Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Daniel Kramer „Bob Dylan - A Year And A Day“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: John Steinbeck „Stürmische Ernte“

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Anton Corbijn „The Living And The Dead“

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Milena Michiko Fla¨ar „Herr Katō spielt Familie“

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Alexander von Humboldt „Das Buch der Begegnungen“

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Franco Ambrosetti „Zwei Karrieren – ein Klang“

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Dienstag 16.10.2018
Daniel Kramer „Bob Dylan - A Year And A Day“
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Als Bob Dylan Ende Juli 1965 beim Folk-Festival in Newport statt mit der akustischen mit einer elektrischen Gitarre auftrat und gemeinsam mit der Paul Butterfield Blues Band die Titel „Magie`s Farm“, „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ sowie die erst eine Woche zuvor erschienene Single „Like A Rolling Stone“ spielte, wurde er vom Publikum gnadenlos ausgepfiffen. Dylan ein Rocker? Seine Fans witterten Verrat! Er wurde als Judas beschimpft.
Ein Gerücht? Oder etwa eine dieser windigen Anekdoten, von denen das Musikbuiseness so reich ist? Zeitzeugen beteuerten später, der überwiegende Teil des Publikums hätte sehr wohl Dylans Wandel vom Folk-Star zum „Rocker“ bereitwillig mit vollzogen. Jedoch missglückte der Auftritt in Newport aufgrund technischer Unzulänglichkeiten. Die Veranstalter hatten mit dem elektrischen Equipment einer Rockband keine Erfahrung. Und so klang das Spiel der Formation einfach nur grausam – von Bob Dylan war überhaupt nichts zu verstehen. Das Publikum quittierte diese Unzulänglichkeit mit Protest und lautstarken Buh-Rufen. Aber was ist letztendlich Dichtung und was ist Wahrheit?
Daniel Kramer, Fotograf und Filmregisseur, war zu jener Zeit häufig mit Dylan unterwegs. Eine Art Haus- und Hoffotograf des Musikers in jener Zeit könnte man sagen. Den legendären Auftritt in Woodstock hat er leider nicht dokumentiert. Jedoch einen Monat später, als Dylan und die Butterfield Blues Band im New Yorker Forest Hill-Stadion vor 14.000 Menschen auftraten, war er zur Stelle und hat den „Shakespeare mit elektrischer Gitarre“ abgelichtet.
Daniel Kramers Arbeiten sind Teil des vor wenigen Wochen im Taschen-Verlag erschienenen Bildbandes „Bob Dylan – A Year And A Day“. Es ist ein Buch, das eine Zeit lebendig werden lässt, deren Wirkung wir bis in unsere heutigen Tage spüren. Folk und Pop und Rock in ihren Gründerjahren, Pionierarbeit sozusagen, festgehalten in wunderbaren, überwiegend schwarz-weiß-Fotografien. Hier zeigt sich Kramer als Zeitzeuge („Nur mit Gitarre und Mundharmonika – ohne Hüftschwünge, ohne betörende kleine Ansprachen, ohne irgendeine der typischen Showbusiness-Attütüden – vermochte Bob ein Publikum zu bannen und in den Griff zu bekommen“), als Psychologe und als Künstler.
Der Prachtband, mit Texten in englischer, deutscher und französischer Sprache von Daniel Kramer selbst verfasst, ist in sechs Kapitel unterteilt. Eines dokumentiert die gemeinsamen Auftritte von Bob Dylan und Joan Baez („Joan war die Königin, und durch sie gewann Bob an Glaubwürdigkeit“), die bis heute mit zu den ganz besonderen Momenten in der Pop-Historie gelten. Andere sind bei Studioaufnahmen von Bob Dylan, während Konzerten, Backstage oder in Cafés entstanden. Es finden sich Aufnahmen mit Johnny Cash, mit dem Dichter Allan Ginsberg, dem Sänger, Gitarristen, Songschreiber und Produzenten Al Kooper und vielen anderen bekannten und heute weniger bekannten Größen am Vorabend der Flower Power Bewegung, die die Folk-Szene spalten sollte. Insgesamt ein großartiges, authentisches Geschichtsbuch, das Lust darauf macht, diese Musik zu hören, eine Zeit in ihrer Entwicklung und Faszination wieder neu zu entdecken.
Jörg Konrad

Daniel Kramer
„Bob Dylan – A Year And A Day“
Taschen
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 09.10.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: John Steinbeck „Stürmische Ernte“
John Steinbeck gehört zu jenen Autoren, deren Anliegen literarisch stets klar umrissen ist. Er positioniert sich in seinen Büchern politisch stets eindeutig und erreicht mit seinen Werken ein bis heute ein Millionenpublikum. Dabei gehörte seine Empathie stets den Arbeitern, den sozial Benachteiligten, den Verlierern des „American Way Of Life“. Der 1902 in Kalifornien geborene Steinbeck erhielt für seinen Welterfolg „Früchte des Zorns“ 1940 den Pulitzer-Preis und 1962 den Literatur-Nobelpreis „für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn“.
Stürmische Ernte“ ist nicht der bekannteste Roman des amerikanischen Erzählers deutsch-irischer Abstammung. Aber es ist vielleicht das Buch, in dem sein ambitioniertes Anliegen, Menschen aufzurütteln, ihnen den kämpferischen Weg hin zu Freiheit und Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zu weisen, am deutlichsten wird. Mit beinahe anarchischen Mitteln lässt er Klassenunterschiede aufeinander prallen, schreckt auch vor Agitation und bewaffnetem Kampf nicht zurück.
Handlungsort des Romans ist eine Apfelplantage in Kalifornien, Mitte der 1930er Jahre. Die Farmer wollen den Wanderarbeitern einen Teil des ihnen zustehenden Lohns vorenthalten, worauf die beiden Rebellen Mac und Jim beginnen, einen Streik zu organisieren. Der Spiegel schrieb 1956 in einer Ausgabe: „Unversehens wird die Erzählung zum Handbuch für Agitatoren“. Und nicht nur dieses. Die Handlung lebt von einer entfesselten Gruppendynamik, die der Berufsrevolutionär Mac und der junge Intellektuelle Jim ganz bewusst einsetzen und entsprechend ihrer Persönlichkeit unterschiedlich vorantreiben, selbst auf die Gefahr hin, dass Menschen, egal auf welcher Seite, Schaden nehmen. Selbst vor schwerer Verletzung und Tod schrecken sie nicht zurück, einzig um ihr Ziel, dem Klassenfeind Paroli zu bieten, zu erreichen. Die realistische und packende Schilderung der zum Teil tragischen Geschehnisse im Pflücker-Camp, die kämpferischen Auseinandersetzungen mit einem weit überlegenen Gegner, die Visionen zum Erreichen einer gerechteren Welt sind dabei die dramaturgischen Eckpfeiler des Romans. Steinbecks Sprache ist hart, spröde und unnachgiebig. Sie erinnert in ihrer Dringlichkeit und Klarheit an Ernest Hemingway (in seinen politisch engagierten Romanen) oder auch an Upton Sinclair. Die naturalistischen Schilderungen geben dem Roman eine kämpferische, manchmal bedrohliche Atmosphäre.
Steinbecks Sympathie ist eindeutig auf der Seite der Streikenden. Trotzdem macht er deutlich, dass die Mittel ihres Kampfes, die Beeinflussung auch unpolitischer Kameraden nach moralischen Gesichtspunkten, zu verurteilen sind. Trotzdem scheint dies der einzige Weg, dem Unrecht zu begegnen und für eine gerechtere Welt zu sorgen. Egal wie der Kampf ausgeht.
Jörg Konrad

John Steinbeck
„Stürmische Ernte“
dtv
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 23.09.2018
Anton Corbijn „The Living And The Dead“
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Wohl jeder hat irgendwann schon einmal eine Arbeit von Anton Corbijn gesehen. Vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst. Der Niederländer hat in den zurückliegenden über vier Jahrzehnten die bekanntesten Musiker, Literaten, Schauspieler weltweit fotografiert (viele stehen noch heute Schlange, um von ihm abgelichtet zu werden), seine Werke sind auf Plattencovern verewigt von U2 über John Lee Hooker, von Depeche Mode bis Captain Beefhaert und Nick Cave. Zudem drehte Corbijn erfolgreich Musikvideos, Konzert- und Kinofilme und scheut auch nicht, sich politisch zu engagieren.
Nun läuft im Hamburger Bucerius Kunst Forum noch bis zum 6. Januar 2019 die Ausstellung „The Living And The Dead“. Zu sehen sind hier Musikerporträts, denen Arbeiten aus zwei freien Serien Corbijns gegenüber gestellt sind. Hierbei soll die Frage in den Mittelpunkt gestellt werden: Wann ist Fotografie Kunst?
Leben und Tod – zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Sein. Sie werden gefeiert oder betrauert. Doch auch Überleben, oder die im öffentlichen Bewusstsein verankerte Unsterblichkeit spielen in der Betrachtungsweise eine wichtige, nicht zu vernachlässigende Rolle. Allein der Kunstinhalt definiert sich nicht zuletzt über Begriffe wie Zeitlosigkeit oder eben Unsterblichkeit. Corbijn ist mit dem Tod schon früh im Elternhaus konfrontiert worden („Das Thema Sterblichkeit interessiert mich sehr. Meine Mutter und mein Vater sprachen ständig über Menschen, die krank waren, wenn wir zu Abend gegessen haben. Denn mein Vater war der Pastor in unserem Dorf. Er musste die Kranken besuchen. Und von unserem Haus sahen wir auf den Friedhof.“). Zudem sind viele der Persönlichkeiten, mit denen Corbijn im Laufe seiner langen Karriere zu tun hatte, zeitig und nicht selten unter tragischen Umständen gestorben. Allen voran Musiker aus dem Umfeld des Rock`n Roll. Insofern ist der Tod, neben dem zwischen Lust und Depression angelegten Leben, auch immer wieder sein Lebensthema geblieben.
In dem vorliegenden Katalog sind ein Großteil der in Hamburg ausgestellten Arbeiten enthalten. Sie geben einen sehr stimmigen Einblick, auch in die Gedankenwelt des Fotografen Corbijn, der von sich einmal behauptete, Fotografie sei immer auch ein Abenteuer für ihn. Besonders in den dunklen, grobkörnigen Musikerpoträts der 1990er Jahre zeigt sich diese geheimnisvolle dunkle Seite, die einerseits ein Teil seiner Ästhetik zum Ausdruck bringt, aber eben auch das Herausfordernde, das Raue, Ungeschliffene dieses Kunstbetriebes vermittelt.
Die Serie a.somebody, entstanden 2001/2002, beinhaltet inszenierte Selbstportraits von Anton Corbijn, in denen er den musikalischen Helden seiner Jugend nachspürt (Frank Zappa, John Lennon, Bob Marley, Janis Joplin u.v.a.). Diese Bilder gelten mit als seine persönlichsten Arbeiten, wohingegen die Serie Cemeteries (entstanden zu Beginn der 1980er Jahre und teilweise hier zum ersten Mal öffentlich ausgestellt), aus Aufnahmen von Grabmonumenten und Skulpturen besteht. 
Insgesamt gibt der vorliegende Band und damit auch die Hamburger Ausstellung, „einen gültigen Überblick über das Gesamtwerk des Künstlers“, wie der Verlag mitteilt, der fast das gesamte photographische Werk des Künstlers bisher veröffentlichte.
Jörg Konrad

Anton Corbijn
„The Living And The Dead“
Schirmer/Mosel


Abbildung:
Henry Rollins, El Mirage 1994. Aus: Star Trak
 (Tafel 45)
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 18.09.2018
Milena Michiko Fla¨ar „Herr Katō spielt Familie“
Endlich ist er in Rente, hat Zeit für neue Aufgaben, plant, zumindest in seiner Vorstellung, die lang ersehnte Reise nach Paris – und trotzdem: plötzlich ist da diese große Einsamkeit und Leere. Noch nicht einmal der Gesundheitsbefund gibt Stoff für intensive Beschäftigung und Beachtung durch die Familie. Die Kinder sind aus dem Haus, seine Ehefrau hat sich eigenen Interessen zugewandt, besucht begeistert einen Tanzkurs, schwärmt für den Tanzlehrer.
In diesem traurigen Augenblick seines Lebens ist die Begegnung mit der jungen Frau Mie der Wendepunkt , der alles verändert. Denn sie macht einen seltsam anmutenden und gleichzeitig prickelnden Vorschlag: so wie sie als „stand-in“ in verschiedene Rollen zu schlüpfen, um für einige Stunden eine zentrale Rolle im Leben anderer zu übernehmen, auftragsgemäß sozusagen. Die Agentur, für die sie arbeitet, brauche dringend Menschen wie ihn. Und er ist nach einigem Zögern fasziniert von der Idee und von der jungen Frau.
Von Mie – ob das ihr wahrer Name ist? – lernt er was zu tun ist, sie gibt ihm Anweisungen und Hintergrundinformationen für den jeweiligen Auftrag und seine Umstände. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, dass er lernt zu lächeln, mit seinem Körper, mit seiner ganzen Persönlichkeit.
Mit dieser neuen Erfahrung spielt er seine Rollen und er spielt sie gut: für einen Tag wird er der Großvater, Herr Katō, den der Enkel nie erlebt hat. Oder der Ehemann, der endlich einmal seiner Frau zuhören muss, statt sie rechthaberisch in Grund und Boden zu reden. Für eine Hochzeit erscheint er als jovialer Vorgesetzter des Bräutigams, der gegen den Willen der Familie eine todkranke junge Frau heiratet.
Immer stärker erlebt er durch die Anteilnahme am Leben seiner Auftraggeber auch sich selbst in allen Facetten, wie er sie bisher nicht gekannt hat. In diesem Spiel ist Mie zugleich Antrieb, zart angedeutete Liebesbeziehung, real oder nicht, wer weiß?

Fla¨ar , die japanische und österreichische Wurzeln hat und mit ihrer Familie in Wien lebt, hat sich für ihre wunderbare Geschichte Japan als Schauplatz gewählt. Die  Idee des „Stand-in“, wie es sie dort tatsächlich als Geschäftsmodell gibt, eröffnet, zumindest für einen gewählten kurzen Zeitraum, die Möglichkeit menschliche Beziehungen neu zu gestalten, Kummer zu lindern oder kleine Ausflüchte in unerfüllte Träume zu ermöglichen. Für eine westeuropäische Gesellschaft mag dies ungewöhnlich erscheinen, was dem Roman seinen besonderen Reiz gibt. Wäre es für uns denkbar, auf diese Weise die harte Realität erträglicher zu gestalten, auch mit dem Bewusstsein im Hintergrund, dass dies eine Selbsttäuschung ist?
Wie Fla¨ar ihre Figuren zeichnet, besonders Herrn Katō und Mie, ist feinsinnig, fast poetisch. Eine Stärke, die sie schon in ihrem gefeierten Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ unter Beweis gestellt hat. Sie versteht es ausgezeichnet, mit kleinen, feinen Geschichten wie dieser, die ganz persönlichen Fragen an jeden zu stellen und keine wohlfeilen Antworten zu bieten. Auch nicht für Herrn Katō. Seinen wahren Namen erfährt man nie und auch das ist sicher nicht zufällig so.
Thyra Kraemer

Milena Michiko Fla¨ar
„Herr Katō spielt Familie“
Wagenbach
 
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Montag 03.09.2018
Alexander von Humboldt „Das Buch der Begegnungen“
Fünf lange Jahre war Alexander von Humboldt in der amerikanischen „Palmenwelt“ unterwegs. Von 1799 bis 1804 auf Forschungsreise zu Land und zu Wasser. Vom nördlichen Südamerika, über Kuba, Trinidad, Kolumbien, Ekuador, Peru, Mexiko bis nach Washington und zurück nach Europa. In dieser Zeit hat er beobachtet, analysiert und reflektiert, er hat Kontakt zu Menschen und Kulturen aufgenommen, die Natur präzise auskundschaftet, sie erstmals vermessen und kartographiert, sie skizziert und dabei manch Abenteuer bestanden. Seine „Amerikanischen Reisetagebücher“ umfassen tausende von Seiten und sind, was ihren wissenschaftlichen Gehalt betrifft, von unschätzbarem Wert – bis heute. Gleichzeitig haben diese Aufzeichnungen eine hohe literarische Qualität. Denn Humboldt war aufgrund seines empathischen Charakters, seiner humanen Gesinnung und „seinem tiefen Respekt vor allem Fremden“ in der Lage, das Neue schriftlich eindringlich zu formulieren und zu vermitteln, Dinge und Menschen mit Leidenschaft zu porträtieren und dabei stets das Wesentliche herauszukehren.
„Das Buch der Begegnungen“, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Ottmar Ette, enthält Einblicke, manchmal flüchtige Impressionen, manchmal nachhaltige Begegnungen aus eben jenen „Amerikanischen Reisetagebüchern“. Dabei beschränkte sich Humboldt nicht allein auf jenes Neue, auf das sich seine Forschungsreise damals bezog. Er beschreibt auch Matrosen und Kapitäne, erzählt ebenso kurzweilig wie fesselnd von Situationen, die die Überfahrt nach Cumana betreffen, oder gibt zusammenfassende Einblicke in europäische Geschichte. Aufgrund der unglaublich breit angelegten Interessensgebiete Humboldts sind auch die Verweise in die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen entsprechend weit gefächert. Ottmar Ette ist es gelungen, die Themengebiete geschickt zu verknüpfen, so dass der Leser in der Lage ist, diese zusammenhängend zu lesen: Missionen und Mönche, Bergbesteigungen, Sprachen, Justiz und Gerechtigkeit, Tiere oder Städte.
Humboldts Denken ist nie auf nur eine Sektion gerichtet. Er bringt alles beobachtete in Bezug zueinander, zeigt Verbindungen zwischen den verschiedenen naturwissenschaftlichen-, als auch kulturellen Bereichen auf. Es ist für ihn als Humanist eine Selbstverständlichkeit, Abhängigkeiten und Fehlentwicklungen als auch ihre Folgen zu erkennen und zu benennen. Dabei schält sich bei ihm so etwas wie ein Weltbewusstsein heraus, das zudem Haltung zeigt und klare Kritik an Bestehendem artikuliert. So sind seine ablehnenden Anmerkungen zur grausamen und oft unmenschlichen Missionsarbeit der Mönche vor Ort besonders deutlich.
Dieses wunderbar bibliophile Buch ist eine regelrechte Schatzkiste von vorurteilsfreien Aussagen und unvoreingenommenen Erkenntnissen. Literatur, deren Offenheit und Aufgeklärtheit berührt und zugleich durch ihre Aktualität fast beschämt.
Jörg Konrad

Alexander von Humboldt
„Das Buch der Begegnungen“
Manesse Verlag

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Dienstag 21.08.2018
Franco Ambrosetti „Zwei Karrieren – ein Klang“
Franco Ambrosetti gehört zu jener seltenen Spezies, die in völlig verschiedenen Bereichen erfolgreich eine Karrieren hingelegt haben: Jazz und wirtschaftliches Unternehmertum. Hier also der Trompeter Franco Ambrosetti, dessen künstlerische Arbeit inhaltlich gekennzeichnet ist durch den Drang nach individueller Freiheit und dem Mut, Risiken einzugehen, die den Vorstellungen kommerzieller Herausforderungen so gar nicht entsprechen wollen. Auf der anderen Seite eben der Unternehmensmanager eines international agierenden Familienbetriebes, der sich auf dem hart umkämpften Weltmarkt nur durch Disziplin, Fleiß und Autorität behaupten kann. Hinzu kommt die Verantwortung für hunderte Angestellte und weltweite Geschäftsreisen. So hat Franco Ambrosetti, der vor zwei Jahren fünfundsiebzig geworden ist und im Schweizer Lugano lebt, seine Autobiographie „Zwei Karrieren – Ein Klang“ genannt.
Vielleicht funktioniert dieser seltene Spagat in diesem Fall so ausgezeichnet, weil schon sein Vater Flavio Ambrosetti ihm für ein eben solches Leben Vorbild war? Und der Vollständigkeit halber sei es hier nur erwähnt, auch Francos Sohn Gianlucca ist als Saxophonist ein gefragter Sideman und als Physiker in der Forschung erfolgreich tätig.
Schon als Kind bekam Franco durch seinen Vater engen Kontakt zur Schweizer Musikszene, lernte im häuslichen Umfeld Größen des Jazz kennen und entschied sich mit zwölf, nach einem Konzert des Stan Kenton Orchesters in Mailand mit dem Solisten Conte Candoli, selbst Trompete zu spielen. Doch anfangs gab es Klavierunterricht und als Franco auf dem Speicher des Wohnhauses das alte Schlagzeug seiner Mutter(!) fand, trommelte er für zwei Jahre intensiv und swingend.
Ambrosetti beschreibt in seinem Buch kurzweilig diese Zeit, wer ihm musikalisch später besonders nahe stand (George Gruntz, Daniel Humair), welche Vorbilder ihn international stark beeinflussten und wie er es schaffte, sich nicht nur in Europa, sondern auch in den USA großen Respekt zu erspielen. Er schwärmt von seinen Auftritten in den legendären New Yorker Clubs, über seine Tourneen quer durch Europa mit amerikanischen Stars (Charles Mingus, Elvin Jones) und beschreibt unter welchen Vorzeichen solch zeitlose Bop-Alben wie „Wings“, „Tentets“ oder „Movies“ für sein Münchner Hauslabel Enja Records entstanden.
Über fünf Jahrzehnte führte er ein „Doppelleben“ von dem er erzählt und dokumentiert so zugleich ein Stück europäische Kulturgeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Es kommen Musiker wie Enrico Rava, Randy Brecker, Paolo Fresu oder Uri Caine zu Wort, die den Schweizer in höchsten Tönen loben, und natürlich erfährt der Leser etliche Anekdoten aus dem engsten Kreis des Jazzbuiseness.
Dem Buch ist ein bekennendes Vorwort von Roland Spiegel, Musikredakteur beim Bayerischen Rundfunk und Jazzjournalist, und dem italienischen Jazzexperten Maurizio Franco vorangestellt. Eine Diskographie und ein Personenregister runden dieses lesenwerte Buch über einen der wichtigsten europäischen Jazzmusiker wunderbar ab.
Jörg Konrad

Bitte vormerken: Franco Ambrosetti wird mit seinem Quartett am 11. Januar 2019 in der Germeringer Stadthalle die neue Saison der Reihe JAZZ IT! eröffnen!!

 
Franco Ambrosetti
„Zwei Karrieren – ein Klang“
Verlag Dohr Köln
Autor: Siehe Artikel
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