Musik
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Inhaltsverzeichnis
Etta Scollo „Il Passo Interiore“

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Ketil Bjornstad & Anneli Drecker „A Suite Of Poems“

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OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"

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Jütz „hin & über“

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OHRENGLÜCK 43: Hailey Tuck "Junk"

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Susanne Paul`s MOVE String Quartet „Short Stories“

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Dienstag 10.07.2018
Etta Scollo „Il Passo Interiore“
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Foto Gianluigi Primaverile
Sie bewahrt auch öffentlich etwas zutiefst menschliches und hat persönlich kein Problem, wenn manches von dem, was sie ausspricht oder singt, moralisierend klingt. Etta Scollo ist eine Poetin pur, deren Lieder schon über Jahre hinweg aufwühlen und berühren, Haltung zeigen und Hoffnung machen. Immer wieder aufs Neue. Und das nicht allein durch eine furiose, temperamentvolle Art in Form maßregelnder Anklagen. Sie überzeugt durch eine klar artikulierte Aussage und zugleich durch eine melancholische Innigkeit.
Auch ihr neues Album, „Il Passo Interiore“ beinhaltet, neben persönlicher Betroffenheit, eine gewisse Trotzigkeit und vor allem mutigen Stolz, mit dem sie Themen aufgreift, die die Verletzlichkeit der Welt beinhalten, sie beleuchten und musikalisch ergründen. Stammesgeschichtlich, gesellschaftlich und ganz persönlich.
Als Trägersubstanz dieser Inhalte dienen ihr die eigenen Kompositionen, die weitab des kommerziellen Tagesgeschäfts angelegt sind. Die Einflüsse reichen vom Barock über die  Renaissance bis hin zur Moderne. Zugleich greift sie Volkslieder auf und lässt Ihre Mitmusiker hin und wieder improvisieren. Sicher, derartige Songs fallen in den Auswahllisten der angesagten Format-Radios gnadenlos durch. Aber es ist genau diese herausfordernde Unangepasstheit, die letztendlich überzeugt, der Musik Spannung gibt, ihren individuellen Charakter unterstreicht. Die Einfachheit der Instrumentierung (Gitarre, Cello, Akkordeon) und die schmalen Arrangements geben dem Ganzen eine zusätzliche Natürlichkeit.
Etta Scollo nennt das Album den „inneren Schritt“ („Il Passo Interiore“), dem in Zeiten der globalen Wanderungsbewegungen über Kontinente hinweg, eine ganz besondere Aufgabe zufällt. Es geht nicht nur um das Aufzählen von Unzulänglichkeiten und Herausforderungen, sondern auf der Grundlage eines inneren Monologs um die individuelle Auseinandersetzung mit all diesen Phänomenen. Wer Etta Scollo kennt, weiß, wie eindringlich und nachhaltig sie aufzurütteln versteht. Und das wunderbare ist, sie tritt als Chanseuse auf, im Rahmen von Veranstaltungen mit Weltmusik oder auch in Jazzreihen. Das Publikum reagiert, egal wo, mit Sicherheit beglückt.
Jörg Konrad


Etta Scollo
„Il Passo Interiore“
Jazzhaus Records

Autor: Siehe Artikel
Dienstag 03.07.2018
Ketil Bjornstad & Anneli Drecker „A Suite Of Poems“
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Wer das Glück hatte, den norwegischen Pianisten Ketil Bjornstad Live zu erleben, weiß welchen Zauber seine Musik verströmt. Egal ob er Kompositionen aus dem opulenten Katalog der Klassik interpretiert, oder ob er sein musikalisches Idealbild in individuelle Improvisationen gießt. Immer ist es die Tiefe seines Ausdrucks, die berührt, die Natürlichkeit seiner Nuancen, das Fesselnde seiner pianistischen Diskretion. Er findet in seiner Beschäftigung mit der Musik eine berührende Balance zwischen Altem und Neuem, zwischen traditionellem Ansatz und zeitgenössischer Anteilnahme.
Auch auf seinem vor wenigen Wochen erschienen Album „A Suite Of Poems“ ist dieser ausgewogene Ansatz wieder deutlich zu spüren. Als Grundlage für die dreizehn Kompositionen dienten ihm kleine Gedichte, die ihm sein schon seit Jugendjahren vertrauter Freund und Schriftsteller Lars Saabye Christensen schrieb. Es sind lyrische Gedanken, die in Hotelzimmern dieser Welt entstanden. Im Mayflower in New York, im Savoy in Lissabon, im Mayday Inn in Hong Kong oder vom gewaltigen Karwendel eingebetten Schloss Elmau. Bjornstad vertonte diese poetischen Momentaufnahmen nachträglich: „Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren angefangen, Musik zu seinen Gedichten zu schreiben", schreibt der Pianist im Booklet des Albums. „Seine Fähigkeit, die inneren Konflikte aufzudecken, die wir alle in unseren Koffern mit uns herumschleppen, ist beeindruckend.“
Die knappen Songs klingen wie eine Schatzkiste, gefüllt mit Perlen aus Pop, Jazz, Klassik, Folklore und dank dem Astor Crowne in New Orleans auch mit ein wenig Blues. Annelie Drecker, einst Sängerin des Trios Bel Canto, besticht durch ihre unprätentiöse, natürliche Stimme. Keine virtuosen Hundertmeterläufe, keine vokale Koketterie, kein Scat. Unschuldig, staunend, neugierig singt sie die Songs, manchmal mit einem Schuss Glückseligkeit angereichert, manchmal von einem Hauch Melancholie durchweht.
Jörg Konrad


Ketil Bjornstad & Anneli Drecker
„A Suite Of Poems“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Samstag 23.06.2018
OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"
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Jahrmarktsorgeln – sie wurden einst erfunden, um auf Volksfesten und in Tanzsälen die teuren Musikkapellen einzusparen. Mit dem Aufkommen der Schallplatte und der elektrischen Lautsprecher allerdings wurde die mechanische Spielorgel selbst arbeitslos – ihr Kitschdesign lebte immerhin fort in der Jukebox. Später hat man die meisten der alten Kirmesorgeln demontiert, zerschlagen, verheizt. Manche überlebten in Lagerhäusern und sind heute als „Nostalgie-Orgeln“ wieder gefragt.

Die wahrscheinlich größte erhaltene Jahrmarktsorgel der Welt steht im niederländischen Tilburg. „The Rhapsody“ ist sieben Meter lang, fünf Meter hoch und wiegt mehr als fünf Tonnen. In ihr sind über 800 Orgelpfeifen und andere Instrumente verbaut. Das Beste aber ist: „The Rhapsody“ wurde in neuerer Zeit mit einer MIDI-Schnittstelle ausgestattet. Diese Technik, die in den 1980er Jahren erfunden wurde, erlaubt es, mit digitalen Signalen aus Keyboard, Gitarre oder Blaswandler jedes MIDI-fähige Instrument zu steuern. Bram Stadhouders spielt die Tilburger Spielorgel auf seiner E-Gitarre.

Stadhouders ist 31 Jahre alt. Er studierte elektronische Musik und klassische Komposition und hat mit zahlreichen Jazz- und World-Musikern zusammen improvisiert. Gerne nennt er sich den „ersten Jahrmarktsorgel-Gitarristen der Welt“. Mithilfe seiner Umschaltpedale kann er auf der Gitarre verschiedene Klangfarben der Spielorgel auswählen und im Loop die Einzelstimmen live übereinanderlegen. Oder er spielt mit „The Rhapsody“ eigene Kompositionen ein und improvisiert darüber im gewohnten Gitarrensound.

„Wenn man moderne Musik für diese Orgeln komponiert, hört man völlig einzigartige Klänge, scheinbar einen Mix aus elektronischen und akustischen Tönen“, sagt Stadhouders. Seine Stücke sind weder Popmusik noch Jahrmarkt. Sie sind minimalistisch, verbohrt, manchmal sperrig. Man könnte sie sich auch als Jazznummern, Kammerkompositionen oder elektronische Partituren vorstellen. Diese Verbindung aus moderner Freiheit und historischer Mechanik klingt so faszinierend wie ungewohnt. Stadhouders meint, „The Rhapsody“ habe nur auf ihn gewartet.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Bram Stadhouders
"Big Barrel Organ"
Challenge Records
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 12.06.2018
Jütz „hin & über“
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Sie kommen aus Tirol und aus der Schweiz und haben Musik im Gepäck, die typisch ist für die  Berge ihrer Heimat. Jütz spielen Volksmusik im weitesten Sinne. Das heißt, die Vorlagen sind, bis auf wenige Ausnahmen, Originale: Landler, Walzer, Polka. Auch der „Schweinsbeuchler“, der „Pleitemarsch“ und der „Tunnelen“ sind mit von der Partie. Doch Isa Kurz, Philipp Moll und Daniel Woodtli bringen in die Folklore soviel Exotik und Jazz hinein, dass es eine Freude ist, diesen restaurierten Volksliedern zu lauschen. Sparsam arrangiert klingt manches auf ihrem dritten Album „hin & über“ wie die klanggewordene Subkultur einer verschworenen Interessengemeinschaft. Hier gehen Tradition, Intelligenz und Fantasie Hand in Hand. Das Sentimentale wird bei Jütz sinnlich, das Allgemeine differenziert und das Eingängige bekommt bei ihnen etwas elegisches. Und das alles mit einer Instrumentierung, die nicht so ganz alltäglich klingt: Trompete, Kontrabass, Akkordeon, Holz(?), Ziegenglocken, Mandola, Hackbrett, Stimmen und manches mehr.
Diese Musik hat in ihrer Vertrautheit jede Menge Charme und geht zugleich neue Wege, die abgelegen aller breiten und ausgetretenen Wanderpfade des Mainstream liegen. Man kann sie ebenso für ein alternatives Volksmusikfestival buchen, als auch für eine moderne Jazzreihe. Und alle kommen musikalisch auf ihre Kosten. Aber keine Angst, unverbindlich oder gar beliebig klingt anders. Jütz Musik hat Seele. Das ist vielleicht ihr wichtigstes Charakteristikum. Und der Bandname? „Ein Jützli ist ein Jauchzer, oder Jodler“, erklärt Daniel Woodtli. Na bitte.
Jörg Konrad

Jütz
„hin & über“
Chaos
Autor: Siehe Artikel
Montag 04.06.2018
OHRENGLÜCK 43: Hailey Tuck "Junk"
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Er ist einer der großen Aktivposten im Hintergrund der Musikwelt: Larry Klein. Jazzfans kennen ihn vielleicht noch als Bassisten des Trompeters Freddie Hubbard, damals in den 1980er Jahren. Auch die Sängerin Joni Mitchell, bekannt für ihre Schwäche für den Jazz, holte den Bassspieler 1982 in ihre Band. Für Mitchell war Larry Klein bald schon mehr als nur ein Begleiter, nämlich auch Songschreiber, Produzent und Ehemann. Seitdem sind seine vielfältigen Talente geradezu explodiert. Klein spielte auf den Alben zahlreicher etablierter Popstars wie Cher, Neil Diamond, Bob Dylan, Peter Gabriel, Diana Ross und Donna Summer und wurde zudem ein gesuchter Filmkomponist. Seine absolute Spezialität aber ist es, Nachwuchs-Sängerinnen im Grenzbereich zwischen Jazz und Pop zu fördern. Larry Klein entdeckte, begleitete oder produzierte bereits Tracy Chapman, Holly Cole, Melody Gardot, Norah Jones, Madeleine Peyroux, Liz Wright und andere – eine bemerkenswerte Liste. Seine neueste Entdeckung heißt: Hailey Tuck.

Die junge Dame aus Texas ist etwas Besonderes. Schon als Teenager entwickelte sie eine ganz unzeitgemäße Bewunderung für Louise Brooks, einen der großen Stummfilm-Stars der 1920er Jahre. Tuck trägt nicht nur dieselbe Bubifrisur, sondern ging auch wie einst die Schauspielerin in jungen Jahren nach Europa. Die Brooks drehte damals skandalöse Filme mit dem Regisseur Georg Wilhelm Pabst. Hailey Tuck dagegen tingelte als Nostalgie-Chanteuse durch Cabaret-Clubs, trat auf kleinen Jazzfestivals auf und wurde in Paris gefeiert.

Dann hat Larry Klein sie unter ihre Fittiche genommen. Für ihr Debütalbum „Junk“ hat er ihr ein Ensemble aus bewährten Studiomusikern bereitgestellt, die sich geschmackvoll zurückhalten und keinen Ton zu viel spielen. Die meisten der zwölf ausgewählten Songs wurden schon von berühmten Vorgängern interpretiert – Tony Bennett, Solomon Burke, Leonard Cohen, Paul McCartney, Joni Mitchell, Nina Simone, Barbra Streisand, den Kinks oder Pulp. Bei Hailey Tuck allerdings klingen sie anders. Die Texanerin singt durchweg kontrolliert, unterkühlt und im mittleren Tempo – eine Mischung aus unschuldigem Mädchen und gefährlichem Vamp. Das klingt mal nach späten 1920er Jahren, mal nach frühen 1960ern, erinnert an Billie Holiday oder späten Rock’n’Roll, könnte Alternative Jazz heißen, Nostalgie-Pop oder Cabaret-Swing. Immer aber hat das eine raffinierte Naivität, eine prickelnde Coolness, scheinbar ohne Anstrengung. Nicht nur Larry Klein glaubt an die Zukunft dieser jungen Dame.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Hailey Tuck
"Junk"
Sony Music

Übrigns: Mittwoch, 06. Juni tritt Hailey Tuck um 21. Uhr im Münchner Jazzclub Unterfahrt auf.
Anschrift:
Jazzclub UNTERFAHRT
Einsteinstraße 42
81675 München
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 03.06.2018
Susanne Paul`s MOVE String Quartet „Short Stories“
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Streichquartette im Zwischenreich von Klassik, Pop und Jazz gibt es einige. Sie halten all jene bei Laune, die den kammermusikalischen Aspekt in der Musik mögen, aber rein akustisch die Flexibilität bevorzugen. Nichts für Puristen also. Susanne Paul`s MOVE String Quartet ist in diesem Fach etwas besonderes. Denn den vier Instrumentalisten gelingt das seltene Kunststück, die unterschiedlichen Segmente ihres Spiels geschlossen und pointiert zu präsentieren. Klassik, Pop und Jazz sind bei Marie- Theres Härtel (Viola), Gerour Gunnarsdottir (Violine), Carlos Bica (Bass) und der Cellistin Susanne Paul zwar Teil ihres Spiels – jedoch spürt man deren Grenzen kaum. Alles geht ineinander über, klingt harmonisch, ohne gefällig zu wirken. Ob intensive Grooves oder zaghaftes Adagio, ob dissonanter Gruppenklang oder feines Solieren, ob kompetente Improvisationen oder interpretatorische Strenge. Hier sind Seelenschwestern und -brüder am Werk, hier kann man getrost von künstlerischer Wahlverwandtschaft sprechen. Jeder ist auf "Short Stories" Meister seines Fachs und orientiert sich nicht allein am eigenen Spiel. Ein Quartett aus vier Einzelstimmen, das jedoch als Gesamtorganismus atmet und auch in den raffinierten Arrangements genügend Möglichkeiten zum Austausch findet. Substanz statt Effekt. Gelassenheit statt interpretatorischer Rigorosität. Die Spannung entsteht im offenen Austausch. Es lebe der demokratische Geist, der Identitäten und Individualisten auf Augenhöhe zusammenbringt.
Jörg Konrad 

Susanne Paul`s MOVE String Quartet
„Short Stories“
Jazzhaus

Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.