Echo
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Inhaltsverzeichnis
Kai Strauss – Musikalische Macht

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München: Friedrich Ani - Über den Dächern von München

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Iffeldorf: Ton Koopman & Klaus Mertens – Barocke Botschafter

3

Germering: Omer Klein - Die Magie des Klavierspiels

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Landsberg: Otto Lechner & Sväng – Musik als Herzensangelegenheiten

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Fürstenfeld: Norma Winstone – In überzeugender Bescheidenheit

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Freitag 19.07.2019
Kai Strauss – Musikalische Macht
Fürstenfeld. Nein, man muss nicht am Mississippi geboren sein, oder in den weiten Ebenen Louisianas Baumwolle gepflückt haben, um den Blues zu begreifen. Auch nicht, um ihn möglichst authentisch zu spielen. Dieses Vorurteil mag vor Jahrzehnten noch zutreffend gewesen sein. Heute wissen wir, dass die einstigen Helden dieser Musik von ihren Jüngern, egal wo auf dieser Welt, mit Hingabe studiert werden. Um letztendlich mit dem verinnerlichten musikalischen Rüstzeug ihrer Favoriten und ihrer ganz individuellen Sozialisation, ein neues Kapitel Blues aufzuschlagen.
Ähnliches gilt für Kai Strauss, der gestern mit seinen Electric Blues Allstars das letzte Konzert der diesjährigen Blues First-Saison bestritt.
Der Ostwestfale Strauss hat dabei vom ersten Titel an den richtigen Ton getroffen. Seine Rhythm & Blues-Melange, zusammengesetzt aus dem Chicago- und Texas Blues, Boogie Woogie, Rock`n Roll, ein wenig Soul und jede Menge Leidenschaft, zündete beim Publikum sofort. Das Quintett spielte straight, kantig, nahm jedes der großartigen Solis mit vollem Risiko an, wodurch die Musik in ihrem leicht provokativem Charakter immense Glaubwürdigkeit bekam.
Überhaupt ist für Kai Strauss das Authentische seines Spiels von großer Bedeutung. In einem Interview sagte er einmal, dass er versuche immer so echt zu klingen, wie es nur geht.
Das Publikum spürt diese Ursprünglichkeit in der Musik und reagiert sofort. Natürlich schafft Strauss dieses Phänomen der zugespitzten Transparenz nicht im Alleingang. Hierfür hat er eine Band um sich versammelt, deren Herangehensweise sich mit seiner eigen deckt.  Bassist Kevin DuVernay aus Seattle ist so ein stoisches Basswunder. Er groovt in einer unglaublich in sich ruhenden Kraft und keine Naturgewalt dieser Erde scheint ihn von seinem Weg abbringen zu können. Mit Schlagzeuger Alex Lex wirft er sich die Ideen zu, ergänzt den Rhythmus, findet immer neue Licks und zimmert damit den perfekten Unterbau, ohne den keine Band großartig aufspielen kann.
Dann gibt es noch Thomas Feldmann, eine Art Derwisch an Saxophon und Bluesharp. Er versteht es, sparsam und effektvoll zu spielen, begeistert aber auch mit aufschäumenden Solos, die jeder gestandenen Jazzband gut anstehen würde. Und dann wäre da noch Nico Dreier an den Keyboards. Seine flächigen, verbindenden Orgelsounds schaffen Atmosphäre und scheinen direkt aus New Orleans zu kommen. Doch ebenso überzeugend spielt er Klavier, ist hier ein ausgezeichneter Techniker, der dieses rudimentäre Gefühl aufkommen lässt, wie es in den alten Blues-Spelunken allgegenwärtig war. Zusammen sind die Fünf eine musikalische Macht, ein Verbund, der jedem Hindernis von außen trotzt und der seinen eigenen Weg gefunden hat. Weitab vom Mississippi und von Louisina – aber mit der Glut der Blues-Pioniere.
Jörg Konrad

Weiterlesen in der SZ vom 22. Juli d.J.
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 03.07.2019
München: Friedrich Ani - Über den Dächern von München
München. Was für eine Kulisse im Foyer des Literaturhauses. Die Zuschauer dürfen beides genießen, die Aussicht und Friedrich Ani
Der Autor betritt mit 2(!) Gläsern Weißwein am 27. Juni das Podium. Keine schlechte Wahl.
Er schreibe am liebsten Vormittags und bei Sonnenschein. Damit lüftet er ein (offenes) Geheimnis. Schließlich begibt er sich mit seinen Protagonisten in die Dunkelheit. Auch in dem neuen Roman -  „All die unbewohnten Zimmer“.

Mit dabei, drei seiner bekanntesten Ermittler: Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer. Sie beleuchten rechtes Terrain. Es geht hinab in die gesellschaftlichen Untiefen. 
Ani habe beim Schreiben festgestellt, dass die drei Ermittler zusammen nicht „funktionieren“, irgendetwas habe ihnen gefehlt. Doch plötzlich kam, wie das so oft bei ihm sei, eine Idee: eine vierte Figur. Fariza Nasri ist seine bayrische Kriminalkommissarin mit syrischen Wurzeln.
Alle Vier versuchen nun angesichts dieser rechtspopulistischen Welt, die sich ihnen eröffnet, einen Weg zu finden, um „aufrecht durchzugehen“.
„Ich erzähle vor dem Hintergrund einer sehr realen Welt“, erläutert Ani, „von Figuren die ihre Zimmer verloren haben. Ich möchte nicht aufklärerisch sein, sondern schreibe über die Erde, die ich kenne und wie sie mir vertraut ist.“
Auf die Frage von Moderator Günter Keil, wie er denn zu seinen Figuren käme, antwortet Ani: „Ich glaube, es gibt einen kosmischen Wartesaal und da sitzen sie alle, die Protagonisten und warten darauf, dass sie abgeholt werden. Ich bekomme dann halt die düsteren Typen. Sie könnten ja irgendwo anders hingehen. Aber nein, sie kommen zu mir. Aber wenn man nicht bei seinen Figuren ist, dann ist man falsch“.
Wenn Herr Ani über seine Figuren spricht, ist er ganz bei Ihnen, taucht ganz in sie ein und das mit einer spürbaren Liebe, mit Leidenschaft und großem Respekt.
„Ich bin Schriftsteller wenn ich schreibe. Ansonsten bin ich ein Typ, der herumläuft und in gastronomischen Bereichen herumirrt“.
Herr Ani spricht nicht über Privates und zeigt an diesem Abend doch so viel von sich. Und das mit Menschlichkeit und Bescheidenheit. Genau damit berührt und fesselt er den Zuhörer.
Ach ja, zwischendurch hat Friedrich Ani natürlich aus seinem neuen Roman vorgetragen, den man unbedingt lesen sollte - um mehr über die Weisheiten des Herrn Ani zu erfahren.
Heike Lacher
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Sonntag 30.06.2019
Iffeldorf: Ton Koopman & Klaus Mertens – Barocke Botschafter
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Foto T.Koopman: Foppe Schut; Foto K.Mertens: Foto: G. Mothes
Iffeldorf. Ton Koopman wurde von BR Klassik einmal augenzwinkernd gefragt, ob er lieber einen Tag ohne Bach oder einen Tag mit Techno-Musik verbringen würde. „Dann doch besser ein Tag ohne Bach“, war seine Antwort. Aber sicherheitshalber fügt er noch hinzu: „Ein Tag ohne Bach – das ist nix“. Also lieber ein wenig Techno – dafür aber ordentlich Bach? Wie auch immer.
Am gestrigen Abend war Ton Koopman zum wiederholten Mal in Iffeldorf zu den Meisterkonzerten zu Gast und hat hier, gemeinsam mit dem Bassbariton Klaus Mertens, dem Lassus-Consort und dem Lassus-Kammerchor seine immensen musikalischen Spuren hinterlassen. Und natürlich stand für den Bewahrer der Originalklang-Bewegung Bach im Repertoire, Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel, plus Mozart, plus Händel. Ein volles Programm also.
Und es verwundert nicht, dass Koopman, selbst an Cembalo und Orgel und dirigierend, das er sich übrigens autodidaktisch beibrachte, ein Konzert präsentierte, welches fast schon Superlative erfüllte. Und das in seiner ganzen Vielfalt. Denn es gab nicht nur Bachsche und Händelsche Kantaten. Auf dem Programm stand eben auch das Konzert A-Dur für Cembalo und Streicher BWV 1055 und das Andante F-Dur KV 616 von Wolfgang Amadeus Mozart.
Die musikalischen Stimmungen, die an diesem Abend bei hochsommerlichen Temperaturen das Gemeindezentrum erfüllten, konnten unterschiedlicher kaum sein. Was ihnen aber allen gemein war, war die begeisternde Musikalität und die profunde instrumentale Beherrschung aller Instrumentalisten.
Ton Koopman gelang es, vor der idyllischen Kulisse der Osterseen, ein regelrechtes musikalisches Fest zu zelebrieren. Er versteht es, seine Musiker mit Ruhe und Entschlossenheit zu empathischer Höchstleistung anzuspornen. Und er selbst, erst vor wenigen Wochen zum Präsident der Stiftung Bach-Archiv gewählt, war sowohl als begleitender, wie auch als solierender Interpret, ein Vorbild an konzentrierter, hingebungsvoller Konsequenz.
Mit dem wunderbaren Klaus Mertens, der als „einer der wichtigsten musikalischen Botschafter Bachs in unserer Zeit“ im Juni erst mit der Bach-Medaille ausgezeichnet wurde, gelingt Koopman eine ideale, um nicht zu sagen geniale Zusammenarbeit. Der Bassbariton begeistert durch seine ausdruckswarme, gefühlsbetonte Stimme. Er formt die Inhalte mit berückender Sensibilität, haucht den Noten Leben ein, beeindruckt mit makelloser Diktion. Bach liegt ihm im Blut.
Doch Koopman versteht es auch solistisch zu brillieren. In Mozarts Andante F-Dur KV 616, das der damals 34jährige Wolfgang Amadeus für das Wachsfiguren- und Kuriositätenkabinett des Grafen Deym geschrieben hat, speziell für sogenannte Orgelwalzen, jagt er erfrischend über das Manual und bringt eine aufgelockerte Stimmung wie zu einer Kirmes zum Ausdruck. Konzentriert und präzis spielt er, lebendig, mitreißend und humorvoll.
Zu welcher stimmlichen Dynamik der LASSUS-Kammerchor München in der Lage ist, wurde in „Lobet den Herrn“ BWV 320 deutlich. Die Artikulation und Phrasierung sind bis ins kleinste Detail hinein durchgestaltet und doch besticht das Ensemble durch eine gewisse Gelassenheit, die der Interpretation aufs Beste ansteht.
Und auch das LASSUS-Consort München zog das Publikum mit seinem warmen, dunklen Orchestertönen sofort in seinen Bann. Wenn Musik in Farben ausgedrückt wird, erstrahlt Bachs Konzert A-Dur für Cembalo und Streicher BWV 1055 in einem dunklen rot. Entwaffnende Schlichtheit, sanfte Streicherparts in matten Klangfarben und dazu Ton Koopmans fantasievolle, virtuose Solostimme am Cembalo. Das ist große, herzerwärmende Kunst und ein Vergnügen zugleich.
Jörg Konrad
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Freitag 07.06.2019
Germering: Omer Klein - Die Magie des Klavierspiels
Germering. Er jagt über die Tastatur und schlägt pianistische Purzelbäume, dass die Funken stieben. Dann wieder seziert er eine feine Melodie, bringt die kleinsten Noten einer berührenden Ballade zum Klingen und gibt der Stille eine musikalische Bedeutung. Oder er entwickelt aus einer abstrakten Figur ein bewegendes Thema, das sich dramaturgisch aufbläht und am Ende wie ein gewaltiges Orchester den Raum ausfüllt. Omer Klein beherrscht die Magie des Klavierspiels. Perfekt. Ob vollkommene Komposition oder lustvolle Improvisation, seine Musik hat Charisma, seine Ideen klingen konsequent und seine Konzerte sind, wie gestern Abend im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle, ein großes Hörvergnügen.
„Man kann nicht in Israel bleiben und im Jazz Karriere machen“, hat Klein einmal in einem Interview erzählt. So ist er schon zeitig vom östlichen Mittelmeer kommend über Boston an den Hudson River gezogen, um in New York die Grundlagen des Jazz zu festigen und auszubauen. Irgendwann landete er dann in Düsseldorf und beschäftigte sich hier verstärkt mit der Wirkung von Theatermusik.
Auf seinen letzten beiden Alben SLEEPWALKERS und RADIO MEDITERIAN (beide Warner Music) spiegeln sich diese ganzen Eindrücke und Erfahrungen seines Lebens wieder. Und aus diesen reichhaltigen Erlebnissen und Eindrücken schöpfte er auch gestern bei seinem außergewöhnlichen Piano-Recital.
Seine Musik ist kraftvoll und bestimmt, egal ob er über Bop-Phrasen improvisiert, oder die Folklore seiner Heimat zitiert. Er findet einen wunderbaren Zugang zu Antonio Carlos Jobim und scheut sich auch nicht, sein Publikum mit dem Gassenhauer des Jazz schlechthin „What a Wonderful World“ in die Pause zu schicken.
Anschließend explodiert er förmlich, sprüht vor Humor und Vitalität. Er ist ein Meister der harmonischen Verschiebungen, ein „Bewohner von Zwischenräumen“, wie dies ein Kritiker einmal ausgedrückt hat. Dann wieder hält Omer Klein die Balance zwischen pianistischer Ausgelassenheit und intellektueller Kontrolle. Er verwischt genial die Themen, dringt tief hinein, ins Zentrum einer Komposition und überzeugt dann wieder mit impressionistischen Flüchtigkeiten. Einen eindringlicheren Musikabend konnte man sich zum 100.-Jubiläums-Konzert in der Germeringer Stadthalle nicht wünschen. Glückwunsch den Machern.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der SZ/FFB
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Donnerstag 30.05.2019
Landsberg: Otto Lechner & Sväng – Musik als Herzensangelegenheiten
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Fto Sväng: Jimmy Träskelin
Landsberg. Wien, das kann man trotz aller aktuellen politischen Ereignisse getrost behaupten, ist in Europa so etwas wie der musikalische Schmelztiegel der Kulturen. Hier kreuzen seit Jahrzehnten, um nicht von Jahrhunderten zu sprechen, die Tangenten von Nord und Süd, von Ost und West. Musikalische Ereignisse, die neue Himmelsrichtungen erobern, machen, egal aus welcher Richtung kommend, in der Donaustadt erst einmal Rast. Und bevor sie wie die Zugvögel weiterziehen, bleibt ein Stück von ihnen zurück und bereichert kulturell nicht nur die österreichische Metropole.
Otto Lechner, seit über dreißig Jahren in Wien lebend, hat sich persönlich für ein Instrument entschieden, das wie wenige andere genau dieses Kulturen Überwindende und Verbindende versinnbildlicht: Das Akkordeon. Dieses „Ersatzklavier“ des kleinen Mannes ist sowohl in der Volksmusik zu Hause, wie mittlerweile auch in den großen europäischen Konzerthäusern dieser Welt; es wird in Südamerika mit ebensolcher Begeisterung gespielt, wie in Spanien oder Russland. Egal ob polnische Polkas oder irische Weisen, sizilianische oder finnische Folklore - das Akkordeon verkörpert ländliche Tradition und urbane Modernität zugleich. Wo wäre dieses Instrument also besser aufgehoben, ja platziert, als in Wien?
Am Mittwoch war Otto Lechner zum wiederholten Mal im Landsberger Stadttheater und präsentierte ein ganz spezielles Programm. Denn er spielte zusammen mit dem finnischen Mundharmonika Quartett Sväng. Ähnliches, was über das Akkordeon geschrieben wurde, gilt auch für die Mundharmonika. Beide, getragen auf dem Rücken und in den Taschen von Ein- und Auswanderern, waren einst auch Teil der ethnischen Wanderbewegungen der Menschheit der Moderne. Insofern stand das Konzert in Landsberg auch ganz im Zeichen einer volksmusikalischen Unabhängigkeitsbewegung.
Und so wundert es nicht, dass das Repertoire an diesem Abend tatsächlich etwas multikulturelles ausstrahlte. Es gab Tangos und Walzer, Schlager aus Japan, (Balkan-)Blues, (Gypsy-)Swing und Polkas, Interpretationen Jean Sibelius`, aus Joseph Haydns reichen Streichquartettschaffens und Filmmusik. Ein Potpourrie der Stile quer durch die Jahrhunderte.
Begonnen hat der Abend mit den Svängs und ihrer teilweise komödiantischen Virtuosität. Die Vier lassen an chromatischen und diatonischen Mundharmonikas in allen Größen und Stimmlagen die Luft heiß zirkulieren. Schwerstarbeit für Lungen und Lippen der Musiker. Wenn bei Eero Turkka, Eero Grundström, Jouko Kyhälä und Pasi Leino die instrumentalen Stimmen ineinandergreifen, klingen sie wie ein hochvirtuoses Orchester mit einem ganz spezifischen Sound. Sie spielen das Publikum schwindlig, motivieren und provozieren sich gegenseitig, befinden sich in einem ständigen Austausch von Ideen und Befindlichkeiten.
Nach der Pause dann der zeitlose, der begnadete Otto Lechner. Auch er bringt die Luft um sein volkseigenes Instrument herum zum vibrieren, besticht mit seiner spontanen  Frische und Erfindungskraft, wenn er über die Klaviatur, über die Bassregister und -manuale fliegt. Sein Spiel ist ein Tanz auf dem Vulkan stilistischer Absonderlichkeiten. Aber immer wirkt sein Tun bodenständig, begeistert seine Authentizität, reißen seine Improvisationen das Publikum mit.
Gemeinsam werden Lechner und Sväng dann zum erkundenden Quintett, ohne dass ihre filigranen, hochkonzentrierten Interpretationen an Qualität einbüßen. Ihr Spiel geht weit über die Formel vier plus eins hinaus. Sie finden, trotz unterschiedlicher Sozialisationen unter dem schützenden und inspirierenden Dach der Musik eine eigene, gemeinsame Sprache, die ihnen Herzensangelegenheit scheint.
Jörg Konrad

Text auch in der Augsburger Allgemeinen/Landsberg
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 23.05.2019
Fürstenfeld: Norma Winstone – In überzeugender Bescheidenheit
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Foto: TJ Krebs
Fürstenfeld. „Hab keine Angst vor Fehlern!“, sagte Norma Winstone erst vor wenigen Wochen in einem Gespräch mit dem Pianisten Pablo Held. „Wenn du zu vorsichtig bist, wirst du nichts neues entdecken.“
Genau diesen Weg geht die Sängerin seit nunmehr über fünf Jahrzehnten! Und wie sie am gestrigen Abend in Fürstenfeld unter Beweis stellte, hat sie selbst nichts von ihrem Mut und ihrem Charme, von ihrer stimmlichen Extravaganz und ihrem Gespür für Präsentation eingebüßt. Eine zusätzliche wie seltene Besonderheit der Engländerin ist: sie kann auch leise singen. Sie versteht sich immer als ein Teil eines Ensembles und nicht unbedingt und in jedem Moment als Solistin. Weder in Großbesetzungen, noch in der gruppendynamisch kleinst möglichen Besetzung.
Im Kleinen Saal des Veranstaltungsforum gastierte sie im Duo. JAZZ FIRST! macht`s möglich. An ihrer Seite der Pianist Glauco Venier  Beide konzentrierten sich bei ihrem Auftritt auf die Intimität eines stillen Dialogs. Auch wenn es Momente gab, in denen sie ihr ansonsten eher stilles Temperament enorm zu steigern wussten. Norma Winstone sucht in ihrem Mitspieler immer einen Partner, jemanden, mit dem sie zusammen etwas musikalisch entstehen lassen kann. „Ich würde es immer vorziehen, etwas zu spielen, das meine Mitmusiker/-innen auch mögen, anstatt zu sagen „Das will ich spielen!““ Die Eitelkeit hat bei ihr eben strikte Grenzen.
Das Repertoire bestand überwiegend aus Songs aus Norma Winstons letztem Album „Descansado – Songs For Films“ (ECM Records). Mit Sicherheit kein Zufall, dass sich die Sängerin mit Filmmusiken beschäftigt. Denn sie kommen ihrer Einstellung nahe, sich nicht allein vom Ego leiten zu lassen. Eine guter Soundtrack hat auch immer eine dienende Funktion. Er unterstützt Bilder, psychologische Entwicklungen, übersetzt Handlungen mit deren Charaktere in Klang. Und die hohe Kunst dieses Metiers ist es, bei aller Hingabe gleichzeitig etwas sehr eigenes, persönliches zu schaffen.
Die Kompositionen im Programm stammten unter anderen von Nino Rota, Ennio Moricone und Barnard Herrmann. Die Texte zu den Songs aus Filmen wie „Taxi Driver“, „Lisbon Story“ oder „Amarcord“  hat Norma Winstone selbst geschrieben. So bekommen diese Soundtracks neben ihrem melodischen Widererkennungswert auch eine ganze Menge interpretatorischer Persönlichkeit. Wunderbar, wie die Sängerin in überzeugender Bescheidenheit ihre Stimme erhebt und mit nur minimalen Verschiebungen völlig neuen Songs entstehen lässt. Sie bringt Tragik und Zerbrechlichkeit zum Ausdruck, Stolz und Freude, interpretiert in einem erfrischenden Understatement und ist von jedem Diseusen-Stil zum Glück meilenweit entfernt.
Immer verlässlich an ihrer Seite Pianist Glauco Venier. Der Italiener ist nicht nur ein großartiger Klavierspieler, sondern auch ein Menschenkenner, ein Empath, jemand, der sich mit Freuden auf den anderen einlässt, ihm zuhört, auf Fragen antwortet, ihn eben strukturiert begleitet. Wie selbstverständlich und damit eine Situation schaffend, in der mit Intelligenz und Emotionalität musikalisch Großes entstehen kann. Ein inspirierendes Konzert und eines der besten dieser Reihe.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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