Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
EINSTEINS NICHTEN

1

EIN SACK VOLL MURMELN

2

DALIDA

3

DIE GÖTTLICHE ORDNUNG

4

PARADIES

5

DER ORNITHOLOGE

6

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Donnerstag 17.08.2017
EINSTEINS NICHTEN
Ab 24. August 2017 im Kino
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EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN ist ein berührender Dokumentarfilm über die tragische Geschichte der Familie Einstein in Italien und zwei starke Schwestern mit einem außergewöhnlichen Schicksal. Ihr charmanter Humor, ihre Stärke und ihr Lebensmut machen den Film zu einem bewegenden Plädoyer für das Leben, Versöhnung und Frieden.

Ein Dokumentarfilm von Friedemann Fromm


Im August 1944 sucht die Wehrmacht in der Toskana nach Robert Einstein, einem Cousin und engen Freund von Albert Einstein. Die Deutschen ermorden Roberts Frau Nina und seine beiden Töchter Luce und Cici. Albert Einsteins Großnichten, Lorenza und Paola, sind die einzigen überlebenden Zeugen dieses schrecklichen Verbrechens. Nach über 70 Jahren kehren sie zum ersten Mal an den Ort des Geschehens zurück und erzählen ihre bewegende Geschichte.


Italien 1944: Nur wenige Stunden bevor sich die deutschen Besatzer aus Florenz zurückziehen und die in Italien lebende Familie Einstein die Freiheit zurückgewinnen kann, wird sie von einem deutschen Sonderkommando der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Die Soldaten finden in ihrem Haus nur Robert Einsteins Frau und die beiden Töchter vor und erschießen sie. Robert Einstein, ein Cousin und enger Freund von Albert Einstein, kann sich im Wald verstecken und überlebt das Massaker. Auch die beiden Adoptivkinder, die Zwillingsschwestern Lorenza und Paola Mazzetti, überleben, weil sie nicht den Namen Einstein tragen, dennoch werden sie Zeugen des Massakers an ihrer „Mutter“ und ihren „Schwestern“.
Ein einziges Blatt unterschrieben mit dem Namen „Der Kommandant“ bedeutet das Todesurteil und damit das Ende der Familie Einstein in Italien. Robert Einstein nimmt sich nur ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag, das Leben. Das Verbrechen an seiner Familie wird nie aufgeklärt. EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN folgt dokumentarisch und an Hand von Archivmaterial und Originalaufnahmen der Geschichte von Lorenza und Paola Mazzetti. Sie kehren nach 70 Jahren zum ersten Mal in die Villa „Il Focardo“ zurück, den Ort des grausamen Verbrechens, welches sie damals als Kinder miterleben mussten.

HINTERGRUND – VORGESCHICHTE
Max Planck gelingt es, Albert Einstein 1913 für die Preußische Akademie der Wissenschaften zu gewinnen. Im April 1914 wird er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Sein Cousin Robert Einstein lebt und arbeitet in Italien. 1929 bittet Albert Einstein seinen Freund, den Nobelpreisträger Luigi Pirandello, für Robert eine Villa in Rom zu kaufen. Es ist das Nachbarhaus von Pirandello, in dem Robert Einstein 10 Jahre lang lebt. Albert Einstein forscht und arbeitet in dieser Zeit in Berlin, ist aber oft zu Gast in Rom bei seinem Vetter Robert. Dieser vertreibt in Italien die Radios der Jüdischen Firma Aron aus Berlin. Der Eigentümer Prof. Aron ist ein wissenschaftlicher Kollege und Freund von Albert Einstein in Berlin.
Nach 1933 dreht die Firma die Buchstaben ihres Namens um und aus „Aron“ werden die „Nora-Radios“. Doch 1935 zwingen die Nazis Prof. Aron seine Firma an Siemens zu verkaufen. Auch in Italien verschlechtert sich die Situation der Juden dramatisch. Siemens beendet die Zusammenarbeit mit dem Juden Robert Einstein und ersetzt ihn durch einen Handelspartner der Faschisten, der dann die Aron- bzw. Nora-Radios unter dem Label „Siemens Schuckert“ vertreibt.
Robert Einstein verlässt Rom und kauft in Umbrien für seine Familie und sich das Landgut „Villa Monte Malbe“ – heute ein Ort für Ferien auf dem Bauernhof.
Die Schwägerin von Robert Einstein stirbt bei der Geburt ihrer Zwillinge Lorenza „Lori“ und Paola Mazzetti. Robert Einstein und seine Frau Nina nehmen die beiden Mädchen in ihre Familie auf. Das Landgut „Monte Malbe“ ist durch seine Größe schwer zu bewirtschaften und wirft zu wenig für die Familie ab. So kauft Robert Einstein das Landgut „Il Focardo“ in der Nähe von Rignano sull‘Arno in der Toskana und eine Wohnung in Florenz. Seine Tochter Luce studiert in Florenz Medizin, und Cici, die zweite Tochter, geht dort zur Schule. Die Nichten Lori und Paola leben mit ihren Adoptiveltern in der Villa „Il Focardo“ und verbringen fröhliche und unbeschwerte Jugendjahre auf dem Landgut. Sie treffen die Verwandten und Freunde der Eltern, spielen Klavier mit Erika Mann oder verbringen Zeit mit Maya Einstein, der Schwester von Albert.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 kehrt Albert Einstein nicht von einer Vortrags- und Lehrreise nach Deutschland zurück, sondern beginnt an der Universität in Princeton in New Jersey zu lehren. Er unterhält zu Robert regelmäßigen Briefkontakt und sorgt sich aufgrund der politischen und antisemitischen Verhältnisse um seine Familie in Italien. Durch den zunehmenden Antisemitismus beschließt Maya Einstein 1939, zu ihrem Bruder Albert nach New Jersey zu emigrieren. Sie versucht auch Robert zu überreden, mit seiner Familie in die USA auszureisen. Doch Robert fühlt sich mit seiner Frau, den Kindern und Adoptivkindern auf dem Landgut sicher und weit genug entfernt von dem nationalsozialistischen Terror. Ein entsetzlicher und tödlicher Irrtum, wie sich am 3. August 1944 herausstellen wird.


HINTERGRUND – DIE TAT UND DER ORT
Im Sommer 1944 flieht die Wehrmacht aus Italien. Auf ihrem Rückzug verwandeln die deutschen Truppen die Toskana in einen Alptraum. Im Juli 1944 beschlagnahmen die Soldaten der Wehrmacht die Villa „Il Focardo“: Deutsche Offiziere spielen mit dem Juden Robert Einstein Schach, lassen sich von seiner Frau Pasta kochen und genießen als Besatzer das italienische Landleben. Sie spielen am Flügel der Familie deutsches Liedgut, Robert Einstein singt dazu. Unweit der Villa toben bereits erbitterte Kämpfe. Die britischen Soldaten rücken unaufhaltsam vor. Die Einsteins fühlen sich in der Schein-Idylle sicher, sie spielen auf Zeit und warten auf ihre Befreiung durch die näher rückenden Alliierten.
Der Plan scheint zu funktionieren. Die Soldaten der Wehrmacht ziehen ab. Der Krieg und der Rassenwahn scheinen für Robert Einstein und seine Familie in Italien überstanden. Doch die aus der Villa abziehenden Soldaten geben Einstein wohl noch einen merkwürdigen Hinweis. Er verlässt die Villa und versteckt sich im nahe gelegenen Wald des Landguts. Seine Frau Nina lässt sich vom örtlichen Priester für sich und die Töchter Luce und Cici ihre christliche Abstammung bestätigen. Sie bleibt mit ihren Kindern sowie mit Lori und Paola, den Töchtern ihres Bruders, in der Villa „Il Focardo“. Sie fühlt sich durch ihre nicht-jüdische Abstammung sicher.
Die Gefechtsfeuer der heranrückenden britischen Armee mit der Wehrmacht sind bereits von der Villa aus zu hören. Die Freiheit scheint eine Frage von Stunden, maximal wenigen Tagen zu sein. Doch gegen die abziehenden deutschen Truppen und praktisch hinter der alliierten Linie rückt am 3. August in den Nachmittagsstunden ein Sonderkommando der deutschen Wehrmacht zur Villa „Il Focardo“ vor.
Die Soldaten suchen Robert Einstein, finden ihn aber nicht vor. Sie randalieren in der Villa und veranstalten Schießspiele auf dem Landgut. Der Kommandant der Einheit verhört Robert Einsteins Frau Nina und die Töchter Luce und Cici. Er hält ein Standgericht ab, verurteilt alle Drei zum Tode und lässt sie erschießen. Blutüberströmt liegen Nina, Luce und Cici am Boden – die Mutter noch schützend ihre Kinder in den Armen haltend. Die Nichten Lori und Paola werden im Nebenraum von einem jungen deutschen Soldaten bewacht und Zeugen der abscheulichen Morde. Der junge deutsche Soldat zittert nach der Hinrichtung am ganzen Körper und bricht in einen Weinkrampf aus. Lori und Paola stehen Todesängste aus. Doch sie kommen mit dem Leben davon, weil sie nicht den Namen Einstein tragen.
Vor ihrem Abzug verwüsten die deutschen Soldaten die Villa und hinterlassen das gefällte Todesurteil und seine kurze Begründung auf einem Stück Papier an einem Holzpfosten der Villa. Die Familie Einstein wurde der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Unterschrieben ohne Namen, nur mit „Der Kommandant“.
Den Angehörigen, Freunden und Angestellten bietet sich ein Bild des Schreckens in der Villa. Robert Einstein beerdigt seine Frau und seine Töchter auf dem Friedhof des Landguts. Ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag im August 1945, begeht Robert Einstein Selbstmord in der Villa „Il Focardo“.
Die beiden Großnichten Albert Einsteins, Lori und Paola Mazzetti, überleben als einzige der Familie Einstein die Tragödie, die sich auf dem Landgut in Rignano sull`Arno abgespielt hat. Beide leben heute in Rom und sind die einzigen Zeugen der Geschehnisse vom August 1944.


HINTERGRUND – NACH DER TRAGÖDIE
Robert Einstein hofft zunächst auf die schnelle Ergreifung der Mörder. Auch Albert Einstein bringt sich in die Ermittlungen ein und versucht, diese durch seine Beziehungen voranzutreiben. Doch Einstein ist in den USA zunehmend politisch isoliert, da er als dem Kommunismus nahestehend eingestuft wird.
In Italien führt der amerikanische Major Milton R. Wexler die Untersuchungen im Fall Einstein. Er dokumentiert alle Zeugenaussagen und führt die Verhöre. Trotz der Augenzeugenberichte, die Dienstabzeichen und Uniformen der Mörder benennen konnten, verlaufen die Ermittlungen im Sande. Wexler schreibt Einstein einen merkwürdigen Brief, der heute in der Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt wird. Darin schreibt er, dass er Einstein zwar die Hintergründe der Tat erklären könne, ihm dies aber durch die militärische Zensur nicht möglich sei.
Trotz eindeutiger Hinweise, Spuren und Indizien, die zur Überführung der Täter hätten führen können, hat sich die deutsche Justiz lange nicht für die Morde von 1944 interessiert. Nach fast 70 Jahren haben die Staatsanwaltschaft von Landau in der Pfalz sowie das LKA in Stuttgart die Ermittlungen wieder aufgenommen, in der spärlichen Hoffnung, die noch lebenden Mörder von damals anzuklagen. Mord verjährt nicht! Man wendet sich dafür sogar an die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Die Kriminalbeamten suchen auch den jungen deutschen Soldaten, der Lori und Paola Mazzetti bewacht hat und der keine Bestrafung zu befürchten hätte. Bisher ohne Erfolg.

STATEMENT DES REGISSEURS
Zwei Schwestern, deren Schicksal es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, Zeuginnen eines ungeheuren Verbrechens an ihrer Familie zu werden und nur durch Zufall und Glück zu überleben. Und weil sie nicht den Namen ihrer berühmten Familie tragen: Einstein.
Sommer 1944: Nazideutschland hat den Krieg längst verloren, zieht sich aus Norditalien zurück. Aber eine kleine SS-Einheit kehrt, wider aller militärischer Logik, um und verübt einen Racheakt an der Familie von Albert Einstein, der die Italiener aus dem Exil zum Widerstand gegen die Nazis aufgerufen hat. Was folgt, ist ein brutales, sinnloses Verbrechen, das nie gesühnt wird und dessen Folgen die beiden Schwestern ihr Leben lang begleiten werden.
Wie lebt man als Überlebende? Wie geht man mit der Gnade des Überlebens um, mit der Frage, wieso ich? Wie lebt man mit lebenslangem Verlust? Mit dem Schatten des Schreckens? Verdrängung? Verarbeitung? Vergessen? Vergebung? Aber wie vergeben, wenn man den Täter nicht kennt? Wie leben mit der Vorstellung, dass die Mörder der eigenen Familie vielleicht ein glückliches Leben führen?
Die Schrecken des Faschismus sind in weite Ferne gerückt, das kollektive Gedächtnis scheint mit den nachwachsenden Generationen langsam zu verblassen; aber das individuelle Gedächtnis verblasst nicht. Es schlummert vielleicht, ist aber jederzeit bereit aufzuwachen, wenn der Schrecken nicht verarbeitet werden kann. Und das ist schwer, wenn ein Gegenüber fehlt, wenn es keine Sühne gibt auf Seiten der Täter. Wir tragen als Gesellschaft Verantwortung für die individuellen Schrecken kollektiver Verbrechen.
Davon handelt dieser Film: dass wir nicht vergessen dürfen und dass Verdrängung nicht gleichbedeutend ist mit Aufarbeitung. Vor allem aber handelt er von der ungeheuren Kraft zweier Frauen aus der Familie Einstein, deren Leben von Verlust und Tod geprägt wurde, die sich aber nie aufgegeben haben, die sich mit Mut und Kraft ihrem Schicksal gestellt haben, bzw. dabei sind, sich ihm zu stellen. Wir begleiten sie auf dem Weg zurück in die dunkelsten Ecken ihrer Erinnerung, gehen mit ihnen zum ersten Mal zurück in das Haus, wo ihre Familie ums Leben kam und wo die Trauer endlich ihren Platz finden kann.
Lori und Paola sind zwei ungeheuer mutige Frauen, die sich im hohen Alter noch einmal ihrer Vergangenheit stellen. Dieser Film ist Zeugnis ihres Mutes und ihrer Kraft, und über die Auseinandersetzung mit dem Tod ist er ein Appell an das Leben. Wir können unserem Schicksal nicht entrinnen, aber wir können es meistern.
Formal kreist der Film um die Begehung der Villa Focardo, die die Erinnerung der beiden Protagonistinnen lebendig werden lässt. Ihre Erzählung mischt sich mit realen Bildern der Jetztzeit und inszenierten Bildern der Vergangenheit. Der Name Einstein ist das Schicksal dieser beiden Frauen, auch wenn er nicht ihr eigener ist.
Friedemann Fromm

Friedemann Fromm – Autor & Regisseur
Nach dem Abitur studiert der gebürtige Stuttgarter an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film sowie bei Krzysztof Kieslowski an der Europäischen Filmakademie in Amsterdam. In New York besucht Friedemann Fromm das Actor’s Studio und absolviert eine Schauspielausbildung bei John Costopoulos.
Als freier Regisseur und Autor lehrt er nach dem Studium als Dozent für Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, bis er sich 1994 mit dem viel beachteten bayerischen Tatort KLASSENKAMPF, für den er auch das Drehbuch schreibt, endgültig als Regisseur etabliert. Es folgen weitere Tatort-Produktionen, u.a. PERFECT MIND – IM LABYRINTH, zu dem Friedemann Fromms Bruder Christoph Fromm das Drehbuch schreibt.
Fünf Jahre später kommt Fromms Spielfilm SCHLARAFFENLAND in die Kinos. Ab 2002 konzipiert und inszeniert er weitere TV-Filme wie die preisgekrönte ZDF-Reihe UNTER VERDACHT mit Senta Berger in der Hauptrolle; die Reihe K3 – KRIPO HAMBURG gestaltet er seit 2003 neu.
Für den Fernsehfilm VOM ENDE DER EISZEIT (2006) und den Tatort AUSSER GEFECHT (2007) wird er 2007 mit dem Bayerischen Fernsehpreis in der Kategorie Regie ausgezeichnet. Ein weiterer großer Erfolg gelingt ihm 2009 mit dem Dreiteiler DIE WÖLFE, zu dem er – diesmal gemeinsam mit Christoph Fromm – das Drehbuch verfasst: Das Doku-Drama um den Alltag einer Berliner Clique von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall wird mit dem Grimme-Preis, dem internationalen Emmy Award und der Goldenen Nymphe honoriert.
Mit dem wiederum für den Grimme-Preis nominierten Fernsehformat WEISSENSEE mit Florian Lukas in einer Hauptrolle inszeniert Friedemann Fromm seit 2010 erneut ein Stück deutsch-deutsche Geschichte. Ab der zweiten Staffel, die 2013 in der ARD ausgestrahlt wird, wirkt er selbst als Drehbuchautor mit. Auch diese Miniserie um zwei Familien in Ost-Berlin wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Schauspielerpreis.
Seit 2006 widmet sich Friedemann Fromm dem künstlerischen Nachwuchs. Gemeinsam mit Stefan Krohmer leitet er den Bereich Regie an der Hamburg Media School und unterstützt seine Studenten bei der Erarbeitung neuer Stoffe und der Buchentwicklung. Zuletzt werden seine Filme SILVIA S. (ZDF) über eine Amokläuferin, sein Drama UNTER DER HAUT (ARD) und die Polit-Serie DIE STADT UND DIE MACHT (ARD) gezeigt. Das psychologisch ausgefeilte Drama MÖRDERISCHE STILLE mit Sylvie Testud, Peter Lohmeyer und Jan Josef Liefers strahlt
das ZDF im Januar 2017 aus. Für die dritte Staffel WEISSENSEE wird Friedemann Fromm als Autor und Regisseur im März 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
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Donnerstag 10.08.2017
EIN SACK VOLL MURMELN
Ab 17. August 2017 im Kino
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PARIS, 1941 . Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankreich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu auffällig, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen. Wird es ihnen gelingen, ihre Familie in Freiheit wiederzusehen?


Ein Film von CHRISTIAN DUGUAY
Nach dem Roman UN SAC DE BILLES von JOSEPH JOFFO

Die berührende Verfilmung des auf der Lebensgeschichte von Joseph Joffo basierenden Bestsellers erzählt in großen Bildern von zwei Brüdern, die auf ihrem Weg in die Freiheit allen Widerständen trotzen. Der Film besticht vor allem durch die herausragende Leistung der Schauspieler, allen voran der beiden jungen Hauptdarsteller Dorian Le Clech und Batyste Fleurial Palmieri, die sich neben renommierten Kollegen wie Patrick Bruel („Der Vorname“) und Christian Clavier („Monsieur Claude und seine Töchter“) nicht verstecken brauchen.



Regisseur Christian Duguay
Der 1957 in Montréal, Québec geborene Christian Duguay studierte an der Concordia University und machte sich zu Beginn seiner Karriere vor allem mit TV-Produktionen einen Namen. Für die TV-Serie „Der Mutter entrissen“ gewann er 1996 einen Gemini Award, 1999 und 2003 wurde er für „Jeanne D’Arc — Die Frau des Jahrtausends“ und „Hitler — Aufstieg des Bösen“ jeweils für einen Emmy nominiert. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Screamers — Tödliche Schreie“ mit Peter Weller, „The Art of War — Kennst du deine Feinde?“ mit Wesley Snipes in der Hauptrolle und der Spionagethriller „The Assignment — Der Auftrag“ mit Aidan Quinn und Donald Sutherland. 201 3 erzielte er mit dem Sportdrama „Jappeloup — Eine Legende“ einen Publikumserfolg in Frankreich, 201 5 drehte er „Sebastian und die Feuerretter“, die Fortsetzung von Nicolas Vaniers berühmten Kinderfilm.

Dorian Le Clech als JOSEPH JOFFO
Der inzwischen elfjährige Dorian Le Clech ist eine der vielversprechendsten Neuentdeckungen des französischen Films. Zuvor war der talentierte Junge aus der Bretagne nur in Kurzfilmen oder kleinen Rollen wie in „Lili Rose“ zu sehen. Regisseur Christian Duguay zeigte sich begeistert von dem jungen Naturtalent und prognostiziert ihm eine erfolgreiche Schauspielkarriere.

Patrick Bruel als ROMAN JOFFO
Der 1959 in Tlemcen, Algerien geborene Patrick Bruel ist nicht nur erfolgreicher Schauspieler, sondern vor allem in Frankreich auch als Sänger bekannt, der zahlreiche Alben veröffentlicht und unzählige Charterfolge gefeiert hat. Darüber hinaus hat er sich als professioneller Pokerspieler einen Namen gemacht. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Ein Geheimnis“ aus dem Jahre 2007 und die Tragikomödie „Der Vorname“ von 2012.

Christian Clavier als DR. ROSEN
Der französische Schauspieler Christian Clavier wurde 1952 in Paris geboren. Neben seiner darstellerischen Tätigkeit arbeitet er auch als Drehbuchautor und Regisseur. Seine Karriere begann er als Mitbegründer der Komiker-Gruppe Le Splendid. Zu Christian Claviers bekanntesten Filmen zählen „Die Besucher“, die beiden Realverfilmungen des Comics „Asterix“, in denen er die Titelrolle verkörperte, und Phillippe de Chauverons Komödienhit „Monsieur Claude und seine Töchter“.



REGISSEUR CHRISTIAN DUGUAY IM INTERVIEW

WIE BEGANN DAS ABENTEUER FÜR SIE ?
Zu Beginn hatte ich ein sehr angenehmes Treffen mit Nicolas Duval, Laurent Zeitoun und Yann Zenou von QUAD Productions. Sie wollten mich kennenlernen, weil ihnen mein Film „Jappeloup — Eine Legende“ sehr gut gefallen hatte. Alle drei sind große Filmliebhaber und mit den komplexen Vorgängen in dieser Branche sehr vertraut. Es macht mich immer sehr froh, wenn ich auf Menschen treffe, die alles im Blick haben, vom Drehbuchschreiben bis zum Dreh selbst. Als sie mich fragten, ob ich den Roman „Ein Sack voll Murmeln“ von Joseph Joffo kenne, musste ich das verneinen. Das Buch ist im französischsprachigen Teil Kanadas kaum bekannt.
Als ich es dann las, war ich vom Durchhaltevermögen, der Überzeugung und der Kraft der Brüder in diesem hoffnungsvollen Roman sehr berührt. Man erlebt eine inspirierende Geschichte aus der Sicht von Kindern und ihre Art, die Welt wahrzunehmen, bis die Realität sie einholt. Die Erzählung ist sehr stark und leider so allgemeingültig, dass man darin einfach auch die aktuelle Situation sehen muss: das Leid der Menschen, die heute auf der Flucht sind, aber auch ihre Glücksmomente.

WIE VERLIEF IHR ZUSAMMENTREFFEN MIT JOSEPH JOFFO ?
Joseph und ich haben uns vor allem über seinen Vater unterhalten. Seine Erläuterungen haben mir ein besseres Verständnis dafür gegeben, was dem Buch zugrunde liegt. Durch den Roman, der meine Bettlektüre wurde, und die mündlichen Erzählungen von Joseph Joffo erkannte ich einen Zusammenhang zwischen Joseph und einem für mich wichtigen Thema, das in jedem meiner Filme erscheint: Die Vaterfigur ist mir heilig und verkörpert tiefes Vertrauen. Im Buch hingegen wird der Vater zwar oft erwähnt, ist jedoch keine tragende Säule der Erzählung.

WIE HABEN SIE SICH DIE VERFILMUNG VORGESTELLT ?
Das Buch wurde in der ersten Person, aber 30 Jahre nach den Geschehnissen geschrieben. Im Gegensatz dazu nimmt der Film fortwährend den emotionalen Blickpunkt des kleinen Jungen ein und verzichtet auf die Distanz des Erzählers im Buch. Durch die Reise, bei der sie unglaubliche Herausforderungen meistern, werden die beiden kleinen Jungen erwachsen. Jo ist bei seiner Rückkehr nach Paris nicht mehr derselbe wie zwei Jahre zuvor.

WIE IST DAS DREHBUCH ZUSTANDEGEKOMMEN ?
Ich hatte das Buch gelesen und wollte mit dem Drehbuch ganz von vorn anfangen. Ich wusste sofort, welchen Blickwinkel ich dabei einnehmen wollte. Ich kontaktierte Benoît Guichard, einen französischen Drehbuchautor, der in Québec lebt und mit dem ich schon einige Drehbücher für meine Filme gemeinsam geschrieben habe. Ganz schnell und wie von selbst entstanden die Sequenzen des Filmes als Grundgerüst. Danach musste ein Team zusammengestellt werden.
Der Produktionsleiter Laurent Sivot stellte mir den Produktionsdesigner Franck Schwartz und die erste Regieassistentin Laure Prévost vor. Dass es den Film heute gibt, habe ich dem Zusammentreffen mit all diesen Menschen zu verdanken, die mit mir gearbeitet und auch unter Druck nie aufgegeben haben. Wir hatten das Grundgerüst des Films, Benoît war an meiner Seite, wir schrieben das Drehbuch und gleichzeitig suchten wir nach Drehorten, führten Castings durch und trafen andere Vorbereitungen. Es war ein mühsames Unterfangen. Wir mussten die wichtigsten Orte finden, die in den historischen Kontext passen und der Filmerzählung dabei treu bleiben. So ist beispielsweise die Promenade des Anglais in Nizza der Schlusspunkt der ersten Reise der beiden jungen Hauptdarsteller. Das Ende des Filmes will ich zwar nicht verraten, aber ich habe es während des Drehs geschrieben. Das war nur möglich, weil ich mitbekam, wie sich die beiden Kinder immer näherkamen. Dorian, hat aber hart daran gearbeitet, in seine Rolle zu schlüpfen. Ich schätze seine Wärme und seine aufmerksame Art sehr. Ich habe ihm gezeigt, wie eine Figur aufgebaut ist und was ein Spannungsbogen ist, ohne zu theoretisch zu werden. Ich habe ihm die Gesamtperspektive der jeweiligen Szene erklärt, um zu erreichen, dass er sich in seinen Text und in die Feinheiten des Schauspiels einfühlt.

WIE HABEN SIE BEI DEN KINDERN REGIE GEFÜHRT ?
Jeden Abend bereitete ich die Szenen des nächsten Tages vor, um die Entwicklung der Figuren herauszuarbeiten. Die Kinder mussten mir sehr viel Vertrauen schenken. Amour, die sie coachte, hat mich dabei wirklich unterstützt und immer auf meine Wünsche reagiert. Sie wollte, dass der Text nicht gespielt wirkt, sondern natürlich. Deshalb ließ sie die Kinder über ihre Rolle sprechen und den Text in jeder möglichen Richtung aufsagen, sodass er irgendwann wie von selbst kam und sie ein Gefühl dafür bekamen. Und dann sagte sie zu ihnen: „Vergesst den Text und lasst euch von eurem Gegenüber inspirieren.“ Professionelle Schauspieler konzentrieren sich oft zu sehr auf den Dialog und schenken dem anderen Schauspieler keine Beachtung. Das war bei Dorian und Batyste ganz anders.

HABEN SIE SOFORT AN PATRICK BRUEL UND ELSA ZYLBERSTEIN FÜR DIE ROLLEN DER ELTERN GEDACHT ?
Während wir das Drehbuch schrieben, wurde es offensichtlich, dass Patrick den Vater spielen sollte. Ich wartete auf den richtigen Moment, um ihm das Projekt vorzuschlagen. Er las einen ersten Entwurf des Drehbuchs und war überzeugt. Sehr schnell hatten wir ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Er war außergewöhnlich großzügig. Ich zeigte ihm die Szenen mit Dorian. Sie haben ihn sehr erschüttert. Ich glaube, er stellte sie sich mit seinem eigenen Sohn vor. Wir unterhielten uns über unsere Kinder, über das Buch, über Claude Millers Film „Ein Geheimnis“ und darüber, wie ich mir seine Rolle vorstellte. Sein Zusammentreffen mit Dorian war wunderbar. Anfangs befürchtete ich, Elsa sei zu jung für die Rolle. Als ich jedoch weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass die Frauen damals sehr jung Kinder bekamen. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass sie schon ungefähr zwanzigjährige Söhne hat. Mir war wichtig, dass sie als Mutter überzeugt, und sie hat die Rolle wunderbar verkörpert.

ES GIBT EINE GANZE REIHE WUNDERBARER NEBENROLLEN: DR. ROSEN, DEN KOLLABORIERENDEN BUCHHÄNDLER, DEN WIDERSTANDSKÄMPFER ETC.
Ich handhabe das ein bisschen so wie Claude Berri in seinen Marcel-Pagnol- Verfilmungen. Ich komme aus derselben Tradition und habe viele literarische Bilder in mir. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mich das Buch zu den Besetzungen der Nebenrollen inspiriert. Das kommt selten vor. Bernard Campan spielt den kollaborierenden Buchhändler, eine etwas farblose Figur, die jedoch eine eiskalte Rede hält, ohne dabei theatralisch zu werden. Ihn überzeugten vor allem der Roman und die Gründe, aus denen ich ihn verfilmen wollte. Christian Clavier merkte, dass er seine Rolle als Arzt auf seine eigene Art interpretieren konnte, auch wenn es nur eine kleine Rolle war und er nur zwei Tage lang bei den Dreharbeiten dabei war. Während des Drehs habe ich ihn ein wenig vor den Kopf gestoßen, damit er verstand, wie ich mit Dorian arbeiten wollte. Ich bat ihn oft darum, dem Jungen zurück in seine Rolle zu helfen. Christian Clavier spielte jedes Mal mit der gleichen Intensität und Genauigkeit. Mit Kev Adams, der den Widerstandskämpfer spielt, verbrachten wir bei den Dreharbeiten drei unvergessliche Tage. Seine lodernde Energie und sein intelligenter Humor sind bekannt. Die Szene, in der er in die Enge getrieben wird und sich opfert, ist sehr beeindruckend. Kev begriff sofort, dass ich in meinem Film einen außergewöhnlichen Ton anschlagen wollte und eine bestimmte Energie ohne zu viel Theorie suchte. Ich wollte, dass die Sequenz zum Leben erwacht. Er folgte mir und spielte auf ganz natürliche Art. So hinterlässt er eine wichtige Spur in der Geschichte.

FÜR WELCHE ART VON INSZENIERUNG ENTSCHIEDEN SIE SICH ?
Ich entschied mich für die Steadicam, um mich von den Bewegungen der Schauspieler führen zu lassen. Denn ihr Spiel entscheidet über die Bewegungen der Kamera. Sie müssen sich nicht an vorher festgelegte Bewegungen halten. Ich wollte jedoch verhindern, dass sie sich der Kamera bewusst werden. Deshalb schufen wir ein Universum, das eine sehr große Flexibilität beim Schauspiel zuließ. Die Zuständigen für Requisiten, Script und Continuity und ich mussten zuerst ohne die Schauspieler ein Gefühl für das Umfeld der Szene bekommen, ohne alles zu verraten.
Dann gaben Requisiten und kleine Details den Schauspielern die Möglichkeit, ihre Spannung auszudrücken: ein Wasserglas wird bis zum Rand befüllt, eine Hand zittert, und der deutsche Offizier tunkt sein Brot auf eine gewisse Art in sein Ei. Diese Dinge wurden nicht aus ästhetischen Gründen gewählt, sondern um die Schauspieler in die emotionale Atmosphäre der Szene eintauchen zu lassen.

UND WAS IST MIT DEM KAMERAMANN ?
Mit dem exzellenten Kameramann Christophe Graillot hatte ich schon an „Sebastian und die Feuerretter“ gearbeitet und auch wieder an diesem Film. Er weiß, dass ich intuitiv an die Kameraaufnahmen herangehe, und ihm ist bewusst, dass er schöne und kontrastreiche Bilder produzieren soll. Da meine Kamera besonders beweglich ist, muss er die Technik an die Bewegungen der Schauspieler und der Apparate anpassen, wie bei unvorhergesehenen Momenten, die direkt gefilmt werden.

MANCHMAL SIND SIE MIT IHRER KAMERA IN NÄCHSTER NÄHE DER SCHAUSPIELER.
Ja, die schlimmsten Momente des Films wollte ich im Detail zeigen. So habe ich beispielsweise die Zugszene mit einem Makro-Objektiv gefilmt, damit die Stimmung möglichst bedrückend wird und ich mich auf zwei oder drei kleine Details konzentrieren kann. Dieses Objektiv ist sehr nahe bei den Schauspielern und sorgt für eine erdrückende Perspektive.

DIE MUSIK STAMMT VON ARMAND AMAR.
Das ist mein zweiter Film mit ihm nach „Sebastian und die Feuerretter“. Er sorgte dafür, dass die Musik die Dramaturgie begleitet und dem Film neue Emotionen verleiht. Er war sehr großzügig und offen. Wir führten einen intensiven Austausch, um die musikalischen Themen zu erschaffen. Insbesondere mussten wir im Vorfeld ein Thema für Elsa Zylberstein kreieren, damit sie glaubhaft wirkt, wenn sie die Geige hält und stimmt. Sobald sie das Instrument an sich nimmt und die Kinder sie ansehen, versteht man die gesamte Vergangenheit der Familie. In dem Roman ist die Familie sehr wichtig. Jedes Mal, wenn sich die Eltern und ihre Söhne wiedertreffen, musste man fühlen, wie gut es ihnen miteinander geht. Die Musik vermittelt das. Die Szene dauert nur zehn Sekunden, aber man versteht sofort alles.
(QUelle: Verleih)
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Donnerstag 03.08.2017
DALIDA
Ab 10.August 2017 im Kino
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1933 wurde sie in Kairo geboren, 1987 starb sie einen tragischen Tod. Dazwischen lebte Dalida ein filmreifes Leben, das ihr erstes Konzert im legendären Olympia in Paris 1953 ebenso umfasste wie die Ehe mit Lucien Morisse, dem Leiter des damals neu gegründeten Privatradiosenders Europe 1, den Beginn der Disco-Ära, ihre spirituelle Entdeckungsreise nach Indien oder den weltweiten Erfolg von „Gigi l’amoroso“ 1974. Dalida war eine unkonventionelle, moderne Frau in konventionellen Zeiten, deren einzigartiges Talent und unvergleichliche Ausstrahlung bis heute nichts von ihrer Wirkung eingebüßt haben.
DALIDA, inszeniert von Lisa Azuelos („LOL – Laughing Out Loud“), zeichnet das berührende, mitreißende und tragische Porträt einer emotional komplexen und vielschichtigen Frau, die dazu geboren wurde, ein Star zu sein. Sie zählt mit über 150 Millionen verkauften Tonträgern nach wie vor zu den erfolgreichsten Sängerinnen der Welt, und als erste Sängerin überhaupt erhielt sie eine diamantene Schallplatte. Ihre größten Erfolge – „Ciao, Ciao, Bambina“, „Am Tag, als der Regen kam“, „Besame Mucho“, „Laissez-moi danser“, „Paroles, Paroles“ oder „Gigi L‘Amoroso“ – haben bis heute einen einzigartigen Wiedererkennungswert und machen sie unsterblich.
Der Film entstand nach der einzigen offiziellen Biographie „Dalida. Mon Frère, tu écriras mes mémoires“ von Catherine Rihoit und Dalidas Bruder Bruno Gigliotti, der auch unter seinem Pseudonym ORLANDO an der Drehbuchadaption mitwirkte. Dalidas Todestag, der 3. Mai 1987, jährte sich in diesem Jahr zum 30. Mal.


Regie: Lisa Azuelos
Darsteller: Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve, Nicolas Duvauchelle, Alessandro Borghi, Valentina Carli, Brenno Placido, Niels Schneider, Vittorio Hamarz Vasfi , Davide Lorino, Haydee Borelli


INTERVIEW MIT LISA AZUELOS

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, einen Film über Dalida zu drehen?
Um ganz ehrlich zu sein war ich eigentlich gar kein Fan von Dalida, bevor ich mit der Arbeit an dem Film begann. Vielmehr wurde sie mir von außen ein wenig aufgedrängt. Doch sobald ich anfing, ein wenig zu ihrem Leben zu recherchieren, empfand ich eine große Empathie für sie. Und je mehr Zeit verging, desto stärker wurde das Band zwischen mir und ihr. Dalida war viel mehr als eine Frau, die viele Rekorde brach, auch wenn sie mehr Preise gewann als jede andere französische Künstlerin, über 150 Millionen Tonträger verkaufte, über 2000 Songs aufnahm und mehr als 70 Goldene Schallplatten für sich verbuchen konnte. Sie war vor allem auch ein wirklich außergewöhnlicher Mensch. Nicht jeder Star hat eine Bestimmung. Aber sie hatte es.

Was meinen Sie damit?
Ihr Leben war gleichermaßen spektakulär wie tragisch. Wie ein Roman und mit allem, was normalerweise zu einem guten Fernsehdrama gehört. Ihr Ruhm war genauso groß wie ihre Einsamkeit. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich nicht nur die Geschichte irgendeiner Frau erzählen würde, sondern die einer Frau, die nie ihr Glück gefunden hat. Ich wollte Dalida und ihrem Andenken gerecht werden. Mir war es wichtig, dass die Zuschauer verstehen, wer sie wirklich war und ihr ihren verzweifelten letzten Akt verzeihen. Sie war ein Opfer des Pechs, denn sie war eine unglaublich moderne Frau in einer alles andere als modernen Zeit. Hätte sie 25 Jahre später gelebt, hätte sie ihr Baby unehelich zur Welt bringen können. Oder unter Bedingungen abtreiben können, die nicht zu ihrer Unfruchtbarkeit geführt hätten. Sie hätte bedenkenlos jüngere Liebhaber haben können. Und vielleicht wäre sie dann nicht so verzweifelt und unglücklich gewesen, sich das Leben zu nehmen.

Warum dauerte es so lange, bis der Film Wirklichkeit wurde?
Wahrscheinlich weil nichts wirklich einfach sein kann, wenn man es mit einer so wichtigen und komplexen Person zu tun hat. Das Projekt änderte immer wieder seine Richtung, es gab immer neue Hauptdarstellerinnen und Erzählansätze. Aber trotz allem war ich mir stets sicher, dass ich am Ende zum Ziel kommen würde. Denn 2012 sagte ein Medium zu mir: „Dalida ist glücklich darüber, dass du ihre Geschichte erzählst.“ Ich war mir da nicht so sicher, denn obwohl ich das Drehbuch geschrieben hatte, lag das Projekt damals brach. Doch sie sagte: „Du liegst falsch. In vier Jahren wird es den Film geben und du wirst ihn inszenieren.“ Ganz egal ob man an solche Dinge glaubt oder nicht: sie hatte Recht!

Anders als viele andere Biopics der letzten Zeit konzentrieren Sie sich nicht auf einen Ausschnitt, sondern erzählen Dalidas gesamtes Leben. Warum?
Weil ich glaube, dass Dalidas Kindheit und vor allem die Beziehung zu ihrem Vater vieles erklärt was ihr Verhältnis zu Männern als Erwachsene angeht. Ihr Leben und ihr Tod waren zwei Seiten der gleichen Medaille. Wenn man sie verstehen möchte, ist es unmöglich irgendwelche Abkürzungen zu nehmen. Abgesehen davon sind einfach all die unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere und ihres Liebeslebens höchst faszinierend, von den San Remo-Jahren bis zur Disco-Ära. Ich hätte mich gar nicht entscheiden können, was ich da weglasse. Selbst so bin ich eigentlich ganz schön frustriert, dass ich nicht alle Details unterbringen konnte. Denn die ursprünglich drei Stunden lange Fassung musste ich natürlich leider schneiden.

Wie war die Zusammenarbeit mit Dalidas Bruder und Produzent Orlando, der am Drehbuch mitschrieb?
Sehr, sehr gut. Seine Beteiligung war eine Art Absicherung, denn so war gewährleistet, dass wir wirklich Dalidas wahre Geschichte erzählen. Er verstand schnell, dass wir beide das gleiche Ziel hatten: nämlich Dalida weiterleben zu lassen bis in alle Ewigkeit. Orlando hatte lediglich drei Bedingungen. Er wollte das Drehbuch absegnen, die Hauptdarstellerin mitaussuchen und natürlich auch den Schauspieler, der ihn selbst verkörpern würde. Im Gegenzug garantierte er mir komplette künstlerische Freiheit. Hin und wieder hatte er Einwände, etwa wenn er fand, dass ich ein bestimmtes Detail auf keinen Fall weglassen könne. Aber er ließ mich auch immer den Boden der Realität verlassen. Vieles schrieb ich sehr intuitiv und ließ mich einfach davon leiten was ich glaubte, was Dalida womöglich empfunden haben könnte. Ich kann Orlando gar nicht genug danken für das Vertrauen, das er mir entgegen brachte.

DALIDA ist Ihr erstes Biopic. Wie machten Sie sich die Geschichte ihrer Protagonistin zu Eigen?
Zunächst begann ich damit alles zu lesen, zu hören und zu sichten, was es von ihr und über sie gibt. Mir half natürlich auch, dass ich mit ihrem Lebensstil einigermaßen vertraut war. Meine Mutter ist die Sängerin Marie Laforêt, daher habe ich eine Ahnung davon, was es hieß, eine Sängerin in den Siebziger und Achtziger Jahren zu sein. Von dem Glamour und der Etikette, dem allgegenwärtigen Konservatismus, der dauerhaften Beobachtung (allen voran von Männern, die alles für einen regelten und bestimmten). Aber eben auch von kleinen Details, wie dem, dass es eine Frau gab, deren Aufgabe es war, die Unterschrift auf Autogrammkarten zu stempeln. All diese Dinge kannte ich, deswegen bestand keine Gefahr, dass ich in dieser Hinsicht etwas falsch machen würde. Was Dalida selbst angeht, fand ich es einigermaßen seltsam, so tief in jemand anderes Leben einzutauchen. Nicht zuletzt als mir klar wurde, dass ich durch sie auch vieles von mir selbst entblößen würde. Das erste Jahr des Schreibens fiel mir richtig schwer, weil ich so viele Ähnlichkeiten zwischen uns entdeckte, gerade was das Interesse an Spiritualität oder die Beziehungen zu Männern angeht. Genau wie sie hatte ich nie Zweifel was meine Karriere angeht, aber sehr regelmäßig, was mein Privatleben angeht. Allerdings hatte ich das Glück, Kinder zu bekommen, und das ändert alles. Durch Dalida habe ich viel über mich selbst gelernt, allem voran, dass ich kein Leben ohne Kinder führen wollen würde. Das habe ich mir erst durch die Arbeit an diesem Film wirklich eingestanden.

Hatten Sie angesichts Dalidas tragischen Schicksals je die Befürchtung, der Film könne zu düster geraten?
Mir war immer klar, dass DALIDA kein Feelgood-Movie werden würde. Allerdings wusste ich natürlich auch, dass Dalidas Persönlichkeit zwei Seiten hatte. Natürlich war sie eine sehr unglückliche Person, doch wenn sie sang, dann strahlte sie. Deswegen war es mir so wichtig, ihre Geschichte anhand sowohl ihrer Männer als auch ihrer Songs zu erzählen. Aber auch jenseits ihrer Karriere hatte sie natürlich Momente großen Glücks in ihrem Leben. Ihre leidenschaftliche Aff äre mit Richard Chanfray ist im Film zum Beispiel eine sehr positive, fröhliche Passage.

Erzählen Sie ein wenig über die Suche nach der passenden Hauptdarstellerin. Stimmt es, dass Sie sich über 200 Schauspielerinnen ansahen, bevor Sie sich für Sveva Alviti entschieden?
Das stimmt. Wir begannen in Frankreich, doch dort rollten alle Schauspielerinnen das R viel zu sehr. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir bei uns kaum unterschiedliche Dialekte haben, aber es klang bei allen irgendwie zu künstlich. Deswegen entschlossen wir uns, die Suche auf Italien und den Nahen Osten auszuweiten. Als ich Svevas Video sah, hatte ich gleich ein gutes Gefühl. Als sie nach Paris kam, waren immer noch 20 Schauspielerinnen im Rennen um die Rolle. Dann sang sie „Je suis malade“ – und mich überkamen die Emotionen. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Sie war als Schauspielerin noch unerfahren und sprach kein Französisch. Aber als sie sagte: „Ich bin Dalida“, wusste ich dass sie Recht hatte.

Und die männlichen Schauspieler?
Dieser Teil der Arbeit machte natürlich besonders viel Spaß, weil Dalida nur richtig gut aussehende Männer mochte. Ich hatte das große Glück, dass ich alle meine Wunschschauspieler bekam. Und sie begeisterten mich durch die Bank. Nicht nur Nicolas Duvauchelle (Richard Chanfray) und Jean-Paul Rouve (Lucien Morisse), sondern auch die Nebendarsteller wie Niels Schneider (Jean Sobieski), Alessandro Borghi (Luigi Tenco) und Brenno Placido (Lucio). Patrick Timsit (Bruno Coquatrix) und Vincent Perez (Eddie Barclay) waren beide unglaublich lebensnah und wahrhaftig. Als dann auch noch Riccardo Scamarcio, den ich in Apulien traf, zusagte Orlando zu spielen, wusste ich, dass ich den besten männlichen Cast hatte, den ich mir vorstellen konnte.

Welche Intentionen hatten Sie mit dem Look des Films und der Farbpalette, was Kostüme, Kulissen und Beleuchtung angeht?
Visuell wollte ich nicht, dass der Film zu sehr nach dem echten Leben aussieht. Stattdessen ging es mir eher darum, ihn so gut wie möglich aussehen zu lassen. Ein bisschen so wie in der Serie „Mad Men“. Da sahen die Büros auch ein wenig eleganter aus als es in Wirklichkeit in den Sechzigern der Fall war. Aber das spielte keine Rolle, so lange es trotzdem glaubwürdig wirkt und den Zuschauern gleichzeitig die Möglichkeit zum Träumen gibt. Meine Kostümdesignerin Emmanuelle Youchnovski wusste genau, was ich im Sinn hatte und schlug vor, Dalida nicht zwingend in Kostüme jener Zeit zu stecken, sondern mit Bezug zu den jeweiligen Männern in ihrem Leben. Wenn sie zum Beispiel mit Lucien Morisse zusammen ist, sind ihre Kleider sehr elegant und ladylike. In den Szenen mit Chanfray ist ihr Look dagegen sanfter und sinnlicher.

Welchen Platz nimmt Dalida nun in ihrem Leben ein, jetzt wo der Film vollendet ist?
Einen großen, und das wird auch immer so bleiben. Seit ich mit der Arbeit an DALIDA begonnen habe, fühlte ich eine Nähe zwischen ihr und mir, daran hat sich nichts geändert. Ich verstehe ihre Suche nach dem Absoluten, ihren Hunger nach Liebe. Wahrhaftiger Liebe, nicht dem, was das Leben uns normalerweise zu bieten hat und mit dem wir uns zufrieden geben. Durch sie habe ich gelernt, mich nicht länger einfach nur von einer Beziehung mitschleifen zu lassen. Dank Dalida bin ich mir selbst die beste Freundin geworden. Ich bin überzeugt davon, dass sie und ich uns gut verstanden hätten, denn jenseits ihrer Schönheit und ihres Talents war sie auch ein liebenswerter Mensch. Dessen bin ich mir sicher. Ich bin stolz und glücklich, dass ich sie zurück ins Scheinwerferlicht holen durfte.
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Donnerstag 27.07.2017
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG
Ab 03. August 2017 im Kino
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Schweiz, 1971: Nora ist eine junge Hausfrau und Mutter, die mit ihrem Mann, den zwei Söhnen und dem missmutigen Schwiegervater in einem beschaulichen Dorf im Appenzell lebt. Hier ist wenig von den gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung zu spüren. Die Dorf- und Familienordnung gerät jedoch gehörig ins Wanken, als Nora beginnt, sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen, über dessen Einführung die Männer abstimmen sollen. Von ihren politischen Ambitionen werden auch die anderen Frauen angesteckt und proben gemeinsam den Aufstand. Beherzt kämpfen die züchtigen Dorfdamen bald nicht nur für ihre gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern auch gegen eine verstaubte Sexualmoral. Doch in der aufgeladenen Stimmung drohen Noras Familie und die ganze Gemeinschaft zu zerbrechen.

Ein Film von Petra Volpe
Mit MARIE LEUENBERGER, MAX SIMONISCHEK, RACHEL BRAUNSCHWEIG, SIBYLLE BRUNNER, MARTA ZOFFOLI, BETTINA STUCKY U.A.

Als eines der letzten europäischen Länder führte die Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen ein. In DIE GÖTTLICHE ORDNUNG reist Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe zurück in die Schweiz der 70er Jahre und lässt dort chauvinistische Vorurteile und echte Frauen-Solidarität aufeinander treffen.
Der warmherzigen und bis in die Nebenrollen überzeugend besetzten Komödie gelang in ihrem Heimatland der Schweiz ein sensationeller Kinostart, der ihn schon jetzt zu einem der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten macht!
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG wurde ausgezeichnet mit drei Schweizer Filmpreisen und dem „Prix de Soleure“ der Solothurner Filmtage. Beim Tribeca Film Festival in New York gewann der Film den Zuschauerpreis und den Nora-Ephron-Preis. Hauptdarstellerin Marie Leuenberger wurde als beste Schauspielerin in einem internationalen Film geehrt.


1971: NORA Ruckstuhl ist eine junge Hausfrau und Mutter, die mit ihrem Mann HANS und ihren beiden Söhnen LUKI und MAX in einem beschaulichen, kleinen Schweizer Dorf lebt. Hier auf dem Land spürt man wenig bis gar nichts von den großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die die 68er-Bewegung mit sich gebracht hat. Auch Noras Leben ist unberührt davon, sie ist eine stille Person, die nie aneckt und von allen gemocht wird - bis zu dem Tag, als sie anfängt, sich öffentlich und kämpferisch für das Frauenstimmrecht einzusetzen, über das die Männer am 7. Februar 1971 abstimmen sollen.
Noras Widerstand und ihr Bedürfnis, aktiv etwas für die Gleichberechtigung der Frauen zu unternehmen, erwachen, als sich ihr Mann erst sträubt und dann weigert, ihr die Erlaubnis zu geben, wieder zu arbeiten. Auch der Umstand, dass die junge Tochter ihrer Schwägerin, HANNA, weggesperrt wird, weil sie sich nicht den Konventionen entsprechend verhalten hat, spornt sie an. Nora merkt, dass es nicht reicht, im Stillen für das Stimmrecht zu sein, sondern dass es die Frauen laut und deutlich fordern müssen.
Als Nora, unterstützt von der verwitweten VRONI, der ehemaligen Bären-Wirtin, beginnt, öffentlich für das Stimmrecht zu werben, und eine Informationsveranstaltung zu dem Thema ankündigt, legt sie sich mit Frau DR. CHARLOTTE WIPF an, die ihrerseits die Vorsteherin des "Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau" und Chefin ihres Mannes ist. Nora findet unterdessen weitere Verbündete: GRAZIELLA, eine geschiedene Italienerin, die den alten Bären übernommen hat und dort eine Pizzeria eröffnet, und auch ihre Schwägerin THERESA stösst zu der Truppe. Gemeinsam bereiten sie die geplante Veranstaltung vor und reisen nach Zürich zu einer Demo und einem Workshop, bei dem sie sich mit ihren intimsten Körperregionen beschäftigen. Nora erkennt, dass ihr eheliches Sexleben nicht annähernd das ist, was es sein könnte.
Der größte Konflikt bricht in Noras Familie aus, als Hans aus dem Militär-Dienst nach Hause kommt und mitten in Noras Informationsveranstaltung platzt, bei der das halbe Dorf versammelt ist. Dort steht seine Frau am Rednerpult und setzt sich für das Frauenstimmrecht ein, während das Publikum pöbelt und sie kaum zu Wort kommen lässt. Die Veranstaltung wird zum Fiasko, zu Hause kommt es zum großen Streit, und Nora ist erfüllt mit Zweifeln über ihre Aktion, aber auch über ihre Beziehung.
Sie bekommt jedoch neuen Mut, als sich mehr und mehr Dorffrauen trauen auszusprechen, was sie wirklich denken. Schlussendlich wird entschieden, dass zum Frauenstreik aufgerufen wird, und zur Freude von Nora folgen viele Dorffrauen der Aufforderung. Dies schürt jedoch den Hass der Gegner so sehr, dass es zu einer gewaltvollen Eskalation kommt, die den Streik beendet und in deren Verlauf Nora ihre treuste Anhängerin verliert.
Nora geht geschlagen nach Hause zurück, merkt aber schnell, dass sie nicht mehr einfach so in ihr altes Leben zurückkehren kann. Als sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, beschließt sie zu tun, was ihr innerstes Bedürfnis ist, und stellt damit Hans vor eine große Entscheidung: Lässt er Nora gewähren oder verbietet er es und verliert sie?
Das Frauenstimmrecht wird am 7. Februar 1971 angenommen, und die Schweizer Frauen erhalten endlich das Stimm- und Wahlrecht; der Kampf um die volle Gleichberechtigung aber wird heute noch immer weitergeführt.



ÜBER DIE PRODUKTION

Die Anfänge des Projekts
Petra Volpe steckte in den Vorbereitungsarbeiten für ihr Kinodebüt TRAUMLAND und schrieb parallel am Drehbuch zu HEIDI, als sie gemeinsam mit den Produzenten Reto Schaerli und Lukas Hobi im September 2011 die Idee für DIE GÖTTLICHE ORDNUNG entwickelte. Die Tatsache, dass die Schweiz erst im Februar 1971 - als eine der letzten Demokratien überhaupt - den Frauen die gleichen politischen Rechte gewährte wie den Männern, ist in der Schweiz und darüber hinaus ein bekannter Fakt, aus heutiger Sicht vielleicht fast schon ein Kuriosum. Darüber einen Kinofilm zu erzählen war der Ausgangspunkt von DIE GÖTTLICHE ORDNUNG und der vierjährigen Drehbuchentwicklung. Produzent Reto Schaerli: „Petra Volpes Herausforderung als Autorin lag bei DIE GÖTTLICHE ORDNUNG darin, eine eigenständige Geschichte zu entwickeln, die sich nicht auf dem Thema Frauenstimmrecht ausruht. Der historische Aufhänger ist ein spannendes Gefäß, das man jedoch mit Inhalt füllen muss.“ Im Rahmen der Drehbucharbeit recherchierte Petra Volpe ausführlich. Sie traf und interviewte wichtige Zeitzeuginnen des Kampfs für das Frauenstimmrecht. Die renommierte Historikerin Elisabeth Joris hat das Projekt in der Entwicklung begleitet.

Team & Besetzung
Die wichtigsten künstlerischen MitarbeiterInnen von Petra Volpe waren nach TRAUMLAND wieder mit von der Partie: Judith Kaufmann (ELSER – ER HÄTTE DIE WELT VERÄNDERT, DIE FREMDE) verantwortet die Bildgestaltung. Sie ist mehrfache Gewinnerin des Deutschen Filmpreises. Szenenbildnerin Su Erdt (ALOYS, DIE WELT DER WUNDERLICHS) ließ die Schweiz der 70er Jahre wieder aufleben und Linda Harper (TRAUMLAND, CURE) gestaltete das Kostümbild.
Vor der Kamera versammelte Petra Volpe ein bis in die kleinsten Nebenrollen sorgfältig besetztes Ensemble. An der Seite von Marie Leuenberger (DIE STANDESBEAMTIN) laufen Max Simonischek (DER VERDINGBUB), Rachel Braunschweig (DIE WELT DER WUNDERLICHS), Sibylle Brunner (ROSIE), Marta Zoffoli (TO ROME WITH LOVE), Bettina Stucky (TRAUMLAND), Peter Freiburghaus (DER BESTATTER), Therese Affolter (DIE AKTE GRÜNINGER) Ella Rumpf (TIGER GIRL) und Nicholas Ofczarek (SENNENTUNTSCHI) zu schauspielerischer Hochform auf. Sofia Helin aus Schweden, die man durch die skandinavische Serie „Die Brücke“ in ganz Europa kennt, glänzt in ihrem Gastauftritt als Indra.

Die Dreharbeiten & Postproduktion
Die Gemeinde Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden diente als Hauptkulisse für die Dreharbeiten, welche zwischen dem 22. Februar und dem 1. April 2016 während 30 Drehtagen in der Schweiz durchgeführt wurden. Das Team installierte sich mehrere Wochen vor Ort und konnte die Mehrzahl der Motive in der Region drehen. Weitere Dreharbeiten fanden in Herisau, Auenstein im Kanton Aargau und Zürich statt.
Das Appenzell wurde in erster Linie aus visuellen Gründen als Drehort ausgewählt. Der Umstand, dass die beiden Appenzeller Halbkantone die letzten waren, die auf kantonaler Ebene 1989 beziehungsweise 1990 den Frauen das Stimm- und Wahlrecht gewährten, ist nicht wesentlicher Teil des Films. Aber natürlich gab es auch einen inhaltlichen Anreiz, jene Schweiz in DIE GÖTTLICHE ORDNUNG zu zeigen, die sich am längsten gegen die politische Gleichstellung der Geschlechter gewehrt hat.



INTERVIEW MIT PETRA VOLPE

DIE GÖTTLICHE ORDNUNG ist der erste Spielfilm über das Schweizer Frauenstimmrecht und dessen späte nationale Einführung 1971. Wie bist du ans Thema herangegangen?
Die Idee, über das Schweizer Frauenstimmrecht einen Film zu machen, öffnet erst mal ein sehr weites Feld. Deshalb habe ich zuerst lange recherchiert, um möglichst viele Stimmen zu hören und das Thema von den unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten. Erst danach habe ich nach und nach die Figuren entwickelt. Alle sind inspiriert von Frauen, die mir im Laufe der Recherche begegnet sind.
Es ging mir bei der Entwicklung des Drehbuchs vor allem darum, die Atmosphäre jener Zeit möglichst genau zu treffen, und nicht um historische Fakten. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die sichtbar macht, wie unfrei die Frauen damals waren, wie sehr sie wie Besitz behandelt wurden und wie groß die Widerstände auch 1971 noch waren, als die Frauen nach gleichen politischen Rechten verlangten.

Ist die Figur der NORA angelehnt an eine real existierende Person?
Die Idee für meine Hauptfigur NORA habe ich auf einem grünen Einzahlungsschein der Frauenstimmrechtsgegnerinnen im Gosteli-Archiv gefunden. Da hat eine junge Hausfrau und Mutter in schöner, sorgfältiger Handschrift geschrieben: Sie sei ja sonst nie politisch, aber dieser Aufruf der Stimmrechtsgegnerinnen würde sie jetzt doch so wütend machen, dass sie sich sogar überlege, aktiv für das Stimmrecht zu kämpfen! Das war der erste Funken für NORA, eine Frau, die aufwacht und sich zu einer politischen Person entwickelt.

Warum hast du gerade im Appenzell gedreht?
Im Drehbuch steht: „1971 in der Schweiz“ - ich habe mir den Film immer auch vom Ausland aus betrachtet vorgestellt und ich habe einen Ort gesucht, der als Metapher für die Idee der Schweiz funktionieren könnte, und da finde ich das Appenzell perfekt. Die Hügelchen mit den schönen Bauernhöfen, dahinter die spitzen Berge – das stellt man sich unter der Schweiz vor, und es ist außerdem visuell sehr reizvoll.
Mir war aber auch wichtig, nicht explizit das Appenzell hervorzuheben – denn man macht es sich zu einfach, immer wenn es um dieses Thema geht, mit dem Finger auf diesen Kanton zu zeigen – de facto hat die GANZE Schweiz zu lange gebraucht, um den Frauen das Stimmrecht zu geben. Natürlich gab es progressivere Kantone – trotzdem war der politische Wille bis 1971 nicht da, das Thema ganz oben auf die Agenda zu setzen. Im internationalen Vergleich ist das unerhört und schwer verständlich. Es hat meiner Meinung nach mit dem tiefen Konservatismus unseres Landes zu tun, der sich auch heute noch an allen Ecken und Enden zeigt. Dafür, dass die Schweiz ein so weit entwickeltes Land ist, hinkt sie bis heute, was Gleichberechtigungsfragen angeht, hinterher.

Wie hast du den visuellen Stil des Films entwickelt?
Schon drei Jahre vor Drehbeginn habe ich mich regelmäßig mit meiner Kostümbildnerin Linda Harper, meinem Maskenbildner Jean Cotter, meiner Szenenbildnerin Su Erdt und meiner Kamerafrau Judith Kaufmann getroffen. Sie alle haben sehr gründliche Recherchen durchgeführt. Wir haben nicht nur unzählige Archive, sondern auch private Fotoalben durchforstet – uns war klar, um diese Zeit wieder aufleben zu lassen, darf sie nicht stilisiert erscheinen, sondern muss so genau wie möglich sein. Die Farben, Möbel und Kostüme tragen auf den visuellen Ebenen elementar dazu bei, diese Enge zu erzählen, in der die Frauen, aber auch die Männer, gelebt haben. Beide Geschlechter sind Gefangene ihrer Rollenbilder, und das drückt sich in Ausstattung, Maske und Kostüm aus.
Auch für die Inszenierung der Figuren habe ich mir Material aus der Zeit angeschaut. Die Leute haben sich anders bewegt und anders gesprochen. Sie waren in allem viel verhaltener und langsamer. Das wollte ich berücksichtigen, aber auf eine Art und Weise, die für das heutige Publikum nicht zu schleppend wirkt. Das war eine große Herausforderung, und wir mussten viel proben, um eine gute Balance zu finden.

Welchen Stellenwert hat die Musik?
Diese Zeit des großen Umbruchs ist vor allem in der Musik spürbar. Die Musik war Ausdruck von Rebellion und Veränderung, und ich wollte unbedingt, dass Songs in dem Film vorkommen, die auch eine ikonische Bedeutung haben. Der Score wiederum sollte auf einer emotionalen Ebene NORAs große Veränderung, ihren Weg untermalen. Annette Focks und ich haben nach einer Musik gesucht, welche die Dimension von NORAs Unterfangen innerhalb ihrer Welt ernst nimmt und ihr Gewicht verleiht.

Die Widersacherin ist interessanterweise eine Frau. Wieso?
Wie bereits erwähnt sind die Figuren inspiriert durch die Recherche. Ich habe eine ganze Dissertation über die Antisuffragetten – die Stimmrechtsgegnerinnen in der Schweiz – gelesen. Aus heutiger Sicht ist es kaum nachvollziehbar, warum grade unzählige Frauen 1971 noch so verbissen gegen das Stimmrecht gekämpft haben. Es waren oft sehr gebildete Frauen, Akademikerinnen, Dorfköniginnen, die sich ganz gut eingerichtet hatten, und die vielleicht einfach nicht wollten, dass ihre Köchin auch etwas zu sagen hat. Wenn man Interviews mit ihnen anschaut, kann man von einem fast schon lustvollen Unterwerfungsgestus sprechen.
Es ist ein üblicher Mechanismus bei Menschen, die keine Macht haben – sie sagen einfach: Wir brauchen die Macht gar nicht! Dass Frauen in vorauseilendem Gehorsam vehementer gegen die Gleichberechtigung sind als die meisten Männer, ist ein Phänomen, das man auch heute noch beobachten kann. Eine Frau zu zeigen, die auf der Seite der Gegner ist, fand ich spannender, weil es eben mehr Fragen aufwirft. Der Antagonismus der Männer in der Geschichte ist außerdem eh schon gegeben, er spiegelt sich in der Mentalität der Zeit und darin, dass es wegen unserer direkten Demokratie von den männlichen Stimmbürgern abhing, ob man den Frauen nun doch endlich die vollen Bürgerrechte zugestehen würde.

Wie hast du die anderen Figuren gestaltet?
In allen Figuren und ihren Geschichten drückt sich aus, in welcher Art und Weise die Frauen in der Gesellschaft benachteiligt waren und welche Ungerechtigkeit herrschte – es ging ja nicht nur um das Stimmrecht. HANS kann NORA per Gesetz verbieten, zu arbeiten, VRONI ist abhängig von ihrer Tochter, weil ihr Mann alles verludert hat und Geld halt Männersache war. Das Ehegesetz hat die Frauen stark von den Männern abhängig gemacht und sie sozusagen zum Besitz des Ehemannes erklärt – erst 1988 wurde es nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Frau und Mann aufgebaut! In den Frauenfiguren zeigt sich, wie sich diese gesetzliche Benachteiligung auswirkt und wie sie das Leben und die Biographie der Frauen bestimmt.

Viele Schlüsselfunktionen während des Filmdrehs (Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Kostüme, Produktionsleitung usw.) waren in Frauenhänden. Absicht?
In erster Linie sind meine MitarbeiterInnen Menschen, die ich für ihre Kreativität schätze und deren Arbeit ich bewundere. Alle zeichnet aus, dass sie inhaltlich arbeiten und dass sie viel Humor haben und ein großes Herz. Ich habe männliche Mitarbeiter, die sind femininer als ich oder jede andere Frau am Set, dann habe ich Frauen am Set, das sind ganze Kerle. Das biologische Geschlecht spielt für mich keine so große Rolle. Frau sein, Mann sein, das sind Rollen, mit denen man spielen kann, die aber schlussendlich auf einer fundamental menschlichen Ebene gar nicht so wichtig sind. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass Frauen gefördert werden. In meiner Funktion als Regisseurin kann ich dazu beitragen, dass Frauen Jobs kriegen, dass man ihnen was zutraut.
Man muss sich nur die Zahlen der Statistiken anschauen und es wird evident, dass Frauen in der Berufswelt nach wie vor benachteiligt sind, und das ist auch in der Filmbranche nicht anders.

Warum gerade jetzt diese Geschichte? Ist die Zeit besonders reif dafür?
Neulich hab ich ein Bild gesehen: Eine alte Frau die ein Plakat hält: „I can´t believe I still have to protest this shit!“ Und dieses Gefühl haben viele Frauen – mich eingeschlossen! Auch heute noch werden Männer wie Frauen durch die ihnen zugeschriebenen Rollenbilder eingeschränkt. Dieser Umstand ist nachteilig für unsere Gemeinschaft auf ökonomischer, sozialer, politischer Ebene und kann in niemandes Sinne sein. Je gleichberechtigter eine Gesellschaft ist, desto besser geht es ihr – das ist ein statistischer Fakt. Man muss nicht emotional für Gleichberechtigung argumentieren – man kann sich nur die Zahlen anschauen, die sind in manchen Ländern erschütternd. Aber die Schweiz schneidet leider auch nicht besonders gut ab. In einer Erhebung des Economist – „The glass-ceiling index - The best and worst places to be a working woman“ ist die Schweiz an viertletzter Stelle.
Im Ständerat sind 85% Männer. Die Gleichberechtigung der Frauen sollte meiner Meinung nach ganz oben auf jeder politischen Agenda stehen – tut es aber nicht. Das rechte Spektrum der Politik echauffiert sich lieber über die schlechte Behandlung von Frauen in der muslimischen Welt, aber das eigene Versagen, für das es eigentlich überhaupt gar keine Entschuldigung gibt, ignoriert man.
In DIE GÖTTLICHE ORDNUNG geht es aber auch um Demokratie – auch ein hochaktuelles Thema. Abstimmen zu können ist keine Selbstverständlichkeit, die Frauen haben hart dafür gekämpft, und es ist ein hohes Gut, an das wir uns gerade in diesen wirklich schwierigen Zeiten erinnern sollten. Vielleicht müssen sich wieder einmal viele „Noras“ zusammenschliessen und den Laden aufmischen und sagen: So nicht!
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Donnerstag 20.07.2017
PARADIES
Ab 27. Juli 2017 im Kino
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Frankreich im Zweiten Weltkrieg: Die adlige Exilrussin Olga (Julia Vysotskaya), Moderedakteurin bei einer renomierten Modezeitschrift, engagiert sich heimlich für die französische Widerstandsbewegung. Die gefährliche Tätigkeit wird ihr zum Verhängnis, als deutsche Besatzer bei einer Razzia in ihrer Wohnung zwei jüdische Kinder entdecken, die sie dort versteckt hält. Im Gefängnis fällt die elegante junge Frau dem Nazi-Kollaborateur Jules auf (Philippe Duquesne), der für ihren Fall zuständig ist. Der Familienvater stellt ihr eine mildere Bestrafung in Aussicht, sollte sie seinen sexuellen Avancen nachgeben. Olga ist zu allem bereit, um ihre Freiheit wiederzuerlangen und willigt ein. Doch als Jules auf unerklärliche Weise verschwindet, wird sie umgehend in ein Konzentrationslager gebracht. Inmitten dieser Hölle auf Erden trifft sie völlig unverhofft auf ein bekanntes Gesicht: Helmut (Christian Clauß), der sich während eines weit zurückliegenden Sommers in Friedenszeiten in sie verliebte und immer noch Gefühle für sie hegt, hat es zum hochrangigen SS-Offizier gebracht. Obwohl er ein glühender Bewunderer des Führers ist und begeistert an der Verwirklichung von Hitlers Traum vom „deutschen Paradies“ mitwirkt, nimmt er die Beziehung zu Olga wieder auf – eine verbotene, hochgradig destruktive Beziehung. Die Olga aber auch, so deutet es Helmut jedenfalls an, die Möglichkeit zur Flucht eröffnet…

Mit PARADIES kommt eines der wichtigsten und ungewöhnlichsten Filmereignisse des Jahres ins Kino. Die deutsch-russische Koproduktion feierte ihre viel beachtete Weltpremiere 2016 im Wettbewerb von Venedig und gewann dort den Silbernen Löwen für die Beste Regie; außerdem erhielt der Film den „Cinema for UNICEF“-Award. Mit dem historischen Liebesdrama zeigt sich der legendäre russische Filmemacher Andrei Konchalovsky („Onkel Wanja“, „Runaway Train“, „Der innere Kreis“) von seiner unberechenbarsten und zugleich emotionalsten Seite.
In intensiven, unvergesslichen Schwarz-Weiß-Bildern beschreibt der 23. Film des 79-Jährigen eine
filmische Reise an die Grenzen der Gefühle und erzählt mit Hilfe seines bemerkenswerten
Darstellertrios aus Frankreich, Deutschland und Russland von der Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten des Krieges, wenn Zivilisation und Menschlichkeit nahezu vollständig versagen. PARADIES ist ein unglaublich kraftvoller, sehr moderner Film über den Raum zwischen der unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und den grausamen Realitäten des 20. Jahrhunderts, eine zeitlose Parabel aufs Menschsein im Holocaust, die als eine Art Vermächtnis viele der Themen aufgreift, die seit Jahrzehnten das filmische Oeuvre von Andrei Konchalovsky prägen.
Im Rahmen der deutschen Uraufführung bei den Internationalen Hofer Filmtagen im Oktober 2016
wurde PARADIES mit Preisen für das „Beste Szenenbild“ und das „Beste Kostümbild“ ausgezeichnet. PARADIES wurde außerdem in die OSCAR Shortliste für den besten fremdsprachigen Film aufgenommen.



Ein Film von Andrei Konchalovsky
Mit Julia Vysotskaya, Christian Clauß, Philippe Duquesne, Peter Kurth und Jakob Diehl


Jules tut nur seine Pflicht. Davon ist der französische Polizist überzeugt, wenn er im Auftrag der
deutschen Besatzer Verdächtige verhört, verhaftete Juden in Untersuchungshaft steckt oder gar
abtransportieren lässt. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, und als Nazi-Kollaborateur sieht er sich
eigentlich auch nicht. Wie gesagt: Pflicht ist Pflicht. Daheim bei seiner Familie ist das, was Jules
beruflich macht, weitgehend tabu. Nur manchmal flüstern er und seine Frau, wenn’s um die Arbeit und den Krieg geht, oder sie schicken den Sohn hinaus, damit er nichts mitbekommt. In seinem gemütlichen großbürgerlichen Haus führt der beleibte Franzose ansonsten ein Familienleben wie wohl die meisten Ehemänner und Väter seiner Epoche. Und ist im Büro ein gewissenhafter bis strenger, aber dennoch freundlicher Chef, der sich – Biedermann und Brandstifter zugleich – die Hände selbst nicht schmutzig macht, denn dafür hat er ja seine Leute.
Als eines Tages Olga vor ihm sitzt, wird aber schnell deutlich, dass sich unter der jovialen Schale ein äußerst korrupter Kern verbirgt. Die schöne Exilrussin, eine Aristokratin, die als Moderedakteurin bei der Zeitschrift Vogue arbeitet, ist während einer Razzia verhaftet worden. Sie soll zwei jüdische Kinder bei sich versteckt haben. So lautet jedenfalls der Vorwurf. Doch Olga streitet im Verhör alles ab, gibt sich unwissend, leugnet jede Schuld. In Wahrheit engagiert sie sich schon seit Jahren im Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Jules lässt sich von Olgas Unschuldsmiene nicht beeindrucken und zieht mit Hilfe von geschickten Fragen die Schlinge um ihren Hals immer enger zu. Sie weiß, dass ihr Gefängnis, wenn nicht Schlimmeres droht, und deshalb sieht die junge Frau irgendwann keinen anderen Ausweg mehr, als ihre Reize spielen zu lassen. Sie zieht den Saum ihres Kleides über die Knie hoch und lässt ihre Unterwäsche aufblitzen.
Jules versteht sofort, was diese anzüglichen Gesten zu bedeuten haben und geht auf Olgas indirektes Angebot ein. Man könne über alles reden, gibt er ihr zu verstehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auch über eine eventuelle Freilassung oder zumindest eine mildere Strafe. Doch bevor es zwischen der Gefangenen und dem Polizisten zu sexuellen Handlungen kommen kann, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes: Bei einem Waldspaziergang mit seinem Sohn wird Jules von Résistance-Kämpfern gestellt und an Ort und Stelle – vor den Augen des kleinen Jungen – erschossen.
Für Olga löst sich die Hoffnung auf Freiheit damit auf brutalste Weise in Luft auf. Sie wird umgehend abtransportiert und in ein Konzentrationslager gebracht. Jeder neue Tag wird von nun an nur durch einen einzigen Gedanken bestimmt: Überleben! Es sind nicht nur die kaltblütigen Nazi-Bewacher, sondern auch Kapos, die grausam auf ihren Vorteil bedacht sind, und verzweifelte Mitgefangene, die Olga das Leben zur Hölle machen. Doch sie gibt nicht auf.
Eines Tages bemerkt sie zwei kleine Jungen, die ihr bekannt vorkommen. Sie traut ihren Augen nicht, als sie erkennt, dass es sich um die jüdischen Kinder handelt, die sie einst – wie es scheint: in einem anderen Leben – versteckt hatte. Die unverhoffte Begegnung ist für Olga wie ein Lichtblick in der Düsternis. Doch wie sich schon bald herausstellt, gibt es im Lager noch einen weiteren Menschen, den Olga kennt.
Er heißt Helmut und ist ein hochrangiger SS-Offizier, der von Reichsführer Heinrich Himmler
höchstpersönlich abkommandiert worden ist, um in dem Konzentrationslager nach dem Rechten zu
sehen. Seit langem zirkulieren Gerüchte, dass sich Lagerleitung und Bewacher die Taschen vollstopfen, also weniger der nationalsozialistischen Sache dienen, als auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Ein gefundenes Fressen für den jungen Helmut, der als Schöngeist adliger Herkunft zwar klammheimlich davon träumt, auf dem elterlichen Gutshof ein geruhsames Leben mit seinen Büchern und seiner Musik zu verbringen, aber dennoch ein glühender Verehrer von Adolf Hitler ist. Und daran glaubt, dass ein jeder sein Teil dazu beitragen muss, um Hitlers großartige Vision vom „deutschen Paradies“ zu verwirklichen. Was wiederum bedeutet, dass man hart durchgreifen muss, wenn’s darauf ankommt.
Doch Helmuts Überzeugung wird auf eine harte Probe gestellt, als er bei einem Gang durchs Lager
Olga trifft. Sofort werden Erinnerungen an einen lang vergangenen Sommer in der Toskana wach.
Damals begegneten sich die beiden zum ersten Mal, verbrachten im Kreise wohlhabender Freunde in einer traumhaft schönen Villa unbeschwerte Tage voll alberner Spiele und erotisch aufgeheiztem
Müßiggang. Dabei verliebte sich der Deutsche in die Russin, die seine Schwärmerei und Zuneigung
allerdings nicht ganz ernst nahm. Immerhin war sie – eine erwachsene Frau – längst verheiratet,
während er – der Jungspund – wie ein hoffnungslos naiver Welpe wirkte. Und so hielt Olga Helmut
amüsiert auf Abstand. Obwohl sich die Vorzeichen aufs Entsetzlichste verändert haben, ist es erneut Helmut, der die Nähe zu Olga sucht. Selbst unter den furchtbaren Umständen, die ihnen der Krieg diktiert, davon ist er überzeugt, muss eine Beziehung doch möglich sein. Er holt Olga als Haushälterin zu sich in seine Dienstvilla. Damit beginnt ein ebenso gefährlicher wie hoffnungsvoller Pas de deux, von dem niemand etwas erfahren darf. Zumal Helmut Olga in Aussicht stellt, bei der nächstbesten Gelegenheit gemeinsam mit ihr in ein neues, wunderbares Leben entfliehen zu wollen…



ÜBER DIE PRODUKTION

ANDREI KONCHALOVSKY / Regisseur
„Die Menschheitsgeschichte steckt voller großer Tragödien. Die meisten von ihnen sind im kollektiven Gedächtnis verankert als Untaten, von denen wir glauben, dass sie sich in unserer heutigen Zeit keinesfalls wiederholen könnten. Der wohl tragischste Wendepunkt der jüngeren Geschichte war der Aufstieg der Nationalsozialisten und die Vernichtung von Millionen von Juden und anderen, die nicht in das Nazi-Ideal vom ‚perfekten deutschen Paradies‘ passten. Diese Gräueltaten zeigen die Tiefe der menschlichen Abgründe auf. Sie verdeutlichen, zu welch teuflischen Taten die Menschheit fähig ist.
Und obwohl all diese Dinge in der Vergangenheit geschahen, ist dieselbe Art der Radikalisierung und des Hasses heute wieder deutlich spürbar. Sie bedroht die Sicherheit und das Leben unzähliger
Menschen in aller Welt. ‚Paradies‘ spiegelt ein 20. Jahrhundert mit all seinen großartigen Visionen, die unter Schutt und Asche begraben wurden, die Gefahren von hasserfüllter Rhetorik und die Erkenntnis, dass die Menschheit die Macht der Liebe braucht, um über das Böse zu obsiegen. Was geschehen ist, ist eine Warnung. Es darf niemals vergessen werden. Es war damals möglich, dass diese Dinge geschehen, und es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass so etwas wieder passiert. Einzig das Wissen um die Vergangenheit kann eine Wiederholung verhindern, und hierin liegt die Gefahr: In der Verdrängung, der Sehnsucht nach Vergessen und der Ungläubigkeit, dass so etwas wirklich passieren konnte…‘ Diese Worte des deutschen Philosophen Karl Jaspers nehmen das zentrale Thema von ‚Paradies‘ auf: Sie fordern uns auf, die Tatsachen der Geschichte niemals aus dem Blick zu verlieren, und seien sie noch so entsetzlich oder unbequem. Nur so können wir aus ihnen lernen.“

DREHBUCH
Das Drehbuch zum Film entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit, innerhalb weniger Monate, obwohl eine sehr gründliche Zusammenarbeit mit Geschichtssachverständigen notwendig war. Die Experten verhalfen zu einem fundierten Einblick in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der französischen Besatzung und Widerstandsbewegung, der Nazi-Ideologie und der Struktur des deutschen Militär-Apparats sowie dem Alltagsleben in den Konzentrationslagen und deren Organisation. Darüber hinaus arbeitete das Produktionsteam mit Büchern der Zeitgeschichte, Archivmaterial und einzigartigem Fotomaterial aus privaten Archiven.

EKATERINA VESHEVA / Cutterin
„Andrei Konchalovsky wollte eine Form der Authentizität herstellen, die einer Dokumentation nahe
kommt.“ Bereits zu Beginn der Produktion wurde entschieden, dass in drei Sprachen gedreht werden sollte – Russisch, Deutsch und Französisch. Andrei Konchalovskys Idee war es, die Schauspieler in ihrer jeweiligen Muttersprache spielen zu lassen, um eine größtmögliche Glaubwürdigkeit herzustellen und die Monologe wie eine Beichte klingen zu lassen. Auf diese Weise sollte der Film dokumentarischen Charakter erhalten.



ANDREI KONCHALOVSKY:
„Der Film wurde in schwarz-weiß und in verhaltener Atmosphäre gedreht, um die dokumentarisch anmutenden, bekenntnisartigen Monologe der Hauptcharaktere noch zu verstärken. Ich wollte beim Publikum den Eindruck hervorrufen, dass es Archivmaterial anschaut, das bearbeitet wurde, um eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Der Fokus liegt dabei nicht auf
Melodramatik, sondern auf der Beobachtung von Leben und Tod und dem drohenden Untergang von falschen Idealen. Die Filmcrew stand vor der Herausforderung, diesen Anspruch in eine glaubwürdige, materialisierte Welt zu übertragen.“

EKATERINA VESHEVA:
„Während der Vorbereitungen arbeiteten wir uns durch mehrere hundert Stunden an Filmmaterial aus russischen, deutschen, französischen und amerikanischen Archiven. Meine Aufgabe bestand darin, die Sequenzen herauszufiltern, die für den Regisseur bei seiner Arbeit von Nutzen sein können. Ich erinnere mich an eine Szene, die mich sehr beeindruckt hat. In einem polnischen Dorf werden die Juden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, und die einheimischen Nazi-Kollaborateure verfrachten sie auf die Lastwagen. Aus irgendeinem Grund wird eine der Frauen
wieder zurückgerufen, und sie ist hin- und hergerissen zwischen ihren Verwandten auf der Ladefläche und dem Offizier, der ihr die Freiheit geschenkt hat. Sie läuft zu ihrer Familie, dann zurück zum Offizier, immer wieder. Und plötzlich küsst sie dem deutschen Offizier die Hand… Wir haben diese Szene nicht mit dem Regisseur besprochen, bis ich irgendwann am Set saß und eine Sequenz am Monitor verfolgte. Ich bekam Gänsehaut, denn ich erkannte die Szene sofort wieder. Es war keine Kopie des Originals, und das Szenenbild war anders, aber die Gefühle dieser Frau, ihr Horror und ihre Panik wurden unmissverständlich und unglaublich kraftvoll übertragen. Obwohl ich diese Episode im Laufe der Bearbeitung viele Male gesehen habe, löst sie noch immer starke Gefühle in mir aus.“
(Quelle: Verleih)
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 13.07.2017
DER ORNITHOLOGE
Ab 13. Juli 2017 im Kino
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Auf der Suche nach einer seltenen Storchenart ist der Ornithologe Fernando  mit seinem Kajak auf einem Fluss im Norden Portugals unterwegs. Über sein Handy hält er Kontakt zu seinem Partner Sérgio, doch die Gegend ist so abgelegen, dass die Verbindung immer wieder abbricht. Überwältigt von der  Schönheit der Natur, gerät Fernando in eine Stromschnelle, kentert und verliert das Bewusstsein. Als er wieder erwacht, haben ihn zwei chinesische  Pilgerinnen aus dem Wasser gezogen, die ganz eigene, bizarre Pläne mit ihm  haben. Fernando muss sich vor seinen Helferinnen retten und alleine durch  den dichten Wald kämpfen, vorbei an mysteriösen Hindernissen und erotischen Begegnungen. Der Weg führt ihn an seine körperlichen und geistigen  Grenzen. Wie durch ein Wunder wird er am Ende ein anderer Mann sein.


Ein Film von João Pedro Rodrigue
Mit aul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Han Wen, Chan Suan, Juliane Elting


João Pedro Rodrigues, der seit seinem kühnen Debütfilm O FANTASMA (2000) zu den wichtigsten Regisseuren Portugals und den aufregendsten Auteurs des queeren Kinos zählt, hat mehrfach betont, dass DER ORNITHOLOGE sein bislang persönlichster Film ist. Fernandos Odyssee durch eine betörend surreale Dschungelwelt ist zugleich eine zeitgemäße und höchst intime Interpretation  der Legende des Heiligen Antonius, dem portugiesischen Landesheiligen. Ein  Film wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum, der sexuelle  und spirituelle Grenzen auflöst und die Hauptfigur an das Ende einer Suche  führt, die schon lange vor der Kajakfahrt begonnen hat. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde DER ORNITHOLOGE als Meisterwerk gefeiert und Rodrigues mit den Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet.




JOÃO PEDRO RODRIGUES ÜBER SEINEN FILM
Der Heilige Antonius ist als Figur in der portugiesischen Kultur  und Gesellschaft allgegenwärtig. Während er auf der ganzen Welt  zu den berühmtesten christlichen Heiligen gehört, hat die Aura  des Franziskaners und Theologen in Portugal einen besonderen  Einfluss. Dies liegt sicher zum einen daran, dass er aus Lissabon  stammt, wo er zwischen 1191 und 1195 geboren wurde und auf den Namen Fernando getauft wurde. Aber vielleicht auch daran, dass sein Leben eines der Reise zu Wasser und zu Land war – wie das vieler berühmter Landsleute.
Wie viele andere Portugiesen weiß ich, dass Fernandos Boot bei seiner Rückkehr von einer Mission in Marokko von einer stürmischen See erfasst und an die Küste von Sizilien getrieben wurde. Von dort machte er sich auf zu seiner legendären Reise bis nach Padua, wo er im Jahr 1231 starb – der Name der Stadt  wurde später seinem Heiligennamen beigefügt. Wie jeder andere Portugiese weiß ich genau, zu welchen Anlässen wir ihn feiern, warum wir ihn anbeten, wofür er steht. Ich erkenne ihn in Kirchen und Kunstwerken. Ja ich spüre seine Präsenz in mir selbst.
Für uns Portugiesen ist der Heilige Antonius jemand, mit dem  wir uns austauschen, mit dem wir über uns selbst nachdenken,  dessen Leben und Geschichte wir uns immer wieder zuwenden –  aus reiner Neugier, aus große Sympathie, mitunter auch aus Gräuel. Ich wollte herausfinden, wie der Heilige Antonius in mir existiert. Und ich begann diese Suche sehr offen, ohne großen Sinn für Genauigkeit. Ich wusste, dass der Heilige Antonius die Fähigkeit hatte, alle Sprachen der Welt zu verstehen; dass er einmal einen toten jungen Mann mit einem einzigen magischen Atemzug neues Leben eingehaucht hat; dass er das Jesuskind in  seinen Armen hielt – eine Umarmung, die er gerne geheim gehalten hätte. Ich wusste um seine Begeisterung für Natur und Tiere; dass er seine aristokratischen Wurzeln und seinen Reichtum hinter sich gelassen hatte für nichts weiter als die einfachsten, zum Überleben notwendigen Dinge, sein Wissen, seine Weisheit. Ich wusste, dass die Franziskaner sich seiner annahmen, als sein Schiff in Süditalien strandete. Dieses Bild vom verlorenen Schiff, das das Schicksal seines Passagiers bestimmte, sollte der Ausgangspunkt für meine eigene Geschichte sein.
Auch meine Hauptfigur heißt Fernando, ehe sie zu Antonius getauft wird; das Boot, das von seinem eigentlichen Kurs abweicht;  Fernandos  Fähigkeit,  verschiedene  Sprachen  zu beherrschen. Abgesehen von diesen von Beginn an feststehenden Gemeinsamkeiten, ließ ich  meiner Fantasie im Prozess des Drehbuchschreibens  freien  Lauf. Die Franziskaner aus der Legende wurden zu chinesischen Mädchen, die von ihrer eigenen Pilgerreise nach Santiago de Compostela verlaufen haben und Fernando als eine beruhigende, ja heilsame Präsenz erleben. Aus der Umarmung des Jesuskindes wird bei mir eine lustvolle, blasphemische Geste. Auch mein Fernando erweckt einen bereits  Totgeglaubten  mit  einem  einzigen  Atemzug  zu  neuem Leben, den jungen Tomé. In der Legenden spricht der Heilige Antonius mit Fischen; in meiner Adaption hat Fernando ein sehr spezielles Verhältnis zu Vögeln.
Ich muss gestehen, dass Fernando, dieser zukünftige Antonius, im Laufe des Arbeitsprozesses immer mehr auch mit meiner persönlichen Geschichte verschmolz. Immerhin lebt er seit langer Zeit in mir – also erwiderte ich den Gefallen und verpflanzte mich ihm bzw. seinem filmischen Wiedergänger ein. Fernando befindet sich in einem Zustand des Übergangs, seine Identität ist im Wandel begriffen (wie die Identitäten der meisten meiner Figuren). Vielleicht bekommt dieses Thema eine neue Bedeutung, wenn wir kurz davor sind, 50 zu werden  –  und  über die Leben nachdenken, das wir nicht gelebt haben.
Ich habe Fernando zum Ornithologen gemacht, weil  mir selbst Beobachtungen in der Natur und Wanderungen sehr vertraut sind. Lange bevor ich anfing, Film zu studieren, habe ich Biologie studiert und mich dabei vor allem auf Tiere spezialisiert. Und natürlich gibt es zwischen Vogelkunde und Film gewisse Gemeinsamkeiten: um Vögel zu beobachten, muss man durch Ferngläser schauen – um Filme zu drehen durch die Apparatur der Filmkamera. Beobachtungen machen ist eine der Grundlagen jeden Filmemachens. Das Wunder eines Uhus, der über einen Nachthimmel fliegt, die Anmut eines emporsteigenden Schwarzstorchs; das plötzliche Auftauchen der Greifvögel: Der Blick durch ein Fernglas verwandelt die Vögel in den Momenten der Beobachtung zu übernatürlichen Erscheinungen, so als wären es kinematografische Vignetten mit dem Zauber von Stummfilmen –  faszinierende, aber auch beunruhigende Gestalten  wie Kreaturen aus einer anderen Welt. Sie sind die Zeugen von Fernandos Geschichte, ähnlich wie die Tiere am Ufer des Flusses in „Die Nacht des Jägers“ (1955). Sie sind real, aber nehmen nach und nach auch eine magische Bedeutung an. Während sich die Geschichte allmählich entwickelt, wird der Wald immer mehr von verschiedenen Wesen bevölkert. Jedes davon repräsentiert eine andere Episode in der Reise von Fernando/Antonius.
Auch wenn meine Geschichte in der Gegenwart spielt, verwischt sie schon bald alle Spuren von Zeit und Wirklichkeit um die Form einer Legende zu erlangen. Wie im Leben des Heiligen finden sich in meinem Film der symbolische Tod, Auferstehung und Märtyrerrum. Der Wald, ein Ausdruck des kollektiven Unterbewusstseins, ist eine imaginäres Anderswo, in dem sich katholische und heidnische Traditionen, Glaube und Aberglaube treffen. Es ist ein Raum, der nicht so weit von den spirituellen Widersprüchen entfernt ist, in denen wir alle leben. Tatsächlich ist eines der faszinierenden Merkmale der Ehrerbietung, die Antonius zu Teil wird, dass Religion und Heidentum in ihr so organisch miteinander verschmelzen, dass es schwer zu sagen ist, welches Element sich aus welchem speist. Dieses Merkmal reflektiert auf sehr präzise Weise die Natur des Films: das Wesen des Heiligen Antonius und seiner Existenz in mir.
Ich habe lange das Leben des Heiligen Antonius studiert. Den mit ihm verbundenen Mythos und die  Folklore habe ich bereits in meinem Kurzfilm „Manhã de Santo António“ (2011) heraufbeschworen. Je mehr ich über ihn lernte, desto größer wurde sein Mysterium. Ich wollte mit dieser Figur spielen, an seinem Furnier kratzen und seine spezielle Schönheit zurückbringen. Während der Diktatur von Salazar wurde er als Symbol für Ehe und Familie etabliert, und diese vollkommen erfundene Repräsentation wirkt noch bis heute nach. Der Kult um den Heiligen und die großen Feierlichkeiten am 13. Juni, seinem Todestag, sind noch immer bestimmt vom Symbolismus dieser Zeit. Mein Film ist eine bewusst transgressive und blasphemische Wieder-Aneignung des Heiligen Antonius  –  seines Lebens und Wirkens. Obwohl ich einige Passagen seiner berühmten Predigt aus dem Jahr 1222 und ein paar wahre Episoden aus seinem Leben verwende, hat meine Imagination nach und nach das Schreiben des Films bestimmt.
Es ist der Geist des Heiligen, der Leben in den Film haucht und Fernando zu seiner neuen Identität finden lässt. Die Auseinandersetzung mit Spiritualität, die ich mit meinem Film „To Die Like a Man“ begonnen und in der Reise in meinem Film „The Last Time I Saw Macao“ fortgesetzt habe, hat mich unweigerlich zu diesem neuen Film geführt.
„Der Ornithologe“ taucht tief ein in diese Betrachtungen, die die Form einer Initiationsreise und einer nach Innen gerichteten Suche annehmen. Eine zentrale Beziehung nimmt dennoch erst Form an, als Fernando tief ins Unbekannte eindringt: Es ist die Verbindung mit dem jungen Schäfer Jesus, der stirbt und in der Figur Tomé wiedergeboren wird. In einigen christlichen Überlieferungen gilt der Apostel Thomas als  Zwillingsbruder von Jesus.
Die körperliche Beziehung zwischen Fernando und Jesus ist so unerwartet wie der darauf folgende Mord des einen am anderen. Fernando tötet sein Begehren um es in der Inkarnation Tomés wiederzufinden. Beide Figuren sind im Wandel begriffen. Sie lösen sich von ihren ersten Identitäten um in zweite zu schlüpfen. Vielleicht sind sie noch die gleichen, vielleicht auch Zwillinge voneinander. Am Ende ist da jedenfalls ein Paar, womöglich eine Liebe,  eine Verbindung zwischen Herr  und  Schüler,  zwischen  Liebhabern und Reisegefährten. Der Film könnte auch interpretiert werden als eine Abfolge der verschiedenen symbolischen Stadien ihrer Liebesgeschichte. Homosexueller Sex spiegelt das Heilige, spiegelt das Glück: eine amüsante und notwendige Blasphemie im Angesicht der tragischen und unwahrscheinlichen Existenz,  die  mich  gerührt  und inspiriert hat. Lasst sie einander lieben!



DER HEILIGE ANTONIUS
Antonius von Padua war ein portugiesischer Theologe, Franziskaner-Priester und Prediger, der heute als Heiliger und als einer der 36 Kirchenlehrer der römisch-katholischen Kirche gilt. Zwischen 1191 und 1195 als Fernando Martins de Bulhões und Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie in Lissabon geboren, trat er schon mit 15 dem katholischen Augustiner-Orden bei. Er studierte in Lissabon und Coimbra und empfing die Priesterweihe. 1220 trat er zu den Franziskanern über und nahm den Namen des spätantiken Wüstenvaters Antonius Eremita an, des Patrons der Kirche, an der die Franziskaner-Gemeinschaft in Coimbra tätig war.
Nach dem Vorbild der 1220 in Marrakesch hingerichteten Märtyrer des Franziskaner-Ordens zog Antonius als Missionar nach Marokko, um ebenfalls das Martyrium zu finden. Wegen einer Krankheit musste er Afrika aber kurz darauf schon wieder verlassen. Auf dem Rückweg nach Portugal zwang ein gewaltiger Sturm ein Schiff zur Kursänderung und  Strandung an der Küste Siziliens. Eine Zeitlang lebte er als Einsiedler bei Assisi. 1221 nahm er am Generalkapitel der Franziskaner teil, wo er den Ordensgründer Franz von Assisi kennenlernte. 1222 wurde er in Forli darum gebeten, einen verhinderten Priester bei einer Predigt zu ersetzen. Die Predigt wurde zu einem ersten mitreißenden Zeugnis seiner Redekunst und Gelehrtheit. Franz von Assisi schickte ihn daraufhin auf Predigtreisen durch ganz Italien und Frankreich. Etwa ein Jahr lang hielt sich Antonius an der Universität Bologna auf, wo er als Lektor der Theologie tätig war, bevor er 1225 nach Südfrankreich zog, um auch dort zu predigen. Wohl um das Jahr 1227 kehrte er nach Oberitalien zurück, wo er als Ordensoberer, Studienleiter und Bußprediger wirkte. Schon zu Lebzeiten galt er als bedeutendster Prediger seiner Zeit.
Von seinen zahlreichen Aufgaben und Reisen erschöpft, zog er sich 1230 von seinen Ämtern zurück. 1231 unternahm er noch einmal eine Predigtreise nach Padua und verbrachte die letzten Wochen seines Lebens in der Einsiedelei Camposanpiero. Er starb am 13. Juni 1231 auf dem Rückweg in das nahe gelegene Padua.Der Kult um den Heiligen Antonius wurde vor allem im 15. und 16. Jahrhundert immer größer. Er gilt heute als Landesheiliger Portugals und als Heiligen der Seefahrer. Antonius soll die Fähigkeit gehabt haben, alle Sprachen der Welt zu verstehen und mit Fischern zu sprechen. Zudem soll ihm eines Nachts das Christuskind in seinen Armen erschienen sein. Zu den ihm zugeordneten Symbolen gehören die Kutte der Franziskaner, das Christuskind, der Maulesel, das Buch, der Fisch, das flammende Herz und die Lilie. In fast allen Kirchen Portugals finden sich Statuen oder Abbildungen des Heiligen Antonius. Oft sieht man ihn dabei bei Predigten vor Menschenmassen oder Fischen, im Gespräch mit Franz von Assisi, bei der Heilung von Kranken oder bei der Erscheinung der Jungfrau Maria und des Jesuskindes. Seine Kutte wird stets von einem Gürtel zusammengehalten, der mit drei Knoten versehen ist, die die drei Grundtugenden der Franziskaner repräsentieren: Demut, Armut und Keuschheit.
(Quelle: Verleih)
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