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1. EIN KUCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN
2. NOT OTHER CHOICE
3. LITTLE TROUBLE GIRLS
4. DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER
5. THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTEN
6. EIN EINFACHER UNFALL
Donnerstag 12.02.2026
EIN KUCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN
Ab 05. Februar 2026 im Kino
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Allen Widerständen zum Trotz
Für meinen ersten Spielfilm wollte ich mich mit einem Thema, einer Welt, einem Motiv und Figuren befassen, die mir vertraut sind. Ich wollte einen Film aus Erinnerungen entwickeln, der die tägliche Realität der Menschen im Irak dieser Zeit schildert, aber vor allem die Kraft der Liebe und Freundschaft feiert. […]
Mich interessieren echte menschliche Emotionen, Kämpfe, Verbindungen und Geschichten. In diesem Film habe ich versucht, alles offen Politische zu vermeiden. Es war mir ein großes Anliegen, authentische Charaktere und eine Zeit im Irak zu zeigen, die noch nie zuvor dargestellt wurde. Natürlich ist mir bewusst, dass die Geschichte politische Elemente enthält, aber das ist die natürliche Folge eines Films über den Irak unter Saddam Hussein, unter Sanktionen und Kriegen. Mir war es auch sehr wichtig, dass die Iraker im Alltag als „Helden“ dargestellt werden und nicht als Kriegssoldaten, wie es in irakischen Filmen sonst üblich ist.
Hasan Hadi, Regisseur und Drehbuchautor von EIN KÜCHEN FÜR DEN PRÄSIDENTEN


Ein Film von Hasan Hadi
Mit Baneen Ahmed Nayyef (Lamia), Sajad Mohamad Qasem (Saeed), Waheed Thabet Khreibat (Bibi), Rahim AlHaj (Jasmin) u. a.


„Glückwunsch, Lamia! Du kannst stolz sein!“ Lamia wurde in der Klasse ausgelost. Aber mit Stolz erfüllt es sie nicht, dass ihr nun die große Aufgabe obliegt, einen Kuchen für die Geburtstagsfeierlichkeiten des irakischen Präsidenten Saddam Hussein zu backen. Für das neunjährige Mädchen, das gemeinsam mit seiner Großmutter Bibi in armen Verhältnissen im Marschland im Süden des Irak lebt, ist das eine große Herausforderung. Zumal sie weiß, dass sie nicht scheitern darf, weil ihr sonst eine Strafe droht. Mit Bibi und ihrem Hahn Hindi macht Lamia sich auf den Weg in die Stadt, um die teuren Zutaten Mehl, Eier, Zucker und Backpulver zu kaufen. Dafür hat Bibi das letzte Bargeld sowie ein Radio und Schmuckstücke zum Tauschen eingepackt.
Erst versteht Lamia nicht, weshalb ihre Oma ihr in der Stadt plötzlich eine neue Schuluniform kaufen will. Doch schon kurz danach, wird es ihr klar: Ihre Oma will Lamia einer fremden Familie überlassen, weil sie sich nicht mehr um sie kümmern kann. Lamia ist zutiefst betroffen und fürchtet, sie habe etwas falsch gemacht – und läuft davon. Sie beschließt, die Zutaten für den Kuchen alleine zu beschaffen. In der Stadt trifft sie ihren besten Freund Saeed, als dieser gerade einen Passanten bestiehlt; Saeed hat die Aufgabe, Obst für den Präsidentengeburtstag zu besorgen, und kommt ebenfalls aus einer armen Familie. Während Bibi beginnt, nach ihrer Enkelin zu suchen, streifen Lamia und Saeed allein durch die Stadt.
Sie treffen auf freundliche Menschen, die sich für sie einsetzen, und böswillige, die sie ausnutzen und ihnen im Tausch gegen die Uhr Falschgeld andrehen. Indem sie kleine Tätigkeiten für einen Händler erledigen, können sie sogar an Eier kommen. Dann jedoch wird Lamias Hahn Hindi gestohlen – und es kommt deswegen zum Streit zwischen Lamia und Saeed. Als Lamia Hindi bei einem Schlachter wiederentdeckt, kann sie den Mann zwar überreden, ihr den Hahn wieder zu überlassen, entgeht aber kurz danach nur knapp einem Missbrauch durch den Schlachter, der sie im Tausch gegen Backpulver in ein Pornokino einladen will. Gerade noch rechtzeitig kann Lamia die Flucht ergreifen, wird jedoch kurz danach von der Polizei aufgegriffen, weil der Schlachter sie als Diebin bezichtigt. Einem freundlichen Taxifahrer, dem sie mit ihrer Oma schon zuvor begegnet ist, ist es zu verdanken, dass Lamia schließlich frei kommt. Die nächste Hiobsbotschaft allerdings folgt sogleich. Die an Diabetes erkrankte Oma liegt im Krankenhaus. Als Lamia mit dem Taxifahrer dort ankommt, ist Bibi bereits verstorben. Mit dem Sarg ihrer Oma kehrt Lamia nach Hause zurück, wo sie nachts auf dem Fluss Abschied von ihrer Oma nimmt.
Saeeds Mutter hilft Lamia am folgenden Tag, den Kuchen zu backen. Lamia hat den Auftrag des Lehrers damit erfüllt. Just als die Geburtstagsfeier für den Präsidenten in der Schule beginnen soll, ertönen jedoch plötzlich Siren. Lamia und Saeed verstecken sich unter Bänken im Klassenzimmer und sehen sich in die Augen. Bombeneinschläge der Luftangriffe kommen immer näher.
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Mittwoch 04.02.2026
NOT OTHER CHOICE
Ab 05. Februar 2026 im Kino
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Man-su hat sich mit viel Fleiß und harter Arbeit ein perfektes Leben geschaffen: Haus mit Garten, harmonische Ehe, talentierte Kinder und genug Zeit für sein geliebtes Bonsai-Hobby. Doch als KI plötzlich seinen Job ersetzt, müssen er und seine Familie auf allerlei Annehmlichkeiten verzichten: die Tennisstunden der Gattin, das Netflix-Abo der Kinder und selbst die zwei treuen Golden Retriever können sie sich nicht mehr leisten. Und je länger Man-su vergeblich Bewerbungen schreibt, desto näher rückt auch der Verlust des geliebten Hauses. Schließlich begreift er: Nicht der Mangel an Jobs ist das Problem, sondern die Menge an Mitbewerbern. Man-su bleibt keine andere Wahl als sich–auf sehr kreative Art und Weise–seiner Konkurrenten zu entledigen.
Park Chan-wook (OLDBOY, DIE TASCHENDIEBIN) zählt neben Bong Joon-ho (PARASITE) zu den großen Meistern kluger und kunstvoller Unterhaltung aus Südkorea. Mit NO OTHER CHOICE gelingt ihm ein bitterböses Vergnügen, eine messerscharfe Symphonie des Absurden – visuell brillant und beißend komisch. In der Hauptrolle glänzt Lee Byung-hun (SQUID GAME) als Mittelschichtskarrierist ohne Hemmungen, aber mit blutig-grünem Daumen. Ein wildes Kinoerlebnis voller unvorhersehbaren Wendungen, das seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 feierte und sich schon jetzt auf direktem Weg zum Kultfilm befindet.


Ein Film von Park Chan-Wook
mit Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran u.v.a.


PARK CHAN-WOOK (Regie & Drehbuch)

„Ich wollte einen Film drehen, der die Zuschauer dazu bringt, sich zu fragen: Was gilt im Leben der heutigen Mittelschicht als unterste Grenze? Welcher Standard muss erfüllt sein, damit ein Leben als anständig gilt? Und daraus folgend: Was genau versucht dieser Mann eigentlich zu
schützen?"
Regisseur Park Chan-wook hat seit seinem ersten Film JOINT SECURITY AREA und später mit OLDBOY, DIE TASCHENDIEBIN und DIE FRAU IM NEBEL immer wieder neue Maßstäbe im koreanischen Kino gesetzt – sei es durch seine faszinierenden Figuren, seine provokante
Erzählweise oder seine fesselnden Mise-en-Scène. Als erster Koreaner gewann er drei Auszeichnungen bei den Filmfestspielen von Cannes: den Großen Preis der Jury bei den 57. Festspielen OLDBOY), den Preis der Jury bei den 62. Festspielen (DIE TASCHENDIEBIN) und Beste Regie bei den 75. Festspielen (DIE FRAU IM NEBEL).
Mit NO OTHER CHOICE realisierte Park Chan-wook ein Herzensprojekt, an dem er bereits seit mehr als 10 Jahren arbeitete. Der Film basiert auf dem Roman „The Ax“ (1997) von Donald E. Westlake, der bereits 2005 von Costa-Gavras verfilmt wurde.

Filmografie:
2025 NO OTHER CHOICE
2024 THE SYMPATHIZER (Mini-Serie)
2022 DIE FRAU IM NEBEL
2018 DIE LIBELLE (Mini-Serie)
2016 DIE TASCHENDIEBIN
2014 A ROSE REBORN (Kurzfilm)
2013 STOKER
2011 NACHTANGELN (Kurzfilm)
2009 DURST
2006 I’M A CYBORG, BUT THAT’S OK
2005 LADY VENGEANCE
2003 OLDBOY
2002 SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE
2000 JOINT SECURITY AREA
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Mittwoch 28.01.2026
LITTLE TROUBLE GIRLS
Ab 29. Januar 2026 im Kino
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Die 16-jährige Lucia tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana Maria kennen und schließt Freundschaft mit dem selbstbewußten, beliebten Mädchen. Als der ganze Chor im Sommer auf ein intensives Probenwochenende nach Italien fährt, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden: Die introvertierte, behütet aufgewachsene Lucija verguckt sich in einen attraktiven Bauaurbeiter, mit Hilfe von Ana Maria beginnt sie zugleich ihre Sexualität zu entdecken. Es sind Tage, die nicht nur die noch frische Freundschaft der beiden, sondern auch Lucias Glauben und Werte infrage stellen…
Die slowenische Filmemacherin Urska Djukic gewann mit ihren preisgekrönten Kurzfilmen u. a. den Europäischen Filmpreis 2022. In ihrem von hervorragenden Darsteller*innen getragenen Spielfilmdebüt LITTLE TROUBLE GIRLS variiert sie ganz ohne Klischees eine Geschichte über weibliches sexuelles Erwachen.


Ein Film von Urska Djukic
Mit Jara Sofija Ostan, Mina Svajger, Sasa Tabakovic u.v.a.


ÜBER DIE REGISSEURIN URSKA DJUKIC

Die slowenische Filmemacherin Urska Djukic gewann mit ihren preisgekrönten Kurzfilmen u. a. den Europäischen Filmpreis 2022. In ihrem von hervorragenden Darsteller*innen getragenen Spielfilmdebüt LITTLE TROUBLE GIRLS variiert sie ganz ohne Klischees eine Geschichte über weibliches sexuelles Erwachen.
Urska Djukics jüngster Kurzfilm OMAS SEXLEBEN wurde mit über 50 Preisen ausgezeichnet, darunter der Europäische Filmpreis für den besten Kurzfilm im Jahr 2022 und der César-Preis 2023 für den besten animierten Kurzfilm. Zu Djukic' früheren Kurzfilmen gehört auch THE RIGHT ONE, Teil des Episodenfilms SEE FACTORY SARAJEVO MON AMOUR, der 2019 bei der Directors’ Fortnight in Cannes Premiere feierte. 2019 nahm Djukic an der 39. Ausgabe der Cannes Cinéfondation Residency teil, wo sie LITTLE TROUBLE GIRLS entwickelte, das später beim Les Arcs Film Festival im Dezember 2023 als bestes Work-in-Progress-Projekt ausgezeichnet wurde. LITTLE TROUBLE GIRLS ist ihr erster Spielfilm.


INTERVIEW MIT REGISSEURIN URSKA DJUKIC

Wann hast du angefangen, über diesen Film nachzudenken? Was war der ursprüngliche Auslöser für die Idee?
Der erste Funke für das Projekt entstand 2018, als ich ein Konzert eines slowenischen Mädchenchors sah. Als ich sie zum ersten Mal singen hörte, kamen mir sofort die Tränen. Ich war tief bewegt von der Kraft ihrer Stimmen, die am Rande des Erwachens ihrer Weiblichkeit standen, so sehr, dass ich meine Gefühle zusammenreißen musste, um nicht mitten im Konzert die Fassung zu verlieren. Die Kraft dieser jungen Frauenstimmen, die im Laufe der Geschichte so oft zum
Schweigen gebracht worden waren, hatte etwas zutiefst Bedeutendes an sich. Im Publikum saßen auch drei Priester, die genauso bewegt waren wie ich. Das erschien mir als eine ungewöhnliche Szene: erwachsene Männer, die in Zölibat leben, lauschen Mädchen, die erwachende sexuelle Energie ausstrahlen. Ich empfand das als bedeutsam für mich und wollte dieses Thema und meine emotionale Reaktion darauf in einem Spielfilm erforschen. Ich begann damit, den Chor zu beobachten und seine Dynamik zu erforschen, was mich ursprünglich zu meinem Drehbuch inspirierte. Später gründeten wir unseren eigenen Projektchor, um die Arbeit fortzusetzen.

Du hast also extra für den Film einen neuen Chor gegründet? Wie hast du die Lieder ausgewählt?
Ja, genau. Wir haben Vorsingen für junge Sängerinnen veranstaltet und etwa 30 Mädchen ausgewählt, zusammen mit unseren vier Schauspielerinnen, die wenig bis gar keine Gesangserfahrung hatten. Dann begann die harte Arbeit. Der Chor wurde von der großartigen Musikerin Jasna Zitnik geleitet, die auch den Schauspieler Sasa Tabakovic darin beriet, den Chor im Film zu dirigieren und zu leiten. Ich interessierte mich besonders für slowenische Volkslieder, die die Szenen mit ihrem Inhalt und ihrer Atmosphäre ergänzen konnten. Für das Finale des Films verwendeten wir ein sehr altes italienisches Gebet, das von unserer Kollaborateurin, der Vokalistin Irena Tomazin, vorgeschlagen wurde. Zusammen mit ausgewählten Sängerinnen adaptierte sie es und führte es in den Szenen auf, in denen die Schwestern in einer Höhle und unter einem Wasserfall singen. Dieses Stück hatte eine so starke Resonanz, dass es sogar die härtesten Männer der Crew während der Dreharbeiten bewegte. Jeder konnte die Energie dieses alten Reinigungsgebets spüren. Der Film endet mit dem ikonischen Song „Little Trouble Girl” von Sonic Youth, der den Titel des Films inspirierte und dessen narrative und thematische Essenz perfekt zusammenfasst.

Der Film wirkt sehr persönlich; man hat das Gefühl, dass er auf intimen Erfahrungen basiert. Gleichzeitig enthält er viele christliche Elemente: das Kloster, Nonnen und eine konservative Familiendynamik. Wie persönlich ist diese Geschichte und was waren Ausgangspunkte für deinen Ansatz?
Ich fing damit an, mich mit der weiblichen Stimme auseinanderzusetzen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht wurde. Das führte mich zu der schwierigen Beziehung zu Sexualität, Sünde und Schuldgefühlen. Anhand einer sensiblen jungen Frau, die von gesellschaftlichen Konventionen der Sündhaftigkeit geprägt ist, wollte ich mich damit beschäftigen, wie junge Menschen ihre innere Kraft finden. Diese Schuldgefühle, die mit natürlichen Instinkten einhergehen, habe ich persönlich während meiner Kindheit erlebt. Obwohl meine Familie nicht streng religiös war, erzog mich meine Mutter nach traditionellen katholischen Vorstellungen davon, wie ein „braves Mädchen” zu sein hat. Später wurde mir klar, dass diese Vorstellungen, die vielen Generationen von Mädchen, einschließlich meiner eigenen, aufgezwungen wurden – insbesondere die über Körperbild, Scham und Sexualität – starr und unbeholfen sind. Mit LITTLE TROUBLE GIRLS wollte ich die Geheimnisse der Sinne als Werkzeuge erforschen, die uns helfen uns selbst besser zu verstehen. Ich glaube, dass das lange bestehende Tabu rund um Sexualität dazu geführt hat, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, ihr Potenzial vollständig zu verstehen oder zu nutzen.
Der Körper hat seine eigene instinktive Intelligenz, die uns leitet, wenn wir genau hinhören. Das Konzept der sündhaften Sexualität und die mangelnde Aufklärung darüber sind ein cleverer Mechanismus, um Menschen von ihrer inneren Kraftquelle zu trennen. Ich würde sagen, es ist wichtig, dass wir uns erlauben, auf unsere Intuition zu hören und ihr zu vertrauen, auch wenn sie den gesellschaftlichen Normen widerspricht. Menschen, die tief mit ihrem Körper verbunden sind, lassen sich weniger leicht kontrollieren, weil sie ihrer inneren Führung mehr vertrauen als äußeren Vorgaben.
In dem Film hinterfragt Lucia ihre inneren, körperlichen Empfindungen im Vergleich zu gesellschaftlichen Normen und Erwartungen, die unser Verhalten formen und einschränken. Letztendlich beschließt sie durch eine transzendentale, kathartische körperliche Erfahrung, auf ihre Intuition zu hören statt den Dogmen zu folgen.

Lucia bleibt sich selbst treu, aber in der heutigen Welt kann es sich immer noch so anfühlen, als sei Sexualität ein Tabuthema, oder zumindest, dass bestimmte Erwachsene wollen, dass es für junge Menschen ein Tabu bleibt.
Als ich meinen vorherigen Film OMAS SEXLEBEN Schüler*innen im Cinema Dvor vorstellte, kam eine Lehrerin nach der Vorführung auf mich zu und sagte: „Oh, ich bin so froh, dass Sie dieses Thema offen angesprochen haben, denn wir hatten damit Probleme in der Schule. Ich musste dem Schulleiter erklären, warum wir den Schüler*innen Filme über Sexualität zeigen und mit ihnen darüber diskutieren.“ Sie sagte, dass einige Lehrer sogar dagegen protestiert hätten, dass die Schüler*innen solche Filme sehen, und Angst davor hätten, mit ihnen über Sexualität zu sprechen. Das hat mich überrascht. Selbst heute, im Jahr 2025, haben manche Menschen Angst, über Sexualität zu sprechen?
Das bestätigt nur, dass die unbeholfene Haltung gegenüber Sexualität in unseren Gesellschaften immer noch sehr präsent ist. Ich finde es wirklich wichtig, offen und klar darüber zu sprechen. Jetzt, nach der #MeToo-Bewegung, haben wir endlich begonnen, darüber zu diskutieren, wo die Grenzen liegen, was erlaubt ist und was nicht. Erst jetzt beginnen wir zu verstehen, dass Schweigen,
Unbeholfenheit und Scham sexuellen Missbrauch tatsächlich verfestigt.

Wie verlief das Casting? Hattest du schon eine klare Vorstellung von der Figur oder hast du diese Merkmale erst später in der Schauspielerin entdeckt? Was hast du bei deiner Hauptdarstellerin gesucht und wie hast du es gefunden?
Ich war auf der Suche nach einem Mädchen, das sich in der Übergangsphase vom Mädchen zur Frau befand. Ich wollte jemanden mit Anmut, etwas Strahlendes, etwas Leuchtendes. Wenn ich mit Schauspieler*innen und anderen Beteiligten arbeite, gehe ich in der Regel von dem aus, was sie von Natur aus mitbringen, und wähle sie anhand ihrer Lebenserfahrungen aus. Ich habe mich bei einem Casting, das wir zu diesem Zweck veranstaltet haben, für Jara Sofija Ostan entschieden. Schon als ich mir die rund 60 kurzen Videovorstellungen der jungen Schauspielerinnen ansah, die sich beworben hatten, wusste ich sofort, dass sie die Richtige war – Lucia. Ich sah sofort, dass sie etwas Magisches an sich hatte: Sie wirkte wie eine alte Seele, gefangen im Körper eines Mädchens, die langsam erwachte. In ihren Augen liegt eine gewisse Traurigkeit, die sie sensibler macht als andere.
Während wir arbeiteten, öffnete sie sich und begann, so viel zu geben. Sie arbeitete mit vielen Coaches und Lehrer*Innen zusammen, um das Niveau zu erreichen, das sie im Film zeigte. Es war faszinierend, wie unsere Schauspielcoachin Natasa Burger zu Beginn unserer Arbeit bemerkte, dass Jaras Arme wie losgelöst neben ihrem Körper hingen, als wären sie nicht mit dem Rest ihres Körpers verbunden. Erst durch den Prozess des Schauspielens begann Jara, ihren Körper zu verstehen, ihn wirklich zu spüren und durch ihn zu agieren. Im Laufe eines Jahres durchlief sie eine bedeutende persönliche Entwicklung, und wir haben diese Verwandlung im Film festgehalten.
In diesem Prozess habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich treiben zu lassen und dem zu folgen, wohin mich das Material führt. Wenn ich versuchte, Jara in eine Richtung zu drängen, die ihr nicht entsprach, fühlte es sich nicht authentisch an. Also habe ich das Drehbuch an ihren Charakter angepasst. Diesen Ansatz habe ich bei allen Schauspieler*Innen angewendet.
Mina Svajger (Ana-Maria) wurde auf ähnliche Weise ausgewählt – ihre blauen Augen verkörpern eine wilde und furchtlose junge Frau, die den perfekten Kontrast zu Lucias Sanftheit und Schüchternheit bildete. Ich sah sie als Yin- und Yang-Energien, die sich ergänzen und Teil eines Ganzen sind.

Wie hast du dir diese Beziehung zwischen Lucia und Ana-Maria vorgestellt? Sie ist ziemlich schwer fassbar – manchmal scheint es mehr als nur Freundschaft zu sein.
Für mich repräsentieren Lucia und Ana-Maria eine Person – zwei Seiten desselben Individuums. Die eine ist der rationalere, intellektuellere Aspekt, während die andere instinktiver und „wilder” ist. Ich wollte mit informellen Regeln spielen und sie hinterfragen, indem ich andeute, dass sexuelle Energie nicht fest daran gebunden ist, ob die andere Person dem anderen Geschlecht angehört. Lucia ist verwirrt darüber, woher diese Anziehungskraft kommt, und hinterfragt, was richtig oder falsch ist, was Spannung und Schuldgefühle in ihr hervorruft. Was ist es, das uns zu anderen hinzieht? Oft ist es nicht unbedingt das Verlangen nach einer sexuellen Beziehung. Vielleicht fühlen wir uns zu etwas hingezogen, das jemand hat, das uns fehlt, das wir aber gerne besitzen würden. Oder zu etwas, das wir lernen müssen. Auch das ist sexuelle Energie. Die Beziehung zwischen Lucia und Ana-Maria basiert auf dieser Dynamik. Lucia fühlt sich zu etwas hingezogen, das sie nicht hat und noch nicht versteht, etwas, das den Weg repräsentiert, den sie für ihre persönliche Entwicklung einschlagen muss.

Der Ton ist ein äußerst wichtiges Element des Films. Der Film beginnt mit einem Geräusch – genauer gesagt mit Atmen – und dann mit einem scheinbar abstrakten Bild.
Ja, die Einleitung ist der Atem, der dich mit deinem Körper verbindet. Der Film beginnt mit einer alten Illustration der Wunde Christi, die einer Vulva ähnelt. Diese Illustrationen haben mich schon immer fasziniert.
Das Bild stammt aus einem kleinen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert, das für die Herzogin Juta von Luxemburg angefertigt wurde. Um die Wunde herum sind die Folter- und Bestrafungsinstrumente Christi dargestellt, die seinen Widerstand gegen das herrschende System symbolisieren. Gleichzeitig ähnelt dieses geheimnisvolle Bild metaphorisch einer Vulva, die, wie Gustave Courbet bekanntermaßen sagte, der Ursprung von allem ist. Dieses Bild führt dich nach innen – durch Schmerz führt es dich in den Körper, wo unser Wesen wohnt...

Was vor allem auffällt, ist die Zärtlichkeit. Vor allem die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit deiner Hauptfigur, die diesen Ausdruck aufrichtiger Verwunderung hat; sie empfindet alles sehr intensiv, will wissen, ist offen für die Verbindung mit der Welt; und doch hat sie immer noch Angst davor.
Zärtlichkeit war ein wichtiges Konzept bei der Entstehung dieses Films. An einem Punkt habe ich dieses Wort gesagt: ZÄRTLICHKEIT zu jedem Beteiligten – dass dies das Wort ist, das unsere Arbeit leitet. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube, dass Zärtlichkeit in dieser Welt Härte überwinden kann – sie ist stärker.
(Interview geführt von Ana Sturm)
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Donnerstag 22.01.2026
DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER
Ab 22. Januar 2026 im Kino
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Ein Familien-Idyll im Frankreich der 1950er Jahre: Michel (Didier Bourdon), mittelmäßig, ist Bankangestellter und Ernährer, seine bessere Hälfte Hélène (Elsa Zylberstein), mit Dauerwelle, aber aufsässig, kümmert sich um Haushalt und Kinder. Das patriarchale Paradies scheint perfekt, bis ein Kurzschluss der gerade eingezogenen Waschmaschine die beiden ins Jahr 2025 katapultiert. Plötzlich sind die Rollen neu verteilt. Während sich Hélène aller Ahnungslosigkeit zum Trotz erstaunlich gut als karriere-intensive Powerfrau schlägt, muss sich Michel als Hausmann im Smart-Home abmühen. Statt Unterwerfungsrhetorik braucht Michel nun Empowerment, Hélène genießt die Freiheit der Emanzipation.
Doch die schöne neue Welt hat so ihre Tücken: Der virtuelle Sprachassistent ist ein sturer Bock, die Möbel muss man sich selbst zusammenschrauben, der Hundekot wird vom Boden aufgehoben und die eigene Tochter möchte ihre Freundin heiraten. Jetzt reicht es dem entmachteten Familienoberhaupt.
Es geht zurück in die gute alte Zeit und zwar sofort! Wenn er nur wüsste, wie man die smarte Waschmaschine auf Zeitrückreise programmiert.
In DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER ist die Freiheit immer nur einen Flügelschlag von der guten alten Zeit entfernt. Regisseurin Vinciane Millereau beweist ein großartiges Gespür für die Absurditäten unserer Zeit. Mit rotzfrechem Humor, präzisem Sarkasmus und herrlicher Situationskomik nimmt DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER die Heilsversprechen unserer Gegenwart aufs Korn und erzählt von der wunderbaren Relativität der Geschichte.

Ein Film von Vinciane Millereau
Mit Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster, Romain Cottard u.v.m.


DIE REGISSEURIN VINCIANE MILLEREAU
Die französische Regisseurin Vinciane Millereau ist auch als Schauspielerin in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen, Serien und Kurzfilmen bekannt, zuletzt war sie in BENEDETTA von Paul Verhoeven oder in der Miniserie „The Plague“ zu sehen.
Daneben arbeitet sie am Theater und als Synchronsprecherin für Dokumentationen und Werbespots. Von 2002 – 2005 war sie die Off-Stimme für den französischen Fernsehsender France 5. Mit dem Kurzfilm BARBIE GIRLS feierte Vinciane Millereau ihr Debüt als Regisseurin. Ihr erster Kinofilm DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER war sofort ein Erfolg in Frankreich und landete in den Top Ten.


Die Hauptdarstellerin Elsa Zylberstein
Die französische Schauspielerin Elsa Zylberstein begann nach dem Abitur ein Anglistikstudium und besuchte nebenbei die Pariser Schauspielschule Cours Florent unter Francis Huster. Ende der 1980er Jahre stand sie erstmals vor der Filmkamera.
Der Durchbruch als Schauspielerin gelang Elsa Zylberstein 1991 mit der Filmbiografie VAN GOGH von Maurice Pilliard. Für ihr Schauspiel erhielt sie den Filmpreis Prix Michel Simon und eine César-Nominierung in der Kategorie Beste Newcomerin.
1993 gewann sie den Romy-Schneider-Preis für talentierte französische Nachwuchsdarstellerinnen und 2009 nahm sie für den Part der Léa in Phillipe Claudels Filmdrama SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH den César als Beste Newcomerin entgegen. Das Filmdrama über eine von Kristin Scott Thomas gespielte Kindsmörderin war zudem im Rennen um den Goldenen Bären der 58. Berlinale. Es folgten zahlreiche Fernseh- und Kinofilme sowie einige Theateraufführungen. Im Kino war sie zuletzt in Jessica Hausners CLUB ZERO und EIN GLÜCKSFALL von Woody Allen zu sehen.

Filmographie (Auswahl):
2023 EIN GLÜCKSFALL von Woody Allen
2023 CLUB ZERO von Jessica Hausner
2022 CHAMPAGNE! von Nicolas Vanier
2018 LIEBE BRINGT ALLES INS ROLLEN von Franck Dubosc
2017 HEREINSPAZIERT! von Philippe de Chauveron
2011 DER KUSS DES SCHMETTERLINGS von Karine Silla
2008 SO VIELE JAHRE LIEB ICH DICH von Phillipe Claudel
1992 BLAUER HIMMEL von Christian Vincent
1991 VAN GOGH von Maurice Pilliard


Der Hauptdarsteller Didier Bourdon
Didier Bourdon ist nicht nur ein beliebter französischer Schauspieler, sondern auch durch seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur bekannt. Seine ersten Schritte als Schauspieler machte er gemeinsam mit Bernard Campan und Pascal Légitimus, mit denen er 1986 das Comedy-Trio Les Inconnus gründete. 1991 gewannen sie damit den Comedy-Preis Molière du rire. Nach großen Erfolgen drehten sie 1995 gemeinsam den Kinofilm ALLES KEIN PROBLEM! Der Film wurde mit 6 Millionen Besuchern zu einem der erfolgreichsten französischen Filme. Fortan konzentrierte sich Didier Bourdon vor allem auf seine Filmkarriere und spielte nur noch selten Theater. International bekannt wurde er mit Filmen wie LIEBE AUF FRANZÖSISCH und dem Film EIN GUTES JAHR von Ridley Scott. Zu seinen jüngsten Filmen gehören u.a. OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS?, DAS GROSSE LOS und FROHES FEST.

Filmographie (Auswahl):
2024 FROHES FEST von Jeanne Gottesdiener
DAS GROSSE LOS von Hervé Mimran
OH LA LA – WER AHNT DENN SOWAS? von Julien Hervé
2006 EIN GUTES JAHR von Ridley Scott
2003 LIEBE AUF FRANZÖSISCH von Didier Bourdon
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Donnerstag 15.01.2026
THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTEN
Ab 15. Januar 2026 im Kino
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Nicht jeder Neuanfang bietet eine zweite Chance. Die 27-jährige Millie (Sydney Sweeney) hofft nach der Entlassung aus dem Gefängnis als Hausmädchen bei einem wohlhabenden Ehepaar neu anzufangen. Doch schon bald merkt sie, dass sich hinter der Fassade aus Luxus und Eleganz eine dunkle Wahrheit verbirgt, die weitaus gefährlicher ist als ihre eigene. Ein verführerisches Spiel um Geheimnisse, Skandale und Macht beginnt…

Ein Film von Paul Feig
Mit Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar, Michele Morrone u.v.m.



PRESSENOTIZ

THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE ist ein fesselnder Thriller – voller Suspense und schockierender Enthüllungen. Sydney Sweeney („Wo die Lüge hinfällt“, „Euphoria“) und Amanda Seyfried (Oscar®-nominiert für „Mank“, Golden-Globe-Gewinnerin für „The Dropout“) brillieren in der Verfilmung des Mega-Bestsellers von Freida McFadden. Gemeinsam mit Brandon Sklenar („Nur noch ein einziges Mal“) und Michele Morrone („Nur noch ein kleiner Gefallen“) entführen sie in eine sinistere Welt voller gefährlicher Familiengeheimnisse. Regie führte Paul Feig, der in THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE das Publikum bis zur letzten Sekunde im Atem hält.

Die Zeit der guten Vorsätze steht bevor und damit Veränderung und die Vergangenheit hinter sich lassen. Es ist auch Millies fester Wunsch, ein neues Leben zu beginnen – mit einem neuen Job. Doch kaum hat sie als Haushälterin in der Familie Winchester begonnen, muss sie erfahren, dass sie nicht die einzige ist, die einen geheimen Plan hat…

Der brandneue Trailer zu THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE eröffnet einen explosiven Einblick auf die düsteren Geheimnisse, die hinter der perfekt dekorierten Fassade lauern. Was als Idylle beginnt, entpuppt sich rasch als gefährliches Spiel mit nur einem Vorsatz: die Regeln zu den eigenen Gunsten zu ändern.
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Donnerstag 08.01.2026
EIN EINFACHER UNFALL
Ab 08. Januar 2026 im Kino
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Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Meisterleistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade.
Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung
überhaupt?
Vor dem allgegenwärtigen Hintergrund des Autoritarismus verdichtet sich Ein einfacher Unfall zu einem fulminanten Akt des Widerstands – von einem iranischen Autorenfilmer, der aus eigener Erfahrung weiß, was es bedeutet, ungerechtfertigt inhaftiert zu sein. So fordert uns Frankreichs
Beitrag in der Kategorie „Bester internationaler Film” bei den 98. Oscars® eindringlich dazu auf, die Grenze zwischen Recht und Unrecht neu auszuloten.

Ein Film von JAFAR PANAHI
Mit VAHID MOBASSERI, MARYAM AFSHARI, EBRAHIM AZIZI, HADIS PAKBATEN, MAJID PANAHI, MOHAMAD ALI ELYASMEHR, GEORGES HASHEMZADEH u.v.a.


INTERVIEW MIT JAFAR PANAHI

Was ist seit deinem Film No Bears von 2022 in deinem Leben passiert?
Ich habe eine neue Phase als Filmemacher begonnen. Von meinem ersten Film Der weiße Ballon aus dem Jahr 1995 bis zu Offside habe ich mich auf meine Herausforderungen als Regisseur konzentriert. Natürlich gab es Druck, aber ich konnte Lösungen für filmische Probleme finden.
Nach meiner ersten Verhaftung im Jahr 2010, als mir das Reisen und das Drehen von Filmen verboten wurde, verlagerte sich mein Fokus auf meine persönlichen Umstände. Während meine Kamera zuvor nach außen gerichtet war, wandte sie sich nun nach innen, auf das, was ich erlebt habe – wie man in den Filmen sehen kann, die ich gedreht habe, von Dies ist kein Film bis No Bears. Jetzt, da diese Beschränkungen aufgehoben wurden, verspüre ich das Bedürfnis, wieder nach außen zu schauen – nur diesmal anders: geprägt von allem, was ich durchgemacht habe, einschließlich einer zweiten Haftstrafe zwischen Juli 2022 und Februar 2023. Ja, die Kamera richtet sich wieder nach außen, aber mit einem anderen Blickwinkel als zuvor.

Würdest du sagen, dass deine beiden Haftstrafen prägend für die Entwicklung deiner Arbeit waren?
Ja, aber nicht auf dieselbe Weise. Als ich das erste Mal inhaftiert wurde, kam ich für 15 Tage in Einzelhaft und wurde dann in eine Zelle mit nur zwei oder drei anderen Personen verlegt. Ich sah kaum jemanden. Aber während meiner zweiten Haftstrafe war ich unter vielen anderen Gefangenen – Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten. Während meiner siebenmonatigen Haft führte ich lange Gespräche und tauschte mich mit ihnen aus. Als ich nach meinem Hungerstreik entlassen wurde, fühlte ich mich desorientiert. Ich wusste nicht, wie ich draußen leben sollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, frei zu sein, und meiner Verbundenheit mit denen, die ich zurückgelassen hatte. Und diese Spannung begleitet mich bis heute. Ich werde sie einfach nicht los.

Du sagst, die Beschränkungen wurden aufgehoben. Ist das offiziell?
Ja, das Urteil, das mir verboten hat, Filme zu drehen, zu schreiben, Interviews zu geben und zu reisen, wurde offiziell aufgehoben. Aber in der Praxis bleibe ich weiterhin außen vor: Es wäre beispielsweise sinnlos, das Drehbuch für diesen Film den Behörden zur Genehmigung vorzulegen – daher habe ich keine andere Wahl, als weiterhin außerhalb des Systems zu arbeiten.

Würdest du sagen, dass Ein einfacher Unfall eine unmittelbare Reaktion auf deine zweite Inhaftierung war?
Auf jeden Fall. Von Anfang an haben sich meine Filme mit dem beschäftigt, was in der Gesellschaft und in meiner unmittelbaren Umgebung passiert. Daher ist es nur natürlich, dass sieben Monate in einem so spezifischen Kontext wie dem Gefängnis ihren Weg in meine Filme finden. Als ich 2010 zum ersten Mal verhaftet wurde, fragte mich mein Vernehmer: „Warum machen Sie solche Filme?” Ich antwortete, dass meine Filme auf meinen eigenen Erfahrungen basieren. Was ich also in diesem Moment erlebte, würde unweigerlich in irgendeiner Form in einem Film auftauchen. Genau das geschah in Taxi Teheran, insbesondere in dem Gespräch mit der Anwältin Nasrin Sotoudeh. Doch die zweite Gefängniserfahrung hinterließ noch tiefere Spuren. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich verpflichtet, einen Film über die Menschen zu drehen, die ich im Gefängnis kennengelernt hatte. Ich war ihnen diesen Film schuldig.
Auch wenn ich aus persönlicher Erfahrung spreche, deckt sich dies mit den allgemeinen Entwicklungen in der iranischen Gesellschaft, insbesondere mit der Revolutionsbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, die im Herbst 2022 begann. In dieser Zeit hat sich viel verändert.

Wie lässt sich eine solche Erfahrung in einen Film umsetzen – speziell in einem solchen Film?
Die Initialzündung kam schnell: Ich fragte mich, was passieren würde, wenn einer der Menschen, die ich im Gefängnis kennengelernt hatte, freigelassen würde und plötzlich der Person gegenüberstünde, die ihn gefoltert und gedemütigt hatte. Diese Frage war der Auslöser für einen Schreibprozess mit zwei befreundeten Drehbuchautoren: Nader Saeivar und Shadmehr Rastin. Wir begannen, mögliche Entwicklungen zu skizzieren. Mir wurde jedoch schnell klar, dass vor allem die Authentizität der Geschichten über das Leben im Gefängnis und ihre verschiedenen Erzählweisen entscheidend waren. Ich holte Mehdi Mahmoudian hinzu, der viel Zeit im Gefängnis verbracht hat und leider wieder dort ist. Er half bei den Dialogen und schöpfte dabei aus dem, was tatsächlich in Haft passiert und wie unterschiedlich Menschen darüber sprechen, wenn sie wieder draußen sind.

Würdest du sagen, dass Figuren wie Vahid, Shiva, Hamid usw. bestimmte Personen repräsentieren?
Sie sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.

Konntest du diesmal offen drehen oder musstest du wie bei deinen früheren Werken heimlich filmen?
Da ich keine offiziellen Genehmigungen beantragt hatte, die ich ohnehin nicht erhalten hätte, musste ich dieselben geheimen Methoden wie bei früheren Filmen anwenden. Kurz bevor wir fertig waren, tauchten Zivilbeamte auf und verlangten das gesamte Filmmaterial. Ich weigerte mich. Sie übten weiterhin Druck auf uns aus, indem sie damit drohten, die Crew zu verhaften und die Produktion einzustellen. Am Ende gaben sie auf. Wir unterbrachen die Dreharbeiten für eine Weile und setzten sie dann fort. Es passierte nichts weiter.

Ist es wichtig zu wissen, wo der Film spielt beziehungsweise in welcher Stadt oder Region er gedreht wurde?
Nein. Der Film wurde in Teheran und Umgebung gedreht, einfach weil das am praktischsten war. Aber er könnte überall spielen.

Wer sind die Darstellerinnen und Darsteller?
Vahid Mobasseri, der Vahid spielt, ist Aseri [und stammt aus der nordwestlichen Region des Landes, aus der auch Panahi kommt und in der ein früherer Film von ihm spielt]. Er arbeitet für den lokalen Fernsehsender in Täbris und spielte zuvor den Mann, der mir in No Bears ein Zimmer vermietet. Wenn er nicht schauspielt, fährt er Taxi. Maryam Afshari, die Shiva spielt, ist keine Schauspielerin, sondern Karate-Kampfrichterin. Hadis Pakbaten, die die Braut spielt, ist Theaterschauspielerin. Der Bräutigam Majid ist mein Neffe, der auch in Taxi Teheran zu sehen ist. Mohamad Ali Elyasmehr, der Hamid verkörpert, ist von Beruf Tischler und hat Theater studiert. Salar, der ältere Mann in der Buchhandlung, wird von Georges Hashemzadeh gespielt. Er ist Schauspieler und Regisseur. Ebrahim Azizi, der Eghbal spielt, ist der einzige professionelle Filmschauspieler. Er arbeitet jedoch nur an Filmen außerhalb des Systems und weigert sich, an von der Zensur genehmigten Produktionen mitzuwirken.

War irgendetwas davon improvisiert?
Nein, alles stand im Drehbuch. Als ich die Schauspieler castete, lud ich jeden einzelnen zu mir nach Hause ein. Ich gab ihnen das Drehbuch und fragte sie, ob sie bereit wären, an einem potenziell riskanten Projekt mitzuwirken. Nachdem ich zu jedem von ihnen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, arbeiteten wir auf der Grundlage dieses gemeinsamen Engagements zusammen.

Ein einfacher Unfall unterscheidet sich stilistisch deutlich von deinen früheren Filmen. Hast du die Regieentscheidungen im Voraus geplant oder haben sie sich während der Dreharbeiten ergeben?
Ursprünglich wollte ich in einem konventionellen Stil drehen, mit klaren, sauberen Einstellungen, die sich auf die Handlung konzentrieren. Während der Dreharbeiten hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Regie ausdrucksstärker sein musste. Als sich die Figuren begegneten und sich annäherten, wollte ich mehr Freiheit in der Bildgestaltung und bei der Länge der Aufnahmen.
Die Idee war, dass sie trotz all ihrer Konflikte am Ende alle im selben Bild zu sehen sein würden. Ich habe mir auch überlegt, wie ich Eghbal filmen sollte und ob ich ihn in einem anderen Bildausschnitt zeigen sollte. Ich habe darauf geachtet, ihn stets allein im Bild zu zeigen, nie zusammen mit den anderen. Doch als er realisiert, was er getan hat, erscheint er am Ende gemeinsam mit Shiva im Bild.

In der Regel verzichten iranische Filme, die das Regime offen kritisieren, im Abspann auf die Namensnennung der Besetzung und der Crew. Nicht so bei diesem Film.
Wenn jemand darum gebeten hätte, seinen Namen unerwähnt zu lassen, hätte ich das getan. Aber alle wollten, dass ihr Name erscheint. Die meisten von ihnen kommen mit mir nach Cannes.

Ihr reist also nach Cannes. Besteht da nicht die Gefahr, dass ihr nicht in den Iran zurückkehren könnt?
Das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ich kann nirgendwo anders leben. Viele meiner iranischen Landsleute haben sich zur Auswanderung entschlossen – oder wurden dazu gezwungen. Aber ich kann das nicht. Dazu fehlt mir der Mut! Ich tauge nicht dazu, außerhalb des Iran zu leben. Wir werden sehen, was passiert. Jedenfalls musste dieser Film gedreht werden. Ich habe ihn gedreht und werde alle Konsequenzen tragen, die sich daraus ergeben.

Interview von Jean-Michel Frodon
Übersetzung aus dem Persischen ins Englische: Massoumeh Lahidji
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