Kennengelernt haben sich die vier schon Ende der 1960er Jahre.
Ralph Towner, Paul McCandles, Glenn Moore und
Collin Walcott waren Gründungsmitglieder des
Paul Winter Consort, einem Quintett, das ohne die damals übliche Rhythmusgruppe musizierte und sich stattdessen mit kammermusikalischem Anspruch zwischen Jazz und kontemplativer Klassik bewegte. Doch Towner & Co wollten mehr Risiko wagen, experimentellere Stücke aufnehmen, stärker improvisieren, als nur schöne und unorthodoxe Klänge zu interpretieren. So trennten sie sich vom Saxophonisten Winter und gründeten 1971 das Quartett
Oregon, benannt nach dem US-Bundesstaat, in dem sie damals lebten.
Oregon integrierten in ihre Musik von Beginn an indische, lateinamerikanische und afrikanische Folklore. Gleichzeitig nutzten sie traditionelle Jazzharmonien und Moderne Klassik und spielten somit in einer Zeit, als die Begrifflichkeit noch gar nicht existierte, Weltmusik im erweiterten Sinn.
Allein die Instrumentierung von Oregon machte deutlich, wie anders diese Formation klang, wie sehr sie sich von fast allem, was damals existierte, akustisch absetzte. Ralph Towner hatte eine klassische Ausbildung an der Trompete absolviert, lernte autodidaktisch Klavier und studierte in Wien klassische Gitarre. Paul McCandless spielt neben Bassklarinette, English Horn, Flöte, Saxophon und vor allem Oboe. Glenn Moore beherrschte den Bass in der Band und Collin Walcott war ein Meister der Sitar, der Tabla, der Hammered Dulcimer (eine Art Hackbrett) und der Sanza (ein Daumenklavier).
Gleich auf ihrem ersten Album „Music Of Another Present Era“ von 1972 beeindruckte Oregon mit seiner stilistischen Offenheit. Musik, die die abendländische Romantik und Moderne mit Jazz und exotischen Klangkulturen eng miteinander verknüpft.
Die folgenden Alben beinhalteten dann mit das Schönste, das Vielschichtigste und das Herausfordernste was der Jazz als Weltmsuik in diesen 1970er Jahren zu bieten hatte. Dabei stammte der Großteil der Kompositionen, von denen manche Stücke regelrechten Ohrwurmcharakter hatten, von Ralph Towner, der 1983 in einem Interview sagte: „
Komponieren ist für mich eine ganz und gar innerliche Angelegenheit, bei der ich versuche, meinen eigenen Vorstellungenvon Schönheit und Harmonie zu verwirklichen. Unsere Welt hat Gleichgewicht und Proportion, Symmetrie und Asymmetrie, sie erzeugt Schmerz oder Langeweile.“
Mit der Zeit änderte sich die Musik von Oregon leicht, indem die Band neue, auch elektronisch gefärbte Instrumente nutzte.
Fast zwangsläufig landeten das Quartett mit seiner Verschmelzung farbenreicher Musiktraditionen und atemberaubender Moderne 1983 bei
ECM München und spielte im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg zwei facettenreiche und von unverwechselbarer Schönheit gekennzeichnete Alben ein.
Dann folgte das Schicksalsjahr 1984. Oregon traten im November des Jahres in der Kreuzberger Passionskirche in Westberlin auf. Auf der Rückfahrt tags darauf verunglückten Collin Walcott und der Tourmanager der Band
Joe Hertling im Nebel auf der Transitautobahn bei Magdeburg tödlich.
Der Rest der Band hat sich nie von diesem Trauma ganz erholt.
Doch Ralph Towner, Paul McCandles und Glenn Moore entschieden sich nach einem guten halben Jahr, unter dem Namen Oregon weiter Musik zu machen. Sie engagierten den indischen Perkussionisten und Sänger
Trilok Gurtu, der mit seiner ungezwungenen und rhythmisch temperamentvollen Musikalität dem Quartett wieder neues Leben einhauchte.
Das Album „
Always, Never And Forever“ entstand 1990 in Köln und ist eine beeindruckende Fortführung der Oregon-Philosophie. Es sind tiefgründige-impressionistische Klangskizzen, voller wunderbarer wie berührender Melodik, rhythmisch wagemutiger Phrasierungen und traumhaft eingebetteter Improvisationen. Ein Meisterwerk der improvisierten Kammermusik.
Dieses erstmals als 180-Gramm Vinyl herausgebrachte Album ist dem im Januar dieses Jahres verstorbenen Gitarristen Ralph Towner gewidmet.
Jörg Konrad
Oregon
„Always, Never And Forever“
Intuition Records