Gebürtig aus jenem edlen Mutterland,
wo meine Vorfahren noch immer zwischen den Gräbern weilen.
Geister, die niemals schlafen, vertrieben und doch von allen Seiten zurückgekehrt,
die die Kultur verteidigen, die Knoten der menschlichen Existenz lösen,
die das Tor zur Zukunft öffnen.
Diese Zeilen schrieb Dine Doneff im Juni 2025, Gedanken, die in Worten zusammenfassen, worum es dem aus Mazedonien stammenden Bassisten, Gitarristen und Perkussionisten auf seinem Album „Roden Voden“ inhaltlich geht. „Roden Voden“ ist der letzte Teil Doneffs Trilogie, die 1995 mit „Nostos“ begann und 2004 in „Rousilvo“ ihre Fortsetzung fand und sich gegen den Untergang einer ganzen Kultur richtet. Hierfür nutzt der 60jährige weit mehr als musikalische Mittel, um zu erinnern und letztendlich zu bewahren.
In Anlehnung an die klanglichen Traditionen seiner Heimat und gleichzeitig gegen das Vergessen sammelt Dine Doneff Noten und Stimmen der mazedonischen Regionen, soweit sie noch zugänglich sind, transportiert die Vergangenheit so zumindest akustisch in die Kultur der Gegenwart. Allein schon dieser lebendig scheinende Blick zurück birgt, wie eine Art Auferstehung, Wehmut, Schmerz und Hoffnung zugleich. Die Stimmen und Gesänge sind im Zeitraum zwischen 1991 und 2009 in den Gemeinden Rousilvo, Ostrovo, Ts’rnessovo und Voden im Norden Griechenlands aufgenommen. Die Kompositionen stammen teilweise von Dine Doneff, sind häufig eingebettet in fast vergessene mazedonische Volksmusik. So entsteht letztendlich eine Stimmung, die einerseits den Verlust ins Zentrum stellt, doch andererseits auch wieder leichten Optimismus ins Spiel bringt, die Hoffnung des kulturellen Überlebens. Ein wichtige, eine ergreifende Einspielung.
Jörg Konrad
Rezension des Albums „Rousilvo“ dem zweiten Teil der Trilogie, veröffentlicht im Februar 2018 auf KK:
„Rousilvo“ enthält die Musik einer untergegangenen, in ihrer einstigen kulturellen Identität nicht mehr bestehenden Welt. Es sind schmerzhafte Erinnerungen voller Poesie, die Dine Doneff auf „Rousilvo“ in überragende Töne übertragen hat. Voller Wehmut und Temperament, in Anlehnung an die musikalischen Traditionen, wie sie einst für die Region im Nordwesten Griechenlands typisch waren. Und zugleich findet der Komponist und Multiinstrumentalist Doneff für diese Aufarbeitung von zum Teil originalen Volksliedern auch moderne orchestrale Ansätze und jazzähnliche Versatzstücke, die dieser Balkanoper etwas prägend Zeitloses geben.
Inhaltlich handelt es sich um die traumatische Lebensgeschichte jener Menschen, die bis vor wenigen Jahrzehnten im griechischen Teil Mazedoniens, genauer im Bergdorf Xanthogeia (der slawische Name lautete Rousilvo) beheimatet waren. Ende der 1940er Jahre, nach dem griechischen Bürgerkrieg, lebten fast nur Frauen in dem Ort. Die Männer, zum Großteil Widerstandskämpfer, waren entweder im Exil oder tot. Im Dorf regierte die Trauer. „Die Frauen sangen Klagelieder in ihren Hinterhöfen, die durch die schluchtartige Lage des Dorfes überall in den Bergen widerhallten“, erzählte Dine Doneff, der mit griechischem Namen Kostas Theodorou heißt, in einem Interview. Später dann wurde die eigene Sprache, wie auch die kulturellen Riten der Vorfahren auf Geheiß der griechischen Regierung verboten. Diese Traditionen galten als anti-hellenistisch. Das Dorf vereinsamte mit den Jahren völlig und wurde 1986 zerstört. So veränderte sich das einstige Paradies, in dem Dine Doneff seine Kindheit verlebte, endgültig. Ein Bruch, den besonders die Alten des Dorfes nur schwer ertrugen.
Das „Requiem über das Verschwinden“ wurde schon 2004 aufgenommen – aber erst jetzt offiziell veröffentlicht. Grund dafür waren Repressalien, denen Doneff bis 2012 von Seiten nationalistischer Organisationen in Griechenland, als auch von staatlichen Sicherheitskräften ausgesetzt war. Mittlerweile lebt der Komponist und Multiinstrumentalist in Süddeutschland und konnte im letzten Jahr das eindrückliche polyphone Werk „Rousilvo“ mit Hilfe von ECM München herausbringen.
Das Album besteht sowohl aus alten Volksliedern der Region, als auch aus oben erwähnten Orchesterteilen, die sehr stark von mazedonischer Blasmusik beeinflusst sind. Überhaupt ist die wichtigste Inspirationsquelle für die vorliegende Arbeit jene Musik, wie sie zu Doneffs Kindheit und davor in dieser Enklave gespielt wurde. Der Komponist konnte sich an viele der Melodien erinnern, wie sie auf Hochzeiten und zu anderen Festen gespielt wurden. Die Texte aber fehlten, da die Menschen schon damals nicht wagten, diese zu singen. Nun wird die Balkanoper von sieben Sängern und sieben Instrumentalisten aufgeführt. Sowohl die klagenden Frauenstimmen, als auch die ausgelassene Festtagsstimmung finden in „Rousilvo“ Eingang. Zarte und lyrische Momente wechseln mit intensiven, kraftvollen Themen, selbstbewussten Improvisationen und treibenden Rhythmen. Es ist Musik aus dem Zentrum der Leidenschaft, ebenso kreativ wie hingebungsvoll umgesetzt. Bei aller Trauer.
Jörg Konrad
Dine Doneff
„Rousilvo“
neRED / ECM / 2018
Dine Doneff
„Roden Voden“
neRED / 2026
























