Die ersten Kinos haben wieder geöffnet. So werden wir an dieser Stelle wie gewohnt an jedem Donnerstag einen Kinofilm vorstellen, der eine Woche später anläuft.
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1. ENFANT TERRIBLE
2. PELIKANBLUT – AUS LIEBE ZU MEINER TOCHTER
3. ÜBER DIE UNENDLICHKEIT
4. BODY OF TRUTH
5. CORPUS CHRISTI
6. YALDA
Mittwoch 23.09.2020
ENFANT TERRIBLE
Ab 01. Oktober 2020 im Kino
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Als der 22-jährige Rainer Werner Fassbinder 1967 die Bühne des Antiteaters in München stürmt und kurzerhand die Inszenierung an sich reißt, ahnt niemand der Anwesenden, dass dieser dreiste Typ einmal der bedeutendste Filmemacher Deutschlands werden wird. Schnell schart der einnehmende wie fordernde Mann zahlreiche Schauspielerinnen, Selbstdarsteller und Liebhaber um sich. Er dreht einen Film nach dem nächsten, die auf den Festivals in Berlin und Cannes für Furore sorgen. Der junge Regisseur polarisiert: beruflich wie privat. Aber die Arbeitswut, die körperliche Selbstausbeutung aller Beteiligten und der ungebremste Drogenkonsum fordern bald ihre ersten Opfer.

Ein Film von Oskar Roehler
Mit Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann u.a.


ENFANT TERRIBLE ist eine große Verbeugung des Regisseurs Oskar Roehler (ELEMENTARTEILCHEN, DIE UNBERÜHRBARE) vor der Filmikone Rainer Werner Fassbinder. Mit einer kunstvollen Farb-und Lichtdramaturgie und außergewöhnlichen Kulissen nähert sich Roehler dem Fassbinderschen Universum und verschmilzt mit ihm. Episodenhaft erzählt er aus dem Leben des Künstlers und zeigt dabei dessen ganze Bandbreite: vom genialen Regisseur über den verzweifelt nach Liebe Suchenden bis hin zum unerbittlichen Schikaneur. Dabei kann er sich voll und ganz auf seinen charismatischen Hauptdarsteller verlassen: Oliver Masucci spielt den berühmten Filmemacher nicht nur, er wird eins mit Rainer Werner Fassbinder.
ENFANT TERRIBLE wurde produziert von Bavaria Filmproduktion in Koproduktion mit X Filme Creative Pool, WDR, BR und Arte und wurde gefördert durch Film-und Medienstiftung NRW, Deutscher Filmförderfonds, Film Fernseh Fonds Bayern und Medienboard Berlin-Brandenburg.



DIRECTOR’S NOTE

Wenn sich jemand über die biederen Grenzen des deutschen Erzählkinos hinweg gesetzt hat, dann Fassbinder. Das lässt ihn einzigartig scharf und schillernd dastehen. Mir ging es wie Klaus Richter: den ersten Film, den ich sah, ich war damals 12 und es gab ein „Heimkino“ im Internat, in das etwa 20 Leute passten, war „Händler der vier Jahreszeiten“. Dieser Film hat sich wie ein Geschoss in das Herz des Zwölfjährigen gebohrt. Fortan saß und wartete er, wann der nächste Fassbinder käme. Und er kam bald. Nahezu im Halbjahresrhythmus kamen neue, kleine, teils bizarre, teils tiefenscharfe Filme heraus, die ihren Zerrspiegel auf die Gesellschaft richteten, die kleinbürgerliche, erzreaktionäre, deutsche der frühen Siebzigerjahre, die der 12-, 13-,14-Jährige dann mitnehmen konnte, tief beeindruckt von der Wirkung, die sie in ihm hinterlassen hatten.
Es war eine deutsche Wirklichkeit, die er bisher nicht kannte und über die er bisher nicht nachgedacht hatte. Fassbinders Filme gaben ihm das Werkzeug und die Mittel anheim, dies zu tun. Was zur Folge hatte, dass er selbst früh mit seinen ersten Versuchen zu schreiben anfing. Diese Filme waren ein großer Segen innerhalb der Filmwüste Deutschlands. Und als der 19-Jährige dann nach Berlin ging, auf den Spuren der Einstürzenden Neubauten und eben jenes legendären Fassbinders, der damals immer noch fast ein Berufsjugendlicher war, er war Mitte dreißig, da suchte er schon bald die Orte auf, in der er in der Nähe seines Idols und dessen Stars sein konnte, Ingrid Caven, Kurt Raab, Volker Spengler und wie sie alle hießen, die sich schwer betrunken in der Paris-Bar und im Bermuda-Dreieck rund um den Savignyplatz herumtrieben und dort ihre ausschweifenden Partys feierten, und „drückte seine Nase an die Scheiben“, weil er sich anfangs erst nicht hinein traute. Später lernte er einige von ihnen kennen und hatte selbst die Ehre mit ihnen zu drehen.
Was Fassbinder und seine Truppe so berühmt und berüchtigt machte, war die Tatsache, dass sie es tatsächlich geschafft hatten, mit ihrem giftigen Cocktail unterschiedlichster Filme die kulturelle Landschaft total aufzumischen und ihnen schon der internationale Ruhm dämmerte. Es war eine schwule Truppe von Hasardeuren, Mimen und Teilzeitschauspielern, die dies erreichten, ein bunter Haufen, der überall her kam, aus der tiefsten bayrischen Provinz bis hoch zu den Altstars der UFA. Der Zampano von ihnen, der junge Fassbinder, der sich zum Schluss nur noch mit Spiegelglassonnenbrille und ganz in Leder zeigte und keine Miene mehr verzog, immer zwei Bodyguards, ebenfalls ganz in Leder, um ihn herum, war zu der Zeit der einzige Rockstar im deutschen Kino und ist es bis jetzt geblieben.
Er durfte Hotelzimmer in Cannes verwüsten, Stars ernennen und andere fallen lassen und durfte am Ende auch sein eigenes Leben zerstören, während die anderen ihm dabei zusahen. Er brachte die Exzentrik und das Freiheitsgefühl der schwulen Avantgarde ins deutsche Kino und in den deutschen Kulturbetrieb, indem er auch bei den vielen Filmen, die mit dieser Thematik nichts zu tun hatten, die Form versinnlichte, ästhetisierte und gleichzeitig aktualisierte. Die Themen waren immer neu und aus der Gegenwart bei den richtig guten Filmen. Einzigartig war sein Melodram „In einem Jahr mit dreizehn Monden“, das mit poetischen und theatralischen Mitteln spielte und sie in die Höhe trieb. Fassbinder kam ursprünglich vom Theater, und das merkte man. Er erzählte, ähnlich streng wie Brecht, gesellschaftliche Parabeln. Mutter Küster ist nur ein Beispiel dafür. Fassbinder hatte eben jenen Rock and Roll im Blut, den man nicht kaufen kann. Er machte sie alle berühmt. Und Ruhm, das war auch wichtig. Sich von den Außenseiterpositionen her durch Genialität Ruhm zu erobern und in die Schlüsselposition der internationalen cineastischen Aufmerksamkeit zu kommen. Andy Warhol, Jane Fonda, Dirk Bogarde. Er schielte immer weiter nach Höherem, dabei wurden seine Filme immer hermetischer und verrückter, und er selbst immer kaputter.
Er hatte so viel abzuarbeiten an sich, an der deutschen Gesellschaft, dass ein Leben, so stark auch immer, einfach nicht ausreichen konnte. Der große Zirkus, das Rampenlicht, die Drogen, die Legenden, die er schuf, haben ihn schließlich verschlungen.Für mich war er ein Komet am nachtschwarzen Berliner Himmel, eine grelle Neonreklame, die im Wind flatterte, ein Monolith, der bunte Farben erfand, um sich in Szene zu setzen, der aber eigentlich aus dem kalten, grauen Urgestein der deutschen Nachkriegsgesellschaft gemacht war. Mit all den düsteren Gedanken, dem Pessimismus, den Selbstzweifeln, die dazu gehörten.
Jeder kaputte Held seiner Geschichten, der an sich selbst zugrunde ging, war ein Teil von ihm selbst. Und mit jedem von ihnen starb er selbst ein Stück. Am Ende ist er zu Kreuze gekrochen, wie richtige Rock and Roller dies tun, ausgebrannt und sein Leben in Scherben und ungeheuer einsam. Er hat Freundschaften im Feuerofen seiner Produktivität verbrennen lassen und ist weitergezogen. „Leichen pflasterten“ seinen Weg. 39 Filme haben wir ihm zu verdanken. Es war alles dabei: vom atemberaubenden Melodram über herrliche böse schwarze Komödien bis hin zu den großen Gesellschaftsdramen. Jeder Film war anders, fast jeder Film eine Überraschung. Unfehlbar war er nicht. Perfekte Filme zumachen war nicht sein Anspruch. Dazu war er zu impulsiv, letztlich zu emotional. Er musste Leben vorlegen, um diese lebensnahen Filme zu machen. Das war die Krux. Er hatte keinen Rückzugsort, wohin er sich hätte verkriechen können, wie die anderen. Kunst und Leben waren vollkommen ineinander verflochten. Er war ein sehr junger Mann mit einer großen Weisheit und einer ebenso großen Komik. Er war der Einzigartige, der Prägende unter den deutschen Filmregisseuren und Autoren. Alles für die Kunst und leben, als gäbe es kein Morgen. Nach dieser Devise leben heißt, nicht alt zu werden. Fassbinder blieb es erspart, als Veteran vor sich hinzudümpeln, sich nur noch zu wiederholen und langweiliges Zeug zu machen. Er starb auf dem Höhepunkt seines schöpferischen Ruhms, im Alter von 37 Jahren.
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Donnerstag 17.09.2020
PELIKANBLUT – AUS LIEBE ZU MEINER TOCHTER
Ab 24. September 2020 im Kino
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Wiebke (Nina Hoss) betreibt nicht nur einen eigenen Reiterhof, auf dem unter anderem Polizeipferde trainiert werden, sondern adoptierte mit Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo) auch schon einmal ein osteuropäisches Mädchen – mit Erfolg. Ihr neuer Schützling, die fünfjährige Raya (Katerina Lipovska), macht es ihr da nicht ganz so einfach. Sie beschmiert das Bad mit Fäkalien, spießt tote Tiere auf und zwingt schwächere Kinder zu „Doktorspielen“. Und während selbst die Neurologen glauben, dass eine Besserung nur noch in einer spezialisierten Einrichtung erfolgen kann, will Wiebke nicht aufgeben – und greift zu immer extremeren Methoden.

Ein Film von Katrin Gebbe
Mit Nina Hoss, Adelina-Constance Ocleppo, Murathan Muslu u.a.

Schon in ihrem Debüt „Tore tanzt“ beschäftigte sich Katrin Gebbe mit Extremen und auch im Nachfolger „Pelikanblut“ lässt sie ihre von Nina Hoss gespielte Protagonistin ähnliche Grenzerfahrungen machen, die sich zwischen Besessenheit, religiösem Wahn und blanker Sturheit bewegen. Ein gleichsam unangenehm wie faszinierendes Erlebnis.
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Donnerstag 10.09.2020
ÜBER DIE UNENDLICHKEIT
Ab 17. September 2020 im Kino
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Mit seinem neuen Film ÜBER DIE UNENDLICHKEIT fügt der vielfach ausgezeichnete Regisseur Roy Andersson seinem Werk ein neues Meisterwerk hinzu, ein filmisches Nachdenken über das menschliche Leben in all seiner Schönheit und Grausamkeit, seiner Pracht und seiner Einfachheit.
In ÜBER DIE UNENDLICHKEIT nimmt uns eine unverzagte Erzählerin an die Hand und lässt uns traumgleich umherschweifen. Scheinbar nichtige Augenblicke verdichten sich zu intensiven Zeit-Bildern und stehen auf Augenhöhe mit historischen Ereignissen: Ein Liebespaar schwebt über das vom Krieg zerfressene Köln; auf dem Weg zu einem Kindergeburtstag muss ein Vater mitten in einem Wolkenbruch seiner Tochter die Schuhe binden; junge Mädchen beginnen einen Tanz vor einem Café und eine geschlagene Armee marschiert mutlos zu einem Gefangenenlager.
ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ist sowohl Ode als auch Klage, ein Kaleidoskop all dessen, was ewig menschlich ist, eine unendliche Geschichte über die Verletzlichkeit unserer Existenz.

Ein Film von Roy Andersson
Mit Martin Serner, Jessica Lothander, Tatjana Delaunay, Anders Hellström u.a.


„Wie wunderschön! Roys Filme gehören der Ewigkeit an.“
Carlos Reygadas

„Roy Andersson schenkt uns wieder einen unendlichen  künstlerischen Genuss.“
Alejandro Iñárritu

„Die melancholische Farce einer flüchtigen Schönheit.“
Paweł Pawlikowski



DER REGISSEUR

Roy Andersson wurde 1943 im schwedischen Gothenburg geboren. 1969 machte er seinen Abschluss an der Hochschule des Schwedischen Filminstituts. Im folgenden Jahr gewann sein erster  Spielfilm, EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE, vier Preise auf der Berlinale. Nach GILIAP, seinem zweiten Spielfilm, nahm sich Andersson eine größere Auszeit vom Filmemachen und wurde erfolgreicher Werbefilmer.  
Seine Werbekarriere ermöglichte Andersson, 1981 sein Studio 24 in Stockholm zu gründen, was ihm viel Freiheit für die Filmproduktion und die Entwicklung eines einzigartigen Stils erlaubte.  2000 startete er seine preisgekrönte Trilogie mit SONGS FROM THE SECOND FLOOR, gefolgt von DAS JÜNGSTE GEWITTER (2007). Mit dem dritten Teil, dem Film EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH, gewann Andersson 2014 den Goldenen Löwen für den Besten Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.
Filmografie (Auswahl)
2019    ÜBER DIE UNENDLICHKEIT
2014    EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH
2007    DAS JÜNGSTE GEWITTER
2000    SONGS FROM THE SECOND FLOOR
1975    GILIAP
1970    EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE


INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR ROY ANDERSSON

Einige Themen in ÜBER DIE UNENDLICHKEIT kennt man aus Ihren vorherigen Filmen: Optimismus, aber auch Krieg und Verzweiflung, die Abwesenheit von Gott. Würden Sie sagen, es gibt immer eine Balance zwischen Hoffnung und Verzweiflung?
Das Hauptthema ist die Verletzlichkeit des Menschen. Ich denke, es ist ein hoffnungsvoller Akt, wenn man etwas schafft, das Verletzlichkeit zeigt. Denn wenn man sich der Verletzlichkeit des Menschen bewusst bist, wird man respektvoller und geht sorgfältiger mit dem um, was man hat. Ich möchte die Schönheit des Lebens betonen. Um das zu zeigen, muss man natürlich einen Gegensatz schaffen. Man muss die schlechten und grausamen Seiten des Lebens zeigen.
Betrachtet man zum Beispiel die Kunstgeschichte, sind viele Bilder von einer gewissen Tragik gezeichnet. Aber selbst wenn sie grausame und traurige Szenen des Lebens zeigen, haben die Künstler in gewisser Weise eine Energie übertragen und damit auch Hoffnung erzeugt.

Für jeden Ihrer Filme haben Sie sich von bildender Kunst inspirieren lassen. Woher kommt die Inspiration für ÜBER DIE UNENDLICHKEIT?
Ich interessiere mich für die Künstler der Neuen Sachlichkeit wegen der Strenge ihrer Bilder. Meiner Meinung nach sind sie außergewöhnlich deutlich und detailliert: Alles ist im Fokus, alles ist sehr klar und deutlich. Diese Tiefenschärfe findet man kaum im Film: Der Hintergrund ist immer außerhalb des Fokus. Deswegen finde ich diese Bilder sehr inspirierend für meine Szenen: Alles ist im Fokus, sogar die grotesken Momente im Leben. Ich bin oft sehr eifersüchtig auf die Bilder in der Kunst, weil ich das Gefühl habe, dass Filme nicht dieselbe Qualität erreichen können wie die Kunst. Ich möchte wirklich Filme machen, die so ergiebig sein können wie Bilder.

Gibt es ein bestimmtes Bild, dass Sie zu Ihrem Film inspiriert hat?
Mir gefällt sehr „Das Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden“ von Otto Dix.

Die Neue Sachlichkeit existierte in den 1920er Jahren kurz vor der Apokalypse des 2. Weltkriegs. Würden Sie sagen, dass ÜBER DIE UNENDLICHKEIT INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR ROY ANDERSSONauch vor einer Apokalypse an den Start geht?
Ich hoffe nicht. Es wäre sehr pessimistisch zu glauben, dass wir in so einem Moment leben. Ich denke nicht, dass Otto Dix an eine heraufkommende Apokalypse geglaubt hat. Aber er warnte uns vor der Möglichkeit. Jedes seiner Bilder kann als Warnung verstanden werden. Das gilt auch für die alten Meister, die unser Leben darstellten, uns aber auch vor dessen Kürze warnten: „Lasst uns daran erinnern, dass das Leben nicht unendlich ist. Und ihr müsst dankbar für die Zeit sein, die euch bleibt.“

Sie erwähnen auch die Architektur als eine Ihrer Inspirationsquellen. Der schwedische Funktionalismus der 1950er Jahre ist ein ästhetisches Element Ihrer  Filme.  Wo  sehen  Sie  die  Verbindung  zwischen  Funktionalismus  und  Ihrem Film ÜBER DIE UNENDLICHKEIT?
Ich hatte den Ehrgeiz, das Leben mit all seinen Aspekten zu zeigen. Das schließt Funktionalismus und Modernismus mit ein. Es geht um eine Mischung der vielfältigen Möglichkeiten, warum man wie Häuser baut und welche Gesellschaften man gründet. Ich wollte keinen einfachen Stil entwickeln. Vielmehr wollte ich unsere Zeit zeigen.

Sie haben gesagt, dass die Präsenz einer Erzählerin im Film durch Scheherazade aus „Tausendundeine Nacht“ inspiriert war. Haben Sie deshalb eine Frau als Geschichtenerzählerin ausgewählt?
Ja, das war die Entscheidung. Ich war unschlüssig. Zuerst habe ich es mit einem Mann versucht, und sogar mit mir selbst, aber schließlich fand ich es interessanter, eine Frau zu nehmen. Sie ist eine Fee, sehr clever, vielleicht so-gar unsterblich. Das ist das erste Mal, dass ich eine Erzählerstimme im Film verwende. Das ist ist neu für mich. Ich war von der Stimme in HIROSHIMA, MON AMOUR beeinflusst. In bestimmten Szenen beschreibt die Hauptfigur, was der Zuschauer auf der Leinwand zur selben Zeit sieht. Das mochte ich sehr.

Ihre Filme beinhalten immer historische Szenen. Warum sind die so wichtig für Sie?
Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Das war mein Hauptfach an der Universität: Ich habe die Geschichte der Literatur, der Philosophie und der Nordischen Sprachen studiert. Mich haben besonders die beiden Weltkriege interessiert. Zum Beispiel war ich von den Fotos der Schauplätze im Ersten Weltkrieg fasziniert, die ich als Teenager gesehen hatte.

Im Film zeigen die Kriegsszenen die Verlierer. Warum?
Ja, Gewinner sind nicht so interessant. In gewissem Sinne sind wir alle Verlierer. Es ist wichtig einzusehen, dass keiner von uns am Ende der Gewinner ist. Ich bin kein Pessimist, aber es ist eine Tatsache, dass es keine Hoffnung gibt. Das Leben ist eine Tragödie. Ich bin nicht die erste Person, die das sagt.

Ging es um Hochmut, der unter anderem von König Karl XII. oder Adolf Hitler in Ihren Filmen dargestellt wird?
Ja, in manchen Lebensabschnitten, besonders wenn du jung bist, machst du Erfahrungen mit Überheblichkeit. Du denkst, du bist unverwundbar, unbesiegbar. Das ist sehr charakteristisch für junge und starke Menschen. Ich habe das auch selbst erlebt, als ich ungefähr 25 Jahre alt war und den Film EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE gedreht habe. Das war meine Hochmut-Phase, als ich dachte, ich könnte immer der Gewinner sein, und würde nie verlieren, wenn ich immer kämpfe und hart genug arbeite.

Was verkörpert für Sie die Jugend?
Sie ist die meiste Zeit sehr schön. Ich betrachte gerne Kinder, weil sie nur so vor Ideen sprühen, voller Hoffnung sind und vor Vitalität strotzen. Das ist schön anzusehen. Solange du jung bist, behältst du die Hoffnung, aber dann verlierst du sie Schritt für Schritt, wenn du älter wirst.Zum Beispiel mag ich sehr gern die Szene, in der Vater und Tochter im Re-gen auf ihrem Weg zu einer Geburtstagsparty sind. Der Vater opfert seinen Regenschirm – ein Akt der Selbstlosigkeit – während die Tochter nur die Schuhe zugebunden haben möchte. Das ist so schön anzusehen. Auch in der Szene mit den tanzenden Mädchen, denke ich, ist es wunderschön, die Vitalität dieser jungen Menschen zu sehen, die so glücklich sind, einfach weil sie existieren. Sie lieben es zu tanzen, und deshalb tun sie es. Ihre Energie hat etwas sehr Ansteckendes.

Sie haben einen sehr besonderen Humor. Was finden Sie lustig?
Ich denke, die Wahrheit ist oft sehr lustig. Als ich meine Karriere begann, war ich von Milo¨ Forman, Jiří Menzel und anderen tschechischen Filmemachern inspiriert. Sie haben uns das Leben in einem sehr humorvollen Tonfall erzählt. Sie zeigten oft Menschen, die ein bisschen verloren waren. Keine Loser, aber ein bisschen verloren. Ich mag solche Filme mit dieser Art von Humor sehr: kleine, aber sehr lustige Geschichten. Viele Filmemacher versuchen den Alltagshumor einzufangen, aber man kann leicht dabei scheitern. Ich scheitere auch oft, aber ich gebe nicht auf.

Haben Sie alles in Ihrem Studio gedreht?
Ja, abgesehen von einer Außenaufnahme. Das ist die Szene, in der die deutsche Armee marschiert. Die haben wir in Norwegen gedreht.

Was  waren  aus  einer  technischen  Perspektive  betrachtet  die  herausforderndsten Szenen des Films?
Das war die Szene mit dem fliegenden Paar. Neben dem Bau des Modells von Köln brauchten wir auch für das Setting sehr lange. Der Maßstab ist vielleicht 1:200. Der Kölner Dom zum Beispiel ist einen halben Meter hoch. Die ganze Stadt ist ein riesiges Set. Wir haben einen Monat dafür gebraucht.

Was bedeutet Ihnen diese Szene?
Es ist eine schreckliche Erinnerung an die Geschichte: Eine schöne Stadt wur-de bombardiert und zerstört. Abgesehen davon wollte ich auch zeigen, dass das Leben weitergeht. Liebe, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit bleiben. Es war wichtig, diese beiden Seiten des Lebens über einer zerstörten Stadt zu zeigen.

Obwohl  Sie  diese  historischen  Szenen  haben,  gibt  es  in  Ihren  Filmen  eine  Zeitlosigkeit, und hier im Film ist sie sogar im Titel verankert.
Ja, ich wollte diese Szenen, die mit Zeitlosigkeit spielen, obwohl zu sehen ist, dass es September ist oder dass es schneit oder eine historische Szene einem das Gefühl von Zeitlosigkeit gibt. Wie gesagt, ich bin von Bildern inspiriert, also von Kunstwerken, die uns heute ebenso ansprechen wie andere Menschen vor 200 Jahren oder noch früher. Es suggeriert, dass wir Men-schen uns über die Jahrhunderte sehr ähnlich sind. Die „Unendlichkeit“ des Titels hat aber nichts mit der Unendlichkeit des Weltraums zu tun. Es ist also nicht der wissenschaftliche Begriff, sondern vielmehr die Unendlichkeit von Zeichen der Existenz, des Menschseins gemeint.
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Donnerstag 03.09.2020
BODY OF TRUTH
Ab 10. September 2020 im Kino
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BODY OF TRUTH begleitet vier Künstlerinnen auf einer faszinierenden, emotionalen Reise durch  ihre Biographien: dieserbische Performance-Künstlerin Marina Abramović, die israelische Video-und Installationskünstlerin Sigalit Landau, die iranische Foto-und Film-Künstlerin Shirin Neshatund die deutsche Foto-Künstlerin Katharina Sieverding. Ihre Lebensgeschichten sind geprägt    von gesellschaftlichen Konflikten und persönlichen Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und Unterdrückung – die sie in Kunst verwandeln. Ihr Ausdrucksmittel ist das Persönlichste, was sie haben: ihr eigener Körper.

Buch/Regie: Evelyn Schels

Der Regisseurin Evelyn Schels, bekannt durch Künstlerportraits wie „Georg Baselitz“ (2013), gelingt es, in ihrem Film vier herausragende Künstlerinnen zu beschreiben, in ihre Biographien einzuführen und dabei ihre Verletzlichkeit fühlbar zu machen. Mittels weiblicher, körperlicher Kunst befassen sie sich mit Themen wie den Jugoslawienkriegen, dem Nahost-Konflikt, der iranischen Revolution und dem Faschismus. Themen, die nach wie vor virulent sind und deren Verwandlung in brisante Kunst filmisch erzählt wird.
BODY  OF  TRUTH ist ein Film über vier starke Frauen, die sich von den Zwängen ihrer Geschichte befreien und auf diesem Weg einzigartige Kunstwerke schaffen. Der Film eröffnet uns mit seiner klaren Fragestellung über die politische Kraft der Kunst mit dem Körper einen neuen Blick: nicht nur auf die Kunst, sondern auch auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit.
Der Dokumentarfilm feierte seine Festivalpremiere 2019 auf dem Filmfest Hamburg und seine Internationale Premiere auf dem DOC NYC. Gezeigt wurde er ebenfalls auf dem Kasseler DOK Fest 2019, eingeladen wurde er auf das International Festival of Films on Art Montreal. Mitte März 2020 fand die feierliche Premiere in München statt.


Der Film BODY OF TRUTH von Evelyn Schels stellt vier außergewöhnliche Künstlerinnen vor, die auf höchst radikale, aber auch sehr unterschiedliche Weise mit ihrem Körper arbeiten und ihn zum Werkzeug ihrer Kunst machen: Marina Abramović, SigalitLandau, ShirinNeshat und KatharinaSieverding.
Marina  Abramović, eine der größten Performance-Künstlerinnen unserer Zeit, Tochter jugoslawischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg, setzt sich immer wieder mit Gewalt, Schmerz und  Trauer auseinander, mittelbar erlebt in den Jugoslawienkriegen. In ihren Performances werden die Grenzen und die Verletzlichkeit des Körpers auf drastische Weise sichtbar gemacht.
Shirin Neshat, Exil-Iranerin und international renommierte Foto-und Video-Künstlerin, befasst sich mit den Widersprüchen der islamischen Gesellschaft und betrachtet den weiblichen Körper als Schlachtfeld politischer Ideologien.
Die deutsche Foto-Künstlerin Katharina Sieverding beschäftigt sich mit faschistischen Strukturen von der Nazizeit bis heute, ein besonderer Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit ist das Selbstporträt als eine der verschiedenen Ausdrucksformen von Fotografie.
Sigalit Landau, die Jüngste der vier Künstlerinnen, ist eine israelische Video-Künstlerin und Bildhauerin. Sie greift den Kriegsalltag im Nahost-Konflikt auf und verletzt in einer ihrer Performances ihren Körper mit Stacheldraht.
Sie alle stellen den Körperauf sehr unterschiedliche Art und Weise ins Zentrum ihrer Kunst. Die    Künstlerinnen verarbeiten provokativ und rücksichtslos ihre biographischen Verwundungen und reflektieren dabei über Revolution, Krieg und politische Ohnmacht.
BODY OF TRUTH nimmt uns mit auf eine Reise durch die Biographien der vier Künstlerinnen. Evelyn Schels beobachtet dabei aus nächster Nähe die aktuellen Schaffensprozesse der Künstlerinnen.
Der Film gibt so Einblick in Marina Abramovićs Arbeit an neuen Werken, die ihre Performances in Alabaster verewigen und 2020 in der Royal Academy in London erstmals gezeigt werden. Schels reist mit Sigalit Landau ans Tote Meer und ist bei der Entwicklung einer Video-Installation dabei. Skulpturen aus Stacheldraht verwandeln sich durch das Salzwasser zu kristallin-glitzernden Objekten. Die Ausstellung “Salt Years“ mit einer Auswahl ihrer Videoarbeiten sowie mehreren Skulpturen aus dem Toten Meer war 2019 im Museum der  Moderne, Salzburg, zu sehen.
Sie begleitet Shirin Neshat bei der aufwendigen Vorbereitung eines Portraits der Friedensnobelpreisträgerin Malala und zeigt ihre hohe Kunst der Kalligraphie in Farsi, ihrer Muttersprache.
Und schliesslich ist die Dokumentarfilmerin auch dabei, wenn Katharina Sieverding ein  Großprojekt für den öffentlichen Raum in Düsseldorf, wo sie lebt und arbeitet, vorbereitet: „Von fremden Ländern in eigenen Städten“. Auf 200 Metern Länge umspannen ihre Foto-Arbeiten den Bahnhof von Düsseldorf. Für Sieverding ist es entscheidend, dass Kunst in der Öffentlichkeit stattfindet, um aus dem aktiven Geschehen heraus Gedanken anzustoßen.
BODY  OF TRUTH gibt Einblick in die  Biographien der vierKünstlerinnen, geprägt von den Jugoslawienkriegen, dem Nahost-Konflikt, der iranischen Revolution und dem Faschismus. Diese  nach wie vor brisanten Themen werden von den Künstlerinnen mittels weiblicher, körperlicher Kunst einzigartig aufgearbeitet.
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Donnerstag 27.08.2020
CORPUS CHRISTI
Ab 03. September 2020 im Kino
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Corpus Christi ist die Geschichte des 20-jährigen Daniel, der, während seines Aufenthalts in einem Jugendgefängnis eine spirituelle Transformation erlebt. Er möchte Priester werden. Dies ist jedoch aufgrund seiner Vorstrafen unmöglich. Als er zur Arbeit in eine kleinen Stadt geschickt wird, verkleidet er sich bei seiner Ankunft als Priester und übernimmt versehentlich die örtliche Gemeinde. Durch die Ankunft des jungen, charismatischen Predigers verändert sich die Gemeinde zum positiven.

Ein Film von Jan Komasa

mit Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel


INTERVIEW MIT JAN KOMASA VON MARTA BAŁAGA

Corpus  Christi  wurde  tatsächlich  von  wahren  Ereignissen  inspiriert. War das eine bestimmte Geschichte?
Es gab in Polen tatsächlich den Fall eines Jungen, der sich drei Monate als Priester ausgab. Sein Name war Patryk und er war zu der Zeit wahrscheinlich 19 Jahre alt. Mateusz  Pacewicz, der das Drehbuch geschrieben hat, schrieb einen Artikel darüber und so kam er auf die Idee für den Film. Wir haben den Namen in Daniel geändert, aber die Charaktere sind sich ähnlich und ebenso der Weg, der ihn in die kleine Stadt führte.
Dieser Junge hielt Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen ab. Er war fasziniert von all dem und wollte wirklich Priester werden. Also haben wir den Film auf seine Geschichte gestützt, aber den Teil über die Jugendstrafanstalt und den Unfall, der die ganze Stadt erschütterte, hat Mateusz hinzugefügt. Es entstand eine Kontroverse, als sich herausstellte, dass Patryk viel effizienter war, als sein Vorgänger. Das ist es - er war jemand von außerhalb der Kirche, der nicht viel auf die Dogmen der Kirche gab und die Leute waren mit seiner Arbeit zufrieden! Später fühlten sich einige betrogen, aber er schaffte es, viele neue Gläubige anzuziehen.
Jedenfalls tauchten später ähnliche Fälle auf. Und das nicht nur in Polen - in Spanien gab sich ein Mann über Jahre als Priester aus. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Sehr oft versuchten sie nur, sich vor der Justiz zu verstecken. Es  ist anscheinend sehr einfach, eine kleine Gemeinde auszutricksen, die nicht allzu viele Fragen stellt.

Es  ist  interessant,  dass  eine  Person,  die  kein  traditionelles  Priesterseminar besucht hat, es schafft, Menschen auf einer viel tieferen Ebene zu berühren. Daniels Predigten im Film sind sehr direkt und ehrlich - wie hast Du sie entwickelt?
Um eine Komödie zu vermeiden, mussten wir dem Zuschauer glaubhaft vermitteln, dass diese Leute sehr gläubig sind. Es war eine ziemliche Herausforderung für Drehbuch und Inszenierung. Hilfreich war, dass die Leute häufig dazu neigen, den jungen, frischen Priestern zu vergeben, wenn diese sehr "subversive" Ideen haben. Wenn sie z.B. versuchen zeitgenössische Musik oder Gesang zu integrieren. Ich meine, es gibt einen Priester in Polen, der rappt [Gelächter]. Darauf basiert der erste Teil des Films. Die Leute scheinen tatsächlich seine Mängel zu akzeptieren. Ganz zu schweigen davon, dass Daniel, der nicht Jahre im Priesterseminar verbracht hat und nicht wirklich  an den kirchlichen Institutionen beteiligt ist, ihnen direkt aus dem Herzen spricht. Das macht ihn so besonders. Es gibt viele Leute, die versuchen, dies zu tun und scheitern, aber er hat wirklich diesen „göttlichen Funken“ in sich. Er schafft es, im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Und für diese Menschen, in diesem besonderen Moment in ihrem Leben, ist das mehr als genug. Als wir auf der Suche nach dem Schauspieler waren, wussten wir, dass er etwas anders sein muss und genau das strahlt Bartosz Bielenia aus. Denn Daniel ist kein gewöhnlicher Junge - er ist etwas Besonderes.

Wie Du bereits erwähnt hast, fallen einem zu diesem Thema sofort diverse Komödien ein. Aber dein Film ist ziemlich dunkel, vor allem die Szenen in der Strafanstalt, kombiniert mit expliziten Darstellungen von Gewalt.
Ich denke, es ging um eine bestimmte Wirtschaftlichkeit des Geschichtenerzählens. Wenn man nur wenige Minuten Zeit hat, um einige Dinge zu zeigen, ist ein harter Eindruck besser. Wenn man den  Zuschauern das Gefühl gibt, sich unwohl zu fühlen, wenn sie zusammenzucken, gräbt sich dieses Gefühl ein. Und als dieser geplagte Junge, mit engelhafter Stimme anfängt zu singen, dann ist das plötzlich eine ganz andere Energie. Ich habe beschlossen, diese Szenen noch gewalttätiger zu machen - genau um diesen Kontrast zu betonen.   
Sobald die Zuschauer wissen, was er durchgemacht hat, wenn er eine Prozession führt oder mit  Menschen spricht, fangen sie an, bestimmte Worte aufzunehmen. Sie fangen an, eine ganz zu andere Bedeutung zu haben, weil wir wissen, was sich dahinter verbirgt. Wenn er den Menschen sagt, dass das Himmelreich hier auf Erden ist, wissen wir, dass dies für ihn die einzige Option ist. Er muss es glauben - sonst könnte er genauso gut Selbstmord begehen, weil er dann in den Augen der Gesellschaft erledigt ist. Das erinnerte mich an The Son der Dardenne-Brüder. Das ist auch eine Geschichte von jemandem, der in sehr jungen Jahren etwas Schreckliches getan hat; etwas, das ihn für den Rest seines Lebens stigmatisiert. Tragisch daran ist, dass wir über das Verbrechen sprechen, ohne die Folgen wirklich zu verstehen. Es ist ein bisschen wie einen Kredit mit 50 Jahren Laufzeit  aufzunehmen, während man noch minderjährig ist. Für Daniel ist spirituelle Führung das einzig  Reine in seinem Leben. Ich sehe seine Handlungen als einen verzweifelten Versuch, der Welt zu erzählen, was er tun würde, wenn er eine zweite Chance bekäme. Plötzlich stellt sich heraus, dass es in diesem Film nur darum geht, mit den Karten zu spielen, die einem gegeben werden, auch wenn diese sehr unfair erscheinen. Deshalb könnte es niemals eine Komödie sein. 

Angesichts Daniels Vorgeschichte ist CORPUS CHRISTI eine recht ungewöhnliche Coming-of-Age-Erzählung. Schliesslich geht es für ihn nicht darum herauszufinden, wer er eigentlich ist. Das weiß er bereits. Vielmehr wird ihm seine Zukunft verweigert.
Wenn man einen Film dreht, ist es unerlässlich, seine Hauptfigur kennenzulernen. Wir haben uns oft  und lange die Frage gestellt, ob Daniel überhaupt zur Kirche gefunden hätte, wenn er nicht aufgrund eines Gewaltverbrechens ins Gefängnis gekommen wäre. Ich kann mir gut vorstellen, dass das nicht der Fall gewesen wäre. Ich fand die Vorstellung interessant, dass die Kirche für ihn ein letzter Rettungsanker ist, da nichts in seinem Leben mehr Sinn für ihn ergibt. Was bleibt, wenn nichts mehr da ist und alles gegen dich spricht? Der Glaube ist es. Viele Menschen die mit einer kriminellen Vergangenheit und schrecklichen Taten auf ihrem Gewissen belastet sind, wenden sich der Religion zu.

Ganz besonders wenn diese Menschen einsam sind. Anscheinend führt jede Deiner Figuren im Film ein isoliertes Leben. Es wird sich nur vor der Kapelle getroffen, um gemeinsam der Kinder zu gedenken. Glaubst Du, dass Du auch einen Film über Einsamkeit gemacht hast?
Diese improvisierte Kapelle ist ein gemeinschaftlicher Raum und hilft Daniel dabei, sich den Menschen zuwenden zu können. Solange er sein Priesteramt  ausführt, macht Daniel sehr viel für seine Gemeinde. Allerdings entschieden wir uns dazu, den Unfall groß zu thematisieren, findet  dieser doch Wiederhall in Daniels persönlicher Erfahrung. Auch wenn niemand davon weiß, ist der von Daniel verursachte Tod eines Menschen Teil seiner Mission und etwas, dem er sich stellen muss. Er weiß, wie es sich anfühlt und er weiß, dass diese trauernden Menschen ihren Schmerz zulassen müssen um Heilung zu finden. Genau das gibt er seiner  Gemeinde, es ist sein größter Beitrag. Er sagt den Menschen: „Macht euch nicht vor, dass ihr nicht wütend seid, dass euch etwas genommen wurde, dass ihr es versteht.“ Allerdings ist dies eine radikal andere Art der Trauer, welche die Menschen nicht verstehen und die zum Konflikt führt. Dieses Städtchen ist wie eine offene Wunde die nicht aufhört zu bluten.
Für manche Menschen in Polen geht es bei der Trauer einzig und allein um Erinnerung. Dies scheint die polnische Kirche zu lehren und der Flugzeugabsturz von Smolensk im Jahr 2010 (dabei kamen alle 96 Passagiere inklusive dem polnischen Ministerpräsidenten und seiner Frau ums  Leben) hat dies eindeutig bewiesen. Die für die Kapelle verantwortliche Frau benützt dieses Beharren auf Erinnerung als Mittel zur Kontrolle der Menschen. Sie hat mehr Macht als der Priester  und möglicherweise ist das der Grund, warum er mit der Situation nicht mehr zurechtkommt und dem Jungen bereitwillig die Verantwortung übergibt. Wir wollten zeigen, dass hinter allem das zielgerichtete Streben einer Fanatikerin steckt, welches ganz bestimmt keine irgendwie mysteriöse Krankheit ist, unter der Menschen hin und wieder zufällig leiden. Wir alle haben das Zeug dazu.
Quelle: Verleih
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Donnerstag 20.08.2020
YALDA
Ab 27. August 2020 im Kino
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“Nehmen Sie per Textnachricht an unserem Gewinnspiel teil. Hat Maryam Komijani es verdient, dass man ihr vergibt und sie begnadigt wird? Senden Sie 1 für Ja, 2 für nein.“
Die Kameras und Scheinwerfer sind alle auf Position. Ein letzter Blick des Moderators auf seine Notizen. Die letzten Sekunden des Intros ziehen vorbei  –  5, 4, 3, 2, 1  –  dann wird die Fernseh-Show live geschaltet  –  ausgerechnet am Yalda-Feiertag, der persischen Wintersonnenwende. An diesem Abend ist Maryam zu Gast, eine zum Tode verurteilte junge Frau. Ihr gegenüber im Studio sitzt Mona, die immer wie eine große Schwester für sie war. Maryam hat mit Monas Vater in einer Zeitehe gelebt. Jetzt ist sie des Mordes an ihm angeklagt. 
Vor laufender Kamera und Millionen von Zuschauern, muss Maryam um Vergebung und um ihr Leben kämpfen.
In Anspielung auf eine beliebte iranische Fernsehshow inszeniert der iranische Filmemacher Massoud Bakhshi (A RESPECTABLE FAMILY) das TV-Studio als Bühne für ein dramatisches Kammerspiel, das hinter dem persönlichen Schicksal seiner Hauptfiguren auch die gesellschaftliche  Dimension der Geschichte offenlegt.

Regie: Massoud Bakhshi
Mit: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari u.a.

YALDA ist der zweite Kinospielfilm des iranischen Autors und Regisseurs Massoud Bakhshi (2012,  A RESPECTABLE FAMILY). Das packende Drama feierte Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival, wo Regisseur Massoud Bakhshi in der Kategorie „World Cinema Dramatic“ mit dem Hauptpreis für internationale Spielfilme ausgezeichnet wurde.  
Die Deutschlandpremiere fand im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2020 in der Sektion „Generation 14plus“ statt. Erzählt wird die Geschichte der jungen Maryam, die beschuldigt  wird, ihren Ehemann ermordet zu haben und zum Tode verurteilt wurde. Sie erhält jedoch die Gelegenheit im Laufe einer populären Live-TV-Show der einzigen Tochter des Opfers gegenüberzutreten und diese um Vergebung zu bitten. Im individuellen Schicksal der jungen Frau spiegeln sich die tief verwurzelten patriarchalischen Strukturen der iranischen Gesellschaft auf erschreckende Weise wider.
In Anspielung auf eine beliebte iranische Fernsehshow, inszeniert Massoud Bakhshi das TV-Studio als Bühne für ein dramatisches Kammerspiel, das hinter dem persönlichen Schicksal seiner Hauptfiguren auch die gesellschaftliche Dimension der Geschichte offenlegt. Massoud Bakhshi, der als Dokumentarfilmer begann, stellt sich mit YALDA bewusst in die Tradition iranischer Regisseure wie Asghar Farhadi, Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof. 
Da es im Iran unmöglich war, den Film zu finanzieren, konnte die Produktion schließlich nur über ausländische Partner und die in Berlin ansässige NiKo Film gestemmt werden.
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