Zurück zu den neuesten Artikeln...
37. Fürstenfeld: Xiexin Dance Theatre – Schwerelose Sensibilität
38. Fürstenfeld: Duo Forteza - Stimmige Mischung aus Bekannt und Neu
39. Landsberg: Marc Ribot - Kontraste
40. Landsberg: Urban Arts Ensemble Ruhr – Tanzende Botschafter der Realität
41. Regensburg: Auch dieses Jahr der Knaller: das internationale Jazzfestival S...
42. Fürstenfeld: Botticelli Baby – Anarchische Spitzenkapelle
Mittwoch 04.02.2026
Fürstenfeld: Xiexin Dance Theatre – Schwerelose Sensibilität
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Es sind magischer Assoziationen, die die Mitglieder des Xiexin Dance Theatre vermitteln, Bilder von schwärmerischer Schönheit, von harmonischer Eleganz und rhythmischer Anmut. Verschlungene Tänze, die eine Hoffnung des dauernden Miteinanders evozieren und letztendlich doch immer wieder auseinanderdriften. Entrückte Figuren, berückende Motive voller Grazie und kontrollierter Disziplin.
So begann der gestrige Abend des Xiexin Dance Theatre aus Shanghai im Fürstenfelder Stadtsaal. Star-Choreographin Xie Xins war mit ihrer Kompanie vor Ort und hat sich in ihrem Stück „From IN“ auf das Wesentliche und auch das scheinbar Unwesentliche des menschlichen Miteinanders konzentriert und tänzerisch ausgedrückt. Ein leises wie auch sinnliches Spektakel, das aus den Meriten östlicher und westlicher Kultur schöpft und dabei ganz eigene Wege und Stilistiken entwirft.
„From IN“ hat einen engen Bezug zum chinesischen Schriftzeichen für „Mensch“, das aus zwei Strichen besteht. Zwei Linien, zwei Pole, die sich ebenso diametral gegenüber stehen, wie sie auch miteinander in Kontakt treten. Xie Xin versucht auf diese Weise zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln, die Wichtigkeit des Individuums als Einzelwesen tänzerisch zu formulieren, wie auch den Menschen als ein soziales Gruppenwesen darzustellen. Zudem wird das Verhältnis von Raum und Zeit und von Licht und Schatten in Beziehung gesetzt und auf sinnliche Art ausgelotet.
Xie Xins gründete das Xiexin Dance Theatre 2014, im gleichen Jahr, wie sie auch ihre Arbeit als unabhängige Choreografin annahm. Schnell machte sie sich mit ihrer Arbeit einen Namen und wurde zu etlichen Festivals europa- und asienweit eingeladen. Unter anderen zum Colours Dance Festival in Stuttgart, dem Festival Paris Lete in Frankreich, dem STEPS Dance Festival in der Schweiz, dem kroatische Sprite and Hibernik Dance Festival, zur Chinese Dance Biennale und zum Hong Kong Arts Festival.
Der finnische Tänzer, Choreograph und Schauspieler Jorma Uotinen, einstiger künstlerischer Leiter des Kuopio Dance Festivals, schätzt Xie Xins künstlerische Leistung wie folgt ein: „In Xie Xins Arbeit habe ich die Zukunft gefunden, die ich in der Entwicklung des europäischen modernen Tanzes nicht gefunden habe. Ihre Werke sind von einer äußerst sensiblen Einzigartigkeit und Besonderheit“.
Besonders die Sensibilität, mit der ihre Tänzer sich federleicht über die Bühne bewegen, die scheinbare Schwerelosigkeit ihrer Körper, das Vertrauen gegenüber ihren Partnern vermittelt eine Einheit zwischen hohem Anspruch und dessen Umsetzung. Es sind beruhigende Bewegungen, die von schlafwandlerischer Sicherheit zeugen und zu den Wogen elektronischer Sounds und Rhythmen eine breite Schnittstelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem füllen.
Zum Tragen kommt dieser harmonische Flow auch aufgrund der Einfachheit des Bühnenbildes. Eine rechteckige, in abgestuften trüben Weiß gehaltene Unterlage, die von dunklen Stores gerahmt wird. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen weit geschnittene, steingraue, Leinengewänder. Eine beinahe archaische Kulisse, die wie geschaffen scheint, für die zurückhaltenden aber wirkungsvollen Einsätze von warmen Lichtkegeln in matten Farben. Es ist wie ein zeitloser Blick unter die Oberfläche einer beeindruckenden zeitgenössischen Ästhetik.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 03.02.2026
Fürstenfeld: Duo Forteza - Stimmige Mischung aus Bekannt und Neu
Bilder
Fürstenfeld. Es gibt Konzerte, die verbinden Bekanntes mit Neuem und sind genau deshalb interessant. Der Abend der Fürstenfelder Konzertreihe im Stadtsaal versammelte höchst bekannte Werke in einer Besetzung, die wahrscheinlich einmalig ist und nur durch künstlerische Neugier zwischen Musikern zustande kommt. Saxophon als Melodie- und Akkordeon als Akkordinstrument lauteten die Rahmenbedingungen, die individuelle Beziehung war aber deutlich vielfältiger und äußerst spannend. Koryun Asatryan (Saxophon) und Enrique Ugarte (Akkodeon) bilden seit 2005 gemeinsam das „Duo Fortezza“. Unter dem Motto „Fiesta“ präsentierten die Künstler eine Reise durch die Welt.
Das Programm begann mit einem Ende: Der Satz Braziliera, ein veritabler Samba aus der Feder von Darius Milhaud, bildet den krönenden Abschluss der Suite Scaramouche, zündete aber auch hier als Eröffnungsstück. Die angeschliffenen Töne des Saxophons trafen sich mit den pointierten Rhythmen im Akkordeon zu einer einzigartigen Melange. Die Nähe zu Südamerika suchten und fanden Musiker und Publikum auch in den Stücken von Astor Piazzolla, hier zunächst in „Contrabajeando“. Der Part des „Kontrabasses“ (Akkordeon) war dialogisch zu dem des Saxophons angelegt. Die Musik lebte hier nicht nur von den wunderbar präzisen Tönen im Zusammenspiel, sondern mehr noch von den Pausen dazwischen, die klangliche Raffinesse und Witz vermittelten.
Klezmer-Musik tauchte mehrfach im Programm auf, Enrique Ugarte verwies dabei auf das Vorbild, den Klarinettisten Giora Feidman. „Die goldene Hochzeit“ hieß das zu hörende Stück, und Koryun Asatryan wechselte hier zum Sopran-Saxophon. Die mitunter leuchtend grellen Töne seines Instruments waren nicht nur eine spezielle Farbe, sie vermittelten auch einen extrem ausgelassen fröhlichen Charakter und offenbarten in ihrer ganzen Intensität pure Ausdruckskraft. Die Variabilität des Akkordeons sekundierte das Saxophon auf rhythmischer Ebene, trat aber auch melodisch in wunderbare Konkurrenz. Bayern war ebenso im Programm vertreten, und zwar mit Carl Orffs kraftvollem Tanz „Uf dem Anger“ aus dessen „Carmina Burana“. Auch wenn der berühmte „Czardas“ von Vittorio Monti richtig ungarisch klingt, wurde er doch von einem Italiener komponiert. Das schönste an diesem Stück waren die melancholischen Spannungsbögen, die beide Instrumente wie auf dem Silbertablett servierte Seelen klingen ließen.
Maurice Ravels Meisterwerk „Bolero“ durfte im Programm nicht fehlen. Die stetige Wiederholung ist hier Kompositionsprinzip, sekundiert von der Erweiterung der Instrumentation und der dynamischen Entwicklung. Äußerst tempostabil setzten die Musiker auf Veränderungen im Miniaturformat und die Hinzunahme von Klopfgeräuschen. Lustig war es in jedem Fall, und das nicht nur am überraschenden Ende. Mit Chick Corea und seinem Stück „La Fiesta“ statteten die Musiker dem Jazz einen Besuch ab, brachten virtuose Spielfiguren und stark rhythmisch geprägte Passagen ein. Dabei überformten sie den Klang und setzten auf gut gelaunte und knallige Farben.
Die Frage, warum eine detaillierte Auflistung der Programmfolge nur Makulatur blieb und durch kurzweilige Ankündigungen ersetzt wurde, blieb unbeantwortet. Nicht erst mit dem berühmten „Säbeltanz“ von Aram Chatschaturjan als Zugabe wurden die Musiker vom Publikum am Ende gefeiert. Sie hatten musikalisch alles richtig gemacht.
Klaus Mohr
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 02.02.2026
Landsberg: Marc Ribot - Kontraste
Bilder
Landsberg. Marc Ribot hat als Musiker eine völlig eigenständige Philosophie entwickelt. Und diese existiert und treibt empor auf der Grundlage einer stilistischen „Charakterlosigkeit“. Das mag paradox klingen, entspringt aber dem Wunsch des Gitarristen, sich kreativ nicht einschränken zu wollen. Schließlich gibt es für ihn nur gute oder schlechte Musik. Egal ob Blues, Folk, Soul, Latin, Rock'n Roll, Songs aus dem politischen Widerstand, Avantgarde – seine persönlichen Grenzen in der Auswahl von Mitteln und Möglichkeiten sind unbegrenzt und fließend. Am Samstag saß der 1954 in Newark, New Jersey geborene Virtuose mutterseelenallein auf der Bühne des Landsberger Stadttheaters und lieferte eine Lehrstunde in Sachen akustischer Individualität.
Dabei agiert Ribot auf seinem Saiteninstrument noch ebenso sperrig kreativ, wie zu Beginn seiner Laufbahn, die mittlerweile über fünf Jahrzehnte zurückliegt und unter anderem an der Seite des Soulsängers Wilson Pickett begann. Heute hingegen: Statt Beschränkung lustvolle, auch ironisch gebrochene Hingabe. So zitiert und kommentiert er bitter spottend einen amerikanischen Präsidenten, dessen Namen man gar nicht aussprechen will. Dazu bearbeitet er schroff das vom Alter gezeichnete Saiteninstrument, zelebriert launisch abenteuerlastige Improvisationen, spielt filigrane Jazzlicks, streift leise provokant die Harmonien von Bella Ciao (einem Partisanenlied, das auf seinem Album „Songs Of Resistance“ von Tom Waits gesungen wurde) und rutscht als Kontrast plötzlich wieder hinüber, in den Bereich traumhaft melancholischer Songwritinger.
Ribot folgt seinem Ego, bricht passend Harmonien und bündelt Ideen zu einer akustischen Kakaphonie, gleitet hinab in klassischen Schönklang, um im nächsten Moment unsere Welt ungeschminkt ins akustische Visier zu nehmen.
Seine Musik war noch nie von ausuferndem Equipment oder sündhaft teuren Instrumenten abhängig. Zur Not gibt er auf einer einfachen 20 Dollar-Gitarre begeisternde Auftritte und bewegt sich, wenn man schon Vergleiche bemühen will, in dieser Präsenz zwischen dem kürzlich in Rom verstorbenen Ralph Towner und dem kompromisslosen Derek Bailey.
Ribot selbst ringt dabei um jeden Ton, achtet weniger aufs Tempo (obwohl er mit dessen Forcierung ganz gewiss keine Schwierigkeiten hätte) und ist weiß Gott auch nicht derjenige, der versucht mit seinen Melodien Lagerfeuerromantik zu entfachen.
Die meisten identifizieren mich mit dem Sound, den ich auf den Platten von Tom Waits vorgelegt habe. Doch ich habe es in den letzten Jahren vermieden, im Sound der Waits-Platten zu spielen“, erzählte Ribot vor einer Zeit in einem Interview. Das letzte offizielle Waits-Album mit Ribot als Gast liegt schon knapp eineinhalb Jahrzehnte zurück. Und tatsächlich spielt der Ausnahmegitarrist heute völlig anders. Er interpretiert noch freier, auch radikaler, sein Spiel ist transparenter und scheint wendiger. Vor allem in den Soloauftritten kann er deutlicher aus seinen Träumen, seinem Protest, seiner Wut und seinen Hoffnungen heraus Musik gestalten, die allein seinem Charakter entspricht. Die musikalische Offenbarung einer, seiner Seele.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 29.01.2026
Landsberg: Urban Arts Ensemble Ruhr – Tanzende Botschafter der Realität
Bilder
Bilder
Fotos: Oliver Look
Landsberg. Sie bringen Freestyle, Breaking, Krumping und auch Graffiti auf die Bühne. Street-Dance als transkulturelles Kommunikationsmedium – mit dem Urban Arts Ensemble Ruhr, dem ersten landesgeförderten Ensemble, das Hip-Hop-Kultur sichtbar macht. Am Mittwoch war die Truppe im Stadttheater in Landsberg und präsentierte den Underground der Großstadt. Nicht auf Spitzenschuhen und nicht im Pas de Deux - die Kompanie bewegte sich in zeitgenössischen Bewegungsexperimenten, akrobatisch gestikulierend und gegen die Schwerkraft ankämpfend. Das Podium als friedliches Mit- und Gegeneinander in Olympia-Manier nutzend, jedoch ohne Medaillen und Siegpodest (Breakdance sollte 2024 tatsächlich olympische Disziplin werden).
Es sind verschlungene, archaische Figuren, die die sieben Tänzer entwerfen, Bewegungen der Trauer und der Hoffnung, der Rivalität und des Überlebens, der Enttäuschung und der Wut. Eine oft verzweifelt wirkende Suche in einer fremden Welt. Wo sind sie, die Räume für die eigene Identität von Jugendlichen, die Plätze für die ganz persönlichen Wünsche und Erfüllungen? Sich eher anpassen oder mit Energie gegen den Strom schwimmen?
Die Mitglieder des Urban Arts Ensemble Ruhr sind in ihren grauen Capes eine aus Individualitäten zusammengesetzte Einheit. Sie stammen aus Deutschland, Belarus, Mexiko, Zypern und der Ukraine und haben aufgrund ihrer Obsession keine Schwierigkeiten der inneren Verständigung.
Dafür sorgt nicht zuletzt Rauf Yasit. Er ist Choreograf, Regisseur, Tänzer und bildender Künstler, wurde in Deutschland geboren und lebt in Los Angeles. Sein szenografisch inszeniertes Bühnenbild, seine Solofiguren, Bewegungsrituale und Gruppentänze in dem von ihm inszenierten Stück „Cracks“ sind Ausdruck einer eigenen Kulturbewegung, die breite Spuren hinterlässt.
Alle Tänzer kommen querbeet aus dem Ruhrgebiet und probten über Jahre in einmem leerstehenden Kaufhaus im Herner Ortsteil Wanne-Eickel. So wie Rauf Yasit sind sie alle Autodidakten der Straße, investieren jede freie Minute in Breakdance. Entwickeln selbst Figuren und Motive und beherrschen und füllen, Dank ihres Mentoren, die fünf grundlegenden Elemente der Choreographie: Körper, Handlung, Raum, Zeit und Energie. Und sie arbeiten strikt nach der Maxime ihres Chefs, der vor Jahren einmal sagte: „Beim Breakdance ist es ganz normal, dass man sich seine eigene Identität erarbeitet.“ Man entwickelt sich mit physischer Vehemenz zu tanzenden Botschaftern der Realität.
In „Cracks“ finden diese Individualitäten auch improvisierend eine Einheit – nicht zuletzt Dank eines oft düsteren, aus Ambient-, Drone- und Klassikeinheiten gemixten Hip-Hop-Sounds. Er bringt eine urbane Unruhe, den Schmerz des Alltags und die sich überlagernden und aberwitzigen Realitäten bedrohlich zum Ausdruck. Das Paradies ist woanders.
Letztendlich macht das Urban Arts Ensemble Ruhr dem Publikum deutlich: Hip-Hop-Kunst und etablierter zeitgenössischer Tanz sind keine Gegensätze.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 28.01.2026
Regensburg: Auch dieses Jahr der Knaller: das internationale Jazzfestival Sparks & Visions!
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: Thomas J. Krebs
Regensburg. Was braucht ein Jazzfestival um erfolgreich zu sein? Das ist das große Geheimnis! Das internationale Jazzfestival Sparks & Visions im Regensburger Theater jedenfalls war auch dieses Jahr wieder eine gelungene, erfolgreiche Veranstaltung und das in jeder Hinsicht: Ambiente und Akustik des klassizistischen Theaters - einmalig. Das Line-up - abwechslungsreich und gleichzeitig sensationell. Die Stimmung der Musiker und des Publikums miteinander - kommunikativ, ein großartiges, gleichzeitig konzentriertes Miteinander.
Wenn sich Gegensätze anziehen, sich trotz unterschiedlicher musikalischer Genres Gemeinsamkeiten ergeben und sich daraus Neues entwickelt, hat die Festivalleitung alles richtig gemacht. Dass Musiker mit Jetlag eintreffen, sich die Bahn verspätet und man in letzter Minute eintrifft, Instrumente auf der Reise einen anderen Weg einschlagen als die Musiker, das lässt sich nicht einplanen, passiert aber nun mal. Da heißt es für das erfahrene Festivalteam vermitteln, umsorgen und für gute Vibes sorgen.
Die Konzerte des Sparks & Visions Festivals waren auch dieses Jahr spannend und vielfältig zusammengestellt. Den Auftakt bestritt das Duo um Vokalistin Leïla Martial mit Cellist Valentin Ceccaldi, eine faszinierende Melange aus Klassik, Improvisation und Chanson. Die Solo Performance des Pianisten Nitai Hershkovitz entführte das Publikum in seinen impressionistisch, melodiös geprägten Kosmos und zum Abschluss ließ das Quintett des norwegischen Saxophonisten Marius Neset den Abend mit lupenreinem, kraftvollen nordischen Jazz ausklingen.
Auch der zweite Abend war bestimmt von musikalischen Überraschungen und einem ausgesprochen vielseitigen Programm. Die ungarische Gitarristin Zsófia Boros eröffnete den Abend mit klassischen Klängen, danach präsentierte der schwedische Bassist Björn Meyer Kompositionen und Improvisationen aus seinem aktuellen Soloalbum. Abschließend dann eine Weltpremiere: die beiden ECM Künstler Boros und Meyer mit einem gemeinsam arrangierten Stück zum Schluss ihres bejubelten Auftritts. Das dänische Quartet um die Pianistin Makiko Hirabayshi überzeugte mit ihrem Ensemble Weavers klanglich wandelnd zwischen Barock, Jazz und Gegenwart. Knaller und gleichzeitig Highlight des zweiten Abends war Pianist, Sänger und Komponist Reuben James, der das Theater bereits nach dem ersten Stück zum Beben brachte und das Publikum restlos begeisterte. Es muss nicht immer purer Jazz sein. Intelligente Grooves, spielerisches Können, gepaart mit überzeugendem Entertainment hinterlassen einen bleibenden Eindruck und ein in den Reihen tanzendes (!) Publikum. Da bahnt sich Großes an bei Reuben James, wenn er dran bleibt und sein Ding macht!
Irgendwann neigt sich jedes Festival dem Ende entgegen, aber die beiden Matineekonzerte am Sonntagvormittag hatten es noch einmal in sich. Daniel Erdmanns Velvet Revolution mit Jelena Kulji?, Jim Hart und Fabiania Striffler spielten abwechslungsreich, intensiv frisch Eigenkompositionen und Velvet Underground Cover, musikalisch herrlich unkonventionell, gespickt mit wunderbaren Improvisationen, die ausdruckstark mit Verve und Witz faszinierten.
Den Abschluss des Festivals bestritt zum ersten Mal eine Künstlerin aus den USA, die Harfenistin Brandee Younger. Eingefleischten Jazzfans ist sie bereits länger ein Begriff. Sie mischt die Jazz-Szene mit ihrem innovativen Spiel momentan richtig auf und stellte mit ihrem Trio eindrucksvoll unter Beweis, dass die Konzertharfe nach wie vor ihren Platz im Jazz hat.
Sparks & Visions - der Name war auch im vierten Festivaljahr wieder Programm. Es funkelte auf der Bühne, die Musiker präsentierten ihre Visionen in unterschiedlichen Bands und Projekten. Das Ganze war eine Riesensause vom ersten bis zum letzten Ton. Da darf man gespannt sein, was sich Anastasia Wolkenstein mit ihrem Team im nächsten Jahr einfallen lässt. Die Messlatte ist hoch, aber zum Glück ist und bleibt es im Jazz immer spannend, visionär und … faszinierend funkelnd.
Text & Fotos: Thomas J. Krebs
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 23.01.2026
Fürstenfeld: Botticelli Baby – Anarchische Spitzenkapelle
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Für eins können Botticelli Baby zu einhundert Prozent garantieren: Für unorthodoxe und nicht unbedingt kommerzielle Musik. Aber auf die Frage, wo man denn diese Band stilistisch eigentlich genau einordnet, will einem partout kein Schubfach einfallen, in dem man diesen heißen Sound verstaut. Was die Babys spielen ist weder Swing, noch Blues, kein Boogie Woogie, und kein Punk, ist weder Folklore noch Soul, erst recht kein Schlager. Und doch zirkulierte bei den sechs Rebellen am Mittwochabend im Fürstenfelder Stadtsaal von jeder Strömung zumindest etwas in deren Blut. Marlon Bösherz, ein Dompteur, der selbst zum Löwen wird, brachte hier samt seiner anarchischen Spitzenkapelle die Luft zum vibrieren, mischte jeden Gedanken an kreuzbraves Musikantentum kompromisslos auf. Der Abend wurde zu einem Fest für all jene, denen schweißtreibender Groove und ungefilterte Energie über alles geht und die zudem ein untrügliches Gespür für intelligente Musik haben.
Gegründet 2012 in Essen wollten sich Botticelli Baby von Beginn an stilistisch nicht festlegen (lassen). Sie spielten schon immer Musik - eben wegen der Musik. Dafür war den seelenverwandten Wilderern jeder Ausdruck recht – nur intensiv sollte es sein, druckvoll, ungestüm und vor allem entschlossen gespielt.
Aber passt denn eine solche Musik in traditionsreiche Jazzreihen, wie JazzFirst eine ist? Natürlich, möchte man ausrufen, wohin denn sonst. Entgrenzte Musik lebt von praktizierter Freiheit, manchmal auch von Frechheit, von Maniriertheit, von dem unbedingten Willen, Unerwartetes zu tun. Und dieser Gedanke klanglicher Freiheit ist nun einmal auch ein wichtiges Merkmal des Jazz. Sicher nicht sein einziges – aber ohne Freiheit letztendlich kein Jazz.
Und so drehten am Mittwoch Marlon Bösherz (Gesang, Bass, schräge Moderation), Lion Wegmann (Keyboards), Jörg Buttler (Gitarre), Maximilian Wehner (Posaune), Thomas Rieder (Trompete) und Tom Hellenthal (Schlagzeug) auf der Bühne ihre Runden, erinnerten an die Ballsäle der 1920er Jahre, die Bläsersätze im JazzRock der 1970er Jahre, die Energie südosteuropäischer Folklore-Vulkane, an ungepflasterte Straße und kollabierende Großstadtmetropolen. Welche Band beginnt einen Live-Auftritt schon mit einer Ballade? Oder trifft trotz unbändiger Intensität und Hochgeschwindigkeit diszipliniert jeden Ton? Hier hängt keiner sein Fähnchen in den Wind. Die Kontroverse ist gewollt. Sicher, diese Klang-Philosophie ist nicht ganz ungefährlich. Aber der Erfolg gibt Botticelli Baby letztlich recht – mit einer Musik, die ebenso roh vertrackt, wie auch lyrisch faszinierend klingt. Wie das Leben selbst!
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2026 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.