Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Monique Truong „Sweetest Fruits“
2. Edgar Allan Poe „Neue unheimliche Geschichten“
3. Mario Vargas Llosa „Harte Jahre“
4. Christo and Jeanne-Claude „Paris!“
5. Hörspiel: Arthur Schnitzler „Reigen“
6. Sigrid Nunez „Der Freund“
Bilder
Mittwoch 27.05.2020
Monique Truong „Sweetest Fruits“
„Patricio Lafcadio Hearn war von Geburt an hungrig… Alle Babys werden mit leerem Magen geboren, aber nicht alle haben einen so bedürftigen Blick.“ So beschreibt Rosa Cassimati ihren Sohn in Monique Truongs historischem Roman „Sweetest Fruits“, und sie schlägt damit eines der zentralen Themen des Buches an: den Hunger, der im übertragenem Sinn ein Hunger nach Liebe, Anerkennung und Heimat ist.
Monique Truongs Roman, eine Mischung aus Fakten und Imagination, handelt von Lafcadio Hearn, einem Schriftsteller griechisch-irischer Abstammung. 1850 wurde er auf der Insel Lefkada geboren – daher der Vorname –, und er starb nach einem ruhelosen und bewegten Leben im Jahr 1904 in Tokio. Sein Weg führte ihn von Griechenland über Irland in die USA, von dort nach Martinique und schließlich nach Japan, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er heiratete eine Japanerin, nahm die japanische Staatsbürgerschaft an, war Lehrer und Professor für Englisch und wurde zu einem berühmten Schriftsteller. Nach der Öffnung Japans in der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet die westliche Welt in ein wahres Japanfieber, und Hearns Reportagen, Märchen und Mythen aus dieser exotischen Welt wurden mit Begeisterung gelesen. Sie prägen, vor allem im Land selbst, das Bild des alten Japan bis heute.
Die vietnamesisch-amerikanische Autorin Monique Truong nähert sich in ihrem Roman dem historischen Lafcadio Hearn auf indirekte Weise. Sie holt drei Frauen aus dem Schatten der Vergangenheit und lässt sie mit ihrer jeweils eigenen Stimme erzählen: seine Mutter und seine beiden Ehefrauen. Zwischen diese drei Geschichten aus der Ich-Perspektive fügt Truong Auszüge aus einer 1906 erschienen Biographie über Hearn ein, die die nötigen Informationen liefern. So entsteht ein facettenreiches Bild des Schriftstellers und seiner verschiedenen Lebenssituationen, eingebettet in den historischen Hintergrund. Gleichzeitig lernt man drei ganz unterschiedliche Frauen kennen, die aber eines verbindet: nach existentiellen Umbrüchen sind sie gezwungen, sich jenseits ihrer bisherigen Rollen neue Lebenswege zu suchen, und sie haben den Mut, die Konventionen ihrer Umgebung hinter sich zu lassen. Es ist wunderbar zu lesen, wie Monique Truong für jede der drei Frauen einen eigenen Ton, eine besondere Farbe findet.
Lafcadio Hearns Mutter erzählt ihre Geschichte in einer sehr sinnlichen, von religiösen Bildern geprägten Sprache. Sie wird auf einer griechischen Insel in eine patriarchalische Welt hineingeboren, vom Vater und den Brüdern eingesperrt und brutal unterdrückt. Als sie sich in einen irischen Militärarzt verliebt, der in Griechenland stationiert ist, bricht sie aus ihrem Gefängnis aus und folgt ihrem Mann nach Irland, zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Lafcadio. Die Ehe scheitert, der Vater verlässt die Familie, Rosa kehrt nach Griechenland zurück. Lafcadio bleibt allein bei seinen irischen Verwandten. Elternlos wächst er in einer lieblosen Umgebung auf, ein sensibles, schwer traumatisiertes Kind, dessen Suche nach Heimat sein Leben bestimmen und ihn um die halbe Welt treiben wird.
Die zweite Geschichte wird von Alethea Foley, einer freigelassenen Sklavin, in einer kraftvollen Sprache erzählt. Sie arbeitet in Cincinatti als Köchin, wo sie den 22-jährigen Lafcadio kennenlernt. Er schlägt sich in den USA als Zeitungsschreiber durch. Beide sind Entwurzelte, und gemeinsam versuchen sie, sich eine neue Existenz aufzubauen. Doch der Rassismus seiner Umgebung, der auch ihn als Mann einer Farbigen trifft, seine eigene Rastlosigkeit und Bindungsunfähigkeit lassen Lafcadio die Flucht ergreifen.
Im Jahr 1890 verschlägt es ihn schließlich als Korrespondent nach Japan. Hier setzt die Geschichte seiner zweiten Ehefrau ein. Koitsumi Setsu stammt aus einem verarmten Samuraigeschlecht. Durch sie findet Lafcadio Hearn die „süßesten Früchte“: eine Identität, eine Familie und eine  fremdartige Welt, die Stoff für sein schriftstellerisches Werk wird. Doch seine wahre Heimat ist die Literatur.
Monique Truong charakterisiert die Japanerin Setsu, ihre vornehme Herzensbildung, durch eine zurückhaltende, sehr poetische, bilderreiche Erzählweise: „… du warst ein Dichter, dessen Rezitationen den Abendhimmel in wirbelndes Sternenlicht verwandelten und den Mond in Flügelgeflatter...“ sagt sie über ihren Mann.
„Sweetest Fruits“ ist mit Einfühlungsvermögen und Empathie für alle Figuren geschrieben, grundiert von einer starken Sozialkritik: Kritik an Sklaverei, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Unterdrückung von Frauen. Die schillernde Figur des Lafcadio Hearn, eines Reisenden und Suchenden, ist Monique Truong aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte besonders nah. Sie, die als Kind aus Vietnam nach Amerika fliehen musste, weiß, was es bedeutet, zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen zu stehen. Sie weiß, was es heißt, heimatlos zu sein. Sie hat ein faszinierendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting

Monique Truong
„Sweetest Fruits“
C.H.Beck
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 13.05.2020
Edgar Allan Poe „Neue unheimliche Geschichten“
Wer kennt keine Erzählung von ihm? Sei es „Die schwarze Katze“, „Die Fallgrube und das Pendel“, „Die Maske des Roten Todes“ oder eine andere der über sechzig Kurzgeschichten, der Gedichte oder den (einzigsten) Roman „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“?
Edgar Allan Poe ist ein Meister des Packend-Schaurigen, ein Schriftsteller, der die Kriminalliteratur bis heute prägt und mit zu den bekanntesten Autoren der Weltliteratur zählt. Ihn aber allein als den „Erfinder“ von Spukgeschichten zu bezeichnen, würde dem 1809 in  Boston/Massachusetts geborenen Sohn eines Schauspielerehepaars nicht gerecht werden.
Poe war, wie Andreas Nohl in seinem Nachwort zu „Neue unheimliche Geschichten“ schreibt, als Autor ein Avantgardist der Moderne. In seinen Texten spiegelt sich nicht allein die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielschichtigkeit wieder. Er ist zugleich ein bemerkenswerter individueller Psychologe, der die menschliche Seele auch in ihren außergewöhnlichsten Situationen sicher erforscht, der um die tiefen Abgründe des Unbewussten weiß und diese literarisch meisterhaft in Szene zu setzen versteht.
Wie bei kaum einem anderen Autor seiner Zeit bestimmt weniger das Formale, also die erzählte Handlung, den Inhalt seiner Geschichte – auch wenn dies vordergründig der Fall zu sein scheint. Ihre eigentliche Größe erhalten die Erzählungen erst durch die psychologische Meisterschaft, mit der Poe die Hauptfiguren regelrecht zum Leben erweckt. Er dringt förmlich bis in die letzten Winkel ihrer Seelen vor, leuchtet diese erbarmungslos aus und macht deutlich, welch existenzielle Emotionen diffuse Ängste auslösen können. Überwältigend geschrieben beschäftigt er sich voller Leidenschaft mit dem Abstrakten, macht es greif- und damit verstehbar.
Mit „Neue unheimliche Geschichten“ legt nun dtv nach drei Jahren den von Charles Baudelaire 1857 herausgegebenen und von Andreas Nohl neu übersetzten Folgeband „Unheimliche Geschichten“ vor. 360 Seiten Poe pur. Ein Fest für die Sinne und den Intellekt. Meisterhaft editiert.

Inhalt: Der Dämon der Perversität; Das verräterische Herz; König Pest; Streitgespräch mit einer Mumie; Die Macht der Worte u.a.

Jörg Konrad


Edgar Allan Poe
„Neue unheimliche Geschichten“
dtv
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 06.05.2020
Mario Vargas Llosa „Harte Jahre“
Sich der Geschichte Zentralamerikas der letzten 100 Jahre literarisch zu widmen, heißt auch immer über Revolutionen, Diktaturen und Bürgerkriege zu schreiben. So ist auch der neue Roman von Mario Vargas Llosa aufgrund der geopolitischen Lage und der Zeit seiner Handlung fast zwangsläufig ein Buch über politische Hörigkeit und Willkür, über Verschwörung und Verrat, über Gewalt, Intrigen und zerstörte Hoffnungen geworden. Llosa erzählt die Geschichte um den einstigen Präsidenten Guatemalas Jacobo Árbenz Guzmán, der demokratisch gewählt an die Macht kam und das lateinamerikanische Land von 1951 bis 1954 versuchte, aus Armut und Korruption heraus in eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu führen.
Doch die amerikanische United Fruit Company, Erfinderin der bis heute weltweit bekannten „Chiquita“, besaß damals riesige Bananenfelder in Guatemala und hatte enorme Befürchtungen, aufgrund der angestrebten gesellschaftlichen Veränderungen an Einfluss und Profit zu verlieren. So kollaborierte das Unternehmen 1954 mit der CIA und beide inszenierten unter dem Deckmantel, dass Jacobo Árbenz einen kommunistischen Umsturz anstrebe, einen Militärputsch. CIA, Banankonzern und der damalige Diktator der Dominikanischen Republik Rafael Leónidas Trujillo Molina hievten Oberst Carlos Castillo Armas ins oberste Amt, der in kurzer Zeit eine Militärjunta in Guatemala installierte. Alle zuvor von Arbenz zum Wohle des gesamten Volkes erreichten Errungenschaften, von denen besonders die Agrarreform eine Meisterleistung war, wurden abgewickelt. Die Folgen dieses politischen Rückschritts sind bis heute in ganz Zentralamerika spürbar.
Der peruanische Nobelpreisträger Vargas Llosa entwickelt im ersten Teil des Romans ein aus verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen geknüpftes Netz, in dem Personen entsprechend ihres historischen Wirkens individuelle Konturen bekommen.
Vargas Llosa gelingt es, die tatsächlichen politischen Ereignisse dieser revolutionären Zeit mit fiktivem Geschehen und subjektiven Einschätzungen zu verknüpfen und letztendlich einen Roman vorzulegen, der ebenso entlarvend ist, wie er sich spannend liest.
Eine wichtige Rolle bei dem Recherchevorgang und der geschichtlichen Aufarbeitung dieser Zeit spielten für den Autor die Nebenfiguren des damaligen Komplotts. Allen voran die Geliebte des Diktators Castillo Armas, die als wunderschön und intelligent beschriebene Marta Borrero, auch Miss Guatemala genannt. Und Oberst Johnny Abbes Garcia, ein Folterer und Mörder, der verschiedenen Diktatoren Zentralamerikas als Sicherheitschef diente und dessen abgründige Taten historisch verbrieft sind. Seine Beziehung zu Marta Borrero und die Flucht der beiden des nachts von Guatemala nach El Salvador, nachdem Castillo Armas ermordet wurde, ist über weite Strecken Inhalt des zweiten Teils. 
Es wäre für Vargos Llosa, den Kenner menschlicher Leidenschaften und Abgründe, aber zu einfach, diese sich durch eine gnadenlose Brutalität auszeichnende Charaktere einseitig darzustellen. Er beschreibt die Figuren als ebenso charmant, sorgend und liebevoll, wie sie andererseits Schmerz und Vernichtung befehlen. Dieses Widersprüchliche in ihrem Auftreten und in ihrer Wirkung macht den Schrecken, für den sie sich verantwortlich zeichnen, noch ungeheuerlicher, noch furchterregender.
Mario Vargas Llosa hat mit „Harte Jahre“ eine Art Geschichtsbuch in Romanform vorgelegt, das in seinem aufklärerischem und entlarvenden Inhalt weit über sein Buch „Das Fest des Ziegenbocks“ hinausgeht.
Jörg Konrad

Mario Vargas Llosa
„Harte Jahre“
Suhrkamp
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Freitag 24.04.2020
Christo and Jeanne-Claude „Paris!“
Wir leben in unsicheren Zeiten. Wer hätte das in diesen (scheinbar) verlässlich-geordneten mitteleuropäischen Regionen noch vor Monaten gedacht? Geschweige vor einem Jahr?
Wenn alles so abgelaufen wäre, wie vor langer Zeit geplant, wäre der bulgarische Verpackungskünstler Christo, der mit bürgerlichem Namen Christo Wladimirow Jawaschew heißt, momentan mit dem Verhüllen des Arc de Triomphe de l’Étoile beschäftigt, diesem monumentalen Denkmal im Zentrum von Paris, das dem Ruhm der kaiserlichen Armeen gewidmet ist.
Doch aufgrund des Feuers in Notre-Dame im Herbst letzten Jahres wurde der Termin auf den Herbst 2020 (19. September bis 4. Oktober) verschoben. Zudem sollte im Centre Georges Pompidou derzeit eine große Ausstellung stattfinden, die die Arbeiten Christos und Jeanne-Claudes in den Jahren 1958 bis 1964, sowie das Pont-Neuf-Projekt in den Jahren 1975 bis 1985 in Paris zum Inhalt haben sollte. Diese Ausstellung wiederum ist der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Und ob der Arc de Triomphe wie geplant im Herbst auch tatsächlich verhüllt wird, ist fraglich.
Trotzdem ist im Sieveking Verlag ein Katalog erschienen – der die zurückliegenden Arbeiten des Künstlerpaares in Paris von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und dabei die Einzigartigkeit von Christo und Jeanne-Claude deutlich werden lässt.
Paris hat für die Kunst der beiden eine ganz entscheidende Bedeutung. Denn in der Seine-Metropole lernten sie sich 1958 kennen und planten von hier aus später viele ihrer großen Projekte. Das Buch beinhaltet Ideen, Skizzen, Skulpturen, Installationen, die teilweise in verschiedene andere Arbeiten mit einflossen. Anderes hingegen steht vollkommen für sich, wurde in Kunstausstellungen weltweit präsentiert.
Dabei mag es Christo überhaupt nicht, wenn er als Verpackungskünstler bezeichnet wird. Auf die Frage, warum er so dagegen sei, antwortete er im letzten Jahr dem Stern:
„Weil es meiner Kunst nicht gerecht wird. Es ist eine grobe Vereinfachung. Die Kunstwerke sind sehr verschieden. Die Umbrellas in Japan und Kalifornien waren keine Verpackung, die Gates im Central Park in New York und die Floating Piers auf dem Iseosee in Italien auch nicht. Verpackt habe ich schon lange nichts mehr seit Pont Neuf in Paris und dem Reichstag in Berlin. Gemeinsam haben die Projekte nur eines: Ich arbeite mit Geweben und Stoffen. Sie unterstreichen den zerbrechlichen, vergänglichen Charakter der Kunstwerke.“
Vieles von dem, was in dem Band „Paris!!“ zu sehen ist, ist weniger bekannt, wie zum Beispiel die Crater-Installationen aus dem Jahr 1959, oder die geschichteten/verpackten und bunt gemalten Ölfässer aus den Jahren 1961/62.
Und dann ist da natürlich das Verhüllen der Seine-Brücke Pont Neuf in Paris, mit 40.876 Quadratmetern champagnerfarbenem Polyamidgewebe, das in diesem Buch großen Raum einnimmt. Es macht deutlich, wie akribisch dieses Projekt von dem genialischen Künstler- und Lebenspaar geplant und umgesetzt wurde.
Jörg Konrad

Christo and Jeanne-Claude
„Paris!“
Sieveking Verlag

Abbildung:
 Photo © Jean-Dominique Lajoux.
Aus: Christo & Jeanne-Claude, Sieveking Verlag 2020

Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Montag 13.04.2020
Hörspiel: Arthur Schnitzler „Reigen“
Bilder
„Schandstück“, „Jüdische Schweinerei“, „Geilste Pronographie“. 1903 veröffentlichte Arthur Schnitzler sein Drama „Reigen“. Nach dessen Uraufführung im Kleinen Schauspielhaus in Berlin im Dezember 1920 waren dies die anschließenden Kommentare in den konservativen deutschsprachigen Tageszeitungen. Selbst Hugo von Hofmannstal, damals bekannter und einflussreicher österreichischer Schriftsteller, äußerte sich gegenüber Schnitzler: „Ihr bestes Buch, sie Schmutzfink.“
Allein der große Theaterkritiker Alfred Kerr schrieb über das Stück, das zuvor vom Spielplan wieder abgesetzt werden sollte: „Darf man Stücke verbieten? - Nicht mal, wenn sie schlecht geschrieben sind und schlecht gespielt werden; (was ein Standpunkt sein könnte). Hier aber ist ein reizendes Werk – und es wird annehmbar gespielt.“
Worum ging es? Schnitzler hat ein aus zehn Akten bestehendes Drama geschrieben, dessen zentraler Dreh- und Angelpunkt die Liebe, genauer die heuchlerische Sexualmoral um die letzte Jahrhundertwende ist. „Reigen heißt hier Liebesreigen. Und Liebe heißt hier nicht platonisch, sondern … Also: angewandte Liebe“, beschreibt Kerr zusammenfassend den Inhalt.
Es geht um fünf Paare, wobei ausgehend vom ersten Kapitel, in dem eine Dirne und ein Soldaten den Dialog bestreiten, in den folgenden jeweils eine der handelnden Personen in einer neuen Beziehungssituation beschrieben wird. Dabei ging es Schnitzler, der als studierter Mediziner auch als Psychiater tätig war, um das Entlarven von doppelbödiger Moral der Wiener Gesellschaft und damit um eine sozialkritische Studie, kurz - um Aufklärung.
Nachdem das Stück nicht nur bei seiner Premiere von Tumulten begleitet wurde, die bis hin zu Schlägereien an den Aufführungsorten führten und Schnitzler als Folge zudem stark mit antisemitischen Ressentiments konfrontierte, setzte er selbst das Stück ein Jahr später ab.
Sein Sohn Heinrich verlängerte nach dem Tod des Vaters das Aufführungsverbot, welches erst 1982 offiziell aufgehoben wurde.
Die vorliegende, legendäre, ungekürzte Lesung, mit Helmut Qualtinger, Peter Weck, Christiane Hörbiger, Helmut Lohner u.a., entstand trotz des Verbots im Jahr 1966. Sie bringt Schnitzlers Anliegen beeindruckend auf den Punkt.  Diese indirekte Direktheit, die schon im Text so einzigartig nachzulesen ist, bekommt durch den akustischen Dialog der Figuren zusätzlich Leben eingehaucht. Hat man diese beiden CDs gehört, werden einem diese rezitatorischen Meisterleistungen aller Beteiligten nicht mehr aus dem Sinn gehen. Versprochen!
Jörg Konrad

Arthur Schnitzler
„Reigen“
DAV
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 06.04.2020
Sigrid Nunez „Der Freund“
Was tut man, wenn der Mensch, den man am meisten liebt, sich das Leben genommen hat? Wie geht man mit dem Schock, der Leere, dem Schmerz um? In ihrem wunderbaren, eigenwilligen Buch über Liebe, Trauer und Literatur stellt sich die Autorin Sigrid Nunez diesen Fragen. „Der Freund“ wurde 2018 in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet und hat jetzt auch im deutschsprachigen Raum den Durchbruch geschafft.
Die Ich-Erzählerin des Romans ist, ebenso wie die Autorin, eine in New York lebende ältere Schriftstellerin, die an der Universität Kurse in creative writing hält. Auch der Freund, den sie im Buch anspricht, war Schriftsteller und Dozent und einst ihr Lehrer an der Uni, ein von Studentinnen umschwärmter Star der Szene. Nur einmal haben die beiden eine Nacht zusammen verbracht, danach nahm sie Anteil an seinen zahllosen Affären und seinen drei Ehen. Für sie, die keine eigene Familie hat, war er Seelenfreund, wichtigster Gesprächspartner, engster Vertrauter. Nach seinem unerwarteten Freitod hinterlässt er ihr ein Vermächtnis der besonderen Art: eine dänische Dogge namens Apollo, die auf den Hinterbeinen stehend mehr als zwei Meter misst. In der winzigen Wohnung der Ich-Erzählerin sind Haustiere verboten, aber da sich kein anderer Platz finden lässt, nimmt sie den sanftmütigen Riesen auf. Apollo ist ebenso verzweifelt und erschöpft vom Trauern  wie sie selbst. Tiere „begehen keinen Selbstmord. Sie weinen nicht. Aber sie können zerbrechen.“ Langsam fassen Frau und Hund jedoch Vertrauen zueinander. Der Titel des Buches erhält einen zweifach Sinn: Apollo nimmt zunehmend die Rolle des verstorbenen Freundes ein. Er wird für die Frau zu einem geliebten, tröstenden Gegenüber, zu ihrem Therapiehund. Das ist bewegend zu lesen. „Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüßen?“ Nachts legt ihr Apollo seine massive Pfote auf die Brust. Sie liest ihm aus ihrer Lieblingslektüre vor, da er sich dadurch am besten beruhigen lässt.
Natürlich ist sich Sigrid Nunez, die eine äußerst reflektierte Autorin ist, der Gefahren bewusst, die die Schilderung einer so engen Bindung zwischen Mensch und Tier beinhalten kann. Eine einsame Frau, deren bester Freund eine Dogge ist? Die mit ihrem Hund spricht und ihm vorliest? Ist das nicht eine unnatürliche Beziehung? Dieser Verdacht wird im Buch diskutiert, hat aber gegenüber der einzigartigen Freundschaft mit Apollo kein wirkliches Gewicht.
Nie gleitet die Geschichte in Sentimentalität oder Kitsch ab. Davor bewahrt sie auch der Humor der Autorin, der immer wieder aufblitzt, zum Beispiel wenn die Ich-Erzählerin auf das „literarische Interesse“ ihres Hundes aufmerksam wird, als er eine Ausgabe von Karl Ove Knausgard zerkaut.
Der Hinweis auf die autobiographischen Romane von Knausgard ist natürlich kein Zufall. Man fragt sich unwillkürlich beim Lesen, ob das Buch die eigenen Erlebnisse der Autorin schildert, ob es ihr ganz persönliches Trauerbuch ist. Das lässt sie bewusst in der Schwebe. „Ich gehe nie davon aus,… dass ein literarisches Werk autobiographisch ist“, belehrt die Dozentin einen Studenten.
Der Roman ist als vielgestaltige Rede an den anonymen Freund komponiert, den sie nur mit „Du“ anspricht. Niemand außer Apollo trägt einen Namen; er heißt wie der antike Gott des Lichts, der Heilung und der Künste und erhält damit auch eine symbolische Qualität.
Sigrid Nunez hat einen ganz besonderen, suchenden Stil. In einem unangestrengten Ton mäandert sie zwischen den verschiedenen Erzählebenen, zwischen Erinnerungen, persönlichen Bekenntnissen, Reflexionen und Zitaten zahlreicher Autorinnen und Autoren. Sie macht sich Gedanken über Liebe und Selbstmord, über Hunde und ihr besonderes Verhältnis zu den Menschen.
Ein Hauptthema, das sie immer wieder umkreist und von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, ist das Schreiben. Kann Schreiben helfen, Erlebnisse zu verstehen und zu verarbeiten? Ist das wirklich die Hauptaufgabe von Literatur? Was macht Literatur überhaupt aus?
Der Selbstmord des Freundes wird im Roman auch mit seiner Verzweiflung darüber begründet, dass Schriftsteller und ihre Bücher heute weitgehend ihre Bedeutung verloren haben. „Der Freund“ spiegelt das Leiden der Autorin an der Rolle von Literatur heute wider. „Es war einmal eine Zeit, als junge Schriftsteller – zunehmend die, die wir kannten – glaubten, Rilkes Welt würde ewig währen. Ich stimme meinen Studenten zu, dass diese Welt verschwunden ist.“ Heute sei kaum noch ein literarisches Werk vorstellbar, das einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft hat.
Diese Aussage sollte man wohl etwas relativieren. Jedenfalls könnte auch der kluge, anrührende Roman von Sigrid Nunez ein wenig dazu beitragen, die Welt  nachdenklicher und warmherziger zu machen.
Lilly Munzinger, Gauting

Sigrid Nunez
„Der Freund“
Aufbau Verlag
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2020 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.