Wie wird unsere Erde in 100 Jahren aussehen? In seinem neuesten Roman „Was wir wissen können“ entwirft der britische Autor Ian McEwan eine düstere Dystopie, die aus heutiger Sicht keineswegs unglaubwürdig erscheint. Die voranschreitende Zerstörung der Natur, von McEwan „Disruption“ genannt, führt zu Hungersnöten, Unwetterkatastrophen und mehreren Klimakriegen mit begrenzten Nuklearschlägen, die Millionen Menschen das Leben kosten. Eine russische Wasserstoffbombe, die auf die USA gerichtet war und im Atlantik explodierte, verursacht schließlich die Überflutung weiter Teile der Erde und den Untergang unserer hochtechnisierten Zivilisation.
Im Jahr 2119, in dem der Roman spielt, ist die Weltbevölkerung um die Hälfte geschrumpft. Den Rest Deutschlands, der noch aus dem Wasser ragt, hat sich Großrussland einverleibt. In Amerika toben Bürgerkriege, und England ist zu einem Archipel einzelner Inseln geworden, die nur unter Gefahren über Boote zu erreichen sind. Auf einer dieser Inseln leben die Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe und seine Frau Rose. Internet und Datenbanken sind erhalten geblieben, und den beiden steht ein großer Fundus an überliefertem Wissen zur Verfügung. Und auch die Literatur hat die Zeiten überdauert. Sie schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Toms und Roses gemeinsamer Forschungsschwerpunkt ist die englische Literatur der Zeit von den1990er bis zu den 2030er Jahren, und so richtet sich ihr Blick auf die Gegenwart von uns Leserinnen und Lesern.
McEwan ist ein brillanter Erzähler, und es ist beeindruckend, mit welch leichtfüßiger Eleganz und gleichzeitig großem Ernst er das Thema Klimawandel in seinem vielschichtigen Roman behandelt, der aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil schickt er den Literaturwissenschaftler Tom auf eine Art Schatzsuche, auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht. McEwan, selbst ein großer Kenner und Liebhaber englischer Lyrik, streut immer wieder Zitate oder Hinweise auf bekannte Autoren wie Wordsworth oder Keats ein. Doch Francis Blundy, dem im Roman Toms besonderes Interesse gilt, ist erfunden.
Blundy hat im Jahr 2014 seiner Frau Vivien zum Geburtstag ein langes Gedicht gewidmet und bei einem Abendessen im Freundeskreis vorgetragen. Seither gilt es als verloren, hat aber gerade deshalb im Laufe der Jahrzehnte ein Eigenleben entwickelt, ist ein „Sammelbecken der Träume“, geworden, das Gedanken und Erwartungen mehrerer Generationen spiegelt. Tom ist besessen von dem Wunsch, den Sonettenkranz zu finden und zum ersten Mal zu veröffentlichen. Und ebenso leidenschaftlich fasziniert ist er von Vivien, der klugen, geheimnisvollen Frau des Dichters, von den Menschen ihrer Umgebung und ihren Beziehungen zueinander. Durch das Studium zahlloser Briefe, Tagebucheinträge, Emails versucht er, sich Vivien zu nähern und sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion ein Bild von der untergegangenen Welt, in der sie lebte, zu machen. Er blickt sehnsuchtsvoll auf eine Epoche, die ihm „von hier aus so ungebrochen und kostbar erscheint, in der viele Probleme der Menschheit noch hätten gelöst werden können. Damals, als zu wenige begriffen, wie grandios ihre natürliche und auch die menschengemachte Welt war.“ Aus der Sicht eines fiktiven Menschen der Zukunft führt uns McEwan im Roman die Schönheit, Vielfalt und Zerbrechlichkeit unserer Gegenwart vor Augen.
Rose, Toms Frau, betont dagegen einen anderen Aspekt: Es sei eine Zeit gewesen, in der Grausamkeit und Gier herrschten, in der die Menschen die Meere vergifteten, die Wälder vernichteten und die Disruption, die sie vorhersahen, nicht verhinderten. „…für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; Hochhäuser, die an Wolken kratzten; uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten.“ Für die nachfolgenden Generationen blieb nur versengte Erde. In einem Interview wurde McEwan einmal gefragt, mit welchen Gefühlen die Menschen nach uns wohl auf unsere Zeit zurückblicken würden. Mit Neid und Wut, war die Antwort.
Wie auch in früheren Romanen, stellt McEwan in „Was wir wissen können“ die Frage nach Schuld und Verantwortung – eingebettet in eine unterhaltsame, spannende Erzählung. Im ersten Teil des Buches thematisiert er die Schuld der heutigen Menschheit an der Zerstörung von Natur und Umwelt. Im zweiten Teil, der in unserer Gegenwart spielt, kommt es zu einem Perspektivwechsel. McEwan erzählt von Liebe, Liebesverrat und einem Verbrechen, von dem an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden soll. Hier geht es um eine ganz persönliche, individuelle Schuld, und es zeigt sich, wie wenig Tom in Wirklichkeit von Vivien und ihrem Freundeskreis gewusst hat, wie wenig wir vielleicht überhaupt von anderen Menschen, ihren Träumen und Geheimnissen wissen können.
Ian McEwan hat einen großartigen Roman über menschliche Verantwortung und die Kraft der Literatur geschrieben, der nicht zuletzt auch eine psychologisch raffiniert erzählte Liebes- und Kriminalgeschichte ist.
Lilly Munzinger, Gauting




























