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Donnerstag 04.06.2026
GOOD BOY – WIR WOLLEN NUR DEIN BESTES
Ab 04. Juni 2026 im Kino
Der 19-jährige Tommy (Anson Boon) genießt sein Leben als Krimineller, treibt seine Freunde immer wieder zu grausamen Gewalttaten an und prahlt damit auf Social Media – bis er eines Nachts von einem Fremden entführt wird. Als Tommy erwacht, findet er sich angekettet im Keller eines abgelegenen Vorstadthauses wieder, in dem sein Entführer Chris (Stephen Graham) mit seiner Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und ihrem jungen Sohn Jonathan lebt. Die Familie setzt alles daran, Tommys unkontrolliertes Verhalten zu „reformieren“, und unterzieht ihn zahlreichen psychologischen Spielchen, um aus ihm einen „braven Jungen“ zu machen. Während Tommy sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, wird er immer tiefer in die dysfunktionale Familiendynamik von Chris, Kathryn und Jonathan hineingezogen, aber auch mit seinen eigenen Sehnsüchten konfrontiert. Und schleichend merkt Tommy, dass seine Gefühle zwischen Hass und Sympathie, zwischen Fluchtreflex und dem Bedürfnis nach Nähe verschwimmen.
Ein Film von JAN KOMASA
Mit STEPHEN GRAHAM, ANDREA RISEBOROUGH, ANSON BOON, KIT RAKUSEN, MONIKA FRAJCZYK u.a.
Mit seinem neuesten Film GOOD BOY – WIR WOLLEN NUR DEIN BESTES legt der Oscar-nominierte Regisseur Jan Komasa („Corpus Christi“, „The Change“) einen packenden und provokanten Gesellschaftsthriller vor, der Genregrenzen überschreitet und von „The Guardian“ bereits mit Kubricks „Uhrwerk Orange“ verglichen wird.
In den Hauptrollen überzeugen der „Adolescence“-Star, Emmy- und Golden-Globe-Gewinner Stephen Graham, die Oscar-nominierte Andrea Riseborough („Goodbye June“, „Die Fotografin“, „To Leslie“) und Anson Boon („MobLand“, „Pistol“, „Die Witwe Clicquot“).
Mit radikaler Konsequenz stellt der Film Fragen nach Freiheit, Identität und moralischer Rechtschaffenheit – und zwingt uns, neu zu verhandeln, was wir bereit sind, als „normal“ hinzunehmen.
Nach einem Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid und mit eindringlichen Bildern von Kameramann Micha? Dymek („A real Pain“, „Das Mädchen mit der Nadel“) entfaltet Regisseur Jan Komasa ein düsteres und zugleich skurril bissiges Märchen, das lange nachhallt.
Jeremy Thomas und Jerzy Skolimowski präsentieren mit GOOD BOY – WIR WOLLEN NUR DEIN BESTES eine Produktion von Skopia Film und Recorded Picture Company, in Koproduktion mit Venatu Capital, Canal+ Poland, Tvn Warner Bros. Discovery, Documentary and Feature Film Studios, in Zusammenarbeit mit Hanway Films, Desmar, Screen Yorkshire, UK Global Screen Fund, Kujawsko-Pomorskie Voivodship, Tofifest International Film Festival, Co-finanziert aus Mitteln von The Ministry of Culture and National Heritage of the Republic of Poland und Polish Film Institute.
STATEMENT DES REGISSEURS
GOOD BOY - WIR WOLLEN NUR DEIN BESTES begann mit einer zum Nachdenken anregenden Idee, die mich nicht losließ: Ist Freiheit in einer Welt, die nach Aufmerksamkeit hungert, noch erstrebenswert, wenn niemand dich sieht? Würden wir Selbstbestimmung in Isolation wählen oder Freiheit für das Wohlbefinden ständiger Fürsorge aufgeben?
Die Geschichte stammt von einem polnischen Drehbuchautor, der zum ersten Mal ein Drehbuch schrieb und zum Zeitpunkt des Schreibens als Big-Data-Analyst bei einem IT-Unternehmen angestellt war, zusammen mit Hunderten anderen, die an ihre Computer gefesselt waren und prekäre Arbeitsverträge hatten. Er schrieb ein Drehbuch, das brutal, absurd und authentisch wirkte, wie eine düstere Fabel. Es knüpfte an die Themen an, die ich seit „Suicide Room“ und „Corpus Christi“ verfolgt habe: Familie und Gemeinschaft als Systeme, die uns sowohl schützen als auch gefangen halten.
Wir drehten in Warschaus legendärem Studio, in dem vor 25 Jahren 15 Menschen freiwillig als Teilnehmer der ersten polnischen Ausgabe von „Big Brother“ eingesperrt waren. Der Rest der Dreharbeiten fand in Yorkshire statt, wo sich der melancholische Wind von Wuthering Heights scheinbar in den Film einschrieb. In Zusammenarbeit mit Stephen Graham, Andrea Riseborough und Anson Boon wollte ich die schmale Grenze zwischen Liebe und Tyrannei, Schweigen und Gewalt erkunden – allesamt durchdrungen von einem britischen und polnischen Sinn für kompromisslosen schwarzen Humor, der provokativ in der Grauzone der Moral schwebt. Dieses Projekt fühlte sich bewusst präzise, absurd und beunruhigend an. Es ist eine mitteleuropäische Sensibilität, die auf britische gotische Zurückhaltung trifft. Das Ergebnis ist ein Rätsel, ein Moralstück in Handschellen: das Gefängnis der ungezügelten Freiheit, die Gefahr der Fürsorge und die Entscheidung, die definiert, wer wir sind.
Jan Komasa
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 28.05.2026
BORN TO FAKE
Ab 28. Mai 2026 im Kino
Born to Fake rekonstruiert mit Originalmaterial die Geschichte des TV-Fälschers Michael Born, dessen Betrugsfilme in den 90er Jahren ungeprüft bei stern TV und in anderen TV-Sendungen liefen. Ein wilder, unterhaltsamer Dokumentarfilm über einen der größten Medienskandale der Bundesrepublik — und über seine beunruhigende Aktualität im Zeitalter von KI.
Ein Film von Erec Brehmer & Benjamin Rost
Born to Fake ist die Rekonstruktion eines deutschen Medienskandals. Der Film erzählt von Michael Born, dessen gefälschte Fernsehbeiträge in den 1990er Jahren ungeprüft in großen TV-Formaten gesendet wurden. Doch Born to Fake blickt nicht zurück, um einen Fall abzuschließen. Der Film blickt zurück, um zu zeigen, wie gegenwärtig er geworden ist. Was damals wie ein spektakulärer Einzelfall wirkte, erscheint heute als frühe Vorform eines Problems, das längst unseren Alltag bestimmt: Bilder überzeugen oft schneller als ihre Prüfung. Sichtbarkeit ersetzt Glaubwürdigkeit. Dramaturgie wirkt stärker als Herkunft. Und die Frage ist nicht nur, was gefälscht ist, sondern warum etwas überhaupt geglaubt werden will. Michael Born ist in diesem Film deshalb nicht nur der Fernsehfälscher von damals. Er wird zur Schlüsselfigur einer größeren Geschichte: über Medien und Verführung, über den Hunger nach Evidenz, über ein System, das starke Bilder wollte und zu selten fragte, wie sie entstanden sind. In einer Gegenwart, in der über KI, Deepfakes und den Verlust von Gewissheit verhandelt wird, bekommt dieser Fall eine neue Schärfe. Born to Fake ist kein nostalgischer Rückblick auf einen TV-Skandal. Es ist ein Film über die Gegenwart der Bilder.
Die beiden Dokumentarfilmer Benjamin Rost und Erec Brehmer bekamen nach dem Tod von Michael Born 2019 kistenweise Originalmaterial in die Hände – Aufnahmen, die Michael Born einst selbst für seine Fälschungen drehte. Aus diesem Fundus, Interview mit Zeitzeugen und Ausschnitten aus den Originalsendungen entsteht ein ebenso unterhaltsamer wie wilder und immer wieder unglaublicher Dokumentarfilm, der die Mechanik des Falls präzise nachzeichnet und zugleich seine Folgen für die Gegenwart beleuchtet.
Denn der Fall Michael Born ist mehr als ein TV-Skandal in den 1990ern. Er erzählt von einem Mann, der früh verstand, was ein Medium sehen wollte, und von einem System, das Sensation, Zuspitzung und Bilder oft lieber hatte als Wahrheit. Damit wird Born to Fake auch zu einem Film über unsere Gegenwart: über die Manipulierbarkeit von Bildern, über den schwindenden Grenzverlauf zwischen Inszenierung und Realität – und über die neue Brisanz dieser Fragen im Zeitalter von KI.
So blickt der Film nicht nur zurück auf diesen einzigartigen Skandal. Er fragt auch, was passiert, wenn die Täuschung heute noch leichter, billiger und perfekter geworden ist.
Michael Born starb am 4. März 2019 im Alter von 60 Jahren in Graz, nachdem er dort noch mit Roland Berger an einem Theaterstück über seinen Fall gearbeitet hatte, das ebenso Teil des Dokumentarfilms ist.
Porträt Michael Born
Hans-Michael Born kam nicht über den klassischen Weg in den Journalismus. Keine Journalistenschule, keine Redaktion, keine lineare Laufbahn. Seine Biografie ist von Brüchen geprägt: Nach der mittleren Reife tingelte er mit einem Freund als Musikantenduo „Flop“ durch seine Heimatstadt Lahnstein, besuchte später in Hamburg die Fachoberschule für Nautik und arbeitete zeitweise als dritter Offizier auf einer Ostseefähre. 1982 heiratete er, übernahm die Zoohandlung seiner Mutter, machte hohe Schulden und ging bankrott. Kurz darauf zerbrach auch seine Ehe. Nach diesem Fiasko entschloss sich Born, die Welt künftig „als Journalist zu beschreiben“.
Der Moment war günstig. Mit dem Aufstieg der Privatsender entstand Mitte der 1980er Jahre ein Fernsehen, das dringend Stoffe, Bilder und Sensationen brauchte. Born gründete seine Firma Trans-World-Pictures / Reportagen, TV-Produktionen, Risikoeinsätze — ein Name, der bereits sein Selbstbild verriet. In den folgenden Jahren berichtete er aus Angola, Eritrea, dem Jemen, Irak, Somalia, Afghanistan, Ex-Jugoslawien und immer wieder aus dem Libanon. Er inszenierte sich als Krisenreporter, Abenteurer und Nahostkenner — als einer, der dahin ging, wo andere nicht hinkamen.
Ein früher Wendepunkt war der Fall des 1987 im Libanon entführten deutschen Ingenieurs Rudolf Cordes. Über seinen Freund Abudi verfügte Born über Kontakte in einem Umfeld, das bis zur Familie der Hamadi-Brüder reichte. Mit einem Empfehlungsschreiben des stellvertretenden iranischen Botschafters reiste er nach Beirut und bewegte sich dort in einer Welt aus Milizen, Geiseln, Waffen und politischen Loyalitäten. Diese Erfahrungen prägten sein Selbstbild nachhaltig: Born verstand sich fortan als Reporter der „ersten Reihe“, als jemand, der nicht aus Distanz beobachtet, sondern mitten in die Geschichte hineingeht.
Doch genau hier begann auch die Verschiebung, die später zum Skandal führte. Born bemerkte, wie oberflächlich Fernsehmaterial oft geprüft wurde. Aus ersten Eingriffen in die Bildgestaltung entwickelte sich Schritt für Schritt eine Methode, in der Dokumentation, Rekonstruktion und Inszenierung immer stärker ineinandergriffen. Born lieferte spektakuläre Beiträge über Krieg, Drogenschmuggel, Kinderarbeit und Extremismus — darunter Filme, die sich später als manipuliert
oder vollständig gestellt herausstellten.
Die Enttarnung begann Mitte der 1990er Jahre. Ein sprachforensisches Gutachten legte nahe, dass die Stimme eines angeblichen Ku-Klux-Klan-Redners identisch war mit der eines angeblichen Drogenkuriers aus einem anderen Beitrag. Die Ermittlungen weiteten sich aus, ein Mitarbeiter Borns legte ein umfangreiches Geständnis ab. Aus dem Verdacht wurde einer der größten Medienskandale der Bundesrepublik. Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz verteidigte sich Born nicht nur als Täter, sondern auch als Produkt eines Fernsehsystems, das Sensation wollte und Kontrolle vernachlässigte. Im Dezember 1996 wurde er wegen vollendeten Betrugs in 17 Fällen und versuchten Betrugs in drei Fällen zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Später lebte Born zeitweise in Griechenland. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete er gemeinsam mit Roland Berger an einem Theaterprojekt mit dem Titel Born to fake, in dem seine eigene Geschichte noch einmal künstlerisch befragt werden sollte.
Michael Born starb am 4. März 2019 in Graz. Die Performance Born to fake wurde nach seinem Tod weiterentwickelt und 2022 mehrfach aufgeführt.
Michael Born bleibt bis heute eine widersprüchliche Figur: Reporter, Aufschneider, Täter, Mythos. Seine Geschichte erzählt nicht nur von einem Mann, der Bilder fälschte. Sondern auch von einem Fernsehen, das lange genau solche Bilder sehen wollte.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 21.05.2026
THE NORTH
Ab 21. Mai 2026 im Kino
10 Jahre sind vergangen, seit sich Chris und Lluis zu Studentenzeiten die Wohnung geteilt haben. Jetzt wollen sie ihre Freundschaft wieder aufleben lassen und einen alten Traum verwirklichen: Gemeinsam durch die schottischen Highlands wandern, 600 Kilometer in einem Monat, auf dem West Highland Way und dem Cape Wrath Trail. Der Weg führt sie durch einzigartige Landschaften von atemberaubender Schönheit. Chris fällt es schwer, sich ganz darauf einzulassen, sein Job verfolgt ihn, bis die Abgeschiedenheit der Highlands endlich keinen Telefonempfang mehr zulässt. Lluis kämpft mit seinem Körper, aber er setzt alles daran durchzuhalten.
Je länger sie unterwegs sind, desto mehr zeigt sich, dass die wahre Herausforderung für Chris und Lluis nicht in den Strapazen liegt, nicht in den Mücken- schwärme, den Anstiegen, dem schweren Gepäck, den Regentagen. Was wissen sie voneinander? Was ist von ihren Träumen aus Studententagen geblieben? Die Stille und Einsamkeit um sie herum zwingen Lluis und Chris dazu, sich mit den Wahrheiten über sich und das eigene Leben auseinanderzusetzen. Der Trail in den Norden wird zur schmerzlichen, befreien- den Reise zu sich selbst. Wie lange muss man die Stille aushalten, bevor sie schön wird?
Ein Film von BART SCHRIJVER
Mit BART HARDER, CARLES PULIDO, SHARON VERDEGEM, MATTHIJS VAN SANDE BAKHUYZEN u.a.
THE NORTH ist ein beglückender, immer wieder überraschend humorvoller Film über Freundschaft und Träume, über die Stille, über innere und äußere Wege, über das Erleben der Natur. Regisseur Bart Schrijver und sein Team haben THE NORTH gedreht, während sie den Trail selbst zurückgelegt haben, bei Wind und Wetter, das Equipment im Rucksack.
Müdigkeit, Hunger, das Glücksgefühl beim Laufen, die Herausforderung, ein Zelt im Sturm aufzuschlagen – was THE NORTH erzählt, ist unmittelbare, sinnliche Erfahrung. Mit seinen großartigen Hauptdarstellern Bart Harder und Carles Pulido, den atemberaubend schönen Bildern und natürlichen Klanglandschaften wird THE NORTH zum einzigartigen Kinoerlebnis, das uns die Stille und Schönheit der Natur so intensiv erleben lässt, als seien wir selbst auf dem Weg in den Norden.
In Holland wurde THE NORTH bei seinem Kinostart zum absoluten Überraschungserfolg, als Spitzenreiter der Arthouse-Charts und mit wochenlangen Top Ten-Platzierungen in den Kinocharts.
REGIESTATEMENT:
BART SCHRIJVER
Wenn man einen Film übers Wandern macht, muss man, glaube ich, selbst wandern. 2018 wanderte ich mit einem Freund durch ganz Neuseeland. In viereinhalb Monaten liefen wir mehr als 3.000 Kilometer. Damit begann meine Liebe zum Wandern, zur Natur und zur Stille und Einsamkeit, die sie schenkt. 2019 wanderte ich 700 Kilometer vom Nordkap nach Finnland. Diese Erfahrung war so intensiv, dass ich meinen ersten Film darüber machte, Human Nature. Nach Schottland zu gehen, war immer ein Traum von mir – die Rauheit der Highlands zu spüren und die Landschaft zu erleben. 2024 war es schließlich so- weit, und ich bin den West Highland Way und den Cape Wrath Trail gelaufen. Leider musste ich kurz vor dem Kap wegen einer Verletzung aufgeben. Aber es entstand eine neue Idee für einen Film, ausgehend von meinem Hiking in Neuseeland, dem Wandern mit meinem Freund und meiner Erfahrung mit dem Spirit der Highlands.
Um einen Film über zwei Freunde zu drehen, die 600 Kilometer durch die Highlands wandern, gibt es meiner Überzeugung nach nur einen Weg: Man muss den größten Teil der Strecke während des Drehens selbst wandern. Ich wollte, dass jeder in der Crew spürt, wie es ist, dort draußen zu sein. Um dieses Gefühl zu bewahren, habe ich The North mit einer möglichst kleinen Crew gedreht. Wir waren zu sechst, die zwei Schauspieler, ein Tontechniker, ein Kameramann, ein Dokumentarfilmer und ich. Das war die Crew, die mit in die Natur gegangen ist. Dazu hatten wir vier Leute, die uns von außen unterstützt haben, mit Autos und Essen.
Wir wanderten jeweils in Abschnitten von vier bis sechs Tagen. Alles, was wir dafür brauchten, mussten wir in unseren Rucksäcken mitschleppen – Essen, Zelte und all die andere Hiking- Ausrüstung. Aber auch alles, was wir für den Film brauchten: zwei Kameras, ein Stativ, das Ton-Equipment und genügend Batterien für die ganze Strecke, ein Rucksackgewicht von bis zu 33 Kilogramm. Oben in den Highlands gibt es keine Hotels oder Catering-Services. Wir alle schliefen in unseren Zelten, damit die Crew wusste, wie sich das anfühlt. Die Schauspieler erfuhren am eige-nen Leib, wie es ist, mit vollem Gepäck Berge hinaufzuwandern und bei Sturm in einem Zelt zu schlafen. Diese Erfahrung brachten sie in den Film ein. Wenn sie müde, hungrig oder durchnässt waren, dann war das alles echt.
Normalerweise möchte man beim Filmemachen alles kontrollieren, das Licht, den Ton, die Umgebung – aber in der Natur ist das unmöglich. Es ist auch etwas, was ich gar nicht tun wollte. Ich wollte, dass uns die Highlands das gaben, was sie hatten: Wenn es regnet, drehen wir im Regen. Wenn es stürmt, drehen wir im Sturm. Genau wie beim Wandern muss man mit dem Wetter zurechtkommen, das es gibt, und das Beste daraus machen. Dafür habe ich die Szenen manchmal vor Ort umgeschrieben, damit sie zum Wetter passten.
Einen Film zu machen, während man selbst wandert, hat noch andere Vorteile. Man beginnt am Startpunkt, und dann geht man los. So dreht man den Film chronologisch – etwas, das beim Filmemachen nicht allzu oft vorkommt. Das Drehen in chronologischer Reihenfolge bedeutet auch, dass sich der Film aus sich selbst heraus entwickeln kann. Abends liege ich im Zelt und veränderte das Drehbuch, basierend auf den Szenen, die wir an diesem Tag gedreht haben, oder den Gesprächen mit den Darstellern und dem Team. Der Film ist fließend. Wir entdecken Tag für Tag, worum es im Film wirklich geht und wohin er führt. Das ist ein unglaublich aufregender Prozess.
Manchmal auch erschreckend, aber vor allem aufregend.
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Donnerstag 14.05.2026
NACHBEBEN
Ab 07. Mai 2026 im Kino
Auf der überlasteten Schlaganfallstation eines Krankenhauses beginnt der Tag für die erfahrene Neurologin Alexandra wie so viele zuvor: zu wenig Personal, zu viele Entscheidungen, ein ständiger Kampf gegen die Uhr. Alexandra arbeitet schnell, präzise, routiniert – eine Ärztin, die gelernt hat, im Ausnahmezustand zu funktionieren. Als der 18-jährige Oliver mit seiner Mutter Camilla die Station betritt, wirkt sein Zustand zunächst unspektakulär. Alexandra stuft seine Symptome als harmlos ein, eine Kollegin äußert leise Zweifel – doch in der Hektik der Station verhallen Warnungen leicht. Oliver wird nach Hause geschickt, doch nur kurze Zeit später bricht er in der Station zusammen ...
Was darauf folgt, ist ein präzise beobachteter, psychologischer Thriller: Eltern suchen Antworten, Kolleg:innen rücken ab, Hierarchien beginnen zu wanken. Und mittendrin Alexandra – konfrontiert mit der Möglichkeit eines folgenschweren Irrtums und den emotionalen Nachwirkungen eines Moments, der ihr Selbstverständnis erschüttert ...
Ein Film von Zinnini Elkington
Mit Trine Dyrholm, Özlem Saglanmak, Mathilde Arcel, Olaf Johannessen u.a.
PREISE UND AUSZEICHNUNGEN
NACHBEBEN feierte unter dem internationalen Titel SECOND VICTIMS beim Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere und wurde in diesem Rahmen mit dem „Preis der Filmkritik“ als „Bester Film“ prämiert, bei den Nordischen Filmtagen folgte der NDR Filmpreis als „Bester Film“. Es folgten beim Dänischen Filmpreis „ROBERT PRISEN“ gleich sechs weitere Preise in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes Original-Drehbuch“, „Beste Hauptdarstellerin“ für Özlem Saglanmak, „Bester Schnitt“ und „Bestes Sounddesign“. Darüber hinaus wurde der Film von der dänischen Filmkritik in folgenden drei Kategorien geehrt: „Bester Film“, „Beste Hauptrolle“ für Özlem Saglanmak sowie dem Bahs-Preis für das Beste Produktionsdesign für Josefine Else Larsen.
REGIESTATEMENT
NACHBEBEN ist ein Aufruf zu Empathie gegenüber dem fehlbaren Menschen in uns allen. Durch die Augen einer Ärztin möchte ich die vorherrschende Erzählung über medizinische Fehler hinterfragen und gleichzeitig zeitlose menschliche Dilemmata in Bezug auf Leben und Tod, Kontrolle und Chaos sowie die heilende Kraft der Akzeptanz und Gemeinschaft untersuchen.
Die Idee zu NACHBEBEN entstand 2020, als meine jüngere Schwester begann, mir von ihren Erfahrungen als junge Ärztin zu erzählen. Ich war verblüfft über die großen Dilemmata, mit denen sie täglich konfrontiert war, und über die immense Verantwortung, die ihr seit ihrem Abschluss in Medizin übertragen wurde. Ich wusste, dass ich einen Film über eine Ärztin und die menschlichen Folgen unseres Gesundheitssystems drehen wollte, und als ich auf den psychologischen Begriff „Second Victim“ stieß, wusste ich, dass ich den Kern der Geschichte gefunden hatte. „Second Victim“ beschreibt die psychologischen Auswirkungen, die ein unerwünschtes Ereignis, wie z. B. eine Verletzung eines Patienten, auf medizinisches Personal hat. Hinter den OP-Kitteln stehen immer Menschen.
Mein Anspruch war es, eine authentische Darstellung der Arbeit in einem Krankenhaus zu schaffen. Der Film ist zu 100 % fiktiv, basiert jedoch auf jahrelanger Recherche, einschließlich persönlicher Erfahrungen, die Ärztinnen und Ärzte mit mir geteilt haben, wissenschaftlicher Studien zu diesem Thema sowie Feldstudien, die auf einer realen Schlaganfallstation in Kopenhagen durchgeführt wurden. Darüber hinaus wurde der Film im 12. Stock des Herlev-Krankenhauses – einem aktiven, in Betrieb befindlichen Krankenhaus – in enger Zusammenarbeit mit dem Personal und in direktem Kontakt mit den Menschen gedreht, die wir darstellen.
Ich möchte dem Publikum ein nahbares Filmerlebnis bieten, als hätte es selbst eine hektische Schicht gearbeitet. Der Film liefert keine einfachen Antworten, aber ich hoffe, dass er nach dem Abspann zu weiteren Gedanken, mehr Verständnis und sinnvollen Gesprächen anregt. Ich bin dankbar für die Gelegenheit, diesen Film einem breiteren deutschen Publikum vorstellen zu dürfen.
Zinnini Elkington
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 07.05.2026
ROSE (Mit Interview Sandra Hüller)
Ab 30. April 2026 im Kino
In den Wirren des 30-jährigen Krieges erscheint ein mysteriöser Soldat in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf. Schweigsam, schmal, das Gesicht durch eine Narbe entstellt. Der Fremde behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs zu sein, und kann ein Dokument vorlegen, das seinen Anspruch bestätigt. Zum großen Missfallen der Dorfgemeinde. Allerdings setzt der Fremde alles daran, hier sein Glück zu finden. Sein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz werden aber durch sein Geheimnis erschwert: Unter falscher Identität, unter falschem Namen und unter Vortäuschung eines falschen Geschlechts hat der Soldat seinen Weg in das Dorf genommen. Doch um seine Ziele zu erreichen, wird er auch nicht vor der Unmöglichkeit einer arrangierten Ehe mit der Tochter eines Großbauern zurückschrecken. Denn wer so weit gekommen ist, hält bald alles für möglich.
ROSE – die wahrhaftige Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin, die, obwohl als eine Weibs-Person geboren dem zum Trotz unter falschem Namen als Manns-Bild sich betragen, und viel üble Schandtat hat getrieben.
Ein Film von Markus Schleinzer
Mit Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese u.v.a.
INTERVIEW SANDRA HÜLLER
Was hat Sie an ROSE, an der Figur von Rose gereizt?Zunächst einmal sind Markus Schleinzer und Alexander Brom bemerkenswerte Autoren, die ein Drehbuch geschrieben haben, das eigentlich ein Gedicht ist. Die Figur der Rose ist so komplex und mutig, widersprüchlich und bewegend, dass ich mehr über sie erfahren wollte. Die Sprache, die wir im Film sprechen, war für mich eine willkommene Herausforderung, sie ist anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Außerdem arbeite ich gerne mit meinem ganzen Körper, und das war hier sehr gefragt.
ROSE ist eine sehr komplexe Rolle. Wie haben Sie es geschafft, einer Figur, die nicht viel sagt, so viel Tiefe zu verleihen?Generell glaube ich nicht, dass Figuren viel reden müssen, damit sie Figuren sind. Schon wenn ich jemanden auf der Straße sehe, kann ich mir schon vorstellen, wer er ist, oder seine Energie oder seine Sorgen spüren, daher ist dieser Aspekt nicht wirklich das Schwierige. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, die Balance zu finden, als männliche Figur glaubhaft zu sein für die Menschen, denen Rose begegnet, und gleichzeitig die ständige Angst beizubehalten, entdeckt zu werden – oder vielmehr, diese Angst zur treibenden Kraft der Figur zu machen, neben dem Wunsch, einfach am Leben zu sein.
Die Kostüme von Doris Bartelt haben dabei enorm geholfen. Das Ankleiden war eine wirkliche Prozedur, bei dem jedes einzelne Detail der männlichen Rüstung, die Rose trägt, beachtet werden musste, auch die Details, die nicht sichtbar sind. Und natürlich gab es auch viele Gespräche mit Markus.
Wie war die Zusammenarbeit mit Markus Schleinzer?Unsere Arbeitsbeziehung basiert natürlich auf gegenseitigem Respekt. Markus hat das Drehbuch geschrieben und dafür unglaublich viel recherchiert, wovon ich profitieren konnte. Er ist offen für Änderungen und Gedanken, Ideen, die wir haben, und vertraut dem Instinkt seiner Schauspielerinnen und Schauspieler. Trotz der strengen Begrenzungen eines Schwarz-Weiß-Historienfilms war er sehr flexibel und hatte eine einzigartige und genaue Vision.
Es gibt eine Reihe von Inspirationen für diesen Film, von Kurosawa über Western bis hin zu Dreyer. Gab es frühere Darstellungen, die Sie sich angesehen oder die Sie inspiriert haben?Ich habe mir „Albert Nobbs“ mit Glenn Close angesehen, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe.
Die rauen Wetterbedingungen, die körperliche Anstrengung beim Ausbau des Gehöfts, das alles wirkt sehr überzeugend. Was waren Ihre Erfahrungen am Set? War der Dreh so schwierig, wie es den Anschein hat?
Ja, es war ein schwieriger Dreh – besonders im Winter. Gleichzeitig hatten wir den Luxus, fast die ganze Zeit am selben Ort zu bleiben, in der wunderschönen Region im Harz. Die Häuser und die Kirche wurden speziell für den Film gebaut, und Markus sorgte dafür, dass die Felder nicht abgeerntet wurden, damit sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in voller Blüte standen. Es wurde unglaublich viel für uns organisiert. Emotional war es allerdings sehr herausfordernd, jemanden zu spielen, der ein so großes Geheimnis hat, der eine so starke Sehnsucht danach verspürt, frei zu sein, und der einen Krieg überlebt hat.
Wie sehen Sie ROSE vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Gegenwart?Ich bin kein Fan von Helden oder Heldinnen in irgendeinem Kontext – es ist zu einfach, die Bürde der Tapferkeit auf einzelne Personen abzuwälzen. Ich glaube, dass wir alle gemeinsam die Gesellschaft gestalten und dass es unsere kollektive Verantwortung ist, dafür zu sorgen, dass niemand jemals verbergen muss, wer er ist, um akzeptiert zu werden.
Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass es einfach notwendig ist, Geschichten wie diese über Menschen wie Rose zu erzählen, weil es sie gibt.
Was hoffen Sie, dass das Publikum aus Ihrer Darstellung von ROSE mitnimmt?Ich hoffe, vor allem, dass wir das Publikum bewegen und dazu ermutigen können, darüber nachzudenken, wo wir in unserem eigenen Leben vielleicht andere ausschließen oder Türen zuschlagen. Was kann und muss die aktuelle Politik tun, um die Welt für alle gleichermaßen zugänglich zu machen? Und wenn man es von der anderen Seite betrachtet: Wo verstecken wir das, wer wir sind, wie viel Mühe kostet uns das und was wäre nötig, um damit aufzuhören?
(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 29.04.2026
DIE REICHSTE FRAU DER WELT
Ab 24. April 2026 im Kino
Die reichste Frau der Welt: Voller Schönheit, Intelligenz und grenzenloser Macht. Sie begegnet einem Fotografen voll unverschämtem Ehrgeiz und angetrieben von einem Wahnsinn, der auch Genie sein könnte. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Mit kreativer Boshaftigkeit nistet er sich ein – in den altehrwürdigen Machtstrukturen dieser Familie und ihrem grenzenlosen Luxus. Doch da ist auch noch eine Tochter, die um ihr Erbe, die Familie und die Liebe ihrer Mutter kämpft. Und ein Butler, der mehr weiß als er sagt. Über Familiengeheimnisse und fragwürdige Spenden in astronomischen Höhen. Es beginnt ein Krieg, dem alle Mittel recht sind.
Ein berauschend komisches Drama, das in seinen Abgründen an Shakespeare erinnert: DIE REICHSTE FRAU DER WELT mit einer brillanten Isabelle Huppert in der Titelrolle ist eine so grandiose wie doppelbödige Satire über die Macht des Geldes und den verführerischen Glauben an eine Familie, die ihr widerstehen könnte.
Ein Film von Thierry KLIFA
Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs, Raphaël Personnaz u.a.
INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR THIERRY KLIFA
Ihr Film ist inspiriert von der sogenannten „Bettencourt-Affäre“. Wie sind Sie auf diese Geschichte aufmerksam geworden?
Ich habe diesen Fall verfolgt seitdem er in den Schlagzeilen ist. Jenseits des Medienrummels wollte ich schnell verstehen, was sich da abspielte, sowohl auf persönlicher, als auch auf einer universellen Ebene. Ich las, recherchierte und versuchte, über die Medienberichterstattung hinauszugehen und zu verstehen, worum es wirklich ging. Was ich fand, war eine komplexe, zutiefst menschliche Geschichte. Eine bewegende Familiensaga, voller Geheimnisse und unbekannter Historie, vor einem Hintergrund, der in Frankreich noch weitgehend unerforscht ist: mächtige Industriellenfamilien, deren Einfluss sich im Verborgenen aufbaute – vor allem durch Kollaboration während des Krieges. Mir wurde klar, dass ich dieses Material nutzen konnte, um etwas Neues zu schaffen. Nicht, um eine sensationelle Nachrichtensendung nachzuerzählen, sondern um eine fiktive und universelle Geschichte zu erzählen. Ich wollte daraus einen Film machen.
Der Film hat auch viel Witz, insbesondere dank der von Laurent Lafitte gespielten Figur des Pierre-Alain Fantin. Warum haben Sie sich für die Komödie als Tonfall entschieden?
Zusammen mit Cédric Anger und später Jacques Fieschi haben wir uns für die Komödie entschieden, um dieses zutiefst menschliche Drama mit einer gewissen Distanz anzugehen. Wir wollten kein Mitleid für die emotionalen Konflikte der Superreichen wecken, sondern zeigen, wie
Geld die Spannungen in menschlichen Beziehungen verstärken kann. Für mich ist dies keine Geschichte, über die man urteilen sollte, sondern eine, deren Entwicklung man beobachtet. Sie wirft Fragen auf, kann manchmal beunruhigend sein – und genau das macht sie so spannend.
Eines der zentralen Themen des Films ist die Vergangenheit der Familie in Bezug auf Zusammenarbeit und Antisemitismus. War es wichtig für Sie, das anzusprechen?
Es war wichtig, weil es einer der Gründe war, der mich anfangs zu der wahren Geschichte hinzog. Ich habe es nicht als eine Botschaft betrachtet, die ich überbringen sollte, sondern eher als ein Unterton, der durch die Erzählung verläuft und ihr Spannung und Tiefe verleiht. Wenn der Film eine politische Dimension hat, dann entsteht die fast von selbst, natürlich aus dem Gewicht der historischen Wahrheit. Ich wollte nie, dass dieser Aspekt die Komödie oder das fiktive Drama überschattet, aber ich fand es wichtig, nicht wegzuschauen. Was ich darstelle, ist eine Art gelegentlicher, alltäglicher Antisemitismus – eingewoben in die Art und Weise, wie einige dieser Figuren von ihrer Welt und ihrer Epoche geprägt wurden.
Wie haben Sie sich dem Schreiben und dem Schauspielerbriefing genähert? Die Figuren haben so ihre Ecken und Kanten...
Ich habe nie versucht, diese Figuren besonders sympathisch zu machen oder irgendwelche emotionalen Bindungen zu erzwingen. Es ging darum, so nah wie möglich an ihrer inneren Wahrheit zu bleiben. Sie sind zugleich aberwitzig und zutiefst kindlich. Wenn Emotionen auftauchen, ist es durch ihre Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit. Ich wollte unbedingt Pathos vermeiden. Die Figuren sind geprägt von ihrer Zeit. Sie sind einzigartig und manchmal übertrieben. Genau das macht sie so faszinierend. Man muss sich vor ihren abgründigen Seiten nicht fürchten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben versucht, sie nicht zu reduzieren oder sie um jeden
Preis liebenswert zu machen. Sie spielten sie, ohne zu urteilen oder sie erlösen zu wollen – genau das verleiht der Geschichte ihre volle Kraft.
Wie haben sich Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Marina Foïs und Raphaël ihre Rollen zu eigen gemacht?
Isabelle Huppert spielt Marianne Farrère, eine Frau mit vielen Facetten – vielseitig, verführerisch, zerbrechlich, hart und kraftvoll. Marina Foïs übernimmt die Rolle ihrer Tochter und Erbin, Frédérique, eine zurückgezogene Frau und stille Beobachterin. Ihre Figur leidet, ohne es direkt
auszusprechen. Es ist diese undurchsichtige Angelegenheit, die Marina zu schaffen macht, und die tief bewegt. Laurent Lafitte, als der Fotograf Pierre-Alain Fantin, lässt eine kontrollierte Überheblichkeit in die Rolle einfließen.
Er verharrt nie in einer Karikatur, was bemerkenswert ist, angesichts der Natur dieser Figur. Raphaël Personnaz spielt den Butler – eine scheinbar sekundäre Figur, die allmählich zentral wird. Er ist ein von dem System, dem er dient, zermalmter Mann, gefangen zwischen Loyalität, Klassendynamik und einer Maschinerie, die weit über seine Kontrolle hinausgeht.
Welche Gefühle wollten Sie mit der Intimität der Nahaufnahmen erzeugen?
In diesem Film beobachtet und durchleuchtet jeder jeden. Es gibt ein gewisses Geradeheraus, sogar Konfrontation, in ihren Interaktionen und die Nahaufnahme ermöglicht es, diese Intensität spürbar zu machen. Sie schafft eine Art Intimität, eine Art Komplizenschaft mit dem Publikum. Da die Figuren in einer eigenen, fast verschlossenen Welt existieren, versucht die Kamera diese Welt von innen zu durchdringen.
Wie näherten Sie sich der Darstellung von Reichtum, egal ob offen oder angedeutet?
Die französische Oberschicht ist eine soziale Klasse, die im Kino seltener dargestellt wird – ihre Art des Erzählens, ihre Codes, ihre insularen Welten. Zusammen mit Hichame Alaouié, unserem Kameramann, stellten wir eine Regel auf: Nichts sollte prunkvoll oder auffällig wirken. Im Gegenteil, alles musste mit einer gewissen Zurückhaltung vermittelt werden, fast neutral. Die Kulisse ist ein schönes Haus mit einem atemberaubenden Garten und eleganten Accessoires, aber nichts wird als Reichtum ausgestellt. Diese Art von Luxus faszinierte mich: die Art, die nicht zur Schau gestellt wird, sondern überall spürbar ist. Ich arbeitete mit Eve Martin am Szenenbild. Ihr Beitrag war entscheidend für diese Vision.
Reichtum drückt sich auch durch Kleidung aus. Wie sind Sie an das Kostümdesign herangegangen?
Gemeinsam mit Jürgen Doering und Laure Villemer haben wir großen Wert auf die Auswahl der Kostüme gelegt. Isabelle Hupperts Figur trägt zum Beispiel 70 verschiedene Outfits im gesamten Film – nie zweimal den gleichen Look. Ich wollte, dass das Gefühl von Luxus sowohl sichtbar als auch unsichtbar ist: etwas, das man wahrnimmt, etwas das man fühlt, wie ein Geheimnis, aber nie etwas Offensichtliches. Das sind Figuren, die tun alles, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Das ist genau, worin Ihre Macht liegt. Das Kostüm wird sowohl zu einer Rüstung als auch zu einer verschlüsselten Sprache.
Der Film enthält eine überraschende musikalische Einlage. Was hat Sie dazu inspiriert?
Diese Szene entstand ganz natürlich. Als Pierre-Alain Fantin Marianne zu diesem Nachtclub mitnimmt, es ist, als ob er eine Tür zu einer anderen Welt öffnet — eine, die sie nicht kennt, eine, in die sie nie alleine gegangen wäre. Er versucht ihr alles zu zeigen, was sie sein könnte, alles, was ihr noch zu erreichen fehlt. Das Lied, das von Anne Brochet selbst gesungen und von Alex Beaupains geschrieben und komponiert wurde, wird zu einem schwebenden Moment, fast außerhalb der Erzählung. Es sagt viel über Mariannes Zerbrechlichkeit aus.
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