Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Robert Plant „Carry Fire“ Warner

1

Valentin Silvestrov „Hieroglyphen der Nacht“

2

Oliver Schwerdt „Prestige / No Smoking“ Euphorium Records

3

Franco Ambrosetti „Cheers“ Enja Records

4

OHRENGLÜCK 35: Yelena Eckemoff

5

Markus Stockhausen „Far Into The Stars“ Okeh

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Montag 16.10.2017
Robert Plant „Carry Fire“ Warner
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Als im Herbst 1969 Whole Lotta Love aus den Kofferradios krächzte (nein, Ghettoblaster kamen erst weit später!), war dies der endgültige Durchbruch für Led Zeppelin. Eine Supergroup war  geboren, die mit ihren Alben und vor allem Konzerten im folgenden Jahrzehnt die Szene erbeben ließ und neue musikalische Maßstäbe setzte. Diese Band konnte einfach alles, von Rock`n Roll bis Reggea, von Folk bis Funk, von Country bis Blues. Aber alles kam so mächtig und martialisch daher, dass man die musikalischen Feinheiten der Songs nicht immer sofort erkannte.
Nachdem die britische Formation aufgrund des Todes ihres Schlagzeugers John Bonham auseinanderfiel, schien der musikalische Vulkan 1980 erloschen. Zwar veröffentlichten die einzelnen Bandmitglieder hin und wieder neue Aufnahmen. Aber zu sehr erinnerte vieles von dem an die „alten Zeiten“ - ohne deren Qualität tatsächlich zu erreichen.
Außer Sänger Robert Plant, der sich in den letzten Jahren weitaus stärker als seine beiden Kollegen von der physischen Kraft und der Attitüde Led Zeppelins befreite und neue musikalische Bereiche erschloss. Er zeigte sich als ein Suchender, der schon immer eine Schwäche für Folk und Weltmusik an den Tag legte. Besonders bei seinen letzten Alben war zu spüren: Hier ist ein Überzeugungstäter am Werk, bei dem das Feuer noch enorm brennt. Vielleicht nicht mehr ganz so lichterloh und elitär wie einst. Stattdessen hat er seine Ansprüche auf wesentliches reduziert.
Orientalisch-fernöstliche Klänge gehören heute zum allgemeinen Stimmungsbild eines Robert Plant Albums. Er experimentiert mit Sounds und Rhythmen, mit fernen Kulturen und archaischen Rückblenden. Und immer wieder fällt die Sensibilität und das Maß auf, mit denen er seine musikalischen Ideen umsetzt. Hier hat sich einer im Laufe der Jahrzehnte ausgetobt, der nun seine ganze Erfahrung und sein Wissen für reduzierte Rocksongs nutzt.
Plant weiß heute besser denn je, worauf es in der Musik ankommt: Auf eine Balance zwischen Idee und Ausführung, auf die Faszination für das, was man generell tut und auf eine gewisse Arroganz, sich in seine Visionen nicht hinein reden zu lassen.
Heute ist Plant 69 Jahre und er muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen. Aber er produziert weiter Alben, die aus den ewigen Jagdgründen des Rock`n Roll stammen und die in die Zukunft des Pop weisen. In Würde altern, könnte man so etwas auch nennen. Auf „Carry Fire“ stöhnt und zischt und jammert er, er flüstert, schreit, beschwört und knurrt wie kein zweiter. Auf die Frage, ob er seine Stimme jemals trainiert habe, antwortete er vor ein paar Jahren: „Ich habe nur Fußball trainiert. Und Tennis. Mein einziger Gesangsunterricht besteht darin, dass ich ein Paar sehr große Ohren habe.“ Plant zieht wieder einmal alle vokalen Register und bleibt bei allem doch ziemlich gelassen. Auch ein Duett mit der Pretenders-Sängerin Chrissie Hynde interpretiert er überzeugend – wie einst ein ganzes Album mit der Country-Ikone Alison Krauss. Das alles klingt frisch und unverbraucht, manchmal regelrecht dezent und noch immer überzeugend. Eben anders als früher. „Ich schulde mir selbst den Gefallen, kein Museumsstück zu sein“, ist so eine typische Robert Plant Aussage von 2014. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Jörg Konrad
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Dienstag 10.10.2017
Valentin Silvestrov „Hieroglyphen der Nacht“
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Foto: Ricardo Rossini
Diese Musik ist wie ein flüchtiger Hauch von Wärme und Melancholie. Nicht alle Kompositionen des Ukrainers Valentin Silvestrov leben von dieser poetischen Vergänglichkeit, pulsieren in dieser berührenden Stille. Doch im vorliegenden Fall handelt es sich um Stücke, die für ein bzw. zwei Cellos geschrieben sind, gewidmet dem Freund Silvestrovs, Tigran Mansurian, dem russischen Cellisten Ivan Monighetti und den Interpreten Anja Lechner und Agnès Vesterman. Es sind atmosphärisch sehr offene Stimmen, die voll suggestiver, fast meditativer Schönheit ineinander greifen oder als Monolog eine innige Seelenlandschaft gedämpft beschreiben. Dabei immer eine Leichtigkeit und eine Schwere in sich vereinend. Überhaupt verbinden sich in dieser Musik die Gegensätze auf eine harmonische und leicht herausfordernde Weise, ohne dass etwas lichterloh brennt, oder Grenzen gesprengt werden. Es ist ein steter Blick unter die Oberfläche der Seele. Uneitel, dafür einfühlsam.
Anja Lechner spielt die Musik Silvestrovs schon seit Jahren. „Zuerst hörte ich eine Aufnahme der Fünften Symphonie. Die Musik berührte mich zutiefst ….. Ich war so bewegt von seinen zarten, atmenden Klängen und melodischen Fragmenten“ äußerte sich die Cellestin einmal über ihn. Von dem, was sie dem Komponisten verdankt, kann sie hier einiges zurückgeben. Besonders in den Solostücken, wie „Augenblicke der Stille und Traurigkeit“ oder „Walzer für Alpenglöckchen“, findet sie voller Konzentration den Zugang zum Innenleben der Komposition, macht sie spür- und erlebbar. Vollkommen – bis zum letzten Ton.
Jörg Konrad

Valentin Silvestrov
„Hieroglyphen der Nacht“
Anja Lechner & Agnès Vesterman
ECM New Series
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Freitag 06.10.2017
Oliver Schwerdt „Prestige / No Smoking“ Euphorium Records
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Ob Oliver Schwerdt die vorliegende Aufnahme tatsächlich in einem Leipziger Geschäft für Tasteninstrumente eine Stunde vor dessen Ladenöffnung hat aufnehmen lassen, oder ob auf diesem Instrument zwei Wochen später kein geringerer als Chick Corea spielte, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall hat Schwerdt ein Solowerk vorgelegt, mit dem Anspruch „ … die Dynamisierung der Ton-Folgen über einen dreiviertelstündigen Spannungsbogen zu ziehen.“ Dynamik ist im Kontext der freien Improvisation vielleicht eines der wichtigsten Aspekte. Denn die Wechselwirkung verschiedener Kräfte und Einflüsse auf die Befindlichkeit und das Verhalten des Musikers schafft, neben seiner handwerklichen Ausbildung und seines künstlerischen Könnens, die eigentliche Grundlage für sein Tun. Schwerdt spielt eine Musik des Augenblicks und alles, was er klanglich entstehen lässt, ist die für ihn logische Folge aus dem vorhergehenden. Das heißt: Der Pianist ist im Fluss. Seine Klanglandschaften sind gekennzeichnet von einer bekennenden Verinnerlichung, die etwas Souveränes vermittelt. Wenig lyrische Sequenzen, dafür mehr quergedachte Miniaturen und perkussive Splitter. Das Anarchische dieser insgesamt vier Titel entlädt sich nicht in Tontrauben, oder explodierenden Klangwogen, sondern weist einen strukturierten und sensibel durchdachten Aufbau aus. Entlegene Einfälle finden Zugang, Dissonanzen und Verdichtungen sind Teile eines Ganzen. Die Tradition spielt eine eher untergeordnete Rolle – sieht man einmal vom Einfluss Cecily Taylors ab. Hier bricht sich Individuelles Bahn, macht sich differenziert Luft und wird so zum spontanen Rausch. Hochspannung pur.
Jörg Konrad
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Freitag 22.09.2017
Franco Ambrosetti „Cheers“ Enja Records
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Vater Flavio war einer der bedeutendsten Jazz-Pioniere der Schweiz. Sohn Gianluca zählt schon seit Jahren zu den wichtigsten jungen europäischen Saxophonstimmen. Insofern gehört Franco Ambrosetti zu jenen, die gelebte Familientraditionen mit Leidenschaft aufnehmen und erfolgreich weitergeben. Im letzten Jahr feierte der Unternehmer und Jazztrompeter seinen 75. Geburtstag. Für sein Plattenlabel Enja, dem er seit 1979 die Treue hält und für das er in der Vergangenheit großartige, manchmal sogar berauschende Alben einspielte, Grund genug, ihm nachträglich eine All-Star-Session zu spendieren. Und tatsächlich ist „Cheers“ gespickt mit herausragenden Solisten, die alle in der Vergangenheit mit dem elegantesten und feurigsten unter den europäischen Trompetern und Flügelhornspielern irgendwie zu tun hatten. Unter anderen mit dabei die Pianisten Kenny Barron und Uri Caine, Gitarrist John Scofield, die Schlagzeuger Jack DeJohnnete und Terry Lyne Carrington, Saxophonist Greg Osby und natürlich Gianluca Ambrosetti.
„Wir sahen die Session als private Party“, beschreibt Franco Ambrosetti die Aufnahmesitzung im Januar 2017 in New York, „mit großartigen Musikern und dem zusätzlichen Spaß, einige Songs zusammen zu spielen. Kein Plagen, kein schweres Zeug, das man lesen muss, einfach nur Musik wie in einer Jam Session – mit einem kleinen Bisschen an Organisation.“
Das Ergebnis sind fünf Standards, zwei Kompositionen des Leaders, eine Nummer seines alten Freundes und unvergessenen Tausendsassa des Jazz George Gruntz und „Midnight Voyage“ von Joey Calderazzo. Letzteres Stück ist Ambrosettis Hommage an einen anderen alten Mitstreiter früherer Aufnahmen: Michael Brecker.
„Cheers“ sollte nicht der Ausdruck einer musikalischen Revolte werden. Es ging um die Freude am gemeinsamen Musizieren, um das Einbringen persönlicher Erfahrungen und vielleicht auch ein klein wenig an das Erinnern längst vergangener Zeiten. Gelassen und trotzdem pointiert hangelt sich die Band in unterschiedlichen Konstellationen an der Tradition entlang. Hardbop in einer erfrischenden wie verspielten Qualität. Relaxt und trotzdem fantasiereich umgesetzt. Keine Routine – nirgends. Ähnlich einem alten, gut gereiften Wein besitzt die Musik Esprit, klingt vertraut und doch herausfordernd. Zum Beispiel, wenn sich die beiden Schlagzeuger Jack DeJohnette und Terry Lyne Carrington in „Drums Corrida“ regelrecht duellieren. Natürlich bleibt niemand auf der Strecke, dafür sind beide rhythmisch zu versiert und ausgebufft.
Insgesamt ist „Cheers“ ein Reigen wunderbarer, bekannter Melodien, mit modernen Bop-Phrasen durchzogen und solistisch reizvollen angereichert. Auf diese Art wird jede Geburtstagsfeier zu einem großen Ereignis – an das man sich Jahre später mit Sicherheit noch gern erinnert.
Jörg Konrad
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Montag 18.09.2017
OHRENGLÜCK 35: Yelena Eckemoff
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Sie absolvierte das Moskauer Konservatorium, arbeitete in der Sowjetunion als Klavierlehrerin und emigrierte 1991 mit  ihrer Familie in die USA. Dort gründete Yelena Eckemoff eine Plattenfirma nur für ihre eigenen Tonaufnahmen – klassische Klaviermusik, neue Kompositionen, New Age. Seit 2009 macht die Pianistin auch Jazzalben. „In The Shadow Of A Cloud“ ist bereits ihr elftes – die Frau ist fleißig. Auch die CD-Verpackungen, die gemalten Cover-Vorlagen, die Gedichte fürs Booklet, alles stammt von ihr. Was Yelena Eckemoffs Jazz-Kompositionen und was ihr Jazz-Klavierspiel angeht, so besitzen sie definitiv eine eigene Note: klassisch fundiert, slawisch gefärbt, harmonisch gerundet, balladenhaft schweifend. Eckemoff liebt strömende Emotionen, ausgreifendes Improvisieren, rauschhafte Steigerungen. Ihre besondere Qualität bekommt die Musik aber dadurch, dass die Pianistin immer wieder namhafte Jazzmusiker aus Skandinavien und den USA zu sich ins Studio holt. Auf den Vorgängeralben waren das zum Beispiel Arild Andersen, Jon Christensen, Peter Erskine, Mark Feldman, Billy Hart, Joe Locke, Marilyn Mazur, George Mraz, Verneri Pohjola und Mark Turner – eine wahrlich illustre Reihe fantasievoller Interpreten. Auf „In The Shadow Of A Cloud“ sorgen vor allem Chris Potter (Tenorsax, Sopransax, Flöte, Bassklarinette) und Adam Rogers (E-Gitarre) für die Verdichtungen und Abenteuer in Eckemoffs Musik. Auch das Rhythmusgespann des Quintetts, Drew Gress (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug), gehört zur amerikanischen Jazz-Elite. Inspirieren ließ sich Yelena Eckemoff diesmal von Erinnerungen an ihre offenbar unbeschwerte Kindheit und Jugend in Russland. In den 14 Stücken (auf zwei CDs) überwiegen langsame und halbschnelle Tempi, die Rhythmen schweben und fließen kraftvoll, und der Sog ins Schwärmerische und Weiträumige ist unwiderstehlich. Da lernt die Seele fliegen.
Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Yelena Eckemoff Quintet
In The Shadow Of A Cloud
L & H Production
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Freitag 08.09.2017
Markus Stockhausen „Far Into The Stars“ Okeh
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Sich aus dem Schatten der Eltern herauszuarbeiten und sich zu behaupten, kann zu einer kraftraubenden Herausforderung werden. Markus Stockhausen ist dieses schwierige Kunststück bravourös gelungen. Er hat es, trotz mancher Hilfe seines Vaters Karlheinz, verstanden, einen eigenen künstlerischen Weg mit spezifischen Ansprüchen zu gehen. Was der Sohn dabei vom Vater übernahm, die scheinbare Grenzenlosigkeit musikalischer Ambitionen, hat er sich nie gescheut zuzugeben und für sich zu nutzen. Markus Stockhausen widmete sich in jungen Jahren aber sehr stark der instrumentalen Kunst und studierte in Köln Trompete, sowohl Klassik als auch Jazz. Das Komponieren kam erst später hinzu.
Ob Jazz oder Kunstmusik, weltmusikalische Einflüsse oder elektronische Klangteppiche, sakrale Auftragsarbeiten oder Minimal-Kompositionen, die Vielfalt Markus Stockhausens spiegelt sich in seinem musikalischen Schaffen deutlich wieder. „Far Into The Stars“, des Trompeters neustes Album gemeinsam mit Pianist Angelo Comisso, Cellist Jörg Brinkmann und Schlagwerker Christian Thomé eingespielt, vereint vieles von dem, für das Markus Stockhausen zurückblickend steht. Es sind fantasievolle Wanderungen zwischen differenzierter Kammermusik und atmosphärischen Ambientflächen. Stockhausen jr. gestaltet Trompetenmelodien in jubilierender Leidenschaft, er findet verstörend schöne Themen und (leider zu seltene) klaustrophobische Triller. Alles ist harmonisch miteinander verflochten, beeindruckt in der Auslotung von Seelenlagen und steht für Selbstvertrauen und Kreativität. Es ist die dynamische Musizierhaltung eines gebändigten Pathos und zugleich eine Musik voller Assoziationen und berührender Schwingungen.
Jörg Konrad
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KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.