Literatur
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Inhaltsverzeichnis
Miron Bialoszewski „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“

1

Ernest Hemingway „Die große Hörspiel-Edition“

2

Elizabeth Strout „Alles ist möglich“

3

Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“

4

Herman Melville „Mardi und eine Reise dorthin“

5

Wolf Biermann „Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichte...

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Dienstag 03.09.2019
Miron Bialoszewski „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“
Polen war das erste Land, dem Deutschland am 1. September 1939 den Krieg erklärte. Fünf Jahre später regte sich der als Warschauer Aufstand bekannt gewordene erste große bewaffnete Widerstand. 63 Tage kämpfte speziell in den Stadtteilen Wola und Ochota die einheimische Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer. Schätzungsweise 200 000 Menschen wurden auf seiten der Polen bei den Auseinandersetzungen umgebracht. Dabei sollte der Aufstand kurz und handstreichartig verlaufen. Denn Deutschland schien angeschlagen. Im Osten rückte aufgrund der Sommeroffensive die sowjetische Armee vor, im Westen verzeichneten die Alliierten Landgewinne. Die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) wollte die Herrschaft über das eigene Land wiedererlangen und sich zudem vor den herannahenden Sowjets schützen, die zuvor durch den Hitler-Stalin-Pakt Polen aufgeteilt und hier ebenso bestialischen Terror verbreitet hatte. Die AK wollte verhindern, dass die Hauptstadt, das Wahrzeichen Polens, sowohl von den abziehenden Deutschen, als auch von den Russen zerstört wird.
Miron Bialoszewski war Zeitzeuge dieses Geschehens. Geboren 1922 in Warschau erlebte er den Kampf gegen die Besetzer seiner Heimatstadt hautnah. Nach der Niederschlagung des Aufstandes verbrachte er viele Monate in deutschen Gefangenenlagern, konnte fliehen und kehrte nach Polen zurück. Nach 1945 arbeitete er als Lokalreporter für verschiedene Warschauer Zeitungen.
Seine Erlebnisse im Widerstand schildert Bialoszewski in dem 1970 erstmals erschienenen, nun in neuer deutscher Übersetzung vorliegenden Buch „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“. Es ist ein schonungsloses, literarisch außerordentlich packendes Dokument, das den Freiheitsdrang der Menschen beeindruckend und erschütternd vermittelt. Bialoszewski gelingt es aufgrund seines zeitlichen Abstandes zu den Geschehnissen überzeugend eine Verbindung zwischen der minutiösen Darstellung der Geschehnisse, sowie der emotionalen Wucht und der nationalen Bedeutung dieses Kampfes zu schaffen. Dabei schreibt er in einem bemerkenswert distanzierten Ton, versucht sich in der Rolle des Chronisten, den jedoch auch namentlich benannte Einzelschicksale tief berühren.
Der Rhythmus des Textes wechselt. Mal verweilt Bialoszewski in seinen Beschreibungen an einzelnen Stellen länger, dann hetzt er wieder flüchtend durch die Straßen, begegnet dem Schrecken, um im folgenden über das Wetter zu schwadronieren. Diese Ungewöhnlichkeit im berichten, diese Wechselhaftigkeit in der (auch poetischen) Schilderung von Geschehnissen und Emotionen zeigt die außergewöhnlich existenzielle Situation, in der sich eine ganze Stadtbevölkerung befunden hat.
Die Übersetzerin Esther Kinsky spricht in einem Nachwort von den Schwierigkeiten, die ein solcher Text in der Übertragung aufwirft. Schwierigkeiten, mit denen auch der Autor selbst sich auseinanderzusetzen hatte. Wie schafft man eine glaubwürdige Verbindung zwischen Erinnerungsarbeit, Tatsachen und Wahrheit. Oder: „Wie kann sich die Sprache dem Erinnerten annähern? Wie lässt sich Authentizität finden, wie vermitteln? Welche Sprache – im Sinne von Idiom – eignet sich hierfür?“ Bialoszewski  schafft es, in dem bei ihm „die Erinnerung selbst die Handelnde ist und der Schreibende ihr Vollstrecker“. Ein beklemmendes, ein wichtiges, ein großes Buch.
Jörg Konrad
 
 Miron Bialoszewski
„Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“
Suhrkamp
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 27.08.2019
Ernest Hemingway „Die große Hörspiel-Edition“
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Er war Nobelpreisträger und Großwildjäger, Kriegsberichterstatter und Alkoholiker, vier Mal verheiratet und er sympathisierte öffentlich mit dem Kommunismus Fidel Castros. Zwanzig Jahre lebte Ernest Hemingway auf Kuba und schrieb hier seine besten Romane. Seinen knappen, klaren, packenden Schreibstil, der ihn berühmt werden ließ und der bis heute ungezählte Autoren beeinflußt, hatte er als junger Reporter beim Kansas City Star erlernt. Im Juli dieses Jahres wäre der Autor 120 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist bei DAV eine aus acht CDs bestehende Hörspieledition erschienen.
Es handelt sich um öffentlich-rechtliche Produktionen, die zwischen 1948 und 1977 entstanden sind und bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit und ihrer Aktualität verloren haben. In dem 1948 nach dem gleichnamigen Roman entstandenen Hörspiel „Wem die Stunde schlägt“ nutzt Hemingway seine Erfahrungen, die er persönlich im Spanischen Bürgerkrieg, im Kampf gegen die faschistische Junta von General Franco gesammelt hat. Doch Hemingway thematisiert in diesem Antikriegsstück nicht nur die Grausamkeiten der Franco Clique, sondern beschreibt zugleich auch die Verbrechen der kommunistischen Rebellen.
Ob es politische Überzeugungen sind, die Hemingways Leben bestimmen, ist fraglich. Als er sich zum Ende des 1. Weltkriegs als Freiwilliger zum Sanitätskorps meldet, dürfte wohl weniger Patriotismus seine Entscheidung beeinflusst haben, als vielmehr eine gewisse Abenteuerlust. Doch er verarbeitet seine Kriegserlebnisse in Norditalien einige Jahre später in dem Roman „In einem anderen Land“. Es ist die Geschichte des Sanitätsoffiziers Frederic Henry, der sich unsterblich in die Krankenschwester Catherine Barkley verliebt. So detailreich wie der Roman gestaltet ist, mit der „erschöpfenden Exaktheit“ der Dialoge, ist das 80 minütige Hörspiel natürlich nicht aufgebaut. Durch die Kürzung gewinnt die Geschichte jedoch an Dichte, durch die Dramaturgie der unterschiedlichen Sprecher an Intensität.
Hemingways Leidenschaft  für die Natur und die Jagd stammt von seinem Vater. Der hatte ihn schon in jungen Jahren auf ausgedehnte Touren mitgenommen, die der Autor später noch entscheidend ausdehnte. Dabei ist es vor allem das Naturalistische, das Archaische dieser Beschäftigung, was ihn antreibt und in seine schriftstellerische Arbeit mit einfließt. Das zeigt sich besonders in der Erzählung „Schnee auf dem Kilimanjaro“ (Hörspielfassung von 1977) und natürlich in dem sicher bekanntesten Text des amerikanischen Autors „Der Alte Mann und das Meer“ (SWF Produktion von 1953). In beiden Vorlagen zeigt sich das Ringen des Menschen mit der Natur, beleuchtet mit psychologischem Gespür seine Stellung in dieser Auseinandersetzung und beschäftigt sich eindringlich mit den Themen Leben und Tod. Hemingway wäre nicht er selbst, wenn in dieser manchmal auch erbarmungslosen und unerbittlich geführten Auseinandersetzung nicht auch sein zerrissener Charakter, seine, trotz allem heldenhaften Kampf der Hauptfiguren, Selbstzweifel und Unausgeglichenheit zum Ausdruck kämen. Hemingway hat diese eigentliche Unsicherheit mit großem schriftstellerischen Pathos und einer gewissen Hemdsärmeligkeit zu verdecken gesucht. Er selbst sagte einmal: „Was ein Schriftsteller ausdrücken will, muss der Leser sehen, fühlen, riechen können.“ Aber das besondere an seiner Persönlichkeit und wahrscheinlich auch der Erfolg seiner Bücher, ist die im Grunde unter der Haut spürbare Empfindlichkeit, die Verletzlichkeit, trotz aller moralischer Ansprüche und Kampfbereitschaft seiner Helden. Letztendlich haben sie dazu geführt, dass sich Ernest Hemingway, wie schon sein Vater drei Jahrzehnte zuvor, in Verzweiflung 1961 selbst das Leben nahm.
Jörg Konrad

Ernest Hemingway
„Die große Hörspiel-Edition“
DAV (8 CDs)
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 17.08.2019
Elizabeth Strout „Alles ist möglich“
Elizabeth Strout, die 1956 im Bundesstaat Maine geboren wurde, ist in den USA eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie den Pulitzer-Preis, und auch ihr jüngstes Buch „Alles ist möglich“ wurde in Amerika ausgezeichnet. Doch in Deutschland hat Elizabeth Strout den großen Durchbruch noch nicht geschafft. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Romane den eher unspektakulären Alltag in amerikanischen Kleinstädten schildern, vielleicht liegt es auch an der Erzählstruktur ihrer Bücher: Sie sind keine Romane im klassischen Sinne, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Geschichten, die kunstvoll miteinander verwoben sind.
Elizabeth Strout interessiert sich für die einfachen, durchschnittlichen Menschen, ihre Hoffnungen, Enttäuschungen, ihr Leid, aber auch ihre Erfahrungen von Glück und Liebe. „Alles ist möglich“ spielt in der fiktiven Kleinstadt Amgash im Mittleren Westen Amerikas, einem heruntergewirtschafteten Ort inmitten von Mais- und Sojafeldern. Die Autorin komponiert einen Reigen aus neun Episoden mit jeweils wechselnden Perspektiven. Die Protagonisten sind alle miteinander verwandt, verschwägert, befreundet oder bekannt. Die Hauptperson der einen Story wird zu einer Nebenfigur einer anderen, einzelne Handlungsstränge werden in späteren Erzählungen wieder aufgegriffen und weitergeführt. So spinnt die Autorin ein dichtes Beziehungsnetz, entwirft einen Kleinstadtkosmos als vielschichtiges Abbild menschlichen Lebens.
Elizabeth Strout erzählt Familiengeschichten, in denen es um Armut, Ausgrenzung und Gewalt geht, sie erzählt von Kindern, die sich ihr Essen aus Müllcontainern suchen müssen, die von ihren Vätern geschlagen und missbraucht werden, von Menschen jeden Alters, die mit ihren Ängsten und Traumata fertig zu werden versuchen. Da ist zum Beispiel die Beratungslehrerin Patty. Durch die Antidepressiva, die sie seit dem Tod ihres Mannes nimmt, ist sie dick geworden und hat von ihren Schülern den Spitznamen Fatty Patty verpasst bekommen. Seit Jahren ist sie aus der Ferne in einen schwer traumatisierten Vietnamkriegsveteranen verliebt. Oder da ist Pete Barton, ein gesellschaftlicher Außenseiter. Er lebt allein in seinem heruntergekommenen Elternhaus. Seine Schwester Lucy Barton ist die Heldin und Projektionsfigur des Ortes. Denn sie hat es geschafft, Amgash und ihre trostlose Kindheit hinter sich zu lassen. Sie lebt in New York und ist zu einer bekannten Schriftstellerin geworden. Ihre Memoiren liegen in Amgashs Buchhandlung aus. Aber als sie nach 17 Jahren zum ersten Mal ihre Heimatstadt besucht, kann sie die Erinnerungen nicht ertragen. Sie hat eine Panikattacke und flieht nach New York zurück.
Doch der Lehrerin Patty haben Lucy Bartons Memoiren Hoffnung gemacht. Sie fühlt sich verstanden. Denn das vermag Literatur: sie kann Verständnis wecken für die Vielfalt und Tiefe des menschlichen Lebens, und genau das vermag auch Elizabeth Strout mit ihrem Buch.
Elizabeth Strout ist eine wunderbare, phantasievolle Erzählerin. Man hat den Eindruck, dass ihr ein schier unerschöpflicher Fundus an anrührenden, lebenssatten Geschichten zur Verfügung steht. Genaue Beobachtungen und Dialoge charakterisieren präzise die unterschiedlichsten Menschen in ihren sozialen und psychischen Befindlichkeiten. Die Autorin konzentriert sich auf das Innenleben ihrer Figuren, die dramatischen äußeren Ereignisse werden eher angedeutet und nie grell ausgeleuchtet. Mit Respekt, Empathie und Verständnis für menschliche Schwächen fühlt sich Elizabeth Strout in das Seelenleben dieser beschädigten Menschen ein. Die Warmherzigkeit ist es, die „Alles ist möglich“ trotz allem zu einem tröstlichen Buch macht, ohne dass es je in Kitsch abgleitet. In allen Geschichten schimmern immer wieder überraschend und unerwartet menschliche Stärke, Humor und Hoffnung durch, Hoffnung auf Nähe, Zuneigung, Liebe.
In der letzten Erzählung hat der Geschäftsmann Abel eine skurriles Erlebnis mit einem verwirrten, verzweifelten Schauspieler. Aus der zunächst bedrohlichen Situation entsteht durch ein Gespräch ein plötzliches Erkennen, ein Mitgefühl beider Männer mit der Einsamkeit des Anderen. Kurz darauf erleidet Abel einen Herzinfarkt. Auf der Krankenbahre ziehen ihm Gedankenfetzen und Erinnerungen an diese Begegnung durch den Kopf: „Er besaß einen Freund… Und wenn ein solches Geschenk zu einem solchen Zeitpunkt den Weg zu ihm fand, dann hieß das… - er schlug die Augen auf und, ja, das war es, das untrügliche Wissen: Alles war möglich, für jeden.“
Lilly Munzinger, Gauting

Elizabeth Strout
„Alles ist möglich“
Luchterhand, 2018
Autor: Siehe Artikel
Montag 12.08.2019
Alexander Braun „George Herrimans Krazy Kat“
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Man glaubt es kaum. Aber Pablo Picasso liebte ihn und Gertrude Stein war absoluter Fan und auch James Joyce, Irlands bedeutendster Schriftsteller, gehörte zu seinen Bewunderern; ebenfalls der Filmkomiker W. C. Fields und, wen wunderts, natürlich auch Charlie Chaplin. Die Rede ist von „Krazy Kat“, der vielleicht besten, verrücktesten, schillerndsten Comic-Serie überhaupt. Entworfen hat dieses bis ins absurdeste getriebene Katz-und-Maus-Spiel George Herrimans ab dem Jahr 1913. Und es gab von Beginn an Schwierigkeiten, den Comic überhaupt in der Öffentlichkeit zu platzieren. Er war den Verlegern einfach zu skurril, zu abgehoben. Sie erkannten die Realität hinter der abstrakten, blendenden Fassade nicht. Wäre da nicht William Randolph Hurst, ein Medien-Tycoon, der „Krazy Kat“ in seinen Zeitungen von Beginn an ein „zu Hause“ bot.
Eingefleischte Comic-Fans kennen die Auseinandersetzungen zwischen der Katze (Krazy Kat), die die Maus Ignatz liebt, die wiederum nichts besseres zu tun hat, als Krazy mit Ziegelsteinen zu bewerfen, mit absoluter Sicherheit. Für sie und all jene, die neugierig auf dieses Metier (und seine Geschichte) sind, hat der Taschen Verlag nun ein dickes, schweres (sechs Kilo-) Buch (ähnlich einem überdimensionierten Ziegelstein!) herausgebracht, das die komplette „Krazy Kat“-Serie der Jahre 1935 bis 1944 beinhaltet.
Herausgegeben hat dieses Monumentalwerk Alexander Braun, der Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie studierte und, neben eigenen künstlerischen Arbeiten, seit Jahren als Fachmann für Comic-Kunst gilt. Seine den Zeichnungen vorangestellten Texte, die sowohl die Biographie George Herrimans beinhalten, als vor allem auch die Hintergründe und Entwicklungsgeschichte seines zeichnerischen Schaffens, zeugen von beeindruckendem Sachverstand und Hingabe zum Sujet. Er beleuchtet sehr anschaulich die kunsthistorischen Zusammenhänge der Comic-Kunst, zeigt Verbindungen zwischen den einzelnen Künstlern auf und wie sehr George Herriman, obwohl in seiner Schaffenszeit nicht übermäßig bekannt, als eine Galionsfigur von nachfolgenden Zeichner-Generationen betrachtet wurde.
Das besondere an „Krazy Kat“ ist die Einfachheit, mit der die Geschichten zeichnerisch umgesetzt werden. Fast möchte man von einer Art naiver Malerei sprechen, von einem zeichnerisch/farblichen Ausdruck, wie man sie von Kinderzeichnungen her kennt. Dadurch erhalten die Geschichten auch eine gewisse Form von Naivität. Hinzu kommt die Art der Kommunikation zwischen Krazy und Ignatz und Offissa Pupp. Letzterer ist übrigens derjenige, der selbst in Krazy verliebt ist, die Katze entsprechend schützen möchte und Ignatz, die Maus, immer wieder einmal ins Gefängnis sperrt.
Was aus dieser einfachen Konstellation an lustigen, hintergründigen, hochintelligenten Situationen entsteht, ist phänomenal. Dabei wird mit wenigen Mitteln eine größtmögliche Wirkung erzielt. Herrimans gilt zu recht als einer der Pioniere des Comics. Wie er seine Fabeln erzählt, mit all den Wortfetzen, Sprachidiomen, „Slangsounds“ und Neologismen – das war revolutionär und zeugt von einer gewissen Anarchie, was die Sichtweise, den Umgang und die Umsetzung von und mit Alltagsthemen betrifft. Insofern war er seiner Zeit weit voraus. Grund genug ihn (neu) zu entdecken. Vorausgesetzt man hat für diesen Prachtband eine stabile Unterlage …. .
Jörg Konrad

Alexander Braun
„George Herrimans Krazy Kat“
Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935 – 1944
Taschen
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 03.08.2019
Herman Melville „Mardi und eine Reise dorthin“
Zwanzig Jahre war Hermann Melville alt, als er auf einem Schiff als Matrose anheuerte, um die folgenden fünf Jahre auf den Ozeanen dieser Welt zu verbringen. In dieser Zeit holte er sich all das Wissen und die Erfahrungen, die anschließend einen Großteil des Inhaltes seiner Romane bestimmten. Dass sein Hauptwerk „Moby Dick“, veröffentlicht 1851, zu seinen Lebzeiten sowohl von den Kritikern als auch von der Leserschaft ignoriert wurde, hatte verschiedene Gründe. Zum einen erfüllte Melville mit diesem Buch nicht die traditionellen religiösen Erwartungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in allen gesellschaftlichen Kreisen sowohl in England als auch in den USA den Alltag bestimmten. Andererseits war Melville mit autobiographischen Südseegeschichten als Autor bekannt geworden. Dafür liebte ihn sein Publikum. Einen Abenteuerroman, in dem ein Weißer Wal die Hauptrolle spielte, war seinen bisherigen Lesern und Literaturzirkeln einfach zu suspekt.
Eines dieser autobiographischen Südseebücher erschien zwei Jahre vor „Moby Dick“. „Mardi und eine Reise dorthin“ ist ein Buch, von dem Ulrich Greiner schreibt, es sei „ …. ein Zauberkunststück, ein irrer und wirrer Faselteppich; Räuberpistole und Südseeromanze, philosophisch-theologischer Traktat und haltlose Humoreske. Die Lektüre gleicht einer Expedition in die Wildnis, wo Paradiese locken und Wüsteneien lauern“. Kurz: ein Abenteuer, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ausgangspunkt für diesen opulenten Roman von über 800 Seiten ist, wie sollte es anders sein, eine Crew auf Walfang. Die Besatzung der „Arcturion“ findet in der Südsee keine Meeressäuger, so dass sich der Kapitän entschließt, in Richtung der Halbinsel Kamschatka zu segeln, um hier sein Glück zu versuchen. Der Ich-Erzähler will aber nicht in die arktischen Gewässer und desertiert mit dem Seemann Jarl in einem kleinen Beiboot in der Südsee. Gemeinsam verlassen sie das Mutterschiff und vertrauen sich viele Tage und Wochen der Strömung an. Melville schildert auf eindrückliche und lebendige Weise die schier besinnungslose Atmosphäre von Windflauten und deren psychologische Wirkung.
Trotzdem nimmt die Geschichte an dieser Stelle Fahrt auf. Denn die beiden Flüchtigen treffen auf einem führerlos dahingleitenden Schiff Samoa und seine Frau Annatoo. Mit ihnen gemeinsam bestehen sie Kämpfe gegen kriegslüsterne Insulaner und Kannibalen, sie retten das Mädchen Yillah aus den Fängen eines Priesters, der Ich-Erzähler wird selbst für eine Gottheit gehalten und schließt Freundschaft mit einem König namens Media. Bis eines Tages die schöne Yillah spurlos verschwindet.
Die anschließende Suche, mit dem Historiker Mohi, dem Poeten Yoomy und dem Philosophen Babbalanja durch die Südsee-Inselwelt Mardis, ist mal mehr Flucht, mal mehr die Suche nach dem schon vorhandenen Paradies und liest sich wie ein Rausch aus exzessiven Naturalismen und intellektueller Genialität, aus Gesellschaftskritik und Eulenspiegelei. Hier wechseln Leidenschaft und Instinkt dank einer überragenden Dramaturgie und kraftvollen Sprache. Großartige Sätze treffen auf außergewöhnliche Gedanken und alles ist, sowohl literarisch als auch im Fortlauf der Handlung in beeindruckender Balance.
Melville schreibt in „Mardi“ über das Leben, über Gott und die Welt, über die Wirklichkeit und die Kraft der Fantasie. Und er trifft dabei einen wunderbaren, einen mitreißenden Ton, begeistert in seiner schonungslosen Hingabe und aufleuchtenden Aufgeklärtheit.
Neu übersetzt hat diese gewaltige Werk Rainer G. Schmidt, dessen Stärke es ist, die Geschichte am Laufen zu halten, die einzelnen Anekdoten flüssig zu gestalten und damit dem Roman einen wunderbaren poetischen Rhythmus zu geben. 
Jörg Konrad

Herman Melville
„Mardi und eine Reise dorthin“
Manesse
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 23.07.2019
Wolf Biermann „Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“
Er ist intelligent, stur, bissig, konsequent, solidarisch, hochsensibel, warmherzig, schlitzohrig, selbstverliebt. Kurz: Wolf Biermann ist ein erfolgreicher Poet. Zugleich ist und war er und wird es wohl auf immer sein: politischer Rebell.
Und was kann ein wohlgemerkt charakterfester Poet und waghalsiger Rebell wohl besser, als hinreißende Liebesgeschichten unters Volk bringen? Genau das hat der Unbeugsame nun getan. Nach seiner im letzten Jahr erschienenen, packenden Autobiographie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ nun „Barbara – Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“.
Es handelt sich um achtzehn Novellen, die der mittlerweile 82jährige niedergeschrieben oder aus seinem privaten Fundus „gefischt“ und vorgelegt hat. Biermann bewegt sich darin inhaltlich in einem Zwischenreich von Realität und Fiktion, von romantischer Dichtkunst und politischer Provokation, von zuckersüßer Träumerei und zerplatzten Illusionen. Manche seiner Geschichten schmerzen heftig, wie die von dem Mädchen Monika in „Das leuchtende Kind im Hinterhof“. Andre wiederum fliegen federleicht dahin und vermitteln den Wunsch, sie mögen nie enden, wie zum Beispiel „Meine Geigen-Gitarre“. Und dann sind manche Geschichten, die wie ein Reigen auf dem Hochseil daherkommen („Wo ist Kohlen-Otto bloß geblieben“), oder wie ein Veitstanz auf dem Vulkan („Bin ick`n Mensch?“). Auf der einen Seite der Erzählung geht es steil hinab, in den Höllenschlund, in den Einflußbereich diktatorischer, machtgeiler Despoten und ihrer Vasallen. Auf der anderen Seite hinauf ins Paradies prosaischer Dichtkunst ins Elysium der Liebe, wie in „Die beißwütige Barbara“.
Egal, ob im Umfeld des Brechttheaters BE (Berliner Ensemble) spielend, mit all seinen vom Schicksal arg gezeichneten und gebeutelten Charakteren, oder im Zillemilieu der Berliner 1960er Jahre: Biermann hat immer einen verständnisvollen, einen einfühlsamen Blick auf die Verlierer, auf die liebenswerten Außenseiter, ja aber teilweise auch auf die politischen Schwadroneure der Gesellschaft. Zumindest aus heutiger Sicht.
Und Biermann schreibt, dass es den Leser schwindelt. Wortgewaltig, herausfordernd, adjektivlastig, klar positionierend, wunderbar berlinernd. Neben einigen seiner trefflichen und deliziösen Gedichte befindet sich in diesem Band aber auch jener Text, der nach Erscheinen des Buches zumindest eine ordentliche Windhose im Feuilleton auslöste. In „Zwei Selbsthelfer“ beschreibt Biermann seinen damaligen Freund, den Schauspieler Manfred Krug als einen unflätigen, aufbrausenden Wüstling, der auch übelste Beschimpfungen nicht scheute, und auf seinen Partys damit prahlte, es selbst in der DDR zum Millionär gebracht zu haben. Krugs Sohn Daniel hat auf diese Beschreibung in einem offenen Brief Biermann der Verunglimpfung seines einstigen Weggefährten und dessen Familie bezichtigt. Ein Sturm im Wasserglas? Vielleicht. Wenn jedoch Eitelkeiten selbstverliebter Quälgeister aufeinandertreffen, dann ist der Schlamassel meist nicht weit entfernt.
Jörg Konrad

Wolf Biermann
„Barbara - Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten“
Ullstein
Autor: Siehe Artikel
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