Trotz seiner knapp nur einem Meter Größe nahm er am Klavier die Rolle eines alles überragenden Leuchtturms ein.
Michel Petrucciani wurde 1962 in Orange, in der Provence-Alpes-Côte d’Azur geboren. Der Franzose war kleinwüchsig und litt an der Glasknochenkrankheit. Sein Vater
Antoine (Tony) Petrucciani, selbst Jazzgitarrist, erkannte früh die musikalischen Anlagen seines Sohnes. Und da Michel kräftige Finger besaß, förderte er das Talent seines Sohnes durch tägliches stundenlanges Klavierüben. Zudem lief im Hause Petrucciani durchgehend Musik von
Wes Montgomery, Miles Davis, Django Reinhardt und
Art Tatum und der Filius konnte schon mit drei Jahren einen Großteil derer Melodien nachsingen.
Diese Fähigkeiten und die Vorteile seiner charismatischen Persönlichkeit nutzend, ließ Michel alle Schmerzen, die ihm seine Krankheit auferlegten, fast vergessen. In die Schule konnte er nicht, erhielt aber über Tonbandkassetten Lehrmaterial nach Hause geschickt, das er jedoch, wie manche Quellen behaupten, häufig mit Musik überspielte.
Mit dreizehn(!) begleitete Michel den Schlagzeuger
Kenny Clarke und den Trompeter
Clark Terry, mit siebzehn zog er nach Paris, wo er mit
Lee Konitz auftrat und erste Alben aufnahm. Sein Spiel war klar strukturiert und stark rhythmisch akzentuiert. Dabei verarbeitete er ein breites jazzmusikalisches Spektrum, das von
Fats Waller über
Freddie Red bis hin zu
Bill Evans und
Keith Jarrett reichte. Er war ein energetisches Kraftwerk am Instrument, verstand sich aber auch auf hochsensible Kammermusik im Jazz.
Trotz seiner Auszeiten, aufgrund häufiger Knochenbrüche, die bei dieser Diagnose fast zum Alltag gehören, zog er 1981 nach Kalifornien, traf hier den großen
Charles Lloyd, mit dem er gemeinsam spielte. Nur ein Jahr später war das Charles Loyd Quartet feat. Michel Petrucciani zu Gast beim legendären
Montreux Jazzfestival, nach dem Michel der
Prix Django Reinhardt verliehen wurde, der renommierteste französische Jazzpreis.
In den folgenden Jahren nahm Petrucciani Solo-, Duo- und Trioalben auf, war häufig Gast in Deutschland und trat hier beinahe regelmäßig in
Roger Willemsen Fernsehreihe
Willemsens Woche auf.
Der Pianist bekam einen Plattenvertrag bei Blue Note und nahm später einige Alben für das französische Label
Deyfus auf. Zu seinen liebsten musikalischen Partnern gehörten
John Abercrombie, Joe Lovano, Jack DeJohnette, Wayne Shorter, Jim Jall und natürlich Charles Lloyd. Gestorben ist Michele Petrucciani 1999 in New York an einer Lungenentzündung. Beerdigt wurde er in Paris auf dem Friedhof Père-Lachaise, direkt neben dem Grab
Frédéric Chopins.
Am 11. Mai 1989 trat Michel Petrucciani mit Bassist
Dave Holland und Schlagzeuger
Eliot Zigmund im
Kuumbwa Jazz Center in Santa Cruz, Californien auf. Es ist die einzige Aufnahme in dieser Besetzung, die wieder einmal dem umtriebigen Sammler, Jazz-Historiker und Produzent Zev Feldman zu verdanken ist. Er hat dieses grandios aufspielende Trio auf dem Höhepunkt Petruccianis Können aufgenommen. Der Franzose spielt hier mit einer lyrischen Tiefe und einer virtuosen Brillanz, an die viele seiner Studioaufnahmen nicht heranreichen. Man spürt Petruccianis Liebe für den Blues, sein traumwandlerisches Timing, das in Dave Holland und Eliot Zigmund seine ebenbürtigen Gegenüber findet. Das breite Repertoire-Spektrum reicht von Kompositionen von
Wayne Shorter („Limbo“) und
Miles Davis („Nardis“), weiter über den
Rodgers/Hart-Evergreen „My Funny Valentine“, den
Kern/Hammerstein Standard-Hit „All The Things You Are“ oder den
Young/Washington-Gassenhauer „Stella By Starlight“. Und natürlich kommen mit „Morning Blues“, „The Prayer“ oder Eugenia“ auch Stücke aus der Feder Petruccianis zum Zuge. Die drei agieren auf „
Kuumbwa“ mit einer Frische, einer Klarheit und selbst in den ruhigen Momenten mit einer Zielstrebigkeit und Kultiviertheit, die einfach begeistert. Hochkonzentriert gespielt wirkt die Musik wie locker aus dem Ärmel geschüttelt. Diese Musik atmet die Größe – und leider auch Einmaligkeit.
Jörg Konrad
Michel Petrucciani
„Kuumbwa“
Elemental