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Inhaltsverzeichnis
WESTWOOD

1

GEGEN DEN STROM

2

ASTRID

3

LE GRAND BAL – DAS GROßE TANZFEST

4

JUPITER`s MOON

5

WAS UNS NICHT UMBRINGT

6

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Donnerstag 13.12.2018
WESTWOOD
Ab 20. Dezember 2018 im Kino
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WESTWOOD: Punk. ikone. Aktivistin. erzählt die geschichte einer kämpferin, die aller niederlagen zum Trotz ihren Vorstellungen und idealen treu bleibt und als grande Dame des Punks bis heute geschichte schreibt. Westwoods Werdegang ist geprägt von Erfolgen, konflikten, unsicherheiten. Die Dokumentation beleuchtet schlüsselmomente ihrer Vergangenheit, die sie zu dem machten, was sie heute ist. Ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen ikone.

Ein Dokumentarfilm von Lorna Tucker

Durch den exklusiven blick hinter die kulissen des einzigartigen Modehauses und der dort wirkenden charaktere ist WESTWOOD: Punk. IKONE. AKTIVISTIN. die noch nie erzählte Geschichte einer Weltikone. Vivienne Westwood - Grande Dame des Punks und Enfant Terrible der britischen Modewelt.
Die selbst erklärte Tagträumerin Vivienne Westwood kam aus einfachen Familienverhältnissen im alter von 17 Jahren nach London, mitten hinein in die Swinging Sixties der 60er Jahre. Ihr Leben änderte sich abrupt, als sie den Sex Pistols Manager und Impresario Malcolm McLaren traf und ihr gemeinsamer Shop an der Kings Road die Popkultur revolutionierte.
In den folgenden 40 Jahren war Vivienne Westwoods Leben von gescheiterten Beziehungen, Rechtstreits, Spott der Presse und finanziellen Problemen geprägt. Doch sie blieb standhaft und wurde die Kulturikone Großbritanniens und ein weltweites Mode-Phänomen.
Heute wird Westwood im gleichen Atemzuge wie Gucci, Dior und McQueen genannt – mit dem Unterschied, dass sie nicht nur Namensgeberin ist, sondern ihr Modeimperium sowohl geschäftlich, als auch kreativ selbst führt.
Die Dokumentation begleitet Vivienne Westwood, als ihr Label Shops in den Modehauptstädten Paris und New York eröffnet. Das wohl arbeitsreichste Jahr für Westwood beginnt als überwältigender Erfolg. Doch schnell zeigt sich: Weltweiter Erfolg hat seinen Preis.
Neben allen Erfolgen, Konflikten und Unsicherheiten, auf die Westwood trifft, wird von Schlüsselmomenten ihrer Vergangenheit erzählt. Ihr politischer Aktivismus von heute hat seinen Ursprung im antisystemischen Punk-Rock-Ethos ihrer Jugend.
Die mit einzigartigen informationen angereicherte Dokumentation geht weit über das hinaus, was man sonst von Modefilmen kennt. Es ist ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen Ikone - einer alleinerziehenden Mutter, Punk und Agent Provocateur.


Statement der Regisseurin Lorna Tucker
Vivienne Westwood wurde auf mich aufmerksam, als ich Tour- und Promovideos für Rockbands produzierte. Sie arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Liberty, als sie mich einlud, den Prozess filmisch zu begleiten.
Wir blieben in Kontakt, als ich meine Dokumentation über Zwangssterilisation der indigenen Frauen in Amerika fertigstellte. Vivienne bat mich immer öfter, Proteste, öffentliche Reden und politische Kundgebungen aufzunehmen.
Nachdem ich 2013 den politischen Modefilm RED SHOES und eine Filmreihe über Vivienne Westwood für DAZED abgedreht hatte, habe ich Vivienne meine Idee eines Dokumentarfilmes vorgestellt – und so war WESTWOOD: Punk. IkONE. AKTIVISTIN. geboren.
Drei Jahre lang haben wir Viviennes Leben filmisch begleitet. Wir waren mit Greenpeace auf einer Mission in der Antarktis, während die neue Kollektion von der ersten Idee bis hin zur finalen Show Form annahm. Vivienne ist durch das Land getourt, um auf die Kampagne gegen Fracking aufmerksam zu machen und eröffnete gleichzeitig zwei Läden in Paris und New York.
Vivienne ist immer bereit aufzustehen, für ihre Sache einzustehen und dabei aufzufallen. Das repräsentieren ihre Mode und ihr Aktivismus. Egal, ob sie bis nachts in ihrem Atelier arbeitet oder in Westminster an einem Aufmarsch gegen die Klimaerderwärmung teilnimmt - alles was sie tut, tut sie mit einer kompromisslosen Leidenschaft und Hingabe.
Da Viviennes Interessen, Ideen und Prinzipien nie der öffentlichen Wahrnehmung einer Modeikone entsprachen, wusste ich, diese Dokumentation kann kein typischer Modefilm werden. Also habe ich nach ihren Wurzeln geforscht, ihren Aktivismus und ihren revolutionären kulturellen Einfluss beleuchtet.
Vivienne ist nicht nur eine kKünstlerin, eine Modedesignerin und eine Aktivistin. Sie ist das Gesicht einer weltweiten Marke, eine machtvolle Businessfrau.
Auch ist sie eine Repräsentantin des 21. Jahrhunderts, die ein besonderes Leben führt, begleitet von den größten kulturellen Umbrüchen der Zeitgeschichte.
Es ist meine Hoffnung, dass die kulturelle Relevanz und die aktuelle Thematik ein großes Publikum begeistern – ehemalige Punks, heutige Aktivisten, Fans, Modeliebhaber und die, die Interesse an Geschichten von Menschen haben.
Während der Produktion dieser Dokumentation war es Viviennes Geschichte selbst, die uns nie hat aufgeben lassen. Die Art und Weise, wie sie ihr Leben gemeistert hat, die vielen Zurückweisungen, die finanziellen Probleme, bis sie zur größten Modedesignerin in Großbritannien aufgestiegen ist, beweisen ihre Stärke und Leidenschaft. Es ist einfach inspirierend. Es ist wohl die wichtigste Botschaft des Films: Wenn du etwas tun willst, dann tu es und gib niemals auf!
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 05.12.2018
GEGEN DEN STROM
Ab 13. Dezember 2018 im Kino
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Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) ist Chorleiterin, eine unabhängige und warmherzige, eher in sich gekehrte Frau. Doch hinter der Fassade einer gemächlichen Routine führt sie ein Doppelleben als leidenschaftliche Umweltaktivistin. Bekannt unter dem Decknamen „Die Bergfrau” bekämpft sie heimlich in einem Ein-FrauKrieg die nationale Aluminiumindustrie. Erst mit Vandalismus und letztlich mit Industriesabotage gelingt es ihr, die Verhandlungen zwischen der isländischen Regierung und einem internationalen Investor zu stoppen. Doch dann bringt die Bewilligung eines fast schon in Vergessenheit geratenen Adoptionsantrags Halles gradlinige Pläne aus dem Takt. Entschlossen plant sie ihre letzte und kühnste Aktion als Retterin des isländischen Hochlands.
Bereits mit seinem großartig skurrilen Spielfilmdebüt „Von Menschen und Pferden” erregte Benedikt Erlingsson international Aufmerksamkeit. Nun ist der isländische Regisseur zurück mit einer ebenso knochentrockenen wie politisch scharfzüngigen Komödie. Mit bildgewaltiger Poesie inszeniert er die betörend kargen Weiten Islands und bietet seiner Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir den perfekten Raum für eine brillante Performance. GEGEN DEN STROM begeisterte das Publikum der Semaine de la Critique auf dem Filmfestival Cannes 2018 und gewann als Eröffnungsfilm den Art Cinema Award auf dem Filmfest Hamburg 2018.

Ein Film von BENEDIKT ERLINGSSON

Mit HALLDÓRA GEIRHARÐSDÓTTIR, JÓHANN SIGURÐARSON, DAVÍÐ ÞÓR JÓNSSON, CHARLOTTE BØVING, HILMIR SNÆR GUÐNASON u.a.


KOMMENTAR DES REGISSEURS

Dieser Film soll eine Heldengeschichte sein, die in einer Welt drohender Gefahr spielt. Eine Heldengeschichte, die wie ein spannendes Abenteuer daherkommt. Ein ernsthaftes Märchen, das mit einem Lächeln erzählt wird.
Unsere Heldin spielt in dieser Welt eine Art Artemis, die Beschützerin der unberührten Wildnis. Völlig allein, konfrontiert mit den rasend schnellen Veränderungen unseres Planeten, übernimmt sie die Rolle der Retterin von Mutter Erde für die zukünftigen Generationen. Wir sehen die Welt durch die Augen unserer Heldin und verstehen dadurch sehr gut, was sie antreibt.
In Astrid Lindgrens Buch „Die Brüder Löwenherz” gibt es folgenden Dialog zwischen den beiden Brüdern:
„Aber dann sagte Jonathan, dass es gewisse Dinge gibt, die man tun muss, selbst wenn sie schwierig oder auch gefährlich wären. „Aber warum?” fragte ich überrascht. „Weil man sonst nicht wirklich ein Mensch ist, sondern nur ein Fliegenschiss.”
Dieser Film handelt von einer Frau, die sich bemüht, wirklich ein Mensch zu sein.



INTERVIEW MIT BENEDIKT ERLINGSSON

In Deinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” und GEGEN DEN STROM scheitern die Menschen beim Versuch, die Natur zu zähmen oder zu dominieren. Was macht diesen Konflikt und unser totales Versagen oder unsere Dummheit zu so einer tollen Quelle für Geschichten und Komödien für Dich?
Ich habe erst kürzlich über den Zusammenhang zwischen meinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” (2013) und GEGEN DEN STROM nachgedacht. Er wurde mir erst bewusst, nachdem ich den neuen Film beendet hatte. Für mich ist vollkommen klar, dass die ‘Rechte der Natur’ in gleichem Maße beachtet werden sollten wie die ‘Menschenrechte’ – und diese Idee spiegelt sich in beiden Filmen wieder.
Für mich ist es selbstverständlich, dass die ‚Rechte der Natur‘ Bestandteil jeder Verfassung sein sollten und national wie international per Gesetz verteidigt werden müssten. Wir müssen begreifen, dass die unberührte Natur ein Recht hat zu existieren und wir dieses durchsetzen sollten, ungeachtet unserer menschlichen Bedürfnisse oder unserer ökonomischen Systeme.
Ich kann mir zum Beispiel ein vernünftigeres System vorstellen, bei dem ‘wir Menschen’, wenn wir unberührte Natur für unsere eigenen Zwecke nutzen oder verschandeln wollen, einen Prozess durchlaufen müssen, ähnlich einer Gerichtsverhandlung, um die Genehmigung dafür zu erhalten.
Es geht dabei wirklich um das Gemeinwohl und die langfristigen Interessen im Sinne unserer menschlichen Existenz. Genau wie die Fähigkeit, jemand die Freiheit zu nehmen und ihn lebenslang ins Gefängnis zu sperren. Deshalb denke ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um sich mit dieser Herangehensweise zu beschäftigen.
Hinzu kommt noch in einigen unserer Gesellschaften das seltsame Paradoxon, das sich „Staat” nennt und in demokratischen Ländern ein Instrument ist, das von den Menschen für die Menschen erschaffen wurde, und das so leicht von Interessensgruppen entgegengesetzt zum vermeintlichen Wohl der Gemeinschaft manipuliert wird. Der Umweltschutz ist eines der besten Beispiele dafür. Wenn wir uns die großen, existenziellen Herausforderungen ansehen, denen wir angesichts der Zerstörung unserer Umwelt gegenüberstehen, wird dies glasklar.
Und ja, aus dem Thema kann auch eine gute Komödie werden, wie man an meinem kleinen Land und dem Film sehen kann. Aber in den meisten anderen Ländern ist es wirklich eine Tragödie. Ich möchte in diesem Zusammenhang meine beiden Heldinnen erwähnen. Zwei reale, sehr kämpferische Frauen: Berta Cáceres aus Honduras und Yolanda Maturana aus Kolumbien. Beide waren Umweltaktivistinnen von „Life itself”, die von dunklen Hintermännern einer starken Lobby mit eigenen Interessen ermordet wurden.
Aber am schlimmsten ist, dass die Regierungen die Frauen in keiner Weise beschützt haben. Bisweilen wirkt es sogar so, als würden einige Regierungen aktiv für die andere Seite arbeiten. Bis zum Punkt, dass Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklärt werden.

GEGEN DEN STROM ist verglichen mit „Von Menschen und Pferden” ein eher ‚klassisch’ erzählter Film mit einem klaren Handlungsbogen für die Hauptfigur. Warum hast du Dich bei Deinem neuen Projekt für diese Erzählweise entschieden?
Vielleicht hat mich Eitelkeit dazu gebracht. Im Zuge des Erfolgs von „Von Menschen und Pferden” gab es auch enttäuschte Kommentare und Reaktionen in Island. Vielen meinten, dass ich einen tollen „Festivalfilm” gedreht hätte, aber dass dies kein Film für das tatsächliche Kinopublikum wäre.
Und obwohl „Von Menschen und Pferden” sich in bestimmten Ländern auch als Publikumserfolg erwiesen hat, glaube ich, dass mir diese Kritik nachhing. Und sie spielte wahrscheinlich auch eine Rolle bei meiner Entscheidung, meinen nächsten Film als „Mainstream-Blockbuster-Geschichte für Jedermann” zu erzählen.

Warum war es wichtig, dass Halla eine Frau ist?
Ich habe tatsächlich nicht darüber nachgedacht, die Entscheidung unter dem Aspekt der Geschlechterfrage oder einer „politically correctness” zu treffen. Offen gestanden irritiert mich oft, wie „politisch korrekt” heutzutage alles immer sein muss... Aber genau das ändert sich vielleicht morgen schon wieder. Jedenfalls entwickelte sich die Figur der Halla aus der Geschichte heraus und nach dem, was die dramaturgische Umsetzung dieser Geschichte verlangte.

Wie hast Du Deine Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir gefunden?
Die Rolle der Halla zu besetzen, war ein langwieriger und schwieriger Prozess. Dabei hatte ich, wie so häufig, die richtige Antwort direkt vor meiner Nase. Halldóra ist eine Freundin aus Kindertagen und eine Kollegin, wir sind fast wie Geschwister aufgewachsen, wobei sie die große Schwester war. Als wir 10 oder 11 Jahre alt waren, traten wir gemeinsam zum ersten Mal auf der großen Bühne des Nationaltheaters auf. Am Anfang der Entwicklung von GEGEN DEN STROM hatte ich auch ganz kurz die Idee, dass Halldóra Halla spielt. Aber dann habe ich die Idee verworfen und begann über andere Schauspieler nachzudenken, die ich ebenfalls sehr schätze. Außerdem musste ich für das Drehbuch an dem Konzept für die Zwillinge arbeiten, damit es absolut natürlich wirkte.
Aber das Schicksal brachte Halldóra zurück zu mir und mir wurde klar, dass sie nicht nur die offensichtliche, sondern auch die richtige Wahl für die Rolle ist. Als Schauspielerin ist sie eine Naturgewalt und am isländischen Theater ist sie DIE Schauspielerin unserer Generation. Ihre schauspielerische Bandbreite ist so groß, dass ich das Gefühl habe, ihr unglaubliches Talent zu schmälern und das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten nicht richtig zu beschreiben, wenn ich Halldóra einfach nur eine Schauspielerin nenne. Neben ihrer Arbeit für den Film ist sie außerdem die bekannteste Clownin und Komödiantin am Theater von Reykjavík und die gefragteste Schauspielerin für ernsthafte Rollen an den großen Repertoiretheatern Islands, an denen sie jede Spielzeit Hauptrollen übernimmt.
Sie hat mit Bravour Männerrollen gespielt, wie den Vladimir in „Warten auf Godot” und selbst den Ritter in „Don Quijote” – eine Rolle, die möglicherweise in gewisser Beziehung zu der steht, die sie nun im Film spielt. Und das ist nur der Anfang. Sie wurde außerdem berühmt, weil sie sich ein Alter Ego erschaffen hat, einen chauvinistischen Kerl namens „Smári” aus dem Duo „Hannes und Smári”. Sie und ihre männlichen Figuren sind mittlerweile am isländischen Theater absoluter Kult geworden. Ich glaube, man könnte Halldóra die Sarah Bernhardt von Island nennen – wenn Sarah Bernhardt es schaffen würde, dem Vergleich standzuhalten!
 
War es Zufall, dass sie den gleichen Namen trägt wie die Heldin des Films?
Halla ist ein weitverbreiteter Name in Island und noch dazu einer, der eine ganze Menge historische und kulturelle Verweise in sich trägt. Halla und Eyvindur sind Legenden in der isländischen Geschichte. Sie waren die letzten Gesetzlosen, die  es im 17. Jahrhundert schafften, auf der Flucht 20 Jahre im Hochland zu überleben. Sie waren echte Bergbewohner, Schafdiebe und Rebellen, und es gibt viele Geschichten über ihre Abenteuer und Kämpfe.
Ungefähr vor einem Jahrhundert schrieb der isländische Dichter und Bühnenautor Jóhann Sigurjónsson das Stück „Eyvindur of the Mountains” über sie, das es auf internationale Bühnen schaffte und erfolgreich durch mehrere Länder tourte.
Und vor genau 100 Jahren, 1918, drehte der schwedische Filmemacher Victor Sjöström einen Film über die Legende mit dem Titel „Berg-Ejvind und seine Frau”, in dem er selbst die Hauptrolle übernahm. So kommt es, dass der Name „Halla” zumindest für das isländische Publikum mit guten Erinnerungen verbunden ist.

Man könnte den Film als Drama, als Öko-Thriller oder als Komödie bezeichnen oder einfach als alles drei zusammen. Hast Du über Genres während der Arbeit am Film nachgedacht?
Ich denke niemals während des Schreibens oder der Entwicklung eines Films über Genres nach, absolut nicht. Was auch immer geschieht, über das Genre kann man spekulieren, wenn das Kind sozusagen zur Welt gekommen ist. Man denkt doch auch nicht darüber nach, was für ein Mensch ein Kind wird, während man es zeugt. Zumindest ich tue das nicht.
Mein Co-Autor Ólafur Egill Egillsson und ich haben zu keinem Zeitpunkt ernsthaft über das Genre des Films diskutiert. Am nächsten kamen wir dem noch, als wir mit Begriffen spielten... „Märchen” zum Beispiel. Das ist ein sexy Wort. Und eines, das für uns sehr hilfreich war, als wir die Geschichte entwickelten. Mir geht es immer mehr um die Handlung, die Aufgabe, den Schmerz, um die abstrakte Idee, die mich bei einem Projekt fasziniert und die Geschichte, die erzählt werden muss. Und die Dramaturgie interessiert uns beide sehr, die Essenz aller guten Geschichten. Ich finde nicht, dass dieser Film eine Komödie ist… Ich mache keine Komödien, oder zumindest ist es nicht mein Ziel. Wenn etwas in den Geschichten, die ich erzähle, komisch ist, ist es ein Zusatz oder ein Nebeneffekt.
Es gehört zu meiner Arbeitsweise, als erstes den Schmerz zu suchen... Ich entscheide mich immer erst einmal für den Schmerz… Ich betrachte den Schmerz des Autors oder der Hauptfiguren und was dieser Schmerz bedeutet. Gleichzeitig mag ich aber keine Filme, bei denen es nur darum geht „den Schmerz zu fühlen”. Für mich beginnt damit alles, weil ich dadurch die Geschichte wirklich verstehe und ich danach verschiedene Richtungen ausprobieren kann.
Als ich zum Beispiel mit meinem Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson begann, das Konzept zu entwickeln, hat uns die Geschichte dazu gebracht, mit der Vorstellung von einem ‚Actionfilm’ zu spielen.

An welchem Punkt kam die Musik ins Spiel?
Die Musik gab es schon in meiner allerersten Vision, die mich veranlasst hat, diesen Film zu drehen. Während ich davon träumte und mir vorstellte, was ich in meinem nächsten Film sehen will, stellte ich mir eine Frau vor, die durch eine leere Straße läuft. Sie rannte durch den Regen auf mich zu und stoppte direkt neben mir, vollkommen durchnässt. Nachdem ich sie genauer sehen konnte, erkannte ich eine dreiköpfige Band, die direkt hinter ihr spielte. Sie spielten nur für sie und ganz und gar nicht für mich. Ich hörte genauer hin, bis ich schließlich erkannte, was die Band spielte – es war der Soundtrack für das Leben der Frau.

Wie bist Du ganz praktisch die Zusammenarbeit mit den Musikern und Sängern angegangen und war es eine tiefergehende Zusammenarbeit als gewöhnlich?
Wir entwickelten die Musik ganz früh und mussten auch herausfinden, für welches Element der Geschichte die Band genau stehen sollte. Auf dem Weg dorthin tauchte immer wieder diese andere Musik auf und versuchte, sich in der Geschichte breitzumachen. Daraus wurden die drei ukrainischen Stimmen, die Hallas Chor bilden.
Bei der Musik wollte ich absolut auf Nummer sicher gehen und „Gürtel und Hosenträger” tragen, wie wir in Island sagen, um sicherzustellen, dass wir flexibel bleiben und nicht blockiert werden, wenn es ans Schneiden geht. Um das zu erreichen, haben wir Probeaufnahmen von allen Musikszenen gemacht und das nachdem wir bereits komplette Demo-Versionen von jedem Musikstück produziert hatten.
Unser Ziel war es, so viel Musik wie möglich live am Set aufzunehmen. Das war für alle eine Herausforderung, nicht nur für die Musiker, sondern auch für den Art- Direktor und den Kameramann und die ganze Tonabteilung.
Dadurch haben wir sichergestellt, dass wir jede Menge Stücke hatten, um damit herumzuspielen: Wir hatten die Studio-Aufnahmen, die Live-Aufnahmen vom Set und noch weitere Außenaufnahmen außerhalb des Sets, sodass wir am Ende von allen etwas verwenden konnten.
Davíð Þór Jónsson, der Filmkomponist, hat hauptsächlich am Theater mit mir zusammengearbeitet und er hat auch die Filmmusik zu „Von Menschen und Pferden” komponiert. Zwei der Bandmitglieder, Ómar und Magnús, sind alte Freunde von Davíð, der in einer Band mit Ómars Bruder Óskar spielt. Die Band nennt sich ADHD und sie machen ganz andere Musik als die Band im Film.

Wie beeinflusst Deine Arbeit als Schauspieler und Entertainer Deine Herangehensweise an die Regie bei einem Film?
Ich gewöhne mich immer noch an meine neue Rolle als Filmemacher und tatsächlich, zumindest auf eine gewisse Art, helfen mir meine früheren Erfahrungen. Aber gleichzeitig empfinde ich sie auch als Handicap.
Aber mir gefällt die Frage, weil sie zeigt, wie weit wir seit den Anfängen des Filmemachens gekommen sind. Wie hätte Charlie Chaplin sie beantwortet? Oder Orson Welles? Hätte man ihnen diese Frage überhaupt gestellt?
Ich sehe mich als Geschichtenerzähler, der auch ein Poet sein will, weshalb ich irgendwo zwischen diesen beiden Ansätzen gefangen bin, was so ähnlich ist, wie zwei Pferde gleichzeitig reiten zu wollen. Was übrigens möglich ist. Man braucht nur das richtige Training und ein Talent dafür, so wie alle guten Zirkusartisten.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 28.11.2018
ASTRID
Ab 06. Dezember 2018 im Kino
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Bereits in jungen Jahren widerfährt Astrid Lindgren etwas, das sich für sie gleichermaßen als Schicksalsschlag und Wunder herausstellen und ihr Leben für immer verändern wird.
Dieser Abschnitt in Astrids Leben sollte aus ihr eine der inspirierendsten Frauen unserer Zeit sowie eine der angesehensten Geschichtenerzählerinnen der Welt machen. Dies ist die Geschichte, wie eine junge Astrid, entgegen aller Erwartungen ihres Umfelds und ihrer religiösen Erziehung, beschloss, sich von den Normen unserer Gesellschaft zu lösen und ihrem Herzen zu folgen.


Ein Film von PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN
Darsteller: Alba August Trine Dyrholm Magnus Krepper Maria Bonnevie Hendrik Rafaelsen

Von Pippi Langstrumpf über Ronja Räubertochter bis zum Michel aus Lönneberga: Kein anderer Name ist bis heute so untrennbar mit so vielen faszinierenden Kinderbüchern verbunden wie der von Astrid Lindgren. Ihre Geschichten haben bis heute die Kindheit von Millionen Menschen weltweit geprägt. Zudem setzte die „Schwedin des Jahrhunderts“ und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels sich unermüdlich für die Rechte von Kindern ein.
Ihre eigene Kindheit dagegen endete früh, als Astrid im Alter von 18 Jahren unehelich schwanger wurde – im Schweden der 1920er-Jahre ein Skandal. Der Film erzählt einfühlsam davon, wie die junge Astrid den Mut findet, die Anfeindungen ihres Umfeldes zu überwinden und ein freies, selbstbestimmtes Leben als moderne Frau zu führen. Weiterhin zeichnet ASTRID nach, wie diese Erfahrungen die späteren Werke und das Engagement der Autorin prägen sollten.
Regie führte die mehrfache Berlinale-Preisträgerin Pernille Fischer Christensen, die das Drehbuch zusammen mit dem Kinderbuchautor Kim Fupz Aakeson schrieb: „Mein Film über die Jugend von Astrid Lindgren ist eine persönliche Hommage an eine der großartigsten Künstlerinnen Skandinaviens. Eine Liebeserklärung an eine Frau, die mit ihrer starken Persönlichkeit die herrschenden Normen von Geschlecht und Religion ihrer Gesellschaft gesprengt hat.“

In den Wäldern und Wiesen von Småland hat Astrid eine unbeschwerte Kindheit verbracht. Nun sehnt sich die junge Frau jedoch nach dem Leben, der Liebe und einer Zukunft in der großen, weiten Welt. Ihr Weg führt sie zunächst zur örtlichen Tageszeitung und ihrem charismatischen Herausgeber Blomberg, der das Talent seiner jungen Praktikantin erkennt - von deren Jugend und Scharfsinn ganz zu schweigen. Er verliebt sich Hals über Kopf und obwohl er alt genug ist, um ihr Vater zu sein, erwidert Astrid seine Gefühle.
Ernsthafte Konsequenzen drohen den beiden, als Astrid schwanger wird. Blomberg befindet sich mitten in einem Scheidungsprozess. Er verspricht Astrid, dass er sie heiraten wird. Ihre Schwangerschaft muss sie jedoch geheim halten, andernfalls würde es im Vimmerby der 1920er Jahre zu einem handfesten Skandal kommen. Astrid will mit ihrem größer werdenden Bauch keine Schande über ihre Eltern bringen und beschließt, ihre Heimat zu verlassen und in Kopenhagen im Geheimen ihren Sohn Lasse zur Welt zu bringen. Nur widerwillig überlässt sie ihn in der Obhut von Marie, einer Pflegemutter.
Astrid geht ins selbst auferlegte Exil nach Stockholm und schlägt Blombergs Heiratsantrag aus. Von nun an lebt sie von der Hand in den Mund und spart ihren kläglichen Lohn für die kurzen aber für sie überlebenswichtigen Reisen zu Lasse und Marie.
Die Trennung von ihrem Sohn beschert Astrid unbeschreibliches Leid. Lasse weicht nicht von Maries Seite und Astrid kann den Gedanken nicht ertragen, ihn aus dem Leben zu reißen, das er kennt und liebt. Dann jedoch erkrankt Marie schwer und kann sich nicht weiter um ihn kümmern. Astrid nimmt Lasse mit nach Stockholm, wo Mutter und Sohn versuchen müssen, zueinander zu finden - in keinster Weise ein einfaches Unterfangen. Doch Astrids Fantasie, Kreativität und ihr Gespür fürs Geschichtenerzählen führt sie allmählich zusammen. Schließlich kann sie auch mit ihrem Sohn an der Hand in ihre Heimat nach Vimmerby zurückkehren: Eine erwachsene Frau, die schwere Zeiten erlebt und diese mit neu geschöpftem Mut hinter sich gelassen hat, der bald den Grundstein für ihr umfangreiches und verehrtes ¼uvre legen soll.




ASTRID LINDGREN EIN PORTRAIT

Die von der Kritik gefeierte und von vielen verehrte Kinderbuchautorin ist bekannt für Klassiker wie „Pippi Langstrumpf“, „Wir Kinder aus Bullerbü“, „Ronja Räubertochter“, „Michel aus Lönneberga“ und „Die Brüder Löwenherz“.
Sie war nicht nur zu einer der renommiertesten Autorinnen Schwedens, sondern auch zu einer der einflussreichsten Stimmen des Landes ernannt worden. Sie setzte sich auch für die Stärkung der Kinderrechte und gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung ein.
Lindgrens Engagement für das Recht eines jeden Kindes auf Sicherheit und Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Lebenswerk.
Mit ihrer Fantasie erschuf Astrid Lindgren Figuren, die bis heute in unseren Herzen leben – ungestüm, rebellisch, frei. Auch sie selbst lehnte sich immer wieder gegen Konventionen auf. Und kämpfte für Glück und um ein selbstbestimmtes Leben.
Astrid Anna Emilia wird am 14. November 1907 auf einem Bauernhof bei Vimmerby geboren – in einer Welt, in der Frauen noch nicht wählen dürfen und in der Ehe dem Mann unterstehen. Sie ist das zweite Kind von Samuel und Hanna Ericsson. Die Eltern sind religiös und streng aber auch sehr liebevoll mit ihren insgesamt vier Kindern. Astrid wächst in Geborgenheit, relativer Freiheit und der idyllischen Natur des Smålands auf. All das wird nicht nur ihre Geschichten, sondern auch sie selbst lebenslang prägen.

NICHT GERADE DAMENHAFT
Die junge Astrid entwickelt ihren eigenen Kopf – und zwar buchstäblich: Sie trägt den ersten kurzen Bob in ganz Vimmerby. „Ich rief zu Hause an und sagte: ‚Ich hab mir die Haare abschneiden lassen!‘ ‚Dann kommst du besser nicht nach Hause’, sagte mein Vater“, erzählt Astrid später. Ihre Frisur ist eine kleine Sensation und lässt ihren Freigeist erkennen. Der eigenwillige Teenager geht mit Freundinnen auf Wanderungen oder ins Kino. Vor allem aber liebt Astrid die Filme des Hollywood-Stars Mary Pickford in der Rolle des wilden Mädchens; sie wird eine Inspiration für die Figur Pippi Langstrumpf.
Astrid und ihre Freundinnen gehen auch gern tanzen - am liebsten zu Jazz. Sie hätten sich damals nicht gerade damenhaft verhalten, sagt sie. Aber es sind nun mal die „Roaring Twenties“, auch in Schweden. Nach der Schule beginnt Astrid 1924 ein Volontariat bei der Zeitung „Vimmerby Tidning“, wo Chefredakteur Reinhold Blomberg – damals in Scheidung und 30 Jahre älter als Astrid – mehr als nur ihr Talent erkennt. „Niemand hatte sich jemals in mich verliebt. Er schon. Das war natürlich aufregend“, erklärt sie später in einem Fernseh-Interview.

VOM SKANDAL ZUR SELBSTBESTIMMUNG
Kurz drauf, mit nur 18 Jahren, wird Astrid unverheiratet schwanger – von ihrem noch verheirateten Chef. Ein unaussprechlicher Skandal. „Meine Eltern waren furchtbar traurig, als sie es erfuhren“, berichtet sie. „Aber wir haben nicht viel darüber geredet.“ Schwanger, unglücklich und unerfahren geht Astrid schließlich ganz allein nach Stockholm. Sie beginnt eine Ausbildung zur Sekretärin, beißt sich durch und lernt andere starke Frauen kennen. Zur Geburt reist sie auf Anraten einer Frauenrechtlerin ins dänische Kopenhagen in das einzige Krankenhaus Skandinaviens, in dem Frauen anonym Kinder zur Welt bringen dürfen. Am 4. Dezember 1926 wird ihr Sohn Lars, genannt Lasse, geboren. Keine drei Wochen später muss Astrid ihr Baby bei einer Pflegemutter zurücklassen. „Ich habe Lasse nicht gestillt und das bricht mir das Herz. Aber ich musste an Weihnachten nach Hause fahren – sonst hätte ich meine Eltern erklären müssen, warum ich nicht da
bin. Ich war so naiv. Richtig dumm. Das bereue ich“, geht sie Jahre später hart mit sich ins Gericht. Astrid verdingt sich in Stockholm als Aushilfssekretärin und sehnt sich nach Lasse. Die Fahrt zu ihm ist jedoch kostspielig, deshalb kann sie nicht oft hin. „Es war eine harte Zeit. Mein ganzes Inneres wollte immer nur nach Kopenhagen zu meinem Kind“, sagt Astrid.

FAMILIE IST DAS WICHTIGSTE
Als sie im königlichen Automobilclub einen Job als Schreibkraft annimmt, entflammt eine leidenschaftliche Affäre zwischen ihr und ihrem attraktiven und verheirateten Chef Sture Lindgren. Die Dinge seien etwas außer Kontrolle geraten, gesteht Astrid. Dann wird Lasses Pflegemutter plötzlich schwer krank und der Junge kann nicht mehr in Kopenhagen bleiben. Verzweifelt beschließt sie, ihren dreijährigen Sohn nach Stockholm zu holen. Doch der Winter ist hart, Lasse hat Keuchhusten, schläft nachts nicht und Astrid muss zur Arbeit. Sie ist überfordert.
Als Sture ihr einige Zeit darauf einen Heiratsantrag macht, sagt Astrid ja – allerdings nur unter der Bedingung, dass Lasse bei ihnen leben wird. Sture willigt ein und das Paar heiratet im Frühling 1931. Aus Astrid Ericsson, der Sekretärin, wird Astrid Lindgren, die Hausfrau. Drei Jahre später kommt noch eine Tochter dazu: Karin. Astrid liebt das Familienleben, geht viel mit ihren Kindern spielen und erst 1936 wieder arbeiten.

DIE FIGUR, DIE IHR LEBEN VERÄNDERT
1941 wird die kleine Karin krank und will von ihrer Mutter eine Geschichte hören – die „von Pippi Langstrumpf“. Aus dem spontanen, kindlichen Einfall soll eines Tages eine der beliebtesten Figuren der Kinderliteratur werden. Zunächst denkt sich Astrid Lindgren allein für ihre Tochter Abenteuergeschichten um das Mädchen mit dem drolligen Namen aus. Erst, als sie sich 1944 den Fuß verstaucht und eine Woche liegen muss, kommt sie dazu, die Pippi-Geschichten aufzuschreiben. Sie sollen eigentlich bloß ein Geburtstagsgeschenk für Karin sein. Lindgren überarbeitet das Manuskript und schickt es an einen Verlag. Pippi wird 1945 veröffentlicht – und Astrid von der Schreibkraft und Hausfrau zur weltberühmten Kinderbuchautorin.
Doch über Lindgrens Ehe liegt ein Schatten. “Sture war sehr beliebt, denn er war so nett und fröhlich – aber auf lange Sicht war er vielleicht nicht der beste Ehemann. Hier und da hat er sich in andere Frauen verliebt. Das hat mich sehr traurig gemacht,“ erzählt Astrid in einem Interview. Sie stürzt sich ins Schreiben, das helfe immer, und liefert weiter kluge und herzenswarme Geschichten. Zum Beispiel den „Meisterdetektiv Kalle Blomquist“ und „Wir Kinder aus Bullerbü“ – Vorbild dafür ist das idyllische Zuhause ihrer Kindheit.

EIN SCHWERER VERLUST
Astrids Privatleben entwickelt sich alles andere als idyllisch weiter. Ihr Mann ist Alkoholiker. „Zum Schluss war er oft so betrunken, dass alle ihn warnten, er müsste damit aufhören. Aber er konnte es nicht“, sagt sie. Im Sommer 1952 muss Sture in die Klinik. Als er stirbt, sitzt Astrid an seiner Seite. Sie heiratet kein zweites Mal.
Lasse zieht aus und bekommt selbst Kinder, auch Karin wird erwachsen. Dennoch ist die Familie für Astrid nach wie vor sehr wichtig. Besonders im Sommer verbringt sie viel Zeit mit ihren Enkeln. Morgens schreibt sie Bücher wie „Mio, mein Mio“, mittags wird gespielt. Ihr inneres Kind ist so unverwüstlich wie Pippi.

ENGAGEMENT FÜR KINDERRECHTE
Astrid engagiert sich auch gesellschaftspolitisch, besonders für Kinder. In einer Radiosendung zum Thema ledige Mütter sagt sie mal: „Wenn es ums Kind geht, gibt es kein anderes Ziel als das Kindeswohl. Wenn wir unverheirateten Müttern helfen, dann helfen wir den Kindern.“ Dass sie damit aus eigener, schmerzvoller Erfahrung spricht, behält Astrid zunächst für sich. Erst mit über 70 findet sie den Mut zu offenbaren, dass sie ihren Sohn als Baby bei einer Pflegemutter gelassen hat.
Auch gegen Atomkraft und zu hohe Steuern macht sie sich stark und spricht sich gegen Massentierhaltung aus. Durch ihre Bekanntheit und Beliebtheit ist sie zu einer Person mit gesellschaftlichem und politischem Einfluss geworden. Als erste Kinderbuchautorin bekommt Astrid Lindgren 1978 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In ihrer Rede sagt sie unter anderem: „Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird, und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung ein Leben lang.“ So, wie sie es auch in ihrer eigenen Kindheit erfahren hat. Es belastet sie darum ihr Leben lang, dass sie Lasse anfangs keine so heile Kindheit bieten konnte. Und auch ihn haben die frühen Erfahrungen mitgenommen. Trotzdem standen sich die beiden unglaublich nah. Als Lasse 1986 im Alter von nur 59 Jahren an einem Hirntumor stirbt, bricht es Astrid das Herz: „Ich denke oft an ihn. Er ist vor mir gegangen. Und kein Kind sollte vor seinen Eltern sterben.“

TRAURIGKEIT SCHREIBT DIE LIEBEVOLLSTEN GESCHICHTEN
Aber es sind genau diese Wunden und Brüche, die ihren Geschichten Tiefe, Poesie und Wärme verleihen, Mitgefühl durchschimmern lassen und sie dadurch einzigartig machen. Das weiß auch Astrid Lindgren selbst. Zu ihrer Nichte sagt sie: „Ich glaube, ich wäre auch Schriftstellerin geworden, wenn das mit Lasse nicht passiert wäre. Aber ich wäre niemals eine berühmte Schriftstellerin geworden.“
Das Alter macht Astrid zu schaffen, sie kann schlecht sehen und hören. Doch sie ist unverändert unabhängig, zäh und weltberühmt, bekommt säckeweise Post und Anfragen. Viele Menschen haben durch ihre Geschichten das Gefühl, sie wie eine Freundin oder ein Familienmitglied zu kennen. „In der Linde lebe ich weiter“, heißt es in einer davon. Astrid Lindgren stirbt am 28. Januar 2002 in ihrer Stockholmer Wohnung. Alle Bäume sind der Jahreszeit entsprechend kahl, nur direkt vor ihrem Fenster steht ein einziger Baum mit grünen Blättern. Es ist eine Linde.
Nach Enid Blyton, H.C. Andersen und den Gebrüdern Grimm ist sie die meistübersetzte Kinderbuchautorin der Welt. Ihre Werke wurden in 100 Sprachen übersetzt und insgesamt rund 165 Millionen Mal verkauft.



Liebe Astrid Lindgren,
den Großteil meiner Kindheit habe ich in den Wäldern von Småland verbracht. Es war ein einfaches Leben. Ohne warmes Wasser und Strom, ohne Toilette, Telefon oder Fernsehen. Ohne andere Kinder. Ich hatte häufig Langeweile und fühlte mich sehr oft alleine. Glücklicherweise konnte ich mich in Bücher vertiefen. In Ihre Bücher.
Sie waren die erste Person, die mich dazu bewegte, mir Gedanken über meine Existenz zu machen.
Sie lehrten mich, dass es das Böse und die Güte in dieser Welt gibt.
Dass man sich dem Tod stellen muss.
Dass es möglich ist, zu vergeben, aber nichts stärker ist als der Glaube an das Leben.
Sie haben großen Einfluss auf mein Leben gehabt – was aber hat das Ihre nachträglich geprägt?
Als Sie noch sehr jung waren, ist Ihnen etwas widerfahren, dass Sie maßgeblich beeinflusst und Sie zu der großen Geschichtenerzählerin gemacht hat, die Sie heute sind.
Etwas, das Ihnen einen tiefen Einblick in das Seelenleben eines Kindes gewährt hat.
Etwas, durch das Sie gezwungen waren, mit den Normen, der Religion und der Kultur Ihrer Zeit zu brechen.
Etwas, das aus Ihnen eine der innovativsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit gemacht hat.
Das ist das Ereignis, aus dem meine Geschichte ASTRID entstanden ist.
Herzlichen Dank.
Pernille Fischer Christensen
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 22.11.2018
LE GRAND BAL – DAS GROßE TANZFEST
Ab 29. November 2018 im Kino
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Dies ist die Geschichte eines Tanzballes. Eines großen Balles. Jeden Sommer kommen mehr als 2000 Menschen aus ganz Europa in eine kleine Stadt in Frankreich. Sieben Tage und acht Nächte lang tanzen sie ununterbrochen – verlieren das Gefühl für die Zeit, trotzen ihrer Müdigkeit und ihren Körpern. Alle drehen sich, lachen, wirbeln umher, heulen und singen. Und das Leben pulsiert.
Ein Film der puren Lebensfreude über und mit Menschen, die sich der Musik und dem Tanz hingeben und über Musiker*innen, die diese Menschen in den Tanz spielen. Seit 30 Jahren treffen sich diese Tanzbegeisterten in Gennetines in der Auvergne und feiern beim Grand Bal ein Fest des Lebendigseins.
Der Film zeigt DAS GROßE TANZFEST und stellt dazu persönliche und philosophische Überlegungen zum Tanzen im Allgemeinen an.

Ein Film von Laetitia Carton


Tanzen ist der Kampf gegen alles,
was uns zurückhält, gegen alle Last,
gegen alles, was uns schwerfällig macht.

Tanzen ist hören, was der Körper uns zuflüstert.
Tanzen bedeutet auch, ein Risiko einzugehen.

Das Risiko des Chaos, unguter Gefühle,
versetzt, auch verärgert zu werden,
die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen.

Aber auch das Risiko, süchtig nach der Ekstase zu werden,
denn es gibt auch Abende,
da überkommt dich die Anmut.

Der Tanz zu zweit, zu viert oder zu hundert            
lässt eine innere, alterslose Inkarnation,
eine reine Freude entstehen.
(Text aus dem Film)



Anmerkungen der Regisseurin

Ich tanzte schon immer gerne.
Ich hatte keine Vorbilder, meine Eltern tanzten nicht. Aber meine Großmutter erzählte mir oft, dass sie, als sie jung war, bevor ich sie kannte, aufs Tanzparkett stürmte und erst in den Morgenstunden wieder aufhörte zu tanzen. Ihr Gesicht leuchtete, wenn sie von diesen Nächten im Rausch der Bewegung, der Musik und der Begegnungen erzählte.

Bei meinem ersten traditionellen Tanzball war es um mich geschehen.
Es war an einem Samstag im Januar, in einem kleinen Dorf in der Auvergne in einer proppenvollen Scheune mit echten Musiker*innen auf der Bühne. Die Musik war wunderschön und jede*r tanzte. Ein echtes Fest! Hunderte Menschen. Darunter viele junge, das überraschte mich. Alle drehten sich, klatschten, guckten sich an, lächelten oder konzentrierten sich auf ihre Schritte – alle tanzten, wirklich. Und waren vor allem fröhlich, erfreuten sich am Beisammensein. Die Tänzer*innen verließen die Tanzflächen einfach nicht, sie tanzten bis zum Morgengrauen. Das Lächeln, die verschwitzten Handflächen, die Umarmungen am Ende eines Liedes vor dem Partner*innen-wechsel. So viel  zwischenmenschliche Wärme. Ein eingängiges, energiegeladenes, funkiges Stück, bei dem wir alle abgingen, der Rhythmus sich beschleunigte und wir auch  –  stilvoll  – dann wieder nostalgische und sentimentale Melodien, bei denen sich die Paare näherkamen, ihre Köpfe sich berührten. Die Zeit stand still.
Die Welt dieser Bälle liebte ich sofort. Ich fühlte mich so gut da, wie zu Hause. Seitdem markierten die Bälle mein Leben.

Vor 15 Jahren war ich das erste Mal beim Grands Bals de l’Europe, dem Tanzball in Gennetines in der Region Allier.
Das ist ein magischer Ort, eine verzaubernde Auszeit. Dort wird ununterbrochen getanzt, sieben Tage lang. Die Musiker*innen hören nie auf, zu spielen. Tag und Nacht. Heute, 30 Jahre nach der
Gründung des Grands Bals de l’Europe, kommen jährlich 2000 Menschen nach Gennetines, die eine Woche lang auf acht, neun Tanzböden oder draußen tanzen. 20 Musikbands wechseln sich an den Tanzflächen ab, 500 Musiker*innen spielen bei den Workshops tagsüber, und am Abend gibt es 15 verschiedene Bälle. Alle Generationen, alt und jung, mischen sich und tanzen miteinander.
Das gefällt mir am besten. Ich kenne keinen anderen Ort zum Feiern, an dem so unterschiedliche Altersgruppen und Lebensstile zusammenkommen. Mädchen tanzen mit Jungen, Jungen mit Mädchen, Frauen mit Frauen, und immer öfter auch Männer mit Männern. Während eines Tanzes entsteht eine besondere Verbindung zwischen den Tanzpartner*innen, die eine zarte, magische  und einzigartige Welt erschafft. Jede*r weiß, wie eine Mazurka beginnt, aber niemand kennt die emotionale Verfassung nach dem Tanz. Diese Emotionen, Geselligkeit, geteilte Energie, die im Kollektiv entstehen, gibt es sonst nirgendwo. Beim Tanzball sind wir einfach alle Tänzer und Tänzerinnen. Es hat keine Reichen oder Arme mehr, keine Verkleidung, keine soziale Klassen. Für eine Nacht lang mischen sich alle.
Wir leben in einer Gesellschaft, die von künstlich geschaffenen Bedürfnissen beherrscht wird. Eine Gesellschaft, in der wir zu unablässigem Konsum angehalten werden, ganz auf uns alleine gestellt und rasend schnell. Der Tanzball ermöglicht es uns, die Lebensfreude mit anderen wieder zu finden und gemeinschaftliche Rituale zu praktizieren, die in Vergessenheit geraten sind. Beim Festival erleben wir, dass Gemeinschaft existieren kann und dass wir dazugehören.

Dieses beispiellose menschliche Abenteuer, das ich nun seit mehreren Jahren schon miterlebe, verdient es, beobachtet und wahrgenommen zu werden, damit noch mehr Menschen teilnehmen.
Im Sommer 2016 drehten wir mit zwei Filmteams, einem für tagsüber und einem für die Nacht, den gesamten Grand Bal. Zwei Teams, um alles durchzustehen. Wie die Tänzer*innen. Auf den Körper hörend, die Müdigkeit spürend. Aber ohne was zu verpassen. Und manchmal hielten wir inne, wie vor den Kopf geschlagen von der Schönheit von dem, was vor unseren Augen passierte. Die Menge aller Tänzer*innen, die sich im Kreis in der Nacht drehten, die Freude, der Anmut der Tänzer*innen, die Virtuosität der Musiker*innen, ihre Großzügigkeit, die Osmose zwischen all diesen Leuten, die fühlbare Energie, die sich aus dieser Frauen - und Männergemeinschaft befreite.
Nichts versäumen von diesem Wirbelwind. Und einen Film realisieren wie einen Wirbelwind. Das Filmteam erlebte die gleichen Dinge, wie die Tänzer*innen und die Musiker*innen. Die gleichen Empfindungen: Drehen, Halten, Essen, Tanzen, Tanzen, Tanzen, Schlafen, Drehen, Tanzen, Trinken, Drehen, sich treffen... Gefilmt wurden die Blicke, das Austauschen, die Gemeinschaft, die Summe
aller Einzelheiten, die unsicheren, entstehenden Bewegungen, die Flinkheit, die Einfachheit des
Experimentierens, das Loslassen, die Freiheiten, der süße Wahnsinn, die große Menschlichkeit, die Freude in den Gesichtern, die Wartenden auf den Stühlen, die aufkeimende Liebe, die kommende Müdigkeit, die Verbundenheit. Wir wollten zeigen, welchen Unterschied es macht, wenn wir uns trauen, einander zu berühren, einander anzuschauen, wirklich zusammen zu sein. Wenn das Leben pulsiert.


Der Grand Bal

Der Grand Bal ist ein Treffen rund um den Tanz, der jedes Jahr auf dem Land, in der Mitte von Frankreich stattfindet, in Gennetines im Département Allier. Menschen aus ganz Europa reisen an, um miteinander zu tanzen. Mehr als 500 Musiker*innen sind dort, um live Melodien aus allen Regionen und aus vielen Ländern zu spielen, um tagsüber Workshops zu geben, Schritte, Rhythmus, Geschichten, Kultur und Musik weiterzugeben. Jeden Abend finden die Bälle statt und
ab der zweiten Nachthälfte bis zum frühen Morgen die sogenannten boeufs (Improvisationen/ Jamsessions ohne Verstärker).
Vor Ort kümmern sich unzählige Betreuer*innen um den Campingplatz, die Getränkekiosks und   die über 1000 Essen pro Tag – allesamt selbst sehr motivierte Tänzer*innen. Der Grand Bal
kommt ohne Subventionen aus und macht keine Werbung – alles funktioniert über Mund-zu-
Mund-Propaganda.
Quelle: Verleih
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 15.11.2018
JUPITER`s MOON
Ab 22. November 2018 im Kino
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Der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger)  wird beim illegalen Grenzübertritt von Serbien nach Ungarn angeschossen. Noch unter Schock entdeckt der Verwundete, dass er plötzlich durch die Kraft seiner Gedanken schweben kann. Im Flüchtlingslager bekommt der Arzt Dr. Stern (Merab Ninidze) Wind von Aryans übernatürlichen Fähigkeiten. Als er von den Wunderkräften erfährt, wittert er ein lukratives Geschäft. Er will den jungen Mann reichen Patienten als Beispiel einer Wunderheilung verkaufen. Aber ist Aryan in Wirklichkeit nicht vielleicht doch ein Engel oder ein noch höheres Wesen?
Trotz seiner übernatürlichen Elemente spielt der atemberaubende Film vor einem realen politischen Hintergrund – im Ungarn von heute. JUPITER’S MOON ist ein fantastischer Mix aus politischer Parabel und sarkastischem Superhelden-Epos.

Ein Film von KORNÉL MUNDRUCZÓ
Mit MERAB NINIDZE, ZSOMBOR JÉGER, GYÖRGY CSERHALMI u.a.


Kornél Mundruczó verarbeitet in seinem neuesten Kinofilm Erfahrungen, die er anlässlich einer Theaterinstallation in Ungarn machte. Mundruczó, der auch häufiger in Deutschland am Theater inszeniert, wurde vor allem bekannt durch seine 2009 gegründete, eigene unabhängige Theaterkompanie. Die Inszenierungen des international renommierten Proton-Theaters waren bis 2018 auf mehr als 100 Theaterfestivals weltweit zu sehen. Am Hamburger Thalia Theater führte er in der Spielzeit 2017 Regie bei Hauptmanns Stück „Die Weber“. 2017 war Mundruczó mit seiner Inszenierung von „Imitation of Life“ am Theater Oberhausen in der Kategorie Regie Schauspiel für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Bei der Ruhrtriennale 2018 in Bochum inszenierte Mundruczó „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze, und im September setzte er das Projekt „Traumland“ am Luzerner Theater in Szene.
JUPITER’S MOON ist eine Produktion von Proton-Cinema-Produktion in Ko-Produktion mit Match Factory Productions, KNM, ZDF/Arte und Chimney. Produzenten sind Viktória Petrányi, Viola Fügen, Michael Weber, Michel Merkt sowie die Ko-Produzenten Alexander Bohr, Fredrik Zander. Gefördert wurde der Film vom Ungarischen Nationalen Filmfonds  Eurimages, von der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medienboard Berlin-Brandenburg.



INTERVIEW MIT KORNÉL MUNDRUCZÓ

WAS BEDEUTET DER TITEL?
Einer der Jupiter-Monde, die Galileo entdeckt hat, heißt Europa. Mir lag sehr daran, diesen Film als europäische Geschichte zu erzählen. Sie spielt im krisengebeutelten Europa, und Ungarn ist da nicht ausgenommen. Gleichzeitig möchte ich eine Atmosphäre moderner Science-Fiction vermitteln. Schon als Kind war ich ein Fan dieses Genres, was vielleicht auch schon in meinen früheren Filmen FEHÉR ISTEN (UNDERDOG) oder SZELÍD TEREMTÉS (TENDER SON: DAS FRANKENSTEIN PROJEKT) deutlich wird. Wir spielen dabei auch mit der Vorstellung des Fremdseins. Die Frage ist doch, wer eigentlich der Fremde ist. Es kommt dabei immer auf die Perspektive an. Der Jupiter ist weit genug entfernt, um neue Fragen nach dem Glauben, nach Wundern und dem Anderssein aufzuwerfen.

IST DER FILM FUTURISTISCH, ODER SPIELT ER IN DER GEGENWART?
Die Antwort ist leider, dass dies längst nicht mehr die Zukunft ist. Wir wollten keinen Film über Flüchtende drehen – vielmehr verwenden wir die aktuelle Krise als Kontext dafür, über Wunder nachzudenken. Ursprünglich hatten wir tatsächlich vor, die Handlung in die Zukunft zu verlegen, doch in der Finanzierungsphase holte uns die Realität ein. Lange Zeit diskutierten wir darüber, ob das Thema der Flüchtenden zu aktuell geworden ist, und auch ich tendiere eher dazu, von den ideologischen Geschichten der Gegenwart die Finger zu lassen. Ich glaube eher an das Konzept klassischer Kunst, die sich wie Wasser auf Beton verhält: Steter Tropfen höhlt den Stein und zerbröckelt ihn. Für mich war sachliche und politische Kunst immer eher uninteressant. Als wir also das Drehbuch überarbeiteten, versuchten wir, uns zu distanzieren – in Bezug auf die Story und auch in Bezug auf die Filmsprache.

GINGEN SIE BEI DEM PROJEKT VON DER VORSTELLUNG AUS, DASS MAN FLIEGEN KANN?
In meiner Jugend zählte Alexander Belyaevs Roman Ariel zu meinen Lieblingsbüchern. Darin geht es um einen kleinen Jungen, der fliegen kann. Das muss man sich vorstellen: Ein Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten – und den erstaunlichen Kontrast und die Spannung, die es in seiner Umgebung bewirkt. Als ich älter wurde, beschäftigte ich mich immer intensiver mit dem Problem des Glaubens. Ich habe irgendwie immer angenommen, dass es einen höheren, umfassenden, universellen Glauben gibt, der weiter reicht als der relative Glauben, der von der herrschenden Kultur oder dem historischen Zeitalter vorgegeben ist. Das ist ein Glauben, der wirklich alle Menschen erreichen kann – auch und gerade in einer Zeit, in der wir mit der traditionellen Religion oder mit Gott abzurechnen scheinen. Stattdessen definieren wir uns über Geld und Erfolg, über den omnipräsenten Gott des Populismus und über die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse. Sicher, wenn man einen fliegenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, stellt sich sofort die Frage nach dem Glauben und danach, was ihn möglich macht. Welche Position nehme ich als Zuschauer ein, wenn ich mich in Relation zu den Filmfiguren sehe? Denn jeder reagiert unterschiedlich auf das Problem. Glaube ich als Zuschauer wirklich das, was ich sehe? Die Begegnung mit einem Wunder erfordert einen wachen Geist seitens des Zuschauers und das ist etwas, das ich immer versuche zu erreichen. Klar, es geht im Film um Flüchtende, aber es geht auch um die Suche nach Gott in dem Sinne, dass es Momente gibt, in denen wir mit rätselhaften Dingen konfrontiert werden. Die Figur des Aryan ist im Grunde eine körperliche Manifestation dieses Konzepts – eine Christusfigur im Körper eines Flüchtenden, den man tatsächlich als Engel wahrnehmen könnte. Wunder ereignen sich nie dort, wo wir sie erwarten. Und vielleicht nehmen wir sie nie so wahr, wie man sie wahrnehmen sollte.

ERZÄHLEN SIE UNS ÜBER DR. STERN UND SEINE ENTWICKLUNG.
Schon lange wollte ich die Beziehung eines alten Mannes zu einem kleinen Jungen zeigen. Kata Wéber hat die Geschichte geschrieben, und sie legt Wert auf den Hinweis, dass es unter ihren Vorfahren viele Ärzte gegeben hat. Uns faszinierte der moderne Archetyp des praktischen Arztes, eines Mediziners, der seinen Glauben fast verloren hat und niemanden mehr heilen will. Er lebt einfach vor sich hin, hat jegliche Illusionen verloren. Ich glaube, dass es in jedem Leben viele Situationen geben kann, in denen wir keinen Ausweg mehr erkennen, in denen wir uns von der Hektik mitreißen lassen und nach jedem Strohhalm greifen. Die Figur des Aryan hatte es mir schon lange angetan, aber ich werde selbst älter und nähere mich immer mehr der Situation an, in der sich Dr. Stern befindet. Natürlich habe ich in beiden Figuren viele autobiografische Elemente eingebracht, und auch die Handlung gründet sich auf einer wichtigen persönlichen Freundschaft, die ich so oder ähnlich selbst erlebt habe. Ich wünsche mir, dass Dr. Stern die Botschaft vermittelt: Wir können uns wirklich ändern, wenn sich etwas Bedeutendes ereignet und wir in die Lage versetzt werden, aufgrund unmissverständlicher Vorgänge unsere Blindheit zu überwinden. So wie Dr. Stern gezeigt wird, ist er wirklich blind. Selbst als er den wundersamen Aryan kennenlernt, geht es ihm nur darum, seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen, und er hat große Probleme, sich klarzumachen, dass er nur davon profitieren kann, wenn er selbst zu Opfern bereit ist.

WIE HABEN SIE IHRE EIGENEN ANSICHTEN ZUR SITUATION DER FLÜCHTENDEN IN DEN FILM  EINGEBRACHT?
Ich habe mich mit dem Problem der Flüchtenden auseinandergesetzt, als ich an einer großen Theaterinstallation zu Schuberts „Winterreise“ arbeitete. Europa befand sich am Anfang der Krise. Wir quartierten uns ein oder zwei Wochen im Flüchtlingslager Bicske ein, das damals gerade eingerichtet wurde, und ich habe versucht, meine dortigen Erfahrungen zu verarbeiten – und damit bin ich bis zum heutigen Tag noch nicht fertiggeworden. Ich hatte den Eindruck, dass das Fremdsein, das Anderssein dort zur Lebenssituation, zur Existenz, wird. Eine seltsame Unantastbarkeit umgibt die Menschen dort, denn sie sind tatsächlich aus dem Rahmen von Raum und Zeit gefallen. Das Bild oder die Allegorie des Verlusts ähnelt sehr der christlichen Liturgie, die mir ebenfalls sehr vertraut ist, weil ich mit ihr aufgewachsen bin. Man hat weder Vergangenheit noch Zukunft – man hat eine Gegenwart, doch auch die ist ungewiss. Man weiß nicht einmal, ob man noch die vertraute Identität hat, ob man noch die Person ist, als die man damals aufgebrochen ist, oder eine andere, in die man sich auf der Reise verwandelt hat. So etwas kann ich nicht beobachten, ohne mich solidarisch zu fühlen. Alles andere wäre unmenschlich.
INWIEFERN KANN MAN DIESEN FILM ALS GEGENSTÜCK ZU „UNDERDOG“ SEHEN? Bei UNDERDOG habe ich erstmals eine vielschichtige Struktur konzipiert, die in JUPITER’S MOON wohl noch sehr viel deutlicher wird. Ich suchte nach einer Ausdrucksform, die mein Gefühl vermittelt, dass wir „fallen“. Dieser filmische Ausdruck konnte aber keine reine Genre-Lösung sein.
Tatsächlich kollidiert unser Konzept sogar mit den reinen Genre-Formen. Sicher verwenden wir in JUPITER’S MOON auch Klischees und Genre-Elemente, aber das ist nur die eine Ebene – also ähnlich wie in UNDERDOG. Mein Konzept liegt daher in einem Genre-Mix, nicht in einem einzelnen großen Format, sondern in einer allegorischen Analyse verschachtelter Realitäten. Ich finde diesen Weg inzwischen sehr interessant, und ich sehe auch, dass er sich gelohnt hat. Unser Publikum am Budapester Proton-Theater hat sich inzwischen auch vervielfacht – da sind ähnliche Gedanken ausschlaggebend. Das heißt nicht, dass unsere Arbeit nicht mehr infrage gestellt wird, vielmehr gelingt es uns, sehr viel lebendigere Reaktionen zu bekommen, und daran lag mir sehr viel.

IN „JUPITER’S MOON“ VERWENDEN SIE MEHR VISUELLE EFFEKTE ALS IN „UNDERDOG“. WIE HABEN SIE DIESE ERFAHRUNG ERLEBT?
In UNDERDOG gibt es praktisch gar keine visuellen Effekte – nur in ganz kurzen Momenten. Genauso haben wir JUPITER’S MOON auch konzipiert und wir kamen auch so zu einer Lösung. Natürlich ist der Eindruck des Fliegens ohne bestimmte visuelle Effekte schwer zu vermitteln, denn bekanntlich können Menschen nicht fliegen. Das mussten wir also hinbekommen, aber die Hauptfiguren befinden sich in jeder Szene tatsächlich 30 bis 40 Meter über dem Erdboden. Ich finde, dass es sehr darauf ankommt, wie man Computereffekte einsetzt. Wenn man das richtig macht, ergibt sich ein gigantisches kreatives Arbeitsfeld. Wenn nicht, wirken die Effekte kitschig, künstlich und aufgesetzt. Unser Film vereint das Klassische mit dem Neuen – wir haben traditionell auf 35mm-Filmmaterial gedreht. Visuelle Effekte werden nur dort eingesetzt, wo sie nötig sind, und immer so, dass sie realistisch wirken.

AUFGRUND DER THRILLER-ELEMENTE BEKOMMEN SIE BEI DIESEM FILM DIE CHANCE, SPANNENDE VERFOLGUNGSJAGDEN – ZU FUSS UND AUCH MIT FAHRZEUGEN – ZU DREHEN. WIE HABEN SIE DAS ERLEBT UND WIE HABEN SIE DIESE INSZENIERUNGSTECHNIKEN AUCH IN IHREN ÜBRIGEN FILMEN EINGESETZT? Dieser Film stellte aufgrund seiner Größenordnung eine gewaltige Herausforderung für mich dar. Ich habe noch nie derart aufwändige Sequenzen inszeniert. Vor allem fand ich es spannend, bekannte und gut umgesetzte Elemente neu zu konzipieren. Wie kann man eine Autoverfolgungsjagd drehen, ohne dass sie wie eine Autoverfolgungsjagd aussieht? Ich finde es sinnlos, mich der Konkurrenz zu stellen und Verfolgungsjagden zu imitieren, wie man sie in perfekter Umsetzung bereits kennt. Wir mussten also unsere eigene Lösung entwickeln. Die Dreharbeiten erwiesen sich als sehr schwierig, weil der Film aufgrund seiner verschiedenen Ebenen große Anforderungen an die Logistik stellte. Der Hintergrund ist mindestens genauso wichtig wie der Vordergrund. Jede scheinbar reale Perspektive und jedes winzige Detail musste genau abgestimmt und in das Mosaik eingepasst werden. Große Kulissenteile mussten verschoben werden. Wir wollten eine geschäftige, überbevölkerte Stadt zeigen, in der man zu ersticken scheint, in der aber die Fluchtmomente ganz realen Frieden ermöglichen. Und genauso haben wir selbst in dieser heftigen, vollgestopften Stadt gelebt.

ARBEITEN SIE AUCH WEITERHIN FÜR DAS THEATER?
Ja, ich inszeniere weiter Theaterstücke und Opern. Zwischen meinen Filmprojekten arbeitete ich an zwei oder drei Bühnenprojekten. Die Oper ist eine kolossale Erfahrung. Ich merke inzwischen wie sehr ich sie schätze, weil dies ein Genre ist, in dem ich mich durch Dinge verwirklichen kann, die mir im realen Leben nur sehr selten begegnen würden. Außerdem habe ich am Proton-Theater in Ungarn ein eigenes Schauspielerensemble. Zu unseren aktuellen Projekten zählen WINTER’S JOURNEY , die gigantische Installation nach dem Vorbild des Liederzyklus „Winterreise“ von Schubert, und „Imitation of Life“, eine sehr freie Adaption des gleichnamigen Filmmelodrams von Douglas Sirk (dt. Titel: SOLANGE ES MENSCHEN GIBT).Tatsächlich handelt es sich um die forcierte Interpretation einer neuen Theatersprache: Vier Figuren in zwei Szenen, alles in jeder Hinsicht minimalistisch konzipiert. Derzeit kann ich noch nicht abschätzen, wie lange ich die Theater- und die Filmarbeit harmonisch unter einen Hut bringen kann. Aber angesichts der sich bedingenden Fragen und Antworten, der Niederlagen und Erfolge erlebe ich diese Koexistenz als äußerst produktiv und inspirierend. Derzeit inszeniere ich in Hamburg Hauptmanns „Die Weber“.

WAS KOMMT DANN?
Ich möchte unbedingt Wladimir Sorokins Roman „Ljod” (Das Eis) verfilmen. Davon träume ich schon zehn Jahre, und jetzt sieht es so aus, als ob es klappt. Das wäre dann im Grunde der letzte Teil einer Trilogie über den Glauben – die ersten beiden Teile sind UNDERDOG und JUPITER’S MOON. Ich traue mir derart große Schritte inzwischen zu und möchte in dieser Richtung weitermachen. Eines ist gewiss: Ich bin unglaublich versessen darauf, sofort weiter neue Geschichten zu erzählen.
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Donnerstag 08.11.2018
WAS UNS NICHT UMBRINGT
Ab 15. November 2018 im Kino
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Als Vater zweier jugendlicher Töchter – mit einer eigensinnigen Ex-Frau, die zugleich seine beste Freundin ist, einem schwermütigen Hund, den er sich gerade erst angeschafft hat, und seinen eigentümlichen Patienten – braucht Psychotherapeut Max wahrlich keine neue Herausforderung. Aber wenn Sophie, die bezaubernde Spielsüchtige mit Beziehungsproblemen, stets zu spät in seiner Praxis erscheint, gerät Max’ vertraute Welt ins Wanken. Während er sich noch einzureden versucht, Profi genug zu sein, um Profi zu bleiben, führt eine unverhoffte Begegnung der beiden zu immer mehr Verstrickungen – und es passiert, was nicht passieren sollte: Der Therapeut verliebt sich in seine Patientin. Wie soll er ihr helfen, ohne sich einzumischen? Wie kann er sie lieben, ohne sie zu verlieren? Hin- und hergerissen zwischen Gefühl und Verstand, zwischen seiner Patientin und der Frau, die er liebt, muss Max zunächst dem alten Flugzeugleitsatz folgen: Helfen Sie sich selbst, bevor Sie versuchen, anderen zu helfen.

Ein Film von SANDRA NETTELBECK
Mit AUGUST ZIRNER, JOHANNA TER STEEGE, BARBARA AUER, OLIVER BROUMIS, JENNY SCHILY, BJARNE MÄDEL u.a.


Genau dieser graue, zottelige Streuner soll es sein. Also nimmt Max (AUGUST ZIRNER) ihn mit aus dem Tierheim: Keiner soll allein sein. Bei prasselndem Regen sitzt er in seinem Auto, den Hund auf der Rückbank. Glücklich wirkt der Psychotherapeut nicht, der stets anderen Menschen hilft, aber ratlos ist, was er mit seinem Leben anfangen soll: Seit längerem ist er bereits von seiner Ehefrau Loretta (BARBARA AUER) getrennt, der er weiterhin freundschaftlich verbunden ist. Immerhin geht es darum, die gemeinsamen Töchter, die 16-jährige Eleonor (LEONIE HÄMER) und ihre jüngere Schwester Esther (MARIE JECKE), so gut zu erziehen, wie das bei aufmüpfigen Teenagern eben möglich ist. Die beiden Mädchen haben sich gerade gegen Mama verbündet, die sich wünschen würde, dass der phlegmatische Max sich etwas mehr engagiert. Überhaupt hadert Loretta mit ihrem Leben. Dass der Wasserhahn sich einfach nicht reparieren lassen will und sich ständig nach links dreht, ist noch das kleinste Hindernis. Sie hat noch einmal ein Medizinstudium begonnen und gleich eine Beziehung mit ihrem Dozenten Fabian (DAVID ROTT) angefangen, der auf mehr drängt. Nur kann sie sich nicht darauf einlassen und sucht Rat bei Max, der es jedoch für keine gute Idee hält, seine Ex-Frau zu therapieren.
 
Max hat nicht nur sein eigenes Päckchen zu tragen. Als Psychotherapeut ist er zudem unentwegt konfrontiert mit den Problemen und Krisen anderer Menschen. Zu seinen Patienten gehört der einsilbige Ben (MARK WASCHKE), der einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat, sich aber nicht in die Karten schauen lässt. Nur mit Panama, so hat Max den Streuner aus dem Tierheim genannt, baut er eine so besondere Beziehung auf, dass die Therapiestunden bald schon nicht mehr auf der Couch stattfinden, sondern beim gemeinsamen Gassigehen. 
 
Auch Sophie (JOHANNA TER STEEGE) besucht die Praxis von Max regelmäßig – ebenso regelmäßig kommt die immer gehetzt und leicht unter Strom stehende Soundkünstlerin zu spät. Sie leidet unter ihrer Beziehung mit David (PETER LOHMEYER), der aus einer früheren Ehe einen jugendlichen Sohn hat, Lars (KRISTO FERKIC), und nicht bereit ist, sich wirklich auf ein Leben mit Sophie einzulassen. Immer wieder kommt es zum Streit zwischen den beiden, immer wieder kommt Sophie doch wieder zu David zurück. Insgeheim weiß sie, dass er nicht gut für sie ist. Aber weil sie Angst hat vor dem Vergessenwerden, verdrängt sie diese Erkenntnis.
 
Als Max seine Tochter zur Probe des Schulorchesters bringt, trifft er auf Sophie, die ihrerseits Lars abgeliefert hat, zu dem sie ein inniges Verhältnis aufbaut. Max und Sophie gehen einen Kaffee trinken. Auf Anhieb haben sie einen gemeinsamen Draht. Max fühlt sich zu Sophie hingezogen, zögert aber, weil er es mit seinem beruflichen Ethos nicht in Einklang bringen kann, Gefühle für eine Patientin zu hegen. 
 
Zu Max’ Patienten gehört außerdem das Geschwisterpaar Mark (CHRISTIAN BERKEL) und Henriette (VICTORIA MAYER), die in einem fast symbiotischen Verhältnis miteinander koexistieren. Mark leitet ein Bestattungsunternehmen, hat aber im Lauf seines Lebens so viel Trauer gesehen und Trost gespendet, dass er sich künftig endlich einmal selbst in den Mittelpunkt seines Lebens stellen will. Was bisher fast ausschließlich die Aufgabe der neugierigen und zur Hypochondrie neigenden Henriette ist, die immer befürchtet, Mark könne an einer folgenschweren Krankheit darben.

In seinem Bestattungsunternehmen lernt Mark die Schriftstellerin Isabelle (DEBORAH KAUFMANN) kennen, die ihre eigene Beerdigung plant. Seit dem Tod ihres Freundes, ein Kriegsfotograf, der in Syrien bei einem Bombenangriff ums Leben kam, hat sie keine Zeile mehr geschrieben und jegliche Lebenslust verloren. Besonders setzt ihr zu, dass seine Leiche nie gefunden wurde. Sie hat sich in seinem Fotoatelier verschanzt, hört immer wieder einen alten Anruf an und kann einfach nicht mit der Vergangenheit abschließen. 
 
Ein nächster Schritt im Leben erscheint auch Fritz (OLIVER BROUMIS) unmöglich. Der Pilot, ebenfalls ein Patient von Max, ist am Boden zerstört, dass sein Lebensgefährte, der Amerikaner Robert, der seit 13 Jahren die Liebe seines Lebens ist, im Krankenhaus im Sterben liegt – er hat eine aggressive Form von Blutkrebs, seine Überlebenschancen sind gleich null. Fritz weiß das. Und es lähmt ihn auf eine Art, die ihn in eine schwere Depression treibt. Er kann seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er plötzlich an Flugangst leidet, und muss sich mit Roberts ignoranter Familie auseinandersetzen, die nicht akzeptieren kann, dass Robert ein glückliches Leben als schwuler Mann geführt hat. 
 
Auf eine Krise steuern auch Hannes (BJARNE MÄDEL) und die autistisch veranlagte Sunny (JENNY SCHILY) zu. Seit Jahren arbeiten die beiden gemeinsam im Pinguin-Gehege des Zoos, und es herrscht eine unausgesprochene Liebe und Vertrautheit zwischen den beiden, die auf eine Belastungsprobe gestellt wird, als Hannes erfährt, dass Sunnys Stelle wegrationalisiert werden soll. Aus Angst um ihre Zukunft lässt Hannes sich an ihrer statt entlassen, erzählt ihr aber nichts davon. Maßlos enttäuscht, Hannes habe sie im Stich gelassen, bricht Sunny jeglichen Kontakt zu ihm ab und reagiert auf keinen seiner Versuche, sich ihr wieder zu nähern. Doch als sie feststellt, dass sie von der einzigen Liebesnacht mit Hannes nach einer Betriebsfeier schwanger ist, muss sie entscheiden, wie es weitergehen soll. 
 
Eine Entscheidung, vor der alle Beteiligten stehen. Fragt sich nur, wer den Mut dazu hat, das Rad in Bewegung zu setzen... 




INTERVIEW SANDRA NETTELBECK
 
Ein Film, der nahe am Leben ist, ein Film, der Mut macht – was war die Grundidee zu WAS UNS NICHT UMBRINGT?
Die erste Idee war tatsächlich der Titel. Er hat mir so gut gefallen, dass ich mir dazu einen Film ausdenken wollte. Und er legt das Kollektive ja schon vor: Es geht um eine Gruppe von Menschen, die trotz ihrer elementaren Unterschiede auch viele Gemeinsamkeiten haben, sei es altersbedingt oder sozial bedingt, weil sie Kinder, Neurosen, Haustiere haben, Krankheiten oder Verwandte. Es verbindet sie mehr als es zunächst den Anschein hat – und beim Therapeuten laufen alle Fäden zusammen. Denn welch besserer Ort, um Menschen in der Krise zu begegnen, als das Behandlungszimmer eines Therapeuten?
 
Es geht um verschiedene Facetten des Unglücklichseins – irgendwo zwischen Liebe und Tod. Wie findest du deine Geschichten?
Wir denken uns die Gefühle, von denen wir erzählen, ja nicht aus, die kennt jeder. Liebe, Angst, Schmerz, Wut, Enttäuschung, Glück. Meine Geschichten drehen sich immer um die Gefühle, die mich zu der Zeit am meisten beschäftigen, sie müssen emotional von dem erzählen, was mich bewegt und womit ich mich auskenne (Hawks hat immer gesagt, „write about what you know“, und daran halte ich mich), sei es nun in Gestalt eines Piloten mit Flugangst, einer trauernden Schriftstellerin oder einer zwanghaften Zoowärterin. Ich finde aber, es geht in WAS UNS NICHT UMBRINGT viel mehr um Sehnsucht als um Unglücklichsein (auch wenn uns unerfüllte Sehnsüchte sehr unglücklich machen können). Es geht um das Wagnis, die Hoffnung nicht aufzugeben, egal wie alt wir sind oder wie viel wir schon erlebt haben oder wie oft wir schon enttäuscht wurden. Und das ist ein Grundgedanke, der natürlich aus meinem eigenen Leben kommt. Auf der Suche nach Liebe und in der Begegnung mit dem Tod. Da bin ich und das kenne ich.
 
Etwas, das die Figuren verbindet, ist, dass sie nicht aus ihrer Haut können. Ist das womöglich ein typisches Problem der „50something“?
Nein, es ist eher so, dass viele von uns in diesem Alter typischerweise nochmal aus ihrer Haut müssen, ob es uns nun passt oder nicht. Damit das Leben eine Chance hat, nicht alles um einen herum einschläft, trostlos oder eintönig wird, oder ungeliebt. Dass das mit 50 nicht mehr so einfach ist wie mit 20, ist klar. Aber gerade deshalb ist es natürlich auch interessanter. Weil es eine viel größere Herausforderung ist. Und in der Regel viel Mut verlangt.
 
Gab es eine Figur oder eine Geschichte, die am Anfang stand und um die herum du die anderen Geschichten entwickelt hast?
Der Therapeut stand von Anfang im Zentrum dieses Reigens. Alle Fäden sollten auf die eine oder andere Weise bei ihm zusammenlaufen. Trotzdem habe ich die einzelnen Geschichten zunächst getrennt geschrieben, alles andere wäre schlicht unmöglich gewesen.
 
Was ist die besondere Herausforderung eines Episodenfilms?
Ganz klar die Struktur. Was im Buch funktioniert, funktioniert im Schnitt oft überhaupt nicht. Ein Film hat seine eigenen Gesetze, eine eigene Dynamik, und nur der Film selbst kann sie verraten: Was funktioniert und was nicht. Das Nervenaufreibende während des Schnitts ist, dass man an einer Stelle eine Sache umstellen kann, und das dann auf eine ganz andere Stelle eine ungeplante Wirkung hat. Der Schmetterlingsflügel-Effekt. Nichts ist vorhersehbar, man muss alles ausprobieren. Ob es funktioniert, weiß man erst, wenn man den Film im Ganzen schaut.
 
Hast du hier eine Lieblingsfigur?
Nein, das kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, Hannes, gespielt von Bjarne Mädel, ist von allen der Beneidenswerteste. Vielleicht auch der Liebenswerteste. Er weiß so genau, was er will und wen er liebt und hat keine Angst zu sagen, was er denkt, nichts steht ihm im Weg. Ich bewundere ihn, und deshalb kriegt er auch das Mädchen, das sich partout nicht kriegen lassen wollte. 
 
In gewisser Weise ist auch WAS UNS NICHT UMBRINGT ein „Hundefilm“. Nach dem Familienfilm SERGEANT PEPPER schon der zweite. Ist das Zufall?
Nein, ein Hundefilm ist es nicht, aber ein Hund kommt wieder vor. In HELEN kam auch ein Hund vor. Hunde, als Begleiter, als Teil der Familie, haben in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt, und kurz vor den Dreharbeiten habe ich mir meinen ersten eigenen geholt. Sie ist eine wunderbare Hündin aus Rumänien. Aber es ist auch eine große Verantwortung. Ich kann mir nicht vorstellen, sie jemals wegzugeben. Max tut das. Weil er weiß, dass Panama es bei Ben besser haben wird als bei ihm. Und manchmal suchen sich die Hunde eben ihre Menschen aus und nicht umgekehrt. Es ist ein großes Glück, wenn dem nichts im Weg steht. 
 
Verändert ein Hund die Stimmung am Set?
Auf jeden Fall. Ich hatte bisher ganz großes Glück mit den Hunden in meinen Filmen, Buddy in WAS UNS NICHT UMBRINGT kam aus dem Büro nebenan und freute sich eigentlich nur, mit uns zusammen zu sein, und Cleo aus SERGEANT PEPPER kam damals von und mit einer ganz tollen Trainerin aus Amsterdam. Leider neige ich dazu, mehr auf den Hund zu achten als auf die Schauspieler... das ist auch nicht immer so günstig. Die Herausforderung hier war, dass August Zirner keine Bindung zu dem Hund aufbauen durfte – was weder für August noch für den Hund eine leichte Aufgabe war. Aber er hat seine Sache ganz toll gemacht. Der Hund. August natürlich auch. 
 
Du schreibst deine Drehbücher selbst. Was ist der Unterschied bei der Inszenierung eines Drehbuchs, das nicht von Sandra Nettelbeck stammt?
Das kann ich nicht beurteilen, da ich das noch nie gemacht habe. Aber umgekehrt, ein Drehbuch schreiben und nicht selbst inszenieren – das war bisher immer eine sehr angenehme und erfreuliche Arbeit. Es macht mir großen Spaß, nicht nur, weil ich so gern schreibe, sondern weil es viel für sich hat, nicht jahrelang an einem Projekt zu hängen: Man schreibt ein paar Wochen am Drehbuch, reicht es weiter und kann selbst gleich was Neues anfangen. Den Kampf der Umsetzung tragen die anderen aus. Das ist eine willkommene Abwechslung.
 
WAS UNS NICHT UMBRINGT versammelt die crème de la crème deutscher Schauspieler. Hattest du die Besetzung beim Schreiben schon vor Augen?
Ein Teil der Rollen war den Schauspielern auf den Leib geschrieben, August, Oliver, Barbara, Christian, Jenny. Das war ein schönes Privileg und hat beim Schreiben sehr geholfen. Johannas Rolle war ursprünglich für Sophie Rois geschrieben, sie musste leider ganz kurz vorm Dreh absagen. Aber dann kam Johanna, buchstäblich über Nacht, und sie hat nochmal eine ganz andere Farbe in den Film gebracht, sie hat die Rolle schlicht neu erfunden. Und uns gerettet! Für August die Rolle zu schreiben, war einfach, ich kannte den Therapeuten ja schon aus Martha und Sergeant Pepper, und es war eine wunderbare Aufgabe, hier zum ersten Mal aus seinem Privatleben und von seinen Gefühlen zu erzählen, statt nur von seinen Patienten. Und dabei gefällt mir besonders, dass er heute 20 Jahre älter ist als damals, als Martha noch für ihn gekocht hat.
 
Mit vielen der Schauspieler verbindet dich eine jahrelange Zusammenarbeit.
Hier u.a. Johanna Ter Steege, Barbara Auer, August Zirner, Oliver Broumis – macht das das Arbeiten leichter?  Ja klar. Es ist sehr schön, wenn man sich kennt, vertraut ist, sich mag. Wir sprechen die gleiche Sprache und ich glaube, uns verbindet vor allem unser Humor und zugleich der Ernst, mit dem wir bei der Sache sind. Ich glaube zu wissen, was die Schauspieler brauchen, und ich weiß, dass sie mir (Gott sei Dank) vertrauen, sie wissen, dass ich auf sie aufpasse. 
 
Langjähriger Wegbegleiter ist auch dein Kameramann Michael Bertl. Was schätzt du an ihm?
Oh, wo soll ich da anfangen? Ich liebe seine Arbeit, sein Talent, seine Kunst, seine Farben, seine Bilder. Ich weiß, dass wir zusammen passen, dass wir uns ergänzen, dass er mit seinen Bildern genau das erzählt, worauf es mir ankommt, was im Buch steht. Ganz wichtig für mich persönlich ist seine sagenhafte Ausdauer, sein klarer Blick, sein herrlicher Humor, und dass er so oft genau das richtige Wort im richtigen Moment für mich hat. Er ist außerdem mein bester Freund und das seit vielen Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne ihn einen Film zu machen. Und das Schönste daran ist, es wird immer besser. Und immer vergnüglicher. 
 
Beim letzten Film hat Hans Zimmer die Musik gemacht. Diesmal ist es Volker Bertelmann, bekannt als Hauschka. Wie habt ihr zusammengefunden und zusammengearbeitet?
Es war nicht geplant, ich hatte eigentlich einen anderen Komponisten. Aber als sich die Dinge in der Postproduktion verzögerten, sprang der Komponist ab und wir mussten einen neuen finden. Ich kannte Hauschka nicht. Er war einer von mehreren Vorschlägen. Und es reichten ein paar Takte seiner Musik und ich wusste sofort, dass er der Richtige ist. Dann hatte ich das große Glück, dass ihm der Film gefiel und er Lust hatte, ihn zu machen. Wir mussten ein paar Monate auf ihn warten, aber das Warten hat sich gelohnt. Die Arbeit mit ihm war absolut großartig, so wie man es sich eigentlich immer wünscht! Ich hoffe sehr, dass wir noch viel zusammen machen werden. 
 
Du sagst, dieser Film mache dich besonders stolz. Warum? Was ist anders als bei deinen anderen Filmen?
Ich glaube, es ist ein sehr erwachsener Film, der sehr ernst und zugleich sehr leicht ist. Es war höllisch schwierig, die vielen Geschichten so ineinander zu verschränken und nebeneinander zu erzählen, dass es funktioniert, und dabei eine Art Lebensgefühl zu vermitteln, ohne moralisch zu werden, von Befindlichkeiten zu erzählen ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Ich hoffe zumindest, dass mir das gelungen ist. Ich wünsche mir, dass die Leute erfüllt und gut unterhalten aus dem Kino gehen ohne für dumm verkauft worden zu sein. Es ist ein sehr persönlicher Film, der eine Leichtigkeit hat, die ich in meinen letzten beiden Filmen nicht gefunden habe. Ich habe in den letzten Jahren so einiges überlebt. Dieser Film ist das Ergebnis davon. Und wenn es der letzte wäre, wäre das auch ok.
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