Das New-Yorker Schriftstellerpaar Siri Hustvedt und Paul Auster war über Jahrzehnte das intellektuelle Zentrum der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Paul Auster ist im April 2024 in dem gemeinsamen Haus in Brooklyn an Lungenkrebs gestorben. 43 Jahre lang waren sie verheiratet. Nach seinem Tod fühlt Siri Hustvedt ein „reißendes Loch“ in ihrem Inneren, als wären Teile von ihr amputiert worden. Ihr Alltag ist kaum noch zu bewältigen, sie findet sich in vertrauten Straßen nicht mehr zurecht und wird von heftigen körperlichen Beschwerden gepeinigt. Schreiben ist ihr Weg, wieder Halt zu finden und der Versuch, „etwas von dem Mann zurückzubringen, etwas davon, was er für mich war.“ Aus Schilderungen ihrer Trauer, aus Krankheitsberichten an Freundinnen und Freunde, Tagebucheinträgen, Liebesbriefen, Reflexionen und Austers Briefen an seinen Enkel Miles ist mit „Ghost Stories“ ein sehr persönliches Erinnerungs- und Trauerbuch entstanden.
Kurz vor seinem Tod hat Paul Auster zu seiner Frau gesagt, er sehne sich danach, als Geist zu ihr zurückzukehren. Und tatsächlich hat sie am Tag seiner Beerdigung eine seltsame Erscheinung: Als sie allein im Schlafzimmer ist, meint sie mit untrüglicher Sicherheit, ihren Mann neben sich zu spüren. Und in den folgenden Monaten riecht sie immer wieder den tröstlichen Duft seiner Zigarillos, obwohl niemand in ihrer Nähe raucht.
Siri Hustvedt hat sich viel mit Neurowissenschaften beschäftigt. So wie sie in ihrem Buch „Die zitternde Frau“ ihr eigenes Nervenleiden analysiert hat, versucht sie nun auch durch die Lektüre zahlreicher Studien über Trauerverhalten und paranormale Erscheinungen ihre Wahrnehmungen einzuordnen. Sind sie auf eine tatsächliche magische Anwesenheit zurückzuführen oder ein Trick ihres Nervensystems, ihr die Trauer erträglicher zu machen? Auf jeden Fall ist „Ghost Stories“ der Versuch, den Geist ihres geliebten Mannes auf Papier zu bannen.
Auch mit seiner Krebserkrankung setzt sie sich auf wissenschaftlicher Basis auseinander. Wenn es auch nicht die einzige Ursache für seine Krankheit war, so ist sie sich doch sicher, dass sein Immunsystem durch ein furchtbares Ereignis in seiner Familie massiv geschwächt war. Zwei Jahre vor Paul Austers Tod wurde sein Sohn Daniel aus erster Ehe wegen fahrlässiger Tötung seiner einjährigen Tochter verhaftet, die unter seiner Obhut an Drogen starb. Daniel selbst wurde kurz danach mit einer Überdosis tot aufgefunden. Das war ein Skandal, der weltweit durch die Medien ging und Austers letzte Jahre überschattete.
Doch trotz der schrecklichen Dinge in beider Leben ist „Ghost Stories“ nicht nur ein bewegendes Buch der Trauer, sondern auch die hinreißende Geschichte einer großen Liebe. Siri Hustvedt erzählt von ihrer innigen Beziehung, die durch fortwährenden Gedankenaustausch und Unterstützung geprägt war. Beide bewunderten die Arbeit des anderen, lasen gegenseitig ihre Texte, kommentierten und korrigierten sie und lebten überhaupt „in den Seiten von Büchern“.
Bartleby, der Schreiber aus der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville war für Paul Auster eine besonders wichtige literarische Figur. In Bartlebys berühmtem Satz „Ich möchte lieber nicht“ erkannte Auster seinen eigenen Widerstand gegen jeden Druck von außen. Hustvedt betont seine innere Freiheit, mit der er mehr als dreißig Bücher verfasste, unbeirrt von Lob, Gleichgültigkeit oder Ablehnung der Menge. Sie schildert ihn als warmherzigen, humorvollen Familienmenschen, dessen Unbestechlichkeit auch seinen Umgang mit dem Ruhm als Autor bestimmte, zu dem nicht zuletzt sein gutes Aussehen beitrug. Zeitweise wurde er wie ein Popstar verehrt. Das war Auster vor allem peinlich, und allen Versuchen, ihn für gut bezahlte Werbezwecke einzuspannen, widerstand er. Dass seine ebenfalls schreibende Frau lange in seinem Schatten stand, bis sie als eigenständige literarische Stimme international bekannt wurde, verstärkte nicht nur ihre, sondern auch seine feministische Einstellung.
Beide Autoren waren seit ihrer Jugend politisch aktiv. Die Wahl von Trump zum amerikanischen Präsidenten, den Siri Hustvedt wie Paul Auster nur die Nummer 45 bzw. 47 nennt, erfüllte beide mit Grauen. Gegenüber dem Erstarken des Faschismus, dem „Spektakel der Grausamkeit“ in den USA fühlt sie sich nach dem Tod ihres Mannes besonders machtlos und voller Angst um die Zukunft ihres Landes und ihrer Familie. Und doch hat das Schreiben ihres beglückend liebevollen und klugen Erinnerungsbuches ihr auch neue Kraft gegeben. Auf den letzten Seiten heißt es: „Wir alle sterben, aber ich hatte ihn in meinem Leben, und weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger.“
Lilly Munzinger, Gauting
Siri Hustvedt
„Ghost Stories“
Rowohlt
„Ghost Stories“
Rowohlt


























