Literatur
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Inhaltsverzeichnis
David Schalko „Schwere Knochen“

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Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Graham Greene „Der Dritte Mann“

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Ulrich Alexander Boschwitz "Der Reisende"

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Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“

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Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“

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Sonntag 17.06.2018
David Schalko „Schwere Knochen“
Autor und Filmer David Schalko, Macher der bitterbösen österreichischen Kultserien „Braunschlag“, „Altes Geld“ und von Filmen mit Josef Hader, wollte eigentlich auch den Stoff von „Schwere Knochen“ verfilmen und damit an die Serien anknüpfen. Vielleicht ist es ein Glück, dass sich das als zu aufwändig erwies, denn das hätte uns um ein großes Lesevergnügen gebracht.
Voller schwarzem Humor und bissigen Bemerkungen zu Österreich und seiner Rolle ab dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland 1938 bis nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt er die Geschichte von vier Kleinkriminellen, die erst durch ihre Zeit im KZ zu Schwerverbrechern wurden.
Leicht hatten es Ferdinand Krutzler, der „Halsstich-Spezialist“, der elf Mal wegen Notwehr freigesprochen wurde, und seine Ganoven-Freunde Sikora, ein Frauenheld, Praschek, der Metzger, und Wessely, der „Bleiche“, im Leben nie. Aufgewachsen im Prostituiertenmilieu Wiens sind sie, sowohl ihre Mütter als auch ihre späteren Frauen und Liebschaften mehr Verhängnis als Halt, ihre emotionalen Bindungen verkümmert.
Als „Erdberger Spedition“, wie sie ihre Tätigkeit als Einbrecher bezeichnen, rauben sie am Tag des „Anschlusses“ Österreichs 1938 die Wohnung des Nazi-Huber aus und das bringt sie gleich mal ins KZ Dachau, später Mauthausen. Schnell werden sie, die keine politischen Gefangenen oder rassisch Verfolgte sind, als Kriminelle dort zu Kapos und Handlangern der Aufseher und lernen, wie sie ohne jede Skrupel das Beste für sich herausholen. So geschult, gehen sie nach dem Krieg daran, sich Wien durch Kooperation mit den Vertretern der Alliierten Besatzer, unter dem Schutz des späteren Polizeipräsidenten und durch ein Geflecht aus Schmuggel, Prostitution und Schwarzmarkt, kombiniert mit gnadenloser Härte, untereinander aufzuteilen und untertan zu machen.
Bei all dem bleiben kein Auge trocken und wenige Beteiligte am Leben.
Menschen werden schlimmer als Tiere, Tiere werden zum Liebesobjekt wie die Äffin Honzo, die als Prostituierte abgerichtet ist. Chaotische Verhältnisse, krude Gestalten, verwirrende Beziehungen und gnadenlose Gewalt sorgen dafür, dass einem oftmals das Lachen im Halse stecken bleibt. Trotzdem hat der Autor Empathie für seine Gestalten und erzählt ihre eigentlich tragische Geschichte, die zum Teil auf historischen Ereignissen beruht, mit makabrem Humor wie eine schaurige Anekdote, die man am Tresen einer Bar zum Besten gibt.
Schalko erkennt in vielem, was damals passiert ist, die Basis für die heutige Politik und Gesellschaft und wirft einen bitterbösen, provokanten Blick auf sein Land.
Österreich, das sich als erstes Opfer der Nazis verstand, und seine Haltung zur eigenen Geschichte werden dabei schonungslos decouvriert. Krutzlers Haltung dazu: „...nichts sei ihm mehr zuwider, als diese Saubermänner, die mit ihrer Schmutzwäsche am meisten Dreck verursachen würden. In ihrem Waschzwang würden sie nicht verstehen, dass der Dreck unter den Fingernägeln genauso zum Menschen gehöre wie der Dreck auf der Seele. Perfektion und Korrektheit seien das Unmenschlichste überhaupt. Und für die österreichische Mentalität ohnehin volksfeindlich. Insofern hoffe der Krutzler, dass die Verhältnisse noch möglichst lange so schlampig blieben, wie sie seien.“ Der Verbrecher Krutzler hat durchaus auch eine philosophische Seite.
Dass Schalko dies mit unvergleichlichem Humor und treffender Ironie beschreibt, ist das Besondere an diesem Buch. Dabei ist es gar nicht immer leicht, die vielen Figuren dieser opulenten Ganovengeschichte präsent und die Zusammenhänge sofort vor Augen zu haben. Jeder einzelne Satz ist voller Anspielungen und Hintergründigkeiten, die Fülle der Ereignisse überwältigend.
Nichts für zarte Gemüter, köstlich zu lesen für alle anderen.

Thyra Kraemer

David Schalko
„Schwere Knochen“
Kiepenheuer und Witsch
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 02.06.2018
Ralf Rothmann „Der Gott jenes Sommers“
Um sie herum tobt das Verderben, zeigen sich Tod und Hass und Missbrauch. Die zwölfjährige Luisa lebt auf dem Land, als Flüchtling auf einem Gut, nur wenige Kilometer Luftlinie von ihrer Heimatstadt Kiel entfernt. Es ist das Jahr 1945, das Ende der Nazizeit steht vor der Tür, aber noch ist der Spuk nicht ganz vorbei. Die einen lärmen wider besseren Wissens mit Durchhalte-Parolen, die anderen leben in ständiger Angst vor denen, die im Anmarsch sind: Horden von vergewaltigenden Russen. Und manche versuchen diese unüberschaubare und ungeordnete Zeit für ihren ganz persönlichen Vorteil zu nutzen. Es ist nicht der richtige Platz und nicht die richtige Zeit, um erwachsen zu werden.
Luisa irrt in diesem Chaos Schutz suchend umher. An ihrer Seite: Die verzagte, lebensmüde Mutter, ein mit dubiosen Geschäften beschäftigter Vater, die allen erotischen Abenteuern offen gegenüber stehende Schwester, die Stiefschwester und ihr als SS-Hauptsturmführer linientreuer Ehemann. Einzig der Melker Walter, mit dem sie unter Aufbietung all ihrer körperlichen Kräfte, ein Kalb gebiert, gibt ihr etwas Halt und Hoffnung – und natürlich die Welt der Bücher. Luisa liest was sie in diesem Umfeld in die Finger bekommt. Sie ist von dieser Welt, wie Karl May sie in seinen Büchern beschreibt, ebenso fasziniert, wie von Theodor Fontane oder „Alice im Wunderland“. Hier findet sie Raum für ungelebte Fantasie, für ungeträumte Illusionen, für moralische Herausforderungen am Rande des Kriegs-Chaos. Und wie nebenbei mäandern Soldaten, Sträflinge und Kriegsgefangene durch die Handlung, dröhnen Bombergeschwader am Himmel, sind schwarze Rauchwolken über Kiel auszumachen.
Ralf Rothmann hat in seinem neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“, der sich wie eine Fortsetzung seines Buches „Im Frühling sterben“ liest, das beginnende Kriegsende aus der Sicht eines Kindes geschrieben. Alles scheint in Bewegung, auf nichts ist Verlass. Das wichtigste, was Kinder brauchen, Vertrauen und Verlässlichkeit, fehlt. Alle sind auf der Flucht im Nirgendwo. Die Lebenskoordinaten der Menschen sind völlig durcheinander geraten, der Richtungskompass spielt verrückt. Rothmann beschreibt diese bedrohliche Situation des Umbruchs mit gewichtiger Empathie und psychologisch feinem Gespür. Der Schrecken dieser Zeit steckt im Detail des Erzählens, wird angedeutet, ergibt sich erst als die Summe des Erlebten ganz real. Und doch ist immer ein wenig Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Was nicht allein daran liegt, dass wir die Historie kennen. Dies ist auch dem feinen Humor geschuldet, den Rothmann einbringt, der nicht sarkastisch klingt – sondern sehr menschlich. Und nicht zuletzt dadurch bekommt dieser Text Größe und Charisma.
Jörg Konrad

Ralf Rothmann
„Der Gott jenes Sommers“
Suhrkamp
Autor: Siehe Artikel
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Montag 14.05.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Graham Greene „Der Dritte Mann“
Der dritte Mann“ ist eines jener seltenen literarischen Werke, das erst nach dessen Verfilmung als Buch veröffentlicht wurde. Nur so macht der Gedanke Graham Greenes in seinem Vorwort auch Sinn: „,Der dritte Mann‘ wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden“. Die unvergesslichen Bilder setzte 1949 Carol Reed in Szene und drehte mit Orson Welles und Joseph Cotton in den Hauptrollen an den Originalschauplätzen in Wien. Doch es gibt noch eine zweite Besonderheit, die den Film betrifft. Es ist die Musik von Anton Karas. Seine Filmmelodie, das Harry-Lime-Theme, unnachahmlich von ihm selbst auf der Zither gespielt, brachte ihm persönlich Weltruhm und ein Vermögen ein. Der aus einfachen Verhältnissen stammende gelernte Werkzeugschlosser(!) erfüllte sich von den Tantiemen des Soundtracks einen Herzenswunsch. Er eröffnete, nach langen gerichtlichen Auseinandersetzungen, im Wiener Sieveringbezirk das Heurigenlokal „Zum dritten Mann“. So richtig glücklich wurde er mit dieser Anlage jedoch nie. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Ob Graham Greene beim Verfassen seines Vorwortes für „Der dritte Mann“ damit gerechnet hat, dass sein Roman einst auch illustriert erscheinen wird? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist jetzt in der Edition Büchergilde eine bebilderte Ausgabe der spannenden, in der Wiener Nachkriegszeit spielenden Geschichte erschienen. Annika Siems hat das Geschehen in etlichen atmosphärisch  wunderbar kommentierenden schwarz-weiß Tuschezeichnungen festgehalten, die dem Buch den Anschein eines kunstvoll gestalteten Comics geben. Die ansonsten für Werbeagenturen arbeitende Siems setzte sich mit den handelnden Figuren intensiv auseinander, ist nach Wien gefahren – auch um im „Dritte Mann Museum“ im vierten Wiener Gemeindebezirk zu recherchieren. In Gerhard Strassgschwander, dem dortigen Museumsleiter, fand sie den richtigen Ansprechpartner. Er riet ihr, sich stärker mit den Details zu beschäftigten, den Ausweisen und Passierscheinen (Wien war damals in vier Sektoren aufgeteilt), mit den Lebensmittelkarten, bis hin zu den medizinischen Verpackungen damaliger Zeit (schließlich spielte das Antibiotika Penicillin eine tragende Rolle in der Handlung).
Im Roman gibt es gegenüber dem Drehbuch leichte Veränderungen, die aber auf das Handlungsgeschehen nur wenig Auswirkungen haben: Wien ist nach dem Krieg 1945 von den Russen, Amerikanern, Engländern und Franzosen besetzt. Wie in vielen anderen Groß- und Kleinstädten blühte in jener Zeit der Schwarzmarkt. Schieberbanden bestimmten die Alltagsgeschäfte – unbarmherzig und skrupellos. Selbst Penicillin, ein speziell nach dem Krieg stark gesuchtes Arzneimittel, ist vor diesen Verbrechersyndikaten nicht sicher. Sie stehlen und strecken es, bringen Unglück in die Krankenhäuser, wo dieses Medikament der einzigste Quell der Hoffnung ist. Und so geht es in dem Roman um Betrug und Verfolgung, um psychologisch raffinierte Winkelzüge, um Freundschaft und gescheitertes Vertrauen, um Glück und unendliche Enttäuschung. Die besondere historische Situation in der zerbombten österreichischen Hauptstadt gibt der Geschichte ihren äußeren Rahmen und einen ganz speziellen Reiz. An Symbolkraft kaum zu überbieten sind die Schlussszenen, die in der Kanalisation von Wien spielen und in beeindruckenden Bildern umgesetzt sind. 
Die Edition Büchergilde bereitet mit diesem Buch nicht nur allen Liebhabern von illustrierten Büchern eine besondere Freude. Zugleich ist „Der Dritte Mann“ für all jene, die Buch oder Film nicht kennen, ein wunderbarer Einstieg, sich diesem Klassiker zu nähern. Und all jene, die Buch und Film kennen, bietet diese Veröffentlichung die Möglichkeit, „Der dritte Mann“ in einem neuen Kontex wahrzunehmen.
Viktor Brauer
Autor: Siehe Artikel
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Montag 07.05.2018
Ulrich Alexander Boschwitz "Der Reisende"
Was für eine Entdeckung! Der Roman „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, ursprünglich auf Deutsch verfasst, wurde 1939 in England veröffentlicht, einige Jahre später in den USA und in Frankreich. Danach geriet das Buch in Vergessenheit. Nun ist es bei Klett-Cotta zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, fast 80 Jahre nach seinem Entstehen.
Sein Verfasser Ulrich Alexander Boschwitz,1915 als Sohn einer deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters in Berlin geboren, emigrierte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Rassegesetze aus Deutschland. Erschüttert durch die Novemberpogrome 1938 schrieb er in Paris in nur wenigen Wochen „Der Reisende“. Der Roman ist eines der frühesten Zeugnisse dieser schrecklichen Verbrechen, ein Buch, das unter die Haut geht.
Im November 1938 nahmen SA und SS das Attentat eines polnischen Juden auf einen deutschen Botschaftssekretär zum Anlass, Synagogen zu zerstören, jüdische Geschäfte zu plündern, Juden in ganz Deutschland zu entrechten, zu verfolgen, zu ermorden und in Konzentrationslager zu deportieren. Otto Silbermann, die Hauptfigur des Romans „Der Reisende“ ist einer dieser Juden, ein wohlhabender Geschäftsmann, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Er fühlt sich als deutscher Bürger und hat im 1. Weltkrieg als deutscher Frontsoldat gekämpft. Wie so viele Juden damals hat er es nicht für möglich gehalten, dass „so etwas passiert, mitten in Europa, mitten im 20. Jahrhundert“. Nun erlebt er, wie sich das Verhalten der Nichtjuden verändert: Bekannte wechseln die Straßenseite, wenn sie ihm begegnen, in seine Firma wagt er sich nicht mehr, weil seine Angestellten ihn denunzieren könnten, und sein Freund und Geschäftspartner übervorteilt ihn: „Ich werde mich doch nicht von einem dreckigen Juden ruinieren lassen.“
Als der Mob an seiner Wohnungstür Sturm klingelt, flieht Silbermann durch den Hinterausgang. Von nun an gibt es für ihn keinen sicheren Ort mehr. Er verliert sein Haus, seine Firma, seine Frau, seine ganze Existenz. Nur etwas Bargeld ist ihm geblieben. So fährt er in Zügen durch ganz Deutschland, von Stadt zu Stadt, immer auf der Flucht, ein Gehetzter. Der Titel „Der Reisende“ suggeriert eine noch geordnete bürgerliche Welt. Doch die ist für Silbermann zusammengebrochen. Für ihn teilt sich die Gesellschaft nun auf in Arier und Juden, in Menschen, die leben dürfen und in Menschen, denen man das Recht zu leben abspricht. Ein Fluchtversuch nach Belgien scheitert. „Man muss aus Deutschland raus! Aber man kann nirgends hinein!“
Unterwegs begegnen Silbermann die unterschiedlichsten Menschen, er trifft auch auf Freundlichkeit, aber meist auf Gleichgültigkeit, Feigheit, Hass und Verachtung. Mit klarem, unbestechlichem Blick, in sachlichem Ton schildert Boschwitz die antisemitische Stimmung dieser Jahre in Deutschland. Dass Otto Silbermann durchaus nicht nur als positiver Held geschildert wird, macht den Roman besonders glaubwürdig. In seiner Angst geht es Silbermann nur noch um das nackte Überleben. Er ertappt sich zu seiner Bestürzung nun selbst bei antisemitischen Gedanken. Besonders beklemmend liest sich die Szene, als ein alter Jude namens Hamburger sich an Silbermann anschließen möchte, da dieser äußerlich nicht als Jude zu erkennen ist. Silbermann aber weist ihn ab aus Furcht, durch Hamburgers jüdisches Aussehen kompromittiert zu werden. Beschämt erkennt er, „dass kein Unterschied besteht zwischen mir und den anderen… Wir gleichen uns auf geradezu beängstigende Weise.“
„Der Reisende“ ist weitgehend als innerer Monolog geschrieben. Boschwitz nimmt den Leser hinein in Silbermanns Bewusstseinsstrom, in seine Gedanken, die zwischen Angst, Hoffnung und Panik hin und her jagen, in seine zunehmende Verzweiflung. „Reisen, dachte er, immer weiter reisen, und dabei bin ich so hundemüde. Hin und her und her und hin...  Wer oder was bin ich eigentlich noch?“
Ulrich Boschwitz hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, seine Heimat zu verlieren und nirgends willkommen zu sein. 1935 emigrierte er aus Deutschland, zunächst nach Schweden, dann über Oslo nach Paris und 1939 nach England. Dort wurde er mit vielen anderen vor den Nazis geflohenen Deutschen interniert und 1940 in ein australisches Lager gebracht. Auf der Rückfahrt wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt. Er starb mit 27 Jahren.
„Der Reisende“ ist ein aufrüttelndes Buch und in einer Zeit, in der Antisemitismus und Fremdenhass vielerorts wieder gesellschaftsfähig werden, von erschreckender Aktualität.

Lilly Munzinger, Gauting

Ulrich Alexander Boschwitz
"Der Reisende"
Klett-Cotta, 2018
 
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 17.04.2018
Andreas Ammer & FM Einheit „Sie sprechen mit der Stasi“
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Es gab in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (kurz BstU) bis vor einiger Zeit einen Raum in dem sich Tausende von Tonbändern befanden. Diese wurden bisher weder archiviert, noch katalogisiert, ja nach über zweieinhalb Jahrzehnten der deutschen Vereinigung noch nicht einmal abgehört. Diese Tonbänder enthalten Original-Mitschnitte von Telefongesprächen, Denunziationen (auch von Familienmitgliedern), die in der Stasi Zentrale in Berlin Magdalenenstraße bis 1989 eingingen, Beschimpfungen und Wichtigtuereien, sowie Aufzeichnungen von Verhören von Menschen, die im Verdacht der Republikflucht, bzw. einer „konspirativen Tätigkeit mit dem Klassenfeind“ standen. Es sind erschütternde Zeugnisse, akustische Peinigungen, Demütigungen, die deutlich machen, mit welch perfiden Mitteln ein Staat sein Volk unterdrückte, einzelne Bewohner drangsalierte, sie psychisch folterte, so dass letztendlich Persönlichkeiten seelisch gebrochen wurden. Doch zugleich gibt es, wie in jedem repressivem Staat, Momente unfreiwilliger Komik, wenn zum Beispiel ein „Telefonterrorist“ (aus dem „Westen“) immer wieder in der Magdalenenstraße anruft, nur um die Leitungen zu belegen, oder ein Anrufer aus Kanada fragt, ob es denn in der Zentrale nicht jemand gäbe, der der englischen oder französischen Sprache mächtig wäre. „Dett wird schwierig“ ist darauf die Antwort eines Mitarbeiters der Staatssicherheit. So, oder so ähnlich, klingt auch die Banalität des Bösen.
Andreas Ammer und FM Einheit hatten Zugang zu den Materialien und entwickelten aus einem winzigen Teil dieses Archivs das Hörspiel „Sie sprechen mit der Stasi“. Doch beiden reicht eine knappe Stunde, um hinter die Fassade der Macht eines autoritären Staates zu blicken resp. zu hören und eine bedrückende Atmosphäre der Kleingeistigkeit und des willkürlichen Machtpotenzials eines Regimes zu entlarven. Eine hochgefährliche Mischung übrigens.
In dieser Collage finden sich zudem all die Belege, die zeigen, dass der Übergang von der Nazizeit zur Diktatur des Proletariats ein fließender war. Es wurde mit Mitteln der Angst und Ungewissheit in hunderttausenden von Fällen gedroht, eingeschüchtert, zum Verrat gezwungen und abgeurteilt. Menschen verschwanden, oder waren für ihr restliches Leben traumatisiert. „Sie sprechen mit der Stasi“ - eine entlarvendes wie ebenso erschütterndes Dokument der Unterdrückung, dem der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der von 1990 bis 2000 Leiter der BstU war, ein einem Begleitwort der CD folgendes voranstellt: „Die Staatssicherheit verfügte über ein nahezu unbeschränktes Arsenal an Maßnahmen, um jeden beliebigen DDR-Bürger zu observieren und zu „zersetzen“. Sie konnte den beruflichen Aufstieg bremsen, den Ruf von Nicht-Angepassten durch Gerüchte ruinieren, sie konnte das Selbstbewußtsein der Betroffenen so erschüttern, dass sie in ihrem Alltag nur noch schlecht funktionierten, sie konnte Oppositionelle ins Gefängnis bringen.“
Jörg Konrad

Andreas Ammer & FM Einheit
„Sie sprechen mit der Stasi“
Der Hörverlag
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Dienstag 10.04.2018
Nora Gomringer & Günter Baby Sommer „Grimms Wörter“
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Fotos: Judith Kinitz (N. Gomringer) & Tobias Sommer (G.B. Sommer)
Günter Grass - ein Wortakrobat und Mahner. Ein Autor, der das Handwerk der deutschen Sprache vollendet beherrscht. Und der inhaltlich zu erzählen versteht. Mit ordentlich Pathos und großem Ego, mit Haltung und Intellekt. Fünf Jahre vor seinem Tod erschien „Grimms Wörter“. Autobiographie seiner selbst und Biographie der Brüder Grimm zugleich. „Eine Liebeserklärung“, wie Grass das Buch im Untertitel nennt, „an die deutsche Sprache“ und das sich einer chronologischen Erzählweise vollkommen entzieht. Es sind einzelne Begriffe, über die Grass seine Heimat, die Literatur, den Geisteszustand der Welt, die Moral beschreibt. Von „A“ wie „Im Asyl“, „D“ wie „Däumeling und Daumesdick“ bis „Z – Am Ziel“. Manches aus alten (auch Märchen-) Zeiten stammend und doch Bezüge zur Gegenwart knüpfend. Ein auch vom Sprachrhythmus her wunderbar zu lesendes Buch, dem nun der sächsische Schlagzeuger Günter Baby Sommer eine zusätzlich musikalische Note verleiht. Gemeinsam mit der Lyrikerin und Rezitatorin Nora Gomringer setzt er die noch von Günter Grass für diese Einspielung bearbeiteten Texte in eine Klangcollage um.
Eine dreiviertel Stunde, in der ein Kosmos deutscher Befindlichkeiten ensteht - mal lärmend, mal fordernd, mal lustvoll, mal eitel. Es wird getrommelt was das Zeug hält. Auf alles und allem. Ob Töpfe oder Bratpfannen, Gongs und Becken, gespannte Felle oder einheimische Hölzer - die Free-Jazz-Legende aus Dresden hält den Takt, fabuliert und explodiert, irritiert und spielt konzentriert, gibt dem Schlagwerk eine Stimme. Seine Stimme, als gewaltiges Grollen und dürftiges Seufzen. Improvisation pur.
Nora Gomringer deklamiert den Text, fordert deren Inhalt nachdrücklich heraus, rezitiert und formuliert. Mal sehr präzise, dann wieder lasziv. Sie stilisiert die Sprache zum akustischen Abenteuer, so genießerisch wie provokant. Sie wechselt die Tempi, erklimmt die Höhen und die Tiefen der Intonation, federleicht. Und findet den Kontrast, zu Sommers Trommeln und Becken und Küchengeräten. „Grimms Wörter“ - als Hörbuch ein Erlebnis für alle Sinne.
Jörg Konrad

Nora Gomringer & Günter Baby Sommer
„Grimms Wörter“ von Günter Grass
Steidl Verlag
Autor: Siehe Artikel
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