Kein Stern am Himmel gibt den Astronomen so viele Rätsel auf wie Beta Orionis. Es ist der Stern, welcher unter der Bezeichnung Beteigeuze viel bekannter ist. Zwar ist Alpha Orionis, auch bekannt als Rigel, was soviel wie „Fuß des Kriegers“ heißt, der hellste Stern des Sternbilds Orion, doch letztendlich sorgte in der Vergangenheit immer wieder Beteigeuze für Furore. Mit seinem ebenfalls arabischen Namen Beteigeuze (oder auch Betelgeuse), was soviel wie „die verletzte Schulter des Kriegers“ bedeutet, ist er ebenso wie Rigel als einer der beiden Ecksterne des Sternbilds Orion schon wegen der großen Helligkeit auf den ersten Blick deutlich zu erkennen.
Von seiner chemischen Zusammensetzung her gehört Beteigeuze zu der Klasse der Roten Überriesensterne und hat mit vielen Auswirkungen seines fortgeschrittenen Alters zu kämpfen. Sie resultieren aus dem fehlenden Gleichgewicht zwischen der zum Kern hin wirkenden Gravitation und dem nach außen gerichteten Strahlungsdruck.
Ist dieses Gleichgewicht vorhanden, leuchtet ein Stern – wie zum Beispiel unsere Sonne – sehr gleichmäßig. Ist das Gleichgewicht hingegen gestört, kommt es zu starken Helligkeitsschwankungen. Genau deswegen fasziniert Beteigeuze im Sternbild Orion die Astronomen seit Jahrhunderten. Darüber hinaus scheint Beteigeuze aber auch Phasen zu haben, in der eine übermäßige Teilchenstrahlung – vergleichbar mit einem Sonnensturm, nur um ein Vieltausendfaches stärker – Gase vom Stern wegtreiben. Bewegen sich diese Gase genau in Blickrichtung zur Erde, wird die normale Helligkeit durch diesen „Bubble“ getrübt und der Stern wird dunkler. Dies geschah im Jahr 2019, als eine solche Gasblase von Beteigeuze zufällig genau in Richtung Erde ausgestoßen wurde.
Als Resultat verdunkelte sich Beteigeuze über Monate deutlich, was sogar mit bloßem Auge zu erkennen war. Das löste Spekulationen aus, sein Ende könnte unmittelbar bevorstehen. Einige Beobachter deuteten die ungewöhnliche Verdunklung sogar als mögliches Vorzeichen einer nahen Supernova, was sich allerdings nicht bestätigt hat.
Da die Helligkeitsschwankungen schon seit Jahrhunderten bekannt sind, gab es schon seit langem die Vermutung, dass ein Begleitstern für einige dieser Veränderungen verantwortlich sein könnte. Eindeutige Belege fehlten jedoch bislang. Für die Astronomen in aller Welt galt es nun, sich auf die Suche nach dem ominösen und bisher nicht nachgewiesenen Partner zu machen.
Dies gestaltete sich als äußerst schwierig, denn eine Tatsache ist für die Suche zu beachten: Beteigeuze ist mit ca.700-1000 Sonnenmassen ein solch gigantischer Stern, dass er – wenn man ihn hypothetisch an die Stelle der Sonne setzen könnte, eine so riesige Ausdehnung hätte, dass er sich bis zur Bahn des Planeten Jupiter ausbreiten würde und sich die Planten Merkur, Venus, Erde und Mars innerhalb seines gigantisch aufgeblähten Körpers befinden würden.
Ähnlich wie unser hellster Nachtstern Sirius scheint nun einer der bekanntesten Sterne des Nachthimmels offenbar kein Einzelgänger zu sein, denn ein Forschungsteam hat nach eigenen Angaben den lange gesuchten Begleitstern von Beteigeuze erstmals überzeugend nachgewiesen. Die Beobachtungen gelangen mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile. Das Team um den französischen Astronomen Miguel Montargès berichtete unlängst von der bislang schärfsten Aufnahme des mutmaßlichen Begleiters "Beteigeuze B". Die Forschenden nutzten dafür das Instrument SPHERE am ESO-VLT, das eigentlich für die Suche nach Exoplaneten entwickelt wurde.
Das Licht des Begleitsterns konnte dabei direkt nachgewiesen werden – ein entscheidender Unterschied zu früheren Hinweisen, die weniger eindeutig waren.
Überraschend ist auch die Masse des Begleiters. Frühere Schätzungen gingen von etwa einer Sonnenmasse aus. Die neuen Daten deuten jedoch darauf hin, dass Beteigeuze B zwei- bis dreimal so massereich wie unsere Sonne ist. Dass ein vergleichsweise heller Stern so lange unentdeckt blieb, zeige nach Ansicht der Forschenden, wie schwierig Beobachtungen in unmittelbarer Nähe eines extrem hellen Überriesen sind.Beteigeuze besitzt als Roter Überriese für die Astronomie eine herausragende Bedeutung, da sich der Stern in der letzten Phase seiner Entwicklung befindet. Solche Sterne enden in der Regel mit einer gewaltigen Supernova-Explosion. Weil Beteigeuze vergleichsweise nah an der Erde liegt und sich zudem gut beobachten lässt, dient er Forschenden seit Jahrzehnten als natürliches Labor, um das Schicksal massereicher Sterne besser zu verstehen.
Der mögliche Nachweis von Beteigeuze B wirft nun neue Fragen auf. Noch ist unklar, welchen Einfluss der Begleitstern auf die Entwicklung des Roten Überriesen und seine spätere Explosion haben könnte. Künftige Beobachtungen sollen den Nachweis weiter absichern und gleichzeitig klären, wie eng beide Sterne miteinander wechselwirken. "Um absolut sicher zu sein, dass der Begleiter wirklich da ist, müssen wir ihn in einem Jahr auf der anderen Seite des Sterns beobachten ", so Montargès. Nach Angaben des Forschungsteams gibt es inzwischen allerdings nur noch wenig Raum für Zweifel an der Existenz des Begleiters. Andererseits zeigt sich bei der gesamten Problematik, dass mit jeder neuen Antwort gleich einige neue Fragen unbeantwortet bleiben, die nur durch intensive Forschung beantwortet werden können.
Interessant ist noch ein weiterer Fakt mit dem Blick auf die zeitliche Dimension: Beteigeuze ist ca. 320 Lichtjahre von der Erde entfernt. Das heißt, dass eine mit Lichtgeschwindigkeit abgeschickte Information (zum Beispiel ein Musikstück) genau diese Zeit bis dorthin bräuchte. Würde uns jemand aus dem Beteigeuze-System antworten, müssten wir weitere 320 Jahre darauf warten. Diese 640 Jahre entsprechen ziemlich genau dem Zeitraum des längsten Musikstücks der Welt „ORGAN 2 / ASLSP“ des amerikanischen Komponisten John Cage, das in der fast tausend Jahre alten Burchardi-Kirche in Halberstadt seit nunmehr 25 Jahren ununterbrochen erklingt.
Es stellt sich also die Frage, was als erstes im Jahr 2639 erlöschen wird: Der letzte Klang des John Cage - Orgelstücks „ORGAN 2 / ASLSP“ in besagter Buchardi-Kirche oder das Licht von Beteigeuze in den Tiefen des Universums.
Klaus Huch, Planetarium Halberstadt
Abbildung:
- Pferdekopfnebel IC 434 im Sternbild Orion
Komposit aus 124 Einzelbildern mit einer Belichtungszeiten von jeweils 300 Sekunden
Gesamtbelichtungszeit: 15h 30 min zwischen dem 27.01.-29.01.2024
Christoph Ehritt
- Pferdekopfnebel IC 434 im Sternbild Orion
Komposit aus 124 Einzelbildern mit einer Belichtungszeiten von jeweils 300 Sekunden
Gesamtbelichtungszeit: 15h 30 min zwischen dem 27.01.-29.01.2024
Christoph Ehritt
























