Donnerstag 22.01.2026
DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER
Ab 22. Januar 2026 im Kino
Ein Familien-Idyll im Frankreich der 1950er Jahre: Michel (Didier Bourdon), mittelmäßig, ist Bankangestellter und Ernährer, seine bessere Hälfte Hélène (Elsa Zylberstein), mit Dauerwelle, aber aufsässig, kümmert sich um Haushalt und Kinder. Das patriarchale Paradies scheint perfekt, bis ein Kurzschluss der gerade eingezogenen Waschmaschine die beiden ins Jahr 2025 katapultiert. Plötzlich sind die Rollen neu verteilt. Während sich Hélène aller Ahnungslosigkeit zum Trotz erstaunlich gut als karriere-intensive Powerfrau schlägt, muss sich Michel als Hausmann im Smart-Home abmühen. Statt Unterwerfungsrhetorik braucht Michel nun Empowerment, Hélène genießt die Freiheit der Emanzipation.
Doch die schöne neue Welt hat so ihre Tücken: Der virtuelle Sprachassistent ist ein sturer Bock, die Möbel muss man sich selbst zusammenschrauben, der Hundekot wird vom Boden aufgehoben und die eigene Tochter möchte ihre Freundin heiraten. Jetzt reicht es dem entmachteten Familienoberhaupt.
Es geht zurück in die gute alte Zeit und zwar sofort! Wenn er nur wüsste, wie man die smarte Waschmaschine auf Zeitrückreise programmiert.
In DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER ist die Freiheit immer nur einen Flügelschlag von der guten alten Zeit entfernt. Regisseurin Vinciane Millereau beweist ein großartiges Gespür für die Absurditäten unserer Zeit. Mit rotzfrechem Humor, präzisem Sarkasmus und herrlicher Situationskomik nimmt DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER die Heilsversprechen unserer Gegenwart aufs Korn und erzählt von der wunderbaren Relativität der Geschichte.
Ein Film von Vinciane Millereau
Mit Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster, Romain Cottard u.v.m.
DIE REGISSEURIN VINCIANE MILLEREAU
Die französische Regisseurin Vinciane Millereau ist auch als Schauspielerin in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen, Serien und Kurzfilmen bekannt, zuletzt war sie in BENEDETTA von Paul Verhoeven oder in der Miniserie „The Plague“ zu sehen.
Daneben arbeitet sie am Theater und als Synchronsprecherin für Dokumentationen und Werbespots. Von 2002 – 2005 war sie die Off-Stimme für den französischen Fernsehsender France 5. Mit dem Kurzfilm BARBIE GIRLS feierte Vinciane Millereau ihr Debüt als Regisseurin. Ihr erster Kinofilm DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER war sofort ein Erfolg in Frankreich und landete in den Top Ten.
Die Hauptdarstellerin Elsa Zylberstein
Die französische Schauspielerin Elsa Zylberstein begann nach dem Abitur ein Anglistikstudium und besuchte nebenbei die Pariser Schauspielschule Cours Florent unter Francis Huster. Ende der 1980er Jahre stand sie erstmals vor der Filmkamera.
Der Durchbruch als Schauspielerin gelang Elsa Zylberstein 1991 mit der Filmbiografie VAN GOGH von Maurice Pilliard. Für ihr Schauspiel erhielt sie den Filmpreis Prix Michel Simon und eine César-Nominierung in der Kategorie Beste Newcomerin.
1993 gewann sie den Romy-Schneider-Preis für talentierte französische Nachwuchsdarstellerinnen und 2009 nahm sie für den Part der Léa in Phillipe Claudels Filmdrama SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH den César als Beste Newcomerin entgegen. Das Filmdrama über eine von Kristin Scott Thomas gespielte Kindsmörderin war zudem im Rennen um den Goldenen Bären der 58. Berlinale. Es folgten zahlreiche Fernseh- und Kinofilme sowie einige Theateraufführungen. Im Kino war sie zuletzt in Jessica Hausners CLUB ZERO und EIN GLÜCKSFALL von Woody Allen zu sehen.
Filmographie (Auswahl):
2023 EIN GLÜCKSFALL von Woody Allen
2023 CLUB ZERO von Jessica Hausner
2022 CHAMPAGNE! von Nicolas Vanier
2018 LIEBE BRINGT ALLES INS ROLLEN von Franck Dubosc
2017 HEREINSPAZIERT! von Philippe de Chauveron
2011 DER KUSS DES SCHMETTERLINGS von Karine Silla
2008 SO VIELE JAHRE LIEB ICH DICH von Phillipe Claudel
1992 BLAUER HIMMEL von Christian Vincent
1991 VAN GOGH von Maurice Pilliard
Der Hauptdarsteller Didier Bourdon
Didier Bourdon ist nicht nur ein beliebter französischer Schauspieler, sondern auch durch seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur bekannt. Seine ersten Schritte als Schauspieler machte er gemeinsam mit Bernard Campan und Pascal Légitimus, mit denen er 1986 das Comedy-Trio Les Inconnus gründete. 1991 gewannen sie damit den Comedy-Preis Molière du rire. Nach großen Erfolgen drehten sie 1995 gemeinsam den Kinofilm ALLES KEIN PROBLEM! Der Film wurde mit 6 Millionen Besuchern zu einem der erfolgreichsten französischen Filme. Fortan konzentrierte sich Didier Bourdon vor allem auf seine Filmkarriere und spielte nur noch selten Theater. International bekannt wurde er mit Filmen wie LIEBE AUF FRANZÖSISCH und dem Film EIN GUTES JAHR von Ridley Scott. Zu seinen jüngsten Filmen gehören u.a. OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS?, DAS GROSSE LOS und FROHES FEST.
Filmographie (Auswahl):
2024 FROHES FEST von Jeanne Gottesdiener
DAS GROSSE LOS von Hervé Mimran
OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS? von Julien Hervé
2006 EIN GUTES JAHR von Ridley Scott
2003 LIEBE AUF FRANZÖSISCH von Didier Bourdon
Donnerstag 08.01.2026
EIN EINFACHER UNFALL
Ab 08. Januar 2026 im Kino
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Meisterleistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade.
Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung
überhaupt?
Vor dem allgegenwärtigen Hintergrund des Autoritarismus verdichtet sich Ein einfacher Unfall zu einem fulminanten Akt des Widerstands – von einem iranischen Autorenfilmer, der aus eigener Erfahrung weiß, was es bedeutet, ungerechtfertigt inhaftiert zu sein. So fordert uns Frankreichs
Beitrag in der Kategorie „Bester internationaler Film” bei den 98. Oscars® eindringlich dazu auf, die Grenze zwischen Recht und Unrecht neu auszuloten.
Ein Film von JAFAR PANAHI
Mit VAHID MOBASSERI, MARYAM AFSHARI, EBRAHIM AZIZI, HADIS PAKBATEN, MAJID PANAHI, MOHAMAD ALI ELYASMEHR, GEORGES HASHEMZADEH u.v.a.
INTERVIEW MIT JAFAR PANAHI
Was ist seit deinem Film No Bears von 2022 in deinem Leben passiert?
Ich habe eine neue Phase als Filmemacher begonnen. Von meinem ersten Film Der weiße Ballon aus dem Jahr 1995 bis zu Offside habe ich mich auf meine Herausforderungen als Regisseur konzentriert. Natürlich gab es Druck, aber ich konnte Lösungen für filmische Probleme finden.
Nach meiner ersten Verhaftung im Jahr 2010, als mir das Reisen und das Drehen von Filmen verboten wurde, verlagerte sich mein Fokus auf meine persönlichen Umstände. Während meine Kamera zuvor nach außen gerichtet war, wandte sie sich nun nach innen, auf das, was ich erlebt habe – wie man in den Filmen sehen kann, die ich gedreht habe, von Dies ist kein Film bis No Bears. Jetzt, da diese Beschränkungen aufgehoben wurden, verspüre ich das Bedürfnis, wieder nach außen zu schauen – nur diesmal anders: geprägt von allem, was ich durchgemacht habe, einschließlich einer zweiten Haftstrafe zwischen Juli 2022 und Februar 2023. Ja, die Kamera richtet sich wieder nach außen, aber mit einem anderen Blickwinkel als zuvor.
Würdest du sagen, dass deine beiden Haftstrafen prägend für die Entwicklung deiner Arbeit waren?
Ja, aber nicht auf dieselbe Weise. Als ich das erste Mal inhaftiert wurde, kam ich für 15 Tage in Einzelhaft und wurde dann in eine Zelle mit nur zwei oder drei anderen Personen verlegt. Ich sah kaum jemanden. Aber während meiner zweiten Haftstrafe war ich unter vielen anderen Gefangenen – Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten. Während meiner siebenmonatigen Haft führte ich lange Gespräche und tauschte mich mit ihnen aus. Als ich nach meinem Hungerstreik entlassen wurde, fühlte ich mich desorientiert. Ich wusste nicht, wie ich draußen leben sollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, frei zu sein, und meiner Verbundenheit mit denen, die ich zurückgelassen hatte. Und diese Spannung begleitet mich bis heute. Ich werde sie einfach nicht los.
Du sagst, die Beschränkungen wurden aufgehoben. Ist das offiziell?
Ja, das Urteil, das mir verboten hat, Filme zu drehen, zu schreiben, Interviews zu geben und zu reisen, wurde offiziell aufgehoben. Aber in der Praxis bleibe ich weiterhin außen vor: Es wäre beispielsweise sinnlos, das Drehbuch für diesen Film den Behörden zur Genehmigung vorzulegen – daher habe ich keine andere Wahl, als weiterhin außerhalb des Systems zu arbeiten.
Würdest du sagen, dass Ein einfacher Unfall eine unmittelbare Reaktion auf deine zweite Inhaftierung war?
Auf jeden Fall. Von Anfang an haben sich meine Filme mit dem beschäftigt, was in der Gesellschaft und in meiner unmittelbaren Umgebung passiert. Daher ist es nur natürlich, dass sieben Monate in einem so spezifischen Kontext wie dem Gefängnis ihren Weg in meine Filme finden. Als ich 2010 zum ersten Mal verhaftet wurde, fragte mich mein Vernehmer: „Warum machen Sie solche Filme?” Ich antwortete, dass meine Filme auf meinen eigenen Erfahrungen basieren. Was ich also in diesem Moment erlebte, würde unweigerlich in irgendeiner Form in einem Film auftauchen. Genau das geschah in Taxi Teheran, insbesondere in dem Gespräch mit der Anwältin Nasrin Sotoudeh. Doch die zweite Gefängniserfahrung hinterließ noch tiefere Spuren. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich verpflichtet, einen Film über die Menschen zu drehen, die ich im Gefängnis kennengelernt hatte. Ich war ihnen diesen Film schuldig.
Auch wenn ich aus persönlicher Erfahrung spreche, deckt sich dies mit den allgemeinen Entwicklungen in der iranischen Gesellschaft, insbesondere mit der Revolutionsbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, die im Herbst 2022 begann. In dieser Zeit hat sich viel verändert.
Wie lässt sich eine solche Erfahrung in einen Film umsetzen – speziell in einem solchen Film?
Die Initialzündung kam schnell: Ich fragte mich, was passieren würde, wenn einer der Menschen, die ich im Gefängnis kennengelernt hatte, freigelassen würde und plötzlich der Person gegenüberstünde, die ihn gefoltert und gedemütigt hatte. Diese Frage war der Auslöser für einen Schreibprozess mit zwei befreundeten Drehbuchautoren: Nader Saeivar und Shadmehr Rastin. Wir begannen, mögliche Entwicklungen zu skizzieren. Mir wurde jedoch schnell klar, dass vor allem die Authentizität der Geschichten über das Leben im Gefängnis und ihre verschiedenen Erzählweisen entscheidend waren. Ich holte Mehdi Mahmoudian hinzu, der viel Zeit im Gefängnis verbracht hat und leider wieder dort ist. Er half bei den Dialogen und schöpfte dabei aus dem, was tatsächlich in Haft passiert und wie unterschiedlich Menschen darüber sprechen, wenn sie wieder draußen sind.
Würdest du sagen, dass Figuren wie Vahid, Shiva, Hamid usw. bestimmte Personen repräsentieren?
Sie sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.
Konntest du diesmal offen drehen oder musstest du wie bei deinen früheren Werken heimlich filmen?
Da ich keine offiziellen Genehmigungen beantragt hatte, die ich ohnehin nicht erhalten hätte, musste ich dieselben geheimen Methoden wie bei früheren Filmen anwenden. Kurz bevor wir fertig waren, tauchten Zivilbeamte auf und verlangten das gesamte Filmmaterial. Ich weigerte mich. Sie übten weiterhin Druck auf uns aus, indem sie damit drohten, die Crew zu verhaften und die Produktion einzustellen. Am Ende gaben sie auf. Wir unterbrachen die Dreharbeiten für eine Weile und setzten sie dann fort. Es passierte nichts weiter.
Ist es wichtig zu wissen, wo der Film spielt beziehungsweise in welcher Stadt oder Region er gedreht wurde?
Nein. Der Film wurde in Teheran und Umgebung gedreht, einfach weil das am praktischsten war. Aber er könnte überall spielen.
Wer sind die Darstellerinnen und Darsteller?
Vahid Mobasseri, der Vahid spielt, ist Aseri [und stammt aus der nordwestlichen Region des Landes, aus der auch Panahi kommt und in der ein früherer Film von ihm spielt]. Er arbeitet für den lokalen Fernsehsender in Täbris und spielte zuvor den Mann, der mir in No Bears ein Zimmer vermietet. Wenn er nicht schauspielt, fährt er Taxi. Maryam Afshari, die Shiva spielt, ist keine Schauspielerin, sondern Karate-Kampfrichterin. Hadis Pakbaten, die die Braut spielt, ist Theaterschauspielerin. Der Bräutigam Majid ist mein Neffe, der auch in Taxi Teheran zu sehen ist. Mohamad Ali Elyasmehr, der Hamid verkörpert, ist von Beruf Tischler und hat Theater studiert. Salar, der ältere Mann in der Buchhandlung, wird von Georges Hashemzadeh gespielt. Er ist Schauspieler und Regisseur. Ebrahim Azizi, der Eghbal spielt, ist der einzige professionelle Filmschauspieler. Er arbeitet jedoch nur an Filmen außerhalb des Systems und weigert sich, an von der Zensur genehmigten Produktionen mitzuwirken.
War irgendetwas davon improvisiert?
Nein, alles stand im Drehbuch. Als ich die Schauspieler castete, lud ich jeden einzelnen zu mir nach Hause ein. Ich gab ihnen das Drehbuch und fragte sie, ob sie bereit wären, an einem potenziell riskanten Projekt mitzuwirken. Nachdem ich zu jedem von ihnen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, arbeiteten wir auf der Grundlage dieses gemeinsamen Engagements zusammen.
Ein einfacher Unfall unterscheidet sich stilistisch deutlich von deinen früheren Filmen. Hast du die Regieentscheidungen im Voraus geplant oder haben sie sich während der Dreharbeiten ergeben?
Ursprünglich wollte ich in einem konventionellen Stil drehen, mit klaren, sauberen Einstellungen, die sich auf die Handlung konzentrieren. Während der Dreharbeiten hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Regie ausdrucksstärker sein musste. Als sich die Figuren begegneten und sich annäherten, wollte ich mehr Freiheit in der Bildgestaltung und bei der Länge der Aufnahmen.
Die Idee war, dass sie trotz all ihrer Konflikte am Ende alle im selben Bild zu sehen sein würden. Ich habe mir auch überlegt, wie ich Eghbal filmen sollte und ob ich ihn in einem anderen Bildausschnitt zeigen sollte. Ich habe darauf geachtet, ihn stets allein im Bild zu zeigen, nie zusammen mit den anderen. Doch als er realisiert, was er getan hat, erscheint er am Ende gemeinsam mit Shiva im Bild.
In der Regel verzichten iranische Filme, die das Regime offen kritisieren, im Abspann auf die Namensnennung der Besetzung und der Crew. Nicht so bei diesem Film.
Wenn jemand darum gebeten hätte, seinen Namen unerwähnt zu lassen, hätte ich das getan. Aber alle wollten, dass ihr Name erscheint. Die meisten von ihnen kommen mit mir nach Cannes.
Ihr reist also nach Cannes. Besteht da nicht die Gefahr, dass ihr nicht in den Iran zurückkehren könnt?
Das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ich kann nirgendwo anders leben. Viele meiner iranischen Landsleute haben sich zur Auswanderung entschlossen – oder wurden dazu gezwungen. Aber ich kann das nicht. Dazu fehlt mir der Mut! Ich tauge nicht dazu, außerhalb des Iran zu leben. Wir werden sehen, was passiert. Jedenfalls musste dieser Film gedreht werden. Ich habe ihn gedreht und werde alle Konsequenzen tragen, die sich daraus ergeben.
Interview von Jean-Michel Frodon
Übersetzung aus dem Persischen ins Englische: Massoumeh Lahidji
Donnerstag 01.01.2026
DER FREMDE
Ab 01. Januar 2026 im Kino
Algier, 1938. Meursault, ein stiller, unauffälliger Angestellter Anfang dreißig, nimmt ohne sichtbare Gefühlsregung an der Beerdigung seiner Mutter teil. Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit seiner früheren Kollegin Marie und kehrt in seinen gewohnten Alltag zurück. Dieser wird jedoch bald durch seinen Nachbarn Raymond gestört, der Meursault in seine zwielichtigen Machenschaften hineinzieht – bis es an einem glühend heißen Tag am Strand zu einem schicksalhaften Ereignis kommt.
Ein Film von FRANÇOIS OZON
Mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant u.v.a.
PRESSENOTIZ
Mit seiner meisterlichen Neuinterpretation von Albert Camus’ gleichnamigem Literaturklassiker gelingt François Ozon ein virtuoses Werk von zeitloser Relevanz. In betörenden Schwarzweißbildern erzählt und getragen von einem erlesenen Ensemble um Benjamin Voisin, Rebecca Marder und Pierre Lottin, markiert der Film einen künstlerischen Höhepunkt in Ozons vielschichtigem Œuvre. DER FREMDE feierte seine umjubelte Weltpremiere im Wettbewerb der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig.
„Jeder Mann, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, läuft Gefahr, zum Tode verurteilt zu werden.“
So fasste Albert Camus, Nobelpreisträger für Literatur, sein Werk „Der Fremde“ (L’Étranger) zusammen, als er gebeten wurde, ein Vorwort für die amerikanische Übersetzung seines berühmten Romans zu schreiben.
Das von Gallimard herausgegebene Buch war nach seinem Erscheinen im Juni 1942 sofort ein Erfolg. Nachdem André Malraux das Manuskript gelesen hatte, erklärte er beeindruckt: „Merken Sie sich meine Worte: Das wird ein großer Schriftsteller.“ Jean Paulhan, ein einMussreicher Lektor, schrieb in seinem Gutachten: „Das ist ein erstklassiger Roman.“
Das Werk hat Epochen überdauert und Generationen so fasziniert, dass es zu einer legendären Geschichte wurde, die in fast jede Sprache und unzählige Dialekte übersetzt wurde. Bis heute gehört es – neben „Der kleine Prinz“ – zu den drei meistgelesenen französischsprachigen Romanen der Welt. In Frankreich wurden allein von der Taschenbuchausgabe fast zehn Millionen Exemplare verkauft.
„Der Fremde“ gilt als einer der größten Romane der Welt und war Gegenstand zahlreicher Adaptionen, darunter sogar eine Tanzaufführung. Dennoch gab es nur eine wirklich erfolgreiche Verfilmung: Luchino Viscontis DER FREMDE aus dem Jahr 1967. Es handelte sich um eine italienisch-französische Koproduktion unter der Produktion von Dino De Laurentiis, mit Marcello Mastroianni und Anna Karina in den Hauptrollen. Zu Camus’ Lebzeiten hatte Ingmar Bergman den Wunsch geäußert, „Der Fremde“ zu verfilmen, doch das Projekt wurde nie verwirklicht.
Bezugnehmend auf seinen Roman schrieb der Autor: „Ich wollte lediglich sagen, dass der Held meines Buches verurteilt wird, weil er nicht mitspielt. In dieser Hinsicht ist er der Gesellschaft, in der er lebt, fremd; er wandert am Rande, in den Vororten eines privaten, einsamen, sinnlichen Lebens.“
Mehr als 80 Jahre später hat das Werk nichts von seiner Faszination verloren.
„François Ozon hat alle richtigen Regieentscheidungen getroffen, getragen von Schauspielern, die die Figuren aus „Der Fremde“ mit bemerkenswerter Feinheit verkörpern. Eine großartige Reise durch das Werk meines Vaters, mit größtem Respekt umgesetzt. Bravo, François, und danke.“
— Catherine Camus
Donnerstag 25.12.2025
DIE JÜNGSTE TOCHTER
Ab 25. Dezember 2025 im Kino
Die 17-jährige Fatima ist die jüngste von drei Töchtern einer französisch-algerischen Familie in einem Pariser Vorort. Ihr Lieblingssport ist Fußball, in der Schule hängt sie mit den prahlerischsten Jungs ihrer Klasse ab, und sie hat einen heimlichen festen Freund, der bereits ans Heiraten denkt. Fatima fällt es jedoch zunehmend schwerer zu verbergen, was niemand wissen darf: Ihr Herz schlägt für Frauen. Als sie ein Philosophiestudium in Paris beginnt, eröffnet sich für sie eine völlig neue Welt. Hin- und hergerissen zwischen Familientradition, Glauben und ihrem Wunsch nach Freiheit muss Fatima ihren eigenen Weg finden.
Ein Film von Hafsia Herzi
Mit Nadia Melliti, Ji-Min Park, Amina Ben Mohamed, Melissa Guers u.v.a.
PRESSENOTIZ
DIE JÜNGSTE TOCHTER ist eine Adaption des gefeierten autofiktionalen Debütromans von Fatima Daas aus dem Jahr 2020 und der dritte Spielfilm der französischen Drehbuchautorin und Regisseurin Hafsia Herzi (DU VERDIENST EINE LIEBE, EINE GUTE MUTTER). Mit emotionaler und wahrhaftiger Wucht begleitet der Film das sexuelle Erwachsenwerden einer jungen Frau und ihre Suche nach einem Platz in der Welt. Zum großen Teil mit Laiendarsteller:innen besetzt, mit Zärtlichkeit und Fingerspitzengefühl inszeniert, aber ohne Scheu vor Tabubrüchen, gelingt Hafsia Herzi ein Instantklassiker des Queer Cinema in der Tradition von Abdellatif Kechiches BLAU IST EINE WARME FARBE, Céline Sciammas PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN und Barry Jenkins MOONLIGHT.
In ihrer ersten Rolle vor der Kamera feiert Nadia Melliti mit ihrer kraftvoll zurückhaltenden, atemberaubenden Darstellung einen fulminanten Einstieg in die Schauspielerei. Bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Cannes, wo der Film bei seiner Uraufführung zwölfminütige Standing Ovations erhielt, wurde sie mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet. Der Film gewann außerdem die Queer Palm.
PRODUKTIONSNOTIZ KATUH STUDIO
Im Dezember 2021 habe ich den Roman „Die jüngste Tochter“ von Fatima Daas gelesen – ein Moment, an den ich mich noch ganz genau erinnere. Selten hat mich eine Geschichte so direkt angesprochen. Meine Begeisterung habe ich direkt auf Instagram geteilt. Diesen Post sah Julie Billy, die französische Produzentin, mit der ich vor fast 20 Jahren bei Celluloid Dreams in Paris gearbeitet habe. Sie erzählte mir, dass sie gerade dabei war, sich die Filmrechte zu sichern, und fragte, ob wir nicht gemeinsam eine französisch-deutsche Koproduktion wagen wollten. Ich musste nicht lange überlegen.
Die nächste große Frage war: Wer soll Regie führen? Hafsia Herzi war für uns die ideale Wahl. Wie Fatima Daas hat auch sie algerische Wurzeln, und in Frankreich ist sie längst eine geschätzte Filmemacherin. Fatima war sofort begeistert von der Idee – ihr Vertrauen in Hafsia war von Anfang an da. Seit 2021 arbeiten wir also an diesem Film, unterstützt durch den deutsch-französischen Entwicklungsfonds Minitraité und die europäische MEDIA-Förderung.
Es dauert Jahre, bis ein Film wie DIE JÜNGSTE TOCHTER entstehen kann. Besonders gefreut hat uns, dass wir zum ersten Mal seit der Gründung von Katuh Studio mit dem Grand Accord von ZDF/ARTE begleitet wurden – das ist normalerweise nur großen internationalen Namen vorbehalten.
Der Dreh selbst war alles andere als entspannt: Wegen der nahenden Olympischen Spiele in Paris mussten wir unbedingt rechtzeitig fertigwerden. Gleichzeitig war die Finanzierung erst nach Drehbeginn komplett – wir haben also auf Risiko gearbeitet. Umso wichtiger war die Zusammenarbeit mit Editorin Géraldine Mangenot (EIN LEICHTES MÄDCHEN, LIEBER ANTOINE ALS GAR KEINEN ÄRGER). Sie hat schon während des Drehs parallel geschnitten und so früh ein Gefühl für Rhythmus und Ton des Films eingebracht.
DIE JÜNGSTE TOCHTER ist ein Film über Identität, Herkunft und Selbstfindung, über Selbstakzeptanz und die Akzeptanz anderer, erzählt mit einer ungewöhnlich großen Nähe. In Cannes hat er die Zuschauer:innen emotional berührt, und die Resonanz nach den Vorstellungen hat uns überwältigt. Gemeinsam mit dem Team von Alamode freuen wir uns jetzt sehr darauf, dieses besondere filmische Juwel dem deutschen Publikum vorzustellen.
Ko-Produzentin Vanessa Ciszewski, Katuh Studio
Donnerstag 18.12.2025
SORRY, BABY
Ab 18. Dezember 2025 im Kino
Agnes, eine junge Literaturprofessorin in Neuengland, wird nach einem traumatischen Erlebnis aus der Bahn geworfen. Während ihr Umfeld zur Tagesordnung übergeht, kämpft sie mit dem Gefühl, festzustecken. In fünf Kapiteln und über mehrere Jahre hinweg begleitet der Film ihren Weg zurück zu sich selbst – getragen von scharfem Humor und der bedingungslosen Unterstützung ihrer besten Freundin.
In ruhigen Bildern und mit feinem Gespür für Zwischentöne erzählt SORRY, BABY von der Suche nach Orientierung, wenn das eigene Leben aus den Fugen gerät und von der unermesslichen Kraft von Freundschaft. Ein tröstlicher Film, der lange nachwirkt.
Ein Film von Eva Victor
Mit Eva Victor, Naomi Ackie, Louis Cancelmi u.a.
SORRY, BABY ist eine Geschichte stiller, aber kraftvoller Selbstbehauptung – davon, wie man wieder festen Boden unter den Füßen gewinnt, nachdem einem dieser entzogen wurde. Dieses schonungslos ehrliche Porträt darüber, wie ein Mensch lernt, mit etwas zu leben, über das man eigentlich nie hinwegkommt, ist gleichzeitig oft überraschend und überwältigend komisch. Das liegt an Eva Victor – Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin – die in ihrem beeindruckenden Debüt als Dreifach-Talent eine neue Stimme etabliert, so scharf wie zärtlich, und die Art auf den Kopf stellt, wie wir normalerweise Geschichten über traumatische Erlebnisse erzählen.
In der Rolle der klugen, sensiblen und witzigen Agnes – einer jungen Professorin in einer malerischen, wolkenverhangenen Kleinstadt in Neuengland, in der sie zuvor selbst studierte – zeigt Victor eine Seite des menschlichen Lebens, die oft im Verborgenen bleibt: den mutigen inneren Prozess, sich selbst wieder zusammenzusetzen. Während ihre Freund*innen sich in neue Leben auf der ganzen Welt verabschieden, entscheidet sich Agnes, zu bleiben – in der Stadt, wo sie einst Klassenbeste war und durch einen schockierenden Verrat ihren Tiefpunkt erlebte.
Indem der Film auf düstere Krimiformeln und retrospektive Auseinandersetzungen mit Gewalt verzichtet, besitzt SORRY, BABY die DNA einer lebendigen Tragikomödie, die sich durch die Absurditäten, Freuden, Verwirrungen und Möglichkeiten eines beginnenden Lebens bewegt – ohne das Trauma zu beschönigen, das dieses Leben mitprägt. Victor (die die Pronomen they/she verwendet) hätte nie gedacht, einmal selbst einen Film zu schreiben, zu inszenieren und darin mitzuspielen. Die Reise begann während der frühen Pandemiezeit. Eingeschlossen in Lockdowns entwickelte Victor eine alles verzehrende Filmsucht – ein belebender Eskapismus. Sie absolvierte eine autodidaktische und umfangreiche Filmausbildung, verschlang Klassiker ebenso wie Arthouse-Perlen.
Kurz darauf begann Victor, ein Drehbuch zu schreiben. Eine Geschichte, die lange in ihr schlummerte, drängte an die Oberfläche – über eine junge Akademikerin, die nach einem sexuellen Übergriff mit Galgenhumor und Unterstützung einer Freundin den Weg zu sich selbst zurückfindet.
„Ich schrieb den Film, den ich damals gebraucht hätte, als ich selbst eine ähnliche Krise wie Agnes durchlebte“, sagt Victor. „Es ging mir weniger darum, Gewalt oder den Übergriff selbst zu erzählen, als vielmehr darum, wie ein Mensch heilt. Besonders interessierte mich das Gefühl des Feststeckens – wenn man sieht, wie alle anderen weiterziehen, während man selbst noch in dem festsitzt, was einem passiert ist. Ich schrieb das ursprünglich für mein früheres Ich.“
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.