Catalin Dorian Florescu arbeitet in seinem gerade veröffentlichten Roman die kommunistische Nachkriegszeit Rumäniens bis nach der Wende Mitte der 1990er Jahre in poetischer, wie bildhaft dramatischer Sprache packend auf.
Matei, die Hauptperson, wird aufgrund des Verfassens von politischen Gedichten 1956 zu sieben Jahren Lagerhaft und Zwangsarbeit im Donaudelta verurteilt. Hier erlebt er als politischer Delinquent eine physische und psychische Tortour, die nur mit den Verhältnissen in den russischen Gulags vergleichbar ist. Wer überlebt – hat Glück gehabt.
In den 1990er Jahren entdeckt Matei, der mittlerweile in Bukarest lebt und als Sargtischler arbeitet, in einem Linienbus durch Zufall seinen einstigen Peiniger, jenen Verhöroffizier, der ihn stundenlang vernommen und gefoltert hat. Wie begegnet Matei diesem Menschen, welche Konsequenzen zieht er aus diesem Wiedersehen?
Catalin Dorian Florescu erzählt die Geschichte dieses Matei auf unterschiedlichen Zeitebenen. Da wäre zum einen sein friedliches Leben vor der Verurteilung. Eine zweite Ebene ist die Zeit der Verbannung, die Catalin Dorian Florescu, trotz all der geschilderten Unmenschlichkeiten die im Namen des Sozialismus vollzogen werden, in einer sehr poetischen, an die Schönheit der Natur dieser Gegend angelegten Sprache erzählt. Dann wäre die Heimkehr und Enttäuschung die Matei nach seiner Entlassung erfährt, Schilderungen, die zu den vielleicht eindringlichsten und berührendsten Szenen dieses Romans gehören. Florescu beschreibt den freudlosen, grauen Alltag unter dem Regime des Diktators Nicolae Ceau?escu, dessen politisch abstrusen auch städtebaulichen Wahnwitzigkeiten, die Rumäniens Städtebild bis in die Gegenwart gezeichnet haben. Und eben jene Ebene, in der es um den einstigen Peiniger und „Henker“ Mateis geht, sowie die Reaktion des einstigen Peinigers auf Mateis Vergeltungsaktionen.
Catalin Dorian Florescu wechselt zwischen diesen Zeitachsen, hält dadurch die Geschichte pulsierend am Leben und schreibt in einem flüssigen, literarisch anspruchsvollen Stil, der diesem dunkelsten Kapitel osteuropäischer Geschichte der Neuzeit angemessen ist.
Catalin Dorian Florescu wurde 1967 im rumänischen Temeswar geboren. 1982 flohen Florescu und seine Eltern in die Schweiz und lebten fortan in Zürich. Hier studierte Catalin Dorian Psychologie und Psychopathologie und arbeitete als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Seit 2001 ist er Schriftsteller, nicht zuletzt aufgrund des Wunsches seiner Mutter. „Meine Mutter wollte, dass ich Schriftsteller werde“, erzählte er in einem Interview. „Ich habe zwei literarische Vornamen: Catalin aus Mihai Eminescus und Dorian kommt aus dem berühmten englischen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.
„Matei entdeckt die Freiheit“ ist Florescus, der unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, mittlerweile achter Roman und gehört ganz sicherlich zu seinen persönlichsten, aufwühlendsten und auch politischsten Büchern.
Jörg Konrad
Catalin Dorian Florescu
„Matei entdeckt die Freiheit“
Rowohlt
„Matei entdeckt die Freiheit“
Rowohlt






























