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Musik
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Inhaltsverzeichnis
Franco Ambrosetti „Cheers“ Enja Records

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OHRENGLÜCK 35: Yelena Eckemoff

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Markus Stockhausen „Far Into The Stars“ Okeh

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OHRENGLÜCK 34: Matt Haimovitz & Uccello

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VOR 40 JAHREN (17): John Abercrombie „Gateway II“ und „Ch...

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Steven Wilson „To The Bone“ Caroline

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Freitag 22.09.2017
Franco Ambrosetti „Cheers“ Enja Records
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Vater Flavio war einer der bedeutendsten Jazz-Pioniere der Schweiz. Sohn Gianluca zählt schon seit Jahren zu den wichtigsten jungen europäischen Saxophonstimmen. Insofern gehört Franco Ambrosetti zu jenen, die gelebte Familientraditionen mit Leidenschaft aufnehmen und erfolgreich weitergeben. Im letzten Jahr feierte der Unternehmer und Jazztrompeter seinen 75. Geburtstag. Für sein Plattenlabel Enja, dem er seit 1979 die Treue hält und für das er in der Vergangenheit großartige, manchmal sogar berauschende Alben einspielte, Grund genug, ihm nachträglich eine All-Star-Session zu spendieren. Und tatsächlich ist „Cheers“ gespickt mit herausragenden Solisten, die alle in der Vergangenheit mit dem elegantesten und feurigsten unter den europäischen Trompetern und Flügelhornspielern irgendwie zu tun hatten. Unter anderen mit dabei die Pianisten Kenny Barron und Uri Caine, Gitarrist John Scofield, die Schlagzeuger Jack DeJohnnete und Terry Lyne Carrington, Saxophonist Greg Osby und natürlich Gianluca Ambrosetti.
„Wir sahen die Session als private Party“, beschreibt Franco Ambrosetti die Aufnahmesitzung im Januar 2017 in New York, „mit großartigen Musikern und dem zusätzlichen Spaß, einige Songs zusammen zu spielen. Kein Plagen, kein schweres Zeug, das man lesen muss, einfach nur Musik wie in einer Jam Session – mit einem kleinen Bisschen an Organisation.“
Das Ergebnis sind fünf Standards, zwei Kompositionen des Leaders, eine Nummer seines alten Freundes und unvergessenen Tausendsassa des Jazz George Gruntz und „Midnight Voyage“ von Joey Calderazzo. Letzteres Stück ist Ambrosettis Hommage an einen anderen alten Mitstreiter früherer Aufnahmen: Michael Brecker.
„Cheers“ sollte nicht der Ausdruck einer musikalischen Revolte werden. Es ging um die Freude am gemeinsamen Musizieren, um das Einbringen persönlicher Erfahrungen und vielleicht auch ein klein wenig an das Erinnern längst vergangener Zeiten. Gelassen und trotzdem pointiert hangelt sich die Band in unterschiedlichen Konstellationen an der Tradition entlang. Hardbop in einer erfrischenden wie verspielten Qualität. Relaxt und trotzdem fantasiereich umgesetzt. Keine Routine – nirgends. Ähnlich einem alten, gut gereiften Wein besitzt die Musik Esprit, klingt vertraut und doch herausfordernd. Zum Beispiel, wenn sich die beiden Schlagzeuger Jack DeJohnette und Terry Lyne Carrington in „Drums Corrida“ regelrecht duellieren. Natürlich bleibt niemand auf der Strecke, dafür sind beide rhythmisch zu versiert und ausgebufft.
Insgesamt ist „Cheers“ ein Reigen wunderbarer, bekannter Melodien, mit modernen Bop-Phrasen durchzogen und solistisch reizvollen angereichert. Auf diese Art wird jede Geburtstagsfeier zu einem großen Ereignis – an das man sich Jahre später mit Sicherheit noch gern erinnert.
Jörg Konrad
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Montag 18.09.2017
OHRENGLÜCK 35: Yelena Eckemoff
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Sie absolvierte das Moskauer Konservatorium, arbeitete in der Sowjetunion als Klavierlehrerin und emigrierte 1991 mit  ihrer Familie in die USA. Dort gründete Yelena Eckemoff eine Plattenfirma nur für ihre eigenen Tonaufnahmen – klassische Klaviermusik, neue Kompositionen, New Age. Seit 2009 macht die Pianistin auch Jazzalben. „In The Shadow Of A Cloud“ ist bereits ihr elftes – die Frau ist fleißig. Auch die CD-Verpackungen, die gemalten Cover-Vorlagen, die Gedichte fürs Booklet, alles stammt von ihr. Was Yelena Eckemoffs Jazz-Kompositionen und was ihr Jazz-Klavierspiel angeht, so besitzen sie definitiv eine eigene Note: klassisch fundiert, slawisch gefärbt, harmonisch gerundet, balladenhaft schweifend. Eckemoff liebt strömende Emotionen, ausgreifendes Improvisieren, rauschhafte Steigerungen. Ihre besondere Qualität bekommt die Musik aber dadurch, dass die Pianistin immer wieder namhafte Jazzmusiker aus Skandinavien und den USA zu sich ins Studio holt. Auf den Vorgängeralben waren das zum Beispiel Arild Andersen, Jon Christensen, Peter Erskine, Mark Feldman, Billy Hart, Joe Locke, Marilyn Mazur, George Mraz, Verneri Pohjola und Mark Turner – eine wahrlich illustre Reihe fantasievoller Interpreten. Auf „In The Shadow Of A Cloud“ sorgen vor allem Chris Potter (Tenorsax, Sopransax, Flöte, Bassklarinette) und Adam Rogers (E-Gitarre) für die Verdichtungen und Abenteuer in Eckemoffs Musik. Auch das Rhythmusgespann des Quintetts, Drew Gress (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug), gehört zur amerikanischen Jazz-Elite. Inspirieren ließ sich Yelena Eckemoff diesmal von Erinnerungen an ihre offenbar unbeschwerte Kindheit und Jugend in Russland. In den 14 Stücken (auf zwei CDs) überwiegen langsame und halbschnelle Tempi, die Rhythmen schweben und fließen kraftvoll, und der Sog ins Schwärmerische und Weiträumige ist unwiderstehlich. Da lernt die Seele fliegen.
Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Yelena Eckemoff Quintet
In The Shadow Of A Cloud
L & H Production
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Freitag 08.09.2017
Markus Stockhausen „Far Into The Stars“ Okeh
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Sich aus dem Schatten der Eltern herauszuarbeiten und sich zu behaupten, kann zu einer kraftraubenden Herausforderung werden. Markus Stockhausen ist dieses schwierige Kunststück bravourös gelungen. Er hat es, trotz mancher Hilfe seines Vaters Karlheinz, verstanden, einen eigenen künstlerischen Weg mit spezifischen Ansprüchen zu gehen. Was der Sohn dabei vom Vater übernahm, die scheinbare Grenzenlosigkeit musikalischer Ambitionen, hat er sich nie gescheut zuzugeben und für sich zu nutzen. Markus Stockhausen widmete sich in jungen Jahren aber sehr stark der instrumentalen Kunst und studierte in Köln Trompete, sowohl Klassik als auch Jazz. Das Komponieren kam erst später hinzu.
Ob Jazz oder Kunstmusik, weltmusikalische Einflüsse oder elektronische Klangteppiche, sakrale Auftragsarbeiten oder Minimal-Kompositionen, die Vielfalt Markus Stockhausens spiegelt sich in seinem musikalischen Schaffen deutlich wieder. „Far Into The Stars“, des Trompeters neustes Album gemeinsam mit Pianist Angelo Comisso, Cellist Jörg Brinkmann und Schlagwerker Christian Thomé eingespielt, vereint vieles von dem, für das Markus Stockhausen zurückblickend steht. Es sind fantasievolle Wanderungen zwischen differenzierter Kammermusik und atmosphärischen Ambientflächen. Stockhausen jr. gestaltet Trompetenmelodien in jubilierender Leidenschaft, er findet verstörend schöne Themen und (leider zu seltene) klaustrophobische Triller. Alles ist harmonisch miteinander verflochten, beeindruckt in der Auslotung von Seelenlagen und steht für Selbstvertrauen und Kreativität. Es ist die dynamische Musizierhaltung eines gebändigten Pathos und zugleich eine Musik voller Assoziationen und berührender Schwingungen.
Jörg Konrad
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Freitag 01.09.2017
OHRENGLÜCK 34: Matt Haimovitz & Uccello
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Fotos Matt Haimowitz: Stephanie Mackinnon
Der Cellist Matt Haimovitz war erst 13 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta auftrat. Mindestens genauso ungewöhnlich ist, was Haimovitz heute macht. Der ehemalige Schüler von Weltstars wie Yo-Yo Ma, Itzhak Perlman und Isaac Stern hat mit seinen Studentinnen und Studenten ein Cellisten-Ensemble gegründet, das dem Instrument über Genregrenzen hinweg neue Klangwelten erschließt. Auf „Meeting Of The Spirits“, einer Wiederveröffentlichung von 2010, wird das Ensemble Uccello quasi zur Jazz-Bigband. Der Komponist David Sanford, der die Stücke für das Album arrangiert hat, wählte als Vorlagen komplex-polyphone Jazzkompositionen von John McLaughlin oder Charles Mingus, aber auch Jazzklassiker mit besonderem Streicher-Bezug. Bei seinen Arrangements ließ er sich in vielfacher Weise von der Jazzgeschichte selbst inspirieren, transkribierte originale Improvisationen, bastelte Partituren aus historischen Jazzsoli zusammen oder imitierte den Stil bestimmter Solisten (u.a. Django Reinhardt, Miles Davis, Johnny Hodges). Das sensationelle Ergebnis ist nicht nur eine großartige und anspruchsvolle Repertoire-Erweiterung für klassische Cellisten. Es ist vor allem eine vollwertig groovende und mitreißende Jazzaufnahme, die unser Bild vom Violoncello gründlich verändern kann. Renommierte Jazzmusiker wie John McLaughlin (E-Gitarre) und Matt Wilson (Schlagzeug) ergänzen als Gäste dieses besondere Hör-Erlebnis.
Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Matt Haimovitz & Uccello
Meeting Of The Spirits
Pentatone / Oxingale Series
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Freitag 25.08.2017
VOR 40 JAHREN (17): John Abercrombie „Gateway II“ und „Characters“ ECM
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Als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull im April 2010 mit seinen dunklen Aschewolken sämtliche Flugpläne dieser Welt durcheinanderwirbelte, saß Gitarrist John Abercrombie, nach einem viel umjubelten Auftritt, für eine knappe Woche im sachsen-anhaltinischen Halberstadt fest. Sämtliche transatlantischen Flüge waren auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Anstatt im Hotel einer unpersönlichen Großstadt auf die nächste Reisemöglichkeit nach New York zu warten, verbrachte der Gitarrist die folgenden Tage in dem kleinen Harzstädtchen. Es wurde mit dem ortsansässigen Musikverein gemeinsam gekocht, der Jazz-Star gab private Konzerte und Workshops für die heimischen Gitarrenfreaks, man diskutierte über Musik und die Welt „da draußen“ – zu der jeder direkte Kontakt abgebrochen schien. Die Zeit stand still, man war entspannt unter Gleichgesinnten, völlig privat. Und mitten drin eben jener Musik-Held, der einst aus der weiten Ferne mit so großartigen Alben wie „Gateway II“ oder „Characters“ auch den Musikgeschmack der Halberstädter Jazzfreunde nachhaltig formte.
„Gateway“ war Abercrombies vielleicht bekanntestes Trio. Jene Formation, mit der der Gitarrist seinen künstlerischen Durchbruch endgültig realisierte. Im seelenverwandten Verbund mit Bassist Dave Holland und Jack DeJohnette am Schlagzeug brachte er diese raffinierte wie virtuose Mischung aus Rock`n Roll, Kammermusik und freier Improvisation zum schwingen. Mit der zweiten Gateway-Veröffentlichung aus dem Jahr 1977, um die es hier geht, kamen stilistische Metaphern zum Ausdruck, wie sie für den Jazz damaliger Prägung nicht alltäglich waren. Die Intensität der Musik richtete sich nach innen. Sie implodierte regelrecht, ließ lyrische Spannungsbögen entstehen und Abercrombie verfeinerte die Single-Note-Stilistik auf eine ganz individuelle Art. Er hielt sich spielerisch zurück, entwickelte an seinem Instrument eine spröde und leicht flirrende Tonsprache, die nichts mit der protzigen Art zu tun hatte, wie sie die meisten Gitarristen an den Tag legten. Natürlich konnte auch Abercrombie kräftig in die Saiten greifen, konnte spielen bis die Funken sprühen, wie zuvor in den Bands von Billy Cobham oder der Fusion-Formation Dream. Aber hier war vieles anders. Es gab ein vorsichtiges Abtasten der drei Instrumentalisten, ein Erforschen von Stimmungslagen und Befindlichkeiten, bis die Musik langsam aber sicher an Fahrt aufnahm. Hier spielten Ideen und Handwerk mutig ineinander. Es gab keine Furcht vor trotzigen Behauptungen oder provozierenden Querschlägern, vor impressionistischen Träumereien und konzentrierter Entschlossenheit – bis am Horizont sich ganz leise ein Thema herausschälte. Oder diese radikale Bass-Linie in „Nexus“. Keiner konnte so etwas knapper und eindringlicher formulieren als Dave Holland. Und Jack DeJohnette? Der war schon zuvor an einigen Aufnahmen mit John Abercrombie beteiligt. Beide verstanden sich beinahe blind. DeJohnette gab den freien Improvisationen einen rhythmischen Fluss, der auch gehörige Untiefen und Stromschnellen aufwies. Schon damals ein brodelnder Feingeist unter den Schlagzeugern.
Kurz nach „Gateway II“ erschien „Characters“, das erste Solo-Album John Abercrombies. Auf verschiedenen akustischen und elektrischen Gitarren und Mandolinen schuf er sinnliche Atmosphären. Mal wirkten diese sentimental, mal distanziert, mal waren sie näher am Folk, mal näher am Jazz. Ein freies Spiel der Fantasie, vertonte Novellen in angedunkelten Räumen. Unprätentiös, behutsam, berührend. Das Ergebnis rauschhaft schön. Was er sich einmal wünschte? „Ich wäre gern perfekter“, sagte Abercrombie in einem Interview. Zum Glück ist er es nie geworden. John Abercrombie starb am  letzten Dienstag, 72jährig in New York. Seine Musik wird bleiben.
Jörg Konrad
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Freitag 18.08.2017
Steven Wilson „To The Bone“ Caroline
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Steven Wilson – Held der Arbeit. So könnte man den heute 49jährigen auch nennen. Denn wollte man aufzählen, an welchen Projekten der in London geborene Wilson in den letzten zwei Jahrzehnten beteiligt war, es würde jeden Rahmen sprengen. Nur soviel: Mit seiner Band Porcupine Tree schrieb er Prog-Rockgeschichte; mit Bass Communion und Continuum hat er die spannendsten Ambient-Projekte der Neuzeit umgesetzt; griffige Popmusik ist das Markenzeichen seiner Zusammenarbeit mit Aviv Geffen in der Band Blackfield. Und als Produzent hat er legendäre Alben seiner einstigen Super-Helden Emerson, Lake & Palmer, Jethro Tull und Yes zu neuen Ehren verholfen. Nun erschien Wilsons achtes Album unter eigenem Namen: „To The Bone“. Elf Titel, die sämtliche musikalischen Facetten des Multiinstrumentalisten miteinander vereinen. Geht das gut? Kann das gut gehen?
„Mein Kindheitstraum ist, eine ähnliche Pop-Ikone zu werden wie Prince oder David Bowie, mit denen ich aufgewachsen bin. Wie viele Kids, wollte ich ein Stück davon. Und ein Teil von mir arbeitet immer noch daran, den Mainstream-Pop zu erreichen. Allerdings ohne blöde Songs zu schreiben oder große Kompromisse einzugehen“, sagte Wilson vor einigen Wochen in einem Interview. Diesen Anspruch hat er auf „To The Bone“ überzeugend eingelöst. Hemdsärmeliger, vitaler, intelligenter Pop-Rock, dessen polarisierende Klanggeflechte beeindrucken und der deutlich in den 1980er Jahren angelegt ist. Manchmal schimmert das konsequent-pulsierende und intensiv-beschwörende des Wilsonschen Klangkosmos durch, manchmal ist es eher eine melancholische eingefärbte Balladenatmosphäre, die für stimmungsvolle Momente sorgt. Wer jedoch diese eklektischen Kaskaden seiner schier uferlosen Ideen, mit all den rhythmischen Hinterhalten und explosiven Improvisationen innerhalb eines nur acht-Minuten-Songs sucht (die bei anderen Musikern für eine ganze Karriere reichen würden), der wird auf „To The Bone“ nicht unbedingt fündig. Vielleicht bis auf den Titel „Detonation“. Das ist einerseits schade. Andererseits gönnt man Steven Wilson den Erfolg von Herzen – den er mit diesem Album auf jeden Fall haben wird.
Jörg Konrad
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