Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Norbert Scheuer „Winterbienen“

1

Sebastiao Salgado „Gold“

2

Miron Bialoszewski „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“

3

Ernest Hemingway „Die große Hörspiel-Edition“

4

Elizabeth Strout „Alles ist möglich“

5

Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“

6

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Dienstag 08.10.2019
Norbert Scheuer „Winterbienen“
In den letzten Jahren ist ein kleines Insekt zu einem großen Symbol geworden, zu einem Symbol für die Sorge um den Erhalt unseres gefährdeten Planeten und die Liebe zum Leben: die Biene. Auch in die Literatur hat das Bienenvolk Einzug gehalten. In dem wunderbaren, vielschichtigen Roman „Winterbienen“ von Norbert Scheuer, der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 ausgewählt wurde, sind Bienen Zentrum und Ruhepol des Geschehens.
Norbert Scheuer schreibt hier seine Eifelromane fort, in denen die Familie Arimond in vielfältiger Weise eine Rolle spielt. In „Winterbienen“ hält Egidius Arimond im Tagebuch die Zeit von Januar 1944 bis Mai 1945 fest. Aus seiner Innenperspektive erlebt man das letzte Kriegsjahr in der Provinz, in Kall, einem kleinen Städtchen in der Eifel. Arimonds komplizierte Lebensbedingungen werden in einer einfachen, klaren Sprache berichtet und nie dramatisch ausgeleuchtet. Er ist Epileptiker, und die Krankheit macht ihn zum Einzelgänger und Außenseiter. Arimond ist ein gebildeter, belesener Mann. Doch seine Stelle als Gymnasiallehrer musste er aufgeben, und er widmet sich nun seinen Studien, seinen Frauengeschichten und vor allem der Bienenzucht, durch die er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Den Nazis gilt er als Volksschädling. Er wurde zwangssterilisiert, und nur seinem Bruder, einem hochdekorierten Kampfflieger, hat er es zu verdanken, dass er nicht dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm zum Opfer fällt. Um seine teuren Antiepileptika zu finanzieren, schmuggelt er für eine anonyme Organisation Juden zur nahen belgischen Grenze. In präparierten Bienenkörben versteckt er die Flüchtlinge, und die Bienenvölker, die er auf den Transport mitnimmt, bewahren sie vor der Entdeckung. Die dezente Erzählhaltung Scheuers zeigt sich auch darin, dass er seinen Protagonisten nicht zum Helden und Widerstandskämpfer erhöht. Arimonds Gründe für die Rettung von Juden sind vor allem pragmatischer Natur. Und doch schimmern immer wieder seine ablehnende Haltung gegenüber den Nazis und sein Mitgefühl mit den verfolgten Menschen durch.
Norbert Scheuer arbeitet in „Winterbienen“ mit Motiven, die ein starkes Geflecht aus Parallelen und Gegensätzen bilden. Die epileptischen Anfälle, von denen Arimond zunehmend heimgesucht wird, entsprechen in ihrer Wucht den feindlichen Fliegerangriffen. Der sinnlosen, lebensfeindlichen Zerstörungswut der Nazis stellt Scheuer den wohlgeordneten Bienenstaat gegenüber, in dem die Bienen in komplexen Systemen miteinander kooperieren, um ihr Überleben zu sichern.
Scheuer macht Arimonds Liebe zu den Bienen auch in der Sprache sichtbar. Die genaue Beschreibung ihrer Aufzucht und Pflege im Zeitlauf des Jahres hebt sich vom meist lapidaren Ton des Tagebuchs durch poetische Schilderungen ab: „Tagsüber summen Bienen auf eine andere Weise als in der Nacht, und im Sommer anders als im Winter; ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird.“ Im Gegensatz zum Chaos um ihn herum und in seinem Kopf bedeutet für Arimond die Welt der Bienen eine Welt der Stille und der Ordnung, und sie bietet Trost und Schutz.
Die Liebe zu den Bienen teilt Arimond mit einem Vorfahren, dem Benediktinermönch Ambrosius, der der erste Bienenzüchter seiner Familie war, und auf dessen Aufzeichnungen er in der Bibliothek stößt. Dieser Ambrosius hat im Roman Ende des 15. Jahrhunderts auf einer abenteuerlichen Reise das Herz des humanistischen Philosophen Nikolaus von Kues über die Alpen nach Deutschland gebracht. Durch die farbige Parallelerzählung, die Norbert Scheuer in sein Buch einflicht, tut sich ein weiterer Gegensatz zur Ideologie der Nazis auf: die Gedankenwelt des Humanismus, in der es um Toleranz und die Gleichwertigkeit alles Lebendigen geht.
Während Arimond Anfang des Jahres 1944 noch relativ unbehelligt seinen Beschäftigungen nachgehen kann, wird seine Lage im Laufe der Zeit zunehmend prekär. Sein Verhältnis mit der Frau eines hohen Parteifunktionärs bringt ihn in Gefahr. Der Krieg wird immer zerstörerischer, zahlreiche Bombenangriffe der Alliierten treffen nun auch Kall. Es wird immer schwerer für Arimond, Medikamente zu besorgen, seine epileptischen Anfälle werden häufiger. In seinem Tagebuch schreibt er zunehmend gegen seinen geistigen Verfall an. Norbert Scheuer spiegelt die Auflösung der Welt in den letzten Kriegsmonaten in Arimonds Sprache. Zusammenhanglose Satzfetzen wie aus angsterfüllten Fieberträumen entsprechen dem äußeren Inferno.
Doch als Arimond nach langer Krankheit, nach dem Ende des Krieges, wieder zu Bewusstsein kommt, sieht er eine Winterbiene an der Fensterscheibe krabbeln.
Lilly Munzinger, Gauting

Norbert Scheuer
„Winterbienen“
C.H.Beck 2019
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 22.09.2019
Sebastiao Salgado „Gold“
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Sebastiao Salgado ist Fotoreporter und Umweltaktivist. Vom WWF (World Wide Fund For Nature) wurde er einmal gefragt, wie man denn vom Fotografen zum Umweltschützer werde. Darauf antwortete der Brasilianer: „Ich wurde bei meiner Arbeit, insbesondere in Afrika, mit unfassbarem Leid und Gewalt konfrontiert. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, wurde krank und zog mich ganz von der Fotografie zurück, zumindest für eine Weile. In dieser Zeit vermachten mir meine Eltern, die schon sehr alt waren, die Farm unserer Familie. Zuerst dachte ich, ich würde jetzt Bauer, doch das Land war völlig degradiert und zerstört. Da kam meine Frau Lélia auf die wunderbare Idee, den Wald, der hier mal stand, wieder anzupflanzen. Mit Hilfe von sehr klugen Forstwirten und der Unterstützung der Menschen vor Ort starteten wir unser Projekt. Ich glaube, unter all den Dingen, die ich und meine Frau in unserem Leben geleistet haben, war es das Größte und Wichtigste, diesen Wald wiederzubeleben. Wir pflanzten mehr als 2,5 Millionen Bäume!“
Dazu sollte man wissen, dass Saldago, der im Oktober dieses Jahres mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, mit seinen Arbeiten als Fotojournalist schon zuvor und auch danach an vielen Brennpunkten dieser Erde für Aufsehen sorgte. So zum Beispiel mit einer Serie von Bildern aus der weltgrößten Freiluftmine, in der unter unmenschlichen Bedingungen rund 50.000 Goldgräber bis zu vollkommenen Erschöpfung schufteten. Diese Arbeiten sind jetzt in dem beeindruckenden Band „Gold“ im TASCHEN Verlag erschienen.
„Als ich zum ersten Mal nach Serra Pelada kam, war ich sprachlos. Vor mir sah ich ein riesiges Loch mit einem Durchmesser von vielleicht 200 Metern und fast genauso tief“, schreibt Salgado in der Einleitung zu diesem „Goldfieber am Amazonas“. Und weiter: „In ihm ein Gewimmel von mehreren zehntausend Männern, kaum bekleidet.“
Diese entstellten, surreal wirkenden Szenarien, die sich Salgado geboten haben, hat er meisterhaft in schwarz-weiß-Aufnahmen dokumentiert. Die Bilder sehen aus, als wären sie Teil aus Peter Jacksons Trilogie „Herr der Ringe“, aufgenommen in den dunklen Bergwerken Isengarts. Die Gier nach Gold scheint auch Jahrzehnte nach dem Klondike-Goldrausch sämtliche Grenzen, Vorbehalte und moralische Handlungsmuster des Menschseins mitleidlos auszuhebeln.
Saldago wollte schon im Jahr 1980 die Mine fotografieren, erhielt aber vom brasilianischen Militär, das bis 1985 die Macht im Land diktatorisch ausübte, keine Genehmigung hierfür. Erst 1986 wurde ihm von der Kooperative der Goldsucher die Erlaubnis erteilt. Auf den Bildern sind die einzelnen, ca. 2 x 3 Meter kleinen Parzellen zu sehen, die ein einzelner Besitzer mit dem Schürfrecht ersteigert hat. Er stellt wiederum etliche Tagelöhner ein, die aus allen sozialen Schichten der brasilianischen Gesellschaft stammen. Diese tragen dann die Claims ab, in dem sie die Erde in Säcke zu ungefähr 40 Kilo füllen, die dann allein durch Menschenkraft aus der Grube befördert werden.
„Serra Pelade ist heute wieder ein arme Region“, schreibt Saldago in seinem Vorwort weiter. „Geblieben ist eine Landschaft voller Narben und ein riesiger, 200 Meter tiefer See.“
Dieser erschütternde Bildband beinhaltet ein Essay des britischer Autor und Journalisten Alan Riding, der speziell die Wirkung der schwarz-weiß-Ästhetik von Salgados Bildern beleuchtet. „Wie die Bilder der vergangenen Meister haben Saldagos Schwarz-Weiß-Fotografien eine Unmittelbarkeit, die wir als absolut zeitgenössisch erleben.“
Jörg Konrad


Sebastiao Salgado
„Gold“
Taschen
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 03.09.2019
Miron Bialoszewski „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“
Polen war das erste Land, dem Deutschland am 1. September 1939 den Krieg erklärte. Fünf Jahre später regte sich der als Warschauer Aufstand bekannt gewordene erste große bewaffnete Widerstand. 63 Tage kämpfte speziell in den Stadtteilen Wola und Ochota die einheimische Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer. Schätzungsweise 200 000 Menschen wurden auf seiten der Polen bei den Auseinandersetzungen umgebracht. Dabei sollte der Aufstand kurz und handstreichartig verlaufen. Denn Deutschland schien angeschlagen. Im Osten rückte aufgrund der Sommeroffensive die sowjetische Armee vor, im Westen verzeichneten die Alliierten Landgewinne. Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) wollte die Herrschaft über das eigene Land wiedererlangen und sich zudem vor den herannahenden Sowjets schützen, die zuvor durch den Hitler-Stalin-Pakt Polen aufgeteilt und hier ebenso bestialischen Terror verbreitet hatte. Die AK wollte verhindern, dass die Hauptstadt, das Wahrzeichen Polens, sowohl von den abziehenden Deutschen, als auch von den Russen zerstört wird.
Miron Bialoszewski war Zeitzeuge dieses Geschehens. Geboren 1922 in Warschau erlebte er den Kampf gegen die Besetzer seiner Heimatstadt hautnah. Nach der Niederschlagung des Aufstandes verbrachte er viele Monate in deutschen Gefangenenlagern, konnte fliehen und kehrte nach Polen zurück. Nach 1945 arbeitete er als Lokalreporter für verschiedene Warschauer Zeitungen.
Seine Erlebnisse im Widerstand schildert Bialoszewski in dem 1970 erstmals erschienenen, nun in neuer deutscher Übersetzung vorliegenden Buch „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“. Es ist ein schonungsloses, literarisch außerordentlich packendes Dokument, das den Freiheitsdrang der Menschen beeindruckend und erschütternd vermittelt. Bialoszewski gelingt es aufgrund seines zeitlichen Abstandes zu den Geschehnissen überzeugend eine Verbindung zwischen der minutiösen Darstellung der Geschehnisse, sowie der emotionalen Wucht und der nationalen Bedeutung dieses Kampfes zu schaffen. Dabei schreibt er in einem bemerkenswert distanzierten Ton, versucht sich in der Rolle des Chronisten, den jedoch auch namentlich benannte Einzelschicksale tief berühren.
Der Rhythmus des Textes wechselt. Mal verweilt Bialoszewski in seinen Beschreibungen an einzelnen Stellen länger, dann hetzt er wieder flüchtend durch die Straßen, begegnet dem Schrecken, um im folgenden über das Wetter zu schwadronieren. Diese Ungewöhnlichkeit im berichten, diese Wechselhaftigkeit in der (auch poetischen) Schilderung von Geschehnissen und Emotionen zeigt die außergewöhnlich existenzielle Situation, in der sich eine ganze Stadtbevölkerung befunden hat.
Die Übersetzerin Esther Kinsky spricht in einem Nachwort von den Schwierigkeiten, die ein solcher Text in der Übertragung aufwirft. Schwierigkeiten, mit denen auch der Autor selbst sich auseinanderzusetzen hatte. Wie schafft man eine glaubwürdige Verbindung zwischen Erinnerungsarbeit, Tatsachen und Wahrheit. Oder: „Wie kann sich die Sprache dem Erinnerten annähern? Wie lässt sich Authentizität finden, wie vermitteln? Welche Sprache – im Sinne von Idiom – eignet sich hierfür?“ Bialoszewski  schafft es, in dem bei ihm „die Erinnerung selbst die Handelnde ist und der Schreibende ihr Vollstrecker“. Ein beklemmendes, ein wichtiges, ein großes Buch.
Jörg Konrad
 
 Miron Bialoszewski
„Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“
Suhrkamp
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 27.08.2019
Ernest Hemingway „Die große Hörspiel-Edition“
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Er war Nobelpreisträger und Großwildjäger, Kriegsberichterstatter und Alkoholiker, vier Mal verheiratet und er sympathisierte öffentlich mit dem Kommunismus Fidel Castros. Zwanzig Jahre lebte Ernest Hemingway auf Kuba und schrieb hier seine besten Romane. Seinen knappen, klaren, packenden Schreibstil, der ihn berühmt werden ließ und der bis heute ungezählte Autoren beeinflußt, hatte er als junger Reporter beim Kansas City Star erlernt. Im Juli dieses Jahres wäre der Autor 120 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist bei DAV eine aus acht CDs bestehende Hörspieledition erschienen.
Es handelt sich um öffentlich-rechtliche Produktionen, die zwischen 1948 und 1977 entstanden sind und bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit und ihrer Aktualität verloren haben. In dem 1948 nach dem gleichnamigen Roman entstandenen Hörspiel „Wem die Stunde schlägt“ nutzt Hemingway seine Erfahrungen, die er persönlich im Spanischen Bürgerkrieg, im Kampf gegen die faschistische Junta von General Franco gesammelt hat. Doch Hemingway thematisiert in diesem Antikriegsstück nicht nur die Grausamkeiten der Franco Clique, sondern beschreibt zugleich auch die Verbrechen der kommunistischen Rebellen.
Ob es politische Überzeugungen sind, die Hemingways Leben bestimmen, ist fraglich. Als er sich zum Ende des 1. Weltkriegs als Freiwilliger zum Sanitätskorps meldet, dürfte wohl weniger Patriotismus seine Entscheidung beeinflusst haben, als vielmehr eine gewisse Abenteuerlust. Doch er verarbeitet seine Kriegserlebnisse in Norditalien einige Jahre später in dem Roman „In einem anderen Land“. Es ist die Geschichte des Sanitätsoffiziers Frederic Henry, der sich unsterblich in die Krankenschwester Catherine Barkley verliebt. So detailreich wie der Roman gestaltet ist, mit der „erschöpfenden Exaktheit“ der Dialoge, ist das 80 minütige Hörspiel natürlich nicht aufgebaut. Durch die Kürzung gewinnt die Geschichte jedoch an Dichte, durch die Dramaturgie der unterschiedlichen Sprecher an Intensität.
Hemingways Leidenschaft  für die Natur und die Jagd stammt von seinem Vater. Der hatte ihn schon in jungen Jahren auf ausgedehnte Touren mitgenommen, die der Autor später noch entscheidend ausdehnte. Dabei ist es vor allem das Naturalistische, das Archaische dieser Beschäftigung, was ihn antreibt und in seine schriftstellerische Arbeit mit einfließt. Das zeigt sich besonders in der Erzählung „Schnee auf dem Kilimanjaro“ (Hörspielfassung von 1977) und natürlich in dem sicher bekanntesten Text des amerikanischen Autors „Der Alte Mann und das Meer“ (SWF Produktion von 1953). In beiden Vorlagen zeigt sich das Ringen des Menschen mit der Natur, beleuchtet mit psychologischem Gespür seine Stellung in dieser Auseinandersetzung und beschäftigt sich eindringlich mit den Themen Leben und Tod. Hemingway wäre nicht er selbst, wenn in dieser manchmal auch erbarmungslosen und unerbittlich geführten Auseinandersetzung nicht auch sein zerrissener Charakter, seine, trotz allem heldenhaften Kampf der Hauptfiguren, Selbstzweifel und Unausgeglichenheit zum Ausdruck kämen. Hemingway hat diese eigentliche Unsicherheit mit großem schriftstellerischen Pathos und einer gewissen Hemdsärmeligkeit zu verdecken gesucht. Er selbst sagte einmal: „Was ein Schriftsteller ausdrücken will, muss der Leser sehen, fühlen, riechen können.“ Aber das besondere an seiner Persönlichkeit und wahrscheinlich auch der Erfolg seiner Bücher, ist die im Grunde unter der Haut spürbare Empfindlichkeit, die Verletzlichkeit, trotz aller moralischer Ansprüche und Kampfbereitschaft seiner Helden. Letztendlich haben sie dazu geführt, dass sich Ernest Hemingway, wie schon sein Vater drei Jahrzehnte zuvor, in Verzweiflung 1961 selbst das Leben nahm.
Jörg Konrad

Ernest Hemingway
„Die große Hörspiel-Edition“
DAV (8 CDs)
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 17.08.2019
Elizabeth Strout „Alles ist möglich“
Elizabeth Strout, die 1956 im Bundesstaat Maine geboren wurde, ist in den USA eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie den Pulitzer-Preis, und auch ihr jüngstes Buch „Alles ist möglich“ wurde in Amerika ausgezeichnet. Doch in Deutschland hat Elizabeth Strout den großen Durchbruch noch nicht geschafft. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Romane den eher unspektakulären Alltag in amerikanischen Kleinstädten schildern, vielleicht liegt es auch an der Erzählstruktur ihrer Bücher: Sie sind keine Romane im klassischen Sinne, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Geschichten, die kunstvoll miteinander verwoben sind.
Elizabeth Strout interessiert sich für die einfachen, durchschnittlichen Menschen, ihre Hoffnungen, Enttäuschungen, ihr Leid, aber auch ihre Erfahrungen von Glück und Liebe. „Alles ist möglich“ spielt in der fiktiven Kleinstadt Amgash im Mittleren Westen Amerikas, einem heruntergewirtschafteten Ort inmitten von Mais- und Sojafeldern. Die Autorin komponiert einen Reigen aus neun Episoden mit jeweils wechselnden Perspektiven. Die Protagonisten sind alle miteinander verwandt, verschwägert, befreundet oder bekannt. Die Hauptperson der einen Story wird zu einer Nebenfigur einer anderen, einzelne Handlungsstränge werden in späteren Erzählungen wieder aufgegriffen und weitergeführt. So spinnt die Autorin ein dichtes Beziehungsnetz, entwirft einen Kleinstadtkosmos als vielschichtiges Abbild menschlichen Lebens.
Elizabeth Strout erzählt Familiengeschichten, in denen es um Armut, Ausgrenzung und Gewalt geht, sie erzählt von Kindern, die sich ihr Essen aus Müllcontainern suchen müssen, die von ihren Vätern geschlagen und missbraucht werden, von Menschen jeden Alters, die mit ihren Ängsten und Traumata fertig zu werden versuchen. Da ist zum Beispiel die Beratungslehrerin Patty. Durch die Antidepressiva, die sie seit dem Tod ihres Mannes nimmt, ist sie dick geworden und hat von ihren Schülern den Spitznamen Fatty Patty verpasst bekommen. Seit Jahren ist sie aus der Ferne in einen schwer traumatisierten Vietnamkriegsveteranen verliebt. Oder da ist Pete Barton, ein gesellschaftlicher Außenseiter. Er lebt allein in seinem heruntergekommenen Elternhaus. Seine Schwester Lucy Barton ist die Heldin und Projektionsfigur des Ortes. Denn sie hat es geschafft, Amgash und ihre trostlose Kindheit hinter sich zu lassen. Sie lebt in New York und ist zu einer bekannten Schriftstellerin geworden. Ihre Memoiren liegen in Amgashs Buchhandlung aus. Aber als sie nach 17 Jahren zum ersten Mal ihre Heimatstadt besucht, kann sie die Erinnerungen nicht ertragen. Sie hat eine Panikattacke und flieht nach New York zurück.
Doch der Lehrerin Patty haben Lucy Bartons Memoiren Hoffnung gemacht. Sie fühlt sich verstanden. Denn das vermag Literatur: sie kann Verständnis wecken für die Vielfalt und Tiefe des menschlichen Lebens, und genau das vermag auch Elizabeth Strout mit ihrem Buch.
Elizabeth Strout ist eine wunderbare, phantasievolle Erzählerin. Man hat den Eindruck, dass ihr ein schier unerschöpflicher Fundus an anrührenden, lebenssatten Geschichten zur Verfügung steht. Genaue Beobachtungen und Dialoge charakterisieren präzise die unterschiedlichsten Menschen in ihren sozialen und psychischen Befindlichkeiten. Die Autorin konzentriert sich auf das Innenleben ihrer Figuren, die dramatischen äußeren Ereignisse werden eher angedeutet und nie grell ausgeleuchtet. Mit Respekt, Empathie und Verständnis für menschliche Schwächen fühlt sich Elizabeth Strout in das Seelenleben dieser beschädigten Menschen ein. Die Warmherzigkeit ist es, die „Alles ist möglich“ trotz allem zu einem tröstlichen Buch macht, ohne dass es je in Kitsch abgleitet. In allen Geschichten schimmern immer wieder überraschend und unerwartet menschliche Stärke, Humor und Hoffnung durch, Hoffnung auf Nähe, Zuneigung, Liebe.
In der letzten Erzählung hat der Geschäftsmann Abel eine skurriles Erlebnis mit einem verwirrten, verzweifelten Schauspieler. Aus der zunächst bedrohlichen Situation entsteht durch ein Gespräch ein plötzliches Erkennen, ein Mitgefühl beider Männer mit der Einsamkeit des Anderen. Kurz darauf erleidet Abel einen Herzinfarkt. Auf der Krankenbahre ziehen ihm Gedankenfetzen und Erinnerungen an diese Begegnung durch den Kopf: „Er besaß einen Freund… Und wenn ein solches Geschenk zu einem solchen Zeitpunkt den Weg zu ihm fand, dann hieß das… - er schlug die Augen auf und, ja, das war es, das untrügliche Wissen: Alles war möglich, für jeden.“
Lilly Munzinger, Gauting

Elizabeth Strout
„Alles ist möglich“
Luchterhand, 2018
Autor: Siehe Artikel
Montag 12.08.2019
Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“
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Man glaubt es kaum. Aber Pablo Picasso liebte ihn und Gertrude Stein war absoluter Fan und auch James Joyce, Irlands bedeutendster Schriftsteller, gehörte zu seinen Bewunderern; ebenfalls der Filmkomiker W. C. Fields und, wen wunderts, natürlich auch Charlie Chaplin. Die Rede ist von „Krazy Kat“, der vielleicht besten, verrücktesten, schillerndsten Comic-Serie überhaupt. Entworfen hat dieses bis ins absurdeste getriebene Katz-und-Maus-Spiel George Herrimans ab dem Jahr 1913. Und es gab von Beginn an Schwierigkeiten, den Comic überhaupt in der Öffentlichkeit zu platzieren. Er war den Verlegern einfach zu skurril, zu abgehoben. Sie erkannten die Realität hinter der abstrakten, blendenden Fassade nicht. Wäre da nicht William Randolph Hurst, ein Medien-Tycoon, der „Krazy Kat“ in seinen Zeitungen von Beginn an ein „zu Hause“ bot.
Eingefleischte Comic-Fans kennen die Auseinandersetzungen zwischen der Katze (Krazy Kat), die die Maus Ignatz liebt, die wiederum nichts besseres zu tun hat, als Krazy mit Ziegelsteinen zu bewerfen, mit absoluter Sicherheit. Für sie und all jene, die neugierig auf dieses Metier (und seine Geschichte) sind, hat der Taschen Verlag nun ein dickes, schweres (sechs Kilo-) Buch (ähnlich einem überdimensionierten Ziegelstein!) herausgebracht, das die komplette „Krazy Kat“-Serie der Jahre 1935 bis 1944 beinhaltet.
Herausgegeben hat dieses Monumentalwerk Alexander Braun, der Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie studierte und, neben eigenen künstlerischen Arbeiten, seit Jahren als Fachmann für Comic-Kunst gilt. Seine den Zeichnungen vorangestellten Texte, die sowohl die Biographie George Herrimans beinhalten, als vor allem auch die Hintergründe und Entwicklungsgeschichte seines zeichnerischen Schaffens, zeugen von beeindruckendem Sachverstand und Hingabe zum Sujet. Er beleuchtet sehr anschaulich die kunsthistorischen Zusammenhänge der Comic-Kunst, zeigt Verbindungen zwischen den einzelnen Künstlern auf und wie sehr George Herriman, obwohl in seiner Schaffenszeit nicht übermäßig bekannt, als eine Galionsfigur von nachfolgenden Zeichner-Generationen betrachtet wurde.
Das besondere an „Krazy Kat“ ist die Einfachheit, mit der die Geschichten zeichnerisch umgesetzt werden. Fast möchte man von einer Art naiver Malerei sprechen, von einem zeichnerisch/farblichen Ausdruck, wie man sie von Kinderzeichnungen her kennt. Dadurch erhalten die Geschichten auch eine gewisse Form von Naivität. Hinzu kommt die Art der Kommunikation zwischen Krazy und Ignatz und Offissa Pupp. Letzterer ist übrigens derjenige, der selbst in Krazy verliebt ist, die Katze entsprechend schützen möchte und Ignatz, die Maus, immer wieder einmal ins Gefängnis sperrt.
Was aus dieser einfachen Konstellation an lustigen, hintergründigen, hochintelligenten Situationen entsteht, ist phänomenal. Dabei wird mit wenigen Mitteln eine größtmögliche Wirkung erzielt. Herrimans gilt zu recht als einer der Pioniere des Comics. Wie er seine Fabeln erzählt, mit all den Wortfetzen, Sprachidiomen, „Slangsounds“ und Neologismen – das war revolutionär und zeugt von einer gewissen Anarchie, was die Sichtweise, den Umgang und die Umsetzung von und mit Alltagsthemen betrifft. Insofern war er seiner Zeit weit voraus. Grund genug ihn (neu) zu entdecken. Vorausgesetzt man hat für diesen Prachtband eine stabile Unterlage …. .
Jörg Konrad

Alexander Braun
„George Herrimans Krazy Kat“
Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935 – 1944
Taschen
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.