Echo
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Inhaltsverzeichnis
Götz Alsmann & SWR Big Band – Zu harmlos

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Landsberg: Trio mit Viola – Statt Klarinette

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Germering: Franco Ambrosetti Quartet – Botschaften und Bekenntnisse

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Germering: Marialy Pacheco – Glückliches Publikum

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Olching: Waleska Sieczkowska & Danzi Duo – Originärer brasilianischer...

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Landsberg: Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail

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Mittwoch 16.01.2019
Götz Alsmann & SWR Big Band – Zu harmlos
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Fotos: TJ Krebs jazzphotoagency@web.de
Fürstenfeld. Folgende Anekdote stammt aus längst vergangenen Zeiten. In der legendären Professor-Bop-Show des WDR wurde einst ein zweistündiges Porträt der Beach Boys gesendet - ohne auch nur einen  Titel der Surf-Band zu spielen. Und jener Professor Bop war kein anderer als der frisch studierte Musikwissenschaftler Götz Alsmann. Sein Dissertationsthema damals lautete übrigens: „Nichts als Krach. Die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943-1963“.
Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, sei einmal dahingestellt. Aber jeder, der den Sänger, Entertainer, Comedian und Hochschullehrer jemals erlebt hat, kann sich diese schalkhafte Herangehensweise Alsmann nur all zu gut vorstellen.
Am gestrigen Dienstag war der Münsteraner nun mit großem Bahnhof im Stadtsaal des Fürstenfelder Veranstaltungsforums. Großer Bahnhof - denn der Schlagerbarde hatte die renommierte SWR Big Band im Schlepptau, eine Großformation der gehobenen Jazz- und Unterhaltungsmusik, ein perfekt abgestimmtes Orchester, das schon mehrmals für den Grammy nominiert wurde.
Nun, in einer Zeit, in der der Schlager mehr oder weniger ernst diskutiert wird (war dies jemals anders?) lebt Alsmann diese seine Leidenschaft mit Nachdruck und aller ihm zur Verfügung stehenden Ironie aus. Sein „Neujahrskonzert“ soll den Schlager auf Touren bringen, soll zeigen, welches Potenzial in ihm tatsächlich steckt. Aber ob ihm dies mit dem Repertoire, das er und sein singender Gast Ella Endlich an diesem Abend präsentierten, auch tatsächlich gelang, sei einmal dahingestellt. Zu altbacken manche Melodien, zu harmlos und klischeebeladen viele Texte.
Wäre da nicht, ja wäre da nicht die SWR Big Band, die den instrumentalen Teil des Abends aufgrund manch gelungenen Arrangements und knackiger Solis ordentlich aufwertete. Zeitweise kam tatsächlich so etwas wie 70er Jahre Samstagabendstimmung auf, als die großen Fernsehshows noch mit Live Musik im Big-Band-Sound produziert wurden.
Alsmann ist Sänger und Entertainer, einer, der die Bühne als Lebenselixier zu brauchen scheint, der nicht wirklich singen kann (aber da gibt es in diesem Metier noch ganz andere Kaliber), aber eben manisch explodiert und den Saal unterhält. Sicher, vieles wirkt vom Inhalt intellektuell überstrapaziert oder klischeehaft harmlos. Aber was ist schon ein Künstler wert, der nicht polarisiert? Der deutsche Nachkriegsschlager hat nun einmal nicht unbedingt das Potenzial manch amerikanischer Vorgabe, von denen das Great American Songbook gefüllt ist und das dem Jazz als Standardliteratur dient (und einst auf etlichen Blue Note-Alben erschien). Genau dies scheint auch die Verbindung, warum Alsmann in der komfortablen Lage ist, seine Musik ebenfalls auf Blue Note zu präsentieren (nein, der erste Deutsche ist er auf diesem prominenten Label nicht, wie man immer wieder einmal fälschlich lesen kann. Diese Ehre wurde einer Frau zuteil! Der Leipziger Pianistin Jutta Hipp im Jahr 1956!!).
Vielleicht ist ja der Bogen insgesamt auch einfach zu weit gespannt – von instrumentalen Standard-Nummern wie Johnny Hodges „Satin Doll“, über Sehnsuchtssongs aus der TV-Haifischbar, weiter über Klassikadaptionen wie Rimski-Korsakows „Hummelflug“, bis hin zur ungelenken Naivität eines „Küss mich, halt mich, lieb mich“. 
Alfred Esser
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Sonntag 13.01.2019
Landsberg: Trio mit Viola – Statt Klarinette
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Landsberg. Auch die Hochkultur leistet sich Gassenhauer, was beim Publikum eigentlich längst bekannt ist. Beethovens Trio B-Dur op. 11 trägt aber zudem auch noch den Titel: „Gassenhauer-Trio“. Das liegt an der Vorlage, die Ludwig van Beethoven für diese Komposition nutzte. Denn den Variationen im dritten Satz dieses Stückes liegt ein Werk des zu Lebzeiten ungemein populären Komponisten Joseph Weigl (1766-1846) zu Grunde. Die Melodie stammt aus seiner Oper „Der Kosar aus Liebe“ - ein regelrechter „Kassenschlager“, ein Ohrwurm und großer Publikumserfolg um das Jahr 1800. Gedacht war das Trio eigentlich für die Besetzung Klarinette, Violoncello und Klavier. Zwar hatte Beethoven als Alternative und vorsorglich auch eine Variante für Violine statt Klarinette geschrieben, aber am Samstag wurde die Komposition im Landsberger Rathaus in der Besetzung Viola (Jano Lisboa), Violoncello (Uli Witteler) und Klavier (Hisako Kawamura) aufgeführt. Die drei Instrumentalisten machten aus diesen temperamentvollen, mit rhythmischen Verschiebungen gespickten und an musikalischen Verzierungen reichen Komposition ein wirklich grandioses Stück Kammermusik. Individuell virtuos, aber in der Interpretation nie den Gemeinschaftssinn vernachlässigend, durchpflügten die drei die Partitur mit Freude und Hingabe.
Zuvor gab es noch drei Variationen von Beethoven aus der Mozart-Oper „Zauberflöte“, in dem sich das Trio spieltechnisch blendend und mit lyrischem Atem recht stimmungsvoll den Vorlagen widmete.
Und auch Johannes Brahms Trio a-moll op. 114 war von seinem Schöpfer im Grunde für die Klarinette gedacht. Statt dem quirligen, jubilierenden Holzblasinstrument nahmen sich die drei Instrumentalisten auch hier die künstlerische Freiheit, diese durch die im Tonumfang tiefer gelegte Viola zu ersetzen. Dadurch bekam die Musik ein etwas dunkleres, sinnlicheres Klangbild, wirkte nachdenklicher, grüblerischer. Das Weltentrückte des Romantikers Brahms war hier deutlich zu spüren. Jano Lisboa suchte an der Viola nicht nur die lyrischen Momente, er badete regelrecht in ihnen – ohne jemals ein plakatives Pathos aufkommen zu lassen. Sein Spiel strahlte eine gefühlsbetonte Dominanz aus, der es niemals an Frische und Präzision fehlte. Man spürte bei dem in Portugal geborenen und in Boston bei Kim Kashkashian, der Amerikanerin mit armenischen Wurzeln, studierten Lisboa seine ganze emotionale Anteilnahme. In Uli Witteler besaß er zudem einen idealen musikalischer Partner. Ihr instrumentaler Austausch fand auf einem ausbalancierten, sehr stimmigen Niveau statt. Es war ein instrumental-technisches Ergänzen, ein sich gegenseitig Motivieren im Miteinander zu spüren.
Die in Japan geborene und heute in Deutschland lebende Pianistin Hisako Kawamura vervollständigt das Trio um eine feurige, überzeugte, Ton angebende Solistin. Ihr klarer pianistischer Ausdruck, ihre Kraft und Präzision vermittelnde Spielweise stützte das gesamte musikalische Gerüst. Fabelhaft flüssig ihre Dynamik, transparent ihre Klangschichtungen, immer im Sinne des Gruppenspiels. Insgesamt ein Trio der Superlative, das vom Publikum im ausverkauften Festsaal des Historischen Rathauses mit lang anhaltendem Applaus gefeiert wurde.
Jörg Konrad
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Samstag 12.01.2019
Germering: Franco Ambrosetti Quartet – Botschaften und Bekenntnisse
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Fotos: Thomas J. Krebs
Germering. „Seit mittlerweile über fünf Jahrzehnten wird dieser Schweizer mit der italienischen Lebensart – und der stets gelassen stilvollen italienischen Kleidung – international geschätzt als Jazz-Solist mit konturenscharfem, temperamentvollem Spiel, das hohe Kontrolle mit musikalischem Feuerwerk vereint“ schreibt Roland Spiegel im Vorwort zu der 2018 erschienenen Autobiographie „Zwei Karrieren – Ein Klang“ von Franco Ambrosetti. Der Trompeter gehört zu den ganz wenigen europäischen Musikern, die über Jahrzehnte auch im Mutterland des Jazz, in den USA, einen ausgezeichneten Ruf haben. Davon zeugen neben ungezählten erfolgreichen Gastspielen auch viele Einspielungen in renommierten Tonstudios mit herausragenden Solisten, wie Michael Brecker, Geri Allen, Phil Woods, Steve Coleman, John Scofield und vielen vielen anderen.
Doch nie hat Franco Ambrosetti dabei die Bodenhaftung verloren, hat sich von Arroganz oder Selbstzufriedenheit leiten lassen. Bis heute ist er für neue musikalische Herausforderungen und Situationen offen.
Am gestrigen Freitag war der 78jährige Tessiner mit dem Weilheimer Saxophonisten Johannes Enders, dem in Graz lebenden Organisten Renato Chicco und dem steirischen Schlagzeuger Christian Salfellner in der Germeringer Stadthalle zu Gast. Das Quartett präsentierte ein klassisches Jazzkonzert der Superlative. Hardbop in Vollendung. Moderner Mainstream, nie spektakulär, aber reich an Substanz und überzeugend in der Form.
Wenn eine Jazzband erst wenige Stunden vor einem Konzert zusammenkommt, einigt man sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf zumindest einige Standards. In diesem Fall waren die Säulen des Abends „Autumn Leaves“, „My Foolish Heart“ und „I`ll Remember April“. Drei Klassiker, in denen die Musiker, speziell Ambrosetti und Enders, ihre langlinigen Improvisationen entfalten, ihrer Eleganz und Sensibilität Ausdruck geben konnten. Wunderbar geschmeidig das Zusammenspiel, das Umschmeicheln der Themen, die Variationen der melodischen Vorgaben. Johannes Enders formte am Tenor seine mitreißenden Soli mit einer gewissen Angriffslust, die sich im Laufe des Konzertes noch steigerte. Spannend und intelligent seine Dramaturgie, tief und warm sein Sound.
Franco Ambrosetti, ausschließlich auf dem Flügelhorn, war, ist und bleibt ein Meister der zurückhaltenden, weichen, dabei aber immer prägnanten Formulierung. Seine Interpretation der alten Filmmelodie „My Foolish Heart“ von Victor Young gehörte zu den ergreifendsten Momenten. Balladenkunst wie man sie anregender und souveräner nur ganz ganz selten hört. Er beherrscht die melodiöse Eleganz ohne kraftmeiernde Muskelspiele und setzt jeder Interpretation improvisatorische Glanzlichter auf.
In Renato Chicco und Christian Salfellner besaß das Quartett ein überzeugendes Rhythmusgespann. Sie beide boten fundamentale Sicherheit und forderten gleichzeitig heraus, sie steuerten überraschende Tempo- und Stimmungswechsel perfekt, führten mit Esprit auch durch Kompositionen, die diese Besetzung so zuvor noch nicht gespielt hat („Silli In The Sky“ und „Billy Rubin“). Und Chicco glänzte zudem mit solistischen Botschaften und Bekenntnissen, die der Musik insgesamt eine eigenwillige, wie originelle Färbung gab. Eine prächtige Eröffnung der mittlerweile 15. Saison der Reihe JAZZ IT.
Jörg Konrad
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Samstag 22.12.2018
Germering: Marialy Pacheco – Glückliches Publikum
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Fotos: Thomas J. Krebs
Germering. Die Annäherung zwischen Jazz und lateinamerikanischer Musik leitete in den 1940er Jahren kein geringerer als Dizzy Gillespie ein. Der Trompeter war auf ständiger Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen. Natürlich war ihm der Swing zu profan und selbst der hochkomplexe Bebop, zu dessen Entwickler-Crew er gehörte, schien ihn nicht mehr sonderlich zu fordern. Mario Bauza, der Orchesterleiter, brachte 1947 Gillespie mit dem kubanischen Perkussionisten Chano Pozo zusammen - der Urknall dessen, was sich seitdem „Afro Cuban Jazz“ nennt, erweiterte von da an den Kosmos des Jazz enorm. Unter diesem Eitikett sind in den folgenden Jahrzehnten aus kubanischen Orchestermusikern Starsolisten geworden, die diese Musik mit großem Erfolg und bis heute hinaus in die Welt tragen.
Marialy Pacheco gehört der jüngeren Generation dieser hochvirtuosen Klangmagier an. Die in Havanna geborene Pianistin hat schon als Kind die Musik ihrer Heimat aufgesogen, versteht (auch durch ein Studium) eine ganze Menge von der europäischen Klassik und hat sich fast gleichzeitig sehr intensiv mit der führenden Riege der Klavier spielenden Jazzmusiker beschäftigt. All diese Einflüsse, Studien und Trainingsstunden zusammengenommen befähigen Marialy Pacheco, die Klavierliteratur ad hoc aus dem Ärmel zu schütteln. Wer die Kubanerin mit heutigem Wohnsitz Deutschland gestern Abend in der Reihe JAZZ IT in der Germeringer Stadthalle erlebt hat, kann sich einfach nur glücklich schätzen.
Die Pianistin blüht auf der Bühne, an ihrem Instrument sitzend, physisch und mental regelrecht auf. Sie besitzt die seltene Gabe, Musikstile nicht als abgeschottete, begrenzte Ausdrucksformen zu begreifen und zu interpretieren. Ihr persönliches Wesensmerkmal ist die Freiheit, über Gräben und Grenzen hinweg zu kommunizieren. Egal ob Schlaflied, Funk, Blues oder freie Improvisation. Alles Piano! - schallt es durchgängig von der Bühne. Die Ideen perlen nur aus ihr heraus. Sie arbeitet an der Tastatur beinahe gegenläufig, verschiebt die Melodik, sprengt die Harmonik, zerlegt den Rhythmus. Sie verdichtet, bricht auf, spielt mit der Zeit, macht Musik zu einem wirklichen, herzerweiternden Abenteuer. Dabei nutzt sie kühn die Vorlagen ihrer Favoriten, die da heißen Eliseo Grenet, Thelonious Monk und immer wieder Keith Jarrett, pflegt den Wohlklang und die Sperrigkeiten gleichrangig, sie erzählt musikalische Geschichten von der schönen heilen und der traurigen Welt mit Esprit und vereinnahmt das Publikum dabei im Sturm. Ein würdigerer Abschluss einer Konzertsaison ist kaum vorstellbar.
Jörg Konrad
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Sonntag 09.12.2018
Olching: Waleska Sieczkowska & Danzi Duo – Originärer brasilianischer Geist
Olching. Ob sich die Kritikergilde tatsächlich aus gescheiterten Musikerexistenzen zusammensetzt, wie der Volksmund oft behauptet, ist nicht verbürgt. Auf jeden Fall gibt es auch den umgekehrten Karriereweg: Ein musikbegeisterter Zeitgenosse beginnt seine Laufbahn als Kritiker und wird, man glaubt es kaum, später hoch angesehener Komponist. So geschehen bei Ronaldo Miranda. Heute gehört er zu den wichtigsten und populärsten Tonsetzern der zeitgenössischen Klassik in Brasilien.
Von ihm spielten am Sonntag in Olching zur Eleven Eleven-Matinee Waleska Sieczkowska (Violine) und das Danzi Duo, bestehend aus Anderson Fiorelli (Violoncello) und Sofya Gandilyan (Klavier), die „Alternâncias“, übersetzt die Alternativen, ein Stück für Klaviertrio. Und wie es sich für einen in Rio de Janeiro geborenen Komponisten gehört, klangen diese „Alternativen“ unter den Händen von Sofya Gandilyan rhythmisch verspielt und harmonisch vital, mit einem wunderbaren Schuss allgegenwärtiger Melancholie. 
Der kühle, regnerische und vor allem stürmische Sonntagmittag gehörte im KOM allein der brasilianischen Musik. Das heißt: Polyrhythmische Figuren, sonnige Melodien, sinnliche Leidenschaft und folkloristischer Hintergrund. Auf dem Programm standen neben Ronaldo Miranda noch Edmundo Villani-Cortes, Mozart Camargo Guarnieri und (natürlich möchte man ausrufen) Heitor Villa-Lobos.
Von ihm stammte auch gleich das erste Stück an diesem späten Vormittag, Choro Nr. 5-Alma Brasileira für Solo Klavier. Eine wunderbar leichte, unbeschwerte Musik, die kompositorisch schon alle jene Zutaten aufwies, die in den nächsten neunzig Minuten das Publikum so prächtig und abwechslungsreich unterhalten sollten: Folklore und brasilianische Popularmusik, deren Wurzeln in der Musik der brasilianischen Ureinwohner und den klanglichen Überlieferungen von aus Westafrika stammenden Sklaven liegen, plus den klassischen Vorgaben europäischer Komponisten. Diese Musik hat verständlicherweise einen völlig anderen Puls, wirkt offener und vielseitiger, erstrahlt in einer gelebten Toleranz. Eine ergreifende Schwere und radikale Förmlichkeit geht ihr ebenfalls ab. Dafür bestach der breite Farbreichtum und die Klangpracht. Hier floßen Bewegungen und Stile wie von selbst zusammen, ja ineinander. Eine elitäre oder blasiert wirkende Nabelschau suchte man vergebens. Im Gegenteil. Manchmal könnte man meinen, es handelte sich um den „Klang der Hinterhöfe“, wie ihn Sidney Molina einmal nannte, oder den Sound der riesigen Urwälder, die den originären brasilianischen Geist atmen. Wie zum Beispiel in den Miniaturen Edmundo Villani-Cortes, der zwischen feurigen, explosionsartigen Tänzen und wehmütigem Kolorit wie selbstverständlich wechselte.
Alle drei Musiker/-innen fanden immer die richtige „seelische Temperatur“ für die einzelnen Stücke. Bei ihnen faszinierte die Unbefangenheit, mit der sie sich dem gesamten kompositorischen Material stellten, ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie solistisch brillierten und dann wieder im Gruppenspiel glänzten. Faszinierend wie präzise sie mit den Tonrepetitionen und flinken Dreiklangsbrechungen umzugehen verstehen. Alle drei beherrschten die Ausdruckspalette ihrer Instrumente atemberaubend souverän.
Das letzte Konzert der diesjährigen Matinee war somit der Vorurteilslosigkeit, der Toleranz und der Natürlichkeit gewidmet. Ein Fest des Lebens - besser kann eine Saison zum Jahresende kaum ausklingen.
Jörg Konrad
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Donnerstag 06.12.2018
Landsberg: Bugge Wesseltoft - Die Dramatik liegt im Detail
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Foto: TJ Krebs jazzphotoagency@web.de
Landsberg. Am Mittwoch gastierte nach Tord Gustavsen am Wochenende der nächste Skandinavier in Landsberg: Bugge Wesseltoft, Jahrgang 64, von Beruf Pianist. Er spielt aber, wenn`s drauf ankommt, auch perfekt das Rhodes, den Prophet 5, Synthesizer, Live Electronics, Percussion. Seltener hingegen singt er. Selbst im gut sortierten Plattenladen ist er nicht immer leicht zu finden. Denn mal spielt er Jazz, mal spielt er Klassik, mal findet man ihn unter EDM (Electronic Dance Music), mal unter Worldmusic. Und einmal im Jahr liegt ein Album von ihm in jeder gut sortierten Weihnachtsdeko. Letzteres nun schon seit über zwei Jahrzehnten. Denn 1997 erschien sein Dauerbrenner „It`s Snowing On My Piano“ (Act) der jährlich neue Käufer und Fans des Pianisten findet.
Wenn er dieses jahreszeitlich klar umrissene Programm im Konzert präsentiert, dann reicht dem Norweger ein Flügel und ein aufmerksames Publikum. Das Repertoire hierfür hat Wesseltoft seit seiner Kindheit im Kopf: „In Dulce Jubilo“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Deilig Er Jordan“ und als Zugabe „Stille Nacht“. Nur klingen diese weihnachtlichen Evergreens bei ihm wie in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit gespielt. Er löst sozusagen fest eingebrannte Koordinaten auf, steckt mit Traditionen neue Areale ab.
Wie hingetupft kommen die Noten, weit verzögert die Melodie. Manchmal dauert es auch eine Weile, bis man den Song überhaupt erkennt. So sparsam sind die Harmonien gesetzt, so zaghaft kommen die Themen zum Vorschein. Wesseltoft zerlegt das weihnachtliche Miteinander, blickt unter die festlich glänzende Oberfläche dieser Songs und schneidert ihnen musikalisch ein neues, ein sehr persönlichen Gewand. Es ist eine Art klangliche Befreiungsaktion und macht deutlich, das Revolutionen nicht unbedingt mit Lautstärke und überbordendem Temperament einhergehen müssen. Die Dramatik liegt im Detail. Das Publikum jedenfalls ist wie narkotisiert von dieser Stille, von dieser spürbaren Intimität. Und selbst größte Weihnachtsmuffel bekommen in solchen Augenblicken feuchte Augen.
Um die Stimmung ein wenig aufzulockern spielte Wesseltoft noch drei Coversongs aus seinem Album „Ecerybody Loves Angels“. Und egal, ob er „Bridge Over Troubeld Water“, „Blowing In The Wind“ oder „Let It Be“ interpretiert: Er bleibt sich an diesem Abend treu, sucht die stille Variante der Kommunikation, macht das Klavier zu einem weihevollen Instrument, das an diesem Abend mehr für die klanglichen Mikrostrukturen zuständig ist. Zwischen höchster Konzentration und lyrischem Sichgehenlassen.
Vielleicht hilft an dieser Stelle der Geist von Karlheinz Stockhausen weiter, der einmal sagte: „Je mehr Menschen sich nach vorgegebenen Formen, Leitbildern, Klischees sehnen, um so einmaliger, unwiederbringlicher, esoterischer muss die Form werden.“ Und wenn eben das ganze Forum auf ganz eigenwillige Weise am Ende eines solchen Musikabends mitsingt, scheint das Ziel erreicht. Dann an dieser Stelle schon mal: Frohes Fest!
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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