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1. Thomas Hettche „Herzfaden“
2. Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
3. James Ellroy „Jener Sturm“
4. Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“...
5. Roberto Bolano „Cowboygräber“
6. Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
Bilder
Montag 23.11.2020
Thomas Hettche „Herzfaden“
Das Buch beginnt wie ein Märchen. Nach einer Aufführung der Augsburger Puppenkiste gerät ein junges Mädchen unserer Tage auf den versteckten Dachboden des Theaters. Es schrumpft und erkennt um sich herum plötzlich die  Marionettenfiguren der Puppenkiste: Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel aus dem Eis, Kater Mikesch und all die anderen. In ihrer Mitte sitzt eine schöne Frau in einem altmodischen Kostüm. Hatü, wie sie genannt wird, erzählt dem Mädchen ihre Geschichte.
Thomas Hettches Roman „Herzfaden“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 stand, ist ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore -  „Hatü“- Oehmichen und der Augsburger Puppenkiste. Gleichzeitig beleuchtet Hettche die Nazizeit in Augsburg und die Kultur- und Mediengeschichte der jungen Bundesrepublik, für die das Augsburger Puppentheater weit über die Kinderzimmer hinaus prägend war.
„Herzfaden“ spielt abwechselnd auf zwei Erzählebenen. Sie sind durch rote und blaue Schrift optisch voneinander unterschieden und inhaltlich kunstvoll aufeinander bezogen. Da ist die magische Märchenwelt des Speichers, in der Marionettenpuppen sprechen können und Hatü wieder lebendig ist. Und da ist die realistische Ebene, Hatüs Erzählung, durch die das junge Mädchen einen bewegenden Geschichtsunterricht erhält.
Schlaglichtartig werden verstörende Szenen ausgeleuchtet, die Hatü als Kind in Augsburg erlebt hat: der Abtransport einer alten Jüdin aus ihrer Nachbarschaft durch die Gestapo, die von Scherben übersäten Straßen nach der Reichskristallnacht, die Bombardierung der Stadt. Hatüs Vater Walter Oehmichen, ein bekannter Schauspieler, führt während des Krieges vor verwundeten Soldaten mit selbstgebastelten Marionetten Märchen auf, um dem Grauen etwas entgegenzusetzen.Nach dem Krieg macht er das Marionettenspiel zu seinem Brotberuf. Die „Augsburger Puppenkiste“ wird gegründet, an der die ganze Familie mitwirkt: Die Mutter näht Kostüme, Hatü schnitzt Puppen, und alle spielen mit. Das Theater wird zunehmend bekannt, das Ensemble wächst, bis schließlich das noch junge Fernsehen die Stücke der Puppenkiste in die Wohn- und Kinderzimmer der ganzen Bundesrepublik überträgt. Der Hunger nach Unterhaltung, nach Kultur ist bei Jung und Alt groß.
Thomas Hettche hat sorgfältig recherchiert. Man begegnet im Roman wichtigen Personen aus der Kulturszene der Kriegs- und Nachkriegszeit, Schauspielern, Schriftstellern wie Thomas Mann und Ernst Wiechert  und natürlich Michael Ende. Die Gespräche und Diskussionen, die Hettche den Figuren des Romans in den Mund legt, kreisen vor allem um eine große Frage: Welche Aufgabe hat Kunst nach dem Krieg und dem Nationalsozialismus? Kann man nach all dem noch Märchen erzählen?
„Als der Krieg vorbei war, sagte ich mir: Je stärker ich die Menschen aus dem Elend entführen kann, desto mehr helfe ich ihnen.“ Walter Oehmichen will durch den Zauber des Puppenspiels, durch Fantasie, Imagination und die Grazie der Marionetten die Seelen der Menschen erreichen und eine Gegenwelt zu Brutalität und Zerstörung schaffen. Der wichtigste Faden einer Marionette ist für ihn der unsichtbare Herzfaden, der am Herzen der Zuschauer festgemacht ist.
Marionetten hält Oehmichen für die besseren Schauspieler, sie sind jenseits von Verführbarkeit und Schuld. Hier knüpft Hettche an den berühmten Essay „Über das Marionettentheater“ von Heinrich von Kleist an. Die Fähigkeit zur Reflexion ist für Kleist die Ursache dafür, dass Menschen die Beweglichkeit, Leichtigkeit und Grazie von Marionetten niemals erreichen können. Da Puppen kein Bewusstsein haben, sind ihre Bewegungen von natürlicher Anmut und Unschuld.
Das Thema Schuld spielt auch auf der Märchenebene des Romans eine Rolle. Den düsteren Speicherraum kann man als Bild für verdrängte Erinnerungen lesen. Hier erfährt ein Mädchen unserer Zeit von Nationalsozialismus und Judenvernichtung. Und es erhält von Hatü eine wichtige Aufgabe: es soll den unheimlichen Kasperl, Symbol für das Böse, besiegen. Mit Hilfe der Marionetten gelingt es dem Mädchen, Kasperls gemeines Grinsen in ein freundliches Lächeln zu verwandeln und ihn zu erlösen. Was ist ein Märchen? „Man wünscht sich etwas und es geht in Erfüllung“ sagt Michael Ende im Roman.
Thomas Hettche hat mit „Herzfaden“ ein höchst lesenswertes, wunderbar vielschichtiges Buch geschrieben. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste wird gekonnt mit der Zeitgeschichte verknüpft, wobei Hettche mit leichter Hand auch philosophische und kunsttheoretische Themen berührt.
Lilly Munzinger, Gauting

Thomas Hettche
„Herzfaden“
Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer und Witsch Verlag

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Montag 09.11.2020
Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
„Ich wollte nie wirklich berühmt sein, weil man dann nicht rumspazieren kann, wie man will“, erzählte Joni Mitchell der Journalistin Malka Marom 2012 in einem Interview. Aus dieser Anonymität ist leider, aber vielleicht sollte man auch lieber sagen zum Glück, nichts geworden. Die 1943 in Kanada geborene Roberta Joan Anderson ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Musikerinnen im Grenzbereich von Folk, Rock`n Roll, Jazz, Klassik und Pop. Einem Distrikt, in dem das Künstlerische nicht ganz ungefährlich ist, weil die Fallstricke zur glanzlosen Unverbindlichkeit gefährlich offen liegen.
Das Besondere an Mitchells Texten waren die Zweifel, die Bedenken und die tiefe Nachdenklichkeit gegenüber der bestehenden Welt, die in ihren Songs Raum fanden. Ihre Stimme besaß diese brüchige Klarheit, die vom ersten Ton an faszinierte und sich unter die Haut schlich. Die Musik war spröde aber vorwärtstreibend, poetisch dabei doch bodenständig, sparsam in der Instrumentierung, jedoch später immer mit ausgezeichneten Solisten besetzt. Nie wollte sie „nur“ Folksängerin sein, sondern ihren musikalischen und geistigen Horizont stets erweitern und dies wiederum in ihren Songs zum Ausdruck bringen. Ihr größter Hit war „Woodstock“, der, zuerst von Crosby, Stills, Nash & Young interpretiert, zur Hymne einer ganzen Generation aufstieg.
Ihr letztes offizielles Album liegt 13 Jahre zurück. Und immer wieder gibt es Gerüchte über ihren angeblich schlechten Gesundheitszustand. Insofern ist das Büchlein „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück“ aus dem Schweizer Kampa Verlag absolut passend, auf die kreative Lebensleistung der heute 76jährigen Sängerin, Gitarristin, Komponistin ausdrücklich zu verweisen.
Grundlage für diesen 250 Seiten starken Text sind drei ausführliche Interviews, die Malka Marom zwischen 1973 und 2012 mit Joni Mitchell führte. Es gibt kaum ein Thema, das hier im Gespräch ausgespart wurde. Die Polioerkrankung in ihrer Kindheit, die frühe Mutterschaft und das fast zeitlebens andauernde schwierige Verhältnis zu ihrer Tochter, ihre Liebesbeziehungen zu James Taylor, Bob Dylan und Leonard Cohen, ihre musikalische Zusammenarbeit mit Wayne Shorter, Eric Clapton und Charles Mingus und natürlich der Prozess des Komponierens, das Schreiben von Gedichten, die öffentliche Wirkung ihrer Alben und die inspirierenden Momente für sie als Malerin.
Joni Mitchell hat in über fünf Jahrzehnten ihres Schaffens eine überschaubare Anzahl an Alben eingespielt. Einige von ihnen sind Meisterwerke geworden, gehören zum Kanon der modernen Musik des 20. Jahrhunderts. Sie hat der Poesie eine einzigartige Stimme gegeben und zugleich sich kämpfend mit der Realität des (Über-)Lebens auseinandergesetzt („In meinen Songs steckt viel Nietzsche drin“). Sie hat Humor („Wenn ich Spaß habe, kann ich ziemlich blond sein“), große Vorbilder (Über Billie Holiday: „Ich mag ihren Lebensüberdruss, und da ist etwas Transzendentes in ihrer Seele, etwas, das über sie hinauswuchs“) und ist selbstbewusst („Krise kann ich gut.Ich gerate nicht in Panik“).
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“ ist ein Buch, das Lust auf ihre Musik macht, es sind eine Art kommentierende Gedanken zu ihren Werken, die unzertrennlich mit ihrem Leben verbunden sind. Informationen sozusagen ungefiltert aus erster Hand.
Jörg Konrad

Joni Mitchell
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“
Kampa Verlag
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Montag 02.11.2020
James Ellroy „Jener Sturm“
Zeit der Handlung: Einunddreißigster Dezember 1941 bis achten Mai 1942
Ort der Handlung: Los Angeles, San Francisco, Lone Pine, San Diego, Manzanr, Baja, Esenada, Tijuana, La Paz. Die letzteren vier Orte befinden sich in Mexiko.
Handelnde Personen: Hideo Ashida / Forensiker, angestellt beim LAPD; Joan Conville / Krankenschwester, Lieutenant des US Marine Corps; Elmer Jackson / Sergeant beim LAPD; Dudley Smith / Sergeant beim LAPD; ca. 90 weitere Personen.
Die Handlung: Kurz nach dem Pearl Harbor Angriff der japanischen Luftstreitkräfte. Alles dreht sich um Mord, Korruption, Rassismus, Politik, Gier, Drogen, Raub, Verrat, Gold und Sex.

James Ellroy legt mit „Jener Strum“ den zweiten Band seines zweiteiligen L.-A.-Quartetts vor. Knapp tausend Seiten, vollgepackt mit Sätzen, die wie Dynamit explodieren, oder zumindest wie verirrte Querschläger die Luft durchsieben. Ein Roman, der wie im Wahn geschrieben scheint. Wahre Helden gibt es nicht. Nur skrupellose Widerlinge, die ohne jede Moral ihren Vorteil suchen. Hoffnungslos Gestrandete, die am scheinbaren gesellschaftlichen Glück anderer teilhaben wollen und letztendlich noch tiefer im eigenen Morast versinken.
Es treten fiktive und reale Figuren auf (Orson Wells, Bertold Brecht, Leni Riefenstahl), es wird der Hitler-Stalin-Pakt zitiert, Verschwörungstheorien entworfen und die erschlagende Realität in kaum fassbare Höhen geschraubt.
Wer Lichtgestalten sucht, wird hier nicht fündig werden. Wer seelisch instabil ist, sollte Ellroy vielleicht sogar meiden. Denn für den heute 72jährige Amerikaner gibt es keine akzeptablen Kompromisse und erst recht kein Happy End. Das hat er in seinen über 20 Romanen, von denen allein sieben verfilmt wurden, deutlich unter Beweis gestellt.
Holzschnittartig entstehen Psychogramme von Psychopathen. Glaubwürdig sind diese allemal. Das mag daran liegen, dass Ellroy genau weiß worüber er schreibt. Denn bevor er als Autor seine Erfolgskarriere begann, war er Kleinkrimineller, Drogerdealer, Obdachloser, Gefängnisinsasse. Mit zehn Jahren verlor er seine Mutter durch ein Gewaltverbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt ist.
Ellroy macht nichts anderes wie einst Émile Zola, dessen 20-bändiger Rougon-Macquart-Zyklus eine Art Natur- und Sozialgeschichte zum Ende des vorletzten Jahrhunderts darstellt, oder sein großes Vorbild Honoré de Balzac, der mit den 90(!) Romanen der „Comédie humaine“ ein schonungsloses Sittenbild Frankreichs im 19.Jahrhundert entwarf. Was Ellroy seit fast vier Jahrzehnten zu Papier bringt, ist somit einerseits die Bewältigung seines eigenen Traumas. Zum anderen die daraus resultierende Charakterisierung der westlichen Welt aus dem Blickwinkel des Verbrechens.
Vielleicht kann man ja „Jener Sturm“ als einen zeitnahen Kommentar auf die momentane gesellschaftliche Situation in den USA lesen. Ein Sittengemälde einer Welt im Abwärtsstrudel. Warten wir den 3. November ab.
Jörg Konrad

James Ellroy
„Jener Sturm“
Ullstein
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Freitag 23.10.2020
Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
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Sie überlegen noch, wie sie unter den gegebenen Umständen die letzten Monate dieses Jahres verbringen? Oder wohin Sie in den Herbstferien reisen? Oder, ob Sie den Hinweis, die nächste Zeit in den häuslichen vier Wänden zu verbringen ernst nehmen? Wir empfehlen eindeutig zu Letzterem. Und beschaffen Sie sich am besten für diese Zeit das Mammuthörspiel „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon. Wir versprechen Ihnen: Sie werden es nicht bereuen!
Pynchon hat den 1200 Seiten umfassenden Roman „Gravity's Rainbow“ zu Beginn der 1970er Jahre geschrieben. Es ist eine Abhandlung über Verschwörungstheorien und Faschismus, Arroganz und Armut, Pornografie, Jazz, wilde Verfolgungsjagden, Fortschrittsglauben, Geschichte, Hochkultur, Literatur, Untergang und Auferstehung und vieles vieles mehr. Kurz: Über das Leben an sich im Allgemeinen und die Verantwortung und die Stellung des Einzelnen im Besonderen. Viel aktueller geht es kaum.
Klaus Buhlert hat sich diesem Jahrhundertroman in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz aus dem Jahr 1980 angenommen und daraus ein über 800 Minuten andauerndes Hörspiel geschaffen, dem im Grunde nur Superlative gerecht werden.
Ein Heer von großartigen Sprechern macht aus diesem zugegebenen manchmal etwas sperrigen Klassiker der Postmoderne ein unterhaltsames (manchmal auch recht derbes und drastisches) Melodram. Dieses Hörspiel überbrückt nicht nur die eigene Lebenszeit. Es ist ein lustvolles, auf jeden Fall anregendes Vergnügen, wie die Biographien der über vierhundert handelnden Personen, manchmal nur für kurze aber entscheidende Momente ineinandergreifen, sich die Atmosphäre von Dynamik und Analyse leiten lässt, die Handlung immer wieder Hacken schlägt und letztendlich uns die Menschheit präsentiert.
Selten haben wir etwas nachdrücklicher empfohlen. Vielleicht das Erweckungserlebnis schlechthin – um mehr von Pynchon zu lesen.
Jörg Konrad

Thomas Pynchon
„Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
Hörbuch Hamburg
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Mittwoch 07.10.2020
Roberto Bolano „Cowboygräber“
Ein Großteil der Bücher Roberto Bolanos sind, zumindest als deutsche Übersetzung, posthum erschienen. Das bedeutet einerseits, dass viele seiner Werke für sich stehen. Das hat, trotz vielleicht manch fehlender Interpretation aus erster Hand, den Vorteil einer direkten, allein literarischen Wirkung. Andererseits bedeutet der späte Erfolg des chilenischen Autors, der 2003 gerade einmal fünfzig jährig in Barcelona an Leberversagen starb, dass keine aktuellen Arbeiten mehr folgen. Also konzentrieren sich die Herausgeber, Biographen und auch Teile seiner Familie auf den Fundus des Nachlasses. Und so erscheinen mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit unveröffentlichte Werke und Texte des Autors.
„Cowboygräber“ ist eine Sammlung von drei Erzählungen, die aus dem Archiv Bolanos stammen, welches sich in seiner Privatwohnung befindet. Es handelt sich hierbei um stark autobiographisch eingefärbte Texte, die teilweise als handschriftliche Skizzen geordert wurden und, aus verschiedenen Mappen bzw. Computerdateien stammend, erst einander zugeordnet werden mussten.
Bolano hat sich zeitlebens in die Literatur fallen lassen, sie war für ihn Obsession und zugleich existenziell, sowohl als Lesender als auch als Schreibender. Gleichzeitig war er ein Spieler, was besonders in seinen Texten deutlich wird. Er spielte mit sich, mit seiner Biographie, besaß etwas kindlich Naives, wenn es darum ging, fiktives und realistisches miteinander zu verzahnen und in ein literarisches Verhältnis zu bringen.
All dies wird besonders in den vorliegenden drei Prosaarbeiten deutlich. Hier werden autobiographische Skizzen in unterschiedlichen Variationen verarbeitet. Es geht um Kindheits- und Jugenderinnerungen. Sie spielen in Chile, wo Bolano geboren wurde und in Mexiko, wohin er mit 13 Lebensjahren samt Familie übersiedelte. Er erzählt fantasiereich von Begegnungen und Eindrücken, die fast immer einen Bezug zur Literatur haben. Es werden Autoren wie Nicanor Parra oder Rainer Maria Rilke genannt, seine Erzähler kaufen in Buchhandlungen Bücher, oder, wenn das Geld aus ist, werden sie gestohlen. Bolano lässt Schauspielerinnen auftreten, die für Visionen einer fernen Traumwelt stehen und lässt einiges an sozialer Empathie aufblitzen.
Ein anderes Thema, dass in den vorliegenden Texten immer wieder, aber oft mit nur einzelnen Sätzen gestreift wird, hängt mit Bolanos wohl stärkstem persönlichen Trauma zusammen. Zwanzigjährig kehrte er aus Mexiko kommend wieder nach Chile zurück, um hier am Aufbau des Landes unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, der gerade die Wahl gewonnen hatte, mitzuwirken. Der Autor kam jedoch nach dem Staatsstreich des General Pinochet in Haft, wurde gefoltert und konnte Schlimmerem nur durch Flucht nach El Salvador entgehen.
In allen drei Erzählungen ist Bolanos große Emotionalität und auch sein starker Hang zur Ironie spürbar, die er fast immer in ein magisches, um nicht zu sagen rätselhaftes Labyrinth an Querverweisen verpackt. Seine Sprache ist jedoch einfach und verständlich, die Sätze klar konzipiert, so dass das Lesen trotz mancher surrealistischer Metapher ein Vergnügen ist.
Jörg Konrad  

Roberto Bolano
„Cowboygräber“
Hanser
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Dienstag 15.09.2020
Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
Schon mit den ersten Sätzen ihres neuen Romans „Aus und davon“ springt Anna Katharina Hahn mitten hinein ins Familienchaos. „Der Pfannkuchen klebt an der Decke, gleich neben der Hängelampe, die einen gelben Lichtkreis auf den Küchentisch wirft. Elisabeth ist viel zu verblüfft, um sich aufzuregen.“ Elisabeth, eine Stuttgarter Reisekauffrau im Ruhestand, kümmert sich um ihre beiden Enkelkinder, die pubertierende Stella und den dicken Bruno, während sich ihre Tochter Cornelia eine kurze Auszeit in den USA gönnt. Bruno hat den Pfannkuchen aus Verzweiflung und Trotz an die Decke geworfen. Ohne seine Mutter will er nicht essen.
In Anna Katharina Hahns fabelhaftem, vielschichtigen Familienroman geht es um gestörte Beziehungen und um die Bande, die eine Familie trotz allem zusammen  halten. Mit geschickten Perspektivwechseln und auf unterschiedlichen Zeitebenen lässt Hahn die Großmutter, die Tochter, den Enkel und eine Stoffpuppe sprechen.
Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin der Milieuschilderung. Sie beobachtet so genau und erzählt so lebendig und mit Humor, dass man beim Lesen ganz nah dran ist am Alltag einer Stuttgarter Mittelstandsfamilie, in der die Väter fehlen und die Frauen das Leben allein bewältigen müssen. Es gibt in diesem Roman etliche Personen, vor allem Männer, die aus ihren gewohnten Bindungen ausgebrochen und davon gegangen sind. Im Mittelpunkt stehen die Frauen der Familie; Frauen, die bei aller Überforderung Stärke entfalten.
Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, die in unserer westlichen Welt als ein so hohes Gut gilt, entwickelt Fliehkräfte, die Familien auseinander treiben. Cornelias Mann hat Frau und Kinder verlassen. Sie selbst erholt sich in Amerika von ihrem anstrengenden Leben als berufstätige, alleinerziehende Mutter. Und ihr Vater, Elisabeths charmanter Mann Hinz, ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und erlebt nach einem Schlaganfall eine Verjüngungskur durch eine neue Liebe. Die spröde Elisabeth bleibt fassungslos zurück und bemüht sich, mit dem unordentlichen Ökohaushalt ihrer Tochter und mit ihren schwierigen Enkelkindern fertig zu werden.
Elisabeths erste Reaktion ist, Gott um Hilfe zu bitten. In ihrer Figur lässt Hahn den schwäbischen Pietismus lebendig werden, ein zwiespältiges Erbe. Die Autorin betont die Freudlosigkeit und Enge des Pietismus, durch den Elisabeth trotz all ihrer Befreiungsversuche geprägt ist, aber auch den Halt, den er ihr geben kann.Ihre Tochter Cornelia spürt auf andere Weise den Wurzeln der Familie nach. In den USA forscht sie nach der Geschichte ihrer Großmutter Gertrud.
In „Aus und davon“ spannt Anna Katharina Hahn einen weiten zeitlichen Bogen, von der Gegenwart zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert, bis zur schwäbischen Auswanderungsbewegung während der Inflation. Sie variiert das Thema „Aus und davon“ immer wieder neu. Auch Gertrud hat in den 20er-.Jahren ihre Familie verlassen. Doch es war pure Not, die sie vertrieben hat. Sie musste als Dienstmädchen bei reichen Verwandten in Amerika ihren Lebensunterhalt verdienen.
Anna Katharina Hahn arbeitet in ihrem Buch gekonnt mit Symbolen und Leitmotiven. Ein Hauptthema ist das Essen, ein Motiv, das sich in vielfältigen Variationen durch das Buch zieht. Das Spektrum reicht vom Hunger der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg über die Mahlzeit, mit der Cornelia und ihr amerikanischer Freund ihre gemeinsame Nacht feiern, bis zur Fettleibigkeit Brunos, für den Essen eine Kompensation seines Hungers nach Liebe ist.
Die Autorin versteht es, mit großer Symbolkraft und psychologischer Tiefenschärfe ihre Protagonisten zu charakterisieren und Situationen lebensnah zu gestalten. Gleichzeitig existiert unterhalb der Alltagswelt eine andere Ebene, eine geheimnisvolle, magische Welt, in der Stoffpuppen Gefühle haben und Tiere den Menschen helfen.
Dabei schöpft Hahn aus einem reichen literarischen Fundus. Es gibt im Buch zahlreiche Zitate aus der Bibel und aus Gebeten, Anspielungen auf Lieblingsbücher und vor allem auf Märchen von den Gebrüdern Grimm, von Mörike, von Wilhelm Hauff... Wie im Märchen spielen Tiere im Roman eine ganz zentrale Rolle; Vögel, Hunde, Katzen und ein Pfau. Großvater Hinz hat in seinem Haus Tauben gezüchtet,  Tauben sind Symbole für Frieden und Liebe, und die liebevolle Hinwendung zu Tieren ist eine Konstante, die in Hahns Geschichte Schutz und Rettung vor dem Chaos menschlicher Beziehungen bedeuten kann. So gibt es tröstliche Momente im Roman. Als Bruno vor den Quälereien seiner Klassenkameraden flieht, begegnet er einer verwahrlosten Katze. Er gewinnt ihr Vertrauen, indem er ihr seinen Schatz, eine heimlich entwendete Wurst schenkt. Die Katze folgt ihm nach Hause. Plötzlich ist er nicht mehr der unglückliche fette Junge, der nur sich selbst füttert.
Wie heißt es in dem alten Spruch, der Elisabeth mal wieder ganz automatisch über die Lippen kommt: „Kein Tierlein ist auf Erden, dir, lieber Gott zu klein. Du ließest alle werden, und alle sind sie dein.“
Lilly Munzinger, Gauting

Anna Katharina Hahn
„Aus und davon“
Suhrkamp
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Autor: Siehe Artikel
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