Historisches aus Jazz & Blues (2): Joe Henderson „Consonance – Live At The Jazz Showcase“
Einige Label erweitern ihren Katalog immer wieder um rückblickend bisher unveröffentlichte Aufnahmen bedeutender Solisten und Bandleader des Jazz. Dank der Technik in oft hochwertiger Qualität. Wir werden an dieser Stelle in loser Folge einzelne, dieser oft bemerkenswerten Aufnahmen vorstellen und somit die Zeitlosigkeit von speziell guter Musik unterstreichen.
Das
Jazz Showcase, ein Club der 1947 in Chicago von Joe Segal gegründet wurde, gehört bis heute nicht nur zu den ältesten, sondern auch zu den legendärsten Jazz-Auftrittsorten weltweit.
Zev Feldman, Jazz-Historiker, Musikproduzent und Betreiber des Plattenlabels
Resonance Records, sagt über Joe Segals Club: „
Joes Archiv umfasst eine der größten Sammlungen bisher unveröffentlichter Jazzaufnahmen überhaupt, und wir haben großes Glück, dass diese Dokumente entstanden und erhalten wurden“.
So gastierte im Februar des Jahres 1978 für eine Woche der Saxophonist
Joe Henderson mit seinem Quartett im Jazz Showcase. Der aus Lima, Ohio stammende Henderson brachte an jedem dieser Abende den Club regelrecht zum Glühen. Wie auf „
Consonance – Live At The Jazz Showcase“ nachzuhören, vermittelt Hendersons Tenorspiel eine unglaubliche Kraft und Poesie zugleich, sein Sound klingt nach einem Titan am Instrument. Nichts scheint ihn auf seinen solistischen Wegen vom Ziel abhalten zu können. Mit seiner Intelligenz, Eleganz und Nüchternheit kontrolliert er das Spiel, auch in den Momenten, in denen die Leidenschaft mit ihm scheinbar durchzugehen scheint. Seine Chorusse sind dramaturgisch geschickt aufgebaut, so dass
Eddie Daniels ihn einmal als „
Inbegriff des Jazz-Tenors“ nannte. Er rast spontan von Höhepunkt zu Höhepunkt – was allein schon eine unvorstellbare Physis erfordert. Henderson lotet den gesamten Jazz-Kosmos aus, findet Bezüge zum Free Jazz und deckt Verwandtschaft zu den großen Modernisten der Klassik, wie
Bela Bartok und
Igor Strawinsky auf.
Hinter ihm am Klavier saß
Joanne Brackeen, die mit ihren kraftvollen, geschichteten Akkorden, wie einst Hendersons Partner
McCoy Tyner, ihm den Rücken frei hält und ihm harmonische Möglichkeiten lässt.
Steve Rodby als Bassist ist unentwegt am einfallsreichen Grundieren, setzt rhythmische Akzente oder begleitet in Hochgeschwindigkeit mit atemberaubenden Vierteln. Drei Jahre später wurde er festes Mitglied der
Pat Metheny Band. Schlagzeuger auf dieser Aufnahme ist der ungeduldiger, hyperaktive
Danny Spencer. Ein Einheizer, der die Musik trommelnd zum Brodeln, zum Kochen bringt und sie letztendlich zusammenhält.
Alle Drei, Brackeen, Rodby und Spencer agieren in ihrer Verschiedenartigkeit jedoch wie eine Einheit, die vom Risiko, von der Herausforderung lebt und die Musik mit einem farbigen, turbulenten Charakter ausstattet.
1937 geboren wuchs Joe Henderson mit vierzehn Geschwistern in sehr einfachen Verhältnissen auf. Durch seinen Bruder James, der eine ausgesuchte Plattensammlung besaß, beschäftigte er sich intensiv mit
Lester Young, Coleman Hawkins und
Charlie Parker, die, neben
Stan Getz, Sonny Rollins und
Dexter Gordon zeitlebens seine Favoriten blieben.
Henderson studierte am
Kentucky State College und der
Wayne University in Detroit und lernte nach seinem Militärdienst 25jährig
Kenny Dorham kennen. Dieser nahm ihn mit ins
Blue Note Studio, wo Henderson schon nach kurzer Zeit von
Alfred Lion einen Vertrag erhielt. Lion, ein Berliner Jude der 1936 nach New York emigrierte und hier gemeinsam mit dem deutschen Fotografen
Francis Wolff das legendäre Jazz-Label Blue Note gründete, erkannte die individuelle Klasse des Saxophonisten, und Henderson konnte zwischen 1963 bis 1967 fünf eigene und zwei Dutzend Alben als Sideman einspielen, die fast durchgehend zu Jazz-Klassikern wurden.
Jörg Konrad
Joe Henderson
„Consonance – Live At The Jazz Showcase“
Resonance