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Start: Freitag 29.06.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 27.01.2019
München Haus der Kunst: Generations Part 2 - Künstlerinnen im Dialog
Bilder
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Generations Part 2
Künstlerinnen im Dialog 

Die Werke von Frauen haben in der Sammlung Goetz seit Beginn einen besonderen Stellenwert. So wurden wichtige Einzelpositionen wie Yayoi Kusama, Rosemarie Trockel, Mona Hatoum oder Gruppierungen wie die Young British Artists schon früh aufgebaut und über die Jahre hinweg durch Neuerwerbungen erweitert. In ihrer Sammelleidenschaft ließ sich Ingvild Goetz von ihrem Interesse an gesellschaftspolitischen Themen, formal-ästhetischen Fragestellungen sowie künstlerischen Materialien leiten und blieb dabei stets für Neuentdeckungen offen. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens präsentiert die Sammlung Goetz eine dreiteilige Ausstellung im eigenen Museum und im Haus der Kunst, die dem künstlerischen Schaffen von Frauen gewidmet ist und ihre Werke in einen generationsübergreifenden Dialog stellt.

Im zweiten Teil der Ausstellung im ehemaligen Luftschutzkeller des Haus der Kunst stehen die Erkundung des Körpers, das Ausloten seiner Grenzen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität, Geschlecht und Identität in bewegten Bildern im Zentrum. Denn Videotechnik wird bereits seit ihren Anfängen als künstlerisches Medium zur Selbstreflexion und Dokumentation von Performances eingesetzt. Gezeigt werden Fotografien, Filme und Installationen von Künstlerinnen aus den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. 

Der Experimentalfilm „Kusama‘s Self-Obliteration“ (1967) dokumentiert die Performances und Nackt-Happenings, die Yayoi Kusuma in den 1960er-Jahren in New York aufgeführt hat. Leitmotiv der japanischen Künstlerin sind die Polka Dots, mit denen sie Menschen, Tiere und ihre Umgebung bedeckt. Ähnlich den spirituellen Vorstellungen des Buddhismus sind sie eine Metapher für die persönliche Entgrenzung und der Idee, eins zu werden mit dem Universum. „Kusama‘s Self Obliteration“ spiegelt den Geist der Hippie-Generation, die sich von den Zwängen bürgerlicher Lebens-, Sexual- und Moralvorstellungen befreien wollte. Begleitet von einem esoterischen Sound, beschleunigt oder verlangsamt der Film einzelne Sequenzen, arbeitet mit Überblendungen und Zoom-Effekten, sodass sich die Bilder gleichsam aufzulösen scheinen.

Die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist erkundet auf eine spielerisch-sinnliche Art den menschlichen Körper und sein Lustempfinden. In ihrem Film „Pickelporno“ (1992) verfolgt sie das Liebesspiel zwischen einem Mann und einer Frau aus der Perspektive des Sexualpartners. Extreme Close-Ups von intimen Körperregionen wechseln sich ab mit Naturaufnahmen und psychedelischen Bildern. Durch die digitale Nachbearbeitung des Filmmaterials, ungewohnte Blickwinkel und eine intensive Farbigkeit versucht die Künstlerin, die körperliche Erregung sichtbar zu machen. Ein wesentliches Gestaltungselement ist die Filmmusik, die das Geschehen zu einem Höhepunkt treibt.

Den nackten Menschen in seiner Verletzlichkeit und Widersprüchlichkeit präsentiert die polnische Künstlerin Aneta Grzeszykowska. Ihr eigener Körper ist dabei nicht nur der Ausgangspunkt ihrer Arbeit, sondern dient ihr auch als künstlerisches Material für ihre Performances. Gleich zu Anfang des formal reduzierten Schwarzweißfilms „Headache“ (2008), sieht man die junge Frau, wie sie eine aus ihrem Mund heraushängende Lunte entzündet. In den folgenden Sequenzen erweckt sie dann den fragmentierten Körper mittels Trickfilmtechnik und Computeranimation in einem absurden Ballett zum Leben. Die einzelnen Körperteile finden dabei nicht zu einer Einheit, sondern werden zu widerstreitenden Elementen. 

Die rumänische Künstlerin Geta Brătescu arbeitete unter dem repressiven kommunistischen Regime lange Zeit im Verborgenen. Aufgrund der Einschränkungen durch die politische Situation konzentrierte sie sich auf den eigenen Körper als Gegenstand ihrer künstlerischen Praxis. In der Einsamkeit ihres Ateliers inszenierte sie Performances, die sie mit der Filmkamera oder fotografisch dokumentierte. Die Hände spielten dabei als künstlerisches Material und Medium eine besondere Rolle. So auch in dem Video „2 x 5“ (1993), in dem sie mit Neugierde die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer vom Alter gekennzeichneten Hände erkundet.

Um geschlechtliche Ambivalenz geht es in dem Video „Knackered“ (1996), der britischen Film-Regisseurin Sam Taylor-Johnson, das eine junge Frau nackt in schonungsloser Beleuchtung zeigt. Fast unbeweglich steht sie aufrecht mit herabhängenden Armen frontal zum Betrachter. Nur ihre Lippen bewegen sich wie zum Gesang. Doch nach wenigen Momenten wird deutlich, dass die Stimme, die zu hören ist, nicht von ihr stammen kann. Es handelt sich vielmehr um die Aufnahme eines gregorianischen Klageliedes, das der letzte bekannte Kastrat Alessandro Moreschi um die Jahrhundertwende im Vatikan gesungen hat. Durch die Verbindung eines androgynen Frauenkörpers mit der hellen Stimme eines Entmannten konstruiert Taylor-Johnson mit ihrem Video eine vieldeutige, irritierende Situation. 

Buchstäblich ins Innere des Körpers führt uns die Installation „Deep Throat“ (1996) der libanesischen Künstlerin Mona Hatoum. Sie projiziert auf den Teller eines gedeckten Tisches die endoskopischen Bilder einer Magenspiegelung. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Pornofilmklassikers, in dem die Hauptdarstellerin ausschließlich beim Oralverkehr sexuelle Lust empfindet. Hatoum verbindet diese männliche Wunschvorstellung mit den Bildern einer medizinischen Kamera, die nicht sexuell stimulieren, sondern Ekel hervorrufen. 

Kuratiert von Cornelia Gockel und Susanne Touw 

Mit Werken von Geta Brătescu, Nathalie Djurberg, Tracey Emin, Aneta Grzeszykowska, Mona Hatoum, Sam Taylor-Johnson, Yayoi Kusama, Ulrike Ottinger, Pipilotti Rist und Rosemarie Trockel

HAUS DER KUNST
PRINZREGENTENSTRASSE 1
80538 MÜNCHEN


Abbildungen:

Sam Taylor-Johnson
Knackered (Filmstill), 1996
1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton)
© (Sam Taylor-Johnson) VG BILD-KUNST Bonn, 2018
Courtesy Sammlung Goetz, München

Mona Hatoum
Deep Throat, 1996
1-Kanal-Multimedia-Videoinstallation (Farbe, ohne Ton), Tisch mit Monitor
© the artist
Courtesy Sammlung Goetz, München
Foto: © (Wilfried Petzi) VG BILD-KUNST Bonn, 2018
Start: Freitag 14.09.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 27.01.2019
München Haus der Kunst: Jörg Immendorff - Für alle Lieben in der Welt
Bilder
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Jörg Immendorff: Für alle Lieben in der Welt

Haus der Kunst München
Ausstellung vom 14. September 2018 bis 27. Januar 2019

Die Ausstellung schlägt den vollständigen Bogen von Immendorffs Anfängen an der Akademie über die gesellschaftspolitisch-agitatorische Werkphase der 1960er bis frühen 1980er-Jahre hin zu den allegorisch verschlüsselten Gemälden der letzten Schaffensperiode. Statt streng der Chronologie zu folgen, sind die nahezu 200 Werke und Skulpturen in dieser Retrospektive in Kapitel gegliedert und zeigen so die entscheidenden Schwerpunkte der Werkentwicklung.  Das Gemälde eines Babys mit roter Haut und Blumenstrauß aus dem Jahr 1966 gab der Ausstellung den Titel: „Für alle Lieben in der Welt“. Es ist Teil einer umfangreicheren Serie, die Babies unterschiedlicher Herkunft zeigt, pausbäckig und lachend, auf Einfachheit getrimmt „als Zeichen für Liebe und Frieden“ (Jörg Immendorff).

Mit seiner damaligen Lebensgefährtin Chris Reinecke verwirklichte Immendorff (1945-2007) von 1968 bis 1970 unter dem Etikett „Lidl“ neodadaistische Kunstaktionen. Für „Lidl“ – ein Fantasiebegriff der, mehrmals wiederholt, das Geräusch einer Babyrassel nachahmt – luden Immendorff und Reinecke in einen angemieteten Ausstellungsraum in der Düsseldorfer Altstadt und führten Happenings auf. Bei einer dieser Aktionen beschoss Immendorff, bekleidet mit Babymaske und Höschen, aus einer Pappkanone das Publikum mit Papierkügelchen, die Botschaften trugen wie „hapmi lieb“, oder auch, erneut, „Für alle Lieben in der Welt“.  Die Provokation bestand genau darin, dass Immendorff und Reinecke mit „Lidl“ den Themen Vietnamkrieg, Wettrüsten, Atomkraft und Umweltaktivismus, mit denen die Studentenrevolution atmosphärisch aufgeladen war, etwas betont Kindliches, Verspieltes entgegenhielten.

Hinter dieser vermeintlichen Naivität gab es konkrete Bezüge zum Zeitgeschehen. Mit „Sport-Lidl“-Wettkämpfen beispielsweise protestierten Immendorff und Reinecke 1969 gegen die Olympischen Spiele, die 1972 in München ausgetragen werden sollten: Reinecke in der Disziplin Weitsprung, Immendorff in 100-Meter-Lauf.  Während seiner Ausbildung an der Akademie in Düsseldorf erfuhr Immendorff besondere Förderung durch Joseph Beuys, der dem erst zwanzigjährigen Schüler eine Ausstellung bei Schmela in Düsseldorf vermittelte. Immendorff seinerseits war von „seinem Professor, dessen Ausstrahlung, dem von ihm propagierten Freiheitsbegriff und dessen Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft der Kunst tief beeindruckt“ (Harald Szeemann) und brachte dies in seinen Gemälden durch Bezüge zum Beuys’schen Werk zum Ausdruck („Kleine Reise [Hasensülze]“, 1990). In dem 1978 begonnenen Zyklus „Café Deutschland“, der auf 19 großformatige Gemälde anwuchs, ist Beuys selbst präsent, ebenso andere bekannte Persönlichkeiten aus Ost und West, samt ihren jeweiligen Machtsymbolen.

Diese Szenen mit Bertold Brecht, Helmut Schmidt, Erich Honecker und A.R. Penck in einem Café als utopischer Begegnungsstätte leuchtete Immendorff dramatisch aus wie expressionistische Theaterstücke.  Politisch motivierte Gemälde bilden einen weiteren Komplex der Ausstellung. Sie spielen ebenfalls mit formalem Dilettantismus und enthalten direkte Aussagen zum politischen Tagesgeschehen der Bundesrepublik. Der Mauerfall würde sich nicht durch die Politik herbeiführen lassen, sondern müsse durch das Volk angestoßen werden, glaubte Immendorff. In seinem Werk hatte er die ‚Naht‘ zwischen Ost und West zum Thema erhoben. Am 9. November 1989 wurde dieser Teil seines Werks über Nacht historisch. Immendorff avancierte zum visionären Maler der deutschen Teilung und Wiedervereinigung. Themen und Tonlage ändern sich mit einer 1998 diagnostizierten Nervenkrankheit, die Immendorff auch zu einer veränderten Malweise brachte; er führte zuletzt den Pinsel nicht selbst, sondern die Regie über die Bildgestaltung. Seine Frau Oda Jaune, selbst eine bekannte Künstlerin, sagt über diese Entwicklung, Immendorff habe zwei Hände verloren, jedoch acht gewonnen.

In diese Phase gehören Schlüsselwerke wie „Letztes Selbstporträt I - Das Bild ruft“ (1998), das Hans Baldung Grien entliehene Vanitas-Motiv einer auf zwei Weltkugeln balancierenden Läuferin („Ohne Titel“, 2000) und „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“ (2007). Aus dem Spätwerk sind die politischen und gesellschaftlichen Botschaften allmählich entwichen.

Haus der Kunst München
Prinzregentenstraße 1
80538 München

Abbildungen:

Jörg Immendorff
Eßt deutsche Äpfel, 1965
Dispersionsfarbe auf Leinwand
100 x 100 cm
Sammlung Wild, Heidelberg
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Jörg Immendorrf
Hört auf zu malen, 1966
Kunstharz auf Leinwand
135 x 135 cm
Collection Van Abbemuseum, Eindhoven
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Jörg Immendorff
Selbstbildnis, 1980
Öl auf Leinwand
150 x 150 cm
Slg. Stoffel c/o
Pinkothek der Moderne, München
© Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Start: Samstag 15.09.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 25.11.2018
Dachau Neue Galerie: Mojé Assefjah / Anne Sterzbach
Bilder
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Mojé Assefjah / Anne Sterzbach

Neue Galerie Dachau
Ausstellung vom 15. September bis 25. November 2018

Die in Teheran geborene Mojé Assefjah (*1970) verbindet in ihren Bildern westliche und östliche Bildtraditionen. In Anknüpfung an die italienische Frührenaissance schafft sie mit breitem Pinselstrich in traditioneller Eitemperamalerei in subtiler Farbgebung Landschaften zwischen Figuration und Abstraktion. Ihre Bilder spannen einen Rahmen auf, durch den man wie durch ein Fenster in einen Bildraum blickt, in dem sich fließende Formen entfalten.
So opulent die Bilder Assefjahs erscheinen, so zurückgenommen wirken dagegen die Installationen der Nürnberger Künstlerin Anne Sterzbach (*1969), die sich nichtsdestoweniger in Ihrer Eigenart behaupten. Ihre mit minimalem Materialaufwand hergestellten, oft aus alltäglichen Kleinigkeiten aus dem Kurzwarenhandel bestehenden Installationen auf Wänden und Boden reagieren auf den Raum wie auf die Bilder Assefjahs und setzen farbige Akzente, Linien, Impulse. Ihre sorgfältig ausbalancierten und äußerst präzisen Setzungen wirken klar und geordnet, ja puristisch, verwandeln den Raum vollständig und entfalten eine ungeahnte Poesie.

Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau

Abbildungen:
Fotos Anne Sterzbach: Annette Kradisch
Start: Samstag 29.09.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 03.02.2019
Buchheim Museum: SCHMIDT-ROTTLUFF. FORM, FARBE, AUSDRUCK!
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SCHMIDT-ROTTLUFF. FORM, FARBE, AUSDRUCK!

Ausstellung Buchheim Museum Bernried
Vom 29. September 2018 bis 03. Februar 2019

Unmittelbar und unverfälscht" – so wird im „Brücke“-Programm von 1906 die eigentümliche Ausdrucksform der Künstlergruppe beschrieben. Keines ihrer Mitglieder hat dieses Motto so kompromisslos umgesetzt wie Karl Schmidt-Rottluff. Von einer „erschreckenden Konsequenz" sei seine Kunst, meint „Brücke“-Chronist und Museumgründer Lothar-Günther Buchheim bewundernd; und Fritz Bleyl, Gründungsmitglied der „Brücke“, erkennt schon früh, dass der stattliche, bebrillte junge Mann über die malerische „Pranke des Löwen“ verfüge. Diesem epochalen Großmeister des Expressionismus widmet das Buchheim Museum nun eine umfangreiche Retrospektive der besonderen Art.

Dank des Zusammentreffens der Sammlungen Gerlinger und Buchheim im Buchheim Museum kann der gesamte Schaffenszeitraum von 1899 bis 1974 mit über 200 herausragenden Werken belegt werden. Neben einer Auswahl an 27 Gemälden sind auch 37 Aquarelle, 8 Farbkreidezeichnungen, und weitere Arbeiten auf Papier sowie 20 Schmuckstücke und 8 Skulpturen des farb- und formgewaltigen Künstlers zu sehen.

Die Ausstellung präsentiert zwei eng zusammengehörende Seiten des Phänomens Schmidt-Rottluff: die formal-künstlerische; und die biografisch-persönliche, die bei dem als verschlossen geltenden Künstler bislang weitgehend im Dunkeln lag.

So erleben die Besucher einerseits eine Schule des Sehens, in der die Formen und Farben als Elemente künstlerischen Ausdrucks vor Augen geführt werden: die flirrenden Strichlagen, die der junge, begabte „Brücke“-Mitbegründer dem Repertoire des Impressionismus entnimmt; die „wild erregte, zuckende Pinselschrift“, die laut Buchheim charakteristisch für Schmidt-Rottluffs Phase des „monumentalen Impressionismus“ ist, sowie die klar strukturierten, oftmals konturierten Farbfelder des Expressionismus, die Schmidt-Rottluff, zunehmend seiner malerischen Mittel bewusst, zu Zeichen subjektiven Empfindens verdichtet, und schließlich die bis ins hohe Alter fortwährende koloristische Steigerung der malerischen Wirkungskraft.

Andererseits wird in der Museumsschau die Persönlichkeit vorgestellt, die in der Kunst ihre Ausdrucksmittel findet. Bislang unbekannte Zeugenaussagen vermitteln authentische Einblicke in das Leben des Künstlers, die dieser zu Lebzeiten immer verwehrte. Neben den „Brücke“-Kollegen kommen auch ihm nahestehende Kunsthistoriker und persönliche Freunde zu Wort. Hinter dem erratischen Genius wird so der suchende, ehrgeizige, intelligente, mitfühlende oder liebende Mensch sichtbar, der allenthalben in den Kunstwerken aufscheint – nicht nur im malerischen, zeichnerischen und druckgrafischen Werk, sondern auch in den skulpturalen und kunsthandwerklichen Arbeiten, die oftmals in einem noch viel intensiveren Bezug zum Privaten stehen.

Buchheim Museum
Am Hirschgarten 1
82347 Bernried

Abbildung:
Karl Schmidt-Rottluff, Gehöft im Abendlicht, 1906, Öl auf Karton @ Sammlung Hermann Gerlinger im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
Start: Freitag 05.10.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 20.01.2019
München: Elizaveta Porodina – Smoke and Mirrors
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Elizaveta Porodina – Smoke and Mirrors

Kabinettausstellung im Münchner Stadtmuseum
5. Oktober 2018 – 20. Januar 2019

Die in München lebende Modefotografin Elizaveta Porodina (geb.1987, Moskau) hat sich längst in
den internationalen Hochglanzmagazinen einen Namen gemacht. Ihre skurrilen und schrillen
Inszenierungen für namhafte Modelabels erschienen in der Vogue und im Harper's Bazaar; auf
Instagram kann sie sich über eine große Anzahl von Followern freuen.
Eine Auswahl aus dem vielseitigen Repertoire der Fotografin sind in der Kabinettausstellung
vertreten. Kuratiert von der Sammlung Fotografie, werden Bilder und Werkgruppen zu sehen sein,
die über die reine, angewandte Praxis der Modefotografie hinausgehen. Vielmehr handelt es sich
um Portraits, die von seelischer Zerrissenheit und düsteren Vorahnungen geprägt sind. Porodina
beschäftigt sich in ihren Lichtbildern mit der unüberwindbare Distanz zu ihren Mitmenschen und
Methoden der Verstellung – so nah man sich auch stehen mag, so nah die Kamera auch an ihr
Motiv heran treten kann, sichtbar werden häufig nur die Grenzen. Diese sinnbildliche Barriere
nimmt die Fotografin mit ihren Studiotechniken und Hilfsmitteln auf: um malerische Effekte zu
erzielen verwendet sie milchige und fettige Glasscheiben oder setzt geschickt
Bewegungsunschärfen und Mehrfachbelichtungen ein, um Störeffekte zu erzeugen. Ob Schwarz-
Weiß oder in Farbe, keines ihrer Bilder bietet einen direkten und offenen Zugang zum
Dargestellten und so entwickeln sich die Figuren in ihren Bilder zu Projektionsflächen für
Narrationen, Fanatasien und Selbstreflexionen.
Porodina greift neben surrealistischen Stilelementen, Darstellungsmodi der klassischen
Modefotografie auf, sei es das Licht und die Accessoires eines Edward Steichen oder Techniken
der Bildmanipulation und Verfremdungsstrategien, die an Erwin Blumenfeld erinnern. Mit diesen
teils dadaistischen Anleihen gelingt es Porodina einen eigenen wiedererkennbaren Stil zu
entwickeln, der sich insbesondere durch die intime, träumerische und entrückte Stimmung der
Bilder auszeichnet.

Biografie:
1987 geboren in Moskau, Russland
2000 Umzug nach München
2006 - 2011 Studium und Abschluss in Klinischer Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität
München
2011 - 2013 Studium und Arbeit im Bereich der Psychotherapie in München 
2013 - bis heute Fotokünstlerin und Modefotografin

Ausstellungen:
2016 Helmut Newton Retrospective, FOAM, Amsterdam
2016 Bikini Diaries: Elizaveta Porodina's Dark Iconography, Galerie Max Weber, Berlin
2017 Das Bilderbuch der Elizaveta Porodina, OstLicht, Wien

Kuratorin der Kabinettausstellung:
Katharina Zimmermann, Stipendiatin der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1
80331 München

Abbildung:

Ohne Titel, 2018
© Elizaveta Porodina


Start: Dienstag 09.10.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Donnerstag 07.02.2019
München Lenbachhaus: PHANTASTISCH! Alfred Kubin und der Blaue Reiter
Bilder
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PHANTASTISCH! Alfred Kubin und der Blaue Reiter

Häufig wird der österreichische Zeichner Alfred Kubin (1877-1959) als ein Gründungsmitglied des Blauen Reiter genannt, seine konkreten Beziehungen zu diesem Künstlerkreis sind jedoch so gut wie unbekannt. Die Ausstellung zeichnet erstmals mit einer Fülle von Werken, Dokumenten und Fotografien die komplexen persönlichen und künstlerischen Verflechtungen nach: Es ist fast völlig in Vergessenheit geraten, dass Kubins erste Ausstellung in München und sein berühmtes, aufsehenerregendes Frühwerk mit den drastischen Visionen von Trieb- und Zwangsvorstellungen,die Einblicke „in die Dunkelkammer der modernen Seele” erlaubten, 1904 von Wassily Kandinsky in der Künstlervereinigung Phalanx präsentiert wurde. Fünf Jahre später – Kubin hatte eine Phase des Umbruchs hinter sich, seinen Roman Die andere Seite niedergeschrieben und war von München nach Zwickledt in Oberösterreich gezogen – wurde er 1909 zur Neuen Künstlervereinigung München um Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werfekin hinzugezogen. Auch nach der Abspaltung des Blauen Reiter 1911 wurde Kubin umgehend in einem Brief von Gabriele Münter zum Mitmachen aufgefordert. Jetzt waren es die seelischen, phantastischen und traumhaften Dimensionen, die die Künstlerfreunde an Kubins neuartigen, kalligraphisch flüssigenTuschfederzeichnungen faszinierten. Bei der 2. Blauer Reiter-Ausstellung präsentierte er vielfigurige Szenen, die in beunruhigend irrationaler Weise einen Teppich des Lebens ausbreiten, wobei oft ein geheimnisvolles „Zwischenreich” aufscheint. Es ist diese geistige Dimension, der sich etwa auch Kandinsky, Franz Marc oder Paul Klee in ihren Werken verbunden fühlten.

Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau
Luisenstraße 33
80333 München

Abbildungen

Alfred Kubin
Der Luftgeist, 1912
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Lenbachhaus
© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Alfred Kubin
Eindringlinge, um 1902/03, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Lenbachhaus
© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Start: Sonntag 14.10.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 27.01.2019
Tegernsee: Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied
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Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied

In Zusammenarbeit mit dem Musée Tomi Ungerer - Centre International  de l'Illustration, Musées de la Ville de Strasbourg

Ausstellung vom 14. Oktober 2018 bis 27. Januar 2019

Die Ausstellung „Tomi Ungerer. Der kleine Unterschied“ widmet sich, wie der Titel bereits andeutet, den Beziehungen zwischen Mann und Frau aus Sicht des großen französischen Karikaturisten Tomi Ungerer. Der Künstler wurde schon immer von diesem Thema, welches er mal auf lustige, mal auf satirische Weise behandelt, in den Bann gezogen. Er untersucht das Verhältnis zwischen Mann und Frau sowohl in Bezug auf die Intimität als auch die Gesellschaft. Vor unseren Augen entfaltet sich geradezu ein Krieg der Geschlechter. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass dies meistens zu einer Machtergreifung seitens der Frau führt, das Gegenteil ist seltener der Fall. Der Zeichner erneuert jedoch nur eine Ikonographie, deren Ursprung bis ins Mittelalter zurückreicht. Dieses Thema steht bei „Inside Marriage“, „The Underground Sketchbook“, „Adam & Eva“ oder „The Party“ im Mittelpunkt; Bücher, die in den 1960er Jahren erschienen, als ihr Autor in New York lebte. Tomi Ungerer genießt es in diesen prägnanten Zeichnungen in vollen Zügen: Alle Mittel sind erlaubt, vom schlechten Scherz bis zur Folter.
 
Männer und Frauen treffen jenseits der satirischen Bücher auch in anderen Medien überraschend aufeinander. Sie erscheinen zum Beispiel bei Werbeprojekten, wie den kühnen Plakaten für die Diskothek „Electric Circus“ in New York. Einige von ihnen blieben unveröffentlicht, weil sie, als zu gewagt empfunden, von ihren Auftraggebern abgelehnt wurden.
 
Aber manchmal scheint sich Tomi Ungerer eine Verschnaufpause zu gönnen in der Vision, die er uns von einem Liebespaar gibt. Der Spielplatz ist dann anderer Natur und heißt Erotik. In den Zeichnungen des „Liederlichen Liederbuchs“, eine Parodie auf das berühmte Buch populärer Lieder, die der Zeichner 1975 illustrierte, offenbaren sich Mann und Frau in freizügigen Spielen, die auf einvernehmlichen Handlungen
basieren. Das Kräftemessen ist wie durch Zauberei verschwunden. Auch wenn das Paar offensichtlich ein Hauptmotiv seiner Arbeit ist, ist es die Frau, die den Zeichner wirklich interessiert. „Immer wieder versuche ich, diese seltsamen und starken Wesen zu erforschen“, gesteht uns Tomi Ungerer schelmisch.
 
Dr. Thérèse Willer Chefkuratorin des Musée Tomi Unger er - Centre international de l’Illustration
 
Die Ausstellung, kuratiert von Dr. Thérèse Willer, versammelt 78 Originalzeichnungen und Plakate der Serien „Inside Marriage“, „The Underground Sketchbook“, „The Party“, „Ungerer’s Compromises“, „Adam und Eva“, „Poster Art“,  „Hopp, hopp, hopp. Liederliche Liederskizzen“ und „Das liederliche Liederbuch“.  Die Werke stammen ausschließlich aus der Sammlung des Musée Tomi Ungerer - Centre international de l’Illustration, Strasbourg.
 
OLAF GULBRANSSON MUSEUM, TEGERNSEE
Im Kurgarten 5,
83684 Tegernsee


Abbildung
Tomi Ungerer
ohne Titel
The Underground Sketchbook of Tomi Ungerer vor 1964
© Tomi Ungerer _Diogenes
Start: Dienstag 06.11.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 10.03.2019
München Lenbachhaus: WELTEMPFÄNGER
Bilder
WELTEMPFÄNGER
Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz
Mit Filmen von James und John Whitney und Harry Smith

6. November 2018 - 10. März 2019 Lenbachhaus Kunstbau

Die Ausstellung Weltempfänger. Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz gibt Einblick in eine außergewöhnliche und weitgehend unbekannte Episode der Moderne: Völlig unabhängig voneinander entwickelten Georgiana Houghton (1814–1884) in England, Hilma af Klint (1862–1944) in Schweden und Emma Kunz (1892–1963) in der Schweiz eine jeweils eigene abstrakte, mit Bedeutung hochaufgeladene Bildsprache. Mit großer Ausdauer und Durchsetzungsvermögen folgten sie ihren Überzeugungen; gemeinsam war ihnen der Wunsch, Naturgesetze, Geistiges und Übersinnliches sichtbar zu machen. Zum ersten Mal werden wir ihre äußerst selten gezeigten Werke gemeinsam im Kunstbau des Lenbachhauses präsentieren.Ergänzend werden in der Ausstellung kaum bekannte Filme von den Brüdern James und John Whitney und Harry Smith vorgestellt. Die US-Amerikaner drehten – von verschiedenen okkulten und esoterischen Bewegungen inspiriert – ab den 1940er Jahren abstrakte Experimentalfilme. Sie sind Zeugnisse einer ähnlichen Herangehensweise, die ebenso zu einer neuartigen Bildsprache führte, wenn auch in einem anderen Medium.

Kuratiert von Karin Althaus und Sebastian Schneider

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Victorian Spiritualists' Union, Melbourne, der Hilma af Klint Foundation, Stockholm, dem Emma Kunz Zentrum, Würenlos und mit der Unterstützung von Pro Helvetia


Abbildung

Emma Kunz
Werk-Nr. 020, Foto: Emma Kunz Zentrum, CH 5436 Würenlos © Anton C. Meier
Start: Samstag 10.11.2018; Uhrzeit: 00:00 Uhr
Ende: Sonntag 24.03.2019
Buchheim Museum Bernried: DIX & PECHSTEIN. DER ERSTE WELTKRIEG IN BILDERN
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DIX & PECHSTEIN. DER ERSTE WELTKRIEG IN BILDERN

Buchheim Museum Bernried
Ausstellung vom 10. November 2018 bis 24. März 2019

Die Ausstellung vereint zwei Werkgruppen aus den Beständen des Buchheim Museums: die Aquarellserie »Sommeschlacht« (1917) von Max Pechstein mit 25 Blatt und den Radierzyklus »Der Krieg« (1924) von Otto Dix mit 50 Blatt. Anlass der Ausstellung sind zwei Jahrestage: das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren am 11. November, und das 20-jährige Bestehen der Washingtoner Erklärung, die am 3. Dezember 1998 unterzeichnet wurde. 

Die beiden Ereignisse stehen in mittelbarer Verbindung zueinander. Die durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufenen Traumata gelten als Nährboden des Nationalsozialismus, der den Zweiten Weltkrieg und einen Völkermord unfassbaren Ausmaßes entfesselte. Eine Facette der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist auch der systematisch angelegte Kunstraub. Mehr als 600.000 Werke wurden zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogen. Die Opfer des Raubs waren Juden und andere Verfolgte in Deutschland und in den von den Deutschen besetzten Gebieten. Bereits 1945 wurde der Kunstraub mit der London Charter of the International Military Tribunal als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« eingestuft. Ab Juli 1945 stellte man sich in der Bundesrepublik Deutschland mit den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren auf dem Gebiet der alten Länder dieser Verantwortung und ab 1990 auch auf dem Gebiet der neuen Länder in Form des Vermögensgesetzes. 

Jedoch kam es erst vor 20 Jahren zur Washingtoner Erklärung, in der sich Deutschland gemeinsam mit 43 anderen Staaten verpflichtete, NS-Raubkunst in den staatlichen Kunstsammlungen zu identifizieren, deren ursprüngliche Eigentümer oder deren Erben ausfindig zu machen und eine »gerechte und faire Lösung« zu finden. Die Buchheim Stiftung ist als private Trägerin des Buchheim Museums von Rechts wegen hierzu nicht verpflichtet, erkennt aber die Prinzipien der Washingtoner Erklärung auch für eigene Sammlungsstücke an. 

Dank der Unterstützungen durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern wird seit dem 1. Oktober 2017 am Buchheim Museum systematische Provenienzforschung betrieben. Gegenstand der Recherche ist zunächst die Gemäldesammlung. Konkrete Verdachtsmomente gibt es hier nicht. Doch kann wegen der intensiven Sammeltätigkeit Lothar-Günther Buchheims (1918–2007) unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sowie seinen Käufen bei einschlägigen Händlern und Auktionshäusern nicht ausgeschlossen werden, dass Buchheim auch NS-Raubkunst in seinen Besitz gebracht hat. Im Vorfeld der Ausstellung »Dix & Pechstein. Der Erste Weltkrieg in Bildern« wurde darüber hinaus ein gesondertes, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Provenienzforschungsprojekt zu Pechsteins »Sommeschlacht« und dem Zyklus »Der Krieg« von Dix initiiert, dessen Ergebnisse hier nun zusammen mit den beiden Werkgruppen vorgestellt werden. 


MAX PECHSTEIN, »SOMMESCHLACHT« 
Der Aquarellserie »Sommeschlacht« von Max Pechstein (1881–1955) ist ein einzigartiges künstlerisches Zeugnis des Ersten Weltkriegs. Pechstein selbst ist als Soldat an der Sommeschlacht beteiligt, jener britisch- französischen Großoffensive gegen deutsche Truppen 1916, die keine militärische Entscheidung, doch über eine Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten bringt. Dass er dabei nicht ums Leben kommt, hat er dem Umstand zu verdanken, dass er meistenteils hinter der Frontlinie agiert. 
Eigentlich ist er Infanterist, doch nicht mit der Waffe, sondern zumeist mit dem Pinsel leistet er seinen Kriegsdienst ab. Er hat den Kommandanten zu malen, Karten zu zeichnen und Propagandaplakate zu entwerfen. Im Mai 1917 wird Pechstein schließlich auf ein Gesuch von Bekannten nach Berlin zur Luftwaffe versetzt. Was genau er dort zu tun hatte, ist unbekannt. In jedem Falle ist er nun gänzlich heraus aus den Schusslinien und findet Zeit für künstlerische Arbeit. 
Das Kriegsjahr 1917 ist eines seiner ergiebigsten. Es entstehen 130 Ölgemälde und ähnlich viele Zeichnungen und Aquarelle. Die Motive konzentrieren sich auf die vor dem Krieg getane Südseereise, doch wirft er mit Tuschpinsel und routinierter Hand auch die »Sommeschlacht«-Serie auf das holzhaltige Kriegspapier. 25 Blätter davon sind im Besitz des Buchheim Museums, jedoch gibt es weitere Aquarelle zu dem Thema. 1918 wird Pechstein nach diesen Pinselskizzen, ebenfalls unter dem Titel »Sommeschlacht«, einen Radierzyklus für den Verlag Fritz Gurlitt schaffen. 
Die Aquarelle sind von zeichenhafter Dichte. Die reduzierte Farbpalette konzentriert den Blick auf die wesentlichen Elemente der Schlacht. Das Lehmbraun des Malgrundes, das Nachtschwarz der Tusche sowie das Grasgrün und das Blutrot der Aquarellfarben lassen an Erde, Dunkelheit, Felder und Verletzungen denken. In comicartiger Manier und lockerer Strichführung setzt Pechstein die Konturen, um sie dann sparsam mit Farbe zu umspielen. Die Bilderzählungen orientieren sich teilweise sehr real an dem Geschehen. Dargestellt ist das Ausharren in Gräben und Unterständen, das Marschieren mit schwerem Gerät, der Transport der Verletzten, der Vorstoß bewaffneter Trupps, aber auch das Aufspritzen der Leiber in den Explosionen.
 
Bei dem hier angestellten Vergleich mit Dix’ Kriegszyklus fällt auf, dass bei Pechsteins im Krieg entstandener Serie die Schlacht in ihrem vollen Gange dargestellt wird. Noch ist nichts entschieden. Bei Dix liegt dagegen schon der Modergeruch des Todes über dem Feld. Bei Pechstein wird noch gekämpft. Er lässt den Betrachter teilhaben an seinen Gefühlsregungen zwischen Hoffen und Bangen, denen er auch in Briefen Ausdruck verleiht: Obwohl er »inneren Widerstand gegen den preußischen Kadavergehorsam« verspürt, bemüht er sich, »ein Soldat zu werden so gut es geht«. Der Gedanke, »einen Menschen zu töten«, erscheint ihm »nicht erhebend«, doch verspürt er den Wunsch, den Feinden »Dresche aufs Maul zu geben«. Noch 1917 hofft er, dass die Deutschen »das Rennen doch noch machen«. Einen beispielhaften Unterschied zwischen Pechsteins »Sommeschlacht« von 1917 und Dix’ »Der Krieg« von 1924 bieten auch die Architekturmotive: Während Dix eine Stadt in Trümmern zeigt, entwirft Pechstein einen »Heldenhain«. 


OTTO DIX, »DER KRIEG«
Der Radierzyklus »Der Krieg« von Otto Dix (1891–1969) erscheint 1924 beim Verlag der Berliner Galerie Karl Nierendorf in einer Auflagenhöhe von 70 Exemplaren. Anlass ist das von der pazifistischen »Nie wieder Krieg«-Bewegung ausgerufene »Internationalen Antikriegsjahr«. Das Werk schlägt ein wie eine Bombe. Die ungeschminkte Darstellung der traumatisierenden Geschehnisse widerspricht den damals üblichen Verklärungen des Ersten Weltkriegs.

Während Pechsteins »Sommeschlacht«-Serie von 1917 noch die Hoffnung auf einen höheren Sinn erkennen lässt, zeigt Dix mit gnadenlosem Realismus das wahre Gesicht des Krieges. In den fünfzig Momentaufnahmen finden wir keine Gegner, keine Sieger, keinen Kampf, sondern nur Opfer eines sinnlosen Gemetzels: Verstümmelte, Verreckende, Verendete, Verfaulte, Skelettierte. Wo es um die Darstellung zerfetzter, halbvermoderte Leiber oder entstellter Gesichter geht, nimmt Dix Kriegsfotografien von Hugo Erfurth zu Hilfe. Die Motive entwickelt er jedoch gänzlich aus eigener Erinnerung. 
Dix verfügt über einen reichen Schatz an Kriegserfahrungen. Im Sommer 1914 beginnt er mit seiner militärischen Ausbildung. Ab Herbst 1915 nimmt er als Gefreiter am Stellungskrieg in Frankreich teil. Als MG-Schütze ist er 1916 bei der Sommeschlacht dabei. Im Spätherbst 1917 wird er an die Ostfront geschickt. Nach dem Waffenstillstand mit Russland im Dezember 1917 gelangt er wieder an die Westfront. Das Kriegsende erlebt er, mittlerweile zum Oberfeldwebel befördert, bei der Flugabwehr bei Posen. Nur dank eines erstaunlichen Glücks und eines starken Überlebenswillens kann Dix körperlich nahezu unversehrt den Krieg überdauern. 

In höchstem Maße bemerkenswert ist die Virtuosität, mit der Dix die Schrecken des Krieges ins Bild setzt. Bei dem Grafiker Wilhelm Herberholz in Düsseldorf hat er sich ein breites Spektrum an Radiertechniken angeeignet. So verfügt er über die suggestiven Mittel, unsere Vorstellungskraft in Gang zu setzen, ohne explizit die Geschehnisse abbilden zu müssen. Die meisten Blätter sind eine Mischung aus mehreren Techniken, deren Eigenarten Dix meisterhaft einzusetzen versteht: Die Kaltnadel sorgt mit ihren kraftvoll und spontan gezogenen Schraffuren für dramatische Steigerung; die Aquatinta taucht die Szenerien in halbtoniges Dämmerlicht, aus der Personen, Gegenstände und Landschaften schemenhaft auftauchen; die Ätz-Technik mit ihren aus dem Metall gefressenen Hell-Dunkel-Kontrasten vergegenwärtigt wie von selbst die fleischlichen Zerfallsprozesse der zerschossenen Leiber.  

Die Ausgangssituation für die Recherchen zur Aquarellserie »Sommeschlacht« von Max Pechstein und zum Radierzyklus »Der Krieg« von Otto Dix ist herausfordernd. Für die Museumsbestände, ursprünglich angelegt als Privatsammlung von Lothar-Günther und Diethild Buchheim, wurden keine Inventarbücher geführt. Sonstige Ankaufsunterlagen wurden bisher nur vereinzelt in Buchheims Archivmaterial gefunden. Nichtsdestotrotz wurde das Ziel verfolgt, die Erwerbszeitpunkte durch die Buchheims und die Besitzfrage beider Werkgruppen zwischen 1933 und 1945 zu klären. Neben einer Überprüfung einschlägiger Verlustund Recherchedatenbanken erfolgte eine Untersuchung der Vorder- und Rückseiten der 25 Arbeiten von Pechstein und der 50 Arbeiten von Dix. Die bisher erschlossenen Quellen aus dem Archiv und der Privatbibliothek Buchheim wurden auf Hinweise zu Vorbesitzern untersucht. 


Otto Dix, »Der Krieg«
Der jüngst von Yves Buchheim (geb. 1949) in dem Buch »Künstler, Sammler, Despot. Das Leben meines Vaters« geäußerte konkrete Verdacht, dass Lothar-Günther Buchheim unter anderem ein Exemplar der Kriegsmappe von Dix bei Cornelius Gurlitt Anfang der 1960er-Jahre erworben habe, verlangte nach einer vertieften Recherche zum Erwerb und den Vorbesitzern des in den Beständen des Buchheim Museums befindlichen Mappenwerks »Der Krieg«. 
Das zu untersuchende Exemplar wurde als Nr. 41/70 vom Künstler bezeichnet und signiert. Es ist das einzige vollständige Exemplar, das es heute noch in der Bernrieder Museumssammlung gibt. Die 50 Blätter wurden von Buchheim in den originalen Leinenmappen aufbewahrt und nach Auskunft eines Mitarbeiters nur zur eigenen Freude bisweilen von ihm herausgeholt. Neben diesem Exemplar gab es noch ein zweites in der Sammlung Buchheim, dessen 50 Radierungen für Ausstellungen in Passepartouts montiert waren. Dieses »Ansichtsexemplar« wurde im Rahmen der Versteigerung von Doubletten aus dem Privatnachlass Lothar-Günther und Diethild Buchheim vom Auktionshaus Neumeister 2014 in Bernried zum Verkauf angeboten und 2017 schließlich auf einer Auktion von Christie´s in London verkauft. 
Da bisher in Buchheims Archiv kein Dokument zum Erwerb des Mappenwerks von Dix gefunden werden konnte, mussten sich die Forschungen auf auswärtige Archive und öffentlich zugängliche Materialien stützen. Ein Vertrag vom 23. Juni 1924 dokumentiert, dass Karl Nierendorf (1889 – 1947) verantwortlich war für die Herausgabe und den Verkauf der Radierfolge »Der Krieg« in fünf Mappen mit je 10 Blättern in einer Auflage von 70 Stück sowie 7 hors-de-commerce-Ausgaben. Per Vertrag mussten 3 Probedrucke je Blatt sowie je zwei Mappen an Dix geliefert werden. Zwei Archivexemplare behielt Nierendorf. Einige Exemplarnummern tauchen in den Rechnungsunterlagen der Galerie Neumann & Nierendorf im Nachlass Otto Dix (Nürnberg) auf. Für den Verkauf der Exemplarnummer 41/70 des Buchheim Museums gibt es jedoch – auch im Archiv der Galerie Nierendorf in Berlin – keine Nachweise.
Yves Buchheims Erinnerung an einen Erwerb der Kriegsmappe bei Cornelius Gurlitt konnte im Laufe des Forschungsprojekts weder be- noch widerlegt werden: Der Name Buchheim taucht im Nachlass der Familie Gurlitt am Bundesarchiv Koblenz (Bestand N 1826) in keinem Erwerbskontext auf. Gesichert ist, dass das Buchheim Museum bis 2017 im Besitz von zwei Exemplaren des Radierzyklus »Der Krieg« gewesen ist. Bei der von Yves Buchheim beschriebenen Erwerbung könnte es sich entsprechend auch um das Exemplar handeln, das dann verkauft wurde. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass Buchheim noch weitere Exemplare der Kriegsmappe besessen und im Laufe seines Lebens veräußert hat. 


Max Pechstein, Sommeschlacht 
Mehr Anhaltspunkte für die Forschung ergaben sich bei der Serie »Sommeschlacht« von Pechstein. Die Rückseiten der zu untersuchenden 25 Aquarelle sind alle mit einem Post-Stempel des Münchner Zollamtes versehen. Der Zoll benutzte Stempel dieser Art für die Aus- und Einfuhr von Kunstgütern, da eine Verplombung zu Beschädigungen geführt hätte. Dieser spezielle Stempel wurde zwischen 1920 und 1937 sowie nach 1950 bis mindestens 1971 verwendet. Daraus folgt wenig mehr, als dass die Blätter in den genannten Zeiträumen einmal die Landesgrenze Deutschlands passiert haben müssen. 
Darüber hinaus fand sich zu den Pechstein-Blättern eine Notiz von Diethild Buchheim, dass diese bei Neumeister erworben worden seien. Daraufhin wurden ungefähr 400 Auktionskataloge des Auktionshauses Neumeister in München, ehemals Weinmüller, der Jahre 1948 bis 1998 aus dem Besitz der Buchheims untersucht. Darin fand sich ein handschriftlich markiertes Versteigerungsangebot vom 18./19. März 1964, Los-Nr. 1408: 25 Aquarelle von Max Pechstein, »Sommeschlacht« von 1917. Mit freundlicher Unterstützung des Auktionshauses Neumeister konnte diese Annotation bestätigt werden: Buchheim hatte die 25 Aquarelle im Freiverkauf erworben. Vom Einlieferer ist jedoch nur der Name »Frank« überliefert. Eine Datenbanküberprüfung und Literaturrecherche zu dem Namen führte zu mehreren möglichen Übereinstimmungen, die bisher jedoch noch nicht eindeutig identifiziert werden konnten. 
Das Pechstein-Archiv in Hamburg konnte keine Auskunft zu Vorbesitzern erteilen. Es verwies darauf, dass Geschäftsunterlagen sowohl auf Seiten Pechsteins als auch seines Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt (1888 – 1965) im Krieg verloren gegangen seien. Auch die deduktiven Recherchen im Umkreis von Pechsteins Sammlern sowie Anfragen bei den KUNSTSAMMLUNGEN ZWICKAU/Max-Pechstein-Museum und dem Museum Lentos (Linz/Donau), zu dessen Beständen die Sammlung Wolfgang Gurlitt gehört, erbrachten keine neuen Ergebnisse. 

Fazit Trotz systematischer Recherchen konnten die Provenienzen zwischen 1933 und 1945 weder für den Radierzyklus »Der Krieg« Nr. 41/70 von Otto Dix noch für die 25 Aquarelle »Sommeschlacht« von Max Pechstein eindeutig geklärt werden. Im Falle Pechsteins bleibt die Hoffnung, dass durch die hier betriebene Bekanntmachung des Vorbesitzers »Frank« dessen Identität durch Hinweise von anderen Stellen ermittelt werden kann. Bezüglich Dix könnte die Erschließung des Nachlasses Otto Dix in der Akademie der Künste in Berlin weitere Ergebnisse zutage fördern.

Buchheim Museum der Phantasie
Am Hirschgarten 1
82347 Bernried am Starnberger See

Abbildungen:

Max Pechstein
Granateinschlagaus der Serie »Sommeschlacht«, Blatt 5, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf

Max Pechstein
Verwundetentransportaus der Serie »Sommeschlacht«, Blatt 8, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf

Max Pechstein
»Sommeschlacht«, Blatt 10, 1917
Tusche und Aquarell auf Papier
Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf
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