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19. KLASSIKER WIEDERENTDECK: Lew Tolstoi „Auferstehung“
20. Ronya Othmann „Die Sommer“
21. Guido Zingerl „Das Narrenschiff“ & „Das Geheimnis der Gri...
22. William Boyd „Eine große Zeit“
23. Thomas Hettche „Herzfaden“
24. Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
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Samstag 26.12.2020
KLASSIKER WIEDERENTDECK: Lew Tolstoi „Auferstehung“
Ein Merkmal von Klassikern der Literatur ist deren Zeitlosigkeit. Im Vordergrund steht die Unabhängig von modischen Strömungen, wobei sie gleichzeitig wegweisend für zukünftiges sind. In Lew Tolstois „Auferstehung“ findet sich eines dieser Merkmale gleich zu Beginn des Romans:
Wie sehr die Menschen, die sich zu Hunderttausenden auf einem kleinen Erdenfleck angesammelt hatten, diese Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten suchten, wie sehr sie sie mit Steinen zupflasterten, damit nichts mehr auf ihr gedeihen konnte, wie sehr sie noch jedes Kräutchen, das da keimte, wegrupften, wie sehr sie alles mit Steinkohle und Petroleum verqualmten, wie sehr sie die Bäume stutzten und Tiere und Vögel samt und sonders verjagten – der Frühling war Frühling, selbst in der Stadt.“
Wohlgemerkt, das Buch erschien erstmals 1899! Im Folgenden geht Tolstoi noch auf andere Themen ein, die ihn sein Leben lang beschäftigten und die auch heute noch hochaktuell sind: Das Privateigentum von Grund und Boden und dessen Nutzung als Spekulationsobjekt („Besitz verlockt zur Sünde, und Anhäufung von Reichtümern entsittlicht den Menschen. Nur die einfache Arbeit gibt Glück und Zufriedenheit.“). Zudem ist dieser Roman eine leidenschaftlich gehaltene Klageschrift gegen die unmenschlichen Verhältnisse in (damals russischen) Gefängnissen, gegen die Straf- und Arbeitslager in den sibirischen Weiten und gegen jede Form von Korruption.
Doch der eigentliche Dreh- und Angelpunkt dieses bewegenden Buches ist die Liebes- und Leidensgeschichte der beiden Hauptfiguren, dem Fürsten Dmitri Iwanowitsch Nechljudow und der Prostituierten Jekatarina Maslowa.
Nechljudow lernte Jekatarina vor Jahren während eines Osterfestes auf dem Gut seiner Tanten kennen. Als Folge eines späteren kurzen Besuches, der Fürst leistete seinen Militärdienst, und einer weiteren flüchtigen Liaison, wurde Jekatarina schwanger. Sie musste daraufhin das Gut verlassen – ihr Kind stirbt in einem Findelhaus. Anschließend wurde sie, in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz weit unten angelangt, Opfer von sexuellen Übergriffen, lebte in Armut und wurde aus existenzieller Not heraus Prostituierte.
Dimitri und Jekatarina trafen während eines Gerichtsverfahrens zufällig erneut aufeinander. Der Fürst hatte die Aufgabe, als Geschworener über Jekatarinas Schuld zu richten. Die Anklage lautete: Raubmord. Das Urteil letztendlich: Vier Jahre Zwangsarbeit.
Während des Verfahrens wurde Dimitri bewusst, dass er und sein arrogantes wie auch anmaßendes Handeln Jekaterina erst in diese Situation brachte. Er bittet nach der Urteilsverkündung Jekatarina um Verzeihung, will sie aus eigener Scham und Gewissensnot heiraten, begleitet sie in die Verbannung nach Sibirien, um Abbitte zu leisten.
Tolstoi entwirft ein eindrucksvolles Panorama, das sich zwischen den Eckpunkten Leid, Armut, Glückseligkeit, Liebe und tiefer Trauer entwickelt. Seine menschliche Beobachtungsgabe und sein feinnerviges Gespür für psychologische Zusammenhänge ermöglicht ihm eine sehr reale Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Jahre in Russland. Zugleich verpackt er in diese Geschichte sein ganzes politisches Wirken, das weit über seine literarischen Ambitionen hinausgeht. Denn im Grunde wollte Tolstoi, nach den beiden monumentalen Romanen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, keine literarischen Texte mehr schreiben. Er hatte sich die Jahre zuvor überwiegend mit politisch/gesellschaftlichen Themen beschäftigt und galt als eine mythische moralische Autorität, von der Thomas Mann sogar behauptete, dass der 1. Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre, hätte Tolstoi noch gelebt.
Der Autor hatte, als einfacher Bauern
arbeitend und lebend, zudem ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Religion und Kirche und wurde, als Folge seines Romans „Auferstehung“, von der griechisch-orthodoxen Kirche im März 1901 exkommuniziert.
Mit der 2016 im Hanser Verlag verlegten, von der renommierten und mit etlichen Preisen ausgezeichneten Slawistin Barbara Conrad übersetzten Ausgabe, liegt dieser fesselnde und ungemein berührende Roman in einer wunderbar editierten Veröffentlichung vor. Conrad gelingt es, tolstoische Feinheiten in die Gesamthandlung stimmig einzubauen und macht die ganze Wucht, die dieser Roman entfaltet - er wurde in den ersten Jahren nach Erscheinen allein in die deutsche Sprache ein Dutzend Mal übersetzt - spürbar.
Jörg Konrad

Lew Tolstoi
„Auferstehung“
Hanser
Neu übersetzt von Barbara Conrad
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Dienstag 22.12.2020
Ronya Othmann „Die Sommer“
„Bist du mehr deutsch oder kurdisch, fragte die Mutter der Schulfreundin. Deutsch, sagte Leyla, und die Mutter der Schulfreundin wirkte zufrieden.
Fühlst du dich mehr deutsch oder kurdisch, fragte Tante Felek. Kurdisch, sagte Leyla, und Tante Felek klatschte vor Freude in die Hände.“
Leyla ist die Tochter einer deutschen Krankenschwester und eines staatenlosen kurdischen Eziden, der aus politischen Gründen fliehen musste und in Deutschland auf dem Bau arbeitet. Sie lebt mit ihren Eltern in der Nähe von München. Doch jeden Sommer verbringt sie bei den Großeltern im Norden Syriens.
Die 27-jährige Ronya Othmann erzählt in ihrem bewegenden Debütroman „Die Sommer“ Leylas Geschichte und die ihrer ezidischen Familie. Dabei verarbeitet sie ihre eigenen Erlebnisse. Sie hat selbst kurdisch-ezidische Wurzeln, ist in Bayern aufgewachsen und hat in den Sommerferien regelmäßig die Familie ihres Vaters in einem kleinen syrischen Dorf besucht. Heute lebt sie als Journalistin und Schriftstellerin in der Nähe von Leipzig.
„Die Geschichte dieses ezidischen Dorfes ist zu Ende. Nicht nur dieses Dorfes, sondern der gesamten Region... Genau die wollte ich noch einmal aufgeschrieben haben“ sagt die Autorin in einem Interview. Ältere Eziden waren in der Regel  Analphabeten, und deshalb gibt es kaum schriftliche Aufzeichnungen. Ronya Othmann sieht es als ihre Aufgabe, Überlieferungen ihres Volkes zu bewahren.
„Die Sommer“ ist ein Buch der Sehnsucht und der Erinnerung. In ruhigen, poetischen Bildern, mit zahlreichen anschaulichen Details, wird eine untergegangene Welt geschildert. Da gibt es das strohgedeckte Lehmhaus der Großeltern, das aus nur zwei Zimmern besteht. Leyla schläft neben ihren Cousinen und Cousins in einem Hochbett auf dem Hof. Da ist die geliebte Großmutter, eine unbeirrbar arbeitsame und gütige Frau, die kaum lesen und schreiben kann. Sie ist Mittelpunkt der weitverzweigten Familie, in der man nie alleine ist. Tanten, Onkel und Nachbarn kommen nachmittags zum Tee. Es wird geredet, gestritten und erzählt: Geschichten, in denen es meist um Unterdrückung und Flucht geht. Die Eziden, eine ethnische Minderheit auf türkisch-syrisch-irakischem Gebiet, haben eine eigene Kultur, eine eigene Sprache und eine eigenständige monotheistische Religion, die weder christlich noch muslimisch ist. Seit Jahrhunderten wurden sie als Ungläubige und Teufelsanbeter diffamiert und verfolgt. Das Gefühl, von allen Seiten bedroht zu sein, führte zu einem besonders engen Zusammenhalt und zu strengen Regeln. Eziden, die nicht Eziden heirateten, wurden verstoßen.
 Die Tatsache, dass ihre Mutter eine Deutsche ist, macht Leyla bei einigen ihrer Verwandten im Dorf zur Außenseiterin. Eindrücklich schildert Ronya Othmann das Lebensgefühl einer jungen Frau, die, zerrissen zwischen zwei Kulturen, sich nirgends wirklich zugehörig fühlen kann. Das Hauptinteresse ihrer Cousinen gilt der Ehe. „Nun sag schon, Leyla, welcher gefällt dir?...Keiner ist dir schön genug, oder wie? Unsere Leyla ist wählerisch! Willst du lieber deine Bücher heiraten, oder was?“ In Deutschland lebt Leyla ein ganz anderes, freieres Leben. Sie geht mit Gleichaltrigen aus, probiert Alkohol und Haschisch, und verliebt sich in eine Studentin. Aber auch hier bleibt sie eine Fremde. “Es ist so kalt hier“ sagt ihr Vater.
Den zweiten Teil des Romans bestimmt der Bürgerkrieg in Syrien. Assad führt Krieg gegen sein eigenes Volk. Leyla und ihre Eltern können nicht mehr zu ihren Verwandten reisen. Den ganzen Tag über läuft der Fernseher im Wohnzimmer. Auf allen arabischen und kurdischen Kanälen verfolgt Leylas Vater hilflos und verzweifelt die Ereignisse. 2014 fallen die Kämpfer des Islamischen Staates in Shingal ein, der inoffiziellen ezidischen Hauptstadt im Irak. Es ist der Beginn des Genozids an den Eziden. Männer und alte Frauen werden erschossen, Mädchen und Frauen als Sklavinnen für den IS geraubt und vergewaltigt, Jungen als Kindersoldaten missbraucht. „Es ist seltsam, aber zum ersten Mal wissen die Deutschen, wer wir sind“ sagt der Vater zu Leyla.
Leyla entfremdet sich zunehmend ihren Freundinnen, die ihre Angst nicht teilen können und ihr häufig mit Unverständnis und Desinteresse begegnen. Niemals stellen sie Fragen nach dem Krieg oder nach ihrer Familie in Syrien. Leylas Mutter richtet immer dringlichere Anfragen um Aufnahme ihrer ezidischen Angehörigen an deutsche Ministerien, die zunächst alle abgelehnt werden, bis die Großmutter und einige Verwandte schließlich doch eine Einreisegenehmigung bekommen. So ist Othmanns Buch auch eine große Anklage gegen die kriegführenden Parteien in Syrien und die fanatischen Islamisten des IS, aber auch gegen die Gleichgültigkeit vieler Menschen bei uns.
Ronya Othmann hat den Büchern, die in den letzten Jahren zum Thema Krieg, Flucht und Vertreibung erschienen sind, eine sehr persönliche Stimme hinzugefügt
und mit ihrem melancholischen und zugleich zornigen Roman dem ezidischen Volk ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.
Lilly Munzinger, Gauting

Ronya Othmann
„Die Sommer“
Hanser 2020
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Mittwoch 16.12.2020
Guido Zingerl „Das Narrenschiff“ & „Das Geheimnis der Griechischen Eule“
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Altersmilde? Aber nicht Guido Zingerl. Schließlich ist die Welt zu sehr aus den Fugen, gibt es zu viel Ungerechtigkeit als auch Aufklärungsbedarf. Solange der 1933 in Regensburg Geborene als Maler, Zeichner, Karikaturist tätig ist, hat er gegen jede Form der sozialen Benachteiligung und politischen Willkür öffentlich angekämpft. Und, das versteht sich von selbst, dabei Haltung bewahrt. Selbst auf die Gefahr hin, mit seiner Arbeit eher zu provozieren als Probleme solidarisch weichzuzeichnen.
Dafür hat er die Finger zu tief in den offenen Wunden der Gesellschaft und sind die Schwachstellen in Politik und Gesellschaft für ihn zu spürbar. Sein Gerechtigkeitssinn macht's möglich.
Erst im letzten Jahr hat der seit über vier Jahrzehnten in Fürstenfeldbruck lebende Künstler einen umfangreichen Bilderzyklus unter dem Titel „Das Narrenschiff“ vorgelegt. Dabei handelt es sich um „40 gemalte und gezeichnete Parabeln auf die Unbelehrbarkeit des Menschen“. Wer sich nur ein wenig in der Geschichte der Menschheit auskennt, wird wissen: Ein unendliches Thema.
Zingerl, der mit bürgerlichem Namen Heinrich Scholz heißt, bezieht sich in dieser umfangreichen Arbeit auf die moralische Klageschrift gleichen Namens von Sebastian Brandt aus dem Jahr 1494, dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch vor der Reformation, mit Holzschnitten von Albrecht Dürer.
Der Mensch hat bis heute nichts von seinen dunklen amoralischen Eigenschaften, die man unter den Begriffen Macht, Habgier und Egoismus zusammenfassen kann, verloren. Vielleicht sind manche dieser Eigenschaften glatt geschliffen, sind heutzutage verfeinert, sind eine postmoderne wie auch demokratisch motivierte Frischenzellenkur durchlaufen. Doch die Kritik daran ist bis heute gleich geblieben. Dank Menschen wie Guido Zingerl, der Kunst auch immer als Waffe der Aufklärung versteht.
Zingerl hat keine Berührungsängste, beschäftigt sich in seinen neuen Arbeiten kritisch mit Kirche und Klimawandel, mit der Nazizeit und deren Erben, die besonders in den heutigen Tagen wieder aktiv sind, mit der Flüchtlingskrise, den Weltverschwörungsmythen der Gegenwart, als auch mit den furchtbaren Auswirkungen des Kapitalismus in den sogenannten Entwicklungsländern. Er zeigt die Welt ungeschönt und real und klagt mit seinen Bildern konsequent jene an, die für diesen Zustand verantwortlich sind: Uns Menschen.
Egal ob Zingerl mit Acryl malt, ob er zeichnet oder Karikaturen entwirft – er arbeitet mit scharfen Schnitten, nutzt grelle Farben, fordert mit Inhalten massiv heraus. Er ist schonungslos in seiner Analyse und trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Auch wenn manches Lachen bei genauerer Betrachtung im Halse stecken bleibt. Er kreuzigt Marx, verballhornt die Bürokratie, zeigt Narren als Narren (US-Präsident D.Trump). Immer wieder lassen sich auf seinen Bildern neue Details entdecken, erkennt man Hintergründiges, wird Widersprüchliches deutlich.
In einem anderen jetzt erschienenen Band spannt Guido Zingerl unter dem Titel „Das Geheimnis der Griechischen Eule – Asam, Apollon, Amper“ einen Bogen von der antiken Mythologie bis in unsere Gegenwart. Grund für seinen überwältigenden Historienblick  ist das zehnjährige Jubiläum der Wiedereröffnung des Churfürstensaales im Kloster Fürstenfeld. Zingerl hat keine Mühe, vom Maler  und Bildhauer Hans Georg Asam über seine Figur des griechischen Helden Herakles, den weiblichen Gottheiten des Olymp und dem Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung Appolon einen gewaltigen Bogen bis in die Neuzeit zu spannen. Da wird Sisyphos als Zwangsarbeiter beim Bau der Klosterkirche Fürstenfeld ins Spiel gebracht, ebenso wie die Vergangenheitsbewältigung der Polizeischule im Kloster. Da kreisen Kampf-Drohnen neben dem geflügelten Pegasus am Himmel über dem Fliegerhorst und Kassandra mahnt zeitig vor dem Trojanischen Pferd, Nationalismus und Krieg. Zingerl entwirft mit spitzem Stift die Szenen, erläutert in kurzen Texten die verdichtete Historie, mit all ihren Paradoxen und Entsetzen. Im Grunde ist alles ganz einfach und fix auf einen Nenner gebracht: Ohne Auseinandersetzung keinen Frieden. Und genau aus diesem Grund sind beide Bücher zu empfehlen. Gerade zum Weihnachtsfest!!!
Jörg Konrad

Guido Zingerl
„Das Narrenschiff“ &
„Das Geheimnis der Griechischen Eule“

Zu beziehen sind beide Bücher für 20 bzw. 15 Euro unter der E-mail: scholz-zingerl@t-online.de.     
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Mittwoch 09.12.2020
William Boyd „Eine große Zeit“
Es ist ein Roman wie aus einer anderen Zeit. Aus welcher? Nun, als Agenten und Spione noch stark die Feuilletons beschäftigten. Als Graham Greene seine großen Romane schrieb, Besatzungsmächte Deutschland aufteilten, die ersten Bond-Filme erfolgreich die Kinoleinwände stürmten und der „Eiserne Vorhang“ eben nur bedingt durchlässig war. Es war jene Zeit des aus heutiger Sicht noch relativ überschaubaren Ost-West-Konflikts.
William Boyds Roman „Eine große Zeit“ spielt noch etwas früher, kurz vor dem 1. Weltkrieg in Österreich, England und der Schweiz. Die packende wie unterhaltsame Geschichte liest sich wie ein Vorläufer eben jenes Kalten Krieges, der einige Jahre später nicht nur das mitteleuropäische Miteinander bestimmen sollte.
Alles beginnt in Wien, wo die Hauptfigur des Romans, der Brite Lysander Rief, sein gestörtes Sexualleben mit Hilfe der Psychoanalyse richten will. Hilfe erhofft sich Schauspieler Rief von einem gewissen Dr. Bensimon (Siegmund Freud praktiziert selbstredend gleich ein paar Querstraßen weiter), in dessen Wartezimmer es zu einer folgenschweren Begegnung mit der Bildhauerin und Muse Hettie Bull kommt, die dem restlichen Roman die Richtung gibt.
William Boyd begleitet von nun an seine Hauptfigur Rief durch alle erdenklichen, meist schicksalhaften Herausforderungen und die daraus entstehenden Abgründe. Gefängnis in Wien, Flucht mit Hilfe des britischen Geheimdienstes nach England, Spion im 1. Weltkrieg, neue Identitäten, geheime Codes, die es aufzulösen gilt, Mord. Alles drin, in diesen 370 dramatischen Seiten.
Boyd hat die Fäden seiner Protagonisten dabei sicher in der Hand. Er entwirft glaubwürdige Charaktere, die er miteinander in Beziehung setzt und mit ihnen gekonnt die Dramaturgie der Handlung entwickelt. So entwirft er, auch mit Hilfe seiner prägnant eingesetzten Sprache ein Panoptikum der Zeit. Es geht um Existenzen und um Ideologien, um menschliche Schwächen und deren schonungsloses ausnutzen, um Obsessionen und Täuschungen.
Erschienen ist „Eine große Zeit“ auf deutsch erstmals 2012. Nun hat der Zürcher Kampa Verlag den Roman erneut veröffentlicht. Und wer das Buch bisher nicht kennt, kann sich mit Freude darauf einlassen.
Jörg Konrad

William Boyd
„Eine große Zeit“
Kampa
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Montag 23.11.2020
Thomas Hettche „Herzfaden“
Das Buch beginnt wie ein Märchen. Nach einer Aufführung der Augsburger Puppenkiste gerät ein junges Mädchen unserer Tage auf den versteckten Dachboden des Theaters. Es schrumpft und erkennt um sich herum plötzlich die  Marionettenfiguren der Puppenkiste: Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel aus dem Eis, Kater Mikesch und all die anderen. In ihrer Mitte sitzt eine schöne Frau in einem altmodischen Kostüm. Hatü, wie sie genannt wird, erzählt dem Mädchen ihre Geschichte.
Thomas Hettches Roman „Herzfaden“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 stand, ist ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore -  „Hatü“- Oehmichen und der Augsburger Puppenkiste. Gleichzeitig beleuchtet Hettche die Nazizeit in Augsburg und die Kultur- und Mediengeschichte der jungen Bundesrepublik, für die das Augsburger Puppentheater weit über die Kinderzimmer hinaus prägend war.
„Herzfaden“ spielt abwechselnd auf zwei Erzählebenen. Sie sind durch rote und blaue Schrift optisch voneinander unterschieden und inhaltlich kunstvoll aufeinander bezogen. Da ist die magische Märchenwelt des Speichers, in der Marionettenpuppen sprechen können und Hatü wieder lebendig ist. Und da ist die realistische Ebene, Hatüs Erzählung, durch die das junge Mädchen einen bewegenden Geschichtsunterricht erhält.
Schlaglichtartig werden verstörende Szenen ausgeleuchtet, die Hatü als Kind in Augsburg erlebt hat: der Abtransport einer alten Jüdin aus ihrer Nachbarschaft durch die Gestapo, die von Scherben übersäten Straßen nach der Reichskristallnacht, die Bombardierung der Stadt. Hatüs Vater Walter Oehmichen, ein bekannter Schauspieler, führt während des Krieges vor verwundeten Soldaten mit selbstgebastelten Marionetten Märchen auf, um dem Grauen etwas entgegenzusetzen.Nach dem Krieg macht er das Marionettenspiel zu seinem Brotberuf. Die „Augsburger Puppenkiste“ wird gegründet, an der die ganze Familie mitwirkt: Die Mutter näht Kostüme, Hatü schnitzt Puppen, und alle spielen mit. Das Theater wird zunehmend bekannt, das Ensemble wächst, bis schließlich das noch junge Fernsehen die Stücke der Puppenkiste in die Wohn- und Kinderzimmer der ganzen Bundesrepublik überträgt. Der Hunger nach Unterhaltung, nach Kultur ist bei Jung und Alt groß.
Thomas Hettche hat sorgfältig recherchiert. Man begegnet im Roman wichtigen Personen aus der Kulturszene der Kriegs- und Nachkriegszeit, Schauspielern, Schriftstellern wie Thomas Mann und Ernst Wiechert  und natürlich Michael Ende. Die Gespräche und Diskussionen, die Hettche den Figuren des Romans in den Mund legt, kreisen vor allem um eine große Frage: Welche Aufgabe hat Kunst nach dem Krieg und dem Nationalsozialismus? Kann man nach all dem noch Märchen erzählen?
„Als der Krieg vorbei war, sagte ich mir: Je stärker ich die Menschen aus dem Elend entführen kann, desto mehr helfe ich ihnen.“ Walter Oehmichen will durch den Zauber des Puppenspiels, durch Fantasie, Imagination und die Grazie der Marionetten die Seelen der Menschen erreichen und eine Gegenwelt zu Brutalität und Zerstörung schaffen. Der wichtigste Faden einer Marionette ist für ihn der unsichtbare Herzfaden, der am Herzen der Zuschauer festgemacht ist.
Marionetten hält Oehmichen für die besseren Schauspieler, sie sind jenseits von Verführbarkeit und Schuld. Hier knüpft Hettche an den berühmten Essay „Über das Marionettentheater“ von Heinrich von Kleist an. Die Fähigkeit zur Reflexion ist für Kleist die Ursache dafür, dass Menschen die Beweglichkeit, Leichtigkeit und Grazie von Marionetten niemals erreichen können. Da Puppen kein Bewusstsein haben, sind ihre Bewegungen von natürlicher Anmut und Unschuld.
Das Thema Schuld spielt auch auf der Märchenebene des Romans eine Rolle. Den düsteren Speicherraum kann man als Bild für verdrängte Erinnerungen lesen. Hier erfährt ein Mädchen unserer Zeit von Nationalsozialismus und Judenvernichtung. Und es erhält von Hatü eine wichtige Aufgabe: es soll den unheimlichen Kasperl, Symbol für das Böse, besiegen. Mit Hilfe der Marionetten gelingt es dem Mädchen, Kasperls gemeines Grinsen in ein freundliches Lächeln zu verwandeln und ihn zu erlösen. Was ist ein Märchen? „Man wünscht sich etwas und es geht in Erfüllung“ sagt Michael Ende im Roman.
Thomas Hettche hat mit „Herzfaden“ ein höchst lesenswertes, wunderbar vielschichtiges Buch geschrieben. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste wird gekonnt mit der Zeitgeschichte verknüpft, wobei Hettche mit leichter Hand auch philosophische und kunsttheoretische Themen berührt.
Lilly Munzinger, Gauting

Thomas Hettche
„Herzfaden“
Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer und Witsch Verlag

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Montag 09.11.2020
Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
„Ich wollte nie wirklich berühmt sein, weil man dann nicht rumspazieren kann, wie man will“, erzählte Joni Mitchell der Journalistin Malka Marom 2012 in einem Interview. Aus dieser Anonymität ist leider, aber vielleicht sollte man auch lieber sagen zum Glück, nichts geworden. Die 1943 in Kanada geborene Roberta Joan Anderson ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Musikerinnen im Grenzbereich von Folk, Rock`n Roll, Jazz, Klassik und Pop. Einem Distrikt, in dem das Künstlerische nicht ganz ungefährlich ist, weil die Fallstricke zur glanzlosen Unverbindlichkeit gefährlich offen liegen.
Das Besondere an Mitchells Texten waren die Zweifel, die Bedenken und die tiefe Nachdenklichkeit gegenüber der bestehenden Welt, die in ihren Songs Raum fanden. Ihre Stimme besaß diese brüchige Klarheit, die vom ersten Ton an faszinierte und sich unter die Haut schlich. Die Musik war spröde aber vorwärtstreibend, poetisch dabei doch bodenständig, sparsam in der Instrumentierung, jedoch später immer mit ausgezeichneten Solisten besetzt. Nie wollte sie „nur“ Folksängerin sein, sondern ihren musikalischen und geistigen Horizont stets erweitern und dies wiederum in ihren Songs zum Ausdruck bringen. Ihr größter Hit war „Woodstock“, der, zuerst von Crosby, Stills, Nash & Young interpretiert, zur Hymne einer ganzen Generation aufstieg.
Ihr letztes offizielles Album liegt 13 Jahre zurück. Und immer wieder gibt es Gerüchte über ihren angeblich schlechten Gesundheitszustand. Insofern ist das Büchlein „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück“ aus dem Schweizer Kampa Verlag absolut passend, auf die kreative Lebensleistung der heute 76jährigen Sängerin, Gitarristin, Komponistin ausdrücklich zu verweisen.
Grundlage für diesen 250 Seiten starken Text sind drei ausführliche Interviews, die Malka Marom zwischen 1973 und 2012 mit Joni Mitchell führte. Es gibt kaum ein Thema, das hier im Gespräch ausgespart wurde. Die Polioerkrankung in ihrer Kindheit, die frühe Mutterschaft und das fast zeitlebens andauernde schwierige Verhältnis zu ihrer Tochter, ihre Liebesbeziehungen zu James Taylor, Bob Dylan und Leonard Cohen, ihre musikalische Zusammenarbeit mit Wayne Shorter, Eric Clapton und Charles Mingus und natürlich der Prozess des Komponierens, das Schreiben von Gedichten, die öffentliche Wirkung ihrer Alben und die inspirierenden Momente für sie als Malerin.
Joni Mitchell hat in über fünf Jahrzehnten ihres Schaffens eine überschaubare Anzahl an Alben eingespielt. Einige von ihnen sind Meisterwerke geworden, gehören zum Kanon der modernen Musik des 20. Jahrhunderts. Sie hat der Poesie eine einzigartige Stimme gegeben und zugleich sich kämpfend mit der Realität des (Über-)Lebens auseinandergesetzt („In meinen Songs steckt viel Nietzsche drin“). Sie hat Humor („Wenn ich Spaß habe, kann ich ziemlich blond sein“), große Vorbilder (Über Billie Holiday: „Ich mag ihren Lebensüberdruss, und da ist etwas Transzendentes in ihrer Seele, etwas, das über sie hinauswuchs“) und ist selbstbewusst („Krise kann ich gut.Ich gerate nicht in Panik“).
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“ ist ein Buch, das Lust auf ihre Musik macht, es sind eine Art kommentierende Gedanken zu ihren Werken, die unzertrennlich mit ihrem Leben verbunden sind. Informationen sozusagen ungefiltert aus erster Hand.
Jörg Konrad

Joni Mitchell
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“
Kampa Verlag
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Autor: Siehe Artikel
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