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Inhaltsverzeichnis
Mia Couto „Imani“ Unionsverlag

1

Tanguy Viel „Selbstjustiz“ Wagenbach

2

Uwe Timm „Ikarien“

3

Oskar Riha und Susanne Schulzke-Riha "Jazz In Concert"

4

Paolo Cognetti „Acht Berge“ DVA

5

Edouard Louis „Im Herzen der Gewalt“ S. Fischer

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Dienstag 12.12.2017
Mia Couto „Imani“ Unionsverlag
„Brüder, dies sind die letzten Vögel… Lasst uns diese Vögel grüßen, die dem Himmel Höhe schenken. Wir wollen sie grüßen, denn morgen werden in Nkokolani nur noch die Kugeln fliegen.“
Der Roman „Imani“ von Mia Couto, der 2017 im Unionsverlag erschienen ist, führt tief hinein in die afrikanische Geschichte, in eine Geschichte von Krieg, Gewalt und Unterdrückung, die bis heute den Kontinent prägt.
Mia Couto wurde 1955 als Sohn portugiesischer Einwanderer in Mosambik geboren. Er war lange Jahre Chefredakteur verschiedener Zeitungen in Mosambik. Als Student sympathisierte er mit der marxistisch-leninistischen Befreiungsfront FRELIMO, die für die Unabhängigkeit Mosambiks von der Kolonialmacht Portugal kämpfte. Heute ist Couto Professor für Biologie und einer der angesehensten Schriftsteller des Landes.
Sein Buch „Imani“ ist der erste Band einer Trilogie über das Ende des Gaza-Reiches, das der afrikanische Herrscher Ngungunyane im 19. Jahrhundert im Süden Mosambiks errichtet hatte. Er war von der portugiesischen Kolonialmacht zum Stammesfürsten von Gaza gemacht worden und zog mit seinen Truppen mordend und brandschatzend durch das Land.
Mia Couto erzählt die Geschichte von Imani, einer 15-jährigen jungen Frau aus dem Volk der VaChopi, das von Ngungunyane mehrmals überfallen wurde und das schwer traumatisiert ist. „Niemand ist stärker als die Angst“ sagt Imanis Vater, ein Träumer, Musiker und Säufer, und er malt die Namen aller seiner Ahnen in den Sand, die im Krieg gestorben sind. Die portugiesische Kolonialmacht schickt den jungen Sargento Germano de Melo in das Dorf Nkokolani, um die Bevölkerung vor den Kriegern der VaNguni zu schützen.
Imani ist in einer Missionsschule aufgewachsen und spricht als einzige in ihrem Dorf fließend Portugiesisch. Deshalb muss sie, die als Frau selbst nichts zu entscheiden hat, dem Sargento als Dolmetscherin und Mittlerin dienen. Imani steht zwischen den Fronten – geprägt durch ihre afrikanische Kultur ebenso wie durch ihre portugiesische Erziehung, gilt sie ihrem Stamm als verdächtige Außenseiterin.
Die zwei Erzählstränge des Romans entsprechen den beiden Welten, die hier aufeinander treffen. Couto lässt abwechselnd den Sargento in Briefen an seinen portugiesischen Vorgesetzten von seinen Erfahrungen berichten, und Imani aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte schildern. Häufig überschneiden sich die Erzählungen, und dieselben Ereignisse werden aus den unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Der junge Sargento Germano nimmt zunächst seinen militärischen Auftrag ernst, den „Kaffern“, wie er sie nennt, zu helfen und sie zu zivilisieren, „durch Gott und unsere natürliche Überlegenheit ermächtigt“. Wenn Imani ihn zum Beispiel davon abhalten will, die Spinnen in seinem Hause zu töten, weil Spinnennetze die Wundmale der Welt und seiner Seele verschließen können, so tut er das als lächerlichen Aberglauben ab. Doch die rationale, selbstgewisse Fassade des Portugiesen fängt an zu bröckeln.
Mia Couto hat auf zahlreichen Reisen durch Mosambik Erinnerungen, Geschichten und Mythen der indigenen Völker gesammelt, und sie werden zur Inspirationsquelle seiner Bücher. In seinem Roman „Imani“ gibt es eine Fülle von Erzählungen der schwarzen Bevölkerung, farbige Beispiele für ihre magisch-poetische Deutung der Welt.
Zwischen den beiden Außenseitern Imani und Germano entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Couto entwirft das psychologisch einfühlsame Porträt eines zunehmend entwurzelten und verzweifelten Europäers, der erkennen muss, dass die Einheimischen ihm näher sind als seine eigenen Landsleute in ihrer Überheblichkeit und Ignoranz. Imani kann mit dem Heilwissen ihres Volkes Germanos Panikattacken und Wahnvorstellungen besänftigen und wird ihm unentbehrlich, bis ihre Liebe in Hass umschlägt.
Mia Coutos Sprache ist durch den südamerikanischen magischen Realismus und die reiche afrikanische Bilderwelt geprägt, die er zu einem vielstimmigen Akkord verdichtet. In seinem faszinierenden Roman  schlägt er eine Brücke zwischen den so unterschiedlichen Kulturen der westlichen und der afrikanischen Welt.

Lilly Munzinger, Gauting
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Sonntag 19.11.2017
Tanguy Viel „Selbstjustiz“ Wagenbach
Der Richter und der Mörder sitzen sich gegenüber – der Fall ist klar: Der Facharbeiter Martial Kermeur aus einem Dorf an der Küste vor der nordfranzösischen Stadt Brest hat den Immobilieninvestor Antoine Lazenec bei einem gemeinsamen Bootsausflug über Bord gestoßen und ertrinken lassen. Das bestreitet er nicht.
Aber der junge Richter, der sich mit dem Fall zu befassen hat, möchte herausfinden, was Kermeur zum Mörder gemacht hat, und lässt ihn erzählen, unterbricht ihn nur manchmal, um nachzuhaken und noch genauer in diese Schicksalsgeschichte vorzudringen: wie hat es der Immobilienhai geschafft, die Bewohner des kleinen, nebeligen Dorfes „eine Gegend, über die schon zwanzig Jahre nichts mehr im Fernsehen gekommen ist“,  einzuwickeln und ihnen über Jahre eine goldene Zukunft des Ortes als Tourismus-Magnet vorzugaukeln? Wie ist es ihm gelungen, dass sie ihre Ersparnisse aus den Abfindungen ihrer letzten Arbeitsplätze in ein Luftschloss investiert haben? Und was hatte den sozialistischen Bürgermeister dazu gebracht,  Gelder der Gemeinde im großen Stil in einem aussichtslosen Projekt zu verspielen, ein Handeln, das ihn schließlich in den persönlichen Abgrund führt.
Während Kermeur dem Richter, allein mit ihm im Raum, erzählt, was in den vergangenen sechs Jahren passiert ist, erkennt er selbst viel über sich und die Menschen, die sein Leben ausmachen. Seine Frau hat sich einem anderen zugewandt, sie hält ihn für einen Versager. Sein Sohn geriet in die Fänge von Lazenac und auf die schiefe Bahn, aus der Begeisterung des Buben wurde zerstörerische Kraft, die den jungen Mann ins Gefängnis brachte. Er selbst wollte seinem Sohn immer ein Vorbild sein. Hat Kermeur sich aber nicht in den Porsche von Lazenac gesetzt, sich von ihm blenden lassen, alle Zweifel in den Wind geschlagen und seine Freunde belogen – und wann und warum ist das umgeschlagen? Er fragt sich, „wie man es schafft, ein anständiger Mensch zu bleiben“.
Es ist ein Kammerspiel von großer Intensität zwischen dem Angeklagten und dem Richter. Der stellt nur ab und zu eine Frage, die meiste Zeit folgt er konzentriert Kermeur auf seinen Gedankenwegen und -umwegen.
Tanguy Viel ist ein Könner, wenn es um kleine, elegante, intensive Geschichten geht und, selbst aus Brest stammend, ein Kenner der Region. Mit „Selbstjustiz“ wirft er auch einen Blick auf das Frankreich, das hier nicht das Land des savoir vivre und der romantischen alten Schlösser ist, sondern sich mit dem Leben und den Chancen der Menschen und mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den weniger wohlständigen Regionen auseinanderzusetzen hat.
Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der nicht nur dieses, sondern auch die früher erschienenen Bücher Viels übersetzt hat, ist ebenfalls im Thema zuhause und damit prädestiniert, die angemessene Sprache zu finden, denn er ist auch der Übersetzer der viel diskutierten Bücher von Edouard Louis (siehe vorhergehende Buchbesprechung von Lilly Munzinger zu „Im Herzen der Gewalt“).
„Selbstjustiz“ ist ein sprachliches und dramaturgisches Meisterwerk, gesellschaftskritisch und aktuell – und mit überraschendem Ende!
Thyra Kraemer
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Freitag 03.11.2017
Uwe Timm „Ikarien“
Alfred Ploetz, geboren 1860, gilt als der Vater der Eugenik, später bekannt geworden unter dem Begriff der Rassenhygiene. Ein Wissenschaftszweig, der anfangs mit hehren Absichten ein humanes Ziel verfolgte, nämlich die Widerstandsfähigkeit der Menschheit gegenüber Krankheiten prinzipiell zu erhöhen. Es ging darum, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. Eine Aufgabe, die mit viel Idealismus und menschlicher Hingabe angegangen wurde, bis von der Eugenik im Dritten Reich die nationalsozialistische Rassenlehre abgeleitet wurde, die als Rechtfertigung von Massenmorden „lebensunwerten“ Lebens herhalten musste. Unter maßgeblicher Beteiligung eben jenes Alfred Ploetz wurden Theorien entwickelt, in deren Folge unzählige Menschen besonders in Konzentrationslagern grausamsten Experimenten unterzogen, gewaltsam sterilisiert und verbrecherisch euthanisiert wurden. Der neue Roman von Uwe Timm beschäftigt sich mit diesem Alfred Ploetz, zugleich aber auch mit großen Illusionen; mit gewichtigen Utopien, die weit vor der Nazizeit entstanden und die Menschen beschäftigten; mit dem Widerstand während des Nationalsozialismus; dem Neuanfang 1945 und der Liebe im Umfeld der Ruinen deutscher Trümmerstädte. So bewegt sich „Ikarien“ auf ganz verschiedenen Handlungsebenen und zeigt sich insgesamt als ein großer und wichtiger sowohl historischer als auch individuell faszinierender Roman, den Uwe Timm hier vorlegt.
Hauptfigur des Geschehens ist der amerikanische Offizier deutscher Abstammung Michael Hansen, der von seinem Vorgesetzten in München 1945 den Auftrag erhält, Informationen bezüglich jenes, schon vor Jahren verstorbenen Alfred Ploetz zu sammeln. Hansen findet in dem einstigen Weggefährten Ploetz, dem Autor und Antiquariatsmitarbeiter Wagner, seine Hauptquelle. In langen Interviews erzählt dieser ihm von seinen Erlebnissen mit „dem Freund“. Wagner begab sich einst mit Ploetz auf die Suche nach einer besseren Welt. Sie fanden diese in der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft, wie sie der Philosoph Étienne Cabet in seinem 1840 erschienen Roman „Reise nach Ikarien“ beschreibt.
Doch die Freundschaft der beiden Männer hielt den Utopien nicht stand. Ploetz arrangierte sich als eine schillernde Figur nach der Machtübernahme der Nazis mit deren Ideologie. Hier kann er seine wissenschaftlichen Studien in eine grausame Realität umsetzen. Wagner wendet sich dem Kommunismus zu, kommt als Dissident ins Konzentrationslager Dachau und versteckte sich die letzten Kriegsjahre als Widerständler im Untergeschoss eines Antiquariats in der Münchner Schellingstraße. Trotzdem verlieren beide bis zum Tod Alfred Ploetz nicht den Kontakt zueinander.
Es tauchen neben Ploetz noch andere historisch verbriefte Personen in diesem Roman auf, wie der Literaturnobelpreisträger Gerhardt Hauptmann, der ebenso wie George B. Shaw zur aktiven Eugenikbewegung gehörte.
Zugleich erzählt dieser Roman aber auch von den Anfängen in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, wie das von Zerstörung und Entsagung gekennzeichnete Leben langsam wieder Fahrt aufnimmt, wie sich aber auch hartnäckig Misstrauen und Angst halten. Timm gelingt es, die unterschiedlichen Handlungsebenen und verschiedenen Charaktere dieses Romans geschickt miteinander zu verbinden und damit ein sehr lebendiges und authentisches Bild des Nachkriegsdeutschlands zu entwerfen. Seine Sprache hat eine unglaubliche Sogkraft. Dieser unscheinbare, wenig bis gar nicht moralisierende Tonfall, sowie der intelligente dramaturgische Aufbau des Romans fesseln ungemein. Es ist ein aufklärerisches Buch, das manches Verhalten und manche Auseinandersetzung der Gegenwart verständlicher werden lässt. Ein an den Schicksalen Einzelner erzählendes Geschichtsbuch, das eben weit über die Faktenlage hinausgeht und als ein außergewöhnlicher Roman in der ansonsten schon beeindruckende Reihe an Romanen Uwe Timms heraussticht.
KultKomplott

Uwe Timm
„Ikarien“
Kiepenheuer & Witsch
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Dienstag 24.10.2017
Oskar Riha und Susanne Schulzke-Riha "Jazz In Concert"
Ein Jägerschnitzel für Pat Metheny

Musikfans in der sogenannten Provinz kennen das. Man ist Fan einer Band oder eines Musikers. Man fährt regelmäßig weite Strecken, um die verehrten Künstler live zu erleben. Man denkt sich, warum spielt so jemand denn nicht in unserer Stadt oder zumindest in der Nähe? Könnte man sich nicht bemühen auch Konzerte im Heimatort zu veranstalten? Dann lotet man die Möglichkeiten aus. Und die Hartnäckigen finden immer einen Weg, wenn er noch so steinig sein mag. Und plötzlich ist man Veranstalter und hat eigentlich keine Ahnung, was das alles bedeutet. So rutschte auch einst der passionierte Musikliebhaber und Gitarrenlehrer Oskar Riha (Jahrgang 1951) ins Veranstaltungsbusiness. Hätte er vorher gewusst, was alles auf ihn zukommt, mit welchen Schwierigkeiten und finanziellen Problemen er im Laufe seiner Veranstaltertätigkeit zwangsläufig konfrontiert wurde, er hätte es sich sicher zweimal überlegt.
Aber andererseits hat dies alles sein Leben natürlich bereichert und nebenbei aus Memmingen viele Jahre lang einen Jazzfixpunkt im Allgäu gemacht. Oskar Riha erzählt zusammen mit seiner Frau Susanne in erfrischendem Plauderton seine Geschichte. Anekdote reiht sich an Anekdote. Man erfährt hinter-den-Kulissen Details über Al di Meola, John McLaughlin, Charlie Haden, Pat Metheny und viele andere.  Augenzwinkernd, aber nie respektlos hört man so von überraschenden Ernährungsgewohnheiten. Manch einer verkompliziert den Abend durch schier unerfüllbare Cateringwünsche, während Pat Metheny sich froh gelaunt dem Memminger Jägerschnitzel hingibt. Die Stars sind auch nur Menschen und Menschen sind eben verschieden. Mehr oder weniger zwischen den Zeilen ergibt sich ein Einblick in das Spannungsfeld zwischen der Begeisterung des Fans und den bürokratischen Hindernissen. Wer selbst veranstaltet fühlt sich verstanden. Wer dies noch nie gemacht hat, erhält einen Crashkurs und sieht manches vielleicht etwas anders, wenn er das nächste mal ein Konzert besucht.
Edmund Epple

Oskar Riha und Susanne Schulzke-Riha „Jazz in Concert. Mein Leben als Konzertveranstalter“
Das Buch ist im Rosamontis Verlag erschienen und kostet ¤ 19,80.
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Mittwoch 18.10.2017
Paolo Cognetti „Acht Berge“ DVA
Ein Buch, das in den Bergen spielt, das von den Bergen inspiriert ist und in dem die Antworten, auf wichtige, existenzielle Fragen, allein über der Natur gefunden werden. Zusammenfassend mag manches an Paolo Cognettis „Acht Berge“ oberflächlich betrachtet leicht klischeebeladen wirken. Aber wer sich auf die langen wie steilen und schweißtreibenden Wanderungen entlang der menschlichen Seele und der verschiedenen Entwicklungsabschnitte einlässt, der wird letztendlich überaus reich belohnt. Denn es geht in diesem Buch um erlebte Freundschaften, um unterschiedliche Lebensentwürfe, um Toleranz und Poesie, über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und das radikale Infragestellen von scheinbaren zivilisatorischen Errungenschaften.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Pietro erzählt, der mit einigen autobiographischen Details des Autors Paolo Cognetti ausgestattet, am Fuß des Walliser Monte-Rosa-Massivs ein neues Lebensgefühl erfährt. In einem kleinen Bergbauerndorf, dessen Bevölkerung sich in den zurückliegenden Jahren fast um ein Zehntel verringert hat, bezieht er mit seinen Eltern ein verfallenes Haus und lernt, anfangs nur an den Wochenenden und in den Sommerferien, den fast gleichaltrigen Bruno kennen. Bruno ist das einzige Kind im Ort und schon früh an schwere körperliche Arbeit und ein Leben mit und in der Natur gewöhnt. Die beiden Jungen werden Freunde – und diese Freundschaft hält über drei Jahrzehnte. Sie durchstreifen die Bergwelt, erleben den beeindruckenden Wechsel der Jahreszeiten, werden Teil des rauen wie faszinierenden Hochgebirges. Als Pietros Vater stirbt, hinterlässt er dem Sohn ein altes, verfallenes Haus an einem Bergsee, überhalb des Dorfes. Auf Initiative von Bruno bauen beide dieses Haus mühsam aus, machen es winterfest und leben eine Weile gemeinsam in dieser kargen, aber berauschend schönen Landschaft.
Im weiteren Verlauf geht Pietro wieder in die Großstadt. Er wird Dokumentarfilmer und bereist die weite Welt. Doch immer wieder kehrt er in das Dorf und in das Haus im Berg zurück, in dem nun Bruno einsam lebt und, wie schon als Kind, die Kühe hütet. Die gemeinsame Liebe zu einer jungen Frau stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe – doch so unterschiedlich die beiden Charaktere auch sein mögen, über die Natur finden sie immer wieder zueinander. Die Bergwelt verbindet und erdet sie, lässt sie im Fernweh aufbrechen und in froher Erwartung zurückkehren. Sie genießen die Sonne, tauchen ein in die schattigen Täler, toben entlang dem Wildbach, genießen die Stille und betrachten die Welt von weit weit oben. Sie akzeptieren beide ihr unterschiedliches Tun und ihr Schicksal kritiklos.
Der aus Mailand stammende Paolo Cognetti hat für diesen eindringlichen Roman den Premio Strega, den renommiertesten italienischen Literaturpreis erhalten. „Acht Berge“ ist, neben einigen Erzählbänden sein zweiter Roman und wurde in über 30 Sprachen übersetzt.
KultKomplott
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Sonntag 08.10.2017
Edouard Louis „Im Herzen der Gewalt“ S. Fischer
Paris. Es ist Weihnachten, die Nacht des 24. Dezember. Ein junger Mann lässt sich auf dem Nachhauseweg von einem schönen dunkelhäutigen Fremden ansprechen. Er nimmt ihn mit auf sein Zimmer. Nach der Liebesnacht wird er von dem Fremden beraubt, vergewaltigt und beinahe ermordet. Knapp dem Tod entronnen, muss er erzählen, erzählen, erzählen.
In seinem autobiographischen Roman „Im Herzen der Gewalt“, der im August 2017 bei S. Fischer in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschienen ist, schreibt Edouard Louis über diese Nacht und darüber, was diese brutale Erfahrung mit ihm gemacht hat. Edouard Louis, 1993 in der nordfranzösischen Provinz geboren und dort aufgewachsen, feierte mit seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ internationale Erfolge. Er schildert darin seine Flucht aus der deprimierenden Enge seines Dorfes nach Paris, in ein neues Leben als schwuler Schriftsteller. Schreiben ist für Louis ein Akt der Selbstvergewisserung, der unbedingten Suche nach der eigenen Wahrheit. Sein zweites Buch „Im Herzen der Gewalt“ ist auch eine Form der Selbsttherapie. Durch Schreiben versucht Edouard Louis seine schrecklichen Erinnerungen zu bannen.
In der Hoffnung, Abstand von den Ereignissen zu gewinnen, fährt er zunächst zu seiner Schwester Clara in den Ort seiner Kindheit. Um der Wahrheit in ihren unterschiedlichen Facetten auf die Spur zu kommen, bedient sich Louis in seinem Roman eines Tricks: Er lässt Clara von seinen Erlebnissen dieser Nacht ihrem Mann berichten und belauscht sie dabei, hinter einer Tür versteckt. In einem faszinierenden Wechselspiel kontrastiert er immer wieder die Erzählung seiner Schwester mit seinen eigenen Erinnerungen. Claras Interpretation ist oft eine andere als seine eigene, in ihr spiegelt sich die Welt, die er verlassen hat mit ihren eingefahrenen Denkgewohnheiten, ihren Vorbehalten gegenüber seinem Schwulsein und ihrem Misstrauen gegenüber allem Fremden. So wird die Reise zu seiner Schwester für Louis auch eine Reise in die eigene Vergangenheit.
Wieder und wieder muss er in seinem Buch die Erinnerungen an das Trauma der Weihnachtsnacht heraufbeschwören, an jedes Detail, an jedes Gefühl, immer um Wahrhaftigkeit ringend. Er verfolgt in allen Einzelheiten den Weg seiner Empfindungen gegenüber Reda, dem Kabylen, den er mit in seine Wohnung genommen hat – von der anfänglichen sexuellen Anziehung, der Zärtlichkeit, bis zum Erlebnis brutaler Gewalt. Es ist beeindruckend, wie genau, ohne Sensationsgier, Louis die Ereignisse schildert, und mit welcher Empathie er auch immer wieder seinem Vergewaltiger gerecht zu werden versucht, denn auch er fühlt sich als Flüchtling. Zu Beginn der Liebesnacht lässt er sich Redas Lebensgeschichte erzählen, und als dieser von seinem Vater berichtet, der als kabylischer Einwanderer in einem Flüchtlingslager nördlich von Paris untergebracht war, zieht Louis Parallelen zu sich selbst: „...vielleicht hat er irgendwohin gehen wollen, wo er weder Freunde noch Familie noch eine Vergangenheit hatte, das dachte ich jedenfalls, als  ich in die Stadt zog … “ Nicht einmal nach der Gewalttat kann er Reda hassen und verurteilen, und er kann sich nur schwer dazu durchringen, ihn bei der Polizei anzuzeigen.
Und doch ist er sich genau bewusst, welche seelischen Folgen Redas Brutalität vor allem in der ersten Zeit nach dem Ereignis für ihn hatte. Eindrucksvoll schildert Edouard Louis seine ständige Angst, die ihn nicht mehr schlafen lässt, die Wut, die Scham, den allgemeinen Lebensüberdruss. Aber am meisten erschrocken ist er über eine andere Reaktion: „Ich war zum Rassisten geworden“. Er, der sich über den reflexhaften Rassismus der Polizei empört, der Rassismus immer als etwas seinem Wesen völlig Fremdes empfunden hat, wird von seiner Angst überschwemmt: „Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näher kam… Ich war doppelt traumatisiert: von der Angst und von meiner Angst.“ Er fühlt sich eingeholt von der Welt seiner Kindheit, ihren Ressentiments und Vorurteilen, die er nun in sich selbst spürt.
Edouard Louis hat einen hochaktuellen Roman geschrieben. „Im Herzen der Gewalt“ kann keine Antworten geben auf Themen wie Gewalt und Rassismus, aber in seiner unbestechlichen, aufrichtigen Wahrheitssuche ohne einseitige Schuldzuweisungen, in seiner differenzierten Ausleuchtung ganz persönlicher Erfahrungen ist es ein wichtiges und erschütterndes Buch.
Lilly Munzinger, Gauting
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