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31. Art Blakey And The Jazz Messengers „Strasbourg 82“
32. Vadim Neselovskyi „Perseverantia“
33. Craig Taborn „Dream Archives“
34. Ravi Ramsahye Prototype „Sunglint“
35. Jake Mason Trio „The Modern Ark“
36. Dine Doneff „Roden Voden“
Montag 23.02.2026
Art Blakey And The Jazz Messengers „Strasbourg 82“
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Einer der drei wichtigsten Schlagzeuger der Bebop-Ära war, neben Max Roach und Kenny Clarke, der 1919 in Pittsburg geborene Art Blakey. Ein explosives Kraftpaket als Drummer, der über Jahrzehnte mit seinen Jazz Messengers zudem die Fackel des Hardbop in die Neuzeit trug. Tony Williams, ein anderer Schlagzeuggigant, der ein Vierteljahrhundert später geboren wurde, schätzte an Blakey „Drive, Swing, Kraft, Macht und Aufregung in Reinkultur“. Ja, in Blakeys Bands war immer was los. Viele Stars des Jazz verdienten sich bei ihm ihre ersten Sporen, wie zum Beispiel Freddy Hubbard, Wayne Shorter, Benny Golson, Wynton als auch Branford Marsalis – um nur einige ganz wenige zu nennen.
Die Jazz Messengers existierten von 1955 bis 1990. Am 1. April 1982 gastierte das Sextett in Strasbourg und was die Band an jenem Donnerstagabend spielte, wurde von dem englischen Label Gearbox jetzt erstmals veröffentlicht. Blakey hatte, nachdem Wynton und Branford Marsalis ihre Solokarriere steil vorantrieben, eine neue Formation zusammengestellt, die jedoch mit ebensolcher Power und Frische das Kapitel Jazz Messengers weiterschrieb. Jetzt mit dabei: Trompeter Terence Blanchard, Alt-Saxophonist Donald Harrison, Tenor-Saxophonist Billy Pierce, Pianist Johnny O'Neal, Bassist Charles Fambrough und natürlich der Meister am Schlagzeug selbst. „Ich muss mich an die Jungen halten“, sagte er einmal. „Wenn diese zu alt werden, nehme ich wieder Jüngere. Das hält den Geist wach.“ Blakey verwandelte stets die Bühne in ein Klassenzimmer, den Tourbus in einen Hörsaal und das Studio in ein Gruppenprojekt.
Zudem hatte er die einzigartige Gabe, eine Band vom Schlagzeug aus zu leiten. Sein untrügliches Gespür bei der Auswahl der Instrumentalisten war das eine. Dann, in der Band, feuerte er die Musiker zu Höchstleitungen an. Er dirigierte sozusagen mit den Drums, über das Tempo, über die Breaks, über die Synkopen auf der Snare und über die Energie, mit der er die Becken ins Spiel brachte. Man höre sich bei dem vorliegenden Mittschnitt nur die Bobby Watson-Nummer „Fuller Love“ an!
Blakey verfügt über die seltene Fähigkeit, vom Schlagzeug aus anderen etwas beizubringen“, sagte einmal Benny Golson über ihn. Und er tat dies in einer ungestümen Art – vor allem: Live. Er liebte es, wenn es um ihn herum lebendig war. Vielleicht war er auch aus diesem Grund fünfmal verheiratet, hatte zehn eheliche und sieben Adoptivkinder.
Jörg Konrad

Art Blakey And The Jazz Messengers
„Strasbourg 82“
Gearbox
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Samstag 21.02.2026
Vadim Neselovskyi „Perseverantia“
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Sein letztes Werk „Odesa“ war als biographische Suite gedacht, in der ganz persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, Stimmungen und Emotionen aus seinem bisherigen Leben einen akustischen Ausdruck finden. Zusätzlich sollte das Album geschichtliche und kulturelle Ereignisse Odessa's thematisieren. Die Kompositionen waren abgeschlossen, die Musik eingespielt. Dann änderte sich alles. Im Februar 2022 überrollte Aggressor Putin mit seiner Armee die Grenze zwischen Russland und der Ukraine und es begann ein bis heute anhaltender, grausamer Vernichtungskrieg gegen das ukrainische Volk.
Aus dieser sehr persönlich gehaltenen poetischen Hommage an seine Geburtsstadt Odessa, wurde in den über 170 Solo-Konzerten die Vadim Neselovskyi seitdem spielte, ein Requiem mit starken Bezug zur Klassik, Ausdrucksparametern der Modernen Musik und auch folkloristischen Bezügen. Eine Würdigung auf die Kulturmetropole schlechthin, die nun wieder im Kreuzfeuer eines Krieges stand.
Mittlerweile lebt der Komponist und Pianist in Brooklyn, hat mit Musikern wie Fred Hersch („Ich glaube wirklich, dass er einer der größten Pianisten-Komponisten ist, die es derzeit gibt.“) und Gary Burton („Ich denke nicht, dass ich jemals einen Improvisator getroffen habe, der mehr Überraschungen auf Lager hat. Er ist ein wahres Genie gespielt“) gespielt, besitzt eine Professur für Klavier am Berklee College in Boston und hat gerade auf John Zorns Label Tzadik ein neues Album herausgebracht, das Zorn auch produzierte.
Perseverantia“ ist ein Werk für Klavier und Streichtrio, das sich mit dem Leid und der Trauer beschäftigt, die der Krieg über das Land gebracht hat. Zugleich soll diese Musik auch ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht sein, die die positiven Aspekte der menschlichen Natur in den Mittelpunkt rückt, um derartige Katastrophen zumindest langfristig zu überwinden.
„Perseverantia“, ein Begriff aus dem lateinischen der soviel wie „Ausdauer“ und „Beharrlichkeit“ bedeutet, ist kein Werk der lauten Töne, eher ein mahnendes, melancholisches, von eindringlichem Mahnen durchzogenes Werk. Neselovskyi vermeidet es virtuos zu glänzen. Er hat die Stimme seines Instrumentes in die Klangästhetik des Streichtrios eingebettet. Ganz im Sinne des Titels findet Neselovskyi den absolut angemessenen Ton für sein Anliegen. Insofern ist „Perseverantia“ ein akustischer Protest gegen speziell diesen russischen Angriff und ein Aufruf an den Durchhaltewillen und die Ausdauer der ukrainischen Bevölkerung.
Im Ysaye Trio hat Neselovskyi genau jenes Ensemble gefunden, das seinem Anspruch auf Ausdruck von verlässlichen Synergien und lyrischer Präzision am nächsten kommen dürfte. Ein ebenso tief berührendes, wie auch wunderschönes Werk.
Jörg Konrad

Vadim Neselovskyi
„Perseverantia“
Tzadik
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Freitag 20.02.2026
Craig Taborn „Dream Archives“
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Es ist ein sich vorsichtiges Abtasten, ein klangtechnisches Sezieren und filigranes Durchforsten von instrumentalen Möglichkeiten und individuellen Stimmungen denen sich Craig Taborn, Tomeka Reid und Ches Smith auf „Dream Archives“ widmen und aussetzen. Man bekommt das Gefühl, alle Drei würden zum ersten Mal miteinander den Versuch unternehmen, gemeinschaftlich zu musizieren, würden das auch neugierige Erkunden von Tonfolgen als eine herausfordernde und zugleich zurückhaltende Expedition begreifen. Die Ruhe, oder sagen wir besser der innere Frieden dieses entschlüsseln evoziert etwas (auch alp-)traumhaftes. Es ist wie die nachrangige Verarbeitung vorheriger Realitäten und Umstände, das (Er-)Finden von neuen Kontexten für Altbekanntes. Hier gibt es traumverlorene Sequenzen („Coordinates for the Absent“), schräg groovende Exzentrik („When Kabuya Dances“ von Geri Allen!), verschränkte Konstruktionen („Dream Archive“), sphärische Dogmatik („Mumbo Jumbo“ von Paul Motian) und lyrische Tektonik („Enchant“). Das besondere dieser hochdiffizielen Aufnahmen entsteht erst durch die Divergenz ihrer Akteure, denen jedoch statt Rivalität der kollektive Spielgedanke am Herzen liegt.
Craig Taborn, Kopf des Unternehmens am Klavier, am Keyboard und an den Electronics, stammt aus Detroit und lebt heute in Brooklyn, New York, weil er hier wahrscheinlich dem brodelnden Zentrum zeitgenössischer Musik näher ist. Ob nun Postbop, herausfordernde Avantgarde, moderne Klassik, Hip Hop oder Ambient - Taborn kann alles, Taborn mag alles, erkundet und nutzt einen unglaublich weiten Horizont universeller Klänge für seine stilistisch vielfältige Kommunikation.
Tomeka Reid sprengt das klassische Klaviertrio, in dem sie ausschließlich auf dem Violoncello spielt. Sie hat sich in den letzten Jahren musikalisch im Bereich von kompositorischer Vorgabe und in provisatorischer Spontanität eingerichtet. Tomeka lebt gern in Chicago, obwohl ihr eigentlicher Zufluchtsort die Musik ist. In jungen Jahren waren Elvis Costello, Sonic Youth oder The Cure ihre Helden. Von ihnen ging's geradewegs zu den Heroen des Jazz. Hätte sie mehr Mut, wäre sie vielleicht schon früher im Umfeld der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) gelandet.
Ches Smith gehört zu diesen scheinbar Alleskönnern. Sein Respekt, seine Unerschrockenheit und sein Können am Schlagzeug, am Vibraphone, an den Percussions und Electronics (das Komponieren beherrscht er ebenfalls) reißen alle Grenzen nieder. Er kommt aus dem Südosten der USA, aus San Diego und spielt ebenso gruppendynamisch begleitend, als auch explosionsartig extroviertiert und spontan. Er fragmentiert, verzieht die Geometrie einer Aufnahme und jongliert mit Rhythmen. Im vorliegenden Kontext sind es die kleinen Verzierungen, die schmale Ornamentik, die gefragt sind und die Ches mit aller ihm zur Verfügung stehenden Zurückhaltung leichtfüßig wie sparsam füllt. Eine wunderbar stille Platte, von Musikern, die auch lauter können.
Jörg Konrad

Craig Taborn
„Dream Archives“
ECM
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Freitag 20.02.2026
Ravi Ramsahye Prototype „Sunglint“
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Was von Beginn an auf „Sunglint“ klar wird, sind Ravi Ramsahye Vorlieben für ungerade Taktarten. Und seine Begeisterung für druckvolle, transparente Musik. Denn so nervös, fiebrig und vorwärtsstolpernd sich sein rhythmisches Konzept darstellt, so klar und Ausdrucksstark sind die Harmonien und Improvisationen. „Sunglint“ ist ein Album, das unterschiedlichste stilistische Phänomene miteinander verzahnt und alle irgendwie in der Biographie des Gitarristen Ravi Ramsahye verankert sind. Geboren wurde Ravi in Genf als Sohn mauretanischer Eltern. Er studierte früh klassisches Klavier, begeisterte sich in seiner Freizeit für Videospiele und japanische Animationsfilme, schwelgte regelrecht in Nintendo- und Manga-Welten und hörte zudem stark punkbeeinflusste Popmusik.
All diese Versatzstücke und Querverbindungen lassen sich in dieser Musik erkennen, die Ravi mit seiner Schweizer Band Prototype spielt. Stilistisch würde man „Sunglint“ höchstwahrscheinlich im Zwischenreich von Fusion und Progressive Rock orten. Eine Ästhetik, die durch Geschwindigkeit, Diffizilität und polymetrischer Verschiebungen besticht. Die Musik klingt frisch, unverbraucht, sie wächst förmlich, je weiter sie voranschreitet. Ihre virtuose Geschäftigkeit ist ein Zeichen der Geschlossenheit ihrer Akteure, auch dann noch, wenn ihre ausufernden Energien das Klangbild schier zu sprengen scheinen.
Zwischen dem Multiinstrumentalisten Théo Hanser, dem Bassisten Benoit Gautier, dem Schlagzeuger Nathan Triquet und Ravi stimmt die Chemie. Ansonsten könnten derart komplizierte Riffs nicht so überzeugen. Diesen vier jungen Musikern dürfte die Zukunft gehören. Fehlt nur noch, dass ihr Terminkalender hoffentlich bald auch einige Konzerte in Deutschland listet.
Jörg Konrad

Ravi Ramsahye Prototype
„Sunglint“
Neuklang
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Mittwoch 18.02.2026
Jake Mason Trio „The Modern Ark“
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Jake Mason, australischer Songwriter, Hammond-Orgel-Spieler, Komponist, Produzent und Labelbetreiber, scheint der ideale Anwärter für den Orden „Held der Arbeit“ zu werden. Es ist erst wenige Wochen her, da veröffentlichte der 48jährige mit seinem Projekt Cooking' On 3 Burners ein Album, das für enorme Aufmerksamkeit sorgte. Für einen Song aus einem etwas älteren Cookin'-Album erhielt Mason gerade den APRA Music Award für 1 000 000 000 Streams. Zwischendurch ist er gefragter Gastmusiker in der australischen Musikszene.
Nun veröffentlicht er mit seinem Jake Mason Trio die nächste Sammlung von insgesamt 10 Kompositionen. Und wieder ist es dieser melodische Retro-Sound, mit dem er bisher schon weit oben auf der Erfolgswelle schwamm und der mit einem ordentlichen Hard-Bop-Biss überzeugt. „Wir wollten ein Album machen“, erzählt Mason, „das swingt groovt, aber auch zum Nachdenken anregt.
Das ist ihm mit „The Modern Ark“ auf jeden Fall gelungen. Wir – das sind, neben Mason, Gitarrist James Sherlock und Schlagzeuger Danny Fischer. Beide sind schon seit Jahren bestens aufeinander abgestimmt, unterstützen und ergänzen den Mason-Sound mit Funk-Riffs und treibenden Drum-Beats.
Zwar streifen die Einspielungen immer wieder eingängig den Pop- und Soul-Bereich. Aber letztendlich ist es die melancholische Grundstimmung des Blues, die dem Album Authentizität und Originalität vermittelt. Zudem konnte Mason für seine Komposition „The Modern Ark“ die vocale Jazz-Koryphäe Kurt Elling und für die Nummer „Stop Searching For Love“ die australische Sängerin und Schauspielerin Kate Ceberano gewinnen. Eine insgesamt breite Klangpalette, die „The Modern Ark“ mit seinem kollektiven Spirit zu einem Album macht, das einfach gut und verspielt unterhält.
Jörg Konrad

Jake Mason Trio
„The Modern Ark“
Soul Messin'
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Montag 16.02.2026
Dine Doneff „Roden Voden“
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Gebürtig aus jenem edlen Mutterland,
wo meine Vorfahren noch immer zwischen den Gräbern weilen.
Geister, die niemals schlafen, vertrieben und doch von allen Seiten zurückgekehrt,
die die Kultur verteidigen, die Knoten der menschlichen Existenz lösen,
die das Tor zur Zukunft öffnen.

Diese Zeilen schrieb Dine Doneff im Juni 2025, Gedanken, die in Worten zusammenfassen, worum es dem aus Mazedonien stammenden Bassisten, Gitarristen und Perkussionisten auf seinem Album „Roden Voden“ inhaltlich geht. „Roden Voden“ ist der letzte Teil Doneffs Trilogie, die 1995 mit „Nostos“ begann und 2004 in „Rousilvo“ ihre Fortsetzung fand und sich gegen den Untergang einer ganzen Kultur richtet. Hierfür nutzt der 60jährige weit mehr als musikalische Mittel, um zu erinnern und letztendlich zu bewahren.
In Anlehnung an die klanglichen Traditionen seiner Heimat und gleichzeitig gegen das Vergessen sammelt Dine Doneff Noten und Stimmen der mazedonischen Regionen, soweit sie noch zugänglich sind, transportiert die Vergangenheit so zumindest akustisch in die Kultur der Gegenwart. Allein schon dieser lebendig scheinende Blick zurück birgt, wie eine Art Auferstehung, Wehmut, Schmerz und Hoffnung zugleich. Die Stimmen und Gesänge sind im Zeitraum zwischen 1991 und 2009 in den Gemeinden Rousilvo, Ostrovo, Ts’rnessovo und Voden im Norden Griechenlands aufgenommen. Die Kompositionen stammen teilweise von Dine Doneff, sind häufig eingebettet in fast vergessene mazedonische Volksmusik. So entsteht letztendlich eine Stimmung, die einerseits den Verlust ins Zentrum stellt, doch andererseits auch wieder leichten Optimismus ins Spiel bringt, die Hoffnung des kulturellen Überlebens. Ein wichtige, eine ergreifende Einspielung.
Jörg Konrad


Rezension des Albums „Rousilvo“ dem zweiten Teil der Trilogie, veröffentlicht im Februar 2018 auf KK:
Rousilvo“ enthält die Musik einer untergegangenen, in ihrer einstigen kulturellen Identität nicht mehr bestehenden Welt. Es sind schmerzhafte Erinnerungen voller Poesie, die Dine Doneff auf „Rousilvo“ in überragende Töne übertragen hat. Voller Wehmut und Temperament, in Anlehnung an die musikalischen Traditionen, wie sie einst für die Region im Nordwesten Griechenlands typisch waren. Und zugleich findet der Komponist und Multiinstrumentalist Doneff für diese Aufarbeitung von zum Teil originalen Volksliedern auch moderne orchestrale Ansätze und jazzähnliche Versatzstücke, die dieser Balkanoper etwas prägend Zeitloses geben.
Inhaltlich handelt es sich um die traumatische Lebensgeschichte jener Menschen, die bis vor wenigen Jahrzehnten im griechischen Teil Mazedoniens, genauer im Bergdorf Xanthogeia (der slawische Name lautete Rousilvo) beheimatet waren. Ende der 1940er Jahre, nach dem griechischen Bürgerkrieg, lebten fast nur Frauen in dem Ort. Die Männer, zum Großteil Widerstandskämpfer, waren entweder im Exil oder tot. Im Dorf regierte die Trauer. „Die Frauen sangen Klagelieder in ihren Hinterhöfen, die durch die schluchtartige Lage des Dorfes überall in den Bergen widerhallten“, erzählte Dine Doneff, der mit griechischem Namen Kostas Theodorou heißt, in einem Interview. Später dann wurde die eigene Sprache, wie auch die kulturellen Riten der Vorfahren auf Geheiß der griechischen Regierung verboten. Diese Traditionen galten als anti-hellenistisch. Das Dorf vereinsamte mit den Jahren völlig und wurde 1986 zerstört. So veränderte sich das einstige Paradies, in dem Dine Doneff seine Kindheit verlebte, endgültig. Ein Bruch, den besonders die Alten des Dorfes nur schwer ertrugen.
Das „Requiem über das Verschwinden“ wurde schon 2004 aufgenommen – aber erst jetzt offiziell veröffentlicht. Grund dafür waren Repressalien, denen Doneff bis 2012 von Seiten nationalistischer Organisationen in Griechenland, als auch von staatlichen Sicherheitskräften ausgesetzt war. Mittlerweile lebt der Komponist und Multiinstrumentalist in Süddeutschland und konnte im letzten Jahr das eindrückliche polyphone Werk „Rousilvo“ mit Hilfe von ECM München herausbringen.
Das Album besteht sowohl aus alten Volksliedern der Region, als auch aus oben erwähnten Orchesterteilen, die sehr stark von mazedonischer Blasmusik beeinflusst sind. Überhaupt ist die wichtigste Inspirationsquelle für die vorliegende Arbeit jene Musik, wie sie zu Doneffs Kindheit und davor in dieser Enklave gespielt wurde. Der Komponist konnte sich an viele der Melodien erinnern, wie sie auf Hochzeiten und zu anderen Festen gespielt wurden. Die Texte aber fehlten, da die Menschen schon damals nicht wagten, diese zu singen. Nun wird die Balkanoper von sieben Sängern und sieben Instrumentalisten aufgeführt. Sowohl die klagenden Frauenstimmen, als auch die ausgelassene Festtagsstimmung finden in „Rousilvo“ Eingang. Zarte und lyrische Momente wechseln mit intensiven, kraftvollen Themen, selbstbewussten Improvisationen und treibenden Rhythmen. Es ist Musik aus dem Zentrum der Leidenschaft, ebenso kreativ wie hingebungsvoll umgesetzt. Bei aller Trauer.
Jörg Konrad

Dine Doneff
„Rousilvo“
neRED / ECM / 2018

Dine Doneff
„Roden Voden“
neRED / 2026
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Autor: Siehe Artikel
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