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Klassiker des Jazz neu aufgelegt (1): Charles Mingus & Thelonious Monk

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Jo Strauss „Der blinde Fleck“

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Pianoforte 8: Brad Mehldau / Makiko Hirabayashi / Martial Solal

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OHRENGLÜCK 41: Lead Belly Project & Django Extended

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Pianoforte 7: Christoph Stiefel / Roman Rofalski Trio / Tigran Hamasyan

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Julia Biel „Julia Biel“

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Montag 09.04.2018
Klassiker des Jazz neu aufgelegt (1): Charles Mingus & Thelonious Monk
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Sie beide, Charles Mingus und Thelonious Monk, haben im Jazz musikalische Maßstäbe gesetzt, die bis heute ihre Gültigkeit behalten haben. Sie waren es, neben einer Handvoll Gleichgesinnter, die die Weichen in die Zukunft dieser Musik neu gestellt haben. Dabei war ihr jeweiliges Leben angefüllt mit Missverständnissen, (rassistischen) Erniedrigungen, vielen tragischen Momenten und finanziellen Misserfolgen.
Der eine, Bassist Mingus, war zudem für sein aufbrausendes Temperament berüchtigt. Seine Musik musste nach seinen Vorstellungen aus dem Stegreif möglichst explodieren und es soll schon vorgekommen sein, dass er seine Solisten körperlich bedrohte, um sie künstlerisch zu fordern.
Pianist Monk hielt sich aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes immer wieder in Sanatorien auf. Er wirkte, trotz seines kantigen wie genialen Klavierstils, bei Konzerten mental häufig abwesend. Oft stand er während des Sets einfach auf, tanzte um sein Instrument herum, führte Selbstgespräche, schien zu halluzinieren. Der Übergang zwischen Genie und Wahnsinn schien bei beiden nur ein schmaler Grad zu sein.  

Als Charles Mingus im Januar 1956 ins Studio ging, um für die große Plattenfirma AtlanticPithecantropus Erectus“ einzuspielen, war dies eine Art Wendepunkt in seiner bisherigen Karriere. Denn hier zeigte er zum ersten Mal sein ganzes kompositorisches Können, bzw. seine Herangehensweise, ein Stück nicht vollständig zu notieren, sondern seinen Mitmusikern eine Art abgesprochenes „Gerüst“ anzubieten. Sie sollten ihre eigene, ganz individuelle Spielweise in die Interpretation einfließen lassen, so dass die jeweilige Komposition von ganz unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen „getragen“ wird. Dadurch änderte sich bei wiederholten Einspielungen und Konzerten entsprechend der Besetzung die Atmosphäre eines Stückes enorm. Somit spielt neben der Kompositionstechnik auch das Arrangement und die Handhabung der Gruppendynamik innerhalb des kollektiven Improvisationsprozess eine zentrale Rolle.
Entsprechend akribisch suchte Mingus sich seine Solisten aus. In diesem Fall sind es der Altsaxophonist Jackie McLean und der Tenorsaxophonist J.R. Monterose. Besonders McLean hatte Mingus ins Herz geschlossen. Sein schneidendes, aggressiv wirkendes Spiel, seine Risikobereitschaft lagen ganz im Sinne des Leaders. Dieser drängte McLean auf „Pithecanthropus Erectus“ dann zu extremen Tonhöhen, die diese Einspielung regelrecht charakterisieren. Mit dem Pianisten Mal Waldron und Schlagzeuger Willie Jones hatte der Bassist zudem ein sturmerprobtes Rhythmusgespann, das die Räume für Improvisationen schuf, zwischenzeitlich selbst die Kontakte untereinander auflöste, um sie anschließend wieder zu verdichten und damit der Musik einen sehr freien Impuls gab.
Bei der knapp elfminütigen Titelkomposition „Pithecanthropus Erectus“, handelt es sich um ein „Tongedicht über Aufstieg und Fall des Menschen“, also die Entwicklungsstufen des Menschseins, dem seine Überheblichkeit (als das Ergebnis des aufrechten Ganges) zum Verhängnis wird.

Sechs Jahre später, im November 1962, ging Thelonious Monk mit seinem Quartett erstmals für Columbia ins Studio. Was heißt schon Studio. Es handelte sich um eine säkularisierte Kirche in der New Yorker Third Avenue, in der aufgrund der außergewöhnlichen Akustik einige bedeutende Musikaufnahmen entstanden. Monk hatte zuvor schon für Blue Note, Prestige und Riverside aufgenommen, spielte in der Band von Miles Davis, John Coltrane und Sonny Rollins und galt als Enfant Terrible der Szene. Trotz allem dauerte es eine relativ lange Zeit, bis das Genialische seines Klavierstils und seiner Kompositionstechnik erkannt wurde. Monk ist im engen Sinn kein Virtuose. Seine Kunst liegt in der Reduzierung, in der Andeutung, in seinen harten Akkordstrukturen, die in Asymetrie wie aus der Zeit gefallen scheinen. Er schuf „ … eine neue, faszinierende musikalische Raum- und Zeitdialektik“, wie ihn der Kritiker Andre Hodeir analysierte.
Zu seinem Quartett von 1962 gehörte der Saxophonist Charlie Rouse, Bassist John Ore und Schlagzeuger Frankie Dunlop. Keiner seiner Mitmusiker wird hier allein von seinem Ego geleitet. Sie folgen auf "Monk`s Dream" dem Pianisten und seinen seinen Ideen, unterstützen ihn rhythmisch fließend, oder nehmen seine Themen mit großer Empathie auf und entwickeln sie in seinem Sinne weiter.
Wie wichtig die Jazzgeschichte ganz allgemein für Monk war, zeigen seine Verweise auf den Dixieland-Dauerbrenner „Sweet Georgia Brown“ (in der Komposition „Bright Mississippi“) oder in dem Boogie-Verweis im Intro der Komposition „Bolivar Blues“. Ja selbst Hits wie „Just A Gigolo“ nimmt sich der Pianist vor und macht daraus – natürlich, einen typischen Monk.
Er wurde, nicht zuletzt dank seines neuen Plattenlabels, zu einer Art Superstar im Jazz. Seine Kompositionen wurden gespielt, seine Alben wurden gekauft, er führte die damaligen Polls als bester Pianist an. Als er 1972 urplötzlich mit Spielen aufhörte, geriet er fast in Vergessenheit – bis zu seinem Tod zehn Jahre später. Dieser wurde zum Anlass, Thelonious Monk neu zu entdecken. Seine zeitlosen Kompositionen, allen voran „Round Midnight“, „Ruby My Dear“, „Well You Needn`t“ aber auch das hier vorliegende „Monk`s Dream“, füllten damals die Alben angesagter Instrumentalisten und Newcomer des Jazz. Bis heute hat sich daran nichts geändert.
Jörg Konrad
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Dienstag 03.04.2018
Jo Strauss „Der blinde Fleck“
Musikalisch ist Österreich immer wieder für eine Entdeckung gut. Aber muss denn Jo Strauss überhaupt noch entdeckt werden? Immerhin hat er schon vor dreieinhalb Jahren den Kabarettpreis „Das Scharfrichterbeil“ erhalten. Und diese Auszeichnung wird bekanntlich in Passau verliehen und ist so etwas wie die Eintrittskarte in den (zumindest deutschen) Kabarett-Olymp. 
Aber der Österreicher ist auch auf seinem neuen Album „Der blinde Fleck“ weit mehr als einer dieser ewig in den offenen Wunden der Gesellschaft wühlenden und misanthropisch nörgelnden Kleinkunst-Vertreter, die für eine Pointe zum Verräter werden. Strauss hingegen ist ein begnadeter Musiker, ist Komponist und Lebensphilosoph. Ein Künstler, der den Nerv der Zeit, die liebevollen Macken des Individuums, die absurd-komische Besserwisserei ganzer Landstriche ins Zentrum seiner Lieder stellt. Und die wollen so gar nicht in die saturierte Selbstzufriedenheit mancher Lästermäuler heutiger Prägung passen.
Strauss begleitet die allenthalben anzutreffende Weltuntergangsstimmung musikalisch. Er spielt ihr ein Ständchen, versteht sich in diesem Szenario aber eher als distanzierter Beobachter, der mit Humor, Weisheit und einem Schuss Sarkasmus auch die privatesten Hiobsbotschaften kommentiert. So sind bei ihm neben bitterbösen, provokanten Folk-Monologen auch zum Heulen schöne Balladen zu hören, die er in österreichischer Mundart raunzt (keine Angst, Text liegt bei). Bei ihm sind die Niederlagen des Lebens in den besten Händen. Ein lebendiger Gegenentwurf zu allen Philistern und Spießbürgern. Endlich ein morbider Heiliger, über den der Falter schrieb: „Tom Waits trifft Helmut Qualtinger trifft Ludwig Hirsch“.
Jörg Konrad

Jo Strauss ist übermorgen, am 5. April zu Gast im Münchner Vereinheim in der Occamstr. 8.
Beginn des Konzerts: 19.30 Uhr

Jo Strauss
„Der blinde Fleck“
Donnerwetter Musik
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Donnerstag 29.03.2018
Pianoforte 8: Brad Mehldau / Makiko Hirabayashi / Martial Solal
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Jazz ist grenzenlos. Er macht weder vor geographischen Barrieren halt, noch ist er vor stilistischen Übergriffen, egal welcher Strömung, sicher. Aber genau diese Art der gelebten, oder sagen wir besser gespielten Toleranz, ist einer der Gründe, die für seine Lebendigkeit steht. Die drei folgenden Alben legen hierfür Zeugnis ab. 
Da wäre zum Beispiel Brad Mehldau. 1993 veröffentlichte der Amerikaner seine ersten Aufnahmen unter eigenem Namen und wurde schon damals als pianistisches Jahrhunderttalent gehandelt. Seitdem hat er über dreißig Alben eingespielt und füllt mit Leichtigkeit auf seinen weltweiten Tourneen die klassischen Kulturtempel aller Kontinente. Mal im Trio, mal im Quartett, natürlich als Solist oder auch in Begleitung der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Unablässig versucht Mehldau die Trennungslinien zwischen Komposition und Improvisation neu zu vermessen, hebt sie gänzlich auf, oder wirkt erneuernd bzw. inspirierend auf die eine oder andere Spielweise ein. Doch selten so konsequent, wie jetzt auf „After Bach“. Zum einen interpretiert er hier meisterlich vier Präludien und eine Fuge aus "Das Wohltemperierte Klavier" von Johann Sebastian Bach. Er nimmt sich diesen originalen Kompositionen in einer Mehldau typischen Weise an, setzt neben aller Strenge der Vorlagen auf das spielerische Element in seiner Auslegung. Er wirkt im Umgang mit dem Material schlafwandlerisch sicher und doch ist das Abenteuer der Herausforderung in seinem „längeren Atem“ bei der Umsetzung der Bachschen Motive zu spüren. Hinzu kommen einige Mehldau-Kompositionen, in denen er sich auf Bach bezieht. Es sind verspielte Romantismen, denen ein leichter Brückenschlag zum großen Bill Evans eigen ist und mit einer intellektuellen Einfärbung, die  mehr durch Emotionen, als durch Technik besticht. Er renoviert, wenn man so will, Johann Sebastian Bach von innen und von außen. Mit feinen Schattierungen und tänzerischer Eleganz.

Makiko Hirabayashi ist in Japan geboren, hat in den USA Musik studiert und lebt seit nunmehr fast drei Jahrzehnten in Kopenhagen. Vom Fernen Osten in den Hohen Norden – zumindest von uns Mitteleuropäern aus gesehen. Natürlich kommt auch sie von der Klassik, hat sich aber um die Jahrtausendwende endgültig für den modernen Jazz entschieden. Sie gründete in Dänemark ihr bis heute bestehendes Trio mit Bassist Klavs Hovman und dessen Ehefrau und Schlagwerkerin Marilyn Mazur. Alle drei Instrumentalisten beeindrucken seitdem durch ein Höchstmaß an Sensibilität und Empathie. Sie verbindet die gleiche Leidenschaft für Musik und sie lassen so allen Eindrücken,  denen sie auf ihren Reisen und Engagements begegneten, freien Lauf. Die Spannung auf „Where The Sea Breaks“ liegt in den vielen kleinen Nuancen, die die Musiker ständig austauschen. Durchdacht sind die kleinen, aber ausdrucksstarken Ideen, die letztendlich in einer destillierten Sehnsucht enden. Das hier ist aber kein Kammertrio, sondern ein im Grunde radikal-demokratischer Verbund, der von der stillen Interaktion der Kulturen lebt. Als Gast haben sich die Drei für einige Aufnahmen den Trompeter und Flügelhornspieler Jakob Buchanan ins Studio geholt. So bekommt die Musik noch eine zusätzliche Klangfarbe, erhalten die jeweiligen Themen eine strahlendere, klarere Stimme. Ohne das dabei die Introvertiertheit der Ästhetik verloren ginge.

Einer der ganz großen europäischen Klavierspieler im Jazz ist Martial Solal. Der Franzose hat im Laufe seines langen Lebens, er konnte im letzten Jahr seinen 90. Geburtstag begehen, in allen nur erdenklichen Besetzungen gespielt. Kein geringerer als Duke Ellington lobte ihn anlässlich seines US-Debüts 1963 in Newport für „Einfühlungsvermögen, Fantasie und eine erstaunliche Technik“. Trotzdem ist sein Markenzeichen bis heute ein feines, sympathisches Understatement, das er in seiner Karriere, trotz hoher Spielkultur, nie ganz abgelegt hat. Um so erfreulicher, dass ihm eine Folge der Reihe „Europen Jazz Legens“ des Jazzlabels Intuition gewidmet ist. „My One And Only Love“ wurde im November des letzten Jahres in Gütersloh aufgenommen. Über siebzig Minuten Martial Solal pur enthält das Album. Es ist eine Reise durch die Geschichte des Jazz geworden, angereichert mit wunderbar interpretierten Standards, mit einer Komposition von Solal selbst, einer Interpretation des 3. Satzes der Sonate Nr. 11 A-Dur KV 331 von Wolfgang Amadeus Mozart, auch als „Türkischen Marsch“ bekannt, und dem Kanon-Klassiker alter Kinderstube „Frére Jacques“, hier „Sir Jack“ genannt. Der aus Algier stammende Pianist weiß um die Kunst des Weglassens, um die Jazz-Weisheit des selbstbewussten Andeutens. Diese Souveränität paart er mit der verschachtelten Intelligenz eines Schachspielers. Er weiß mit „Hacken und Ösen“ umzugehen, sie pianistisch zu platzieren, er weiß, wie man improvisatorische Geradlinigkeit abkürzt, oder am Instrument Funken schlägt. Für ihn ist es alles andere als ein Problem, aus Kindermelodien groteske Irrfahrten werden zu lassen. Das Klavier ist seine angestammte Heimat, sein Jungbrunnen, in den er auf „My One And Only Love“ fintenreich eintaucht, um sich und sein Publikum zu beglücken.
Jörg Konrad

Brad Mehldau „After Bach“ (Nonesuch)
Makiko Hirabayashi Trio „Where The Sea Breaks“ (Yellowbird)
Martial Solal „My One And Only Love“ (Intuition)
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Mittwoch 21.03.2018
OHRENGLÜCK 41: Lead Belly Project & Django Extended
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Lead Belly („Bleibauch“), der eigentlich Huddie Ledbetter hieß, war einer der legendären Pioniere des amerikanischen Blues. Mehr als 170 Songs hat er aufgenommen, wobei er sich meistens auf der 12-saitigen Gitarre selbst begleitete. Unzählige Musiker in Blues, Jazz, Rock, Folk und Pop haben Lead Bellys elementare Songs seit ihrer Jugend im Ohr. Der amerikanische Jazzschlagzeuger Adam Nussbaum geht mit seinem „Lead Belly Project“ nun sozusagen auf die Suche nach seinen eigenen musikalischen Wurzeln: „Lead Belly war einer der ersten Künstler, die ich als Kind viel gehört habe.“ Die alten Bluessongs erklingen bei Nussbaum aber im Jazzquartett-Format ohne Sänger. Lead Bellys 12-saitige „mutiert“ dabei gewissermaßen zu zwei elektrischen Jazzgitarren, seine Gesangsstimme „verwandelt“ sich in das Saxofon von Ohad Talmor. Diese Band hat den Blues, aber auch die Freiheit des aktuellen Jazz. Sie improvisiert raffiniert zurückhaltend, groovt ganz fundamental und greift doch weit hinaus ins Reich der Fantasie. Mancher Chorus klingt da, als wären 100 Jahre Blues- und Jazzgeschichte in zwölf Takte gepackt. Unter den elf Stücken sind übrigens einige von Lead Bellys bekanntesten wie „Black Betty“, „Green Corn“, „Bring Me A Little Water, Sylvie“ und „Goodnight Irene“.

Ebenfalls ein wichtiger Pionier der Jazzgeschichte war der Gitarrist Django Reinhardt. Aus der europäischen Roma- und Sinti-Tradition kommend, emanzipierte er die Jazzgitarre und begründete den „Gypsy Swing“. Mit dem Projekt „Django Extended“ erfährt nun auch die Musik von Reinhardt eine ganz erstaunliche Wandlung ins Aktuelle. Vier junge französische Jazzmusiker haben einige seiner Stücke neu arrangiert und in teils traditionelle, teils moderne und teils sogar neutönerische Bigbandklänge übersetzt. Ihr Ensemble nennen sie The Amazing Keystone Big Band – es ist ein vollwertiges 17-köpfiges Jazzorchester. Reinhardts seelenvolle Melodien münden hier schon mal in ein freches Trompetensolo oder in riskante Akkordschichtungen. Das hat etwas erfrischend Visionäres, etwas Multi-Dimensionales und Futuristisches – nicht nur in der programmatischen Nummer „Rythme Futur“. Auf den vertrauten Django-Sound muss man dennoch nicht verzichten, dafür sorgen illustre Gäste wie Stochelo Rosenberg (Gitarre) oder der jüngst verstorbene Didier Lockwood (Violine). Zu den Reinhardt-Klassikern des Albums gehören „Nuages“, „Manoir De Mes Rêves“, „Tears“ und „Minor Swing“.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

"The Lead Belly Project"
Adam Nussbaum (Schlagzeug), Steve Cardenas (Gitarre), Nate Radley (Gitarre), Ohad Talmor (Saxofon)
Sunnyside

"Django Extended"
The Amazing Keystone Big Band feat. Didier Lockwood (Violine), Stochelo Rosenberg (Gitarre), Thomas Dutronc (Gitarre) u.a.
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Donnerstag 15.03.2018
Pianoforte 7: Christoph Stiefel / Roman Rofalski Trio / Tigran Hamasyan
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Die Sofienberg-Kirche im Osloer Viertel Grünerlokka scheint eine besondere Anziehungskraft auf Pianisten auszuüben. In ihr steht ein über 100-jähriger Steinway Flügel, der schon vor eineinhalb Jahrzehnten einen norwegischen Klavierspieler zu Aufnahmen anlockte. Nun fühlt sich Christoph Stiefel von diesem Ort magisch angezogen. So sehr, dass er hier im Sommer letzten Jahres die Idee eines neuen Solo-Albums umsetzte. Es ist, wie er selbst sagt, die anregende Stimmung in der Kirche und der fantastische Klang des Instruments, die ihn besonders inspirieren. Wer Christoph Stiefel als einen sowohl strukturierten, als auch tiefsinnigen Musiker aus der Vergangenheit schätzt, der wird auch von dieser Aufnahme nicht enttäuscht werden. In „Sofienberg Spirits“, deren Teile I bis VII sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen, findet der Schweizer auf der Grundlage einer kunstvollen, zwischen Romantik und Serialität angelegten Improvisation, zu einem berührenden Ausdruck. Feine, manchmal versponnen wirkende Monologe, bescheiden aber selbstbewusst umgesetzt. Der Rest des Albums sind eher zupackende, intensiv mitreißende Studien, die ganz in Stiefels Tradition des isorhythmischen Konzepts stehen. Hierbei handelt es sich um rhythmische Verschiebungen und Überlagerungen, die der Musik eine groovende Komplexität geben und das Klavier zu einem lustvoll ertastenden Klangkörper stilisieren. „Sofienberg Spirits“ - ein nuanciertes und vitales Musik-Abenteuer.
Pianist Roman Rofalski folgt hingegen einem völlig anderem Konzept. Er versucht auf „Sonar“ all jene Einflüsse zu bündeln, die ihm in seiner (noch jungen) musikalischen Laufbahn begegnet sind. Das geschieht weniger auf Grundlage der freien Improvisation, als vielmehr in einer strukturierten und griffigen Spielweise. Seine Kompositionen atmen hörbar Einflüsse von Schostakowitsch (einem Favoriten des heutigen Lehrbeauftragten für Klavier an der Hochschule für Musik in Rostock), von Beethoven und den Foo Fighters, von Herbie Hancock und von elektronischer Tanzmusik. Hier hat die Musik eine strengere Form. Sie glänzt durch gewaltige Akkorde und verspielte Schattierungen. Sie ist vom Aufbau her herausfordernder, expressionistischer, und was die Ideen betrifft - unvorhersehbarer. Zwischendurch aber auch wieder eingängiger und vertrauter. Mit seinen Partnern Johannes Felscher am Bass und Schlagzeuger Ruben Steijn hat er zudem zwei großartige musikalische Begleiter, die die Ideen Rofalskis unterstützen und mit rhythmischen Finessen ausfüllen als auch inspirierent wirken. „Sonar“ - eine radikale Abstrahierung des Zeitgeists.
Tigran Hamasyans neues, zehntes Album hingegen ist das kürzeste der heutigen Pianoforte-Reihe. Aber was sagt das schon aus? Richtig: Gar nichts. Eine knappe halbe Stunde nimmt sich der albanische Pianist Zeit, für die Interpretation von fünf Solo-Stücken auf „For Gyumri“. Eine knappe halbe Stunde, in der er seine visionäre musikalische Welt nicht nur anreißt, sondern ein beeindruckendes Statement seiner manchmal unfassbaren Virtuosität gibt. Grenzen scheint es für den heute wieder in Jerewan lebenden Tigran innerhalb seiner Musik nicht zu geben. In seinem Spiel kommt alles zusammen, Orient und Okzident, abstrakte Improvisationen und strenge Formalismen, Rock und Klassik, pianistisches Feingefühl und wuchtige Grooves. Er bearbeitet sein Instrument mit wieselflinken Fingern, singt und pfeift, schlägt Hacken und ist fasziniert vom musikalischen Widerspruch. Seine Melodien sind filigran verschlungene Ornamente, deren verschwenderische Vitalität beeindruckt und die zugleich den Atem aufwühlender Melancholie verströmt. Und das alles mit gerade einmal dreißig Jahren!
„For Gyumri“ - das Bekenntnis eines pianistischen Weltenbummlers.

Jörg Konrad

Christoph Stiefel „Sofienberg Spirits“ (nWog)
Roman Rofalski Trio „Sonar“ (Berthold)
Tigran Hamasyan „For Gyumri“ (Nonesuch)
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Sonntag 04.03.2018
Julia Biel „Julia Biel“
Ihr neues Album ist ihr bisher bestes. Die in London als Tochter eines Südafrikaners und einer Deutschen geborene Julia Biel interpretiert ihre Songs voller Wärme und Zuversicht. Sie nutzt die Spiritualität des Gospel, die Daseinsfreude des Soul und die Trauer des Blues, und sie singt mit dieser verhangenen kehligen Qualität, die von einer gewissen Distanziertheit direkt in die Vertrautheit führt. Kein Pathos, kein Imitat. Es ist vokale Kunst, auf dem Gipfel der Authentizität. Und doch wirkt ihr Gesang zugleich bescheiden, fast unverschämt privat. „Mich hat an Musikern wie Nina Simon, Miles Davis und Billie Holiday besonders fasziniert, dass sie in der Lage waren, ihre starke Persönlichkeit künstlerisch zum Ausdruck zu bringen und zugleich in ihrer Musik es auch immer verstanden, die eigene Verletzlichkeit furchtlos zu thematisieren.“
Auch Julia Biel bringt Stolz und Verletzlichkeit zum Ausdruck, ein überwältigendes Universum tiefer Gefühle.
In ihrer Herangehensweise findet die Londonerin die Balance zwischen einem jazzaffinen Gestern und einem zeitgenössischen Heute. Man spürt dramaturgische Brüche und melodische Herausforderungen. Nur so entstehen zeitlose Popsongs mit eminentem Einfluss. Balladen mit Tiefenwirkung. Vorgetragen in einer beängstigenden Souveränität. „Ich liebe Jazzharmonien, aber ebenso das Format des Popsongs“, bekennt die Londonerin. Auch wenn heutzutage monatlich eine beinahe unüberschaubare Zahl an Alben erscheinen, deren Protagonistinnen genau diesen Spagat versuchen, bleiben nur ganz wenige von ihnen aufgrund ihrer stimmlichen und inhaltlichen Brillanz in Erinnerung.
Sicher, ohne Lebenserfahrung lässt sich eine derartige Wirkung nicht erzielen, wie wir seit Lady Day und Amy Winehouse wissen. Es ist eine verinnerlichte Musikalität, gepaart mit trotziger Leidenschaft und individueller Kreativität, die diese Vokalkunst möglich macht. Von all dem besitzt Julia Biel reichlich. Das bestgehütete Geheimnis des Pop – das endlich gelüftet wird.
Jörg Konrad


Julia Biel
„Julia Biel“
Rokit
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.