In ihrem neuesten Roman „
Nelka“ befasst sich
Svenja Leiber mit einem besonders dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit. Noch viele Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es verdrängt und bagatellisiert, und auch bis heute ist immer noch zu wenig bekannt, dass von den Nationalsozialisten mehr als 20 Millionen vor allem osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland und den besetzten Gebieten eingesetzt wurden. Unter verheerenden Lebensbedingungen mussten sie in der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie schuften und die deutsche Wirtschaft am Laufen halten.
Nelka, die Protagonistin des Romans, ist eine fiktive Figur. Sie steht für die unzähligen Frauen, die in Deutschland versklavt wurden und ganz besonders unter ökonomischer und häufig auch sexueller Ausbeutung und Gewalt zu leiden hatten. Ihnen will Svenja Leiber mit ihrem tief bewegenden Buch ein Denkmal setzen.
Nelka lebt mit ihren Eltern in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine. Ihr Vater ist Wissenschaftler, ein bekannter Pomologe, also ein Spezialist für Äpfel, ihre Pflege, ihren Anbau. Im Sommer 1941, nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, wird die sechzehnjährige Nelka auf dem Weg zum Bäcker von deutschen Soldaten gepackt, auf einen LKW verfrachtet und zusammen mit anderen jungen Frauen nach Deutschland verschleppt. Sie landet auf einem Gutshof in Schleswig-Holstein, auf dem sie bis zum Ende des Krieges bleiben wird.
Svenja Leiber ist selbst in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Ein alter Apfelbaum im Garten ihrer Eltern und Gerüchte über seine Geschichte waren für sie Anlass, nachzuforschen. Sie erfuhr schließlich, dass der Baum von Kriegsgefangenen gepflanzt worden war, dass in dieser Gegend tausende von ihnen in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, dass sich die gewaltsame Geschichte Deutschlands auch in die Landschaft eingeschrieben hat.
Trotz der Schwere des Themas schreibt Svenja Leiber in einer poetischen, feinfühligen Sprache, mit ausdrucksstarken Bildern. Die Zwangsarbeiter „haben für die Deutschen zu arbeiten, als schuldeten sie ihnen etwas. Nachts liegen sie da, steif wie Gerätschaften und werden hart und krumm und morsch für ihr ganzes Leben.“
Man ist beim Lesen ganz nah an den Figuren. Mit präzise beobachteten Details beschreibt die Autorin den Alltag der Frauen, der durch mangelnde Ernährung und harte körperliche Arbeit bestimmt ist, durch Heimweh, Einsamkeit und Angst. Bei Unbotmäßigkeit drohen brutale, oft sadistische Strafen. Und doch gibt es durch den Zusammenhalt zwischen Nelka und ihren beiden Freundinnen immer wieder Momente des Widerstands, der Hoffnung und Wärme. „Nelka“ ist auch ein Buch über lebensvolle junge Frauen, die sich unter unmenschlichsten Bedingungen ihre Menschlichkeit nicht nehmen lassen.
Marten, der Gutsverwalter, hat ein Auge auf Nelka geworfen. Obwohl der deutschen Bevölkerung Beziehungen zu Kriegsgefangenen bei Strafe verboten sind, holt er Nelka als Haushaltshilfe von der Baracke ins Verwalterhaus und lässt sie in einer ungeheizten Dachkammer wohnen. Er profitiert wirtschaftlich von ihrem großen Wissen über Äpfel, das sie bei ihrem Vater erworben hat. Vor allem aber sucht er ihre körperliche Nähe, gegen ihren Willen. Die Missbrauchsgeschichte selbst wird im Roman - mit großem Taktgefühl für das Opfer - nur angedeutet. Svenja Leiber wollte Nelka durch die Sprache nicht noch einmal Gewalt antun, wie sie in einem Interview sagt, sondern ihre Würde wahren.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. In den frühen 1990er Jahren kehrt Nelka, die mit Mann, Tochter und Enkelin wieder bei Lwiw wohnt, noch einmal an den Ort ihrer Pein zurück. „Wer sich vor Spinnen fürchtet, muss irgendwann zu den Spinnen gehen“, hat ihr Mann zu ihr gesagt.
Marten lebt noch immer auf dem Hof. Durch die Apfelplantagen, die er nach dem Krieg mit Hilfe von Nelkas Sachverstand aufgebaut hat, ist er reich geworden. Die Autorin schildert die späte Begegnung zwischen ihm und Nelka aus beider Perspektive, in einem einfühlsamen, zurückhaltenden Ton. „Zögerlich fallen ihr Bilder ein, Bewegungen, Berührungen, in ihren Körper eingeschrieben, wie Einträge in ein Archiv, das sie nie mehr geöffnet hat.“ Marten reagiert auf ihre Anwesenheit mit Angst und Verwirrung, lange Verdrängtes bricht auf, Rechtfertigungsversuche und Schuldgefühle treiben ihn um. Doch Nelka, die ihn und sich selbst durch ihren Besuch mit der Vergangenheit konfrontiert hat, fühlt sich endlich von ihr befreit.
Mit ihrem beeindruckenden Buch, das lange nachwirkt, möchte die Autorin die Erinnerung wachhalten an das, was geschehen ist. Die Erinnerung an die unzähligen Frauen und Männer, die während des Krieges in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten und an das Leid, das sie erlebt haben.
Lilly Munzinger, Gauting
Svenja Leiber
„Nelka“
Suhrkamp