Film
Film
Inhaltsverzeichnis
NACH DEM URTEIL

1

GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr

2

ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK

3

WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER

4

GUTE MANIEREN

5

B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN

6

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Donnerstag 16.08.2018
NACH DEM URTEIL
Ab 23. August 2018 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Miriam ist fassungslos, als das Gericht ihrem unberechenbaren Ex-Mann Antoine das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn Julien zuspricht. Von nun an soll der 11-Jährige jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen. Die Besuche bei Antoine werden für Julien zur Tortur. Während Miriam daheim krank vor Sorge wartet, setzt Julien alles daran, seinen um Annäherung bemühten Vater nicht zu provozieren. Aber ist Antoine wirklich ein Pulverfass? 
 
Ein Film von Xavier Legrand
Mit Léa Drucker (Miriam Besson) Denis Ménochet (Antoine Besson) Thomas Gioria (Julien Besson) Mathilde Auneveux (Joséphine Besson) Mathieu Saïkaly (Samuel)   Saadia Bentaïeb (Richterin) Émilie Incerti-Formentini (Antoines Anwältin) Sophie Pincemaille (Miriams Anwältin)

Mit seiner bedrohlichen Intensität zieht Xavier Legrands ergreifender Beziehungsthriller den Zuschauer völlig in seinen Bann. Das Spielfilmdebüt des oscarnominierten® Regisseurs besticht durch die grandiosen Leistungen seiner Hauptdarsteller Léa Drucker, Denis Ménochet und allen voran Nachwuchstalent Thomas Gioria, der seiner Figur eine berührende Verletzlichkeit verleiht. Der weltweite Festivalerfolg gewann zahlreiche Filmpreise, darunter den Silbernen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.



INTERVIEW MIT REGISSEUR XAVIER LEGRAND
 
Wie bereits in Ihrem Kurzfilm AVANT QUE DE TOUT PERDRE, behandeln Sie in Ihrem Langfilmdebüt ein soziales Drama – häusliche Gewalt – auf eine Weise, die für das Publikum große Spannung erzeugt.
NACH DEM URTEIL stellt Angst in den Mittelpunkt. Die Angst, die von einem Mann ausgeht, der bereit ist, alles zu tun, um wieder mit seiner Frau zusammenzukommen, die seinem gewalttätigen Verhalten entkommen und ihn verlassen will. Antoine, gespielt von Denis Ménochet, ist eine konstante Bedrohung für sein Umfeld. In seiner Gegenwart sind alle angespannt; dabei sieht er nur seinen eigenen Schmerz und würde alle manipulieren, einschließlich seiner Kinder. Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, wie jene, die Léa Drucker darstellt, sind immer in erhöhter Alarmbereitschaft. Sie wissen, dass Gefahr überall und jederzeit lauert, dass niemand sicher ist. In Frankreich stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau in Folge häuslicher Gewalt, und auch wenn die Medien darüber berichten, bleibt das Thema weitgehend tabu. Betroffene haben Angst davor, sich zu äußern, Nachbarn und Familienmitglieder sagen nichts, weil sie sich nicht in die Beziehung eines Paares einmischen wollen. Es herrscht große Geheimhaltung. Ich wollte es nicht angehen wie irgendein tagesaktuelles Thema. Wie bereits in AVANT QUE DE TOUT PERDRE wollte ich das öffentliche Bewusstsein für diese Krise durch die Macht des Kinos stärken. Jener Macht, die mich schon immer fasziniert hat, der von Hitchcock, Haneke oder Chabrol. Die Art von Kino, das den Zuschauer einbezieht, in dem mit seiner Intelligenz und seinen Nerven gespielt wird.
 
Es können auch DIE NACHT DES JÄGERS von Charles Laughton und SHINING von Stanley Kubrick als Ihre Hauptinspirationsquellen für die Annäherung an das Thema genannt werden.
Drei Filme begleiteten mich während des Schreibens: KRAMER GEGEN KRAMER, DIE NACHT DES JÄGERS und SHINING. Ich vergaß sie dann während des Drehens, aber sie halfen mir die Themen, die ich angehen wollte, zu reflektieren und die Stimmung und Atmosphäre zu finden, durch die sich meine Charaktere bewegen. KRAMER GEGEN KRAMER ist ein Film über Elternrechte, der eine große Wirkung auf mich hatte. Zum ersten Mal sieht man eine Frau, die das alleinige Sorgerecht für ihr Kind aufgibt. Er zeigt den Schmerz der Trennung mit furchtbarer Schärfe. DIE NACHT DES JÄGERS illustriert wie kompromisslos eine Person mit Kindern umgehen kann. SHINING inspirierte mich zum letzten Teil meines Films in Bezug auf den Wahnsinn, die Isolation und den Terror. Häusliche Gewalt kann zu purem Horror führen, und das wollte ich zeigen.
 
Wie verwendeten Sie in Ihrem Film verschiedene Genres oder kinematografische Codes – Realismus, Sozialdrama, Spannung, Thriller – und arbeiteten mit ihnen?
Zunächst habe ich sehr viel recherchiert. Ich begleitete die Arbeit eines Richters am Familiengericht, befragte Anwälte, Polizisten, Sozialarbeiter und nahm sogar an Gruppentherapie-Sitzungen für gewalttätige Männer teil. Solch ein sensibles Thema verlangt, dass man der Realität so nah wie möglich kommt, ohne dass man dabei einen Dokumentarfilm macht oder ein Sozialdrama, das letztendlich nur die Geschichte eines tragischen Vorfalls erzählen würde. Indem sich der Standpunkt der Geschichte wendet, war ich in der Lage, die Spannung im Alltäglichen herauszustellen. Ich habe eine dramatischen Zugang gewählt, der uns einem 'Helden', Antoine, folgen lässt, aber aus Sicht der verschiedenen Hürden, die er nehmen muss, um seine Ziele zu erreichen: die Richterin, sein Sohn und seine Ex-Frau. So erlebt der Zuschauer in Echtzeit die Zweifel der Richterin, den Druck auf das Kind und den Terror der gejagten Frau. Ich wollte eine politische und universelle Lesart des Themas liefern. Das Publikum dagegen sollte in die Geschichte des Genre-Kinos (das eines Monsters, das seine Beute sucht) eintauchen, in dem die Ungewissheit und Spannung die Erzählung anreichern.
 
Für Ihren ersten Langfilm haben Sie einige recht mutige Entscheidungen bei der Regiearbeit getroffen, insbesondere beim Ton.
Ja, es gibt praktisch keine Musik im Film. Die Spannung entsteht durch die Verwendung alltäglicher Geräusche – das Echo in einer Wohnung, der Blinker eines Autos, der Zeiger einer Uhr, ein Alarm. Ich habe darüber schon früh nachgedacht, die dramatischen Einsätze des Tons waren schon im Drehbuch. Ich versuche nicht, die Erzählung mit Fantasieelementen anzureichern, sondern die Geräusche einer angsteinflößenden Realität einzufangen. Dasselbe gilt für die Regie. Ich suche nicht nach spektakulären Effekten, sondern verwende lieber die Wiederholung von Einstellungen, an Orten, die mehrfach besucht werden, um ein Gefühl von Vertrautheit zu erzeugen und auch des Eingesperrtseins, um das Gefühl zu vermitteln, dass wir uns in eine furchtbare Spirale begeben.
 
Was hat Sie dazu gebracht, das gleiche Thema in Ihren ersten beiden Filmen zu behandeln?
Ich hatte NACH DEM URTEIL bereits im Kopf, als ich an AVANT QUE DE TOUT PERDRE arbeitete. Es ist ein Thema, das mich als Mitbürger tangiert und mit dem sich ohne Zweifel unzureichend befasst wird. Mit meinem Kurzfilm bin ich durch ganz Frankreich und auch ins Ausland gereist, wo er in Schulen als Ausgangspunkt für Gespräche und zur Bildung junger Menschen zu diesem Thema gezeigt wurde. Ich wollte weiterhin das Wesen dieser Gewalt erforschen, die männliche Dominanz in Beziehungen, den Irrsinn von Besitzgier und die Verbrechen, die in Familien stattfinden. Ich wollte außerdem mehr über die Unterscheidung von Ehepaar und Elternpaar erfahren. Ist ein gewalttätiger, unpassender Partner zwangsläufig auch ein schlechtes Elternteil? Wie kann das entschieden werden? Wie kann das beurteilt werden? Ich habe mich ausführlich dem Thema gewidmet. Ich habe auch eine Familienrichterin getroffen und ihre Arbeit begleitet. 
 
Der Film beginnt beinahe im Stile eines Dokumentarfilms, mit einer fesselnden realistischen Szene, in der das Paar vor Gericht steht.
Man muss verstehen, dass diese Anhörungen nur sehr kurz sind – etwa 20 Minuten, in denen über die Zukunft der Kinder entschieden wird. Das Justizsystem betrachtet es so, dass die Verbindung zum Kind nicht abgebrochen werden muss, wenn die Gewalt auf ein Elternteil und nicht auf das Kind zielt. Dennoch ist das eine extrem komplexe Frage. Auch wenn das Kind ein legitimes Bedürfnis hat, mit beiden Eltern aufzuwachsen, kann es zum Mittel der Druckausübung werden, ein Instrument für den Partner, der zurückgewiesen wurde und der den anderen nicht mehr erreichen kann. Ein Richter kümmert sich am Tag um etwa 20 Fälle.
Er oder sie hat nur wenige Minuten, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und um Sorge zu tragen, dass das Gesetz respektiert wird. Dabei sehen sie sich mit sehr fragilen Menschen konfrontiert, die oft eine Rolle spielen, und mit Anwälten, die mehr oder weniger kompetent sind. Ich habe versucht, die Anspannung und emotionale Last dieses Moments einzufangen, indem ich in der Intensität von Echtzeit gedreht habe und indem ich den Zuschauer auf den Platz des Richters setze. Die Parteien sind gleichgestellt und werden von ihrem jeweiligen Anwalt vertreten. Wem glaubt das Publikum? Was entfaltet sich da vor ihren Augen? Für welche Argumente sind sie anfällig? Der Zuschauer wird in Ungewissheit gelassen und muss sich entscheiden. Der Film zeigt, was danach passiert, was der Richter niemals sehen wird.
 
Die Darsteller fangen diese Zerbrechlichkeit und emotionale Last auf brillante Art und Weise ein. Wie haben Sie sie ausgewählt und angeleitet?
Schon beim Schreiben hatte ich Léa Drucker im Kopf. Für mich ist sie dem Charakter der Miriam sehr ähnlich, mit ihrer Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit. Miriam ist eine Frau, die durch den Sturm gegangen ist und ihr Leben wieder neu aufbauen muss. Léa hat bereits vor Drehbeginn viel an der Rolle gearbeitet. Ich gab gar nicht viel psychologische Anleitung. Ich bestand lediglich darauf, dass sie an keiner Stelle das Opfer spielen sollte. Ich hatte sie in einem Kurzfilm gesehen, in dem sie in einer sehr liebevollen Beziehung mit Denis Ménochet stand. Wie ich finde, ist auch er ein exzellenter Schauspieler. Ich wollte die beiden in einer anderen Situation sehen, in einer anderen Phase der Liebe. Mit Denis habe ich am Set viel gearbeitet. Wir sprachen über jedes noch so kleine Detail. Es ist eine schwere Rolle, in der er mit Gewalt, Manipulation und der düsteren Seite fertigwerden muss, ohne dass das Publikum die Verbindung zu ihm verliert, ihn abweist und sich weigert, ihn zu verstehen. Er musste sich in einen unglücklichen Mann hineinversetzen, verstrickt in einem inneren Konflikt, der versucht geliebt zu werden, aber die Augen vor der Wahrheit verschließt. Denis Ménochet ist herausragend in dieser Rolle. Er vereint diese Kombination von robuster Männlichkeit und Kindheitsschmerz.

Sowohl Julien als auch seine Schwester spielen wichtige Rollen in Ihrem Film, die verlangen, viele Emotionen mit nur wenigen Worten auszudrücken. In welcher Weise ist für Sie die Kinderperspektive, vor allem Juliens, essentiell für den Film?
Die Kinder haben nur wenig Dialog, weil genau das die Essenz des Themas ist: In Fällen häuslicher Gewalt werden die Stimmen der Kinder kaum gehört. Und wenn sie sprechen dürfen, wird ihnen oft nicht zugehört. Die Geschichte beginnt mit der Richterin, die Juliens Aussage vorliest. Diese Eröffnungsszene bündelt das zentrale Thema des Films: Die eheliche Beziehung und das Handeln als Eltern. Julien steht als Jüngster im Zentrum des Konflikts. Üblicherweise gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen bei Jungen, die in einem Klima häuslicher Gewalt aufwachsen: Entweder reproduzieren sie diese Gewalt oder sie entwickeln ein Syndrom erhöhter Wachsamkeit, um jederzeit entgegenzuwirken. Julien fällt in die zweite Kategorie. Er ist permanent alarmiert und benutzt seine bescheidenen Mittel, um seine Mutter zu schützen. Seine Schwester Joséphine hingegen wartet, bis sie erwachsen ist. Sie wurde ebenfalls in diesem Klima von Gewalt großgezogen und entwickelt ein für Teenagerinnen charakteristisches Verhalten: Sie flieht vor der Familie, um voreilig eine eigene zu gründen. Durch die Kinder zeige ich die unterschiedlichen Auswirkungen, die häusliche Gewalt innerhalb einer Familie auf 'transgenerationale' Weise haben kann. Joséphine reproduziert ein Familienmuster und wird selbst eine junge Mutter genau wie ihre eigene seinerzeit. Man kann sich sogar vorstellen, dass ihre Großmutter dieses Phänomen bereits begonnen hat. Mehrere Generationen, die anscheinend der elterlichen Autorität entfliehen, indem sie selbst so früh wie möglich Mütter werden.
 
Wie haben Sie mit diesen jungen Darstellern in der Vorbereitung und während des Drehs gearbeitet?
Bei der Arbeit mit Thomas Gioria und Mathilde Auneveux musste ich unterschiedliche Wege gehen. Bei Thomas, für den es seine erste Schauspielerfahrung war, war es mir sehr wichtig, dass er die Realität von Schauspielarbeit begriff und dass er zwischen Realität und Fiktion unterschied – vor allem da seine Rolle sehr schwierig ist und sein Charakter durch einige Extremsituationen geht. Vom Casting bis hin zum Dreh unterstützte ihn Amour Rawyler, ein Experte im Kindercoaching, um die Aufgaben, mit denen er während des Drehs konfrontiert war, zu bewältigen. Thomas hat für sein Alter eine sehr seltene Qualität, die darin besteht, wie er zuhört. Mit 'zuhören' meine ich seine Präsenz, die Art seinem Gegenüber genau zuzuhören. Dabei spricht Thomas mit seinen Augen.  Unsere Aufgabe gemeinsam mit dem Coach bestand darin, diese Qualitäten herauszukitzeln, ohne die Spontanität, die bei jungen Darstellern so kostbar ist, zu verlieren. Bei Mathilde, die Joséphine spielt, war es hauptsächlich eine Frage der Proben. Denn die Szenen, in denen sie zu sehen ist, waren technisch schwierige One-Takes, die entsprechend hohe Präzision verlangten, wie die Szene an ihrem Geburtstag. Sie musste ihre Abläufe so genau wie möglich kennen, um frei zu spielen trotz der vielen Beschränkungen.
 
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Donnerstag 09.08.2018
GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr
Ab 16. August 2018 im Kino
Der Hollywood-Star Hedy Lamarr (Mädchen im Rampenlicht, Samson und Delilah) galt einst als weltweit schönste Frau und feierte als Filmschauspielerin besonders in den 1940er Jahren große internationale Erfolge.  Ihr Dasein als Wissenschaftlerin und ihre Pionierarbeit im Bereich der Mobilfunktechnik war hingegen nie Teil öffentlicher Diskussion.  Zu Unrecht als „ein weiteres schönes Gesicht unter vielen“ betitelt, hat Hedys eigentliches Erbe viel mehr Gewicht. Als österreichische Jüdin, die nach Amerika emigrierte, erfand sie ein störungsgesichertes Fernmeldesystem, das zur Niederlage des Dritten Reiches hätte beitragen können. Sie wollte ihr Patent der amerikanischen Marine übergeben, wurde aber abgewiesen - sie solle lieber Küsse gegen Kriegsanleihen verkaufen. Kurz vor ihrem Tod entdeckten Wissenschaftler ihre Erfindung, die als Basis der heutigen Kommunikationstechnik für sichere WiFi-, GPS- und Bluetooth-Verbindungen dient.  Hedy Lamarr hat nie öffentlich über ihr Leben als Wissenschaftlerin gesprochen und so hat auch ihre Familie Hedys Erbe mit ihrem Tod begraben geglaubt. Es waren die Regisseurin Alexandra Dean und der Produzent Adam Haggiag, die vier Kassetten, auf denen Hedy ihr unbekanntes Leben dokumentierte, zutage brachten. Die Kombination dieser Sprachaufnahmen mit vertraulichen Interviews ihrer Kinder, Familienmitgliedern, engsten Freunden und prominenten Bewunderern macht aus GENIALE GÖTTIN - Die Geschichte von Hedy Lamarr mehr als nur eine Dokumentation über die schöne Hedy Lamarr - es ist eine späte Würdigung ihres unentdeckten Lebens als Erfinderin und als Wissenschaftlerin, in der sie erstmals ihre eigene Geschichte erzählen darf. Nach der Weltpremiere auf dem Tribeca Film Festival hat der Film den Preis „Best of Fest“ in Nantucket sowie den Publikumspreis auf dem San Francisco Jewish Film Festival gewonnen. 


Ein Dokumentarfilm von Alexandra Dean

BESETZUNG
Hedy Lamarr, Mel Brooks,
 Jennifer Hom,
 Anthony Loder,
 Wendy Colton,
 Fleming Meeks, Richard Rhodes, Jan-Christopher Horak, Jeanine Basinger, Peter Bogdanovich, Anne Helen Petersen, Diane Kruger, Stephen Michael Shearer, Robert Osborne, 
Denise Loder DeLuca, Roy Windham, Manya Breuer,
 Guy P. Livingston,
 Tony Rothman,
 Prof. Danijela Cabric (UCLA), Nino Amarena,
 Michael Tilson Thomas, Arthur A. McTighe, 
Lodi Loder, 
James L. Loder,
 William J. Birnes, 
Dr. Lisa Cassileth,
 David Hughes, 
Major Darrell Grob.



VITA HEDY LAMARR
 
 
Geboren am 09. November 1914 in Wien als Hedwig Eva Maria Kiesler, jüdischer Herkunft.
Wurde weltberühmt durch erste Filmerfahrungen in „Ekstase“ (1933), der vor allem durch seine Nackt- und Sexszenen für Aufruhr sorgte.
Nach gescheiterter Ehe mit einem Waffenfabrikanten, der ihr das Schauspielen untersagte, zog es sie nach Paris, London und schließlich nach Amerika. Hier gelang ihr unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr der Durchbruch.
Zahlreiche Ehen und Affären, Mutter von 3 Kindern.
Lamarr wurde nicht nur durch das Mitwirken in zahlreichen Kinohits berühmt, sondern auch als Cover-Girl, Trendsetterin und Modeikone  - und auch oft darauf reduziert. 
Sie erfand in den 40er Jahren gemeinsam mit dem Komponisten Georg Antheil ein Fernsteuerungssystem für Torpedos als Waffe gegen die Nazis. Das Prinzip, das hinter der Erfindung steckt, ist heute Grundlage kabelloser Kommunikation.
Lamarr verbrachte ihren Lebensabend zurückgezogen in Florida, wo sie am 19. Januar 2000 starb. 
Ihre bekanntesten Filme waren u.a.: Algiers (1938), Samson und Delilah (1949), Frau ohne Moral (1947).



INTERVIEW MIT ALEXANDRA DEAN UND ADAM HAGGIAG
 
Q: Wie kamen Sie zu der Geschichte über Hedy? Sind Sie schon lange ein Fan von ihr?
AD: Ich habe viele Jahre für Bloomberg Television und Businessweek in der Sektion Erfindung und Technologie gearbeitet. Da die meisten Erfinder männlich sind, habe ich versucht, Frauen mit innovativen, genialen Ideen zu finden. Jedes Mal, wenn ich eine Frau interviewte, fragte ich sie nach dem Grund des Ungleichgewichts in jenem Arbeitsfeld. Jede von ihnen sagte mir das Gleiche: Es gibt zu wenig weibliche Vorbilder in der Wissenschaft und Technologie. Die meisten Mädchen würden daher niemals davon träumen, Erfinderin zu werden. Und das Problem verstärkt sich: Die Anzahl der arbeitenden Frauen in Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwissenschaft und Mathematik verringert sich, obwohl Schulen und Ausbildungsstätten Mädchen zunehmend ermutigen, sich in diese wachsenden Arbeitsfelder hinein zu begeben. Als meine Kollegin Katherine Drew mir also Richard Rhodes' Buch über Hedy Lamarr überreichte, wusste ich genau: hier ist das Vorbild, wovon jeder glaubt, dass es nicht existiert. Und sie ist ein bekannter Filmstar! Da war mir sofort klar: Das muss mein nächstes Projekt sein!

Q: Wussten Sie vor Drehbeginn bereits von den Kassetten mit Hedys „verlorenen“ Interviews? Wie haben Sie sich entschieden, diese im Film zu nutzen?
AD: Wir drehten schon sechs Monate, als wir die Kassetten entdeckten. Ich habe den Eindruck, dass Hedy mit ihrer Popularität Probleme hatte und sich mit zunehmendem Alter immer mehr zurückgezogen hat. Wir hatten nur sehr wenige TV-Interviews von ihr und von einem Patent war zu keinem Zeitpunkt die Rede.  Wir haben also jeden noch lebenden Journalisten kontaktiert, der irgendwann einmal etwas über sie geschrieben hatte. Leider hat sich niemand gemeldet. Ich habe aber gespürt, dass ihre Stimme irgendwo zu finden sein muss. Ausgerechnet von Fleming Meeks hatten wir die falsche E-Mail-Adresse, aber als ich ihn letztendlich erreichte, war seine Antwort überwältigend: „25 Jahre habe ich darauf gewartet, dass mich jemand wegen Hedy Lamarr anruft – ich habe all ihre Kassetten.“ Das war ein kompletter Richtungswechsel für unseren Film. Hedy selbst wurde so zur Erzählerin und übernahm quasi selbst Regie. 

Q: Der Film porträtiert eine berühmte Person und zeigt gleichzeitig eine unbekannte Seite von ihr -  warum hatten Sie das Gefühl, dass es wichtig ist, Hedys Erbe in einen neuen Kontext zu setzen?
AH: Hedys Biografie wurde von einem Ghostwriter geschrieben und ihr Manager hat ihm gegen Bezahlung einen Freischein für alle wollüstigen, intimen Details über ihr Leben gegeben. Die Biografie porträtiert lediglich ihre Sexualität und ihren Körper. Hedy wollte immer ein zweites Buch schreiben und mit den Vorurteilen aufräumen, aber es kam nie dazu. Wir hoffen, dass der Film zeigt, was für eine vielschichtige, brillante Frau sie war.

Q: Wie sind Sie mit dieser riesigen Fundgrube an archiviertem Material und dem aktuellen Interviewmaterial umgegangen? 
AH: Wir mussten sehr viel Eigenrecherche betreiben, um erst einmal zu Hedys Identität vorzudringen. Vieles kam mittels der Interviews, die wir mit Menschen führten, die Hedy am besten kannten. Manches kam von Experten aus der Technologie und der Kinobranche, anderes wiederum aus Archiven, die wir bei Auktionen auf eBay erstanden haben. Es entstand ein Mosaik, das wir im Film zusammensetzen wollten.  
AD: Es war sehr schwierig, die Balance zu finden. Wir wollten Hedy eine Stimme mittels ihres persönlichen Archivs geben, aber einige Interviews waren unvermeidlich und konkurrierten lange Zeit mit dem Archiv. Robert Osborne, der kürzlich verstorben ist, war einer ihrer besten Freunde und erzählte uns wundervolle Anekdoten über sie. Es war außerdem witzig zu beobachten, wie Mel Brooks von seiner Jugendliebe zu Hedy sprach, die ihn später zu „Hedley Lamarr in Blazing Saddles“ inspirierte. Viele Prominente teilen in diesem Film auch ihre privaten Geschichten mit Hedy. 

Q: Hedy Lamarr war in vielen Bereichen ihrer Zeit voraus. Glauben Sie, die Wahrnehmung ihrer Person wäre heute anders? Oder ist die Erfüllung von Schönheitsidealen immer noch vorrangig?
AD: Es steht außer Frage, dass Hedy heute anders dargestellt und wahrgenommen werden würde. Wenn ein Filmstar schön und auch intelligent genug ist, um Filme zu produzieren und Regie zu führen, ist das keine Schlagzeile mehr. Beispiele hierfür sind Reese Witherspoon oder Natalie Portman. Aber ich denke, wenn Reese Witherspoon versuchen würde, mit einer neuen Technologie den Klimawandel aufzuhalten, wären wir alle skeptisch. Ich habe ein paar weibliche Freunde, die Start-Ups im Technikbereich gegründet haben, beispielsweise Abigail Edgecliff und Megan Conroy. Sie müssen bei Investoren noch immer mehr Überzeugungsarbeit leisten, obwohl sie nachweislich mehr Arbeitsproben vorzuweisen haben und ihre Produkte brillant sind. Heute würden wir Hedy wahrscheinlich im Silicon Valley antreffen. Sie würde keine Küsse an die amerikanische Marine verkaufen, sondern hart dafür arbeiten, von Marc Andreessen ernstgenommen zu werden. 
 
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 02.08.2018
ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
Ab 09. August 2018 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Von Schubert bis Strauß, Bach bis… Billy Joel, Itzhak Perlmans transzendienrendes Violinspiel lotet die Tiefen der menschlichen Empfindungen aus. Dieser bezaubernde Dokumentarfilm schildert die Kämpfe des Geigenvirtuosen als Polio-Überlebender und als jüdischer Emigrant und hält uns vor Augen, warum Kunst so unerlässlich ist für das Leben.

Ein Film von Alison Chernick

Von Schubert bis Strauß, von Bach bis Brahms, Mozart bis… Billy Joel – Itzhak Perlmans Geigenspiel geht weit über eine bloße Darbietung hinaus: Mit seinem Spiel beschwört er die Höhen und Tiefen der menschlichen Erfahrungen herauf. „Mit der Violine beten“, nennt es der berühmte Geigenbauer Amnon Weinstein.
Alison Chernicks bezaubernde Dokumentation zeigt uns den Polio-Überlebenden hinter dem großartigen Musiker, dessen Eltern aus Polen nach Israel emigrierten und den jungen Mann, der als Musikstudent so schmerzlich darum kämpfen musste, ernst genommen zu werden, da die Musikhochschulen nur auf seine Behinderung achteten. Itzhak selbst ist witzig, respektlos und selbstironisch und der Film zeigt seine Lebensgeschichte in Gesprächen mit meisterlichen Musikern, mit Familie und Freunden und – besonders reizend – mit seiner hingebungsvollen Frau Toby, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist. Itzhaks und Tobys Leben ist ihrer großen Familie in New York gewidmet und ihrer unermüdlichen Unterstützung von jungen Musikern.

So charmant und hinreißend wie der berühmte Geiger ist der Film ITZHAK. Das Porträt eines musikalischenVirtuosen, der von Warmherzigkeit, Humor und – vor allem – Liebe nur so strotzt.



Gespräch mit Alison Chernick

Warum Itzhak Perlman? Was fanden Sie an ihm so spannend?
Abgesehen von Itzhak Perlmans großem musikalischen Talent, suchte ich nach einem dynamischen Charakter mit einer komplexen Persönlichkeit. So kann ich den Interview-Stil der „Talking Heads“ vermeiden. Ich wusste, dass Perlman einen ganzen Filme alleine tragen kann, ohne dass Andere als Lückenfüller einspringen müssten – und dass er sehr unterhaltsam sein würde. Und ich behielt Recht.

Sie haben zeitgenössische Bildende Künstler in ihren vorherigen Filmen vorgestellt. Was ist das Einzigartige an diesem Film, und warum haben Sie einen langen Dokumentarfilm mit ihm gedreht?
Der Prozess, einen Charakter oder Künstler zu entschlüsseln, ist für mich immer derselbe. Als Regisseurin ist mein wichtigstes Ziel, ein so persönliches Porträt wie nur möglich zu gestalten, dem Publikum die „Inside Story“ zu enthüllen. Etwas, das die Zuhörer bei einem Konzert nicht bekommen. Es ist besonders zufriedenstellend zu erleben, wer dieser Mensch außerhalb seiner Arbeit ist, und in welcher Rolle beim Arbeiten. In Perlmans Fall fließt seine enormer Spirit, seine Seele und seine Mitmenschlichkeit in seine Arbeit ein und schafft diesen wundervollen Klang.

Welche Rolle spielt die Musik im Film?
Die Musik ist ein Traum für jeden Filmemacher. Perlman stellt tatsächlich soviel mehr als seine Musik dar, so dass diese der rote Faden wurde, der die Geschichte zusammen stellte.

Wie lange drehten Sie? War es sehr schwierig, Zugang zu den Menschen und Orten zu bekommen, die Sie im Film zeigen wollten?
Wie drehten ein Jahr lang – nicht durchgehend. Es war Perlmans 70. Lebensjahr und natürlich war da viel los. Das war ein toller Zeitpunkt für den Film. Dann waren wir ein Jahr lang im Schnitt. Der Zugang gelang ganz leicht. Itzhak Perlman ist ein beliebter Mann, das erleichterte viel.

Sie hatten Zugang zu Perlmans Privatleben. Wie entschieden Sie, welche Momente Sie für den Film auswählen?
Das war ein sehr organischer Prozess – die Momente suchten sich quasi selbst aus, der Film entwickelte eine eigene Persönlichkeit und bestimmte selbst, was wir brauchten. Als wir den Rohschnitt ansahen, hatten meine Cutterin und ich dasselbe Gefühl, was noch fehlte oder zuviel war.

Wieviel Archivmaterial mussten Sie sichten, während Sie den Film montierten? Wie entschieden Sie, was in die endgültige Fassung davon verwenden würden?
Wir wollten, dass der Film aktuell ist, aber es gab einige Archivszenen, die zu schön waren, um sie wegzulassen. Deshalb sind ungefähr zehn Prozent Archivmaterial im Film.



Über Itzhak Perlman

Itzhak Perlman ist einer der weltweit bekannten Instrumentalisten klassischer Musik, einer der unbestrittenen Violinvirtuosen, der einen für einen klassischen Musiker seltenen Superstar-Status innehält. Er wird für seinen Charme und seine Humanität genauso geliebt wie für sein Talent und weltweit vom Publikum nicht nur für seine bemerkenswerte Kunst geschätzt, sondern auch für seine unbändige Freude am Musikmachen und der Kommunikation mit den Zuhörern. 
Perlman hat mit jedem wichtigen Orchester gespielt und in allen ehrwürdigen Sälen rund um den Globus. 2015  bekam er von Präsident Obama die “Presidential Medal of Freedom“, die höchste zivile Ehrenauszeichnung der USA, die Kennedy Center Honor 2003, eine „National Medal of Arts“ von Präsident Clinton 2000.
Perlman wurde 1945 in Israel geboren und beendete seine erste Ausbildung an der Academy of Music in Tel Aviv. Er kam nach New York und durch einen Auftritt in der Ed Sullivan Show machte 1958 internation auf sich aufmerksam. Nach seinem Studium an Juilliard School gewann Perlman den renommierten  Leventritt Wettbewerb 1964, welches den Grundstein für eine weltweite Karriere legte.



Über Alison Chernick

In preisgekrönten Dokumentarfilmen gelang es Alison Chernick, die Gedanken und kreativen Prozesse der wichtigsten und produktivsten zeitgenössischen Künstler einzufangen. Sie schuf eine Brücke zwischen moderner Kunst und dem Film und entwickelte zuerst eine Fernsehserie, in der sie Künstler vorstellte. Ihr erster Langfilm THE JEFF KOONS SHOW kam international in die Kinos. Ihr zweiter Dokumentarfilm MATTHEW BARNEY: NO RESTRAINT feierte Premiere bei der Berlinale und wurde weltweit gezeigt. Ihr Kurzfilm THE ARTIST IS ABSENT über den Künstler/Designer Martin Margiela lief beim Tribeca Film Festival  2015. Ihr jüngster Film ITZHAK PERLMAN eröffnete das Hampton International Film Festival 2017 und das jüdische Filmfestival 2018. Chernick ist bekannt für ihre fesselnden Porträts im Cinema Verité-Stil.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 26.07.2018
WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER
Ab 02. August 2018 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Agbogbloshie, Accra, ist eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt. Rund 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie selbst nennen diesen Ort „Sodom“.

Ein Film von Florian Weigensamer und Christian Krönes


„Sodom“ nennt man den Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, den nur jene betreten, die unbedingt müssen. Die Deponie von Agbogbloshie ist Endstation für Computer, Monitore und anderen Elektroschrott aus Europa und aller Welt. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, Drucker und andere Geräte aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Die Nachfrage nach den neusten elektronischen Accessoires in der Ersten Welt explodiert. Hersteller melden regelmäßig Umsatzrekorde. Doch diese Lifestyle-Produkte sind oft schon nach kurzer Zeit wieder „out“ und damit Schrott. Hunderttausende davon landen in Ghana, wo Kinder und Jugendliche den Elektroschrott unter freiem Himmel zerkleinern. Durch das Schmelzen alter Kabel in pechschwarzen Rauchwolken werden neue Rohstoffe gewonnen. Für die einen ein „sauberes“ Geschäft, für die Anderen giftiger Alltag. Der Dokumentarfilm WELCOME TO SODOM – DEIN SMARTPHONE IST SCHON HIER lässt die Zuschauer hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde mitten in Afrika blicken und portraitiert die Verlierer der digitalen Revolution. Dabei stehen nicht die Mechanismen des illegalen Elektroschrotthandels im Vordergrund, sondern die Lebensumstände und Schicksale von Menschen, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Die Müllhalde von Agbogbloshie wird wahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen!



„Sodom is like a Beast. Sometimes you kill the Beast. Sometimes the Beast kills you.”
 Mohammed Abubakar

Inhalt
Vor nicht allzu langer Zeit war diese Gegend unberührtes Sumpfland. Heute liegt an der Lagune eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt. Agbogbloshie, am Rande der Millionenmetropole Accra, zählt zu den verseuchtesten und giftigsten Arealen der Erde. Etwa 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie nennen diesen Ort „Sodom”. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, Drucker und andere technische Geräte aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Aus Europa und anderen Ländern illegal nach Ghana verschifft. Alle hier in Sodom leben in irgendeiner Form von den „Segnungen“ des Computerzeitalters, viele sterben daran. Und dennoch ist der apokalyptisch anmutende Schauplatz für die Bewohner ein Ort voller Perspektiven. Von Endzeitstim
mung ist in diesem unwirklichen Setting nichts zu spüren, im Gegenteil, denn der Elektronik - Friedhof zieht Menschen aus allen Landesteilen, sogar aus Nachbarländern an und verspricht ein bescheidenes Auskommen. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verwandeln sie die Deponie zu einem quirligen Platz voller Aufbruchstimmung und Lebensfreude.
„Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ führt an diesen unwirk- lichen Ort und porträtiert Menschen, deren Existenz und Alltag von der modernen Technologie geprägt, aber auch bedroht ist. Ineinander verwoben werden die Schicksale unterschiedlichster Protagonisten dieser dystopischen Gesellschaft beleuchtet. Wir begegnen dem Herrn über die Feuer, in denen die Kabelberge, Monitore, Computer verbrannt und eingeschmolzen werden, um an das Kupfer und die Metalle zu kommen. Zwischen den dichten, tief- schwarzen Rauchsäulen treffen wir einen Medizinstudenten, der aufrund seiner Homosexualität aus seiner Heimat fliehen musste und in der Anonymität dieses Ortes Schutz sucht. In einem Holzverschlag hat sich ein junger Arbeiter ein
Tonstudio eingerichtet, in dem er in der Freizeit seine Rap – Songs aufnimmt. Ein katholischer Missionar predigt inbrünstig, wie erfolglos Tag für Tag den tausenden Muslimen und ein kleines Mädchen kämpft mit der eigenen Identität. Als Junge verkleidet kommt sie an besser bezahlte Arbeit - mit einem Magneten sammelt sie die kleinsten Metallreste aus der verbrannten Erde rund um die großen Feuer.
Die Protagonisten geben einen vertiefenden Einblick in das Leben und Arbeiten an diesem apokalyptischen Ort.  Die große Müllhalde wird zum Vexierbild unserer modernen Zivilisation, kurzlebige Technik zur Metapher einer kapitalistischen Luxus- und Wegwerfgesellschaft. Sodom ist zwar einer der unwirtlichsten Orte unseres Planeten, aber auch ein wunderbares
Universum aus Einfallsreichtum, Phantasie und menschlichem Geschick. Die riesige Müllhalde ist auch Recycling-Hof, ein Ort, an dem Dinge enden aber auch Neues entsteht.
Hier manifestiert sich der Fluch des Digi- talen Verbraucherwahns. Sodom ist, im wahrsten Sinne des Wortes, das Ende unserer modernen, digitalisierten Welt. Und wird  höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen!



Statement des Teams

Das Thema „Elektromüll“ ist in jüngster Zeit durch unterschiedliche Medien zunehmend in unser Bewusstsein gerückt. Wir wollten diese Sensibilisierung der Öffentlichkeit ganz bewusst nutzen und mit „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ erstmals jenen Menschen ein Gesicht und eine Stimme geben, die am untersten und schmutzigsten Ende der Wertschöpfungskette des Techno- logiezeitalters stehen. Der Film ist keine Anklage, sondern eine Reflexion auf die globalisierte Gesellschaft, die einmal mehr zum Nachdenken über Konsumverhalten und Nachhaltigkeit anregen soll. Allein die Tatsache, dass es immer noch zu wenig öffentliches Bewusstsein für diesen Elektromüll - Kreislauf gibt, verleiht dem Film Relevanz.
In exemplarischen Episoden werden die Auswirkungen der europäischen Elektromüllexporte am Mikrokosmos der Deponie von Agbogbloshie in Ghana gespiegelt. Die Handlungsstränge werden ausschließlich von den Protagonisten getragen, der Alltag der Menschen wird sensibel dokumentiert. Der Verzicht auf Kommentar und klassische Interviewsituationen soll dabei Raum für eine assoziative Annäherung und emotionale Einbindung der Zuseher schaffen. Unser Ziel war es, über einen längeren Zeitraum in den einzigartigen Kosmos von Agbogbloshie einzutauchen und die Geschichte von diesem Schauplatz ausgehend zu entwickeln. Wir haben in Folge drei Monate auf der Müllhalde verbracht, einem der wohl unwirtlichsten und giftigsten Orte der Erde. Es war nicht einfach und hat viel Zeit gebraucht, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen und ihnen so nahe zu kommen, dass sie uns ihr Innerstes öffneten. Diese Nähe unterscheidet „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ von anderen Berichten über diesen Schauplatz, die meist an der Oberfläche bleiben. Um diesen Ort, das Leben an diesem - eigentlich - Un-Ort verstehen zu können, muss man tiefer blicken.
Denn die endzeitlich anmutende Szenerie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als pulsierender Ort voller Lebensfreude, Hoffnung und unglaublicher Kreativität. Im scheinbaren Chaos der Müllhalde entdecken wir perfekte Organisation, ja Ordnung und lernen Menschen kennen, die im besten Sinne „Recycling“ betreiben. Denn auf Accras großer Müllhalde wird alles, wirklich alles (wieder-) verwertet und es bleibt kaum etwas übrig.
Wir wollen den Zuschauern mit diesem Dokumentarfilm die Elektromüllproblematik der Ersten Welt und ihre Auswirkungen in der Dritten Welt vor Augen zu führen. „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ vereint alle Elemente um den Zusehern lange in Erinnerung zu bleiben: Eine bildgewaltige visuelle Ebene und berührende menschliche Geschichten. Dabei wird auf eine Abbildung der Armut in Hochglanzbildern sowie auf jegliche spekulative Visualisierung verzichtet. Es geht um die Darstellung einer Realität, die an diesem Ort dramatisch genug ist und daher keiner Inszenierung bedarf – nur einer genauen und sensiblen Beobachtung.
Der Film behandelt ein Thema von höchster Aktualität. Wir hoffen damit kritische  Kinobesucher anzusprechen, ihr eigenes Kaufverhalten zu überdenken und sie, entgegen der Doktrin der Wegwerfkultur zu sensibilisieren. Wir würden uns wünschen, dass „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ vielschichtige Reflexion bewirkt und intensive Debatten eröffnet.
(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 19.07.2018
GUTE MANIEREN
Ab 26. Juli 2018 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Die mysteriöse und bildhübsche Ana engagiert die alleinstehende Krankenschwester Clara, die sich um Anas schickes Apartment in São Paulo und später als Kindermädchen um deren ungeborenes Baby kümmern soll. Rasch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine innige Beziehung. Doch mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft verhält sich Ana immer merkwürdiger: Sie hat ständig Lust auf Fleisch und schlafwandelt bei Vollmond blutdurstig durch die Stadt. Nach der schaurig-überstürzten Geburt ist Clara alleine mit Anas Kind. Sie zieht es voller Liebe und Fürsorge auf. Doch je älter es wird, desto stärker wird der verheerende Ruf des Mondes ...
Mit fantastisch stilisierten Sets, einem traumhaften Lichtkonzept und einem magisch schwirrenden Musikscore entwickelt das Regie-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra aus der romantischen Mütter-Kind-Geschichte ein gruseliges Großstadt-Märchen, das sich raffiniert auf folkloristische Traditionen Brasiliens und auf Genre-Klassiker wie „Rosemaries Baby“ (1968) und „American Werewolf“ (1981) bezieht. GUTE MANIEREN ist aber zugleich ein kritischer Kommentar auf die heutige brasilianische Gesellschaft, die noch immer stark von patriarchalen Ordnungen, sozialen Klassenunterschieden und dem strengen Glauben an die katholische Kirche geprägt ist.
Der herzzerreißende Horrorfilm wurde vergangenes Jahr bei den Filmfestspielen in Locarno als Meisterwerk gefeiert und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.


Ein Film von Juliana Rojas & Marco Dutra


JENSEITS ALLER GRENZEN
JULIANA ROJAS UND MARCO DUTRA ÜBER IHREN FILM

Wie in ihren vorhergehenden Filmen mischen Sie in „Gute Manieren“ Elemente des Fantastischen mit einer deutlichen Sozialkritik. Wie begann die Arbeit zu diesem Film und wie steht dieser in Bezug zu ihren früheren Filmen?
Das Element des Fantastischen wird in unserem ersten gemeinsamen Spielfilm „Hard Labor“ immer mehr Teil der Erzählung, je näher wir deren Höhepunkt kommen. In „Gute Manieren“ haben wir uns dazu entscheiden, von Beginn an eine fantastische Welt zu erschaffen und bedienten uns dafür der  narrativen Struktur eines Märchens. Die Erzählung spielt in einer leicht traumhaften Version von São Paulo und nimmt einige Wendungen, die nur in einer magischen Welt möglich sind. Aber die materialistischen Themen der sozialen Klassenunterschiede und Rassendiskriminierung sind als Probleme noch immer sehr präsent.

Lassen Sie uns über ihre Frauenfiguren sprechen. Ana erscheint als eine junge Frau aus der gehobenen Mittelschicht, die versucht sich von ihrem Umfeld zu emanzipieren. Wie  haben Sie diese Figur und die Themen um sie entwickelt?
Ana verbindet uns mit dem ländlichen Brasilien, wo sich die Mythen um Werwölfe einst entwickelt haben. In der ersten Version unseres Drehbuchs war sie Teil einer romantischeren, Gothic-haften Welt. Im Zuge unserer Recherche sind wir dann aber auf ein  junge Generation von reichen Landwirten aus dem Bundesstaat Goiás gestoßen, der tiefe Verbindungen mit der Kolonialzeit in Brasilien hat und in dem Volksmusik extrem populär ist. So entstand für uns ein neuer Entwurf von Ana als eine junge Frau, die in einer ländlichen Blase aus Privilegien und Prahlerei aufgewachsen ist und das Leben darin gewohnt war - und nun plötzlich schwanger wird, was von ihrer Umgebung nicht gerade willkommen geheißen wird. Sie wird verstoßen und zieht nach São Paulo in einen Wohngegend für Neureiche, die einzig aus Hochhäusern und Bürokomplexen besteht. Für sie eröffnet sich damit zugleich die Chance, mit einer anderen Seite ihres Ichs in Beziehung zu treten.

Clara ist die eigentliche Protagonistin des  Films, sie führt uns tief in die Geschichte hinein. Wieso haben Sie für sie die Rolle des Kindermädchens gewählt?
Kindermädchen sind nichts Besonderes in Familien der brasilianischen Mittel- und Oberschicht. Sie nehmen eine wichtige Funktion in der Erziehung der Kinder ein und werden als zweite Mütter angesehen. Über Claras Figur wollten wir uns mit den 
Fragen  von  Mutterschaft  und  der  Beziehung  zwischen  Arbeit und sozialer Klasse auseinandersetzen. Clara hat etwas Geheimnisvolles – sie ist in ihrer Vergangenheit viel hin und her gezogen, hat in vielen kleinen Städten gelebt ehe sie sich in einem Vorort von São Paulo niedergelassen hat. Weil sie ihre kranke Großmutter gepflegt hat, weiß sie viel über Medizin und Spiritualität. Sie ist eine starke Frau, die sich Ana entgegenstellt und sich  weigert, von ihr ausgenutzt zu werden. Als Ana beginnt, sich als Arbeitgeberin selbst zu zerlegen, erkennt Clara ihre Zerbrechlichkeit und die beiden stellen fest, dass sie mehr gemeinsam haben als zunächst angenommen.

In der Beziehung zwischen den beiden geht es um Liebe, Sex und schließlich um eine geteilte Mutterschaft. Clara wird die zweite Mutter von Joel und zieht ihn auf, als Ana das nicht länger kann. Der Film zerfällt damit klar in zwei Akte.
Die Struktur kam so zustande: Wir brauchten einen Moment im Zentrum der Geschichte, der es uns erlaubte, ganz verschiedene Aspekte von Mutterschaft zu verhandeln. Über Ana können wir über biologische Mutterschaft nachdenken, wie es körperlich für eine Frau ist, ein Kind zu bekommen, und wie aggressiv eine Schwangerschaft mitunter auf einen Körper wirkt. In der zweiten Hälfte folgen wir Clara, und nun geht es darum, wie schwierig die Erziehung eines Kindes sein kann. Eine wichtige Inspiration war für uns Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ (1944/45), das wiederum eine Bearbeitung der Legende des Königs Salomon ist. Unser Film stellt auch die Frage: Wer ist die wirkliche Mutter des Kindes – die biologische oder diejenige, die das Kind groß zieht? Liebe und familiäre Bindung kommen von Arbeit und Fürsorge und sind nicht immer das Ergebnis von Blutsverwandtschaft. Clara nimmt Joel zunächst aus Liebe zu  Ana zu sich, aber auch, weil sie durch seine monströse Erscheinung hindurch blicken kann. Aber eine Mutter zu werden ist auch ein Akt der Ausbildung. Während Clara Joel groß zieht und ihm gute Manieren beibringt, muss sie auch lernen, seine wahre Natur zu akzeptieren.
Joel wirkt in der Gestalt des Wolfs nicht nur als Monster, er erscheint auch liebenswert, beinahe niedlich. Joels Ambivalenz spricht uns alle an. Es geht um die menschlichen Konflikte zwischen Aggressivität und Sanftheit, Instinkt und Zivilisation, Fleisch und Seele. Liebe selbst wird durch diese Konflikte charakterisiert, es geht um Anziehung, aber auch um Inbesitznahme. Da wir Joel durch die Augen einer Person sehen, die ihn liebt, ist es am Ende des Films ganz natürlich, dass er auch liebenswürdig und auf seine Art auch wunderschön erscheint. Wir erleben Joels Erwachsenwerden als einen Prozess der größeren Selbstwahrnehmung, die vom Geschmack des ersten Bluts und der Entdeckung von Spuren seiner biologischen Mutter ausgelöst werden. Auch die Zahl „7“ steht damit in Verbindung: Sowohl in der Werwolf-Legende wie auch in der psychologischen Theorie heißt es, dass ein Kind ab einem Alter von 7 Jahren begreift, dass es sich als Person von den Eltern unterscheidet. Wir haben viel Zeit mit den Kinderdarstellerinnen verbracht, vor allem mit Miguel Lobo, und diese Zeit war wichtig, um einen bestimmten Blick auf kindliche Verhaltensweisen zu demystifizieren. Die Kinder bei den Proben zu beobachten, hat uns zu vielen Entdeckungen geführt.
Die Gestaltung der Wolf-Version von Joel war ein langer Prozess. Wir haben für die Entwürfe des Wolf-Babys und des späteren -Kindes mit dem Künstler Mathieu Vavril zusammengearbeitet und erst nach vielen Versionen die richtige Balance zwischen Kind und Tier gefunden. Atelier 69 hat aus diesen Entwürfen dann die elektronisch gesteuerten Modelle geschaffen. Mikris Image hat dann das  digitale Model der Kreatur auf der Basis von Miguels Maßen, seiner Augenfarbe und Größe, den Formen seines Kopfes und seiner Körperstruktur geschaffen. Dabei hatten die emotionalen Teile der Geschichte für das Team von Mikros Priorität – es ging darum, Miguels Schauspiel in der CGI-Animation zu bewahren und der monströsen Figur somit Leben und Wahrhaftigkeit einzuhauchen.

Sie haben für die Geschichte die Form eines gruseligen Märchens gewählt. Welche filmischen Referenzen hatten Sie bzgl. des Genres, der Stimmung und der Inszenierung im Sinn?
Genrefilmen können uns ein tiefes Verständnis über die Ängste in der Welt vermitteln, in der wir leben. Wir sind beide große Fans der frühen Disney-Filme und deren Vermischung verschiedener Genres: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Dumbo“ (1941) und „Bambi“ (1942) nutzen Musik, Elemente des Horrors und der Fantasie um über komplexe Themen wie Neid, Einsamkeit und Heranwachsen zu erzählen. Wir wollten diesem Beispiel folgen, es sollte aber um unsere eigenen, zeitgenössische Themen gehen: sexuelles Begehren; die Frage, was eine Familie ausmacht; die Veränderungen eines Körpers. Märchen sind eine breite und direkte, nicht unbedingt moralisierende Form, in der aus dem alltäglichen Leben Fantasie und neue Bedeutungen entwickelt werden. „Gute  Manieren“ ist unser Versuch eines modernen Märchens. Inspiriert haben uns dabei auch die Filme von Jacques Tourneur, vor allem „Katzenmenschen“ (1942) und „The Leopard Man“ (1943), in denen der Regisseur meisterhaft Atmosphäre und einen feinen Raum jenseits der Leinwand erschafft.
In der ersten Hälfte unseres Films wird Anas Schwangerschaft mit Geheimnissen versehen, deren Enthüllung nach und nach ihr merkwürdiges Verhalten erklären. Im Moment der Geburt erkennen wir das Baby als das, was es ist. In der zweiten Hälfte des Films ist die Existenz des Werwolfs kein Geheimnis mehr. Trotzdem zeigen wir auch hier erst nach und nach, was die Verwandlung mit Joel macht: Wir hören das Geheul, sehen dann Details seines Körpers wie das Fell oder die Nägel. Erst ganz am Ende des Films sehen wir Joel in vollständiger Verwandlung an der Seite von Clara – zu einem Zeitpunkt, an dem wir seine Gefühle als Werwolf auch nachempfinden können. Dieser offene und zugleich direkte Ansatz, mit mythischen Figuren und ihren Gefühlen umzugehen, ist in den meisten Märchen zentral. Für uns war das die richtige Perspektive auf Joel und seinen Werwolf-Körper.

Sie zeigen São Paulo als hochgradig stilisierten Ort. Wie verlief die Arbeit mit dem Kameramann Rui Poças?
Wir haben zwei unterschiedliche Räume entworfen: Anas Apartment, dem man ansieht, dass es die Wohnung einer Neureichen ist, und die Welt der Peripherie, in der Clara lebt. Wir haben diese beiden Sphären wie das Schloss und die umgebenden Wälder aus alten Märchen betrachtet. Hinzu kam der mythische Aspekt der Werwolf-Erzählung. Jedes dieser Konzepte hatte ein bestimmtes Set an Regeln bezüglich Farben, Licht und Design.
Unser Produktionsdesigner Fernando Zuccolotto arbeitete mit dem Künstler Eduardo Schaal für die Designs der Bühnenbilder zusammen, wobei sie alte Techniken verwendeten und sich von Filmen wie Powell/Pressburgers „Die schwarze Narzisse“ (1947) und Hitchcocks „Marnie“ (1964) inspirieren ließen, ebenso wie von den Werken der brillanten Disney-Produktionsdesignerin Mary Blair.

Auch wenn Sie eine fantastische Form wählen, bleiben die zeitgenössischen Themen klar erkennbar. Würden Sie sagen, Sie haben einen politischen Film gemacht?
Ja. Das Konzept der Differenz ist zentral im Werwolf-Mythos:Mensch gegen  Bestie, Zivilisation gegen Instinkt. Wir erweitern dieses Konzept auf alle Aspekte unserer Geschichte: Zentrum und Peripherie, weiß und schwarz, reich und arm. Die Spaltung des Films reflektiert das ebenso: Horror- und Kinderfilm werden miteinander verwoben. Die Figuren werden durch alle möglichen Grenzen voreinander getrennt: soziale Schicht, Hautfarbe, Herkunft, Glaube, Alter, Zeit. Es geht für sie aber auch um Einsamkeit und verborgenes Begehren. In gewisser Weise ist die homosexuelle Liebesgeschichte zwischen diesen derart unterschiedlichen Figuren und die Gründung einer ungewöhnlichen Familie die wildeste Fantasie des ganzen Films: die Vorstellung, dass alle Schranken, die die Gesellschaft errichtet hat, in Frage gestellt und letztlich niedergerissen werden können.

Musste der Film also offen enden?
In einem unserer ersten Drehbuchentwürfe endete die Geschichte tragisch. Unsere langjährigen Partnerinnen und Produzentinnen Sara Silveira und Maria Ionescu von Dezenove Som e Imagens fanden, dass wir damit in eine falsche Richtung gehen würden, und wir erkannten, dass sie Recht hatten.
Wir haben also eine neue Schlussszene gedreht, mit der auf gewisse Weise die Nabelschnur des Kindes erst richtig durchtrennt wird. Es geht in dieser letzten Szene aber auch darum, Widerstand zu leisten und gegen das Regime der „guten Manieren“ aufzubegehren. Gegen ein Regime, das eigentlich immer in Frage gestellt werden sollte, wenn es um die Suche nach erträumten anderen Welten geht.
Interview: Bernard Payen



BIOGRAFIEN
Juliana  Rojas (*  1981) und Marco Dutra (*1980) studierten beide Film an der Universität von São Paulo, wo sie sich auch kennenlernten und ihre kreative Partnerschaft begann. Sie haben eine Reihe von preisgekrönten Kurzfilme gedreht, u.a. „O Lenço Branco“ (2004) und „Um Ramo“ (2007). Ihr erster gemeinsamer Spielfilm „Trabalhar Cansa“ („Hard Labor“), wurde 2011 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard uraufgeführt und im selben Jahr in Sitges mit dem Citizen Kane Award ausgezeichnet. Juliana hat bei dem Horror-Musical „Sinfonia da Necrópole“ Regie geführt, das 2014 beim  Mar Del Plata Film Festival mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Parallel arbeitet sie als Drehbuchautorin für mehrere TV-Serien wie die zweite Staffel der Netflix-Produktion „3%“ sowie als Cutterin für andere Spielfilmprojekte. Marco drehte den Horrorfilm „Quando Eu Era Vivo“ („When I Was Alive“; 2014), der unter anderem auf den Filmfestivals von Rom und Peking gezeigt wurde, sowie den Thriller „Era  el Cielo“ („The Silence of the Sky“, 2016), der unter anderem in den Wettbewerben der Filmfestivals von Tokyo und Havana lief, ehe er weltweit auf Netflix gezeigt wurde. Ihr zweiter gemeinsamer Spielfilm GUTE MANIEREN („As  Boas  Maneiras“) wurde 2017 bei den Filmfestspielen von Locarno uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet

Filmographie (Auswahl)
2004
„O Lençol Branco“ (KF, R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2007
„Um Ramo“ (KF, R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2011
„Trabalhar Cansa“ („Hard Labor“; R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
2012
„O Duplo“ (KF; R: Juliana Rojas)
2014
„Quando Eu Era Vivo“ (R: Marco Dutra)
„Sinfonia da Necrópol“e (R: Juliana Rojas)
2016
„Era el Cielo“ („The Silence of the Sky“; R: Marco Dutra)
2017
„Gute Manieren“ (As BoasManeiras“; R: Juliana Rojas & Marco Dutra)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 12.07.2018
B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN
Ab 19. Juli 2018 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Er möchte so gern sterben, der Lenz,    aber er    kann’s    einfach  nicht. Lorenz „Lenz“ Gantner, Altwirt der Raststätte    B12 an    der gleichnamigen bayerischen Bundesstraße, ist 89 Jahre alt. Ein Schlaganfall hat ihn schwer getroffen. Wie schwer, darüber gehen    die Meinungen auseinander. Die Behörde hat ihm die Pflegestufe wieder aberkannt,    weil er    beim Kontrollbesuch ans Telefon gegangen ist, statt im    Bett liegen zu    bleiben. Auch    das Mitleid seines Sohns Manfred hält sich in Grenzen. Aber    Lenz beharrt darauf: Es gehe    ihm fürchterlich, er sei so gut     wie blind, könne gar nichts mehr unternehmen. Er    ist weinerlich.    Er will    sterben.
Aber weil das    halt nicht klappt, kann er auch mal eine gute Leberknödelsuppe essen oder eine Maß Bier trinken. Und Tag    für Tag    in der Raststätte sitzen, die er     seinem Sohn schon zu Lebzeiten vererbt hat, samt Schulden. Die Freunde vom Stammtisch sind schließlich    auch alle da: Konrad,    der einst König    des Rock’n’Roll-Tanzes war    und bald eine    neue Hüfte kriegt, Parkplatzwächter    Mane,    der mehr trinkt als    spricht, und der stoisch gut gelaunte    Franz,    der Lenz’ ewige Vorwürfe und Beschimpfungen gekonnt ignoriert.

Das B12, in dem sie sich treffen, ist auf den    ersten    Blick ein unauffälliger Ort, eine etwas heruntergekommene Imbissbude inmitten einer wilden Ansammlung von Gebäuden und    Containern. Doch die Stammgäste  und Durchreisenden    verhandeln hier die großen Lebensthemen: Liebe, Tod, Freundschaft und die Qualität eines Saukopfs. Die Männer, die hier täglich sitzen und trinken, reden und schweigen, sind allesamt    Originale. Viel besitzen sie nicht, aber Humor, Gemeinschaftssinn    und Gelassenheit auf alle Fälle.
Wenn Wirt Manfred ein Nebengebäude renovieren will und die befreundeten Handwerker alle drei Fenster    falsch herum einbauen, dann    ist das zwar saudumm, aber irgendwie auch    wurscht. Die Handwerker trinken ihr unverdientes Feierabendbier, und dann wirft ihnen der Spielautomat auch noch ein kleines Vermögen aus.
So ist das Leben halt: Glück und Unglück, Spaß und Verdruss, Freud und    Leid liegen eng beieinander. Und im B12 noch ein bisschen    enger. Ist dieser Ort nun kaputt und deprimierend?    Ein Ort, an    dem ununterbrochen Autos vorbeirauschen und wo    der alte Lenz in einer ehemaligen Großküche haust? Oder doch    ein besonderer  Ort, wo immer was los ist, wo viele     eine Heimat gefunden haben, wo ein 89-jähriger vom Sterben redet und     dabei    höchst    vital ist? Das ist Ansichtssache.


Ein Film von Christian Lerch


Pressenotiz   
B12 – GESTORBEN WIRD    IM NÄCHSTEN LEBEN ist    der ganz andere Heimatfilm: Christian Lerch (Regisseur und    Drehbuchautor von WAS WEG IST,    IST WEG, Drehbuchautor von WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT) porträtiert    eine etwas heruntergekommene Raststätte an der B12 und bietet Einblicke    in ein Bayern,    das man sonst    nicht kennenlernen würde: Die Stammgäste sind rau,    derb, anarchisch und haben einen ureigenen    Blick auf die Welt, allen voran der 88-jährige Altwirt    Lenz. Aus einem Herzensthema des    Drehbuchautors, Schauspielers und Regisseurs Christian Lerch ist eine liebevolle Langzeitstudie für die große Leinwand geworden!
Bei seiner Premiere auf dem DOK.fest München wurde B12 – GESTORBEN WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN zu einem bejubelten Festival-Liebling. Produziert wurde B12 - GESTORBEN     WIRD IM NÄCHSTEN LEBEN von der Münchner Südkino Filmproduktion (Johannes Kaltenhauser und Patrick Lange)    und von Lerchfilm in    Koproduktion mit demBayerischen Rundfunk (Redaktion: Petra Felber, Martin Kowalczyk, Fatima Abdollahyan). Johannes Kaltenhauser ist Koautor und Kameramann des Films. Die Filmmusik stammt    von DJ und Musikproduzent Sepalot. Der     Film wurde gefördert    vom FilmFernsehFonds Bayern (FFF).   


Regie-Statement von Christian Lerch

Das Rasthaus B12 kenne ich immer schon. Es liegt auf meinem Weg nach München. So hingeworfen - rechts    drin – direkt an der Straße. Jahrelang bin ich daran vorbei gefahren und immer    ist mir dieser Ort aufgefallen    als ein Besonderer. Also, eines Tages    angehalten, ausgestiegen und eingetreten in einen Kosmos der     Sorgen, Nöte,    Sehnsüchte und wahrlich außergewöhnlichen Bewältigungsstrategien. Ich war an einem Ort, der unser aller Suche nach    Liebe, Geborgenheit und Glücklichsein ungeschminkt,    offen sichtbar und in fast allen Facetten abbildet. Und dies    auf eine Weise tragisch, komisch und    fern jeder gängigen Selbstoptimierungsphantasie, dass ein jeder Coach schon bald daran verzweifeln würde.     Ich bin immer noch jeden Tag froh, dass wir unsere Protagonisten und Protagonistinnen und deren Umgang mit den Herausforderungen der Wirklichkeit beobachten durften.



Zitate   

„,Ja mei, I mechad nur noch sterben', sagt der 89-jährige Lenz zu Beginn des großartigen Heimatfilms von Christian Lerch. Dann erleben wir ihn als    vitalen    Patriarchen in seinem    Biotop, einer Raststätte an der     Bundesstraße    12. Sein Sohn hat das    Erbe übernommen, das Haus    wird gegen den Willen von Lenz umgebaut. Als die Fenster verkehrt herum eingesetzt werden, wird    klar, dass hier einiges aus dem Ruder läuft. Die Schwiegertochter kümmert sich liebevoll um Lenz und sogar alte Freunde lassen sich von dem ewig grantelnden Kerl nicht vergraulen und schauen immer wieder    bei ihm vorbei.
,Ja mei, I mechad nur    noch sterben', sagt der mittlerweile 90-jährige Lenz     zum Ende der     Erzählung. Ein liebevoller, berührender Film über ein Stück bayerischer Lebensart und die ureigene    Kraft des Lebens.“
Daniel    Sponsel, DOK.fest München    2018   
   

Mit Sicherheit    der außergewöhnlichste Heimatfilm der letzten Jahre: Christian Lerch porträtiert    die Betreiber einer Raststätte in der Nähe von München. Mal rabiat, mal zärtlich und     immer    mit einem Funken Humor geht es ums Leben und Überleben miteinander. Das hat so viel Pep und Schwung und ist    so prall gefüllt mit alltäglichem Irrsinn, dass man nur wünschen kann, die Langzeitdokumentarbeobachtungskomödie fände den Weg    in möglichst viele Nordlichter-Kinos jenseits des Weißwurst-Äquators.
Auch und gerade weil    es hier    manchmal sehr typisch bayrisch rustikal hergeht.
Gaby Sikorski, programmkino.de
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.