Nicht nur Miles Davis, über den das deutschsprachige Feuilletton momentan so ausführlich berichtet, wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Auch John Coltrane, der ikonische Saxophonist, ist 1926 in Richmond County geboren, rund vier Monate später, als der im knapp 1000 Meilen entfernte, spätere Arbeitgeber Coltranes, der Trompeter Davis.
Coltrane war nicht dieser unangepasste Stilist, der inhaltlich ständig Haken schlagende, für Schlagzeilen sorgende und als Prinz der Dunkelheit bekannte Miles Davis.
Coltrane war hingegen ein leidenschaftlicher Arbeiter, ein besessener Musikant, einer, der selbst vom Üben nicht genug bekommen konnte. Als er in der Band von eben jenen Miles Davis angestellt war, fragte er den Paradiesvogel und Leader einmal, wie er es anstellen könnte, ein Solo nach einer halben Stunde zum passenden Abschluss zu bringen. Davis soll nur trocken geantwortet haben: Nimm ganz einfach das Instrument aus dem Mund.
Anlässlich des 100. Jubiläums Coltranes, hat der studierte Philosoph, Germanist und Sozialwissenschaftler, Autor und Radio-Redakteur Peter Kempe seine schon 2017 erschienene Biographie in Gänze neu überarbeitet und mit „John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“ jetzt dem Saxophonisten die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Es ist ein eigenes musikalisches Universum, in das Kemper den Leser eintauchen lässt. Der Autor zeichnet ein Bild des Saxophonisten, das die Irrwege und künstlerischen Brüche des Musikers nicht aussparrt, aber natürlich von den „... Inspirationsquellen und Triebkräften … den Soundexplosionen Coltranes ...“ ausführlich berichtet. „Seine Musik in den Sechzigern klingt wie ein dahindonnernder Hochgeschwindigkeitszug, der zwar noch einen Lokführer besitzt, aber einmal in Fahrt gebracht, auch von diesem nicht mehr zu stoppen ist.“ Er war ein Grenzüberschreitender in jeder Hinsicht. Nachdem er 1959 das epochale „Kind Of Blue“-Album mit Miles Davis (und Cannonball Adderley) eingespielt hatte, nahm seine Karriere so richtig an Fahrt auf. Auf „My Favorite Things“ bewegte Coltrane sich „... durch einen Irrgarten modalen Skalenspiels ...“, er erzeugte in „Africa“ „ … die Dschungelatmosphäre eines brodelnden Bigband-Sounds ...“, er „... entdeckte in der Komposition „Olé“ die Verheißungen arabischer Tonalität ...“. Es gab herzzerreißende Kollektivimprovisationen („Ascension“), wunderbar schmachtende Balladenalben („Ballads“, „John Coltrane & Johnny Hartmann“) und natürlich „ … das Schlüsselwerk in Coltranes Leben ...“: „A Love Supreme“.
Franzo King, Bischof der „afrikanisch-orthodoxen Kirche“ war der Überzeugung, Coltrane sei „ … ein Fenster zum Himmel ...“.
Kermper beschreibt in einer wunderbaren Prosa-Sprache einen der wichtigsten Musiker des Jazz. Seine Entwicklung, seine Einflüsse, seine Verzweiflung, seine Sucht, seine Spiritualität und seine Sternstunden. Natürlich war Coltrane, wie alle großen Künstler, ein Mensch mit Widersprüchen – aus denen sich jedoch ein kreatives Spannungsverhältnis zu seiner Kunst ablesen lässt. Und dieses (klangliche) Bewegen zwischen den Extremen macht Peter Kemper in seinem Buch deutlich. Bis hin zu Coltranes zu frühem Tod. Der Saxophonist starb 1967 gerade einmal 40jährig. Mit ihm ging ein goldenes Zeitalter des Jazz unter. Bis heute gibt es niemanden, der auch nur annähernd die Spuren, die Coltrane hinterlassen hat, auszufüllen in der Lage wäre.
Jörg Konrad
Peter Kemper
„John Coltrane – Biographie einer Jazz-Ikone“
Reclam























