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1. Maria Kalaniemi & Eero Grundström „Mielo“
2. Bibio „Sleep on the Wing“
3. Florian Favre - Idantitâ
4. Benjamin Moussay „Promontoire“
5. Der Erfinder des modernen Jazz - Zum 100. Geburtstag von Charlie „Bir...
6. Duo Anouschka & Katharina Hack „Shostakovich - Sonatas Op. 40 and Op....
Freitag 10.07.2020
Maria Kalaniemi & Eero Grundström „Mielo“
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Kraftvoll klingt ihre Musik und schwerelos zugleich. Bei aller Melancholie verströmt sie aber auch Heiterkeit und Optimismus. Es gibt Kompositionen, die scheinen für den Tanzboden geschrieben und dann wieder hören wir Klanglandschaften, deren Weite und Gelassenheit beeindrucken.
Maria Kalaniemi studierte Klassik, später auch Volksmusik. Sie spielte schon früh in der finnischen Provinz zu Festbällen, mag Rock'n'Roll (ihr Ehemann Olli Varis war Mitglied einer bekannten finnischen Punkband), Blues und Jazz. Diese bemerkenswerte Offenheit beinhaltet trotz aller stilistischen Farbigkeit aber auch ein Problem. Die Gefahr nämlich, sich selbst zu verlieren, ihre Individualität zugunsten einer schwer zu verortenden Vielfalt einzubüßen.
Die Akkordeonistin aus der unweit der Hauptstadt Helsinki gelegen Kleinstadt Espoo, begegnet diesem Risiko bisher aber recht erfolgreich. Vor einigen Jahren sagte sie in einem Interview: „Das Wichtigste für mich ist, dass Gefühl in der Musik steckt. Du musst nicht der beste Musiker der Welt sein, aber Du musst das gewisse Etwas haben, und das ist nicht einfach. Aber wenn ein Musiker dieses Etwas hat und man fühlt, dass seine Musik etwas im Herzen bewegt – dann ist sie wundervoll.“
Und genau das geschieht auf ihrem neuen Album „Mielo“. Diese Musik kommt aus dem Herzen und berührt mit jedem Ton. Sie ist, trotz aller instrumentalen Versiertheit, eine emotionale Herausforderung, die die Zuhörer regelrecht packt. An der Seele packt. So wird das, was sie spielt, nur mehr schwer mit dem Etikett des unverbindlichen Crossover charakterisiert werden können. Zuviel Innigkeit und, ja, eben zu viel Herz steckt in dieser Musik.
„Mielo“, zu deutsch „Verstand“ hat Maria mit Eero Grundström am Harmonium eingespielt. Und obwohl in beiden Instrumenten eine Unmenge an Melancholie und Sehnsucht steckt, gelingt ihnen ein Dialog der Sinne mit diesem aufgeschlossenen Unterton. Nichts temperamentvoll Ausgelassenes, auch nichts bedrückend Liedhaftes. Maria Kalaniemi & Eero Grundström erzählen ganz einfach Geschichten, die in unterschiedlichsten Stimmungslagen berühren und das Klanggeschehen dabei individuell kolorieren. So ist ein Album für jede Gemütslage, für jede Jahreszeit, für jede Aktivität entstanden.
Jörg Konrad

Maria Kalaniemi & Eero Grundström
„Mielo“
Akerö / Galileo
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Sonntag 05.07.2020
Bibio „Sleep on the Wing“
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Das englische Label WARP ist immer für Überraschungen gut. Und das seit etlichen Jahren. So wundert es nicht, dass schon seit einiger Zeit Stephen James Wilkinson, besser bekannt als Bibio, hier eine musikalische Heimat gefunden hat. Der Multiinstrumentalist und Soundtüftler aus Wolverhampton in Mittelengland bewegt sich stilistisch zwischen allen Stühlen, mit eindeutigen Präferenzen für britische Folkmusik. Aber wer die legendären Boards Of Canada, Daft Punk oder auch Tortoise als seine Inspirationsquellen nennt, ist für manche musikalische Divergenz gut. Zudem bastelt Bibio, etwas abseits vom Szenetrubel, mit Hingabe an sogenannten Field-Recordings. Das sind originale Tonaufzeichnungen von natürlichen Klangereignissen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um Naturaufnahmen, die vom Rauschen des Windes, über die Singstimmen von Vögeln bis hin zu atmosphärischen Impulsen in die insgesamt zehn kurzen Songs von „Sleeping On The Wind“ Eingang gefunden haben.
Aber keine Angst, diese Musik ist von jedem esoterischen oder ökologischen Establishment meilenweit entfernt. Manches klingt eher nach einer Art Zeitreise in die 1970er Jahre, als nicht selten für Musik mit dem Slogan „Back To The Future“ geworben und sämtliche stilistische Grenzbefestigungen mit Wonne und Orginalität überstiegen wurden und sich während dieser kreativen Metamorphosen klanglich neue Ausdrucksformen entwickelt haben.
Bibio besitzt jedoch die einzigartige Gabe, seine Musik eben nicht wie einen zweiten Aufguss längst abgeschlossener Jahrzehnte klingen zu lassen. Bei ihm wirkt die Fusion unter dem Dach des Folk so organisch und in sich geschlossen, als wäre sie heutzutage die normalste Art zu musizieren. Fantasiereich und in Zeiten brodelnder Egomanie einfach beruhigend und schön. Und das darf sein!
Jörg Konrad
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Dienstag 30.06.2020
Florian Favre - Idantitâ
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Der Pianist Florian Favre interpretiert die Freiburger Folklore für einen Videoclip, der am Greyerzersee gedreht wurde.
Mit seinem Flügel auf einer Floßtavillon in Form eines Schweizer Alpenchalets wogend, lässt er seiner Phantasie freien Lauf, indem er Pierre Kaelins traditionelles Stück "Adyu mon bi payi" neuinterpretiert, das er mit einer Jazz-Improvisation voller Poesie bekleidet. Diese Aufführung mit dem Namen "Idantitâ" (Identität im Freiburger Patois) fand am 12. Oktober 2019 in Le Bry, in derGemeinde von Pont-en-Ogoz, statt.
Dieses Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur des Kantons Freiburg und mit der Unterstützung von Fribourgissima -Image Fribourg, den Architekten Agnès Collaud und Jean-Michael Taillebois, dem Tavillonneur Grégoire Gachet, dem Team von metroprod und der Toningenieurin Jessica Ammar realisiert wurde, bietet einen innovativen Blick auf die Traditionen und Landschaften der Region. Diese künstlerische Darbietung, die das Talent eines berühmten Freiburger Pianisten mit der Schönheit der Freiburger Landschaft verbindet, erlaubt es den Besuchern auch, einen Kanton zwischen Tradition und Moderne zu entdecken, einen Kanton, der sich seinerTraditionen nicht schämt, sondern es wagt, sie wieder aufzugreifen,um in die Zukunft zu blicken.
Der Verein zur Förderung des Images des Kantons Freiburg sowie das Amt für Kultur des Kantons Freiburg möchten dank seiner zahlreichen Partner auch die Verbreitung in der Schweiz fördern.

https://www.youtube.com/watch?v=acqQahSMP4E&feature=youtu.be 
 


Idantitâ bietet einen aktuellen, modernen und multidisziplinären Blick auf unsere Folklore und Traditionen und hebt gleichzeitig den Reichtum und die Vielfalt unserer Landschaften hervor. Dieses Projekt lädt den Betrachter zum Nachdenken ein, indem es die Unveränderlichkeit der Tradition zugunsten ihrer Fähigkeit zur Metamorphose, Anpassung, Inspiration und Zugänglichkeit für die heutigen Generationen in Frage stellt und gleichzeitig eine Funktion als Vektor der emotionalen Identifikation beibehält.
Mit dem Satz "Adieu mon beau pays » (Lebe wohl, mein schönes Land) verwirft Idantitâ die Tradition nicht, sondern integriert sie, indem er sich von geschlossenen, dogmatischen Visionen verabschiedet, um sein schönes Land, die Welt von heute, den Fortschritt und mögliche Neuerungen besser "grüßen zu können"

“Tradition is not the worship of ashes, but the preservation of fire.” Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Erhaltung des Feuers.
(Gustav Mahler)

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Freitag 19.06.2020
Benjamin Moussay „Promontoire“
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Fünf Tage saß Aron Ralston im April des Jahres 2003 in einer Felsspalte im Bluejohn Canyon in Utah fest. Ohne eine wirkliche Chance zu haben, gerettet zu werden. Er war durch einen Felsblock eingeklemmt. Erst in dem er sich mit dem Taschenmesser den rechten Arme selbst amputierte kam er frei und rettete sich nach 127 Stunden. Regisseur Danny Boyles (Slumdog Millionär) drehte nach diesem atemberaubenden Geschehen einen Film und als Pianist Benjamin Moussay, selbst Bergsteiger und Alpinist, diesen sah, hatte er sofort die Idee zu einem Song: 127.
Mit diesem wunderbar anrührenden Stück beginnt das Soloalbum „Promontoire“. Der Franzose ließ sich bei einigen Titeln dieser Aufnahme von Orten, speziell von bergigen Landschaften inspirieren. So ist das Titelstück nach einem Punkt in den Vogesen benannt, an dem Benjamin Moussay viel und wichtige Zeit zubrachte und „Monte Perdido“ nach einem Gipfel in den spanischen Pyrenäen.
Moussay lebt auf diesem Album seine lyrische Seite aus. Die zwölf zum Teil kurzen musikalisch fließenden Studien sind das Ergebnis von zurückhaltenden kompositorischen Skizzen, die sich im Laufe der Zeit und in anhaltenden Prozessen der Selbstreflexion immer wieder verändert haben.
Natürlich fließt in die Art des Improvisierens Moussays Spiel in der Band des Klarinettisten Louis Sclavis, dieser „zentralen Lichtgestalten der zeitgenössischen französischen Musikszene“, mit ein. Sclavis hat ihn gelehrt: Alles ist möglich, nur muss es aus dem Herzen kommen. Für Moussay kein Problem. Man spürt in seiner Art des Musizierens eine große Erfahrung, eine dunkle Tiefe, eine spielerische Intensität. Manche seiner interpretierten Stücke klingen wie sparsam hingetupfte Kommunikationsrituale aus der pianistischen Welt. Asketisch, melancholisch, aber entschlossen. Diese Form der wie beiläufigen Innigkeit ist zutiefst sinnlich und Bernjamin Moussay solistisch die Entdeckung der Saison.
Jörg Konrad

Benjamin Moussay
„Promontoire“
ECM
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Freitag 12.06.2020
Der Erfinder des modernen Jazz - Zum 100. Geburtstag von Charlie „Bird“ Parker (1920-1955)
Seine Musik klang 1945 in den Ohren der Kritiker noch falsch und albern. Doch Charlie Parkers Bebop war der Beginn des modernen Jazz. Er sollte Melodik, Harmonik, Virtuosität und die Rollen aller Instrumente im Jazz neu definieren. Aber Bird spielte nicht nur Bebop, er lebte ihn und verbrannte in ihm – ein Märtyrer seiner Musik.

Die Studio-Aufnahmen am 26. November 1945 waren typisch für ihn, den tragischen Helden des Bebop: eine Mischung aus Katastrophe und Triumph. Zwei Pianisten fielen ganz oder teilweise aus, Trompeter Dizzy Gillespie war vertraglich anderswo gebunden, Bandleader Parker selbst kam zu spät und hatte dann auch noch Probleme mit seinem Rico-Blättchen. Ein 19-jähriger Juilliard-Student namens Miles Davis musste also den Trompeten-Part übernehmen, Dizzy half (incognito) hauptsächlich als Pianist aus, dann kamen Drogen und Mädchen ins Spiel, und alles ging drunter und drüber.

Titel der Veranstaltung: „die größte Aufnahme-Session in der Geschichte des modernen Jazz“ – so die Werbung der Plattenfirma Savoy. Parker-Biograf Ross Russell spricht von der „definitiven Session, zu der der Bop hingestrebt hatte“.

Es war die erste Studio-Session unter Charlie Parkers Namen. Davor war der größte Revolutionär des Jazz auf Platten nur als Sideman zu hören gewesen, zum Beispiel in Jay McShanns „Hootie Blues“. Sein 12-taktiges Altsolo zwischen Ensemble-Teil und Gesang wirkte auf dieser B-Seite von 1942 noch wie ein bizarres Raumschiff, gestrandet mitten in der Sierra Nevada: fremdartig, faszinierend, hochkomplex und unbegreiflich.

Wenn McShanns Band im Radio spielte, rätselten die Hörer: Wer konnte auf dem Saxofon so schnell und gleichzeitig so logisch improvisieren? Wenn die Band im New Yorker Savoy Ballroom auftrat, strömten die Musiker scharenweise in die Konzerte, um diesen Charlie Parker auszuchecken.

Man war sich einig: Der 21-Jährige aus Kansas City spielte wie Lester Young – nur eben auf dem Altsaxofon, doppelt so schnell und harmonisch völlig rätselhaft. Seit Jahren schon hatte er diesen eigenen Ton, ganz anders als die süßlichen Swing-Altisten, sachlich, klar, mit wenig Vibrato, und sein Ziel war es offenbar, schnellere Läufe hinzukriegen als Art Tatum am Klavier.

Dieser Parker besaß die Statur eines kräftigen Arbeiters und schwere, trainierte Hände, eine gewaltige Lungenkraft und die flinken Finger eines Trickzauberers. Er konnte auf jedem Saxofon, das ihm irgendwer lieh, sofort loslegen und übertönte mühelos jede Big Band. Jeder seiner Chorusse klang so prägnant und geschlossen, als wäre er ausgearbeitet und geübt. Er meisterte schwierige Arrangements auswendig und neue Solo-Partien ohne zu proben.

Im Sommer 1942 beschloss Parker, McShanns Band zu verlassen und in New York zu bleiben. Gleichzeitig begann der Recording Ban der Musikergewerkschaft AFM, der bis Ende 1944 Plattenaufnahmen untersagen sollte. Dadurch vollzog sich die Geburt des modernen Jazz nahezu undokumentiert – beinahe wie in einem Weltraum-Laboratorium ohne Funkkontakt zum Planeten Erde.

Das Spacelab hieß Minton's Playhouse und war über Harlem hinaus für seine schwarze Soul-Food-Küche bekannt – mit traditionellen Südstaaten-Köstlichkeiten wie Barbecued Ribs, Fried Chicken, Sweet Potatoes oder Red Beans & Rice. Der Drummer Kenny Clarke leitete dort die Hausband, am Klavier saß ein gewisser Thelonious Monk, und die Jazz-Prominenz ging ein und aus, ließ sich das Essen schmecken, lieferte sich große Schlachten auf der Bühne und probierte Neues aus. „Um 1943 war jeder am Experimentieren“, erinnert sich der Klarinettist Tony Scott, „aber noch niemand hatte einen festen Stil. Es war Bird, der die Dinge ins Rollen brachte.“ Und Minton's Forschungsleiter „Klook“ Clarke bestätigt: „Bird ging denselben Weg wie wir, aber er war uns weit voraus.“

Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Thelonious Monk und Kenny Clarke – das war die Urzelle des Bebop. Minton's Hausband wurde zur Szene-Clique mit eigenem Slang, behandelte ihre Entdeckungen bald wie eine Geheimwissenschaft und machte Unbefugten den Zugang – sprich: das Einsteigen und Jammen – schwer. Man spielte die Jazz-Standards mit erweiterten Akkordfolgen, mischte die Changes verschiedener Stücke miteinander oder schrieb komplizierte Riffs und Bop-Themen über das Gerüst der alten Songs.

Aus „Cherokee“ machte Bird sein „Ko Ko“, aus „Honeysuckle Rose“ entstand „Marmaduke“, aus „Embraceable You“ wurde „Quasimodo“. Über die Harmonien von „I Got Rhythm“ (die sogenannten „Rhythm Changes“) schrieb er ein ganzes Dutzend Kompositionen, über den Blues erfand er Themen und Improvisationen ohne Ende.

Überhaupt der Blues: Ihm gab Bird sein zeitgemäßes, sein modernes Gesicht. Der Blues erinnerte ihn an seine Herkunft aus Kansas City, wo er jede Nacht Lester Young zugehört hatte, der liebevoll wie kein anderer den Saxofonton modellieren konnte. Parker war ein Produkt der schwarzen Musikkultur von Kansas City, in der große Blues-Sänger wie Big Joe Turner und Jimmy Rushing gediehen, aber auch eine ganze Schule von Saxofonisten einander Wettkämpfe lieferten.

Mehr als einmal hat sich der junge Parker blamiert, als er auf den Bühnen von K.C. zu früh die Herausforderung suchte. Natürlich spielte er damals nur nach dem Gehör und hatte mit 14 noch keine Ahnung, dass es so etwas wie Tonarten gibt. Als er es erfuhr, lernte er „Cherokee“ und „I Got Rhythm“ auf allen zwölf Grundtönen zu spielen und hörte nie mehr auf, die Älteren zu löchern und zu belauern. Mit 16 war er Berufsmusiker, Gewerkschaftsmitglied, Ehemann, werdender Vater, von der Schule geflogen und mit Drogen vertraut.

Vielleicht hat es mit seinem besonderen Weg zur Tonalität zu tun, dass ihn Modulationen ins Grübeln brachten. Bald experimentierte Parker mit alternativen Akkordwechseln und zusätzlichen Durchgangs-Harmonien, er übte sich aber auch in komplexerer Rhythmik und verdoppeltem Tempo. „Viele konnten mit dem, was er machte, nichts anfangen, aber es war harmonisch sinnvoll und swingte immer“, bestätigte sein früher Arbeitgeber Jay McShann.

Irgendwann kam Parker auf die Idee, die Akkorde weiterzudenken, über die 5. oder 7. Stufe der Tonleiter hinaus, und aus den Tönen der 9., 11. oder 13. Stufe neue Melodien zu basteln. Daraus wurde der Bebop, der erste moderne Jazz-Stil – in der Harmonik komplex, im Tempo rasant, in der Melodik gekennzeichnet durch große, nervöse Intervalle („be-bop“). Charlie Parker brachte den Intellekt in die Improvisation und machte aus dem Tanzvergnügen Jazz eine swingende Klangkunst zum Zuhören.

Die Ablehnung der Kritiker war zunächst ebenso schroff wie später beim Free Jazz: Bebop galt als Anti-Jazz, eine Art chinesischer Musik, eine Absurdität. Das hat nicht gerade dazu beigetragen, Parkers Existenz in geregelte Bahnen zu bringen. Birds Genie floss in die Musik, über den Rest seines Lebens hatte er keine Kontrolle. Bis zum Ende lebte er den Blues des heimatlosen, getriebenen Künstlers, hatte Probleme mit Plattenverträgen und Veranstaltern, hielt seine Termine selten ein, kam mit Behörden und Gewerkschaften in Konflikt, schrieb seine Stücke nicht auf, kümmerte sich nicht um sein Urheberrecht und verschenkte damit viel Geld.

Sein Heroin-Konsum nahm unglaubliche Ausmaße an, dämpfte aber keineswegs seinen Appetit auf Essen, Alkohol und Frauen. In späteren Jahren „behandelte“ er mit Heroin auch seine Magen- und Herzbeschwerden und fühlte sich ohne die Droge uninspiriert und betäubt, aggressiv und reizbar, war nicht mehr er selbst. Geld besaß er nie: Er pumpte jeden an, musste sich Instrumente von Kollegen leihen, brachte sie dann ins Pfandhaus, vermachte einmal sogar die Hälfte seiner Tantiemen an seinen Dealer.

Parkers Leben war Chaos: Psychiatrische Abteilungen und Entzugsanstalten lernte er kennen, es wurden ihm Schizophrenie und Psychosen attestiert, er beging Brandstiftung und einen Selbstmordversuch und führte illegale Ehen. Immer wieder fand er Freunde, Frauen, Kollegen, Verehrer, die ihn aufnahmen, aufrichteten, durchfütterten.

Von McShann zur Rede gestellt, warum er in vernachlässigter Kleidung auftauchte, sagte er: „Wäre es dir lieber, wenn ich wie ein Doktor gekleidet käme – und wie ein Doktor spielte?“ Bird lebte seine Musik – er lebte sie ganz und ausschließlich. Wurde zum mythischen Urheber der großen Jazz-Revolution, zum charismatischen Untergrund-Helden, der nie den Sprung ins Establishment schaffte.

Mancher Beatnik und Hipster verehrte Parkers praktizierten Existenzialismus wie eine göttliche Offenbarung. Der Sänger King Pleasure musste kein Hellseher sein, als er zu Birds Ballade „Parker's Mood“ einen Text schrieb, der Parkers Begräbnis antizipierte. Der Song wurde 1954 zum Hit. Im Jahr darauf starb Charlie Parker – an einem Magendurchbruch und Herzversagen und Leberzirrhose und Lungenentzündung und Genialität und am Leben selbst. Er wurde 34 Jahre alt.

Bird hat noch den Cool Jazz erlebt, Miles' Capitol-Orchester, Tristano, Brubeck, das Modern Jazz Quartet, die Annäherung an größere kompositorische Formen. In diese Richtung hätte er gehen wollen, hätte er seine Visionen führen müssen, wenn er sein Leben im Griff gehabt hätte.

Parker, der „aus dem Blues mehr Nummern machen“ konnte als irgendwer sonst (so formulierte es der Trompeter Howard McGhee), bewunderte Hindemith, Debussy und Ravel. Der Name eines der bekanntesten Parker-Stücke, „Yardbird Suite“, spielt auf Strawinskys Feuervogel-Suite an. Einmal wollte Bird bei Stefan Wolpe ein Solokonzert bestellen. Edgard Varese sagte ihm Kompositions-Unterricht zu. Bird plante eine Sinfonie zu schreiben oder eine Oper. Das war im Frühjahr 1955. „Mein Kopf ist zu groß für ein Saxofon“, sagte er noch.

Hans-Jürgen Schaal
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Dienstag 09.06.2020
Duo Anouschka & Katharina Hack „Shostakovich - Sonatas Op. 40 and Op. 147, Prelude Op. 97“
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Genau 41 Jahre liegen zwischen Schostakowitschs Cellosonate Op. 40 und der Sonate für Viola und Klavier Op. 147. Vier Jahrzehnte, in welchen der Komponist sich musikalisch einzigartig entwickelte und sein Leben zugleich in allen Bereichen von den politischen Launen einer kommunistischen Willkür und deren Diktatoren spürbar abhängig war. Seine Biographie liest sich allein in ihren chronologischen Fakten wie ein historischer Roman des 20. Jahrhunderts.
Ein Großteil von Schostakowitschs Kompositionen stehen in engem Zusammenhang mit den entsprechenden gesellschaftlichen Entwicklungen seines sowjetischen Heimatlandes und den Ängsten, mit seiner Musik bei diesen in Ungnade zu fallen und letztendlich künstlerisch und persönlich liquidiert zu werden.
Das Duo Anouschka & Katharina Hack stellt auf der vorliegenden CD die sehr unterschiedlichen Stücke Schostakowitschs gegenüber. In der Sonate Op. 40 finden sich noch relativ viele inhaltliche Bezüge zur romantischen und impressionistischen Musikliteratur. Zugleich sind asiatische Einflüsse, wie sie der Armenier Aram Chatschaturjan verarbeitete, deutlich spürbar. Doch trotz der temperamentvollen erzählerischen Kraft, die in dieser Komposition enthalten ist, fasziniert die zwischenzeitlich enthaltene Melancholie und Trauer, als Zeichen einer inneren Unsicherheit, einer gewissen Ambivalenz, die eng mit den Vorgaben der Zensoren und den daraus resultierenden Ängsten und Verzweiflungen im Zusammenhang stehen. Doch letztendlich lösen sich im 4. Satz diese inneren Bedenken wieder auf und der Komponist findet zu einer vordergründig erfrischenden und mitreißenden Tonsprache. Diese innere Gebrochenheit, der Mut einerseits zur Avantgarde und dann wieder dieses zögerliche Innehalten ist eines der typischsten Kennzeichen Schostakowitschs früher Kompositionen.
Diese gerade beschriebenen stetigen Wechsel von inneren Befindlichkeiten fehlen hingegen in der Sonate für Viola und Klavier Op. 147 in der Bearbeitung von Daniil Shafran. Schostakowitsch hat mittlerweile ausreichend Lebenserfahrung gesammelt, Ängste verarbeitet. Er schreibt das Stück auf seinem Totenbett. Seine einstige Unsicherheit ist nun einer Hoffnungslosigkeit gewichen, die jedoch seiner Musik, bei aller Sparsamkeit, Klarheit und Entschiedenheit gibt. Es ist die ästhetische Überzeugung des Illusoruischen. Keine Larmoyanz, stattdessen ergreifende Bezüge zu Beethoven, lyrische Querverweise und berührende Melodienbögen voller Schwermut.
Anouschka und Katharina Hack meistern dieses nicht einfache Programm bravourös. Sie stürzen sich mit einer Offenheit in die Stücke, zeigen genügend Sensibilität und Achtung vor den emotionalen Momenten dieser doppeldeutigen Kompositionen. Sie setzen dieses Menschendrama Schostakowitsch in seiner ganzen Vielschichtigkeit musikalisch um, seine Klarheit und Expressivität ebenso, wie auch die emotionalen Wogen und Wallungen als Teil seines seelischen und körperlichen Schmerzes.
Das technische und interpretatorische Können beeindruckt bei Anouschka und Katharina Hack enorm, wie auch das wunderbar flüssige Ineinandergreifen ihrer instrumentalen Stimmen. Deutlich wird ihr außergewöhnliches Miteinander noch einmal ganz zum Schluss, bei dem bearbeiteten kurzen Prelude Op. 97 aus dem Film „Die Stechfliege“, bei dem den Geschwistern der Cellist Gautier Capucan ideal zur Seite steht.
Jörg Konrad

Duo Anouschka & Katharina Hack
„Shostakovich - Sonatas Op. 40 and Op. 147, Prelude Op. 97“
Genuin
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