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8. William Boyd „Eine große Zeit“
9. Thomas Hettche „Herzfaden“
10. Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
11. James Ellroy „Jener Sturm“
12. Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“...
Mittwoch 16.12.2020
Guido Zingerl „Das Narrenschiff“ & „Das Geheimnis der Griechischen Eule“
Bilder
Altersmilde? Aber nicht Guido Zingerl. Schließlich ist die Welt zu sehr aus den Fugen, gibt es zu viel Ungerechtigkeit als auch Aufklärungsbedarf. Solange der 1933 in Regensburg Geborene als Maler, Zeichner, Karikaturist tätig ist, hat er gegen jede Form der sozialen Benachteiligung und politischen Willkür öffentlich angekämpft. Und, das versteht sich von selbst, dabei Haltung bewahrt. Selbst auf die Gefahr hin, mit seiner Arbeit eher zu provozieren als Probleme solidarisch weichzuzeichnen.
Dafür hat er die Finger zu tief in den offenen Wunden der Gesellschaft und sind die Schwachstellen in Politik und Gesellschaft für ihn zu spürbar. Sein Gerechtigkeitssinn macht's möglich.
Erst im letzten Jahr hat der seit über vier Jahrzehnten in Fürstenfeldbruck lebende Künstler einen umfangreichen Bilderzyklus unter dem Titel „Das Narrenschiff“ vorgelegt. Dabei handelt es sich um „40 gemalte und gezeichnete Parabeln auf die Unbelehrbarkeit des Menschen“. Wer sich nur ein wenig in der Geschichte der Menschheit auskennt, wird wissen: Ein unendliches Thema.
Zingerl, der mit bürgerlichem Namen Heinrich Scholz heißt, bezieht sich in dieser umfangreichen Arbeit auf die moralische Klageschrift gleichen Namens von Sebastian Brandt aus dem Jahr 1494, dem erfolgreichsten deutschsprachigen Buch vor der Reformation, mit Holzschnitten von Albrecht Dürer.
Der Mensch hat bis heute nichts von seinen dunklen amoralischen Eigenschaften, die man unter den Begriffen Macht, Habgier und Egoismus zusammenfassen kann, verloren. Vielleicht sind manche dieser Eigenschaften glatt geschliffen, sind heutzutage verfeinert, sind eine postmoderne wie auch demokratisch motivierte Frischenzellenkur durchlaufen. Doch die Kritik daran ist bis heute gleich geblieben. Dank Menschen wie Guido Zingerl, der Kunst auch immer als Waffe der Aufklärung versteht.
Zingerl hat keine Berührungsängste, beschäftigt sich in seinen neuen Arbeiten kritisch mit Kirche und Klimawandel, mit der Nazizeit und deren Erben, die besonders in den heutigen Tagen wieder aktiv sind, mit der Flüchtlingskrise, den Weltverschwörungsmythen der Gegenwart, als auch mit den furchtbaren Auswirkungen des Kapitalismus in den sogenannten Entwicklungsländern. Er zeigt die Welt ungeschönt und real und klagt mit seinen Bildern konsequent jene an, die für diesen Zustand verantwortlich sind: Uns Menschen.
Egal ob Zingerl mit Acryl malt, ob er zeichnet oder Karikaturen entwirft – er arbeitet mit scharfen Schnitten, nutzt grelle Farben, fordert mit Inhalten massiv heraus. Er ist schonungslos in seiner Analyse und trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Auch wenn manches Lachen bei genauerer Betrachtung im Halse stecken bleibt. Er kreuzigt Marx, verballhornt die Bürokratie, zeigt Narren als Narren (US-Präsident D.Trump). Immer wieder lassen sich auf seinen Bildern neue Details entdecken, erkennt man Hintergründiges, wird Widersprüchliches deutlich.
In einem anderen jetzt erschienenen Band spannt Guido Zingerl unter dem Titel „Das Geheimnis der Griechischen Eule – Asam, Apollon, Amper“ einen Bogen von der antiken Mythologie bis in unsere Gegenwart. Grund für seinen überwältigenden Historienblick  ist das zehnjährige Jubiläum der Wiedereröffnung des Churfürstensaales im Kloster Fürstenfeld. Zingerl hat keine Mühe, vom Maler  und Bildhauer Hans Georg Asam über seine Figur des griechischen Helden Herakles, den weiblichen Gottheiten des Olymp und dem Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung Appolon einen gewaltigen Bogen bis in die Neuzeit zu spannen. Da wird Sisyphos als Zwangsarbeiter beim Bau der Klosterkirche Fürstenfeld ins Spiel gebracht, ebenso wie die Vergangenheitsbewältigung der Polizeischule im Kloster. Da kreisen Kampf-Drohnen neben dem geflügelten Pegasus am Himmel über dem Fliegerhorst und Kassandra mahnt zeitig vor dem Trojanischen Pferd, Nationalismus und Krieg. Zingerl entwirft mit spitzem Stift die Szenen, erläutert in kurzen Texten die verdichtete Historie, mit all ihren Paradoxen und Entsetzen. Im Grunde ist alles ganz einfach und fix auf einen Nenner gebracht: Ohne Auseinandersetzung keinen Frieden. Und genau aus diesem Grund sind beide Bücher zu empfehlen. Gerade zum Weihnachtsfest!!!
Jörg Konrad

Guido Zingerl
„Das Narrenschiff“ &
„Das Geheimnis der Griechischen Eule“

Zu beziehen sind beide Bücher für 20 bzw. 15 Euro unter der E-mail: scholz-zingerl@t-online.de.     
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Mittwoch 09.12.2020
William Boyd „Eine große Zeit“
Es ist ein Roman wie aus einer anderen Zeit. Aus welcher? Nun, als Agenten und Spione noch stark die Feuilletons beschäftigten. Als Graham Greene seine großen Romane schrieb, Besatzungsmächte Deutschland aufteilten, die ersten Bond-Filme erfolgreich die Kinoleinwände stürmten und der „Eiserne Vorhang“ eben nur bedingt durchlässig war. Es war jene Zeit des aus heutiger Sicht noch relativ überschaubaren Ost-West-Konflikts.
William Boyds Roman „Eine große Zeit“ spielt noch etwas früher, kurz vor dem 1. Weltkrieg in Österreich, England und der Schweiz. Die packende wie unterhaltsame Geschichte liest sich wie ein Vorläufer eben jenes Kalten Krieges, der einige Jahre später nicht nur das mitteleuropäische Miteinander bestimmen sollte.
Alles beginnt in Wien, wo die Hauptfigur des Romans, der Brite Lysander Rief, sein gestörtes Sexualleben mit Hilfe der Psychoanalyse richten will. Hilfe erhofft sich Schauspieler Rief von einem gewissen Dr. Bensimon (Siegmund Freud praktiziert selbstredend gleich ein paar Querstraßen weiter), in dessen Wartezimmer es zu einer folgenschweren Begegnung mit der Bildhauerin und Muse Hettie Bull kommt, die dem restlichen Roman die Richtung gibt.
William Boyd begleitet von nun an seine Hauptfigur Rief durch alle erdenklichen, meist schicksalhaften Herausforderungen und die daraus entstehenden Abgründe. Gefängnis in Wien, Flucht mit Hilfe des britischen Geheimdienstes nach England, Spion im 1. Weltkrieg, neue Identitäten, geheime Codes, die es aufzulösen gilt, Mord. Alles drin, in diesen 370 dramatischen Seiten.
Boyd hat die Fäden seiner Protagonisten dabei sicher in der Hand. Er entwirft glaubwürdige Charaktere, die er miteinander in Beziehung setzt und mit ihnen gekonnt die Dramaturgie der Handlung entwickelt. So entwirft er, auch mit Hilfe seiner prägnant eingesetzten Sprache ein Panoptikum der Zeit. Es geht um Existenzen und um Ideologien, um menschliche Schwächen und deren schonungsloses ausnutzen, um Obsessionen und Täuschungen.
Erschienen ist „Eine große Zeit“ auf deutsch erstmals 2012. Nun hat der Zürcher Kampa Verlag den Roman erneut veröffentlicht. Und wer das Buch bisher nicht kennt, kann sich mit Freude darauf einlassen.
Jörg Konrad

William Boyd
„Eine große Zeit“
Kampa
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Montag 23.11.2020
Thomas Hettche „Herzfaden“
Das Buch beginnt wie ein Märchen. Nach einer Aufführung der Augsburger Puppenkiste gerät ein junges Mädchen unserer Tage auf den versteckten Dachboden des Theaters. Es schrumpft und erkennt um sich herum plötzlich die  Marionettenfiguren der Puppenkiste: Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel aus dem Eis, Kater Mikesch und all die anderen. In ihrer Mitte sitzt eine schöne Frau in einem altmodischen Kostüm. Hatü, wie sie genannt wird, erzählt dem Mädchen ihre Geschichte.
Thomas Hettches Roman „Herzfaden“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 stand, ist ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore -  „Hatü“- Oehmichen und der Augsburger Puppenkiste. Gleichzeitig beleuchtet Hettche die Nazizeit in Augsburg und die Kultur- und Mediengeschichte der jungen Bundesrepublik, für die das Augsburger Puppentheater weit über die Kinderzimmer hinaus prägend war.
„Herzfaden“ spielt abwechselnd auf zwei Erzählebenen. Sie sind durch rote und blaue Schrift optisch voneinander unterschieden und inhaltlich kunstvoll aufeinander bezogen. Da ist die magische Märchenwelt des Speichers, in der Marionettenpuppen sprechen können und Hatü wieder lebendig ist. Und da ist die realistische Ebene, Hatüs Erzählung, durch die das junge Mädchen einen bewegenden Geschichtsunterricht erhält.
Schlaglichtartig werden verstörende Szenen ausgeleuchtet, die Hatü als Kind in Augsburg erlebt hat: der Abtransport einer alten Jüdin aus ihrer Nachbarschaft durch die Gestapo, die von Scherben übersäten Straßen nach der Reichskristallnacht, die Bombardierung der Stadt. Hatüs Vater Walter Oehmichen, ein bekannter Schauspieler, führt während des Krieges vor verwundeten Soldaten mit selbstgebastelten Marionetten Märchen auf, um dem Grauen etwas entgegenzusetzen.Nach dem Krieg macht er das Marionettenspiel zu seinem Brotberuf. Die „Augsburger Puppenkiste“ wird gegründet, an der die ganze Familie mitwirkt: Die Mutter näht Kostüme, Hatü schnitzt Puppen, und alle spielen mit. Das Theater wird zunehmend bekannt, das Ensemble wächst, bis schließlich das noch junge Fernsehen die Stücke der Puppenkiste in die Wohn- und Kinderzimmer der ganzen Bundesrepublik überträgt. Der Hunger nach Unterhaltung, nach Kultur ist bei Jung und Alt groß.
Thomas Hettche hat sorgfältig recherchiert. Man begegnet im Roman wichtigen Personen aus der Kulturszene der Kriegs- und Nachkriegszeit, Schauspielern, Schriftstellern wie Thomas Mann und Ernst Wiechert  und natürlich Michael Ende. Die Gespräche und Diskussionen, die Hettche den Figuren des Romans in den Mund legt, kreisen vor allem um eine große Frage: Welche Aufgabe hat Kunst nach dem Krieg und dem Nationalsozialismus? Kann man nach all dem noch Märchen erzählen?
„Als der Krieg vorbei war, sagte ich mir: Je stärker ich die Menschen aus dem Elend entführen kann, desto mehr helfe ich ihnen.“ Walter Oehmichen will durch den Zauber des Puppenspiels, durch Fantasie, Imagination und die Grazie der Marionetten die Seelen der Menschen erreichen und eine Gegenwelt zu Brutalität und Zerstörung schaffen. Der wichtigste Faden einer Marionette ist für ihn der unsichtbare Herzfaden, der am Herzen der Zuschauer festgemacht ist.
Marionetten hält Oehmichen für die besseren Schauspieler, sie sind jenseits von Verführbarkeit und Schuld. Hier knüpft Hettche an den berühmten Essay „Über das Marionettentheater“ von Heinrich von Kleist an. Die Fähigkeit zur Reflexion ist für Kleist die Ursache dafür, dass Menschen die Beweglichkeit, Leichtigkeit und Grazie von Marionetten niemals erreichen können. Da Puppen kein Bewusstsein haben, sind ihre Bewegungen von natürlicher Anmut und Unschuld.
Das Thema Schuld spielt auch auf der Märchenebene des Romans eine Rolle. Den düsteren Speicherraum kann man als Bild für verdrängte Erinnerungen lesen. Hier erfährt ein Mädchen unserer Zeit von Nationalsozialismus und Judenvernichtung. Und es erhält von Hatü eine wichtige Aufgabe: es soll den unheimlichen Kasperl, Symbol für das Böse, besiegen. Mit Hilfe der Marionetten gelingt es dem Mädchen, Kasperls gemeines Grinsen in ein freundliches Lächeln zu verwandeln und ihn zu erlösen. Was ist ein Märchen? „Man wünscht sich etwas und es geht in Erfüllung“ sagt Michael Ende im Roman.
Thomas Hettche hat mit „Herzfaden“ ein höchst lesenswertes, wunderbar vielschichtiges Buch geschrieben. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste wird gekonnt mit der Zeitgeschichte verknüpft, wobei Hettche mit leichter Hand auch philosophische und kunsttheoretische Themen berührt.
Lilly Munzinger, Gauting

Thomas Hettche
„Herzfaden“
Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer und Witsch Verlag

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Montag 09.11.2020
Joni Mitchell „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück"
„Ich wollte nie wirklich berühmt sein, weil man dann nicht rumspazieren kann, wie man will“, erzählte Joni Mitchell der Journalistin Malka Marom 2012 in einem Interview. Aus dieser Anonymität ist leider, aber vielleicht sollte man auch lieber sagen zum Glück, nichts geworden. Die 1943 in Kanada geborene Roberta Joan Anderson ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Musikerinnen im Grenzbereich von Folk, Rock`n Roll, Jazz, Klassik und Pop. Einem Distrikt, in dem das Künstlerische nicht ganz ungefährlich ist, weil die Fallstricke zur glanzlosen Unverbindlichkeit gefährlich offen liegen.
Das Besondere an Mitchells Texten waren die Zweifel, die Bedenken und die tiefe Nachdenklichkeit gegenüber der bestehenden Welt, die in ihren Songs Raum fanden. Ihre Stimme besaß diese brüchige Klarheit, die vom ersten Ton an faszinierte und sich unter die Haut schlich. Die Musik war spröde aber vorwärtstreibend, poetisch dabei doch bodenständig, sparsam in der Instrumentierung, jedoch später immer mit ausgezeichneten Solisten besetzt. Nie wollte sie „nur“ Folksängerin sein, sondern ihren musikalischen und geistigen Horizont stets erweitern und dies wiederum in ihren Songs zum Ausdruck bringen. Ihr größter Hit war „Woodstock“, der, zuerst von Crosby, Stills, Nash & Young interpretiert, zur Hymne einer ganzen Generation aufstieg.
Ihr letztes offizielles Album liegt 13 Jahre zurück. Und immer wieder gibt es Gerüchte über ihren angeblich schlechten Gesundheitszustand. Insofern ist das Büchlein „Ich singe meine Sorgen und male mein Glück“ aus dem Schweizer Kampa Verlag absolut passend, auf die kreative Lebensleistung der heute 76jährigen Sängerin, Gitarristin, Komponistin ausdrücklich zu verweisen.
Grundlage für diesen 250 Seiten starken Text sind drei ausführliche Interviews, die Malka Marom zwischen 1973 und 2012 mit Joni Mitchell führte. Es gibt kaum ein Thema, das hier im Gespräch ausgespart wurde. Die Polioerkrankung in ihrer Kindheit, die frühe Mutterschaft und das fast zeitlebens andauernde schwierige Verhältnis zu ihrer Tochter, ihre Liebesbeziehungen zu James Taylor, Bob Dylan und Leonard Cohen, ihre musikalische Zusammenarbeit mit Wayne Shorter, Eric Clapton und Charles Mingus und natürlich der Prozess des Komponierens, das Schreiben von Gedichten, die öffentliche Wirkung ihrer Alben und die inspirierenden Momente für sie als Malerin.
Joni Mitchell hat in über fünf Jahrzehnten ihres Schaffens eine überschaubare Anzahl an Alben eingespielt. Einige von ihnen sind Meisterwerke geworden, gehören zum Kanon der modernen Musik des 20. Jahrhunderts. Sie hat der Poesie eine einzigartige Stimme gegeben und zugleich sich kämpfend mit der Realität des (Über-)Lebens auseinandergesetzt („In meinen Songs steckt viel Nietzsche drin“). Sie hat Humor („Wenn ich Spaß habe, kann ich ziemlich blond sein“), große Vorbilder (Über Billie Holiday: „Ich mag ihren Lebensüberdruss, und da ist etwas Transzendentes in ihrer Seele, etwas, das über sie hinauswuchs“) und ist selbstbewusst („Krise kann ich gut.Ich gerate nicht in Panik“).
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“ ist ein Buch, das Lust auf ihre Musik macht, es sind eine Art kommentierende Gedanken zu ihren Werken, die unzertrennlich mit ihrem Leben verbunden sind. Informationen sozusagen ungefiltert aus erster Hand.
Jörg Konrad

Joni Mitchell
„Ich singe meine Sorgen und male mein Glück - Gespräche mit Malka Marom“
Kampa Verlag
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Montag 02.11.2020
James Ellroy „Jener Sturm“
Zeit der Handlung: Einunddreißigster Dezember 1941 bis achten Mai 1942
Ort der Handlung: Los Angeles, San Francisco, Lone Pine, San Diego, Manzanr, Baja, Esenada, Tijuana, La Paz. Die letzteren vier Orte befinden sich in Mexiko.
Handelnde Personen: Hideo Ashida / Forensiker, angestellt beim LAPD; Joan Conville / Krankenschwester, Lieutenant des US Marine Corps; Elmer Jackson / Sergeant beim LAPD; Dudley Smith / Sergeant beim LAPD; ca. 90 weitere Personen.
Die Handlung: Kurz nach dem Pearl Harbor Angriff der japanischen Luftstreitkräfte. Alles dreht sich um Mord, Korruption, Rassismus, Politik, Gier, Drogen, Raub, Verrat, Gold und Sex.

James Ellroy legt mit „Jener Strum“ den zweiten Band seines zweiteiligen L.-A.-Quartetts vor. Knapp tausend Seiten, vollgepackt mit Sätzen, die wie Dynamit explodieren, oder zumindest wie verirrte Querschläger die Luft durchsieben. Ein Roman, der wie im Wahn geschrieben scheint. Wahre Helden gibt es nicht. Nur skrupellose Widerlinge, die ohne jede Moral ihren Vorteil suchen. Hoffnungslos Gestrandete, die am scheinbaren gesellschaftlichen Glück anderer teilhaben wollen und letztendlich noch tiefer im eigenen Morast versinken.
Es treten fiktive und reale Figuren auf (Orson Wells, Bertold Brecht, Leni Riefenstahl), es wird der Hitler-Stalin-Pakt zitiert, Verschwörungstheorien entworfen und die erschlagende Realität in kaum fassbare Höhen geschraubt.
Wer Lichtgestalten sucht, wird hier nicht fündig werden. Wer seelisch instabil ist, sollte Ellroy vielleicht sogar meiden. Denn für den heute 72jährige Amerikaner gibt es keine akzeptablen Kompromisse und erst recht kein Happy End. Das hat er in seinen über 20 Romanen, von denen allein sieben verfilmt wurden, deutlich unter Beweis gestellt.
Holzschnittartig entstehen Psychogramme von Psychopathen. Glaubwürdig sind diese allemal. Das mag daran liegen, dass Ellroy genau weiß worüber er schreibt. Denn bevor er als Autor seine Erfolgskarriere begann, war er Kleinkrimineller, Drogerdealer, Obdachloser, Gefängnisinsasse. Mit zehn Jahren verlor er seine Mutter durch ein Gewaltverbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt ist.
Ellroy macht nichts anderes wie einst Émile Zola, dessen 20-bändiger Rougon-Macquart-Zyklus eine Art Natur- und Sozialgeschichte zum Ende des vorletzten Jahrhunderts darstellt, oder sein großes Vorbild Honoré de Balzac, der mit den 90(!) Romanen der „Comédie humaine“ ein schonungsloses Sittenbild Frankreichs im 19.Jahrhundert entwarf. Was Ellroy seit fast vier Jahrzehnten zu Papier bringt, ist somit einerseits die Bewältigung seines eigenen Traumas. Zum anderen die daraus resultierende Charakterisierung der westlichen Welt aus dem Blickwinkel des Verbrechens.
Vielleicht kann man ja „Jener Sturm“ als einen zeitnahen Kommentar auf die momentane gesellschaftliche Situation in den USA lesen. Ein Sittengemälde einer Welt im Abwärtsstrudel. Warten wir den 3. November ab.
Jörg Konrad

James Ellroy
„Jener Sturm“
Ullstein
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Freitag 23.10.2020
Thomas Pynchon „Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
Bilder
Sie überlegen noch, wie sie unter den gegebenen Umständen die letzten Monate dieses Jahres verbringen? Oder wohin Sie in den Herbstferien reisen? Oder, ob Sie den Hinweis, die nächste Zeit in den häuslichen vier Wänden zu verbringen ernst nehmen? Wir empfehlen eindeutig zu Letzterem. Und beschaffen Sie sich am besten für diese Zeit das Mammuthörspiel „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon. Wir versprechen Ihnen: Sie werden es nicht bereuen!
Pynchon hat den 1200 Seiten umfassenden Roman „Gravity's Rainbow“ zu Beginn der 1970er Jahre geschrieben. Es ist eine Abhandlung über Verschwörungstheorien und Faschismus, Arroganz und Armut, Pornografie, Jazz, wilde Verfolgungsjagden, Fortschrittsglauben, Geschichte, Hochkultur, Literatur, Untergang und Auferstehung und vieles vieles mehr. Kurz: Über das Leben an sich im Allgemeinen und die Verantwortung und die Stellung des Einzelnen im Besonderen. Viel aktueller geht es kaum.
Klaus Buhlert hat sich diesem Jahrhundertroman in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz aus dem Jahr 1980 angenommen und daraus ein über 800 Minuten andauerndes Hörspiel geschaffen, dem im Grunde nur Superlative gerecht werden.
Ein Heer von großartigen Sprechern macht aus diesem zugegebenen manchmal etwas sperrigen Klassiker der Postmoderne ein unterhaltsames (manchmal auch recht derbes und drastisches) Melodram. Dieses Hörspiel überbrückt nicht nur die eigene Lebenszeit. Es ist ein lustvolles, auf jeden Fall anregendes Vergnügen, wie die Biographien der über vierhundert handelnden Personen, manchmal nur für kurze aber entscheidende Momente ineinandergreifen, sich die Atmosphäre von Dynamik und Analyse leiten lässt, die Handlung immer wieder Hacken schlägt und letztendlich uns die Menschheit präsentiert.
Selten haben wir etwas nachdrücklicher empfohlen. Vielleicht das Erweckungserlebnis schlechthin – um mehr von Pynchon zu lesen.
Jörg Konrad

Thomas Pynchon
„Die Enden der Parabel – Gravity's Rainbow“
Hörbuch Hamburg
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