Da schon seit einiger Zeit keine Veranstaltungen stattfinden und dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch eine Zeit der Fall sein wird, haben wir uns entschlossen, in dieser Rubrik Texte von zurückliegenden Konzerten noch einmal zu veröffentlichen.
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7. Puchheim PUC 12. November 2015: Franca Masu
8. München Haus der Kunst 05. Mai 2017: Peter Brötzmann & Friends
9. Landsberg 15. März 2019: Nik Bärtschs Ronin
10. Landsberg: Walter Lang Trio – Zerkratzte Oberflächen
11. Germering: Florian Arbenz Solo - Tönende Weltsprache
12. Landsberg: LBT – Ruhelose Effizienz
Freitag 11.12.2020
Puchheim PUC 12. November 2015: Franca Masu
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Franca Masu - Dringlichkeit und Strahlkraft

Puchheim. Die Geschichte Sardiniens ist die Geschichte der Nahtstelle zwischen Europa, Afrika und Asien, zwischen Nord und Süd, West und Ost. Mykener, Zyprer, Punier, Spanier, Römer, Byzantinier, Korsen, Schwaben, ja sogar Österreicher – sie alle suchten die Insel für kürzere oder längere Zeit auf, um sie zu erobern, als Etappe auf ihren Eroberungszügen, als Rückzugsgebiet, als Tauschpfand. Ein wechselvolles Auf und Ab, das die zweitgrößte Insel des Mittelmeeres durchlebte, ähnlich den unablässig anrollenden, mal mehr, mal weniger starken Wellen, denen sieseit Jahrtausenden trotzt.
Die Sarden erfuhren eine entsprechend wechselvolle Geschichte, die sich natürlich in ihrer Kultur niederschlug. Bis hinein in die Musik, die von all den Besetzern aus den verschiedenen Himmelsrichtungen, ob sie nun in friedlicher Absicht kamen oder nicht, einiges in sich trägt.
Als die Stimme Sardiniens wird schon seit einigen Jahren Franca Masu gefeiert. Die in Alghero geborene hat ihr stimmliches Handwerk in den kleinen Bars und Restaurants längs der westlichen Küste erlernt, hat sich hier entwickelt, hat unerschütterlich an ihrem Traum gearbeitet und verkörpert heute als eine Art singende Botschafterin ihre Heimat weltweit. Am Donnerstag war sie Gast der Reihe „Jazz Around The World“ in Puchheim. Und von Beginn an zog sie das Publikum in ihren Bann. Mit einer Stimme, die in ihrer Dringlichkeit und Strahlkraft beeindruckte, mit einem Ausdruck und einem Temperament, die schwindelnd machten und mit einer Musikalität, die schon als sensationell zu bezeichnen ist. Franca Masu hatte in ihrem Repertoire Tangos und Fados, sie sang, als eine der wenigen ihrer Heimatinsel, in katalanischer Sprache, sie interpretierte französische Chansons, leicht orientalisch angehauchte Songs und mit „Cinema Paradiso“ von Ennio Morricone auch Filmmusik. Egal was sie mit großer Geste stimmlich auch auslegte, sie machte jedes Stück zu ihrem Lied. Die Dramaturgie ihres Vortrags brachte mit spürbarer Leidenschaft all die Emotionen menschlichen Seins, der Hoffnung und auch Verzweiflung zum Ausdruck. Franca Masu phrasierte zum Glück nicht in der Art wie die großen Sängerinnen des Jazz. Und doch hat sie viel von deren Intensität und stimmlicher Gestaltungskraft aufgesogen und verarbeitet.  
Ihre musikalischen Partner Fausto Beccalossi (Akkordeon) und Oscar del Barba (Klavier) potenzierten in ihrer Begleitung den Grad der Eindringlichkeit des Abends. Besonders Beccalossi, der wunderbar die Balance zwischen virtuoser Vehemenz und melancholischer Intimität herzustellen verstand, ist ein Großer seines Fachs. Eine Art Naturgewalt, der mit Logik, Fantasie, Kalkül und Verletzlichkeit sein Instrument spielte und mit persönlichen Zwischentönen die Palette der Klangfarben noch erweiterte. Von den bisher über zwanzig Konzerten der Reihe „Jazz Around The World“ gehört der Auftritt von Franca Masu eindeutig mit zu den beeindruckendsten bisher.
Jörg Konrad 
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Samstag 05.12.2020
München Haus der Kunst 05. Mai 2017: Peter Brötzmann & Friends
Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus

München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkulturkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
Jörg Konrad
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Freitag 27.11.2020
Landsberg 15. März 2019: Nik Bärtschs Ronin
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©Jonas Holthaus
Nik Bärtschs Ronin -  Voll drängender Intensität

Landsberg. Es sind genau jene scheinbar nicht enden wollenden Wiederholungen, welche der Musik Nik Bärtschs etwas beinahe Rituelles geben. Diese rhythmischen Patterns und deren unablässigen, minimalen Verschiebungen, die letztendlich neue Klanghorizonte eröffnen. Diese sparsamen Variationen der Themen auf dem Fundament eines rastlos treibenden Grooves. Komponierte Askese, die von Bärtschs vital agierendem Quartett in den unterschiedlichsten Modulen zusammengesetzt werden. So entsteht ein sich ständig erneuerndes Verhältnis zwischen Aufwand und Wirkung, verschieben sich die kreativen Schnittmengen der Titel immer wieder neu, ohne dass es dem Ergebnis an Spannung oder Leidenschaft fehlt. Nik Bärtschs Formation Ronin im Landsberger Stadttheater - ein optimistischer Kraftakt voll drängender Intensität.
Jeder Ton scheint genau kalkuliert, ist präzis gesetzt, füllt zielgenau den Äther. Musik, wie ein frisch geschnittener Strauch, der erst durch die Redundanz die prachtvollsten Blüten treibt. Jazz in einer der eigenwilligsten Varianten. Weder Swing noch Avantgarde, kein Blues und schon gar nicht Bop. Und doch schwingt von all dem in dieser Musik ein wenig mit, wohlbedacht und intuitiv.
Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten verfolgt der Schweizer sein Konzept des Zen-Funk oder auch der Ritual Groove Music, wie er selbst seine Kreation nennt. Die Herangehensweise selbst erinnert an frühere Aussage von Miles Davis, der meinte, alles Neue im Jazz passiere über den Rhythmus. Und Bärtschs Zen-Funk ist etwas Neues, etwas Ungewöhnliches, bis dato nie Gehörtes. Musik voller Stärke und Sturheit.
Bärtsch hat eine eingeschworene Truppe an seiner Seite. Schlagzeuger Kaspar Rast, dessen knochentrockene Rimshots klingen, als wolle er die Zeit neu takten. Thomy Jordi, der dem Bass seine tiefen Töne, seinen „Bauch“ lässt und der zugleich die peitschende Slap-Technik überzeugend beherrscht. Sha, der an Bassklarinette und Altsaxophon sowohl für hymnische Klangfarben sorgt, als auch mit stotterndem Staccato die Musik komprimiert. Und natürlich der Meister selbst, inspirierend, virtuos, die Dramaturgie perfekt in Szenen setzend.
Und dann wäre da noch ein zweiter Bassist, Björn Meyer. Noch vor einigen Jahren selbst festes Mitglied von Ronin, bis er sich anderen musikalischen Herausforderungen stellte. Der „schwedische Schweizer“ bestritt den ersten Teil des Abends - unbegleitet. Grundlage für diesen selten zu erlebenden Solotrip eines Bassgitarristen ist sein vor eineinhalb Jahren erschienenes Album „Provenance“. Eine Sammlung von spieltechnischen Ideen und mentalen Befindlichkeiten, die er kontrastreich und differenziert umsetzt. Ein Monolog, der eine breite Palette an stilistischen Herausforderungen nutzt, der zwischen Jazz und Ambient charchiert, zwischen Affront und Beseelung und dabei eine wunderbar lyrisch pulsierende Musik schafft.
Dass Björn Meyer ganz zum Schluss noch gemeinsam mit Ronin auf der Bühne steht und in völliger Vertrautheit mit der Band ein gewaltiges finales Feuerwerk abbrennt, macht auch die offene und idealistische Dimension, die diese Musik ausstrahlt, überdeutlich.
Jörg Konrad
www.kultkomplott.de
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Montag 28.09.2020
Landsberg: Walter Lang Trio – Zerkratzte Oberflächen
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© Magnus Bergstrom
Landsberg. Einzelkämpfer oder Teamplayer? Jazzmusiker sind aus innerer Überzeugung beides! Denn einerseits leben sie künstlerisch von ihrer Individualität, arbeiten ständig an ihrem Ausdruck und kehren das Besondere, das Einzigartige ihres Spiels heraus. Andererseits ist ihre Fähigkeit zur Kommunikation einfach existenziell. Denn ein Jazzmusiker, der nicht in der Lage ist, Gemeinsamkeiten während des Spiels mit anderen zu entdecken und letztendlich umzusetzen, der wird es in dieser Kunst nicht weit bringen. So besteht eine bestens aufeinander abgestimmte Formation immer aus einem Verbund von Solisten, die ihre Kunst gemeinsam in die Waagschale werfen, um spontan etwas Zeitloses zu kreieren.
Nichts anderes war am Sonntagabend im Landsberger Stadttheater zu erleben, als nämlich Pianist Walter Lang, Kontrabassist Thomas Markusson und Schlagzeuger Magnus Öström den ungemein fruchtbaren Geist des Jazz aus der Flasche ließen. Sie alle haben bisher in unterschiedlichen Bands gespielt, haben Erfahrungen gesammelt, waren auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Sound. Neue musikalische Ansprüche haben sie im letzten Jahr dann zusammengeführt. Es sind von der Presse hochgelobte Alben entstanden, die sie momentan auf einer kleinen Tour durch deutsche Konzertsäle präsentieren.
Das besondere an diesem Trio ist seine Dynamik. Lang, Markusson und Öström beherrschen sämtliche Schattierungen des Jazzspiels und sind zudem in der Lage, ihre instrumentalen Fähigkeiten in den Kontext des Miteinanders hörbar einzubringen. Egal, ob es sich um anrührende Balladen, oder um temperamentvolles Energiespiel handelt, ob um inspirierte Verbundenheit oder atemberaubende Improvisationen – diese Formation agiert ebenso differenziert wie ungestüm.
Intelligent und verspielt umkreist das Trio die einzelnen Stücke, die häufig wie kleine Juwelen aus dem Popbereich klingen. Man glaubt einige von Langs Kompositionen schon irgendwo einmal gehört zu haben. Sie wirken bekannt, vertraut, klingen manchmal nach einem hübschen Kinderlied.
In diesen Melodien suchen sie, nach gegenseitigem musikalischem Abtasten, Zugänge, um, ohne Berührungsängste, in das Zentrum des Grundmotivs vorzustoßen. Dabei loten sie die Möglichkeiten, die die Kompositionen hergeben, gänzlich aus. Rhythmisch als auch harmonisch. Und während dieses musikalischen Abenteuers geschehen faszinierende Dinge. Sie zerkratzen die simplen Oberflächen der Songs und dringen in deren Tiefe vor. Und sie werden fündig. Sie deklamieren Schwermut und Euphorie, Innigkeit und in „Full Blast“ sogar einen ausgelassenen Funk. Es sind fast durchweg spontane Inszenierungen, die von der ästhetischen Substanz leben.
Im Mittelpunkt steht Walter Lang, der unschwer als ein pianistischer Romantiker des Jazz ausgemacht werden kann. Er rast auf seiner Klaviatur nicht über die feinen Themen hinweg. Er zelebriert sie (natürlich ohne Pathos), er gibt sich ihnen hin (ohne aufgesetzt zu klingen), er schwelgt in jeder einzelnen Note (ohne die dramaturgische Spannung zu vernachlässigen).
Thomas Markusson tritt am Bass häufiger aus dem begleitenden Hintergrund hervor, soliert immer wieder in knappen wie klar herausgearbeiteten Beiträgen. Tänzerisch wirken diese Sequenzen und elegant. Und Magnus Öström? Der Schlagzeuger überbrückt die Distanz zwischen fiebrigem Swing und treibendem Groove. Jemand hat einmal sinngemäß gesagt, er sei eine Art Rockschlagzeuger, der ausschließlich mit den Besen spielt.
Was wünscht man sich noch, nach einem derart reizvollen Musikabend? Vielleicht, dass in absehbarer Zeit das Walter Lang Trio zu einem kompletten Konzert in Landsberg aufspielt – im vollbesetzten Stadttheater.
Jörg Konzert 
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Samstag 19.09.2020
Germering: Florian Arbenz Solo - Tönende Weltsprache
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Germering. Hat Covid 19 Einfluss auf den Jazz? Jein! Nicht unbedingt auf die Musik – aber auf deren Präsentation, wie am Freitagabend in Germering zu erleben war. Denn der Basler Schlagzeuger Florian Arbenz stand allein auf der großen Bühne des Orlandosaales der Stadthalle. Dabei sollte neben ihm die Saxophonistin Tineke Postman agieren. Doch als diese am Morgen im Flieger saß, um von Amsterdam nach München zu kommen, gab es neue Richtlinien, die unter anderem besagten: Sämtliche Einreisenden aus den Niederlanden müssen 1. bei ihrer Ankunft in Deutschland auf Covid 19 getestet werden und 2. solange in Quarantäne gehen, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. So spielte Florian Arbenz ein ungeplantes Solokonzert, während eine der besten europäischen Saxophonistinnen zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer eines Hotels tatenlos und zum Warten verurteilt war. Corona machts möglich!
Arbenz war am Freitag nicht zum ersten Mal Gast der Reihe Jazz It. Zwar liegt sein Auftritt mit dem Trio Vein schon eine Weile zurück (Dezember 2009), aber vielleicht erinnert sich ja doch noch der eine oder andere an den Basler, der bestes Beispiel für das Vorurteil ist, man müsse afro-amerikanische Wurzeln haben, um im Jazz als Schlagzeuger zu bestehen. Die Zeiten haben sich geändert. Europa ist in der zeitgenössischen Improvisation heutzutage emanzipiert. Wenn es mitunter nicht hier sogar eine kreativere Szene gibt, als auf der anderen Seite des Atlantik.
Was Arbenz dann innerhalb einer guten Stunde an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz.
Arbenz steht dabei in langer Tradition seiner Heimat. Denn kaum ein Land in Europa stellt derart viele und außergewöhnliche Schlagzeuger wie die Schweiz. Das Trommeln gehört bei den Eidgenossen nun einmal zur hohen Kunst, was nicht zuletzt an den Fasnachtskulturen in Basel und Luzern liegt und natürlich auch an den Marschtraditionen bei Militär und Polizei.
Florian Arbenz ist bei seinem Germeringer Vortrag weit entfernt, von militärischen Signalen und achttaktigen Musikwerken. Bei ihm geht es um handwerkliches Können, Inspiration und pulsierender Energie, indem er die perkussiven Kulturen dieser Welt studierte, um eine eigene rhythmische Sprache zu kreieren. So lassen sich in seinem Spiel Gamelan-Splitter aus Indonesien verorten, kleine Melodien der Kalimba als eine Verneigung vor dem afrikanischen Kontinent heraushören, die Schule der europäischen Moderne findet Raum und ebenso auch das swingende und das groovende des Jazz, in dem sich Arbenz besonders wohl fühlt.
Die Trommel und all ihre perkussiven Verwandten nutzt er als eine tönende (Welt-)Sprache, als ein persönliches Kommunikationsmittel, das weit über das Moment des „Lärmens“, der Signalübermittlung hinausgeht. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt.
Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln, wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit.
Jörg Konrad
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Samstag 22.08.2020
Landsberg: LBT – Ruhelose Effizienz
Konzert 30.Juli 2020
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Foto: Richard Stoehr
Vieles war an diesem Donnerstag außergewöhnlich. So handelte es sich in Landsberg um den zweiten Auftritt ein und derselben Band nach über vier Monaten konzertanter Eiszeit zum Beispiel. Oder die ausgedünnten Sitzreihen im ansonsten üppig besetzten Stadttheater. Zudem konnten erstmals offiziell Getränke von der Bar mit in den Saal genommen werden. Auch das war neu. So hatte der Abend, noch bevor der erste Ton erklang, etwas von einer Stunde Null, von einem Aufbegehren, ja Auferstehen im Zeichen der Kultur zu Zeiten von Corona. Sollte es tatsächlich jemanden geben, der bis dato nicht wusste, was ihm das letzte Viertel Jahr abhanden gekommen war, der wurde anschließend lautstark und energiereich daran erinnert: Ohne Kultur verkümmert die Seele. Langsam aber stetig.
Endlich wurde das Publikum entschieden wie hartnäckig und provokant aus dem kulturellen Dornröschenschlaf erweckt. Die räumliche Intimität wurde laut, archaisch und pulsierend gefüllt. Dank Leo Betzl, Maximilian Hirning und Sebastian Wolfgruber. Kurz LBT.
Wir haben an dieser Stelle schon häufiger über die quantitative Vielfalt von Klaviertrios im Jazz berichtet. Ob in der klassischen Interpretation von Standards des Great American Songbooks, der stärker von rockigen Elementen durchsetzten Spielweise, von den freien Improvisationen, oder den virtuosen Hundertmeterläufern, die den Acker des Jazz in ruheloser Effizienz bestellen.
Mit all diesen Pionieren des Jazz haben LBT nur am Rande zu tun. Sie gehen einen eigenen, schmalen, aber gradlinigen Pfad, der direkt auf eine Lichtung führt, auf der zu Jazzanleihen wieder getanzt wird. Fast wie früher, in den 1930er Jahren , als das Massenphänomen(!) Swing die Ballsäle dominierte.
Pianist Betzl und seine musikalischen Partner öffneten mit ihrem Set die für Jazzmusiker oft verpöhnten Tore zum Techno. Nein, nicht (oder nur ganz minimal) mit elektronischem Equipment. Trotzdem könnte ihr akustischer Instrumentalgang mit Klavier, Bass und Schlagzeug auch locker im Berghain, dem heiligen Gral der elektronischen Tanzmusik, bestehen. Oder im Onkel Pö, wenn es die Carnegie Hall in Hamburg heute noch gäbe, oder in der Unterfahrt, wo LBT schon öfter erfolgreich gastierten.
Ihre dynamische Identität haben sie in der wuchtigen Schnittmenge eben der zeitgenössischen improvisierten Musik und des treibenden 4/4 Taktes der Bass Drum angelegt. Immer auf die Eins – eigentlich ganz entgegen der Philosophie des Jazz. Ob das denn geht? Bei LBT ganz ausgezeichnet. Es ist, als würde der manchmal in die Jahre gekommene Jazz damit um einige Dekaden verjüngt. Oder anders herum: Als bekäme der manchmal etwas monotone Beat des Techno eine leicht intellektuelle Komponente.
Es geht insgesamt etwas weniger um Freiheiten im klassischen Bereich des Jazz, sieht man einmal davon ab, dass der Freiheitsdrang für eine Fusion aus Tradition und Zeitgeist für sich schon enorm ausgeprägt sein muss. Hier werden unterschiedliche musikalische Haltungen, Denkweisen und Bewusstseinslagen zueinander ins Verhältnis gesetzt. Und das klingt nach Abenteuer, ist spannend und für den, der sich wirklich darauf einlässt, ein Gewinn.
Schade nur, dass nach diesem rhythmischen Klanggewitter, das dem begeisterten Publikum die Köpfe freiblies, die Stille der Sommerpause einzieht. Hoffen wir auf den Herbst …. .
Jörg Konrad  
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Autor: Siehe Artikel
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