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1. Siri Hustvedt „Ghost Stories“
2. Steffen Kopetzky „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
3. Marie-Janine Calic „Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler d...
4. Svenja Leiber „Nelka“
5. Henri Matisse „Jazz“
6. Catalin Dorian Florescu „Matei entdeckt die Freiheit“
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Freitag 05.06.2026
Siri Hustvedt „Ghost Stories“
Seine Jeans, T-Shirts, Pullover und seinen einzigen Anzug hat sie verschenkt, doch die lammfellgefütterte Lederjacke, die er so lange getragen hat, will sie behalten. „Ich möchte mich in dieses Überbleibsel des Geliebten einhüllen, solange es zusammenhält.“
Das New-Yorker Schriftstellerpaar Siri Hustvedt und Paul Auster war über Jahrzehnte das intellektuelle Zentrum der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Paul Auster ist im April 2024 in dem gemeinsamen Haus in Brooklyn an Lungenkrebs gestorben. 43 Jahre lang waren sie verheiratet. Nach seinem Tod fühlt Siri Hustvedt ein „reißendes Loch“ in ihrem Inneren, als wären Teile von ihr amputiert worden. Ihr Alltag ist kaum noch zu bewältigen, sie findet sich in vertrauten Straßen nicht mehr zurecht und wird von heftigen körperlichen Beschwerden gepeinigt. Schreiben ist ihr Weg, wieder Halt zu finden und der Versuch, „etwas von dem Mann zurückzubringen, etwas davon, was er für mich war.“ Aus Schilderungen ihrer Trauer, aus Krankheitsberichten an Freundinnen und Freunde, Tagebucheinträgen, Liebesbriefen, Reflexionen und Austers Briefen an seinen Enkel Miles ist mit „Ghost Stories“ ein sehr persönliches Erinnerungs- und Trauerbuch entstanden.
Kurz vor seinem Tod hat Paul Auster zu seiner Frau gesagt, er sehne sich danach, als Geist zu ihr zurückzukehren. Und tatsächlich hat sie am Tag seiner Beerdigung eine seltsame Erscheinung: Als sie allein im Schlafzimmer ist, meint sie mit untrüglicher Sicherheit, ihren Mann neben sich zu spüren. Und in den folgenden Monaten riecht sie immer wieder den tröstlichen Duft seiner Zigarillos, obwohl niemand in ihrer Nähe raucht.
Siri Hustvedt hat sich viel mit Neurowissenschaften beschäftigt. So wie sie in ihrem Buch „Die zitternde Frau“ ihr eigenes Nervenleiden analysiert hat, versucht sie nun auch durch die Lektüre zahlreicher Studien über Trauerverhalten und paranormale Erscheinungen ihre Wahrnehmungen einzuordnen. Sind sie auf eine tatsächliche magische Anwesenheit zurückzuführen oder ein Trick ihres Nervensystems, ihr die Trauer erträglicher zu machen? Auf jeden Fall ist „Ghost Stories“ der Versuch, den Geist ihres geliebten Mannes auf Papier zu bannen.
Auch mit seiner Krebserkrankung setzt sie sich auf wissenschaftlicher Basis auseinander. Wenn es auch nicht die einzige Ursache für seine Krankheit war, so ist sie sich doch sicher, dass sein Immunsystem durch ein furchtbares Ereignis in seiner Familie massiv geschwächt war. Zwei Jahre vor Paul Austers Tod wurde sein Sohn Daniel aus erster Ehe wegen fahrlässiger Tötung seiner einjährigen Tochter verhaftet, die unter seiner Obhut an Drogen starb. Daniel selbst wurde kurz danach mit einer Überdosis tot aufgefunden. Das war ein Skandal, der weltweit durch die Medien ging und Austers letzte Jahre überschattete.
Doch trotz der schrecklichen Dinge in beider Leben ist „Ghost Stories“ nicht nur ein bewegendes Buch der Trauer, sondern auch die hinreißende Geschichte einer großen Liebe. Siri Hustvedt erzählt von ihrer innigen Beziehung, die durch fortwährenden Gedankenaustausch und Unterstützung geprägt war. Beide bewunderten die Arbeit des anderen, lasen gegenseitig ihre Texte, kommentierten und korrigierten sie und lebten überhaupt „in den Seiten von Büchern“.
Bartleby, der Schreiber aus der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville war für Paul Auster eine besonders wichtige literarische Figur. In Bartlebys berühmtem Satz „Ich möchte lieber nicht“ erkannte Auster seinen eigenen Widerstand gegen jeden Druck von außen. Hustvedt betont seine innere Freiheit, mit der er mehr als dreißig Bücher verfasste, unbeirrt von Lob, Gleichgültigkeit oder Ablehnung der Menge. Sie schildert ihn als warmherzigen, humorvollen Familienmenschen, dessen Unbestechlichkeit auch seinen Umgang mit dem Ruhm als Autor bestimmte, zu dem nicht zuletzt sein gutes Aussehen beitrug. Zeitweise wurde er wie ein Popstar verehrt. Das war Auster vor allem peinlich, und allen Versuchen, ihn für gut bezahlte Werbezwecke einzuspannen, widerstand er. Dass seine ebenfalls schreibende Frau lange in seinem Schatten stand, bis sie als eigenständige literarische Stimme international bekannt wurde, verstärkte nicht nur ihre, sondern auch seine feministische Einstellung.
Beide Autoren waren seit ihrer Jugend politisch aktiv. Die Wahl von Trump zum amerikanischen Präsidenten, den Siri Hustvedt wie Paul Auster nur die Nummer 45 bzw. 47 nennt, erfüllte beide mit Grauen. Gegenüber dem Erstarken des Faschismus, dem „Spektakel der Grausamkeit“ in den USA fühlt sie sich nach dem Tod ihres Mannes besonders machtlos und voller Angst um die Zukunft ihres Landes und ihrer Familie. Und doch hat das Schreiben ihres beglückend liebevollen und klugen Erinnerungsbuches ihr auch neue Kraft gegeben. Auf den letzten Seiten heißt es: „Wir alle sterben, aber ich hatte ihn in meinem Leben, und weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger.“
Lilly Munzinger, Gauting

Siri Hustvedt
„Ghost Stories“
Rowohlt
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Donnerstag 28.05.2026
Steffen Kopetzky „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
In der Literatur ist er der meist beschriebene Berg Deutschlands: Der Brocken. Trotz seiner nur 1.141 Meter Höhe ist er ein Mythos, der Hort von Sagen und Schreckensgestalten, das neben Berlin vielleicht einprägsamste Sinnbild der deutschen Teilung, eine urige Gebirgslandschaft mit tiefen Schluchten, Mooren und dunklen Wäldern. Zweihundert Jahre, nachdem Heinrich Heine seine „Harzreise“ unternommen und literarisch fixiert hat, begab sich Autor Steffen Kopetzky auf dessen Spuren. Er durchwanderte den Harz von Northeim im Süden Niedersachsens nach Rübeland und seinen Tropfsteinhöhlen in Sachsen-Anhalt. Zu Fuß von West nach Ost, 160 Kilometer geradewegs über den Bocksberg, wie der Brocken im Volksmund auch genannt wird. Und so wie in Heines „Harzreise“ ist auch Kopetzkys Text weit mehr als eine reine Landschaftsbeschreibung.
Kopetzky erzählt in „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“ von seinen Begegnungen mit Menschen jeden Alters, umschreibt ihre Befindlichkeiten, ihre Nöte und Befürchtungen, deren Verarbeitung des politischen Wandels, der in den zurückliegenden Jahrzehnten hier stattgefunden hat. Er schildert die Auswirkungen der oft geleugneten, aber im Harz deutlich sichtbaren Klimakrise, verflüchtigt sich in romantische und poetische Träumereien, erwähnt die einstigen Bergleute der Region und die (nur vordergründige) Magie einer Eisenbahnlinie mit historischen, jedoch die Umwelt enorm belastenden Dampflokomotiven quer durch den Wald. Clausthaler Alkoholfrei findet er nicht (auch nicht in Clausthal-Zellerfeld im Landkreis Goslar) – dafür Schierker Feuerstein (ein hochprozentiger Kräuter) im Ostharz.
Kopetzky spricht mit Förstern, Kneipenwirten und Hotelmanagern, mit Museumsführern und Neonazis. Was er mitteilt ist eine Momentaufnahme deutscher Befindlichkeiten der Gegenwart, eine Art Psychogramm über Land und Leute, wie man es nie im Urlaub mit dem Auto, geschweige mit dem Flugzeug erlebt. Diese Erlebnisse kann man sich nur erwandern - am besten ohne Begleitung.
Jörg Konrad

Steffen Kopetzky
„Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“
Rowohlt
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Dienstag 12.05.2026
Marie-Janine Calic „Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“
Zaton Mali ist ein kleines kroatisches Dorf am Adriatischen Meer nördlich von Dubrovnik gelegen. Ein landschaftliches Paradies und gleichzeitig ein wichtiger historischer Ort – über dessen Geschichte bisher nur wenig bekannt war. Die Gemeinde diente vielen Exilanten aus Deutschland während der Zeit des Dritten Reiches als Zufluchtsort. Hierhin flohen etliche Kulturschaffende vor den Nazis. Stellvertretend seien an dieser Stelle nur die Schauspielerin Tilla Durieux, der Schriftsteller Manès Sperber, der Autor Ernst Toller, der Dramatiker Franz Theodor Csokor oder der Maler Richard Ziegler genannt. Jugoslawien als Fluchtpunkt von Juden und Nichtjuden, Konservativen und Kommunisten, Zionisten und Internationalisten, Widerstandskämpfer und Unpolitischen.
Die in München lebende Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der LMU Marie-Janine Calic hat sich in ihrem Buch „Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ intensiv mit diesem bislang unerforschten Kapitel der Exilgeschichte auseinandergesetzt. Jugoslawien als Zielort für Verfolgte und bedrohte Menschen aus Nazideutschland, darüber war bisher wenig bekannt.
Marie-Janine Calic erzählt anhand von Einzelschicksalen, die sie zum Teil akribisch und mit „detektivischem Spürsinn“ recherchiert hat, über die Flucht aus Deutschland und das oft von großen finanziellen Nöten und Armut gekennzeichnete Leben der Exilanten auf dem Balkan. Viele von ihnen, man spricht von ca. 55.000 Flüchtlingen, haben in Jugoslawien Zwischenstation gemacht, wollten von hier weiter nach Palästina, oder auch in die USA. Etliche Fluchtgeschichten endeten tragisch, andere hingegen glücklich.
Detailliert und kenntnisreich beschreibt Marie-Janine Calic das Miteinander der Exilgemeinde, sie ordnet die Einzelschicksale in die historischen Abläufe, erzählt die südosteuropäische Kriegsgeschichte jener Jahre, die ungemein komplex und voller Fallstricke für viele ethnische Gruppen waren. Andererseits beschreibt die Autorin die Großzügigkeit und Toleranz der jugoslawischen Bevölkerung besonders gegenüber jüdischen Flüchtlingen, als etliche Länder weltweit die Kontingente für die Verfolgten kontinuierlich senkten, ihre Grenzen vor den Flüchtenden verschlossen.
Für die Einordnung der politisch-historischen Zusammenhänge und die Zugriffe auf viele sehr persönliche Schicksale konnte Marie-Janine Calic als Quelle auf Dokumente und Aufzeichnungen von Auswärtigen Ämtern und auch Geheimdiensten zugreifen. Trotz dieser wissenschaftlich bedeutenden Arbeit werden aber in diesem Buch zugleich die individuelle Tragik und Verzweiflung, die Hoffnungen aber auch Enttäuschungen deutlich, denen Menschen in diesen prekären Situationen ausgesetzt sind.
„Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.
Jörg Konrad

Marie-Janine Calic
„Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“
C.H. Beck
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Dienstag 21.04.2026
Svenja Leiber „Nelka“
In ihrem neuesten Roman „Nelka“ befasst sich Svenja Leiber mit einem besonders dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit. Noch viele Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es verdrängt und bagatellisiert, und auch bis heute ist immer noch zu wenig bekannt, dass von den Nationalsozialisten mehr als 20 Millionen vor allem osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland und den besetzten Gebieten eingesetzt wurden. Unter verheerenden Lebensbedingungen mussten sie in der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie schuften und die deutsche Wirtschaft am Laufen halten.
Nelka, die Protagonistin des Romans, ist eine fiktive Figur. Sie steht für die unzähligen Frauen, die in Deutschland versklavt wurden und ganz besonders unter ökonomischer und häufig auch sexueller Ausbeutung und Gewalt zu leiden hatten. Ihnen will Svenja Leiber mit ihrem tief bewegenden Buch ein Denkmal setzen.
Nelka lebt mit ihren Eltern in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine. Ihr Vater ist Wissenschaftler, ein bekannter Pomologe, also ein Spezialist für Äpfel, ihre Pflege, ihren Anbau. Im Sommer 1941, nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, wird die sechzehnjährige Nelka auf dem Weg zum Bäcker von deutschen Soldaten gepackt, auf einen LKW verfrachtet und zusammen mit anderen jungen Frauen nach Deutschland verschleppt. Sie landet auf einem Gutshof in Schleswig-Holstein, auf dem sie bis zum Ende des Krieges bleiben wird.
Svenja Leiber ist selbst in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Ein alter Apfelbaum im Garten ihrer Eltern und Gerüchte über seine Geschichte waren für sie Anlass, nachzuforschen. Sie erfuhr schließlich, dass der Baum von Kriegsgefangenen gepflanzt worden war, dass in dieser Gegend tausende von ihnen in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, dass sich die gewaltsame Geschichte Deutschlands auch in die Landschaft eingeschrieben hat.
Trotz der Schwere des Themas schreibt Svenja Leiber in einer poetischen, feinfühligen Sprache, mit ausdrucksstarken Bildern. Die Zwangsarbeiter „haben für die Deutschen zu arbeiten, als schuldeten sie ihnen etwas. Nachts liegen sie da, steif wie Gerätschaften und werden hart und krumm und morsch für ihr ganzes Leben.“
Man ist beim Lesen ganz nah an den Figuren. Mit präzise beobachteten Details beschreibt die Autorin den Alltag der Frauen, der durch mangelnde Ernährung und harte körperliche Arbeit bestimmt ist, durch Heimweh, Einsamkeit und Angst. Bei Unbotmäßigkeit drohen brutale, oft sadistische Strafen. Und doch gibt es durch den Zusammenhalt zwischen Nelka und ihren beiden Freundinnen immer wieder Momente des Widerstands, der Hoffnung und Wärme. „Nelka“ ist auch ein Buch über lebensvolle junge Frauen, die sich unter unmenschlichsten Bedingungen ihre Menschlichkeit nicht nehmen lassen.
Marten, der Gutsverwalter, hat ein Auge auf Nelka geworfen. Obwohl der deutschen Bevölkerung Beziehungen zu Kriegsgefangenen bei Strafe verboten sind, holt er Nelka als Haushaltshilfe von der Baracke ins Verwalterhaus und lässt sie in einer ungeheizten Dachkammer wohnen. Er profitiert wirtschaftlich von ihrem großen Wissen über Äpfel, das sie bei ihrem Vater erworben hat. Vor allem aber sucht er ihre körperliche Nähe, gegen ihren Willen. Die Missbrauchsgeschichte selbst wird im Roman - mit großem Taktgefühl für das Opfer - nur angedeutet. Svenja Leiber wollte Nelka durch die Sprache nicht noch einmal Gewalt antun, wie sie in einem Interview sagt, sondern ihre Würde wahren.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. In den frühen 1990er Jahren kehrt Nelka, die mit Mann, Tochter und Enkelin wieder bei Lwiw wohnt, noch einmal an den Ort ihrer Pein zurück. „Wer sich vor Spinnen fürchtet, muss irgendwann zu den Spinnen gehen“, hat ihr Mann zu ihr gesagt.
Marten lebt noch immer auf dem Hof. Durch die Apfelplantagen, die er nach dem Krieg mit Hilfe von Nelkas Sachverstand aufgebaut hat, ist er reich geworden. Die Autorin schildert die späte Begegnung zwischen ihm und Nelka aus beider Perspektive, in einem einfühlsamen, zurückhaltenden Ton. „Zögerlich fallen ihr Bilder ein, Bewegungen, Berührungen, in ihren Körper eingeschrieben, wie Einträge in ein Archiv, das sie nie mehr geöffnet hat.“ Marten reagiert auf ihre Anwesenheit mit Angst und Verwirrung, lange Verdrängtes bricht auf, Rechtfertigungsversuche und Schuldgefühle treiben ihn um. Doch Nelka, die ihn und sich selbst durch ihren Besuch mit der Vergangenheit konfrontiert hat, fühlt sich endlich von ihr befreit.
Mit ihrem beeindruckenden Buch, das lange nachwirkt, möchte die Autorin die Erinnerung wachhalten an das, was geschehen ist. Die Erinnerung an die unzähligen Frauen und Männer, die während des Krieges in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten und an das Leid, das sie erlebt haben.
Lilly Munzinger, Gauting

Svenja Leiber
„Nelka“
Suhrkamp
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Montag 06.04.2026
Henri Matisse „Jazz“
Der Grund, warum sich Henri Matisse (1869-1964) 72jährig mit Papier, Farbe und Schere noch einmal ausrüstete und eine völlig neue Bildsprache erfand, ist allein seinem damaligen Gesundheitszustand geschuldet. Eine lebenseinschränkende Darmerkrankung und sich den daraus ergebenden langwierigen Operationen, sowie zwei Lungenembolien und einige schwere Infekte fesselten Matisse über mehrere Monate ans Krankenhausbett. Anschließend war der Maler derart geschwächt, dass er sich nicht mehr in der Lage sah, stehend und über längeren Zeitraum an der Staffelei zu malen. So verlegte er sein Atelier kurzerhand ins Bett, zeichnete und illustrierte und begann Scherenschnitte anzufertigen, die in der Folgezeit zu seinem Hauptausdrucksmittel werden sollten.
Das Faszinierende war: Als 1947 einige dieser Arbeiten in einem Künstlerbuch unter dem Titel „Jazz“ veröffentlicht wurden und in der Pariser Galerie von Pierre Berés eine Ausstellung dieses Themas stattfand, war die Reaktion des Publikums und auch der Kritiker begeisternd. Diese Fülle an Farben, diese freien Formen und dynamischen Figuren, dieser bewegende Lebensrythmus passten in eine Zeit, die kurz zuvor noch von Faschismus, Okkupation, Krieg und damit vom Tod gezeichnet war.
Matisse selbst war anfangs von dem Ergebnis, von der Qualität der Drucke nicht sonderlich begeistert. Doch dann ließ er sich von der allgemeinen, so positiven Aufnahme der Arbeiten anstecken: „Auch wenn das Ergebnis nicht den Charme des Schneidevorgangs hat,“ äußerte er sich, „bleiben doch die gleichen Farben mit den gleichen energievollen harmonischen Wechselwirkungen.“
Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einfügen, dass der Jazz in Frankreich nach dem 2. Weltkrieg eine regelrechte Blütezeit erlebte. Zum einen gab es speziell in Paris schon zuvor eine lebendige Musikszene. Hier traten in den 1930er Jahren Louis Armstrong, Duke Ellington und Coleman Hawkins erfolgreich auf. Cole Porter schrieb sein Musical „Can-Can“ („I Love Paris), George Gershwin feierte die Stadt schon 1928 in „Ein Amerikaner in Paris“ und Django Reinhardt und Stephane Grapelli gründeten mit dem Quintette du Hot Club de France das erste europäische Ensemble, das auch transatlantische Erfolge feierte. Als dann die Amerikaner 1944 Frankreich und damit auch Paris befreiten, war der Jazz die Musik der Stunde. Der Klang der versinnbildlichten Freiheit und Hoffnung.
Auch passten diese Matisse-Arbeiten in dieses große grenzenlose Gefühl. „Die Scherenschnitttechnik erlaubt es mir,“ äußerte sich Matisse, „in die Farbe zu zeichnen. Es handelt sich für mich um eine Vereinfachung.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Wenn ich schneide, existiere ich nicht mehr. Das ist ein Traum. Die Bedeutung der Formen, die ich mit der Schere schaffe, geht mir erst später auf.
Der vorliegende Band aus dem Haus Schirmer/Mosel enthält 20 Scherenschnitte, wie gewohnt in bester Druckqualität und eine Einführung von Cathrin Klingsöhr-Leroy sowie den Originaltexten von Henri Matisse in deutscher/französischer und englischer Sprache.
Jörg Konrad

Henri Matisse
„Jazz“
Schirmer/Mosel


Abbildungern:

- Tafel I, Der Clown

- Tafel VIII, Ikarus

- Handschriftliche Titelei von Henri Matisse
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Dienstag 31.03.2026
Catalin Dorian Florescu „Matei entdeckt die Freiheit“
Catalin Dorian Florescu hat sich in seinem neuen Roman „Matei entdeckt die Freiheit“ einem Thema angenommen, das vor dreieinhalb Jahrzehnten auch im wiedervereinigten Deutschland für enormen Diskussionsstoff sorgte. Denn im Dezember 1991 wurde das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) verabschiedet, das die rechtliche Grundlage für die weitreichende (private) Einsicht in die Akten der Staatssicherheit ermöglichte. Die Befürchtungen vor Rache an bzw. der Stigmatisierung von Mitarbeitern und Stasizuträgern, sogenannten inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und deren Führungsoffizieren der Staatssicherheit, war groß.
Catalin Dorian Florescu arbeitet in seinem gerade veröffentlichten Roman die kommunistische Nachkriegszeit Rumäniens bis nach der Wende Mitte der 1990er Jahre in poetischer, wie bildhaft dramatischer Sprache packend auf.
Matei, die Hauptperson, wird aufgrund des Verfassens von politischen Gedichten 1956 zu sieben Jahren Lagerhaft und Zwangsarbeit im Donaudelta verurteilt. Hier erlebt er als politischer Delinquent eine physische und psychische Tortour, die nur mit den Verhältnissen in den russischen Gulags vergleichbar ist. Wer überlebt – hat Glück gehabt.
In den 1990er Jahren entdeckt Matei, der mittlerweile in Bukarest lebt und als Sargtischler arbeitet, in einem Linienbus durch Zufall seinen einstigen Peiniger, jenen Verhöroffizier, der ihn stundenlang vernommen und gefoltert hat. Wie begegnet Matei diesem Menschen, welche Konsequenzen zieht er aus diesem Wiedersehen?
Catalin Dorian Florescu erzählt die Geschichte dieses Matei auf unterschiedlichen Zeitebenen. Da wäre zum einen sein friedliches Leben vor der Verurteilung. Eine zweite Ebene ist die Zeit der Verbannung, die Catalin Dorian Florescu, trotz all der geschilderten Unmenschlichkeiten die im Namen des Sozialismus vollzogen werden, in einer sehr poetischen, an die Schönheit der Natur dieser Gegend angelegten Sprache erzählt. Dann wäre die Heimkehr und Enttäuschung die Matei nach seiner Entlassung erfährt, Schilderungen, die zu den vielleicht eindringlichsten und berührendsten Szenen dieses Romans gehören. Florescu beschreibt den freudlosen, grauen Alltag unter dem Regime des Diktators Nicolae Ceau?escu, dessen politisch abstrusen auch städtebaulichen Wahnwitzigkeiten, die Rumäniens Städtebild bis in die Gegenwart gezeichnet haben. Und eben jene Ebene, in der es um den einstigen Peiniger und „Henker“ Mateis geht, sowie die Reaktion des einstigen Peinigers auf Mateis Vergeltungsaktionen.
Catalin Dorian Florescu wechselt zwischen diesen Zeitachsen, hält dadurch die Geschichte pulsierend am Leben und schreibt in einem flüssigen, literarisch anspruchsvollen Stil, der diesem dunkelsten Kapitel osteuropäischer Geschichte der Neuzeit angemessen ist.
Catalin Dorian Florescu wurde 1967 im rumänischen Temeswar geboren. 1982 flohen Florescu und seine Eltern in die Schweiz und lebten fortan in Zürich. Hier studierte Catalin Dorian Psychologie und Psychopathologie und arbeitete als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Seit 2001 ist er Schriftsteller, nicht zuletzt aufgrund des Wunsches seiner Mutter. „Meine Mutter wollte, dass ich Schriftsteller werde“, erzählte er in einem Interview. „Ich habe zwei literarische Vornamen: Catalin aus Mihai Eminescus und Dorian kommt aus dem berühmten englischen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“.
„Matei entdeckt die Freiheit“ ist Florescus, der unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, mittlerweile achter Roman und gehört ganz sicherlich zu seinen persönlichsten, aufwühlendsten und auch politischsten Büchern.
Jörg Konrad

Catalin Dorian Florescu
„Matei entdeckt die Freiheit“
Rowohlt
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Autor: Siehe Artikel
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