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7. Landsberg: Marc Ribot - Kontraste
8. Landsberg: Urban Arts Ensemble Ruhr – Tanzende Botschafter der Realität
9. Regensburg: Auch dieses Jahr der Knaller: das internationale Jazzfestival S...
10. Fürstenfeld: Botticelli Baby – Anarchische Spitzenkapelle
11. Landsberg: Clair-Obscur – Geerdete Saxophone
12. Ralph Towner (geb. 01. März 1940 Chehalis, Washington, gest. 18. Januar 20...
Montag 02.02.2026
Landsberg: Marc Ribot - Kontraste
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Landsberg. Marc Ribot hat als Musiker eine völlig eigenständige Philosophie entwickelt. Und diese existiert und treibt empor auf der Grundlage einer stilistischen „Charakterlosigkeit“. Das mag paradox klingen, entspringt aber dem Wunsch des Gitarristen, sich kreativ nicht einschränken zu wollen. Schließlich gibt es für ihn nur gute oder schlechte Musik. Egal ob Blues, Folk, Soul, Latin, Rock'n Roll, Songs aus dem politischen Widerstand, Avantgarde – seine persönlichen Grenzen in der Auswahl von Mitteln und Möglichkeiten sind unbegrenzt und fließend. Am Samstag saß der 1954 in Newark, New Jersey geborene Virtuose mutterseelenallein auf der Bühne des Landsberger Stadttheaters und lieferte eine Lehrstunde in Sachen akustischer Individualität.
Dabei agiert Ribot auf seinem Saiteninstrument noch ebenso sperrig kreativ, wie zu Beginn seiner Laufbahn, die mittlerweile über fünf Jahrzehnte zurückliegt und unter anderem an der Seite des Soulsängers Wilson Pickett begann. Heute hingegen: Statt Beschränkung lustvolle, auch ironisch gebrochene Hingabe. So zitiert und kommentiert er bitter spottend einen amerikanischen Präsidenten, dessen Namen man gar nicht aussprechen will. Dazu bearbeitet er schroff das vom Alter gezeichnete Saiteninstrument, zelebriert launisch abenteuerlastige Improvisationen, spielt filigrane Jazzlicks, streift leise provokant die Harmonien von Bella Ciao (einem Partisanenlied, das auf seinem Album „Songs Of Resistance“ von Tom Waits gesungen wurde) und rutscht als Kontrast plötzlich wieder hinüber, in den Bereich traumhaft melancholischer Songwritinger.
Ribot folgt seinem Ego, bricht passend Harmonien und bündelt Ideen zu einer akustischen Kakaphonie, gleitet hinab in klassischen Schönklang, um im nächsten Moment unsere Welt ungeschminkt ins akustische Visier zu nehmen.
Seine Musik war noch nie von ausuferndem Equipment oder sündhaft teuren Instrumenten abhängig. Zur Not gibt er auf einer einfachen 20 Dollar-Gitarre begeisternde Auftritte und bewegt sich, wenn man schon Vergleiche bemühen will, in dieser Präsenz zwischen dem kürzlich in Rom verstorbenen Ralph Towner und dem kompromisslosen Derek Bailey.
Ribot selbst ringt dabei um jeden Ton, achtet weniger aufs Tempo (obwohl er mit dessen Forcierung ganz gewiss keine Schwierigkeiten hätte) und ist weiß Gott auch nicht derjenige, der versucht mit seinen Melodien Lagerfeuerromantik zu entfachen.
Die meisten identifizieren mich mit dem Sound, den ich auf den Platten von Tom Waits vorgelegt habe. Doch ich habe es in den letzten Jahren vermieden, im Sound der Waits-Platten zu spielen“, erzählte Ribot vor einer Zeit in einem Interview. Das letzte offizielle Waits-Album mit Ribot als Gast liegt schon knapp eineinhalb Jahrzehnte zurück. Und tatsächlich spielt der Ausnahmegitarrist heute völlig anders. Er interpretiert noch freier, auch radikaler, sein Spiel ist transparenter und scheint wendiger. Vor allem in den Soloauftritten kann er deutlicher aus seinen Träumen, seinem Protest, seiner Wut und seinen Hoffnungen heraus Musik gestalten, die allein seinem Charakter entspricht. Die musikalische Offenbarung einer, seiner Seele.
Jörg Konrad
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Donnerstag 29.01.2026
Landsberg: Urban Arts Ensemble Ruhr – Tanzende Botschafter der Realität
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Fotos: Oliver Look
Landsberg. Sie bringen Freestyle, Breaking, Krumping und auch Graffiti auf die Bühne. Street-Dance als transkulturelles Kommunikationsmedium – mit dem Urban Arts Ensemble Ruhr, dem ersten landesgeförderten Ensemble, das Hip-Hop-Kultur sichtbar macht. Am Mittwoch war die Truppe im Stadttheater in Landsberg und präsentierte den Underground der Großstadt. Nicht auf Spitzenschuhen und nicht im Pas de Deux - die Kompanie bewegte sich in zeitgenössischen Bewegungsexperimenten, akrobatisch gestikulierend und gegen die Schwerkraft ankämpfend. Das Podium als friedliches Mit- und Gegeneinander in Olympia-Manier nutzend, jedoch ohne Medaillen und Siegpodest (Breakdance sollte 2024 tatsächlich olympische Disziplin werden).
Es sind verschlungene, archaische Figuren, die die sieben Tänzer entwerfen, Bewegungen der Trauer und der Hoffnung, der Rivalität und des Überlebens, der Enttäuschung und der Wut. Eine oft verzweifelt wirkende Suche in einer fremden Welt. Wo sind sie, die Räume für die eigene Identität von Jugendlichen, die Plätze für die ganz persönlichen Wünsche und Erfüllungen? Sich eher anpassen oder mit Energie gegen den Strom schwimmen?
Die Mitglieder des Urban Arts Ensemble Ruhr sind in ihren grauen Capes eine aus Individualitäten zusammengesetzte Einheit. Sie stammen aus Deutschland, Belarus, Mexiko, Zypern und der Ukraine und haben aufgrund ihrer Obsession keine Schwierigkeiten der inneren Verständigung.
Dafür sorgt nicht zuletzt Rauf Yasit. Er ist Choreograf, Regisseur, Tänzer und bildender Künstler, wurde in Deutschland geboren und lebt in Los Angeles. Sein szenografisch inszeniertes Bühnenbild, seine Solofiguren, Bewegungsrituale und Gruppentänze in dem von ihm inszenierten Stück „Cracks“ sind Ausdruck einer eigenen Kulturbewegung, die breite Spuren hinterlässt.
Alle Tänzer kommen querbeet aus dem Ruhrgebiet und probten über Jahre in einmem leerstehenden Kaufhaus im Herner Ortsteil Wanne-Eickel. So wie Rauf Yasit sind sie alle Autodidakten der Straße, investieren jede freie Minute in Breakdance. Entwickeln selbst Figuren und Motive und beherrschen und füllen, Dank ihres Mentoren, die fünf grundlegenden Elemente der Choreographie: Körper, Handlung, Raum, Zeit und Energie. Und sie arbeiten strikt nach der Maxime ihres Chefs, der vor Jahren einmal sagte: „Beim Breakdance ist es ganz normal, dass man sich seine eigene Identität erarbeitet.“ Man entwickelt sich mit physischer Vehemenz zu tanzenden Botschaftern der Realität.
In „Cracks“ finden diese Individualitäten auch improvisierend eine Einheit – nicht zuletzt Dank eines oft düsteren, aus Ambient-, Drone- und Klassikeinheiten gemixten Hip-Hop-Sounds. Er bringt eine urbane Unruhe, den Schmerz des Alltags und die sich überlagernden und aberwitzigen Realitäten bedrohlich zum Ausdruck. Das Paradies ist woanders.
Letztendlich macht das Urban Arts Ensemble Ruhr dem Publikum deutlich: Hip-Hop-Kunst und etablierter zeitgenössischer Tanz sind keine Gegensätze.
Jörg Konrad
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Mittwoch 28.01.2026
Regensburg: Auch dieses Jahr der Knaller: das internationale Jazzfestival Sparks & Visions!
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Fotos: Thomas J. Krebs
Regensburg. Was braucht ein Jazzfestival um erfolgreich zu sein? Das ist das große Geheimnis! Das internationale Jazzfestival Sparks & Visions im Regensburger Theater jedenfalls war auch dieses Jahr wieder eine gelungene, erfolgreiche Veranstaltung und das in jeder Hinsicht: Ambiente und Akustik des klassizistischen Theaters - einmalig. Das Line-up - abwechslungsreich und gleichzeitig sensationell. Die Stimmung der Musiker und des Publikums miteinander - kommunikativ, ein großartiges, gleichzeitig konzentriertes Miteinander.
Wenn sich Gegensätze anziehen, sich trotz unterschiedlicher musikalischer Genres Gemeinsamkeiten ergeben und sich daraus Neues entwickelt, hat die Festivalleitung alles richtig gemacht. Dass Musiker mit Jetlag eintreffen, sich die Bahn verspätet und man in letzter Minute eintrifft, Instrumente auf der Reise einen anderen Weg einschlagen als die Musiker, das lässt sich nicht einplanen, passiert aber nun mal. Da heißt es für das erfahrene Festivalteam vermitteln, umsorgen und für gute Vibes sorgen.
Die Konzerte des Sparks & Visions Festivals waren auch dieses Jahr spannend und vielfältig zusammengestellt. Den Auftakt bestritt das Duo um Vokalistin Leïla Martial mit Cellist Valentin Ceccaldi, eine faszinierende Melange aus Klassik, Improvisation und Chanson. Die Solo Performance des Pianisten Nitai Hershkovitz entführte das Publikum in seinen impressionistisch, melodiös geprägten Kosmos und zum Abschluss ließ das Quintett des norwegischen Saxophonisten Marius Neset den Abend mit lupenreinem, kraftvollen nordischen Jazz ausklingen.
Auch der zweite Abend war bestimmt von musikalischen Überraschungen und einem ausgesprochen vielseitigen Programm. Die ungarische Gitarristin Zsófia Boros eröffnete den Abend mit klassischen Klängen, danach präsentierte der schwedische Bassist Björn Meyer Kompositionen und Improvisationen aus seinem aktuellen Soloalbum. Abschließend dann eine Weltpremiere: die beiden ECM Künstler Boros und Meyer mit einem gemeinsam arrangierten Stück zum Schluss ihres bejubelten Auftritts. Das dänische Quartet um die Pianistin Makiko Hirabayshi überzeugte mit ihrem Ensemble Weavers klanglich wandelnd zwischen Barock, Jazz und Gegenwart. Knaller und gleichzeitig Highlight des zweiten Abends war Pianist, Sänger und Komponist Reuben James, der das Theater bereits nach dem ersten Stück zum Beben brachte und das Publikum restlos begeisterte. Es muss nicht immer purer Jazz sein. Intelligente Grooves, spielerisches Können, gepaart mit überzeugendem Entertainment hinterlassen einen bleibenden Eindruck und ein in den Reihen tanzendes (!) Publikum. Da bahnt sich Großes an bei Reuben James, wenn er dran bleibt und sein Ding macht!
Irgendwann neigt sich jedes Festival dem Ende entgegen, aber die beiden Matineekonzerte am Sonntagvormittag hatten es noch einmal in sich. Daniel Erdmanns Velvet Revolution mit Jelena Kulji?, Jim Hart und Fabiania Striffler spielten abwechslungsreich, intensiv frisch Eigenkompositionen und Velvet Underground Cover, musikalisch herrlich unkonventionell, gespickt mit wunderbaren Improvisationen, die ausdruckstark mit Verve und Witz faszinierten.
Den Abschluss des Festivals bestritt zum ersten Mal eine Künstlerin aus den USA, die Harfenistin Brandee Younger. Eingefleischten Jazzfans ist sie bereits länger ein Begriff. Sie mischt die Jazz-Szene mit ihrem innovativen Spiel momentan richtig auf und stellte mit ihrem Trio eindrucksvoll unter Beweis, dass die Konzertharfe nach wie vor ihren Platz im Jazz hat.
Sparks & Visions - der Name war auch im vierten Festivaljahr wieder Programm. Es funkelte auf der Bühne, die Musiker präsentierten ihre Visionen in unterschiedlichen Bands und Projekten. Das Ganze war eine Riesensause vom ersten bis zum letzten Ton. Da darf man gespannt sein, was sich Anastasia Wolkenstein mit ihrem Team im nächsten Jahr einfallen lässt. Die Messlatte ist hoch, aber zum Glück ist und bleibt es im Jazz immer spannend, visionär und … faszinierend funkelnd.
Text & Fotos: Thomas J. Krebs
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Freitag 23.01.2026
Fürstenfeld: Botticelli Baby – Anarchische Spitzenkapelle
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Fürstenfeld. Für eins können Botticelli Baby zu einhundert Prozent garantieren: Für unorthodoxe und nicht unbedingt kommerzielle Musik. Aber auf die Frage, wo man denn diese Band stilistisch eigentlich genau einordnet, will einem partout kein Schubfach einfallen, in dem man diesen heißen Sound verstaut. Was die Babys spielen ist weder Swing, noch Blues, kein Boogie Woogie, und kein Punk, ist weder Folklore noch Soul, erst recht kein Schlager. Und doch zirkulierte bei den sechs Rebellen am Mittwochabend im Fürstenfelder Stadtsaal von jeder Strömung zumindest etwas in deren Blut. Marlon Bösherz, ein Dompteur, der selbst zum Löwen wird, brachte hier samt seiner anarchischen Spitzenkapelle die Luft zum vibrieren, mischte jeden Gedanken an kreuzbraves Musikantentum kompromisslos auf. Der Abend wurde zu einem Fest für all jene, denen schweißtreibender Groove und ungefilterte Energie über alles geht und die zudem ein untrügliches Gespür für intelligente Musik haben.
Gegründet 2012 in Essen wollten sich Botticelli Baby von Beginn an stilistisch nicht festlegen (lassen). Sie spielten schon immer Musik - eben wegen der Musik. Dafür war den seelenverwandten Wilderern jeder Ausdruck recht – nur intensiv sollte es sein, druckvoll, ungestüm und vor allem entschlossen gespielt.
Aber passt denn eine solche Musik in traditionsreiche Jazzreihen, wie JazzFirst eine ist? Natürlich, möchte man ausrufen, wohin denn sonst. Entgrenzte Musik lebt von praktizierter Freiheit, manchmal auch von Frechheit, von Maniriertheit, von dem unbedingten Willen, Unerwartetes zu tun. Und dieser Gedanke klanglicher Freiheit ist nun einmal auch ein wichtiges Merkmal des Jazz. Sicher nicht sein einziges – aber ohne Freiheit letztendlich kein Jazz.
Und so drehten am Mittwoch Marlon Bösherz (Gesang, Bass, schräge Moderation), Lion Wegmann (Keyboards), Jörg Buttler (Gitarre), Maximilian Wehner (Posaune), Thomas Rieder (Trompete) und Tom Hellenthal (Schlagzeug) auf der Bühne ihre Runden, erinnerten an die Ballsäle der 1920er Jahre, die Bläsersätze im JazzRock der 1970er Jahre, die Energie südosteuropäischer Folklore-Vulkane, an ungepflasterte Straße und kollabierende Großstadtmetropolen. Welche Band beginnt einen Live-Auftritt schon mit einer Ballade? Oder trifft trotz unbändiger Intensität und Hochgeschwindigkeit diszipliniert jeden Ton? Hier hängt keiner sein Fähnchen in den Wind. Die Kontroverse ist gewollt. Sicher, diese Klang-Philosophie ist nicht ganz ungefährlich. Aber der Erfolg gibt Botticelli Baby letztlich recht – mit einer Musik, die ebenso roh vertrackt, wie auch lyrisch faszinierend klingt. Wie das Leben selbst!
Jörg Konrad
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Mittwoch 21.01.2026
Landsberg: Clair-Obscur – Geerdete Saxophone
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Foto: Michael Jungblut
Landsberg. Saxophon-Quartette im Jazz? Natürlich, gab und gibt es einige. Aber auch in der Klassik? Clair-Obscur ist nur eines von vielen. Am Samstagabend gastierten die Berliner im schon seit Wochen ausverkauften Rathaussaal in Landsberg. Ein Highlight der Reihe, was zeigt, wie vielfältig die Szene und wie aufgeschlossen das hiesige Publikum ist.
Dabei wird die erste Komposition für das von dem Belgier Adolphe Sax erfundene Saxophon Hector Berlioz zugeschrieben, dem französischen Romantiker. Später kamen George Bizet, Cesar Franck und auch Claude Debussy hinzu, bevor Marschkapellen und dann erst der Jazz das Instrument für sich entdeckten.
Bei Clair-Obscur standen Orchestrierungen von Kompositionen aus zwei Jahrhunderten auf dem Programm. Auf Tenor-, Alt-, Bariton- und Sopransaxophon präsentierte das Quartett, bis auf den weniger bekannten Komponisten Bohuslav Martinu, unterschiedliche „Eveergreens“ der Musikgeschichte. Dem Tschechen rückte das Quartett mit seiner obskuren Ballettmusik „La Revue de Cuisine“, zu deutsch „Küchenrevue“, zu Leibe. Es ist die Liebesgeschichte zwischen einem Topfdeckel, einem Topf, einem Quirl und manch anderen Küchenutensilien, geschrieben 1928 in Paris, zur Hochzeit des Surrealismus und des Absurden.
Eröffnet aber wurde der Abend mit den beschwingten wie populären Melodien aus Giachino Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“. Das wunderbar dynamische Ineinandergreifen der unterschiedlichen Saxophonstimmen und deren rhythmischen Verschiebungen vermittelten etwas erfrischend Vitales und Anregendes.
Zwei der insgesamt sechzehn Slawischen Tänze Antonin Dvoraks brachten die atmosphärische Vielschichtigkeit dieser Kompositionen zum Ausdruck. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von Instrumentalstücken, ursprünglich geschrieben für Klavier zu vier Händen, für die Dvorak übrigens sein erstes Komponistenhonorar erhielt.
Nach der Pause zog mit Philip Glass' „Mishima“ kurzzeitig ein Hauch hypnotisch-meditativer Stimmung ein. Minimal Music mit ihren ruhigen Wiederholungsmustern und Phasenverschiebungen als Gegenmodell zu überkomplexer Virtuosität.
Danach dann großes Kino. Ennio Morricones Soundtrack „C’era una volta il West“, in den deutschsprachigen Ländern bekannt unter dem Titel „Spiel mir das Lied vom Tod“, gehört wohl zu den eindrücklichsten und erfolgreichsten Beispielen der Wirkung von Filmmusik. Christoph Enzel (Tenor), der sämtliche Arrangements dieses Abends schrieb, gelang eine feinnervige wie wirksame Übersetzung des 1968 eingespielten und über 10 Millionen Mal verkauften Orchester-Originals auf die Einzelstimmen seiner Instrumentalkollegen Maike Krullmann (Alt), Kathi Wagner (Bariton) und Carlos Giménez (Sopran). Eine Interpretation, die Bilder evozierte, Filmlandschaften heraufbeschwor, in ihrer ruhigen, schlanken Umsetzung berührte.
Zum Abschluss gab es noch Ausschnitte aus Leonard Bernsteins „West Side Story“, diesem 1957 uraufgeführten Hybrid aus Klassik und Pop. Auch hier beeindruckte einmal mehr das breite Klangspektrum dieser Besetzung, die Klarheit im Zusammenspiel der unterschiedlichen Stimmen. Trotz aller Disziplin, mit der Clair-Obscure ihr Repertopire umsetzte, war es auch diese gewisse Lässigkeit, die die Musik erdete und mit der das Quartett das Publikum begeisterte.
Jörg Konrad
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Dienstag 20.01.2026
Ralph Towner (geb. 01. März 1940 Chehalis, Washington, gest. 18. Januar 2026 Rom)
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Ralph Towner
„At First Light“
ECM

Sein erstes Album für ECM München spielte Ralph Towner im November 1972 in New York ein. Die Besetzung für „Trios / Solos“ bestand aus ihm vertrauten Musikern, mit denen der aus Chehalis, Washington stammende Gitarrist schon zuvor in der stilistisch zwischen Kammer- und Weltmusik pendelnden Band Oregon zusammen arbeitete. Doch schon seine zweite Veröffentlichung, nur fünf Monate später im legendären Tonstudio Bauer in Ludwigsburg umgesetzt, war ein Solowerk, das deutlich die Richtung vorgab, in die sich der Amerikaner in Zukunft entwickeln sollte: Unprätentiöse, substanzielle, raffiniert anrührende Gitarrenlyrik.
Towner gehört zu jenen Instrumentalisten, der sich im Laufe ihrer lang anhaltenden Karriere, er wurde am 1. März dieses Jahres 83 Jahre alt, nie um Moden oder Zeitgeistströmungen sorgte, sondern sich und seinem künstlerischen Ansatz immer treu geblieben ist.
„At First Light“ ist ein in seiner akustisch subtilen Art wieder einmal überwältigendes Werk, das Towners ganzes Klangspektrum in transparenter Hingabe zum klingen bringt. Allein auf der klassischen Gitarre entwirft und vollendet er einen Kosmos von inbrünstiger Poesie, dessen tiefes humanes Anliegen die gesamte Aufnahme bestimmt. Er nimmt sich Zeit, Figuren zu entwickeln, diese feinsinnig miteinander zu verzahnen und so ein Netz von Sinneseindrücken entstehen zu lassen, deren Grundgestus tief berührt. Als Grundstock nutzt er sein bemerkenswertes kompositorisches Geschick und improvisiert an den Themen entlang – in einer Art, die an den großen Bill Evans erinnert. „Meine Soloaufnahmen“, erzählt Towner im Zusammenhang mit der vorliegenden Aufnahme, „beinhalteten immer meine eigenen Kompositionen, in denen Spurenelemente der Komponisten und Musiker enthalten sind, die mich im Laufe der Jahre angezogen haben. Musiker wie George Gershwin, John Coltrane, John Dowland, Bill Evans, um nur einige zu nennen. Die Mischung aus Keyboard- und Gitarrentechniken ist ein wichtiger Aspekt meines Spiels und meiner Komposition, und ich denke, dass dieses Album ein gutes Beispiel dafür ist, wie ich diese Bandbreite an Einflüssen in meine persönliche Musik einfließen lasse.“
Ein Towner-Album erkennt man meist schon nach nur wenigen Sekunden. Sofort ist man eingewoben in diese eleganten wie alltäglichen Tagträumereien, deren Intensität bei aller Flüchtigkeit der Klänge die Gefahr einer Abhängigkeit birgt. Ein Zustand des Glücks.
Jörg Konrad
(KultKomplott, März 2023)



Vor 50 Jahren
Ralph Towner
„Solstice“
ECM Records

Man erkennt Ralph Towners Spiel sofort – eines der wichtigsten Merkmale im Jazz. Der 1940 in Chehalis, Washington geborene Gitarrist und Pianist hat zudem ungezählte Kompositionen geschrieben. Ein Großteil dieser Arbeiten befinden sich auf Alben unter seinem Namen und denen der Band Oregon. Bemerkenswert ist zudem die stilistische Offenheit seiner musikalischen Inspirationen. Er ist ein individueller Improvisator, besitzt ein ausgeprägtes Gespür für moderne Klassik und begeistert auf der klassischen und 12-saitigen Gitarre immer als ein illustrierender und farbenreicher Geschichtenerzähler.
Sehr intim und gleichzeitig innovativ verzaubert schon sein erstes Album „Trios/Solos“ von 1973. Ein Jahr später spielte er dann mit dem Vibraphonisten Gary Burton „Matchbook“ ein – impressionistisch flirrende Bekenntnisse zur Kunst des Duospiels. Von der US-Zeitschrift High Fidelity damals zum Album des Jahres gewählt und vom Down Beat mit fünf von fünf möglichen Sternen ausgezeichnet.
Mit dem anschließenden „Solstice“ setzte Towner einen gewaltigen Markstein. Dieses Album gehört zu jenen Aufnahmen, die den Mythos ECM (European Contemporary Music) bis heute nachhaltig prägen. Zwar veröffentlichte die Münchner Firma bis 1975 schon einige überaus erfolgreiche Jazzplatten. Doch „Solstice“ schaffte wie kaum eine Produktion zuvor den Spagat zwischen klassischer symphonischer Musik, zeitgenössischem Jazz und einer spannungsgeladenen Intensität. Aufgenommen um die Wintersonnenwende (engl. „Solstice“) 1974 und veröffentlicht im darauffolgenden Frühjahr, haben Ralph Towner, Jan Garbarek, Eberhard Weber und Jon Christensen eine stark von der europäischen Spielauffassung geleitete Variante des Jazz umgesetzt.
Towner konnte, damals 35jährig, schon auf Erfahrungen im stilistischen Zwischenreich von Jazz und Klassik verweisen. Er gehörte ab 1970 zum Paul Winter Consort, einer Formation, die in diesem Verständnis einen völlig neuen musikalischen Kosmos erschuf. Anschließend gründete er mit einigen Mitgliedern des Consort das Quartett Oregon, um das vorherige Konzept noch zu erweitern und gleichzeitig zu verfeinern. Vieles von dem was Oregon mit asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Instrumenten auf über dreißig Alben seitdem musikalisch umsetzt, klingt nach schöpferischer, verinnerlichter Weltmusik.
Auf „Solstice“ nimmt er, überwiegend auf der 12-saitigen Gitarre spielend, die Rolle des stillen aber stringenten Impulsgebers ein. Allein sieben der acht Kompositionen stammen von ihm. Die einzelnen Stücke fallen sehr verschieden aus, decken ein ganzes Spektrum unterschiedlichster Stimmungen ab. Vom treibenden, sich in einem ständig an- und abschwellenden Fluss befindlichen „Oceanus“, über die freien Passagen der Improvisation „Visitation“, über das furiose und melodisch einzigartige „Drifting Petals“ bis zum robusten Gitarre-Schlagzeug-Duo „Piscean Dance“.
Jan Garbarek festigte auf diesem Album seinen Ruf einer der wichtigsten europäischen Saxophonisten zu werden. Der Norweger hatte seinen klagenden Tonfall damals noch nicht derart kultiviert, wie das später der Fall sein sollte. Inspiriert von George Russell und John Coltrane spielte er weitaus expressiver, temperamentvoller, packender.
Auch Eberhard Weber stand noch am Anfang einer großen Karriere. Mit seinem selbst gefertigten Bass emanzipierte er sich und dieses Instrument von der Rolle des ewigen Rhythmusknechts. Weber spielte sein Instrument melodisch, gab ihm eine gleichberechtigte Stimme, deren sonore Schönheit sich tief einprägt.
Der norwegische Schlagzeuger Jon Christensen war in den 1970er Jahren so etwas wie der Hausschlagzeuger bei ECM. Man schätzte seine gezügelte, unterschwellig stets brodelnde Dringlichkeit, welche die Musik rhythmisch immer in einen Grenzbereich brachte und die beteiligten Musiker inspirierte. Gemeinsam spielte dieses Quartett wie aus einem Guss. Ebenso schön wie provozierend, ebenso frei wie zwingend und bis heute ein exemplarisches Beispiel für Zeitlosigkeit im Jazz.
Zwei Jahre später war die gleiche Quartett-Besetzung noch einmal im Studio, um das Album „Sound And Shadows“ einzuspielen. Vielleicht nicht ganz so intensiv und abwechslungsreich wie der Vorgänger zeugen aber auch diese Aufnahmen von einer visionären Lebendigkeit, von einer leidenschaftlichen Diesseitigkeit von Musik.
Jörg Konrad
(KultKomplott, Januar 2025)
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Autor: Siehe Artikel
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