Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Olching: Dr. Pandit Ranajit Sengupta & Kousik Banerjee – Indische Kulturb...
2. Fürstenfeld: Compagnie Käfig - Eine Grenzen überschreitende Performance
3. Cassandra Wilson (geb. 4. Dezember 1955 in Jackson, Mississippi; gest. 2. S...
4. Schloss Kempfenhausen: Grandioser Auftakt des Seejazz Festivals mit dem Duo...
5. Monika Helfer (geb. 18. Oktober 1947 in Au, Vorarlberg; gest. 2. August 202...
6. Fürstenfeld: Festspielstimmung bei „Carmina Burana“
Dienstag 06.10.2026
Olching: Dr. Pandit Ranajit Sengupta & Kousik Banerjee – Indische Kulturbotschafter in Olching
Bilder
Bilder
Olching. Ragas sind Teil der indischen klassischen Musik und stützen sich auf ein äußerst kompliziertes System aus Tonleitern und damit verbundenen melodischen Strukturen. Jeder Raga, und es gibt Hunderte von ihnen, hat eine ganz eigene, für Eingeweihte unverwechselbare melodische Gestalt. So gibt es Ragas für jede Jahreszeit, sie sollen auf magisch-spirituelle Weise auch Kräfte der Natur beeinflussen, sie können emotionale Stimmungslagen des Spielers ausdrücken, und es gibt sie für jede Tageszeit. Nicht nur, dass die Matinee-Reihen ELEVEN-ELEVEN in Olching mit Dr. Pandit Ranajit Sengupta (Sarode) und Kousik Banerjee (Tabla) zwei in ihrer Heimat bedeutende indische Musiker eingeladen haben. Beide präsentierten am Sonntag passend zur Tageszeit auch Morgen Ragas, die in ihrer Hingabe und exotischen Virtuosität das Publikum verzauberten.
Dr. Pandit Ranajit Sengupta bekam schon mit 5 Jahren Unterricht auf der Mandoline seines Onkels, brillierte ein Jahr später im All India Radio und spielte mit nur 10 Jahren erste Aufnahmen für INRECO (All Indian Records) ein. So beherrscht er das neben der Sitar in Indien bekannteste Saiteninstrument, die Sarode, traumwandlerisch sicher und war sozusagen als Kulturbotschafter seines Landes auf vielen großen Bühnen und Festivals Europas, Nordamerikas, des Nahen Ostens, Afrikas und der Karibik zu Gast.
Bei der Sarode handelt sich um ein klassisches Zupfinstrument, aus der Familie der Kurzhalslauten. Pandit Ranajit Sengupta lockt der Sarode spielerisch sowohl einen meditativen Grundduktus ab und ist zugleich in der Lage, sein Publikum mit betörender Perkussivität zu faszinieren. In Olching begannen einige der Ragas mit atmosphärisch tief berührenden Einleitungen und endeten meist mit enormer Geschwindigkeit umgesetzten Improvisationen, die aus skizzierten Strukturtönen und melodischen Figuren bestanden. Dabei werden die Saiten des Instruments mit einem aus Kokosholz geschnitzten Plaktron angerissen, teils regelrecht geschlagen.
An Pandit Ranajit Senguptas Seite trommelte Kousik Banerjee auf der Tabla komplexe Rhythmen, die Millimeter für Millimeter auf den jeweils schwarzen, kreisrunden Flecken auf den Fellen anders klingen. Dieses wohl wichtigste Perkussionsinstrument der klassischen indischen Musik wird nur mit den Fingerkuppen gespielt, wobei die eine der Trommeln für den hohen Klang (Dahya) und die andere für den tieferen, hohlen Klang (Bayan) genutzt wird.
Es gab zwischen beiden Instrumentalisten einen ständigen Austausch, eine freundschaftliche, zum Teil auch herausfordernde Kommunikation. Die Musik, die dabei entstand kam einem steten Fluß von Emotionen und Ideen nahe, die trotz der Unterschiede des jeweiligen Klangausdrucks eine schlüssige musikalische Einheit bildete. Zu dem gaben sich beide Musiker immer wieder die Möglichkeit, solistische Widmungen instrumental zu formulieren. Insgesamt eine musikalische Matinee, die aus gegenseitigem Zuhören und selbstloser Hingabe ihre Magie entfaltete.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 05.10.2026
Fürstenfeld: Compagnie Käfig - Eine Grenzen überschreitende Performance
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: TJ Krebs
Fürstenfeld. Zephyr bezeichnet in der griechischen Mythologie den Gott des milden Westwindes, der mitunter jedoch auch als gewaltiger Sturm auftritt und außerordentliche Regenmengen transportieren und wo auch immer ergießen kann. Ihn hat der französische Choreograf Mourad Merzouki zum Titelhelden seines Tanzstückes erkoren und an und mit ihm arbeiteten sich die zehn Mitglieder seiner Compagnie Käfig am Freitag zum 25. Jubliläum des Veranstaltungsforum Fürstenfeld und am darauffolgenden Samstag an gleichem Ort eine gute Stunde ab. Tanzende Individuen, die mit und gegen den Strom agieren, die die sanfte Energie lauer Brisen und das stürmische Potenzial von Urgewalten in sich aufnehmen und in faszinierende Bewegungen übertragen. Mourad Merzouki hat mit „Zéphyr“ ein Tanzstück choreographiert, das in seinen ruhigen Passagen ebenso beeindruckt, wie es in seinen energiereichen Momenten das Publikum regelrecht von den Sitzen weht.
Benjamin Lebreton hat für dieses Spektakel ein Bühnenbild entworfen, das allen Fantasien und Realitäten einer imaginären Reise gerecht wird. Wie im Maschinenraum eines Schiffes springen und krabbeln die Tänzer akrobatisch durch die bullaugenähnlichen Aussparungen in den begrenzenden Bühnenwänden. Gleichzeitig werden diese „Bullaugen“ mit Ventilatoren ausgestattet, die für Wind und Nebel sorgen. Die Tänzer schaufeln mit dem Armen, die sich wie Windmühlen drehen, die Luftströme, scheinen emporzuschweben und wieder sanft zu landen. Eine Grenzen überschreitende Performance zwischen zeitgenössischem Tanz und Hip-Hop, in dessen Umfeld Mourad Merzouki sozialisiert wurde. Es ist auch ein gekonntes Stück Artistik, die die Protagonisten in all ihren lockeren Grooves, herausfordernden Sprüngen und federnden Figuren voller Leidenschaft umsetzen.
Und erst die Wucht, als auf dem Dampfer ein riesiges Segel gehießt wird, das der Sturm aufbläst und damit die Kraft der Elemente deutlicher ins Spiel bringt. Das sind die intensivsten Momente eines ansonsten schon brillanten Abends, wenn dann auch der Sound, vom großen Armand Amar entworfen, noch einmal Fahrt aufnimmt, aus der schlichten Kammermusik ein dräuendes, gigantisches Percussionsgewitter wird und die gesamte Höhe der Bühne für die Tänzer nicht mehr auszureichen scheint. Die Komplexität der Bewegungen ist andauernd enorm, die imaginären Naturgewalten ebenso. Bleibt die Frage, kämpft die Compagnie nun gegen diese an, oder ist sie „nur“ Spielball von naturbedingten Elementarkräften?
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Samstag 12.09.2026
Cassandra Wilson (geb. 4. Dezember 1955 in Jackson, Mississippi; gest. 2. September 2026 in Jackson, Mississippi)
Bilder
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Samstag 08.08.2026
Schloss Kempfenhausen: Grandioser Auftakt des Seejazz Festivals mit dem Duo Helbock-Hofer
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Seit 2012 bereichert der gemeinnützige Verein SeeJazz e.V. die Kunst- und Kulturszene im Starnberger Raum mit hochkarätigen Jazzkonzerten. Nur ein Jahr nach der Vereinsgründung ging das SeeJazz Festival an den Start. Mittlerweile hat sich die Konzertreihe zu einer festen Institution entwickelt, die Jazzfans weit über die Region hinaus anzieht. Der Auftakt des diesjährigen Festivals fand traditionell im ehrwürdigen Rittersaal auf Schloss Kempfenhausen statt mit einem fulminanten Eröffnungskonzert des Duos David Helbock und Julia Hofer.
Mit dem österreichischen Ausnahmepianisten David Helbock und der renommierten Wiener Cellistin und Bassistin Julia Hofer stand ein Duo auf der Bühne des Schlosses Kempfenhausen, das die Grenzen des Jazz virtuos neu auslotet. Im restlos ausverkauften Saal begeisterten sie mit zwei Sets und zwei Zugaben, die abwechslungsreicher nicht hätten sein können. Der Verzicht auf Elektronik lenkte den Blick auf das Wesentliche: den wunderbaren, teils präparierten Steinway-Flügel - von Helbock virtuos in Szene gesetzt - sowie den packenden Dialog mit Hofers Cello und Bass. Das Programm begeisterte das Publikum von der ersten Minute an: die Setlist reichte von Jazz-Hommagen an Carla Bley, Thelonious Monk und Schumann - „Clara’s Romance“ -, den Monk Klassiker „'Round Midnight“ über Prince Sexy M.F./Purple Rain bis hin zu wunderbaren Eigenkompositionen wie „Night Dances“. Nach gut zwei Stunden hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Der tosende Applaus mündete schließlich im emotionalen Höhepunkt des Abends: der zweiten, zutiefst bewegenden Zugabe „Hymn for Sophie Scholl“ zum leisen Ausklang eines unvergesslichen Abends.
Das SeeJazz Festival nimmt weiter Fahrt auf! Das Konzert mit Vlado Grizelj auf dem Museumsschiff ist zwar schon ausverkauft, aber das Programm bietet noch weitere Highlights: Am Donnerstag, den 13.08., bittet die Barrelhouse Jazzband im Pallaufsaal Münsing zum traditionellem Jazzabend. Am Samstag, den 15.08., folgt im Bürgersaal Feldafing das legendäre Quartett UP um Jörg Widmoser, Peter Wölpl, Peter Christl und Harald Rüschenbaum mit einem packenden Mix aus Jazz-Rock, Funk und Latin Soul. Den fulminanten Abschluss feiert das Festival am Sonntag, den 16.08. im Beccult Pöcking: Die Schweizer Band SOULVISION wird den Saal mit einem kraftvollen, funky Tribute im Geiste von James Brown zum Kochen bringen.

Karten für die Veranstaltungen gibt es in der Gemeindebücherei Feldafing oder im Internet unter: www.seejazz.de
TEXT & FOTOS : Thomas J. Krebs
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Dienstag 04.08.2026
Monika Helfer (geb. 18. Oktober 1947 in Au, Vorarlberg; gest. 2. August 2026 in Feldkirch)
Monika Helfer
„Die Bagage“
In der Anfangsszene ihres Romans „Die Bagage“ malt Monika Helfer ein berückend schönes Bild: vor einem Berg ein kleines Haus, ein Bach, ein Brunnen und eine wunderschöne schwarzhaarige Frau, die eine weiße Bluse aufhängt. Aber es weht die Wirklichkeit hinein in dieses Bild, „kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp“. Hier klingen schon die Gegensätze an, die Monika Helfers Geschichte bestimmen: Schönheit und bittere Not.
Die 1947 geborene Österreicherin Monika Helfer hat zahlreiche Bücher verfasst, in denen sie von schwierigen Familiensituationen erzählt. In ihrem anrührenden autobiographischen Roman „Die Bagage“ ist sie nun ihrer eigenen Familiengeschichte auf der Spur. Im Zentrum steht ihre schöne Großmutter Maria, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Kindern am äußersten Rand eines kleinen Bergdorfs in Vorarlberg lebte.
Die Familie wird im Dorf „die Bagage“ genannt. Sie sind die Armen, Verachteten, die in ihrem Haus nicht einmal elektrischen Strom haben. Außenseiter sind sie aber auch deshalb, weil sie etwas Besonderes sind. Josef, ein stolzer, schweigsamer Mann, nimmt am Dorfleben kaum teil. Er trinkt keinen Alkohol, ist ein Meister im Kopfrechnen und macht undurchsichtige Geschäfte mit dem Bürgermeister. Marias ungewöhnliche Schönheit erregt den Neid der Frauen und die Begehrlichkeit der Männer. In starken Bildern und schlichten, meist kurzen Sätzen, die an die Sprechweise der Dorfbewohner angelehnt sind, berichtet Monika Helfer von der dramatischen Geschichte ihrer Großeltern. Sie erzählt von einer engen, von gesellschaftlichen Zwängen geprägten Welt, von männlicher Begierde und Brutalität, aber auch von Liebe und familiärem Zusammenhalt. So bewusst einfach seine Sprache, so kunstvoll ist der schmale Roman komponiert. Tastend, fragend, auf der Suche nach der Wahrheit, wechselt Monika Helfer häufig die Zeitebenen. Immer wieder greift sie vor, erzählt von der Tante und den Onkeln, von ihrer Mutter und sich selbst, und springt wieder zurück zu ihren Großeltern. So entsteht ein dicht verwobenes Netz von Geschichten ihrer Familie. Im Mittelpunkt ihrer Suche steht die Frage, wie die Erlebnisse der Großeltern den Lebensweg ihrer Kinder und Enkel beeinflusst haben.
Zu Beginn des 1. Weltkriegs wird Josef Moosbrugger eingezogen. Dem Bürgermeister vertraut er seine Frau und seine Kinder an. Er soll die Familie versorgen und vor allem aufpassen, dass die schöne Maria sich nicht mit anderen Männern einlässt. Doch sie verliebt sich auf einem Dorffest in einen Fremden. Dreimal besucht dieser sie in dem einsamen Haus. Auch Josef verbringt seinen kurzen Heimaturlaub bei seiner Familie. Einige Zeit später ist es nicht mehr zu übersehen: „Maria war schwanger, und in ihrem Bauch war meine Mutter.“
Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass Josef der Vater ist, doch das ganze Dorf ist davon überzeugt, dass Maria das Kind von dem Fremden erwartet. Ein Hexentreiben beginnt. Marias Kinder werden in der Schule gemobbt. Die beiden Autoritäten des Dorfes, Pfarrer und Bürgermeister, behandeln sie wie eine Hure. Beide werfen ein Auge auf sie: der Pfarrer ein böses und der Bürgermeister ein begehrliches. Der Pfarrer lässt das Kruzifix von ihrem Haus abhängen, und der Bürgermeister, der „Wohltäter der Familie“, versucht, ihr Gewalt anzutun. Aber er hat nicht mit ihren Kindern gerechnet.
Als der Vater nach dem Krieg nach Hause kommt, lässt er sich von den Gerüchten beeindrucken und glaubt seiner Frau nicht, dass die jüngste Tochter, die Mutter der Autorin, seine eigene ist. Er ekelt sich vor ihr, sieht sie kaum an und spricht nie mit ihr.
Monika Helfer hat, als sie klein war, nie eine wirkliche Familie erlebt. Seit fast 40 Jahren ist sie nun mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet und hat mit ihm vier Kinder großgezogen. Eines ihrer Bücher trägt den Titel: „Die wilden Kinder“. Wild sind auch die Geschwister der „Bagage“, denen die Autorin in ihrem Roman ein Denkmal setzt. Die bedingungslose Bereitschaft dieser Kinder, alles für die Familie und ihre Mutter zu tun, der Mut, mit dem sie sich gegen die Zumutungen ihrer Umwelt wehren, ihr Kampf ums Überleben sind beeindruckend und herzzerreißend geschildert.
Monika Helfers wunderbares, sensibles und melancholisches Buch endet, wie es beginnt: mit einem Bild. Trotz allem ist es ein versöhnliches Bild, das sie auf den letzten Seiten vor unserem inneren Auge entstehen lässt: „Im Kunsthistorischen Museum in Wien sah ich mir die ‘Kinderspiele‘ von Pieter Breughel dem Älteren an, und da waren sie alle, die ganze Bagage, sie tollten über das Bild hinweg, lachten und greinten und johlten sich zu und tuschelten, und ich stand davor und musste lachen...“
Lilly Munzinger, Gauting



Monika Helfer
„Löwenherz“
In ihrem jüngsten autofiktionalen Roman "Löwenherz" schreibt Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie fort, einer Familie von eigenwilligen Außenseitern. In "Bagage" geht es um ihre Großmutter und deren Kinder. Sie lebten, von der Gesellschaft gemieden, auf einem einsamen Hof in Vorarlberg. In "Vati" erzählt die Autorin von ihrem sensiblen, unglücklichen Vater, und mit "Löwenherz" ist ihr eine bewegende Annäherung an ihren jüngeren Bruder Richard gelungen.
Das Buch beginnt mit einem starken Bild: Man sieht Richard, wie er eine Blindschleiche auf seinen nackten Arm setzt und ihr seinen Lieblingssong "Going up the country" vorsummt, die Woodstockhymne des Sängers Alan Wilson, dem Richard ähnlich sah, und der mit 27 Jahren Selbstmord beging. Wie diesen Alan Wilson umgab Richard eine Aura von fast anarchischer Ungebundenheit und Tragik. Schon auf den ersten Seiten des Romans erfahren wir, dass sich auch Richard als junger Mann, im Jahr 1983, das Leben genommen hat. Damals war er gerade 30 Jahre alt. Monika Helfer will, dass man von Anfang an weiß, wie das Buch ausgeht. Das Spannende ist nicht das Ende der Geschichte, sondern wie die Autorin das Leben ihres Bruders in Literatur verwandelt.
Richard und seine Schwestern verloren ihre Mutter früh. Seit dem Tod seiner Frau war der Vater ein gebrochener Mann. Er nannte Richard, sein Lieblingskind, zärtlich "Löwenherz", wie den legendären englischen König. Er war aber nicht in der Lage, sich um seine Kinder zu kümmern. Richard kam zu einer Tante und ihrem polternden Ehemann, wo er sich nie heimisch fühlte, während seine Schwestern bei einer anderen Tante aufwuchsen. Erst als Erwachsene kamen sich die Geschwister wieder nahe.
Und nun, fast 40 Jahre nach seinem Tod, hat sich Monika Helfer auf Spurensuche nach ihrem Bruder begeben, unterstützt von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, der damals mit Richard befreundet war. Immer wieder gibt die Autorin Einblick in den gemeinsamen Erinnerungsprozess und erzählt davon, wie sie und ihr Mann versuchen, sich über den geheimnisvollen Bruder klar zu werden.
Michael kannte Richard, wie er sagt, "aus der Unwirklichkeit heraus". Richards Schwester nannte ihn einen "Schmähtandler", einen, dem die Phantasie über die Wahrheit ging, der sich Geschichten ausdachte, wenn ihm die Wirklichkeit zu langweilig erschien. Er war ein Traumtänzer, der sich in die Enge der Realität nicht fügen konnte und wollte. Sein Geld verdiente er als Schriftsetzer. Doch eigentlich war er ein Künstler, ein begabter naiver Maler, aber ohne jeden Ehrgeiz. Bei Frauen kam der hübsche, sanftmütige Sonderling gut an. Im Grunde aber blieben sie ihm - wie überhaupt jede sexuelle Beziehung - gleichgültig.
Man fragt sich beim Lesen: Woher kam dieses Verhalten? Hatte es mit dem frühen Verlust seiner Mutter und seiner lieblosen Kindheit zu tun? Oder - wie Monika Helfer andeutet - hatte er einen Schaden davongetragen, als er als Baby seinen Schwestern auf den harten Boden gefallen war?
Michael meint im Buch einmal, Richard habe nie jemanden geliebt. Doch diese Aussage kann sich nur auf sein Verhältnis zu Frauen beziehen. Denn Richard liebte seinen Hund Schamasch, der ihm zugelaufen war, und Putzi, ein kleines Mädchen, das ihm deren unstete Mutter aufgedrängt hatte. Das ist eine eigene skurrile Geschichte, die sich aber, wie die Autorin versichert, tatsächlich so zugetragen hat.
Einige Jahre war Putzi bei Richard. Er, das Kind und der Hund lebten wie eine kleine Familie. Putzi sagte Papa zu ihm, und ausgerechnet er, den seine Schwester einmal einen Wilden, einen Indianer nennt, gab ihr Sicherheit und Geborgenheit, obwohl er nicht einmal ihren wirklichen Namen kannte. In selbstloser Weise war er für das Kind da, ein wahres Löwenherz. "Ich würde sagen: Er war Putzis Paradies, und Putzi war sein Paradies" heißt es im Buch. Doch dieses Paradies konnte der Realität nicht standhalten. Es gelang Richard nicht, Putzi zu adoptieren; sie wurde ihm weggenommen. Und zur selben Zeit wurde sein Hund von einem Wilderer erschossen.
"Löwenherz" ist auch ein Roman über eine innige Geschwisterbeziehung, über Verantwortung und Schuldgefühle.Die Autorin erzählt, wie sie ihrem Bruder zur Seite stand, ihn auffing, wenn er unglücklich war, ihm half, Putzi zu betreuen; wie sie sich für ihn, der mit der Wirklichkeit so schwer zurecht kam, verantwortlich fühlte. Doch in den letzten Jahren seines Lebens, die sie seine leeren Jahre nennt, verlor sie ihn weitgehend aus den Augen. Das hing damit zusammen, dass Richard eine lebenstüchtige Frau geheiratet hatte. Aber auch damit, dass Monika Helfer mit ihrer neuen Ehe und ihrer wachsenden Familie vollauf beschäftigt war. Und dann, fünf Jahre nachdem Richard Putzi und den Hund verloren hatte, kam plötzlich die Nachricht von seinem Tod. "Er hat nicht besonders gerne gelebt", sagt Michael.
Monika Helfer hat ein melancholisches, ergreifendes Buch geschrieben über einen, dem auf Erden nicht zu helfen war.
Lilly Munzinger, Gauting
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Freitag 31.07.2026
Fürstenfeld: Festspielstimmung bei „Carmina Burana“
Bilder
Aufführung des Werks von Carl Orff mit dem Philharmonischen Chor Fürstenfeld im Stadtsaal

Fürstenfeldbruck. Carl Orffs „Carmina Burana“ sind nicht nur sein bekanntestes Werk, sie vereinen auch die Möglichkeit der Aufführung sowohl durch Profis als auch durch ambitionierte Laien. Sir Simon Rattle hat unlängst medial begleitet vorgeführt, wie Aufführungen mit sehr guten Laiensängern und Musikern aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelingen können. Irgendwie strahlen die Carmina sommerliche Gefühle aus, weshalb sie besonders oft in Freiluftkonzerten erklingen. Für den Philharmonischen Chor Fürstenfeld wurde aus der geplanten Open-Air-Aufführung im Stadtsaalhof allerdings leider nichts. Weil die Wetterprognose für den Aufführungstag eher ungünstig war, verlegte man das Konzert in den Stadtsaal – sozusagen auf die gleiche Bühne, aber von der anderen Seite. Die Entscheidung erwies sich als richtig, weil kurz vor der Aufführung tatsächlich ein Regenschauer vom Himmel kam. Der Stimmung im Saal tat das aber keinerlei Abbruch.
Der Idee, dass die „Carmina Burana“ dann besonders eindrucksvoll gelingen, wenn sehr viele Mitwirkende beteiligt sind, folgte man auch hier. Da Andreas Obermayer, der Dirigent des Philharmonischen Chores Fürstenfeld, nicht nur diesen Chor leitet, erweiterte er den Philharmonischen Chor für die Aufführung quasi um das „Ensemble di Capello“ und den Jungen Kammerchor des Rupprecht-Gymnasiums in München. Dadurch lag die Zahl der Sänger bei weit über einhundert Musikern. Statt eines Orchesters entschied man sich für die von Orff selbst geschaffene Fassung für zwei Klaviere und Schlagwerk. Barbara Scherbel und I-Chen Lo musizierten an den beiden Flügeln, das Schlagwerk war mit Stefan Blum, Alexander Herrmann, Simon Melzer, Dieter Pöll und Andreas Regler kraftvoll besetzt. Als Vokalsolisten waren außerdem Judith Spießer (Sopran), Stephan Schlögl (Tenor) und Johannes Eder (Bariton) zu hören.
Wenn der Anfang „O Fortuna“ erklingt, dann geht es darum, eine machtvolle Klangkulisse zu inszenieren. Das gelang hier sehr präzise und in absolut stabilem Tempo mit klarer Textdeklamation. Dem steht klanglich das „Veris leta facies“ gegenüber, dessen Melodie von der vertikalen Linienführung in leiser Dynamik her stringent entwickelt war. Solche Gegensätze, die hier immer wieder herausgearbeitet wurden, prägten die Aufführung. Andreas Obermayer brachte an mehreren Stellen verbale Wegführungen für die Zuhörer ein, die zielgerichtet und dennoch auf das Nötigste beschränkt blieben.
Rezitativische Freiheiten, die sich Johannes Eder überzeugend nahm, prägten das „Omnia sol temperat“, das dadurch auch individuelle Authentizität vermittelte. Räumliche Wirkung entfaltete das „Ecce gratum“ durch den blockweisen Einsatz der Chorstimmen.
Gut artikuliert nahm der Schwung des Dreivierteltakts in „Floret silva“ nicht nur Sänger, sondern auch die Zuhörer in Beschlag. Ganz zart, aber mit gut sichtbarer Aufmerksamkeit trug der Kinderchor das „Amor volat undique“ der „Ragazzi“ vor, das im weichen Klavierklang der Pianistinnen seine klangliche Entsprechung fand. Die konkrete Erfahrung, wie ein gebratener Schwan singt, hat sicher noch niemand gemacht. Die zu erwartenden Qualen ließen sich aber in „Olim lacus colueram“, wie es Stephan Schlögl interpretierte, gut nachvollziehen. Komödiantisch war auch die folgende Nummer „Ego sum abbas“, in der sich ein dem Alkohol im Übermaß zugetaner Abt (Johannes Eder) quasi selbst persiflierte.
Als Fazit kann man zusammenfassen, dass es dem Zuhörer in keinem Moment langweilig wurde, egal, wie oft er die „Carmina Burana“ schon gehört hat. Die klangliche Präsenz aller Beteiligten und die sprühende Vitalität des Klangs ließen die musikalischen Charaktere der einzelnen Nummern plastisch hervortreten. Ganz zu Recht gab es deshalb am Ende begeisterten Applaus des Publikums. Nicht zuletzt hatte die imposante Schlusssteigerung das lodernde Feuer noch zusätzlich angefacht.
Klaus Mohr
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2026 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.