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Montag 23.03.2026
Fürstenfeld: Neue Bühne Bruck - Wortgeklingel und Wortgewalt
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Fotos: Klaus Schräder
Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ an der Neuen Bühne Bruck

Ein Unglück kommt selten allein! Da plärrt der sechsjährige Sohn aus seinem Kinderzimmer, will nicht einschlafen und terrorisiert die Eltern. Und dann kommen auch noch Gäste zum Abendessen - dabei war das Treffen erst für den nächsten Tag geplant. Ein verunglückter Abend, und das in drei Varianten: „Drei Mal Leben“ der Erfolgsautorin Yasmina Reza hatte am vergangenen Freitag Premiere an der Neuen Bühne Bruck. Small-Talk zwischen Wortgeklingel und Wortgewalt: ein amüsanter Abend.
Keks oder Apfel - das ist hier die Frage. Der Sohn von Henri (Hagen Ullmann) und Sonja (Ella Schulte) wünscht - trotz schon geputzter Zähne - im Bett zu essen. Das Ehepaar streitet über Grundsätze in der Kindererziehung, begleitet vom Krakeelen des Sechsjährigen. In diesen Streit gerät das Ehepaar Finidori. Ines (Judith Gebele) und Hubert (Andreas Müller) sind nicht weniger streitsüchtig als Sonja und Henri, wobei Henri, seines Zeichens Astrophysiker, von Hubert erfährt, dass sein wissenschaftlicher Aufsatz bereits von einem Konkurrenten publiziert worden ist. Tragisch - und komisch zugleich, weil sich beide Ehepaare auf die notdürftig herbeigeschafften Snacks stürzen und Sancerre ohne Unterlass in sich hineinschütten.
„Drei Mal Leben“ ist ein wortreiches, aber action-armes Stück aus dem Jahr 2000, das sich in drei Varianten wiederholt, doch in Nuancen unterscheidet. Die Akteure erfahren in den jeweiligen Episoden eine unterschiedliche Gewichtung, das Geplärre des Kindes wirkt schließlich weniger penetrant. Henri wird letztendlich doch noch ein Schuss Gerechtigkeit zuteil – sein wissenschaftlicher Aufsatz scheint einen gnädigen Richter zu finden. Und Sonja und Ines können sich in ihren jeweiligen Soli ein Stück weit emanzipieren.
Beherrschender Akteur in diesem Dreiteiler ist Hubert, ein arroganter, schnöseliger, immerzu schwadronierender, modisch gekleideter 50Jähriger, den Regisseur Ernst Matthias Friedrich treffend mit Andreas Müller besetzt hat. Ines, in ein enges Kostüm gezwängt, nimmt die Demütigungen ihres Mannes mit zunehmender Rebellion und steigendem Alkoholpegel hin. Sonja mimt die kühle Juristin, deren Grundsätze zumindest bei der Kindererziehung durcheinandergeraten. Und Hagen Ullmann spielt den undankbaren Part des vor sich hin plappernden Losers, schon vom Äußeren her eher ein Prol mit grellem T-Shirt und lila Turnschuhen, ständig an einer Bierflasche herumnuckelnd.
Regisseur Ernst Matthias Friedrich unterbricht die drei Teile durch Zwischenspiele im Finstern, die vier Akteure flanieren stumm und schemenhaft über die dunkle Bühne – begleitet von Klängen aus der Händel-Oper „Ariodante“. Die Arie „Nach der düsteren, unheilvollen Nacht“ wirft einen Schatten auf die Szenerie: Witziges Boulevard Theater, durchmischt mit Demütigungen, Versagen, Schuldzuweisungen und Wehmut.
Ina Kuegler
P.S. Die nächsten Aufführungen sind am 29. März und am 11. April.
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Fotos: Ute Langkafel
Montag 16.03.2026
Fürstenfeld: Vatermal – Überfordert und orientierungslos
Fürstenfeld. Rot ist die vorherrschende Farbe des Abends. Rot als Metapher des Lebens, der Sinnlichkeit, der Frische und der Rebellion, aber auch als Zeichen des Lasters, des Kampfes und der aufziehenden Gefahr. Regisseur Hakan Sava? Mican hat sich bei seiner Bühnen-Adaption von Necati Öziris mehrfach ausgezeichneten Roman „Vatermal“ vorherrschend für diese Farbe entschieden (Bühnenbild Alissa Kolbusch): Knallroter Bühnenboden, rote (Klapp-)Sessel, roter Bühnenrahmen und signalrote Kostüme der beiden Hauptdarstellerinnen - alles ist in dieser für das menschliche Auge grellen wie empfindlichen Symbolik gehalten. Am Freitagabend gastierte das Berliner Maxim Gorki Theater in Fürstenfeld und präsentierte eben jenes „Vatermal“, ein Stück, das die postmigrantische Lebensgeschichte von Menschen erzählt, die einst aus Not nach Deutschland kamen und hier gegen eigenes Scheitern und gegen Behördenwillkür neu ankämpfen.
Doch Mican hat sich ganz im Sinne der Vorlage nicht für eine larmoyante Inszenierung aus überwiegend tragischen oder melancholischen Elementen entschieden, sondern er geht diese auch kulturelle Auseinandersetzung in stimmungsvoller Partylaune an.
Da wäre Arda (durchweg im Smoking), der von Do?a Gürer vordergründig offensiv und sich häufig im provozierenden Alltagsjargon artikulierend, gespielt wird. Aufgrund einer Autoimmunerkrankung mit multiplen Organversagen liegt er auf der Intensivstation und im Angesicht des nahenden Todes lässt er sein Leben Revue passieren.
Und da sind Ardas Mutter Ümran (Sesede Terziyan), alkoholabhängig und angestellt bei McDonalds, sowie seine Schwester Aylin (Flavia Lefèvre), die aufgrund vollzogener familiärer Gewalt zur Großmutter gezogen ist und den Kontakt zur Mutter über Jahre völlig abgebrochen hat.
In inszenierten Rückblenden kommt auch Ardas Vater ins Spiel, wie er zu einer Silvesterparty1982 in der nordrhein-westfälischen Provinz Ümran kennenlernte und wie aus dem großen Liebesglück letztendlich Aggression und Verlassenheit wurde. So werden einzelne Lebensszenen der Familie rückblickend szenenhaft durchdekliniert.
Die Figuren wirken in ihrer Darstellung oft überzogen, was vielleicht auch bewusst ihrer kulturellen Entwurzelung geschuldet sein soll. Diesen Menschen scheint durch die andauernden Verletzungen untereinander das Selbstverständnis für einen heimatlichen Hafen abhanden gekommen zu sein, man spürt kein Vertrauen untereinander und schon gar keine Unbekümmertheit. Sie wirken überfordert und orientierungslos. Ihr Leben scheint (über Generationen) durch Kampf, Verletzungen und Rivalität gezeichnet, sowohl innerhalb der Familie als auch im jeweiligen sozialen Umfeld. Ein Teufelskreis, dem nur schwer zu entkommen ist
Kristina Koropecki (Cello) und Mascha Juno (Percussion) untermalen, im Bühnenhintergrund platziert, dramaturgisch die Handlung und begleiten die Gesangseinlagen aller drei schauspielernder Protagonisten.
Jörg Konrad
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Freitag 13.03.2026
Landsberg: Die Kommandeuse – Teuflischer Monolog
Landsberg. Es sind oft die scheinbaren Gegensätze, die so grausam nah beieinander liegen. So hat auch das Land der Dichter und Denker nicht nur Schiller und Goethe, Wagner und die Romantik zu bieten. Zu Deutschland gehören auch Hitler und der Holocaust, Barbie und Buchenwald.
Letzteres ist Thema in Gilla Cremers Ein-Personen-Stück „Die Kommandeuse“. Die Schauspielerin verkörperte am Mittwochabend im Landsberger Stadttheater in einem eineinhalbstündigen bedrückendem Solo Ilse Koch, die Ehefrau des Kommandanten des größten Konzentrationslagers auf deutschem Boden Karl Koch. Nach eigenen Aussagen hat Ilse Koch, eine der wenigen verurteilten NS-Täterinnen, in Buchenwald die „schönsten Jahre“ ihres Lebens verbracht. Welch ein Zynismus!
„Die Kommandeuse“, nach Gerichtsprotokollen, Augenzeugenberichten und Selbstaussagen der Ilse Koch von Gilla Cremer und Regisseur Johannes Kaetzler Mitte der 1990er Jahre zusammengestellt und damals auch schon in Landsberg auf die Bühne gebracht, ist ein teuflischer Monolog, ein Lebensrückblick, angesiedelt in Kochs Gefängniszelle in Aichach am Tag ihres Selbstmords am 01. September 1967.
Er offenbart ein Wesen, das gekennzeichnet ist durch unerträgliche Gewalt, durch dümmliche Arroganz und eine abnorme Besessenheit. All dies vereint in einer Person. Sie, die sich selbst als ein schöngeistiges Wesen begriff, war in Wirklichkeit unberechenbar, kaltblütig, inhuman.
Gilla Cremer schlüpft, soweit wie möglich, in die Rolle dieser furchterregenden Person, um dann wieder außenstehend biographische Notizen zu zitieren. So schafft Gilla Cremer Distanz, um auch das Publikum nicht gänzlich in diesem Strudel von brutaler Tyrannei und respektloser, inhumaner Selbstgerechtigkeit untergehen zu lassen.
Sie lässt Ilse Koch von der Hochzeit mit Karl Koch im Kreise von SS-Schergen samt Heinrich Himmler ausgelassen schwärmen, auch von der „großzügigen und repräsentativen Villa“ auf dem Ettersberg – gleich neben dem Lager und in Hörweite des Steinbruchs, wo die Häftlinge schwersten körperlichen Torturen ausgesetzt waren. Sie bringt Kochs Sehnsucht nach grenzenlosem Luxus und zugleich ihre Gefühlskälte gegenüber menschlichem Leid zum Ausdruck; sie beschreibt aber auch eine Mutter, die ihre Kinder liebt und lässt sie synchron über den Krematoriumsgeruch klagen, der bei Ostwind durch jede Spalte der Villa dringt. Sie deklamiert Kochs einfältige Verse mit Innbrunst und ihren nüchternen Wunsch nach Suicid aufgrund ihrer überzeugten Unschuld.
Es sind immer knappe, aber eindringliche Sätze, deren Inhalte aufwühlen. Das Bühnenbild eher nüchtern, nichts lenkt ab. Gilla Cremer bewegt sich sparsam, manchmal auch maniriert die Koch nachahmend. Alles getreu dem Motto: „Unser Lebensstil muss repräsentativ sein; schlicht aber großartig – angemessen dem Werk, das wir vollbringen.“ Bei aller Entschiedenheit und Gewissheit im persönlichen Urteil – was letztendlich bleibt ist die Frage, warum dieses Thema der „satanischen Sachlichkeit“ auch heute, nach acht Jahrzehnten, noch immer so aktuell ist. Die letzten Wahlergebnisse, sowie gegenwärtige Kommentare mancher „deutschnationaler Zeitgenossen“ geben zumindest eine Antwort.
Jörg Konrad
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Montag 09.03.2026
Gröbenzell: Klavierduo Danae und Kiveli Dörken - Reiche Klangpalette durch vier Hände
Gröbenzell. In diesem Konzert trafen sich Keimzelle und Premiere in einem: Als die „Gröbenzeller Konzertreihe“ vor rund 35 Jahren gegründet wurde, waren es die Pianisten Susanne und Dinis Schemann, die gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Bernd Rieder diese Konzertreihe aus der Taufe hoben. Von Anfang an lag die künstlerische Leitung dabei in den Händen des Ehepaars Schemann, und so ist es bis heute geblieben. Die Besetzung Klavierduo erfuhr damit zur großen Freude des Publikums eine Verankerung in der Konzeption der Reihe, weil Konzerte des Klavierduos Schemann im zweijährigen Turnus fester Bestandteil waren. Inzwischen ist Dinis Schemann regelmäßig hier mit Solo-Klavierabenden zu erleben. Mit dem Auftritt der beiden Schwestern Danae und Kiveli Dörken an einem Flügel eroberte sich die Besetzung Klavierduo nun wieder einen Platz in der Reihe. Und da zeigte sich schnell, dass Besetzung und Musik die Zuhörer genauso begeistern wie früher – sofern sie so packend und überzeugend dargeboten werden wie an diesem Abend.
Zu Beginn erklang die Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen an einem Flügel op. posth. 103 D 940 von Franz Schubert. Dieses groß angelegte Werk, das Schubert erst gegen Ende seines kurzen Lebens geschrieben hat, changiert zwischen fast übersinnlicher Entrücktheit und zupackender Realität. Diese Pole arbeiteten die beiden Pianistinnen beeindruckend heraus: Die wunderbar singende Oberstimme entfaltete sich wie aus dem Nichts und strömte ganz weich in den Saal. Diese Freiheit des Tons übersetzte die Offenheit einer Fantasie quasi in realen Klang. Hinzu kamen später zwei weitere Elemente, nämlich der überraschende Wechsel in eine entfernte Tonart und eine spannungsgeladene Generalpause, die die Grenzen zur Sphärenharmonie zumindest scheinbar überschritten. Die reiche Klangfülle in den Passagen dazwischen erdete das Erlebnis für die Zuhörer.
Musik von Manuel de Falla wird oft nicht nur akustisch wahrgenommen, sondern erzeugt eine Art Gefühl von Wärme. Mit zwei Tänzen aus der Oper „La vida breve“ („Das kurze Leben“) entstand dieser Eindruck auch hier. Bei bebendem Untergrund schienen die Tasten zu fliegen, die überschäumende Lebensfreude entfachte ein hörbares Feuer. Dazu standen die vier Bearbeitungen aus der Peer-Gynt-Suite Nr. 1 von Edvard Grieg in abwechslungsreichem Kontrast. Nordische Distanziertheit kühlte zwar musikalisch ab, vermittelte aber dennoch Reminiszenzen an die Instrumentierung dieser Orchesterwerke. „Morgenstimmung“ und „Ases Tod“ erklangen mit großer Ruhe und sensibler Verbindlichkeit, „Anitras Tanz“ kam kokettierend und mit entfesselter Spannung bei klarer Zielorientierung daher. Aus brummelnder Tiefe arbeitete sich „In der Halle des Bergkönigs“ empor, was kraftvoll und in guter Synchronität im Spiel der Pianistinnen geschah.
Die zweite Konzerthälfte nach der Pause gehörte ganz Johannes Brahms und seinen Ungarischen Tänzen, von denen der Band 1 mit zehn Nummern zu hören war. Das Klavierduo setzte hier auf die großen Linien, agierte ausdrucksstark und inszenierte mit Raffinesse Spannungszusammenhänge. Dabei gab es bei sehr viel Licht auch etwas Schatten, und zwar dadurch, dass harmonische Begleitfiguren nicht immer die ihnen eigentlich zustehende Aufmerksamkeit fanden. Dynamisch reichte die Palette von wunderbaren Piano-Passagen bis hin zu kraftvollen, aber dennoch sehr obertonreichen Forte-Klängen. Zwei Zugaben, die den Fokus auf Griechenland und den Jazz setzen, belohnten das Publikum am Ende für seinen reichen Applaus.
Klaus Mohr
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Montag 02.03.2026
Landsberg: The True Harry Nulz – Unkonventionell und verwegen
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Landsberg. Was wäre die Bassklarinette im Jazz ohne Eric Dolphy? Vielleicht ja ähnlich bedeutungslos, wie „The True Harry Nulz“ ohne Brecher & Fischer? Denn der Österreicher Siegmar Brecher und der Schweizer Nils Fischer sind das akustische (und vielleicht auch visuelle) Zentrum des alpinen Sextetts. Beide spielen ebenfalls die Bassklarinette, dieses etwas eigenwillige und doch auch elegant erscheinende Instrument, mit dem erdig warmen, immer leicht nasalen Sound. Am Samstag waren „The True Harry Nulz“ auf Einladung von Edmund Epple im Stadttheater Landsberg und sie haben, das kann man schon sagen, das Publikum enorm herausgefordert.
Womit? Und spätestens hier beginnt das komplexe Ineinandergreifen unterschiedlichster Elemente. Denn welche Art von Musik spielen „The True Harry Nulz“? Ist es Punk-Jazz, Jazz-Metall, Post-Rock, Free-Funk, Kammer-Grunge? Diese Band hat von jedem dieser Stile etwas – aber vor allem sicht- und hörbare Freude am gemeinsamen Musizieren. Da mag der Parcours noch so eng als auch kompliziert gesteckt sein. Der Abend lebte von seinem unkonventionellen musikalischen Charakter, von verwegenen Ideen und einer explosiven Stimmung.
Entstanden sind „The True Harry Nulz“ aus der Fusionierung zweier Bands, den „Great Harry Hillman“ aus der Schweiz und „Edi Nulz“ aus Österreich (letztere waren nicht zum ersten Mal am Lech, gastierten vor knapp drei Jahren mit der hinreißenden Adele Neuheuser).
Warum sie so heißen? Keiner in der jeweiligen Band trägt diesen Namen. Harry Hillman ist hingegen ein amerikanischer Hürdenläufer, der 1904 bei den Olympischen Spielen in St. Louis drei Goldmedaillen gewann. Und Edi Nulz entstammt, zumindest namentlich, einem imaginären Rittergeschlecht, angeblich ganz in der Nähe des Dorfes Krachberg gelegen. Wo auch immer dieses sein mag.
Und wie bekommt man nun zwei(!) Bassklarinetten, Punk, Funk und Free, einen amerikanischen Hürdenläufer und ein (ausgestorbenes) Rittergeschlecht inhaltlich unter einen Hut? Soviel zur Komplexität des Abends.
„The True Harry Nulz“ spielen, als wäre die Welt aus den Fugen geraten – was sie im Grunde ja auch nicht erst seit dem frühen Morgen am Samstag ist. „Kunst als Kompensation und Fluchtproviant“, beschrieb der legendäre Peter Rüedi einmal ein ähnliches Musikereignis. Die beiden Schlagzeuger Valentin Schuster und Dominik Mahnig reagieren oft pfeilgeschwind, im Takt, oder auch außerhalb, begleiten gestenreich mit rhythmischen Accessoires. Zwischenzeitlich dann auch gewaltiger Theaterdonner.
Samuel Huwyler ist als Bassist der oft zitierte Fels in der Brandung. Kaum etwas bringt den Hüter der Zeit aus dem Tritt. Fast stoisch zieht er seiner Kreise. David Koch zeigt sich als Gitarrist verspielt, wandelbar, aber auch strukturiert, mal folkloristisch angehaucht, mal brachial verbissen. Auf keinen Fall präsentiert er verkitschte Sentimentalitäten.
Die Bassklarinetten umwerben sich gegenseitig, drehen sich tänzerisch umeinander, ergänzen sich, tauschen sich aus, verdichten Phantasievoll und spielen gegeneinander an. Alles in allem Musik aus der Unterabteilung des Jazz. Ein Abenteuer der Tonkunst.
Jörg Konrad
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Donnerstag 19.02.2026
Fürstenfeldbruck: PhilChor-Musical des Philharmonischen Chores Fürstenfeld - Im Olymp und auf der Erde
Im Olymp und auf der Erde

Höchst abwechslungsreiches PhilChor-Musical des Philharmonischen Chores Fürstenfeld im Sparkassensaal

Fürstenfeldbruck. Hier könnte man aus gutem Grund sagen „Alle Jahre wieder“, denn die Tradition der Faschingskonzerte des Philharmonischen Chores Fürstenfeld reicht bis ins Jahr 1978 zurück. Inzwischen nennt sich die Veranstaltung „PhilChor-Musical“, was nicht nur eine Erneuerung des Begriffs, sondern auch eine größere stilistische Öffnung bedeutet. Geblieben ist seit Anbeginn der Veranstaltungsort, der Sparkassensaal am Brucker Hauptplatz, der in seiner einladenden Form Akteure und Publikum einander automatisch näherbringt. Dass es überhaupt gelingt, jedes Jahr eine neue Ausgabe auf die Bühne zu zaubern, ist verwunderlich genug. Fast noch erstaunlicher ist, dass der Reiz für das Publikum so groß ist, dass es jedes Jahr in großer Zahl in das PhilChor-Musical strömt und damit regelmäßig für einen ausverkauften Saal sorgt.
Die gute Laune ist hier vorprogrammiert, das diesjährige Motto „Olymp“ stellte die göttlichen Sphären mit zahlreichen Gottheiten der griechischen Mythologie der Erde mit ihren Nöten und Schwierigkeiten gegenüber. Nicht immer konnte der Olymp helfen, am Ende aber kommt es – wie nicht anders zu erwarten – zu einem Happy End. Götter sind halt letztlich auch nur Menschen, zumindest hier. Die immer wieder durchscheinenden Bezüge zum Hier und Jetzt verliegen eine wohltuende Aktualität. Die Story war als Rahmenhandlung ausgezeichnet tragfähig, so dass sich die Protagonisten, unter denen auch einige Neulinge befanden, künstlerisch wunderbar entfalten konnten. Alle Sänger sind Laien, ihre Begeisterung und der Mut, sich solistisch vor das Publikum zu stellen, ist höchst bewundernswert. Was herauskommt, ist voller Witz und Komik, aber an keiner Stelle peinlich. Das ist hier eine ganz besondere Qualität.
Die stilistische Breite der musikalischen Darbietungen reichte von klassischen Werken und der Oper über Schlager und Evergreens bis hin zu Popmusik ganz unterschiedlicher Genres. Dass eine Band mit drei Mitgliedern (Jürgen Richter, Yoko Seidel und Tobias Plutka) und einigen Instrumenten (Klavier und Synthesizer, Gitarre und Bass, Schlagzeug) überhaupt in der Lage ist, Arrangements zu spielen, die jeweils stilistisch treffend sind, grenzt eher an ein Wunder. Dadurch aber haben die Sänger auf der Bühne ein tragendes Fundament, das auch den Spannungsbogen aufrecht erhält.
Am Anfang, wie könnte es anders sein, zog das Ensemble zur Musik des Schlagers „Griechischer Wein“ in den Saal ein und rahmte die Zuhörer quasi dadurch ein, dass sich die Sänger auch in den Gängen verteilten. Ein untrinkbarer Wein ist eine der Problematiken auf der Bühne. Das hat aber seinen Widerhall auf musikalischer Ebene, wenn ein falscher Akkord die makellose Harmonie stört. Eine Zentralfigur in der Geschichte ist der Götterbote Hermes (Jens Hunecke), der zwischen beiden Sphären quasi pendelt. Aber auch das hat einen doppelten Boden, denn als Kostüm trägt er die Dienstkleidung des Hermes Paketversands, der im Laufe des Abends im Kontext von Internet und Amazon auch in dieser Hinsicht eine Rolle spielt. Choreographisch geglückt war auch ein selbstbewusstes Männerballett, frei nach dem Motto „wir sind nicht gut, wir sind perfekt“.
Musikalisch begeisternd waren die Ensembles jeweils am Beginn und am Ende der Teile, die auf die stetige stimmliche Arbeit im Chor hinwiesen. Die zweite Hälfte der Vorstellung war inhaltlich der Lösung der „Probleme“ aus dem ersten Teil gewidmet. In der Taverne wurde der farbige Amazon-Instantwein verkostet, die längst tot geglaubten Schlümpfe feierten ihre Auferstehung. Amor brachte schließlich ohne Rücksicht auf Verluste die Liebenden in einer Herzblatt-Nummer zueinander. Was schräg war, wurde auf der Bühne zumindest halbwegs gerade.
Begeisterten Beifall gab es am Ende für alle Beteiligten auf und hinter der Bühne. Ohne die einfallsreichen Texte von Jens Hunecke, die perfekte Produktion von Rafael Hösel und die einfallsreiche Regie von Peter Haase wäre das PhilChor-Musical jedenfalls nicht denkbar gewesen. Mit diesem Gefühl merkten sich viele Zuschauer die Veranstaltung sicher gleich für das nächste Jahr vor.
Klaus Mohr
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Autor: Siehe Artikel
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