Ralph Towner (geb. 01. März 1940 Chehalis, Washington, gest. 18. Januar 2026 Rom)
Ralph Towner
„At First Light“
ECM
Sein erstes Album für ECM München spielte Ralph Towner im November 1972 in New York ein. Die Besetzung für „Trios / Solos“ bestand aus ihm vertrauten Musikern, mit denen der aus Chehalis, Washington stammende Gitarrist schon zuvor in der stilistisch zwischen Kammer- und Weltmusik pendelnden Band Oregon zusammen arbeitete. Doch schon seine zweite Veröffentlichung, nur fünf Monate später im legendären Tonstudio Bauer in Ludwigsburg umgesetzt, war ein Solowerk, das deutlich die Richtung vorgab, in die sich der Amerikaner in Zukunft entwickeln sollte: Unprätentiöse, substanzielle, raffiniert anrührende Gitarrenlyrik.
Towner gehört zu jenen Instrumentalisten, der sich im Laufe ihrer lang anhaltenden Karriere, er wurde am 1. März dieses Jahres 83 Jahre alt, nie um Moden oder Zeitgeistströmungen sorgte, sondern sich und seinem künstlerischen Ansatz immer treu geblieben ist.
„At First Light“ ist ein in seiner akustisch subtilen Art wieder einmal überwältigendes Werk, das Towners ganzes Klangspektrum in transparenter Hingabe zum klingen bringt. Allein auf der klassischen Gitarre entwirft und vollendet er einen Kosmos von inbrünstiger Poesie, dessen tiefes humanes Anliegen die gesamte Aufnahme bestimmt. Er nimmt sich Zeit, Figuren zu entwickeln, diese feinsinnig miteinander zu verzahnen und so ein Netz von Sinneseindrücken entstehen zu lassen, deren Grundgestus tief berührt. Als Grundstock nutzt er sein bemerkenswertes kompositorisches Geschick und improvisiert an den Themen entlang – in einer Art, die an den großen Bill Evans erinnert. „Meine Soloaufnahmen“, erzählt Towner im Zusammenhang mit der vorliegenden Aufnahme, „beinhalteten immer meine eigenen Kompositionen, in denen Spurenelemente der Komponisten und Musiker enthalten sind, die mich im Laufe der Jahre angezogen haben. Musiker wie George Gershwin, John Coltrane, John Dowland, Bill Evans, um nur einige zu nennen. Die Mischung aus Keyboard- und Gitarrentechniken ist ein wichtiger Aspekt meines Spiels und meiner Komposition, und ich denke, dass dieses Album ein gutes Beispiel dafür ist, wie ich diese Bandbreite an Einflüssen in meine persönliche Musik einfließen lasse.“
Ein Towner-Album erkennt man meist schon nach nur wenigen Sekunden. Sofort ist man eingewoben in diese eleganten wie alltäglichen Tagträumereien, deren Intensität bei aller Flüchtigkeit der Klänge die Gefahr einer Abhängigkeit birgt. Ein Zustand des Glücks.
Jörg Konrad
(KultKomplott, März 2023)
Vor 50 Jahren
Ralph Towner
„Solstice“
ECM Records
Man erkennt Ralph Towners Spiel sofort – eines der wichtigsten Merkmale im Jazz. Der 1940 in Chehalis, Washington geborene Gitarrist und Pianist hat zudem ungezählte Kompositionen geschrieben. Ein Großteil dieser Arbeiten befinden sich auf Alben unter seinem Namen und denen der Band Oregon. Bemerkenswert ist zudem die stilistische Offenheit seiner musikalischen Inspirationen. Er ist ein individueller Improvisator, besitzt ein ausgeprägtes Gespür für moderne Klassik und begeistert auf der klassischen und 12-saitigen Gitarre immer als ein illustrierender und farbenreicher Geschichtenerzähler.
Sehr intim und gleichzeitig innovativ verzaubert schon sein erstes Album „Trios/Solos“ von 1973. Ein Jahr später spielte er dann mit dem Vibraphonisten Gary Burton „Matchbook“ ein – impressionistisch flirrende Bekenntnisse zur Kunst des Duospiels. Von der US-Zeitschrift High Fidelity damals zum Album des Jahres gewählt und vom Down Beat mit fünf von fünf möglichen Sternen ausgezeichnet.
Mit dem anschließenden „Solstice“ setzte Towner einen gewaltigen Markstein. Dieses Album gehört zu jenen Aufnahmen, die den Mythos ECM (European Contemporary Music) bis heute nachhaltig prägen. Zwar veröffentlichte die Münchner Firma bis 1975 schon einige überaus erfolgreiche Jazzplatten. Doch „Solstice“ schaffte wie kaum eine Produktion zuvor den Spagat zwischen klassischer symphonischer Musik, zeitgenössischem Jazz und einer spannungsgeladenen Intensität. Aufgenommen um die Wintersonnenwende (engl. „Solstice“) 1974 und veröffentlicht im darauffolgenden Frühjahr, haben Ralph Towner, Jan Garbarek, Eberhard Weber und Jon Christensen eine stark von der europäischen Spielauffassung geleitete Variante des Jazz umgesetzt.
Towner konnte, damals 35jährig, schon auf Erfahrungen im stilistischen Zwischenreich von Jazz und Klassik verweisen. Er gehörte ab 1970 zum Paul Winter Consort, einer Formation, die in diesem Verständnis einen völlig neuen musikalischen Kosmos erschuf. Anschließend gründete er mit einigen Mitgliedern des Consort das Quartett Oregon, um das vorherige Konzept noch zu erweitern und gleichzeitig zu verfeinern. Vieles von dem was Oregon mit asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Instrumenten auf über dreißig Alben seitdem musikalisch umsetzt, klingt nach schöpferischer, verinnerlichter Weltmusik.
Auf „Solstice“ nimmt er, überwiegend auf der 12-saitigen Gitarre spielend, die Rolle des stillen aber stringenten Impulsgebers ein. Allein sieben der acht Kompositionen stammen von ihm. Die einzelnen Stücke fallen sehr verschieden aus, decken ein ganzes Spektrum unterschiedlichster Stimmungen ab. Vom treibenden, sich in einem ständig an- und abschwellenden Fluss befindlichen „Oceanus“, über die freien Passagen der Improvisation „Visitation“, über das furiose und melodisch einzigartige „Drifting Petals“ bis zum robusten Gitarre-Schlagzeug-Duo „Piscean Dance“.
Jan Garbarek festigte auf diesem Album seinen Ruf einer der wichtigsten europäischen Saxophonisten zu werden. Der Norweger hatte seinen klagenden Tonfall damals noch nicht derart kultiviert, wie das später der Fall sein sollte. Inspiriert von George Russell und John Coltrane spielte er weitaus expressiver, temperamentvoller, packender.
Auch Eberhard Weber stand noch am Anfang einer großen Karriere. Mit seinem selbst gefertigten Bass emanzipierte er sich und dieses Instrument von der Rolle des ewigen Rhythmusknechts. Weber spielte sein Instrument melodisch, gab ihm eine gleichberechtigte Stimme, deren sonore Schönheit sich tief einprägt.
Der norwegische Schlagzeuger Jon Christensen war in den 1970er Jahren so etwas wie der Hausschlagzeuger bei ECM. Man schätzte seine gezügelte, unterschwellig stets brodelnde Dringlichkeit, welche die Musik rhythmisch immer in einen Grenzbereich brachte und die beteiligten Musiker inspirierte. Gemeinsam spielte dieses Quartett wie aus einem Guss. Ebenso schön wie provozierend, ebenso frei wie zwingend und bis heute ein exemplarisches Beispiel für Zeitlosigkeit im Jazz.
Zwei Jahre später war die gleiche Quartett-Besetzung noch einmal im Studio, um das Album „Sound And Shadows“ einzuspielen. Vielleicht nicht ganz so intensiv und abwechslungsreich wie der Vorgänger zeugen aber auch diese Aufnahmen von einer visionären Lebendigkeit, von einer leidenschaftlichen Diesseitigkeit von Musik.
Jörg Konrad
(KultKomplott, Januar 2025)