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1. Abbas Khider „Palast der Miserablen“
2. Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
3. Andreas Guski „Dostojewskij“
4. Monique Truong „Sweetest Fruits“
5. Edgar Allan Poe „Neue unheimliche Geschichten“
6. Mario Vargas Llosa „Harte Jahre“
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Mittwoch 29.07.2020
Abbas Khider „Palast der Miserablen“
Bagdad im Jahr 2003. Ein junger Mann sitzt in einer Gefängniszelle, krank, halb verhungert, ohne Hoffnung. Sein Wärter ist eingeschlafen. Soll er versuchen, zu fliehen? Doch, falls es ihm gelänge, wer würde ihn verstecken? Keiner. „Alle haben Angst in diesem Land der unterirdischen Kerker.“
Mit dieser Szene beginnt das Buch „Palast der Miserablen“ von Abbas Khider, in dem er das Leben des jungen Shams im Irak der 1990er Jahre aus der Ich-Perspektive schildert, einem Land, das von Kriegen und der brutalen Diktatur Saddam Husseins schwer gezeichnet ist. Von Anfang an wird klar, wo alle Versuche von Shams, ein normales Leben zu führen, enden werden: im Kerker. Khider springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, der Gegenwart in der Zelle und dem Rückblick auf Shams' Leben. Wie durch eine Klammer wird seine Geschichte erbarmungslos durch das erste und das letzte Kapitel des Buches, eine Kerker- und eine Verhörszene, eingerahmt. Und auch in die laufende Erzählung sind immer wieder kurze Berichte aus seinem Gefängnisalltag eingeschoben. Es gibt kein Entrinnen.
Shams wird im Süden des Landes geboren. Nach dem ersten Irakkrieg brechen dort Aufstände aus. Aus Angst vor Saddams Rachefeldzug beschließt der Vater, mit Frau und Kindern nach Bagdad zu fliehen in der Hoffnung auf ein besseres, friedlicheres Leben. Doch sie landen im Blechviertel, einem Slum am Rande eines Müllberges. Ihr Haus bauen sie sich – wie alle hier – aus dem Material, das sie im Müll finden.
In einer schnörkellosen Sprache erzählt Khider detailgenau vom Alltag des jungen Shams und seiner Familie in der Zeit zwischen den Golfkriegen, der Zeit des Embargos durch den Westen. Es sind einfache Menschen, die mit all ihrer Vitalität ums Überleben kämpfen. Mit großem Erfindungsreichtum erproben sie immer wieder neue Möglichkeiten, um zu ein wenig Geld zu kommen. Der Vater handelt mit reparierten Gegenständen vom Schrottplatz, die Mutter entdeckt ihre Fähigkeiten als Wahrsagerin, und die Kinder verkaufen Plastiktüten, Wasser und Nüsse. Allmählich scheint die Familie Fuß zu fassen. Doch immer wieder gibt es Rückschläge. Das Leben bleibt von Armut, Angst und Gewalt geprägt. Kriege, Hunger und politische Säuberungen haben das Land ins Elend gestürzt. Saddam hat ein Schreckensregime errichtet. Überall lauern Spitzel. Saddams Soldaten prügeln, foltern und töten ihre eigenen Landsleute.
Abbas Khider hat in seinen Büchern seine Vergangenheit verarbeitet. 1973 wurde er in Bagdad geboren und schloss sich als junger Mann dem Widerstand gegen Saddam Hussein an. Er wurde verhaftet und misshandelt. Nach seiner Freilassung konnte er aus dem Irak fliehen. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Deutschland. Er schreibt in deutscher Sprache und gilt heute als eine der bedeutendsten Stimmen der irakischen Exilliteratur. Das Hauptthema seiner Bücher ist die Zerstörung der Menschen durch Diktatur und Krieg. Khiders Kunst ist es, persönliche Schicksale hinter den nüchternen Zahlen und anonymen Berichten aus Unruheherden im Nahen Osten nachvollziehbar zu machen. Seine Schilderungen gelten exemplarisch für alle Länder, in denen Menschen durch die politischen Verhältnisse zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden.
Auch in dem Roman „Palast der Miserablen“ findet sich viel Autobiographisches. Ebenso wie Khider selbst, der in Bagdad Mitglied einiger literarischer Zirkel war, findet sein Protagonist Shams Anschluss an eine Gruppe von Intellektuellen. Jeden Freitag treffen sie sich. „Das also waren wir. Acht Literaturbegeisterte in der Wohnung eines Blinden. Der Palast der Miserablen.“ Khider beschreibt, welches Glück und welche Befreiung Literatur für den Einzelnen bedeuten kann. Shams eröffnet sich eine Welt jenseits aller Härten seines Alltags. „Es war, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen...“  Die Beschäftigung mit Büchern bedeutet aber nicht nur Flucht aus der bedrückenden Gegenwart. Sie fördert Sensibilität und selbständiges Denken und kann in einer Diktatur ein Akt des Widerstands sein. Shams' Freunde sind freie Geister, die sich im Palast der Miserablen kritisch über Saddams Terrorregime austauschen. Daher sind sie verdächtig, werden überwacht und bespitzelt.
Als Shams aus purer Not Schriften einer verbotenen islamistischen Gruppierung verkauft, wird er verraten und verhaftet. Sein Verhör durch einen hohen irakischen Militär, in dem sich geheuchelte Freundlichkeit, Drohungen und Gewalt abwechseln, gehören zu den beeindruckendsten und beklemmendsten Kapiteln des Romans. Man spürt, dass der Autor diese Szene aus eigenem Erleben heraus so hautnah schildern kann. Abbas Khider hat ein hartes, beeindruckendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting
 
Abbas Khider
„Palast der Miserablen“
Hanser
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Dienstag 23.06.2020
Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
Was tun, wenn die eigene Frau nach dreißig Ehejahren neben ihrem Mann auf dem Sofa sitzend verstirbt – und er merkt es nicht? Was soll man von einer Englischlehrerin halten, die es an einen runtergekommenen, düsteren Ort zieht, um dort ihre Drogen-Sehnsucht auszuleben? Oder von einem Mann, der das letzte Wochenende, bevor sein erstes Kind geboren wird („ … und mein Leben, so wie ich es bisher kannte, auf immer ruinieren würde ….“), sich allein auf eine Hütte zurückzieht, um seiner (hochschwangeren) Frau etwas heimzuzahlen? Die jeweiligen Handlungsorte in dem Erzählungsband „Heimweh nach einer anderen Welt“ scheinen jedes Mal die von der Sonne abgewandte Seite des Lebens zu sein.
Ottessa Moshfegh schreibt auch in ihrem vierten ins deutsche übersetzte Buch schonungslos direkt. Ihre  Sprache ist hart, ökonomisch, ihre Gedanken kompromisslos intelligent, voll schockierender Überraschungen. Sie erzählt über ihre Figuren, trotz aller Ambivalenz, mit einer gewissen Empathie. Alltagshelden im herkömmlichen Sinn sind sie aber alle nicht.
Mal schreibt Ottessa Moshfegh dabei aus dem Blickwinkel eines Mittvierziger, der in die Frau der Videospielhalle verliebt ist, dann aus dem einer achtundzwanzigjährigen Ersatzgeschäftsführerin, die sich gern vor Männern auszieht. Die Ich-Erzählerin ist in „Ein besserer Ort“ eine Zwillingsschwester, die unbedingt Jarek Jaskolkas umbringen will und in „Hier passiert nie was“ ein „Pierce Brosnan-Typ“, der in Hollywood um jeden Preis Karriere machen möchte. Perspektivwechsel auf allen Ebenen und am laufenden Band.
Zugegeben, die Figuren, die „Heimweh nach einer anderen Welt“ bevölkern, sind durchweg gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen verstörend. Vom Leben geschundene Kreaturen, die nach außen mit aller erdenklichen Mühe versuchen, wenig aufzufallen. Doch hinter der Fassade - Zerrüttung und Verfall. Destruktion und Schmerz. Es sind die Opfer von Entsozialisierungen, Menschen, die vielleicht nie eine wirkliche Chance auf die sehnsüchtige Balance in ihrem Leben hatten.
Wobei die Autorin selten versucht, die Hintergründe des „Andersseins“ ihrer „Helden“ in Erfahrung zu bringen und das Ergebnis dieser Analyse mit dem Leser zu teilen. All diese kurzen biographischen Einblicke sind Momentaufnahmen in eine aus dem Lot geratene Gesellschaft, literarisch faszinierende Blitzlichtgewitter in schwarz-weiß.
Und oft lesen sich die Short Stories so, als seien all diese Miss Mooneys, Terris, Jebs und Johns über das Stadium hinaus, in dem sie für sich und ihr Leben noch auf irgend etwas hoffen würden. Sie alle nehmen ihr Schicksal mehr oder weniger emotionsarm an, wundern sich nur selten über die abstrusen Geschehnisse in ihrem jeweiligen Alltag, scheinen nicht einmal mehr in der Lage, auf ihr Schicksal traumatisch zu reagieren. Weil ihr Leben selbst ein Trauma ist. Wir Leser können es nur vermuten.
Die 1981 in Boston, Massachusetts geborene Autorin macht es ihren Lesern selten leicht. Aber das kennen wir schon aus ihren Romanen „Eileen“, „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ und vor allem aus „McGlue“, dieser düsteren wie wuchtigen Seemannsklamotte. Auch hier sind ihre Illusionen keine Traumbilder, deren Erfüllung man sich wünscht.
Jörg Konrad


Ottessa Moshfegh
„Heimweh nach einer anderen Welt“
Liebeskind
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Montag 15.06.2020
Andreas Guski „Dostojewskij“
„Dostojewski hat uns das Leben gezeigt. Das ist wahr. Aber sein Ziel bestand darin, unsere Aufmerksamkeit auf das Rätsel des geistigen Seins zu richten“, sagte einst Albert Einstein über den russischen Großautor.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski ist ein Monolith im Reich der Literatur, wirkt unantastbar, respekteinflößend, wird als Klassiker verehrt. Aber steckt denn hinter diesem Namen auch ein Mensch, der den Alltag in all seinen Schattierungen, seinen wie scheinbaren Kleinlichkeiten und entbehrenden Herausforderungen bezwingen musste? Musste er zu Lebzeiten persönliche Niederlagen verarbeiten, und wie stark war sein Kampf um gesellschaftliche Anerkennung?
Der Sohn eines Armenarztes, 1821 in Moskau geboren, durchlebte in seinem relativ kurzen Leben wohl sämtliche Tiefen und Höhen, die einem Menschen zu Teil werden können. Er hatte immer wieder persönliche Schicksalsschläge zu verkraften, litt unter Epilepsie, Tuberkulose und Spielsucht, scheiterte unternehmerisch mehrmals als Herausgeber von literarischen Monatszeitschriften, wurde aufgrund seines politischen Engagements für die Petraschewzen festgenommen, zum Tode verurteilt und erst Sekunden vor der Exekution begnadigt und verbannt - um nur einige der individuellen Katastrophen aufzuzählen. Dieses vom Schicksal und den Umständen der Zeit gezeichnete Leben hat Andreas Guski, Professor für Slavische Philologie an der Universität Basel, vor zwei Jahren in einer packenden Biographie aufbereitet und veröffentlicht. Auf über 450 Seiten kann der Leser eintauchen, in das Umfeld des russischen Autors, kann den gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit in dem östlichen Großreich nachspüren und erfährt etwas über das literarische Leben, über die Rivalitäten von Autoren und Herausgebern.
Guski gelingt es beeindruckend, den Autor vom Sockel der Heldenverehrung zu holen, ein vollständiges Porträt zu vermitteln, das man auch als eine Art kritische Biographie bezeichnen kann. Das kann nur gelingen, weil Guski „seinen“ Dostojewskij kennt, seine Literatur, seine Persönlichkeit und seine Zeit in der er wirkte. Guski schafft aus diesem Dreiklang ein wunderbares, sehr gut recherchiertes Buch, das mit seinem Anspruch anregt, sich wieder öfter mit dem literarischen Schaffen des Russen zu beschäftigen.
Der Leser nimmt teil an dem großen Erfolg den gleich Dostojewskis erster (sozialkritischer) Roman „Arme Leute“ (1846) in der Moskauer Literaturszene auslöste. Die folgenden Arbeiten hingegen wurden von der Literaturkritik massiv verrissen und zeigen, laut Guski, erst mit zeitlichem Abstand deren wahre Qualität und Bedeutung. Erst mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, einem Schlüsselwerk Dostojewskis, bewegte er sich ab 1862 wieder in der Erfolgsspur, die er, bis auf wenige Ausnahmen, bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen sollte.
Die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ sind eine Art Tagebuch-Roman, in dem Dostojewski seine Eindrücke der insgesamt zehnjährigen Verbannung verarbeitet, von denen er vier in einem Straflager verbringen musste. Diese Eindrücke sind die ersten literarischen Arbeiten, die sich mit dem Thema Gulag auseinandersetzen und die den Autor sein Leben lang verfolgten und in vielen weiteren Romanen erneut auftauchen. Immer wieder setzt er sich mit dem Verbrechen auseinander, taucht ein in das Denken und Fühlen von Kriminellen, dessen Ursprung in den Erlebnissen im dreitausend Kilometer entfernten sibirischen Gefängnislager zu finden ist.
Guski spart aber auch unangenehmere Themen nicht aus, wie die von Dostojewski häufig schriftlich und mündlich geäußerten antisemitischen Denkweisen, seine strikte Ablehnung allgemein der westlichen, speziell der deutschen Kultur (obwohl er häufig die Städte Wiesbaden und Baden Baden zur Befriedigung seiner Spielsüchte, sowie Bad Ems als Kurort aufsuchte). Ihm ging es immer um „ ....die Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins der Russen – ihrer Selbsterkenntnis ebenso wie ihrer Selbstachtung …. “, wie Guski schreibt. Zudem ist ihm „ ... das Festhalten an der wahren Lehre Christi (Orthodoxie) und die historische Bestimmung der Russen als „ … „Gottesträger-Volk“....“ von außerordentlicher Wichtigkeit.
Natürlich beschäftigt sich Guski auch ausführlich und intensiv mit den sechs großen Romanen Dostojewskis (Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Dämonen, Der Jüngling, Die Brüder Karamasow), die seinen eigentlichen und bis heute anhaltenden Ruhm begründen. Er ordnet diese historisch ein, findet Bezüge zum politischen Tagesgeschehen in Russland und widerspricht der häufig geäußerten Meinung, Dostojewski selbst wäre mit den Hauptfiguren seiner Romane stets  gleichzusetzen.
Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski am 31. Januar 1881 in Sankt Petersburg zu Grabe getragen wird, reihten sich Zehntausende, vor allem junge Menschen in den Trauerzug mit ein, siebenundsechzig Institutionen, Hochschulen, Redaktionen und Verbände schicken Abordnungen - der Verkehr der Stadt kam vollends zum erliegen.
Jörg Konrad

Andreas Guski
„Dostojewskij“
C.H. Beck

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Mittwoch 27.05.2020
Monique Truong „Sweetest Fruits“
„Patricio Lafcadio Hearn war von Geburt an hungrig… Alle Babys werden mit leerem Magen geboren, aber nicht alle haben einen so bedürftigen Blick.“ So beschreibt Rosa Cassimati ihren Sohn in Monique Truongs historischem Roman „Sweetest Fruits“, und sie schlägt damit eines der zentralen Themen des Buches an: den Hunger, der im übertragenem Sinn ein Hunger nach Liebe, Anerkennung und Heimat ist.
Monique Truongs Roman, eine Mischung aus Fakten und Imagination, handelt von Lafcadio Hearn, einem Schriftsteller griechisch-irischer Abstammung. 1850 wurde er auf der Insel Lefkada geboren – daher der Vorname –, und er starb nach einem ruhelosen und bewegten Leben im Jahr 1904 in Tokio. Sein Weg führte ihn von Griechenland über Irland in die USA, von dort nach Martinique und schließlich nach Japan, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er heiratete eine Japanerin, nahm die japanische Staatsbürgerschaft an, war Lehrer und Professor für Englisch und wurde zu einem berühmten Schriftsteller. Nach der Öffnung Japans in der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet die westliche Welt in ein wahres Japanfieber, und Hearns Reportagen, Märchen und Mythen aus dieser exotischen Welt wurden mit Begeisterung gelesen. Sie prägen, vor allem im Land selbst, das Bild des alten Japan bis heute.
Die vietnamesisch-amerikanische Autorin Monique Truong nähert sich in ihrem Roman dem historischen Lafcadio Hearn auf indirekte Weise. Sie holt drei Frauen aus dem Schatten der Vergangenheit und lässt sie mit ihrer jeweils eigenen Stimme erzählen: seine Mutter und seine beiden Ehefrauen. Zwischen diese drei Geschichten aus der Ich-Perspektive fügt Truong Auszüge aus einer 1906 erschienen Biographie über Hearn ein, die die nötigen Informationen liefern. So entsteht ein facettenreiches Bild des Schriftstellers und seiner verschiedenen Lebenssituationen, eingebettet in den historischen Hintergrund. Gleichzeitig lernt man drei ganz unterschiedliche Frauen kennen, die aber eines verbindet: nach existentiellen Umbrüchen sind sie gezwungen, sich jenseits ihrer bisherigen Rollen neue Lebenswege zu suchen, und sie haben den Mut, die Konventionen ihrer Umgebung hinter sich zu lassen. Es ist wunderbar zu lesen, wie Monique Truong für jede der drei Frauen einen eigenen Ton, eine besondere Farbe findet.
Lafcadio Hearns Mutter erzählt ihre Geschichte in einer sehr sinnlichen, von religiösen Bildern geprägten Sprache. Sie wird auf einer griechischen Insel in eine patriarchalische Welt hineingeboren, vom Vater und den Brüdern eingesperrt und brutal unterdrückt. Als sie sich in einen irischen Militärarzt verliebt, der in Griechenland stationiert ist, bricht sie aus ihrem Gefängnis aus und folgt ihrem Mann nach Irland, zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Lafcadio. Die Ehe scheitert, der Vater verlässt die Familie, Rosa kehrt nach Griechenland zurück. Lafcadio bleibt allein bei seinen irischen Verwandten. Elternlos wächst er in einer lieblosen Umgebung auf, ein sensibles, schwer traumatisiertes Kind, dessen Suche nach Heimat sein Leben bestimmen und ihn um die halbe Welt treiben wird.
Die zweite Geschichte wird von Alethea Foley, einer freigelassenen Sklavin, in einer kraftvollen Sprache erzählt. Sie arbeitet in Cincinatti als Köchin, wo sie den 22-jährigen Lafcadio kennenlernt. Er schlägt sich in den USA als Zeitungsschreiber durch. Beide sind Entwurzelte, und gemeinsam versuchen sie, sich eine neue Existenz aufzubauen. Doch der Rassismus seiner Umgebung, der auch ihn als Mann einer Farbigen trifft, seine eigene Rastlosigkeit und Bindungsunfähigkeit lassen Lafcadio die Flucht ergreifen.
Im Jahr 1890 verschlägt es ihn schließlich als Korrespondent nach Japan. Hier setzt die Geschichte seiner zweiten Ehefrau ein. Koitsumi Setsu stammt aus einem verarmten Samuraigeschlecht. Durch sie findet Lafcadio Hearn die „süßesten Früchte“: eine Identität, eine Familie und eine  fremdartige Welt, die Stoff für sein schriftstellerisches Werk wird. Doch seine wahre Heimat ist die Literatur.
Monique Truong charakterisiert die Japanerin Setsu, ihre vornehme Herzensbildung, durch eine zurückhaltende, sehr poetische, bilderreiche Erzählweise: „… du warst ein Dichter, dessen Rezitationen den Abendhimmel in wirbelndes Sternenlicht verwandelten und den Mond in Flügelgeflatter...“ sagt sie über ihren Mann.
„Sweetest Fruits“ ist mit Einfühlungsvermögen und Empathie für alle Figuren geschrieben, grundiert von einer starken Sozialkritik: Kritik an Sklaverei, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Unterdrückung von Frauen. Die schillernde Figur des Lafcadio Hearn, eines Reisenden und Suchenden, ist Monique Truong aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte besonders nah. Sie, die als Kind aus Vietnam nach Amerika fliehen musste, weiß, was es bedeutet, zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen zu stehen. Sie weiß, was es heißt, heimatlos zu sein. Sie hat ein faszinierendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting

Monique Truong
„Sweetest Fruits“
C.H.Beck
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Mittwoch 13.05.2020
Edgar Allan Poe „Neue unheimliche Geschichten“
Wer kennt keine Erzählung von ihm? Sei es „Die schwarze Katze“, „Die Fallgrube und das Pendel“, „Die Maske des Roten Todes“ oder eine andere der über sechzig Kurzgeschichten, der Gedichte oder den (einzigsten) Roman „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“?
Edgar Allan Poe ist ein Meister des Packend-Schaurigen, ein Schriftsteller, der die Kriminalliteratur bis heute prägt und mit zu den bekanntesten Autoren der Weltliteratur zählt. Ihn aber allein als den „Erfinder“ von Spukgeschichten zu bezeichnen, würde dem 1809 in  Boston/Massachusetts geborenen Sohn eines Schauspielerehepaars nicht gerecht werden.
Poe war, wie Andreas Nohl in seinem Nachwort zu „Neue unheimliche Geschichten“ schreibt, als Autor ein Avantgardist der Moderne. In seinen Texten spiegelt sich nicht allein die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielschichtigkeit wieder. Er ist zugleich ein bemerkenswerter individueller Psychologe, der die menschliche Seele auch in ihren außergewöhnlichsten Situationen sicher erforscht, der um die tiefen Abgründe des Unbewussten weiß und diese literarisch meisterhaft in Szene zu setzen versteht.
Wie bei kaum einem anderen Autor seiner Zeit bestimmt weniger das Formale, also die erzählte Handlung, den Inhalt seiner Geschichte – auch wenn dies vordergründig der Fall zu sein scheint. Ihre eigentliche Größe erhalten die Erzählungen erst durch die psychologische Meisterschaft, mit der Poe die Hauptfiguren regelrecht zum Leben erweckt. Er dringt förmlich bis in die letzten Winkel ihrer Seelen vor, leuchtet diese erbarmungslos aus und macht deutlich, welch existenzielle Emotionen diffuse Ängste auslösen können. Überwältigend geschrieben beschäftigt er sich voller Leidenschaft mit dem Abstrakten, macht es greif- und damit verstehbar.
Mit „Neue unheimliche Geschichten“ legt nun dtv nach drei Jahren den von Charles Baudelaire 1857 herausgegebenen und von Andreas Nohl neu übersetzten Folgeband „Unheimliche Geschichten“ vor. 360 Seiten Poe pur. Ein Fest für die Sinne und den Intellekt. Meisterhaft editiert.

Inhalt: Der Dämon der Perversität; Das verräterische Herz; König Pest; Streitgespräch mit einer Mumie; Die Macht der Worte u.a.

Jörg Konrad


Edgar Allan Poe
„Neue unheimliche Geschichten“
dtv
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Mittwoch 06.05.2020
Mario Vargas Llosa „Harte Jahre“
Sich der Geschichte Zentralamerikas der letzten 100 Jahre literarisch zu widmen, heißt auch immer über Revolutionen, Diktaturen und Bürgerkriege zu schreiben. So ist auch der neue Roman von Mario Vargas Llosa aufgrund der geopolitischen Lage und der Zeit seiner Handlung fast zwangsläufig ein Buch über politische Hörigkeit und Willkür, über Verschwörung und Verrat, über Gewalt, Intrigen und zerstörte Hoffnungen geworden. Llosa erzählt die Geschichte um den einstigen Präsidenten Guatemalas Jacobo Árbenz Guzmán, der demokratisch gewählt an die Macht kam und das lateinamerikanische Land von 1951 bis 1954 versuchte, aus Armut und Korruption heraus in eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu führen.
Doch die amerikanische United Fruit Company, Erfinderin der bis heute weltweit bekannten „Chiquita“, besaß damals riesige Bananenfelder in Guatemala und hatte enorme Befürchtungen, aufgrund der angestrebten gesellschaftlichen Veränderungen an Einfluss und Profit zu verlieren. So kollaborierte das Unternehmen 1954 mit der CIA und beide inszenierten unter dem Deckmantel, dass Jacobo Árbenz einen kommunistischen Umsturz anstrebe, einen Militärputsch. CIA, Banankonzern und der damalige Diktator der Dominikanischen Republik Rafael Leónidas Trujillo Molina hievten Oberst Carlos Castillo Armas ins oberste Amt, der in kurzer Zeit eine Militärjunta in Guatemala installierte. Alle zuvor von Arbenz zum Wohle des gesamten Volkes erreichten Errungenschaften, von denen besonders die Agrarreform eine Meisterleistung war, wurden abgewickelt. Die Folgen dieses politischen Rückschritts sind bis heute in ganz Zentralamerika spürbar.
Der peruanische Nobelpreisträger Vargas Llosa entwickelt im ersten Teil des Romans ein aus verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen geknüpftes Netz, in dem Personen entsprechend ihres historischen Wirkens individuelle Konturen bekommen.
Vargas Llosa gelingt es, die tatsächlichen politischen Ereignisse dieser revolutionären Zeit mit fiktivem Geschehen und subjektiven Einschätzungen zu verknüpfen und letztendlich einen Roman vorzulegen, der ebenso entlarvend ist, wie er sich spannend liest.
Eine wichtige Rolle bei dem Recherchevorgang und der geschichtlichen Aufarbeitung dieser Zeit spielten für den Autor die Nebenfiguren des damaligen Komplotts. Allen voran die Geliebte des Diktators Castillo Armas, die als wunderschön und intelligent beschriebene Marta Borrero, auch Miss Guatemala genannt. Und Oberst Johnny Abbes Garcia, ein Folterer und Mörder, der verschiedenen Diktatoren Zentralamerikas als Sicherheitschef diente und dessen abgründige Taten historisch verbrieft sind. Seine Beziehung zu Marta Borrero und die Flucht der beiden des nachts von Guatemala nach El Salvador, nachdem Castillo Armas ermordet wurde, ist über weite Strecken Inhalt des zweiten Teils. 
Es wäre für Vargos Llosa, den Kenner menschlicher Leidenschaften und Abgründe, aber zu einfach, diese sich durch eine gnadenlose Brutalität auszeichnende Charaktere einseitig darzustellen. Er beschreibt die Figuren als ebenso charmant, sorgend und liebevoll, wie sie andererseits Schmerz und Vernichtung befehlen. Dieses Widersprüchliche in ihrem Auftreten und in ihrer Wirkung macht den Schrecken, für den sie sich verantwortlich zeichnen, noch ungeheuerlicher, noch furchterregender.
Mario Vargas Llosa hat mit „Harte Jahre“ eine Art Geschichtsbuch in Romanform vorgelegt, das in seinem aufklärerischem und entlarvenden Inhalt weit über sein Buch „Das Fest des Ziegenbocks“ hinausgeht.
Jörg Konrad

Mario Vargas Llosa
„Harte Jahre“
Suhrkamp
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Autor: Siehe Artikel
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