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1. Ralph Quinke „Miles Davis – Three Days In Malibu“
2. Alexander Hacke „Krach – Verzerrte Erinnerungen“
3. Ziga Koritnik „Brötzmann In My Focus“
4. Manfred Pfister „Englische Renaissance“
5. Helga Schubert „Luft zum Leben“
6. Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
Montag 12.01.2026
Ralph Quinke „Miles Davis – Three Days In Malibu“
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Miles Dewey Davis III verkörperte wie nur wenige andere Instrumentalisten im Jazz, den unablässigen und oft kompromisslosen Erneuerer dieser Musikform. Zudem war er eine exzentrische Persönlichkeit, mit einem anarchischen Verständnis von Tradition und Zukunft. Künstlerisch seiner Zeit oft voraus, war er dabei auch immer ein musikalisch und verbal scharfzüngiger Chronist seiner Zeit. Ein Magier, der stets polarisierte und trotzdem als Integrationsfigur der Szene hohe Anerkennung innehatte.
Zweieinhalb Jahre bevor der legendärste unter den Jazzmusikern 1991 starb, besuchten ihn der damalige Chefredakteur des Schweizer Kulturmagazins DU Marco Meier und der freie Fotograf Ralph Quinke in seinem Wohnhaus in Malibu. Es hatte Monate gedauert, bis es vom Management des Trompeters grünes Licht für dieses Treffen gab und selbst als Meier und Quinke endlich in Kalifornien vor Ort eintrafen, waren sie verunsichert, ob denn Davis die beiden „Typen aus Europa“ überhaupt empfangen würde.
Doch es kam tatsächlich zu einer längeren Begegnung, in der „The Man with the Horn“ sich sehr redselig und mitteilsam offenbarte. Und nicht nur das. Miles Davis lud Marco Meier und Ralph Quinke zur Feier seines 63. Geburtstags, die zwei Tage später im ersten Stock des Berverly Hills in Los Angeles stattfinden sollte, freundlich ein. Mit dabei: Tomy LiPuma, Vizedirektor des Labels Warner Brothers, Lionel Ritchie, Quincy Jones und etliche andere Stars und Sternchen des amerikanischen Showbiz.
Die im August 1989 erschienene DU-Ausgabe, ein Miles Davis Special, beinhaltet, neben Porträts, Essays, kritischen Analysen, biographischen Abhandlungen und einem ausführlichen Verweis auf das musikalische Werk des Jazz-Reformators, auch eine ausführliche Reportage über eben jenen außergewöhnlichen Besuch von Marco Meier und Ralph Quinke in Malibu und Los Angeles. Das Heft ist heute ein gesuchtes Sammlerobjekt.
Nun hat der Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess als Hommage zum 100. Geburtstag des Trompeters jene Reportage als Ausgangspunkt für einen Bildband genommen, in dem etliche Fotos dieser Zusammenkunft von Ralph Quinke veröffentlicht sind. Herausgeber ist der Fotograf und Autor Arne Reimer.
Das Buch enthält neben der überarbeiteten Reportage ein Interview, das Arne Reimer mit Marco Meier und Ralph Quinke führte.
Ein wunderbarer Band, der zwar die Musik des legendären Trompeters nicht wiedergeben kann, dem aber ein visueller Zauber innewohnt, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann und manch einen vielleicht ja auch neugierig auf sein musikalisches Schaffen macht.
Jörg Konrad

Ralph Quinke
„Miles Davis – Three Days In Malibu“
Scheidegger & Spiess
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Donnerstag 08.01.2026
Alexander Hacke „Krach – Verzerrte Erinnerungen“
Wer große Literatur erwartet, wird hier sicher nicht fündig. Aber das ist auch nicht das Anliegen von Alexander Hackes Lebenserinnerungen „Krach – Verzerrte Erinnerungen“. Wer jedoch etwas vom Zeitgeist der Avantgarde vergangener Jahrzehnte in Deutschland wissen möchte, der ist mit diesem wiederaufgelegten und erweiterten Buch bestens bedient.
Bekannt, berühmt-berüchtigt ist der 1965 in Westberlin geborene Hacke durch sein Spiel bei den Einstürzende Neubauten. Aber ihn darauf zu reduzieren, wäre zu wenig. Denn der Gitarrist, Bassist, Komponist und Produzent hat seit Beginn der 1980er Jahre alle möglichen Projekte initiiert. Als Kind von Klassik besessen war er als Jugendlicher Teil der Westberliner Punk-Szene, hat Minimal, New Wave, Dub, Electro, Klezmer und Industriel gespielt, war mit Christiane Felscherinow (Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) liiert, mit der er auch ein Duo gründete (Sentimentale Jugend). Er experimentierte mit Drogen, schrieb Filmmusik für Fatih Akin („The Cut“) und Leander Haußmann („Sonnenallee“) und versuchte sich als Schauspieler.
Von all diesen Aktivitäten und Aktionen erzählt er in seiner Autobiographie. Über 296 Seiten geht es in gehörigem Tempo durch die unterschiedlichsten Subkulturen, die im Grunde eigentlich nur aus einer einzigen Szene besteht. Jeder kennt jeden, alles hängt immer irgendwie zusammen und wer sich in diesem Millieu wenig auskennt, der hat im Grunde kaum eine Chance, dieses Mosaik an Einzelteilen passend zusammen zu setzten.
Atmosphärisch wirkt der Text stimmig und vermittelt tatsächlich etwas von dieser (kreativen) ständigen Unruhe, die rückblickend oft so wirkt, als würden sich alle Protagonisten unablässig im Kreis drehen, manchmal allein der Bewegung willen.
Hacke, der sich einst Alexander von Borsig nannte, legt in den Beschreibungen seines Alltags ein höllisches Tempo vor, als habe er Angst, irgend eine Anekdote zu verpassen. Für all jene, die diese Erfahrungen als Teil der Szene einst selbst gemacht haben, ist „Krach – Verzerrte Erinnerungen“ wie eine Art Auferstehung der Vergangenheit. Getreu dem Motto: Weißt Du noch, wie's damals war?
Jörg Konrad

Alexander Hacke
„Krach – Verzerrte Erinnerungen“
Ventil
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Dienstag 06.01.2026
Ziga Koritnik „Brötzmann In My Focus“
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Fotos dem Band „Brötzmann In My Focus“ entnommen
Peter Brötzmann (1941-2023) gehörte zu den einflussreichsten Vertretern des Freejazz. Sein ästhetisches Konzept speist sich überwiegend aus entfesselter Energie, Energie und Intensität. Schon in den 1960er Jahren brachte ihm diese Spielweise den Ruf eines Sonderlings ein. In seinen Konzerten flogen schon mal Bierdosen, oder auch schwerere Geschosse in Richtung Bühne. Doch der in Remscheid geborene Saxophonist und Maler/Graphiker blieb standhaft, ließ sich von Kritikern und Puristen nicht beeindrucken, sondern suchte und fand stattdessen Musikerkollegen, die dieses Prinzip übernahmen und weit ab der Wiege des Jazz, den USA, mit ihm gemeinsam freie Musik „Made in Europe“ zelebrierten.
Eine gewisse künstlerische Dickköpfigkeit gehörte dazu, als Brötzmann 1968 dem damals bedeutendsten europäischen Jazzfestival, den Berliner Jazztagen, kurzfristig absagte, weil deren Kurator bei ihm und seiner Band auf konservativer Anzugsordnung bestand. Jazz war zu jener Zeit stark politisiert.
Brötzmann weigerte sich aufzutreten, verhielt sich jedoch nicht destruktiv, sondern suchte stattdessen nach anderen Möglichkeiten, seine Kunst trotzdem zu präsentieren. Er gründete mit Seelenverwandten im darauffolgenden Jahr kurzerhand eine Gegenveranstaltung: Das Total Music Meeting, das bis 2008 immer zur gleichen Zeit, manchmal auch in Hörweite, des Berliner Festivals stattfand.
In seinen letzten Lebensjahren erhielt Brötzmann jedoch die Anerkennung, die ihm zustand. Generationen jüngerer Musiker folgten seinen künstlerischen Wegen des freien Spiels. Die Avantgarde bekam neue Impulse und auch internationale Zustimmung. Und plötzlich stand Brötzmann mit Musikern aus unterschiedlichsten Ländern auf den Bühnen der USA und begeisterte Amerikaner - was ansonsten umgekehrt war.
Der in Ljubljana, Slowenien lebende und arbeitende Fotograf Ziga Koritnik begleitete Brötzmann über Jahrzehnte bei Reisen, bei Auftritten, in Studios und auch privat und konnte somit ein unglaubliches Portfolio dieses prägendsten Vertreters der freien Musikszene erarbeiten. Um dieses Projekt als Buch zu realisieren hat Koritnik auf Kickstarter eine Crowdfunding-Kampane gestartet.
Alle neunundneunzig der in dem Band „Brötzmann In My Focus“ veröffentlichten Arbeiten sind schwarz-weiß-Fotos, aufgenommen zwischen 1994 und 2019 auf Festivals und während Einzelkonzerten in Europa und den USA. Dringliche, intime Porträts des Saxophonisten und seiner mitspielenden Gefolgsleute, zudem Statements von Brötzmann, Texte von John Corbett, Mats Gustafsson, Bill Laswell, Heather Leigh, Paul Lovens und Paal Nilssen-Love sowie Gedichte von Steve Dalachinsky und Joe McPhee. Ein Bildband, der dem avantgardistischen Gesamtkunstwerk Brötzmanns und seinem Begriff der Freiheit vollauf gerecht wird. „Wir sind alle alt genug, um zu wissen, dass man den Begriff Freiheit in jede Richtung drehen kann“, sagte er in einem Interview. „Die meisten verstehen unter Freiheit, das zu tun, was sie wollen, sich von nichts und niemandem etwas sagen zu lassen. Aber in der Musik war das immer schon ein Irrtum. Freiheit ist etwas sehr Individuelles.
Jörg Konrad

Ziga Koritnik
„Brötzmann In My Focus“
PEGA / Wolke Verlag
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Mittwoch 17.12.2025
Manfred Pfister „Englische Renaissance“
Die Renaissance war jene Epoche, in der der Mensch stärker als zuvor in den Mittelpunkt der Betrachtung rückte. Und obwohl diese Sichtweise in der Kunstgeschichte neu zu sein schien, bedeutet Renaissance in der Übersetzung soviel wie „Wiedergeburt“. Sie füllt ca. drei Jahrhunderte aus und liegt zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit.
Am bekanntesten ist natürlich als Zentrum Italien, mit dem Renaissance-„Geburtsort“ Florenz. Was auch daran liegen mag, dass mit dem Aufleben der griechischen und römischen Antike, als der Grundlage der Renaissance, die gut überbrückbare geographische Entfernung zwischen Athen, Rom und Florenz eine gewichtige Rolle spielte.
Doch auch im Norden Europas fußte die Renaissance mit ihrem neuen Denken und Menschenbild und hinterließ hier bis heute gewaltige historische und gesellschaftliche Spuren. Manfred Pfister (geb. 1943), der in München, Passau und Wien Anglistik studierte und auch lehrte und unter anderem langjähriger Herausgeber des Shakespeare Jahrbuches war, hat sich fast sein Leben lang mit dieser Epoche auseinandergesetzt und über vier Jahre an diesem monumentalen Werk gearbeitet.
Herausgekommen ist der 2,6 Kilo schwerer Band „Englische Renaissance“, verlegt vom Galiani Verlag. Ein prächtig bebildertes Panorama, mit über 500 von Manfred Pfister ausgewählten, eingeleiteten und übersetzen Originaltexten. Es ist ein hochinformatives Buch, das eine der spannendsten und gegensätzlichsten Zeitspannen zum Inhalt hat. Denn kaum eine Epoche zeigte in der modernen europäischen Welt stärkere Höhen und Tiefen auf, wie im damaligen England, Schottland, Wales und Irland. Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert gab es hexengläubige Herrscher, grausamste Exekutionsrituale wie Vierteilungen und Verbrennungen, die Pest beherrschte die Städte, Bürgerkriege zwischen Katholiken und Protestanten waren an der Tagesordnung.
Zugleich beeindruckten aber auch geisteswissenschaftliche und musische Glanzleistungen, wie in der Philosophie (Francis Bacon), in der Musik (John Dowland), es gab bemerkenswerte Staatsmänner (Thomas Morus), international geachtete Seelenforscher (Robert Burton) und es gab natürlich William Shakespeare. Soziale Grenzen wurden durchlässiger, was ebenfalls als ein Grund für das Explodieren von Kreativgedanken angesehen werden darf.
All die Texte und Bilder im Buch sind in ihrer ästhetischen Umsetzung und übersichtlichen Darstellung und Anordnung inspirierend, machen Lust und Freude in diesem umfangreichen Wissensspeicher zu blättern und zu lesen. Hier gehen anspruchvolle Geschichtsvermittlung und Freude am Buch Hand in Hand. „Englische Renaissance“ - ein Solitär unter den Geschichtsbüchern.
Jörg Konrad

Manfred Pfister
„Englische Renaissance“
Galiani Verlag
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Dienstag 09.12.2025
Helga Schubert „Luft zum Leben“
Nein, ein Resümee ihres Lebens ist dieses Buch ganz gewiss nicht. Helga Schubert, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, hat in der Zeit, die sie in der ehemaligen DDR lebte, eigene Texte veröffentlicht, wurde aber über viele Jahre vom Ministerium für Staatssicherheit wegen „staatsgefährdender Hetze und Diversion“ massiv observiert. So liegt es auf der Hand, dass etliche ihrer Arbeiten eben nicht erscheinen konnten, zumal sie im Hauptberuf als Psychologin tätig war und ihre Schreibarbeit einem zusätzlichen Zeitdruck unterlag.
Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, sollte 1980 erstmals am Wettbewerb des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teilnehmen, bekam jedoch keine Ausreisegenehmigung, auch, weil die Staatssicherheit im damaligen Juryvorsitzenden Marcel Reich-Ranicki einen überzeugten Antikommunisten sah. Als Marcel Reich-Ranicki den Juryvorsitz abgab, wurde Helga Schubert ein Jahr später 1987 bis 1991 Mitglied der Jury.
2020 lud man die 80jährige Autorin erneut zur Teilnahme ein. Sie belegte mit ihrem Text „Vom Aufstehen“ den ersten Preis. Das Buch ist eine Sammlung von Skizzen, Impressionen, erzählten Traumata; Privates kreuzt Gesellschaftliches; es geht um Liebe, um vorenthaltene Liebe, unerfüllte Liebe, erfahrene Liebe - letztendlich um die individuell erlebte Heimat.
Das nun erschienene Buch „Luft zum Leben“ ist eine noch kleinteiligere und weitreichendere Sammlung von Gedanken und Konzepten, die zwischen 1960 und 2025 entstanden sind und zu einem großen Teil noch nie veröffentlicht wurden. Es sind Impressionen eines Lebens, eines individualisierten Lebens, das nur von dieser Autorin, an diesem Ort, mit dieser Vorgeschichte reflektiert werden konnten.
Es sind Erzählungen, Vorträge, WhatsApp-Nachrichten, Gedichte und Auszüge aus Stasiprotokollen, die manchmal willkürlich aus dem Leben in keiner chronologischen Reihenfolge herausgenommen und beschrieben sind und letztendlich doch dieses Leben mosaikähnlich und farbig zusammensetzen. Manche Texte erstrecken sich über zwanzig und mehr Seiten, andere sind nur wenige Zeilen lang. Es sind politische Statements, sehr private, fast intime Themen, manches ist sehr scharfsinnig, manches mehr emotional.
Und trotz mancher Traurigkeit, manch schmerzlichem Bruch, mancher Verbitterung bleibt genügend Raum für Zuversicht, für Mut zum Leben. Das positive Denken ist die Grundierung. Wir können, als Fazit, das Leben ertragen und ihm, trotz Krankheit, Tod und Schicksal, Zustimmendes als auch Vertrauensvolles abgewinnen.
Jörg Konrad

Helga Schubert
„Luft zum Leben“
dtv
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Dienstag 02.12.2025
Stephen King & Maurice Sendak „Hänsel und Gretel“
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Dass „Hänsel und Gretel“ der von Wilhelm und Jacob Grimm zu Stephen Kings auserwählter Lieblingslektüre als Kind gehörte, ist nicht allzu schwer vorstellbar. Jetzt hat der erfolg­reichste Schriftsteller der Neuzeit und Meister des Schreckensromans diese Nr. 15 der Kinder- und Hausmärchen nacherzählt. Der eine Grund für seine Zusage einer diesbezüglichen Anfrage waren nach eigenen Äußerungen zwei Entwürfe des Illustrators, Kinderbuchautors und Bühnenmalers Maurice Sendaks (u.a. „Wo die wilden Kerle wohnen“), der diese Vorlagen für eine Inszenierung des Grimmschen Märchens anfertigte. Da war zum einen die böse (etwas sarkastisch lächelnde) Hexe auf ihrem Besen mit einem Sack voll entführter und schreiender Kinder auf dem Rücken; zum anderen das berüchtigte Lebkuchenhaus, das sich in eine fürchterlich verschlagene Fratze verwandelt, wenn sich die Kinder umdrehten.
Ein zusätzlicher Grund: Stephen King lag zur Zeit der Anfrage im Krankenhaus, nach einer Hüftoperation. Er hatte Schmerzen und begrüßte diese Nacherzählung eines ihm vollkommen vertrauten Stoffes als Teil seiner Schmerztherapie. Mit Erfolg, wie er später erzählte.
Die Entwürfe überzeugten King grundsätzlich, weil sie für ihn den Kern eines jeden Märchens zum Ausdruck brachten: „Sonnenschein an der Oberfläche“, schreibt er im Vorwort, „darunter Düsternis und Schrecken, und dazu mutige und findige Kinderfiguren.“
Es ist aber auch genau die Art von Literatur, die der 78jährige besonders mag und im Grunde sein Leben lang auch selbst geschrieben hat. Zwar gilt er als ein Experte der Schauergeschichten. Sehr oft begegnen die handelnden Figuren des Autors dem „Bösen“. Er lässt sie gegeneinander kämpfen und nach Wegen aus einer Krise suchen. Häufig sind die Protagonisten seiner Romane ebenfalls Kinder.
King ist ein genauer Beobachter des sozialen Miteinanders der middle class. Er ist auf einzigartige Weise in der Lage, die Komplexität des Lebens der Menschen speziell einer Kleinstadt atmosphärisch darzustellen. Er weiß um deren Befürchtungen und Ängste, auch um ihre geheimsten Wünsche und ihrer unendlichen Sehnsucht nach dem kleinen Glück.
Klopft man aus einem Großteil seiner bisher weit über 75 Romane mit einem schweren Hammer die Ablagerungen des Horrors und des Unheils heraus, so bleiben faszinierende soziale Studien und das Abenteuer des Erwachsenwerdens. Und für das Wissen um diese Entwicklung steht seine eigene Biographie.
Stephen King schrieb „Hänsel und Gretel“ nicht um, auch nicht neu. Es ist eher wie eine vertraute Reise in die eigene Kindheit, ein wiedertreffen mit alten Ängsten und Befürchtungen, aus denen man letztendlich aber gestärkt hervorgehen sollte.
Viktor Brauer

Stephen King & Maurice Sendak
„Hänsel und Gretel“
Atlantis Verlag
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