Monika Helfer (geb. 18. Oktober 1947 in Au, Vorarlberg; gest. 2. August 2026 in Feldkirch)
Monika Helfer
„Die Bagage“
In der Anfangsszene ihres Romans „Die Bagage“ malt Monika Helfer ein berückend schönes Bild: vor einem Berg ein kleines Haus, ein Bach, ein Brunnen und eine wunderschöne schwarzhaarige Frau, die eine weiße Bluse aufhängt. Aber es weht die Wirklichkeit hinein in dieses Bild, „kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp“. Hier klingen schon die Gegensätze an, die Monika Helfers Geschichte bestimmen: Schönheit und bittere Not.
Die 1947 geborene Österreicherin Monika Helfer hat zahlreiche Bücher verfasst, in denen sie von schwierigen Familiensituationen erzählt. In ihrem anrührenden autobiographischen Roman „Die Bagage“ ist sie nun ihrer eigenen Familiengeschichte auf der Spur. Im Zentrum steht ihre schöne Großmutter Maria, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Kindern am äußersten Rand eines kleinen Bergdorfs in Vorarlberg lebte.
Die Familie wird im Dorf „die Bagage“ genannt. Sie sind die Armen, Verachteten, die in ihrem Haus nicht einmal elektrischen Strom haben. Außenseiter sind sie aber auch deshalb, weil sie etwas Besonderes sind. Josef, ein stolzer, schweigsamer Mann, nimmt am Dorfleben kaum teil. Er trinkt keinen Alkohol, ist ein Meister im Kopfrechnen und macht undurchsichtige Geschäfte mit dem Bürgermeister. Marias ungewöhnliche Schönheit erregt den Neid der Frauen und die Begehrlichkeit der Männer. In starken Bildern und schlichten, meist kurzen Sätzen, die an die Sprechweise der Dorfbewohner angelehnt sind, berichtet Monika Helfer von der dramatischen Geschichte ihrer Großeltern. Sie erzählt von einer engen, von gesellschaftlichen Zwängen geprägten Welt, von männlicher Begierde und Brutalität, aber auch von Liebe und familiärem Zusammenhalt. So bewusst einfach seine Sprache, so kunstvoll ist der schmale Roman komponiert. Tastend, fragend, auf der Suche nach der Wahrheit, wechselt Monika Helfer häufig die Zeitebenen. Immer wieder greift sie vor, erzählt von der Tante und den Onkeln, von ihrer Mutter und sich selbst, und springt wieder zurück zu ihren Großeltern. So entsteht ein dicht verwobenes Netz von Geschichten ihrer Familie. Im Mittelpunkt ihrer Suche steht die Frage, wie die Erlebnisse der Großeltern den Lebensweg ihrer Kinder und Enkel beeinflusst haben.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs wird Josef Moosbrugger eingezogen. Dem Bürgermeister vertraut er seine Frau und seine Kinder an. Er soll die Familie versorgen und vor allem aufpassen, dass die schöne Maria sich nicht mit anderen Männern einlässt. Doch sie verliebt sich auf einem Dorffest in einen Fremden. Dreimal besucht dieser sie in dem einsamen Haus. Auch Josef verbringt seinen kurzen Heimaturlaub bei seiner Familie. Einige Zeit später ist es nicht mehr zu übersehen: „Maria war schwanger, und in ihrem Bauch war meine Mutter.“
Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass Josef der Vater ist, doch das ganze Dorf ist davon überzeugt, dass Maria das Kind von dem Fremden erwartet. Ein Hexentreiben beginnt. Marias Kinder werden in der Schule gemobbt. Die beiden Autoritäten des Dorfes, Pfarrer und Bürgermeister, behandeln sie wie eine Hure. Beide werfen ein Auge auf sie: der Pfarrer ein böses und der Bürgermeister ein begehrliches. Der Pfarrer lässt das Kruzifix von ihrem Haus abhängen, und der Bürgermeister, der „Wohltäter der Familie“, versucht, ihr Gewalt anzutun. Aber er hat nicht mit ihren Kindern gerechnet.
Als der Vater nach dem Krieg nach Hause kommt, lässt er sich von den Gerüchten beeindrucken und glaubt seiner Frau nicht, dass die jüngste Tochter, die Mutter der Autorin, seine eigene ist. Er ekelt sich vor ihr, sieht sie kaum an und spricht nie mit ihr.
Monika Helfer hat, als sie klein war, nie eine wirkliche Familie erlebt. Seit fast 40 Jahren ist sie nun mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet und hat mit ihm vier Kinder großgezogen. Eines ihrer Bücher trägt den Titel: „Die wilden Kinder“. Wild sind auch die Geschwister der „Bagage“, denen die Autorin in ihrem Roman ein Denkmal setzt. Die bedingungslose Bereitschaft dieser Kinder, alles für die Familie und ihre Mutter zu tun, der Mut, mit dem sie sich gegen die Zumutungen ihrer Umwelt wehren, ihr Kampf ums Überleben sind beeindruckend und herzzerreißend geschildert.
Monika Helfers wunderbares, sensibles und melancholisches Buch endet, wie es beginnt: mit einem Bild. Trotz allem ist es ein versöhnliches Bild, das sie auf den letzten Seiten vor unserem inneren Auge entstehen lässt: „Im Kunsthistorischen Museum in Wien sah ich mir die ‘Kinderspiele‘ von Pieter Breughel dem Älteren an, und da waren sie alle, die ganze Bagage, sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu und tuschelten, und ich stand davor und musste lachen...“
Lilly Munzinger, Gauting
Monika Helfer
„Löwenherz“
In ihrem jüngsten autofiktionalen Roman "Löwenherz" schreibt Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie fort, einer Familie von eigenwilligen Außenseitern. In "Bagage" geht es um ihre Großmutter und deren Kinder. Sie lebten, von der Gesellschaft gemieden, auf einem einsamen Hof in Vorarlberg. In "Vati" erzählt die Autorin von ihrem sensiblen, unglücklichen Vater, und mit "Löwenherz" ist ihr eine bewegende Annäherung an ihren jüngeren Bruder Richard gelungen.
Das Buch beginnt mit einem starken Bild: Man sieht Richard, wie er eine Blindschleiche auf seinen nackten Arm setzt und ihr seinen Lieblingssong "Going up the country" vorsummt, die Woodstockhymne des Sängers Alan Wilson, dem Richard ähnlich sah, und der mit 27 Jahren Selbstmord beging. Wie diesen Alan Wilson umgab Richard eine Aura von fast anarchischer Ungebundenheit und Tragik. Schon auf den ersten Seiten des Romans erfahren wir, dass sich auch Richard als junger Mann, im Jahr 1983, das Leben genommen hat. Damals war er gerade 30 Jahre alt. Monika Helfer will, dass man von Anfang an weiß, wie das Buch ausgeht. Das Spannende ist nicht das Ende der Geschichte, sondern wie die Autorin das Leben ihres Bruders in Literatur verwandelt.
Richard und seine Schwestern verloren ihre Mutter früh. Seit dem Tod seiner Frau war der Vater ein gebrochener Mann. Er nannte Richard, sein Lieblingskind, zärtlich "Löwenherz", wie den legendären englischen König. Er war aber nicht in der Lage, sich um seine Kinder zu kümmern. Richard kam zu einer Tante und ihrem polternden Ehemann, wo er sich nie heimisch fühlte, während seine Schwestern bei einer anderen Tante aufwuchsen. Erst als Erwachsene kamen sich die Geschwister wieder nahe.
Und nun, fast 40 Jahre nach seinem Tod, hat sich Monika Helfer auf Spurensuche nach ihrem Bruder begeben, unterstützt von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, der damals mit Richard befreundet war. Immer wieder gibt die Autorin Einblick in den gemeinsamen Erinnerungsprozess und erzählt davon, wie sie und ihr Mann versuchen, sich über den geheimnisvollen Bruder klar zu werden.
Michael kannte Richard, wie er sagt, "aus der Unwirklichkeit heraus". Richards Schwester nannte ihn einen "Schmähtandler", einen, dem die Phantasie über die Wahrheit ging, der sich Geschichten ausdachte, wenn ihm die Wirklichkeit zu langweilig erschien. Er war ein Traumtänzer, der sich in die Enge der Realität nicht fügen konnte und wollte. Sein Geld verdiente er als Schriftsetzer. Doch eigentlich war er ein Künstler, ein begabter naiver Maler, aber ohne jeden Ehrgeiz. Bei Frauen kam der hübsche, sanftmütige Sonderling gut an. Im Grunde aber blieben sie ihm - wie überhaupt jede sexuelle Beziehung - gleichgültig.
Man fragt sich beim Lesen: Woher kam dieses Verhalten? Hatte es mit dem frühen Verlust seiner Mutter und seiner lieblosen Kindheit zu tun? Oder - wie Monika Helfer andeutet - hatte er einen Schaden davongetragen, als er als Baby seinen Schwestern auf den harten Boden gefallen war?
Michael meint im Buch einmal, Richard habe nie jemanden geliebt. Doch diese Aussage kann sich nur auf sein Verhältnis zu Frauen beziehen. Denn Richard liebte seinen Hund Schamasch, der ihm zugelaufen war, und Putzi, ein kleines Mädchen, das ihm deren unstete Mutter aufgedrängt hatte. Das ist eine eigene skurrile Geschichte, die sich aber, wie die Autorin versichert, tatsächlich so zugetragen hat.
Einige Jahre war Putzi bei Richard. Er, das Kind und der Hund lebten wie eine kleine Familie. Putzi sagte Papa zu ihm, und ausgerechnet er, den seine Schwester einmal einen Wilden, einen Indianer nennt, gab ihr Sicherheit und Geborgenheit, obwohl er nicht einmal ihren wirklichen Namen kannte. In selbstloser Weise war er für das Kind da, ein wahres Löwenherz. "Ich würde sagen: Er war Putzis Paradies, und Putzi war sein Paradies" heißt es im Buch. Doch dieses Paradies konnte der Realität nicht standhalten. Es gelang Richard nicht, Putzi zu adoptieren; sie wurde ihm weggenommen. Und zur selben Zeit wurde sein Hund von einem Wilderer erschossen.
"Löwenherz" ist auch ein Roman über eine innige Geschwisterbeziehung, über Verantwortung und Schuldgefühle.Die Autorin erzählt, wie sie ihrem Bruder zur Seite stand, ihn auffing, wenn er unglücklich war, ihm half, Putzi zu betreuen; wie sie sich für ihn, der mit der Wirklichkeit so schwer zurecht kam, verantwortlich fühlte. Doch in den letzten Jahren seines Lebens, die sie seine leeren Jahre nennt, verlor sie ihn weitgehend aus den Augen. Das hing damit zusammen, dass Richard eine lebenstüchtige Frau geheiratet hatte. Aber auch damit, dass Monika Helfer mit ihrer neuen Ehe und ihrer wachsenden Familie vollauf beschäftigt war. Und dann, fünf Jahre nachdem Richard Putzi und den Hund verloren hatte, kam plötzlich die Nachricht von seinem Tod. "Er hat nicht besonders gerne gelebt", sagt Michael.
Monika Helfer hat ein melancholisches, ergreifendes Buch geschrieben über einen, dem auf Erden nicht zu helfen war.
Lilly Munzinger, Gauting