Bilder
Der Entstehungs-Prozess der Aufnahmen des französisch-amerikanischen Schlagzeugers Makaya McCraven erinnert an die Arbeitsweise Miles Davis zwischen 1970 und 1975. Mit seinem damaligen Produzenten Teo Maceo jammten verschiedene Davis-Besetzungen in den Columbia Recording Studios zum Beispiel für die epochalen Aufnahmen zu „Bitches Brew“, bis man am Ende über neun Stunden Ton-Material zusammen hatte. Anschließend verschanzte sich Maceo im Schneideraum und kürzte diese Menge auf ganze 93 Minuten für das Original-Album. Ähnlich wurden auch „On The Corner“, „Live Evil“ oder „Get Up With It“ produziert.
Makaya McCraven, Sohn des Schlagzeugers Steve McCraven und der Folksängerin und -flötistin Ágnes Zsigmondi, schneidet seit Jahren einen Großteil seiner Live-Auftritte mit und bearbeitet diese Aufnahmen anschließend im Studio akribisch. Letztendlich entstehen so neue kompakte Songs, verschränkte Jazz-Rock-Soul-Konstruktionen, rhythmusorierte Sound-Impulse mit einem deftigen Hip Hop-Puls.
Off The Record“ besteht aus vier Eps, die Live in London, Berlin, Brooklyn, Chicago und Lost Angeles mitgeschnitten wurden. McCraven hatte bei diesen Auftritten Ausnahme-Instrumentalisten wie Gitarrist Jeff Palmer, Kornettist Ben LaMar Gay, den Tubaspieler Theon Cross oder den Bassisten Junius Paul an seiner Seite. Bearbeitet klingen diese Songs manchmal wie verlängerte Moment-Aufnahmen mit einem starken melodischen Gespür und in oft archaischem Charakter. Die Arrangements sind heruntergebrochen, auf das Notwendigste reduziert. Trotzdem schwingen diese sich wiederholenden Poly-Rhythmen, besitzen einen tiefen, einen beseelten Groove. Man könnte „Off The Record“ auch als eine akustische Bestandsaufnahme Makaya McCravens bezeichnen – die ihm wiederum als Vorlage für neue Live-Arrangements dient.
Jörg Konrad

Makaya McCraven
„Off The Record“
XL Recording
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 11.12.2025
Masako Ohta Solo „My Music Garden“
Bilder
Die japanische Pianistin Masako Ohta lebt seit 1985 in Deutschland und hat sich in all den Jahren in Bereichen wie Klassik, zeitgenössischer Musik, Improvisation, Performance oder Filmmusik den Ruf einer unabhängigen und inspirierten Künstlerin erworben, die immer wieder überrascht.
Beim renommierten Label Winter & Winter legt Ohta nun nach ihrem „Poetry Album“ und „My Japanese Heart“ eine weitere Piano Solo Aufnahme vor. Das von ihr gewählte Motto der CD “My Music Garden“ stammt von dem bekanntesten japanischen Dichter Matsuo Bash?, der prägend wie wegweisend für die Kunstform des Haikus war: „Eine Weile lang Mondscheinnacht über Blumen“. Dahinter steckt allerdings mehr als nur Melancholie. In einer Zeit, die für Ohta emotional tiefgehend und prägend war, entfloh sie dem Alltag, zog sich in eine Enklave zurück, um in der Stille und Natur fern von Stress und Trubel wieder zu sich zu finden. Sie wählte und entdeckte dort Musikstücke, die sie persönlich bewegen, ihr Ruhe, Kraft und Zuversicht spendeten. Gleich zu Beginn lässt Ohta mit John Cages „In a Landscape“ ihren Blick über Wald und Wipfel streifen. Brahms „Intermezzo Nr. 2“, Schuberts „Impromtu Nr. 3“ oder „Claire de Lune“ von Debussy, wechseln sich ab mit zeitgenössischer japanischer Klassik von Mamoru Fujeda, Toshio Hosokawa und Fumio Yasuda. Weiter folgt Mozarts „Fantasie in d-moll“ und schließlich aus der Extemporale das „Präludium“ von Bernd Alois Zimmermann.
Alles in allem eine abwechslungsreiche Aufnahme. Stimmungsbilder, die durch Ruhe und Besinnung in einen melodiösen Fluss mündet. Der weiche, wohlige Klang des Bechstein Flügels besänftigt die Ohren und bekräftigt das von Masako Ohta entwickelte, meisterlich gespielte Klangbild ihres musikalischen Gartens, wie ein Spiegelbild der inneren Seele. Nach den Aufnahmen fernab der Zivilisation war sie wie ausgewechselt und voller Energie, das „Album ist nun wie eine Landschaft meines Lebens“. Eine sinnliche wie poetische Erfahrung, die den Hörer aus der Hektik des Alltags entführt und ihn in Masako Ohtas musikalischen Kosmos versetzt. Eine versöhnliche Klangwelt, die nicht nur in der Winterzeit Herz und Seele wärmt.
Thomas J. Krebs

Masako Ohta solo
„My Music Garden“
Winter & Winter
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 10.12.2025
Fieldword „Thereupon“
Bilder
Als Fieldwork 2002 ihr erstes Album veröffentlichte, wurde die Band umgehend als das „Power-Trio des neuen Jahrhunderts“ bezeichnet. Es gab anschließend einige Besetzungswechsel, bis sich 2008 mit Vijay Iyer (Klavier), Steve Lehman (Altsaxophon) und Tyshawn Sorey?(Schlagzeug) die momentane und sicher auch ausdrucksstärkste Formation fand.
Alle drei bewegen sich an den Schnitt- und Überlappungsstellen von Modern Jazz, zeitgenössischer Klassik, Kammermusik, Underground-Hip-Hop und elektronischer Popmusik. Und sie nehmen jeweils nicht nur als Solisten eine Ausnahmestellung im Jazz-Betrieb ein, sondern finden zugleich auch als Kollektiv beeindruckend zueinander.
Lehman, einst Schüler bei Anthony Braxton und Jackie McLean, steht mehr für das Intellektuelle im Jazz, ein Avantgardist, jedoch mit starkem Bezug zur Tradition. Seine verzierten Themen und strukturellen Improvisationen bestechen durch ein enormes Temperament, mit dem er das Ausgangsmaterial angeht und dabei sein Instrument bis an die Belastungsgrenze bringt. Er steht auf diesem Album für kurze, knappe Solo-Exkursionen, gebündelte Statements sozusagen. Die Stücke auf „Thereupun“ sind bis auf eine Ausnahme nur drei bis fünf Minuten lang (allein „The Night Before“ bringt es auf achteinhalb Minuten). Insofern gerät die gesamte Musik kompakter, in sich geschlossener und direkter.
Vijay Iyer, Sohn indischer Einwanderer und bisher drei Mal für den Grammy nominiert, ist das Bindeglied zwischen dem prägnanten Lehman und dem hier druckvoll und groovenden Trommler Tyshawn Sorey. Besonders Iyer reflektiert die immense Bandbreite des Trios. „Wir haben uns vor langer Zeit für einen Ansatz entschieden, der die Kreativität jedes einzelnen Musikers optimal nutzt. Ich denke, dass die Vielfalt unserer individuellen Studien und Interessen es ermöglicht, dass unsere kollektive musikalische Vorstellungskraft sehr weit reicht.“ Und dabei hält er die Musik nicht nur zusammen, sondern setzt auch pianistisch scharfsinnige Ausrufezeichen und liebt deutlich dringliche Akkorde, die er immer wieder in der Musik plaziert.
Und diese Art des Musizierens gibt Tyshawn Sorey die Möglichkeit, sein vielgestaltiges Können als Schlagzeuger einzubringen. Bei aller Sensibilität und allem Detailreichtum seines Spiels ist er letztendlich ein Sturm am Instrument.
Anspieltipp: Embracing Different.
Jörg Konrad

Fieldword
„Thereupon“
Pi Recordings
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 08.12.2025
Mauricio Fleury „Revoada“
Bilder
Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man Mauricio Fleury als einen musikalischen Globetrotter und Weltenbürger bezeichnet. Geboren in Brasilien, hat er sich hier seine ersten Sporen als (Multi-)Instrumentalist verdient, war DJ und Produzent und streifte bei jeder nur möglichen Gelegenheit durch Musikläden und über Trödelmärkte, um außergewöhnliches Vinyl zu sammeln.
Er suchte Aufnahmen aus Afrika und Asien, beschäftigte sich mit deren Inhalt und begann diese mit der an sich schon schier ausufernden Vielfalt brasilianischer Musik zu mixen.
2010 gründete Mauricio Bixiga 70 in Sao Paulo, die afrikanischste aller brasilianischen Big Bands. Auf ihren weltweiten Tourneen feierten sie nicht nur Erfolge, sondern suchten zugleich neue folkloristische Ansatzpunkte, bauten westafrikanische Musiktraditionen in ihre Klangphilosophien mit ein, nutzten lateinamerikanische Ansätze, griechische und türkische Vibrationen.
Seit einigen Jahren lebt Mauricio Fleury in Berlin. Dass hier fast zwangsläufig wieder neue (westliche) Kulturen in seinen musikalischen Fantasien Raum einnehmen, scheint fast logisch.
Obwohl er derart lang schon unterwegs ist, hat Mauricio erst in diesen Tagen sein Debüt „Revoada“ veröffentlicht. Wunderbar relaxter Groove, siebzigerjahre Sound, manirierte Funkattitüden und leicht pulsierende Rhythmen geben der Musik einen warmen und empathischen Flow. Der heutige Wahlberliner bewegt sich mit seinen E-Pianos, Wah-Wah-Gitarren, Vibraphonen und perkussiven Know-how weniger an den stilistischen Rändern von Subkulturen. Er besitzt den Mut, auch eingängige Melodien und vertraute Harmonien in sein Potpourie der Weltstile einzuweben, ohne dass als Ergebnis das Universum in völliger Aufgeregtheit durcheinander gewirbelt wird. Musik zum aktiven entspannen.
Jörg Konrad

Mauricio Fleury
„Revoada“
Altercat Records
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 05.12.2025
Christoph Stiefel „To The Source“
Bilder
Manch einer ging innerhalb der Geschichte der kreativen Musik den umgekehrten Weg: Zuerst kam der Anspruch, die Kunst, das Originelle – auch Jazz genannt. Dann, als deutlich wurde, dass dieser Ansatz letztendlich eher brotlos, zumindest jedoch brotarm sein könnte, wechselte der bis dahin Visionäre in den Bereich der reinen, manchmal auch schnöden Unterhaltung – und verdiente hier das große Geld.
Bei Christoph Stiefel, dem 1961 geborenen Pianisten, war es hingegen umgekehrt. Er wurde mit gerade einmal 23 Jahren Mitglied der Band um Andreas Vollenweider, dem gelockten Harfenisten, und zog mit ihm von Kontinent zu Kontinent, um die Menschen zu begeistern. Auf einer Woge des Erfolgs, wurden dabei die Konzerthäuser im Sturm genommen.
Fünf Jahre das Ganze, dann begann Christoph Stiefel ausschließlich seine Musik zu spielen: Im Duo, im Trio, im Quartett, im Quintett, im Septett und auch solistisch. Er entwickelte eine völlig eigene Spielweise, den Isorhythm, bewegte sich voller Leidenschaft zwischen „Präzision und Entfesselung“, komponierte, improvisierte, interpretierte.
Zwei Dutzend eigene Alben hat er bis heute eingespielt, „To The Source“ ist sein bisher letztes. Und die Musik? Sie klingt befreit. Zur einen Hälfte im Festsaal des Kirchgemeindehauses in der Liebestrasse in Winterthur aufgenommen, zur anderen Hälfte in der Kirche Oberstrass in Zürich eingespielt klingt „To The Source“ wie eine üppige Reise ins innere Ich. Der Pianist schwadroniert durch die kleinen poetischen Gassen impressionistischer Ideen und über die großen, angestammten Plätze des Jazz, wie sie zum Beispiel Horace Silver mit „Peace“ hinterlassen hat.
Es sind individuelle Entwürfe und versteckte Überzeugungen, die Christoph Stiefel pianistisch zusammensetzt, an denen er bei seiner ganz persönlichen Vermessung des Jazz den Zuhörer teilhaben lässt. Technisch brillant gespielt, geschickt ausgedacht und trotzdem voller poetischer Unvorhersehbarkeiten. „Die Musik fließt einfach durch mich hindurch, quasi ohne mein zutun.Mein Beitrag besteht lediglich darin, diesem Schöpfungsakt nicht im Wege zu stehen, damit dieses ganze Neue, auch mir Unbekannte überhaupt entstehen kann.
Jörg Konrad

Christoph Stiefel
„To The Source“
NWOG Records
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 02.12.2025
Lea Gasser 5tet „Circles“
Bilder
Für mich hat Musik die besondere Fähigkeit, einen Raum zu eröffnen, in dem wir träumen können – fernab vom Alltag – und uns tief berühren zu lassen. Dieses Erlebnis gemeinsam mit anderen zu erfahren und zu teilen, empfinde ich als etwas sehr Wertvolles.“ Das antwortete Lea Gasser in einem Interview an dieser Stelle auf die Frage, wen oder was sie mit ihrer Musik erreichen möchte. Diesen fast schon spirituellen Anspruch löst sie mit ihrem Album „Circles“ auf akustisch faszinierende Weise ein. Die Schweizerin, die sich auf dem Akkordeon zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und kammermusikalischen Klangwelten bewegt, findet diesen ganz speziellen Sound auf einem Instrument, das nicht unbedingt und oft in diesen Stilistiken anzutreffen ist. Aber das ist andererseits vielleicht auch das Besondere an diesem manuellen Blasebalg. Denn so melancholisch und ein wenig nach Weltschmerz das Akkordeon auch klingt, letztendlich ist es ein sehr körperliches, ein sehr direktes Instrument und insofern sind die Emotionen, mit denen es gespielt wird, immens spürbar.
Lea Gasser verbrachte eine Zeit in Island – um den Kopf insgesamt frei zu bekommen und nach kreativen Möglichkeiten und Ausdrucksformen zu suchen. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs und fasziniert vom Land und den dort lebenden Menschen und ließ sich völlig befreit von der rauen Natur und der Sagenwelt des Hohen Nordens inspirieren.
Die Musik auf „Circles“ bewegt sich tatsächlich in einem Mysterium zwischen geerdetem Terrain und luftigen, beseelten Passagen. Kein Tango! Keine Polka! Stattdessen imaginäre Wandlungsfähigkeit, atmosphärische Klangmalereien, aber auch klar strukturierte Melodien, gespielt in virtuoser Bescheidenheit.
Mit ihrer Band, deren Mitglieder sie allesamt während eines Zusatzstudiums in Performance und Komposition in Lausanne kennenlernte, lotet sie die stilistischen Schnittpunkte ihrer Musik aus und bringt etwas sehr Individuelles zum Ausdruck. Sie beherrscht eine suggestiver Einfachheit und verliert sich auch gern in verwinkelter Experimentierlust. Insgesamt ein wunderbares Album, ein Kleinod stiller Töne und großer Poesie.
Jörg Konrad

Lea Gasser 5tet
„Circles“
NeuKlang
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2026 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.