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1. Henri Matisse „Jazz“
2. Catalin Dorian Florescu „Matei entdeckt die Freiheit“
3. Jeff Wall „The Thinker – Der Denker“
4. Chet Noir von Holger Klein
5. Ziga Koritnik „Cloud Arrangers“
6. Ian McEwan „Was wir wissen können“
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Montag 06.04.2026
Henri Matisse „Jazz“
Der Grund, warum sich Henri Matisse (1869-1964) 72jährig mit Papier, Farbe und Schere noch einmal ausrüstete und eine völlig neue Bildsprache erfand, ist allein seinem damaligen Gesundheitszustand geschuldet. Eine lebenseinschränkende Darmerkrankung und sich den daraus ergebenden langwierigen Operationen, sowie zwei Lungenembolien und einige schwere Infekte fesselten Matisse über mehrere Monate ans Krankenhausbett. Anschließend war der Maler derart geschwächt, dass er sich nicht mehr in der Lage sah, stehend und über längeren Zeitraum an der Staffelei zu malen. So verlegte er sein Atelier kurzerhand ins Bett, zeichnete und illustrierte und begann Scherenschnitte anzufertigen, die in der Folgezeit zu seinem Hauptausdrucksmittel werden sollten.
Das Faszinierende war: Als 1947 einige dieser Arbeiten in einem Künstlerbuch unter dem Titel „Jazz“ veröffentlicht wurden und in der Pariser Galerie von Pierre Berés eine Ausstellung dieses Themas stattfand, war die Reaktion des Publikums und auch der Kritiker begeisternd. Diese Fülle an Farben, diese freien Formen und dynamischen Figuren, dieser bewegende Lebensrythmus passten in eine Zeit, die kurz zuvor noch von Faschismus, Okkupation, Krieg und damit vom Tod gezeichnet war.
Matisse selbst war anfangs von dem Ergebnis, von der Qualität der Drucke nicht sonderlich begeistert. Doch dann ließ er sich von der allgemeinen, so positiven Aufnahme der Arbeiten anstecken: „Auch wenn das Ergebnis nicht den Charme des Schneidevorgangs hat,“ äußerte er sich, „bleiben doch die gleichen Farben mit den gleichen energievollen harmonischen Wechselwirkungen.“
Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einfügen, dass der Jazz in Frankreich nach dem 2. Weltkrieg eine regelrechte Blütezeit erlebte. Zum einen gab es speziell in Paris schon zuvor eine lebendige Musikszene. Hier traten in den 1930er Jahren Louis Armstrong, Duke Ellington und Coleman Hawkins erfolgreich auf. Cole Porter schrieb sein Musical „Can-Can“ („I Love Paris), George Gershwin feierte die Stadt schon 1928 in „Ein Amerikaner in Paris“ und Django Reinhardt und Stephane Grapelli gründeten mit dem Quintette du Hot Club de France das erste europäische Ensemble, das auch transatlantische Erfolge feierte. Als dann die Amerikaner 1944 Frankreich und damit auch Paris befreiten, war der Jazz die Musik der Stunde. Der Klang der versinnbildlichten Freiheit und Hoffnung.
Auch passten diese Matisse-Arbeiten in dieses große grenzenlose Gefühl. „Die Scherenschnitttechnik erlaubt es mir,“ äußerte sich Matisse, „in die Farbe zu zeichnen. Es handelt sich für mich um eine Vereinfachung.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Wenn ich schneide, existiere ich nicht mehr. Das ist ein Traum. Die Bedeutung der Formen, die ich mit der Schere schaffe, geht mir erst später auf.
Der vorliegende Band aus dem Haus Schirmer/Mosel enthält 20 Scherenschnitte, wie gewohnt in bester Druckqualität und eine Einführung von Cathrin Klingsöhr-Leroy sowie den Originaltexten von Henri Matisse in deutscher/französischer und englischer Sprache.
Jörg Konrad

Henri Matisse
„Jazz“
Schirmer/Mosel


Abbildungern:

- Tafel I, Der Clown

- Tafel VIII, Ikarus

- Handschriftliche Titelei von Henri Matisse
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Dienstag 31.03.2026
Catalin Dorian Florescu „Matei entdeckt die Freiheit“
Catalin Dorian Florescu hat sich in seinem neuen Roman „Matei entdeckt die Freiheit“ einem Thema angenommen, das vor dreieinhalb Jahrzehnten auch im wiedervereinigten Deutschland für enormen Diskussionsstoff sorgte. Denn im Dezember 1991 wurde das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) verabschiedet, das die rechtliche Grundlage für die weitreichende (private) Einsicht in die Akten der Staatssicherheit ermöglichte. Die Befürchtungen vor Rache an bzw. der Stigmatisierung von Mitarbeitern und Stasizuträgern, sogenannten inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und deren Führungsoffizieren der Staatssicherheit, war groß.
Catalin Dorian Florescu arbeitet in seinem gerade veröffentlichten Roman die kommunistische Nachkriegszeit Rumäniens bis nach der Wende Mitte der 1990er Jahre in poetischer, wie bildhaft dramatischer Sprache packend auf.
Matei, die Hauptperson, wird aufgrund des Verfassens von politischen Gedichten 1956 zu sieben Jahren Lagerhaft und Zwangsarbeit im Donaudelta verurteilt. Hier erlebt er als politischer Delinquent eine physische und psychische Tortour, die nur mit den Verhältnissen in den russischen Gulags vergleichbar ist. Wer überlebt – hat Glück gehabt.
In den 1990er Jahren entdeckt Matei, der mittlerweile in Bukarest lebt und als Sargtischler arbeitet, in einem Linienbus durch Zufall seinen einstigen Peiniger, jenen Verhöroffizier, der ihn stundenlang vernommen und gefoltert hat. Wie begegnet Matei diesem Menschen, welche Konsequenzen zieht er aus diesem Wiedersehen?
Catalin Dorian Florescu erzählt die Geschichte dieses Matei auf unterschiedlichen Zeitebenen. Da wäre zum einen sein friedliches Leben vor der Verurteilung. Eine zweite Ebene ist die Zeit der Verbannung, die Catalin Dorian Florescu, trotz all der geschilderten Unmenschlichkeiten die im Namen des Sozialismus vollzogen werden, in einer sehr poetischen, an die Schönheit der Natur dieser Gegend angelegten Sprache erzählt. Dann wäre die Heimkehr und Enttäuschung die Matei nach seiner Entlassung erfährt, Schilderungen, die zu den vielleicht eindringlichsten und berührendsten Szenen dieses Romans gehören. Florescu beschreibt den freudlosen, grauen Alltag unter dem Regime des Diktators Nicolae Ceau?escu, dessen politisch abstrusen auch städtebaulichen Wahnwitzigkeiten, die Rumäniens Städtebild bis in die Gegenwart gezeichnet haben. Und eben jene Ebene, in der es um den einstigen Peiniger und „Henker“ Mateis geht, sowie die Reaktion des einstigen Peinigers auf Mateis Vergeltungsaktionen.
Catalin Dorian Florescu wechselt zwischen diesen Zeitachsen, hält dadurch die Geschichte pulsierend am Leben und schreibt in einem flüssigen, literarisch anspruchsvollen Stil, der diesem dunkelsten Kapitel osteuropäischer Geschichte der Neuzeit angemessen ist.
Catalin Dorian Florescu wurde 1967 im rumänischen Temeswar geboren. 1982 flohen Florescu und seine Eltern in die Schweiz und lebten fortan in Zürich. Hier studierte Catalin Dorian Psychologie und Psychopathologie und arbeitete als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Seit 2001 ist er Schriftsteller, nicht zuletzt aufgrund des Wunsches seiner Mutter. „Meine Mutter wollte, dass ich Schriftsteller werde“, erzählte er in einem Interview. „Ich habe zwei literarische Vornamen: Catalin aus Mihai Eminescus und Dorian kommt aus dem berühmten englischen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.
„Matei entdeckt die Freiheit“ ist Florescus, der unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, mittlerweile achter Roman und gehört ganz sicherlich zu seinen persönlichsten, aufwühlendsten und auch politischsten Büchern.
Jörg Konrad

Catalin Dorian Florescu
„Matei entdeckt die Freiheit“
Rowohlt
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Mittwoch 11.03.2026
Jeff Wall „The Thinker – Der Denker“
Schirmer/Mosel hat anlässlich seines 50. Geburtstages vor zwei Jahren eine Buch-Reihe unter dem Titel „Ein Bild und seine Geschichte“ ins Leben gerufen. Hier werden Augenblicke der Weltgeschichte bzw. einzelne Kulturgüter ins Zentrum eines jeweiligen Bandes gestellt und mit Unterstützung eines Essays vorgestellt. Die neue Veröffentlichung beschäftigt sich mit einer Arbeit des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall.
Wall hat sich bei seiner Arbeit für eine völlig neue Herangehensweise als andere Fotografen entschieden. Er sucht weniger nach den besonderen Gelegenheiten, den idealen Momenten, um ein Bild zu konservieren. Wall inszeniert und organisiert seine Objekte und erinnert mit dieser Herangehensweise an die Tätigkeit eines Malers. Er staffiert das Kunstwerk aus, formt den Raum ähnlich einem Bühnenbild, oder bearbeitet die Fotoarbeit im Nachhinein. Häufig bezieht er sich in seiner Darstellungsart auf die Kunst- bzw. Kuturgeschichte, wodurch seine Werke nicht selten in verschiedenen Zeitebenen verankert wirken.
Oft hat Wall diese Arbeiten in großformatigen Leuchtkastenbildern platziert - so auch sein Werk The Thinker von 1986. Auf einer Anhöhe, mit Blick über Vancouver, sitzt ein Mann in nachdenklicher Pose. Im Rücken dieses Mannes steckt ein langschaftiges Messer. So fällt sofort das Paradoxe dieser Figur ins Auge: Das tiefgründig Versunkene der männlichen Figur und der zu diesem Ausdruck so wenig passende Dolch in dessen Rücken. Es scheint als wolle das einfache, als Arbeiter gekleidete männliche Kunstobjekt nachdenken, ob es denn sterben wolle, oder ob es sich lohnt zu leben.
Wall bezieht sich bei dieser Arbeiten auf zwei Vorgaben von Albrecht Dürer, der Gedenksäule auf den Bauernkrieg von 1525 und auf Dürers Kupferstich Melancolia I von 1514. Zudem bringt Wall bei diesem Werk auch die Bronzeskulptur Der Denker von August Renoir ins Spiel, gefertigt zwischen 1880 und 1882.
So überbrückt Jeff Wall mit seiner künstlerischen Arbeit mindestens drei Jahrhunderte, setzt sie in ein Verhältnis und schafft damit eine gewisse Zeitlosigkeit.
Klaus-Peter Schuster, deutscher Kunsthistoriker, Ausstellungskurator und Museumsleiter, verweist in seinem Essay auf die Unterschiede und Ähnlichkeiten der verschiedenen Kunstwerke von Wall, Renoir und Dürer hin. Er betrachtet ausführlich die Objekte, sowohl in der Zeit ihrer Entstehung, als auch in ihrer heutigen Wirkung.
Jörg Konrad

Jeff Wall
„The Thinker – Der Denker“
Ein Bild und seine Geschichte
Schirmer/Mosel
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Dienstag 24.02.2026
Chet Noir von Holger Klein
In seiner Graphic Novel „CHET NOIR“ lässt Illustrator und Autor Holger Klein die letzte Woche im Leben des Jazztrompeters Chet Baker Revue passieren. Der 13.05.1988 ist für Jazzfans ein Tag, den man nicht so leicht vergisst. Der einzigartige Trompeter wird nach seinem Fenstersturz vor einem Hotel in Amsterdam tot aufgefunden. Geschickt verwebt Holger Klein in seinem Buch Rückblenden, die Chet einer geheimnisvollen Anhalterin auf dem Weg nach Rotterdam zu seinem letzten Konzert erzählt. Es begann ursprünglich alles 1952 im Tiffany Club mit Charlie Parker, dann das Gerry Mulligan Quartett, die Fotosession mit Halima, die William Claxton ikonisch einfing, über Paris, London, Italien, immer wieder seine Drogenexzesse bis hin zu den letzten Begleitern seines Lebensweges. Die Geschichte, mit dynamisch angelegten, teils überlappenden, Panels, ist immer wieder unterbrochen durch atmosphärische One-Pager, die das Auge zur Ruhe kommen lassen. Man muss ab und zu verschnaufen bei dem rasanten Erzähltempo oder besser, der Lebens- und Leidensgeschichte von Chet Baker. Einmal angefangen, mag man das Buch nicht mehr weglegen. Es zieht den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann. Der Kunstgriff mit der fiktiven Anhalterin, die mehr weiß als Chet ahnt, ist genial und begleitet den Trompeter so bis zu seinem letzten Atemzug. Das Hardcover Buch umfasst 152 Seiten Jazz pur, fesselnd, biografisch mit fiktionalen Elementen im Stile eines Film Noir, sauber recherchiert und wunderbar aufbereitet. „Mr. Chet“ hätte diese Graphic Novel sicherlich gefallen!
Von Holger Klein gibt es, by the way, ebenfalls erschienen im Kult Verlag, das jazz inspirierte Abenteuer „Tödliches Spiel“, auch über einen Trompeter, der aus dem Fenster stürzt, aber das ist eine andere Geschichte.
TEXT: Thomas J. Krebs

Holger Klein: Chet Noir
ist als Hard Cover erschienen bei Kult Comics
ISBN 978-3-96430-498-8
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Mittwoch 18.02.2026
Ziga Koritnik „Cloud Arrangers“
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Gerade erst hat der Fotograf Ziga Koritnik einen faszinierenden Bildband über den legendären deutschen Freejazz-Pionier Peter Brötzmann vorgelegt (siehe „Brötzmann In My Focus“). Fast zeitgleich ist nun ein weiteres Fotobuch des Slowenen erschienen. „Cloud Arrangers“ beinhaltet Momentaufnahmen und ausgewählte Porträts, die Koritnik in 30 Jahren als Fotoreporter im Jazzbereich gemacht hat. Dafür war er auf vier Kontinenten unterwegs, hat über fünfundvierzig internationale Festivals und unzählige Konzerte besucht. Ein Prachtband mit ausnahmslos schwarz-weiß-Aufnahmen, der die ganze Community des Jazz vereint, von Anthony Braxton bis Mats Gustafsson (mit Tochter Leah vor seiner kosmischen Vinylsammlung), von Han Bennink (in einer seiner unnachahmlich clownesken Posen) bis Elvin Jones, vom ekstatischen Joachim Kühn bis hin zum verschmitzt lächelnden Chick Corea. Man spürt in den einzelnen Aufnahmen die Dramatik und die Leidenschaft, die Nachdenklichkeit und die Einmaligkeit des Jazz und seiner Protagonisten. Festgehalten im Augenblick – für die Ewigkeit!
Koritnik, 1964 in Ljubljana, Slowenien geborenen, gelingt es, genau jene Elemente einer Musik einzufangen, die ebenso von Spontanität und einer Direktheit leben, wie auch die Arbeit eines guten Fotografen von einer Unmittelbarkeit und Unmissverständlichkeit zeugt. Hier sind Künstler am Werk - vor und hinter dem Objektiv.
„Cloud Arrangers“ ist eines der lebendigsten und ästhetisch überzeugendsten Jazzbücher des letzten Jahrzehnts – und vielleicht weit darüber hinaus.
Jörg Konrad

Ziga Koritnik
„Cloud Arrangers“
PE GA / Slowenia
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Freitag 30.01.2026
Ian McEwan „Was wir wissen können“
Wie wird unsere Erde in 100 Jahren aussehen? In seinem neuesten Roman „Was wir wissen können“ entwirft der britische Autor Ian McEwan eine düstere Dystopie, die aus heutiger Sicht keineswegs unglaubwürdig erscheint. Die voranschreitende Zerstörung der Natur, von McEwan „Disruption“ genannt, führt zu Hungersnöten, Unwetterkatastrophen und mehreren Klimakriegen mit begrenzten Nuklearschlägen, die Millionen Menschen das Leben kosten. Eine russische Wasserstoffbombe, die auf die USA gerichtet war und im Atlantik explodierte, verursacht schließlich die Überflutung weiter Teile der Erde und den Untergang unserer hochtechnisierten Zivilisation.
Im Jahr 2119, in dem der Roman spielt, ist die Weltbevölkerung um die Hälfte geschrumpft. Den Rest Deutschlands, der noch aus dem Wasser ragt, hat sich Großrussland einverleibt. In Amerika toben Bürgerkriege, und England ist zu einem Archipel einzelner Inseln geworden, die nur unter Gefahren über Boote zu erreichen sind. Auf einer dieser Inseln leben die Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe und seine Frau Rose. Internet und Datenbanken sind erhalten geblieben, und den beiden steht ein großer Fundus an überliefertem Wissen zur Verfügung. Und auch die Literatur hat die Zeiten überdauert. Sie schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Toms und Roses gemeinsamer Forschungsschwerpunkt ist die englische Literatur der Zeit von den1990er bis zu den 2030er Jahren, und so richtet sich ihr Blick auf die Gegenwart von uns Leserinnen und Lesern.
McEwan ist ein brillanter Erzähler, und es ist beeindruckend, mit welch leichtfüßiger Eleganz und gleichzeitig großem Ernst er das Thema Klimawandel in seinem vielschichtigen Roman behandelt, der aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil schickt er den Literaturwissenschaftler Tom auf eine Art Schatzsuche, auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht. McEwan, selbst ein großer Kenner und Liebhaber englischer Lyrik, streut immer wieder Zitate oder Hinweise auf bekannte Autoren wie Wordsworth oder Keats ein. Doch Francis Blundy, dem im Roman Toms besonderes Interesse gilt, ist erfunden.
Blundy hat im Jahr 2014 seiner Frau Vivien zum Geburtstag ein langes Gedicht gewidmet und bei einem Abendessen im Freundeskreis vorgetragen. Seither gilt es als verloren, hat aber gerade deshalb im Laufe der Jahrzehnte ein Eigenleben entwickelt, ist ein „Sammelbecken der Träume“, geworden, das Gedanken und Erwartungen mehrerer Generationen spiegelt. Tom ist besessen von dem Wunsch, den Sonettenkranz zu finden und zum ersten Mal zu veröffentlichen. Und ebenso leidenschaftlich fasziniert ist er von Vivien, der klugen, geheimnisvollen Frau des Dichters, von den Menschen ihrer Umgebung und ihren Beziehungen zueinander. Durch das Studium zahlloser Briefe, Tagebucheinträge, Emails versucht er, sich Vivien zu nähern und sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion ein Bild von der untergegangenen Welt, in der sie lebte, zu machen. Er blickt sehnsuchtsvoll auf eine Epoche, die ihm „von hier aus so ungebrochen und kostbar erscheint, in der viele Probleme der Menschheit noch hätten gelöst werden können. Damals, als zu wenige begriffen, wie grandios ihre natürliche und auch die menschengemachte Welt war.“ Aus der Sicht eines fiktiven Menschen der Zukunft führt uns McEwan im Roman die Schönheit, Vielfalt und Zerbrechlichkeit unserer Gegenwart vor Augen.
Rose, Toms Frau, betont dagegen einen anderen Aspekt: Es sei eine Zeit gewesen, in der Grausamkeit und Gier herrschten, in der die Menschen die Meere vergifteten, die Wälder vernichteten und die Disruption, die sie vorhersahen, nicht verhinderten. „…für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; Hochhäuser, die an Wolken kratzten; uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten.“ Für die nachfolgenden Generationen blieb nur versengte Erde. In einem Interview wurde McEwan einmal gefragt, mit welchen Gefühlen die Menschen nach uns wohl auf unsere Zeit zurückblicken würden. Mit Neid und Wut, war die Antwort.
Wie auch in früheren Romanen, stellt McEwan in „Was wir wissen können“ die Frage nach Schuld und Verantwortung – eingebettet in eine unterhaltsame, spannende Erzählung. Im ersten Teil des Buches thematisiert er die Schuld der heutigen Menschheit an der Zerstörung von Natur und Umwelt. Im zweiten Teil, der in unserer Gegenwart spielt, kommt es zu einem Perspektivwechsel. McEwan erzählt von Liebe, Liebesverrat und einem Verbrechen, von dem an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden soll. Hier geht es um eine ganz persönliche, individuelle Schuld, und es zeigt sich, wie wenig Tom in Wirklichkeit von Vivien und ihrem Freundeskreis gewusst hat, wie wenig wir vielleicht überhaupt von anderen Menschen, ihren Träumen und Geheimnissen wissen können.
Ian McEwan hat einen großartigen Roman über menschliche Verantwortung und die Kraft der Literatur geschrieben, der nicht zuletzt auch eine psychologisch raffiniert erzählte Liebes- und Kriminalgeschichte ist.
Lilly Munzinger, Gauting
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Autor: Siehe Artikel
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