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1. Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
2. Julia Phillips „Das Verschwinden der Erde“
3. Mark Benecke „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinal...
4. Don DeLillo „Die Stille“
5. Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Litera...
6. Clarice Lispector „Aber es wird regnen“
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Dienstag 13.04.2021
Mirko Bonné „Seeland Schneeland“
Sir Ernest Shackleton gilt nicht nur als einer der größten Abenteurer des letzten Jahrhunderts. Der gebürtige Ire wird, obwohl seine Antarktisreise während des 1. Weltkrieges im Südpolarmeer scheiterte, als einer der wichtigsten Expeditionsleiter und als Vorbild für ganze Generationen von heranwachsenden Naturforschern und (heutigen) Managern(!) verehrt. Grund hierfür waren sein unbändiger Wille und seine Tatkraft, die ihn dazu brachten, seine gesamte Crew, nachdem sein Schiff die „Endurance“ im Weddellmeer zerbarst, wieder heil in die Heimat zu bringen.
Mirko Bonné knüpft in seinem neuen Roman „Seeland Schneeland“ an dieses Ereignis an. Seine Hauptfigur, der junge Merce Blackboro, war Mitglied dieser spektakulären Expedition. Er ist, von diesen Erlebnissen noch traumatisiert, auf der Suche nach einem neuen Lebens-Ziel. Er verspürt eine anhaltend starke innere Unruhe. Hinzu kommt die plötzliche Abreise seiner großen aber unerwiderten Liebe Ennid, die, nach einer flüchtigen Beziehung zu Merce, von Wales aufbrechend ihr Glück in Amerika plant.
Ennid befindet sich mit 2000 anderen Passagieren auf dem riesigen englischen Ozeandampfer „Orion“, der einst zur kaiserlichen deutschen Flotte gehörte. Das Schiff gerät während der Überfahrt in einen gewaltigen Schneesturm, der im Mittelpunkt dieses Romans steht und die einzelnen Handlungsstränge vorantreibt.
Mikro Bonné beschreibt in einem packenden, dynamischen wie auch empathischen Stil die Geschehnisse an Bord der „Orion“. Das wirkt zu Beginn ein wenig unübersichtlich, hin und wieder auch konstruiert. Im zweiten Teil nimmt der Roman dann an Fahrt auf. Hier bekommen die Figuren deutlichere Zuordnungen und Bezüge zueinander. Bonné veranschaulicht eindrucksvoll das Szenario an Bord, wie das Schiff aufgrund des starken Schneefalls und letztendlich des damit verbundenen Gesamtgewichts manövrierunfähig wird. Zugleich versucht Merce Blackboro von Wales aus den Kontakt zu Ennid herzustellen.
Neben Ernest Shackleton tauchen in „Seeland Schneeland“ noch weitere reale Personen auf. Da wäre der legendäre Thomas Crear, einer der verwegensten irischen Polarforscher, Charlie Chaplin und der Autor Francis Scott Fitzgerald. Sie streifen die Handlung und geben ihr insgesamt ein wenig Würze, oder auch Zeitkolorit. Zudem gibt es immer wieder Bezüge zu und Zitate aus Lew Tolstois wohl bekanntestem Roman „Anna Karenina“, den Ennid während der Überfahrt in ihrer winzigen Koje liest.
Meisterhaft gelingen Mirko Bonné die Natur- und Wetterschilderungen. Hier erinnert er in der Dichte und der Intensität des Erzählens an die großen Meister des Abenteuergenres, Jack London oder Joseph Conrad. Bonné zeigt sich als ein Meister der Dramaturgie, der die Handlung, je weiter sie fortschreitet, zuspitzt, das Erzähltempo erhöht und damit „Seeland Schneeland“ zu einem literarisch furiosem Ende führt.
Lutz Erxleben

Mirko Bonné
„Seeland Schneeland“
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main
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Montag 15.03.2021
Julia Phillips „Das Verschwinden der Erde“
Die junge amerikanische Autorin Julia Phillips lässt ihren fesselnden Debütroman „Das Verschwinden der Erde“ im fernen Osten Russlands spielen, auf der Halbinsel Kamtschatka. Während eines einjährigen Aufenthalts hat sie die Region bereist und sich intensiv mit dem Land und seinen Menschen befasst.
Kamtschatka war bis 1990 militärisches Sperrgebiet und ist auch heute noch durch seine extreme Lage zwischen Tundra und Ozean nur auf dem Luft- oder Seeweg zu erreichen. Vor dem Hintergrund der phantastischen landschaftlichen Kulisse mit ihren riesigen Wäldern, unwirtlichen Steppen, Vulkanen und Küsten entfaltet Julia Phillips das Panorama einer Gesellschaft, die nur auf den ersten Blick fremd erscheint.
In dem Buch geht es um ein Verbrechen und seine Aufklärung; der Roman ist aber weit mehr als ein Kriminalroman. Er beginnt an einem Sommertag im August in Petropawlowsk, einer Stadt an der Küste des Pazifik. Zwei Mädchen steigen in das Auto eines Mannes ein und verschwinden spurlos. Die Suche der Polizei nach den beiden Schwestern zieht sich über ein ganzes Jahr hin. Die Kapitel des Buches sind nach der Monatsfolge dieses Jahres benannt.
Das Verschwinden der Kinder wühlt die Gemeinschaft zwischen Petropawlowsk und dem Dorf Esso im Norden des Landes auf. Jede der Erzählungen nimmt die Perspektive einer anderen Frau ein, die direkt oder indirekt von dem Verbrechen betroffen ist. Dabei steht die Autorin in der Tradition der amerikanischen Short Story: Ohne Einführung springt sie mit jedem Kapitel mitten hinein in eine neue Situation. Man ist beim Lesen ganz unmittelbar und nah an den Figuren, deren unterschiedliche Geschichten ein dichtes Beziehungsnetz ergeben.
Julia Phillips schreibt in einer klaren, prägnanten Sprache; der gekonnt konstruierte Spannungsbogen entwickelt einen starken Sog. Wie unter einem Brennglas zeigt sie gesellschaftliche Defizite auf: Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie.
Ein Hauptmotiv des Romans ist das Leben von Frauen in einer von Männern dominierten Welt; er erzählt von ihren Sehnsüchten, ihren Ängsten, ihren oft vergeblichen Befreiungsversuchen. Das Thema wird vielfältig und ohne simple Klischees variiert. Die Entführung der beiden Mädchen ist der Extremfall einer Atmosphäre von subtiler bis offener Gewalt und Unterdrückung. Obwohl viele Frauen, die die Autorin schildert, berufstätig sind oder studieren, sind sie doch männlichen Machtansprüchen und Demütigungen ausgesetzt. Sie können sich nur schwer dagegen behaupten, da häufig auch ihr eigenes Frauenbild durch das Patriarchat geprägt ist. Die ewenische Studentin Ksjuscha z.B. steht zwischen zwei Männern, dem sensiblen Tschander und ihrem Freund Ruslan, der sie überwacht und tyrannisiert. Dass Ksjuscha sich schließlich für ihn entscheidet, wird auch mit ihrer Herkunft begründet. Als Angehörige der indigenen Urbevölkerung fühlt sie sich oft ausgegrenzt, und es fehlt ihr der Mut, ein freieres Leben ohne den Schutz eines vermeintlich starken Mannes zu wagen.
Hier schlägt die Autorin ein weiteres Thema ihres Buches an. Angehörige der indigenen Minderheiten, die vorwiegend in Dörfern auf dem Land leben und deren Ältere noch mit ihren Rentierherden durch die Tundra ziehen, gelten bei den offiziellen Behörden und vielen Russen als Menschen zweiter Klasse. Das zeigt Julia Phillips unter anderem an dem Desinteresse, mit dem die Polizei den länger zurückliegenden Fall eines anderen verschwundenen Mädchens, einer Ewenin, behandelt, das den Ruf hatte, unmoralisch und leichtlebig zu sein. Die Polizei geht von Anfang an davon aus, dass Lilja von zu Hause fortgelaufen ist, – ein verhängnisvoller Irrtum, wie sich herausstellen wird.
Ausgegrenzt und von Gewalt bedroht ist auch Mascha, der das Kapitel „Silvester“ gewidmet ist. Sie hat Kamtschatka verlassen und lebt in St. Petersburg in einer lesbischen Beziehung. Auf einer Neujahrsparty in ihrer alten Heimat wird Mascha von einer Freundin davor gewarnt, sich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. Vor wenigen Jahren ist an der Küste von Ochotsk ein Schwuler verbrannt worden. „Mascha war mit siebzehn von zu Hause weggegangen. Wenn sie an Kamtschatka dachte, hatte sie wahrscheinlich Vulkane vor Augen, schmeckte Kaviar, erinnerte sich an Touren über Steinpfade zu den Wolken. Sie verstand nicht, was heutzutage Mädchen passieren konnte…Wenn du nicht tust, was von dir erwartet wird, wenn du unachtsam bist, bist du geliefert.“
Es ist eine harte, archaische Welt, die Julia Phillips in ihrem Roman schildert. „Das Verschwinden der Erde“ vermittelt die Faszination, die von der gewaltigen Landschaft Kamtschatkas und seinen Bewohnern ausgeht. Und man erlebt beim Lesen auch tröstliche Momente der Hoffnung, Solidarität und Freundschaft zwischen den Menschen.
Lilly Munzinger, Gauting

Julia Phillips
„Das Verschwinden der Erde“
dtv
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Mittwoch 03.03.2021
Mark Benecke „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“
Wem das 13-bändige Standard-Mammut-Werk „Brehms Tierleben“ mit seinen fast achttausend(!) Seiten zu umfangreich erscheint, und wer sich auch mit den gekürzten Volks- und Schulausgaben dieser Abhandlung aufgrund ihrer Ausführlichkeit nicht so recht anfreunden mag, der muss auf unterhaltsame Einblicke in die Welt tierischer Kreaturen nicht unbedingt verzichten. Denn der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke hat sich aufgemacht, die Fauna, so wie sie ihm im täglichen Berufsleben begegnet, knapp und anregend literarisch darzulegen. Dabei immer mit leichten Vorteilen für die Insekten, die den Forensikern verständlicherweise besonders am Herzen liegen. Denn das, was ihm Rotbeinige Schinkenkäfer, Silberfischchen, nekrophile Enten oder Vampirfledermäuse während seiner täglichen Arbeit offenbaren, können ihm weder Elefanten noch Krokodile bieten. Dass er bei all dem überschaubaren Umfang seiner Erörterungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit irgendeiner Tierform erhebt, versteht sich von selbst. ?
Benecke ist jedoch nicht nur aufgrund seines naturkundliches Fachwissen für eine derart kurzweilige Auseinandersetzung prädestiniert. Der Doktor schreibt auch unterhaltsam und humorvoll, ist in der Lage, manch pikante oder obskure Zusammenhänge in flotter Sprache schwungvoll zu vermitteln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Benecke nicht allein Spezialist für forensische Entomologie, sondern zugleich auch Mitglied des Ig-Nobelpreis-Komitees für kuriose Wissenschaften und Vorsitzender der Transsilvanischen Dracula-Gesellschaft ist. Das ermöglicht ihm einen völlig anderen, distanzierten Blickwinkel nicht nur auf die animalischen Seiten des Lebens. Derartig bizarre Unterhaltung sucht man bei Alfred Brehm jedenfalls vergebens.
Und noch etwas zeichnet dieses anregenden Büchleins aus: Es sind die grellbunten, liebevoll gestalteten Illustrationen von Kat Menschik. Sie gibt dem Text eine fantasiereiche Form, stellt Tierarten und Gattungen nebeneinander und gegenüber, so dass man glaubt, sich in einem paradiesischen Tier-Zwischenreich zu bewegen. Ihre knalligen Farben sind es, die als erstes ins Auge fallen, die neugierig machen und erst zu dem Buch greifen lassen. Sie fördert jede bibliophile Entdeckerfreude, macht deutlich, wie einmalig die Kunst der Buchgestaltung ausgefüllt werden kann. Nicht umsonst hat ihr der Berliner Galiani Verlag eine eigene Reihe ermöglicht, in der sie seit 2016 Krimis und Klassiker der Weltliteratur präsentiert. Auf die Frage, wie sie selbst ihren Stil zu zeichnen beschreiben würde, sagte sie in einem Interview: „Mein Zeichenstil besteht aus klaren, starken Linien, flächigen, popartigen Kolorationen und einem Hang zum Jugendstil und Retrodesign im Allgemeinen.“ Etliche ihrer illustrierten Bücher wurden ausgezeichnet und es würde mit Sicherheit nicht verwundern, wenn auch „Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“ als Anwärter auf einen der Preise als „Schönstes Buch“ gehandelt wird.
Jörg Konrad

Mark Benecke
„Kat Menschiks und des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustriertes Thierleben“
Illustriert von Kat Menschik
Verlag Galiana
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Freitag 19.02.2021
Don DeLillo „Die Stille“
Die Welt hält an - nicht unbedingt inne. In Don DeLillos neuen, schmalen Roman „Die Stille“ noch weitaus grundlegender, als wir es seit gut zwölf Monaten selbst erleben. Dabei hat der New Yorker Altmeister den Text abgeschlossen, bevor uns die Covid-Pandemie in der Realität vierundzwanzig Stunden am Tag zu beschäftigen scheint. DeLillo hat auf gut einhundert Seiten ein Szenario entwickelt, das zwar nicht die gesamte Komplexität einer globalen Lebens-Stagnation durchspielt. Doch allein ein kompletter Stromausfall in der US-Metropole kann ein Gefühl vermitteln, als wäre die Welt vollends aus den Fugen geraten. Es ist tiefschwarze Nacht, sämtliche Kommunikationsmittel (PC, Fernsehen, Telefon usw.) sind ausgefallen, das Netz der Nahverkehrsmittel zusammengebrochen, die Heizungen eiskalt. Der Mensch wird auf seine schlichte Existenz zurückgeworfen. Natürlich sind es, neben den zivilisatorischen Errungenschaften, die von einer auf die nächste Stunde verloren gehen, vor allem intellektuelle Fragen, die DeLillo interessieren und die er thematisiert. So könnte die Katastrophe, bei aller Einschränkung auch eine Art Befreiung aus Abhängigkeitsverhältnissen bedeuten - meint er und seine Protagonisten, die sich am Abend der Katastrophe zufällig verabredet haben.
Die Gespräche, die an diesem Abend in einer New Yorker Wohnung von fünf befreundeten Personen untereinander geführt werden, sind jedoch oberflächlich betrachtet weniger diese tiefgreifenden Diskussionen, die man erwartet hätte. Die Protagonisten, als Vertreter der Spezies Mensch, sind derart individualisiert, dass ihnen ein gemeinschaftliches Erörtern der Situation einfach nicht gelingen will. Jeder geht seinen Gedanken nach, ist mit seinen ganz persönlichen Verlusten und Ausfällen so beschäftigt, dass man das Kollektive dieser Situation vergeblich sucht.
Viel deutlicher wird die Abhängigkeit des Menschen von technischen „Errungenschaften“ und die Hoffnungslosigkeit, die sich bei deren Verlust einstellt. Das vielleicht wichtigste in einer derartigen schwerwiegenden Situation, eine gewisse Solidarität untereinander, das vereinende Angehen von Handlungsstrategien, ist wenig, eher gar nicht spürbar. Verstörung ist angesagt. Selbstgespräche werden geführt. Vielleicht ist diese Handlungsunfähigkeit ja allein der Momentaufnahme dieser Situation geschuldet. Eine Art winzigen Zeitfenster, der straffenden Kürze des Romans geschuldet. Hier aber lautet die Botschaft: Die Vernetzung ist durchtrennt – der Mensch hilflos.
Jörg Konrad

Don DeLillo
„Die Stille“
Kiepenheuer & Witsch
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Montag 25.01.2021
Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“
Wortwahl, Metapher, Rhythmus, – was macht eigentlich einen guten Stil aus? In seinem opus magnum „Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur“ stellt sich der Germanist und Literaturkritiker Michael Maar dieser Frage, und er macht gleich zu Anfang seines Buches deutlich, dass man sie nicht eindeutig beantworten kann. „Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber: man muss es können.“
Michael Maars 650 Seiten umfassende Stilanalyse ist die Frucht jahrzehntelangen intensiven Lesens, und sein Buch ist selbst eine immer wieder überraschende und beglückende Lektüre, eine schier unerschöpfliche Fundgrube für alle Literaturbegeisterten. Es zeigt, wie man ein großes, anspruchsvolles Thema in bestem Sinne unterhaltsam, mit Humor und Witz behandeln kann, ohne je oberflächlich oder trivial zu werden.
Schlechten Stil zu beschreiben ist relativ leicht, sagt Michael Maar. Unfreiwillige Wiederholungen, Klischees, schiefe Bilder sind oft unschwer auszumachen. Doch der gute Stil braucht ein Gefühl für etwas nicht Messbares, aber doch Reales. Und diese Sensibilität, dieses feine Gespür hat der Autor in höchstem Maße.
Grundsätzlich gilt, dass Form und Inhalt in der Literatur nicht zu trennen sind. Der Stil muss dem Inhalt angemessen sein. Die richtige Balance zwischen beidem nennt Maar nach antikem Vorbild das „Aptum“. Im ersten Teil des Buches befasst er sich in einer Art „Stufenhierarchie“ mit den Bausteinen eines Textes, mit Satzzeichen, Wortarten, der Syntax, mit Metaphern und Rhythmus, und er versucht, stilistische Grundregeln zu erläutern. Das klingt trocken, ist aber höchst amüsant zu lesen und wird an einer Fülle von Einzelbeispielen veranschaulicht. Dabei gilt jedoch immer: keine Regel ohne Ausnahme! Eine gute Schriftstellerin oder ein guter Autor kann jede Regel durchbrechen. Da ist z.B. das Adjektiv oder Beiwort. Eine alte Schulweisheit, die auch schreibenden Debütanten eingebläut wird, lautet: Meide das Adjektiv! Wenn Verb und Substantiv stimmen, ist es oft überflüssig. Hier war vor allem der Adjektivasket Ernest Hemingway stilbildend. Aber: Was wäre z.B. ein Text von Thomas Mann ohne Beiworte? Wenn es in „Joseph und seine Brüder“ heißt: “Die Brüder lächelten ängstlich“, entsteht gerade durch das „ängstlich“ die Komik des Satzes, weil es in ironischer Reibung zum Verb steht. In Herta Müllers Roman „Die Atemschaukel“, der ihr den Nobelpreis eingebracht hat, sind es besonders die ausgefallenen Adjektive, die den durch Kriegsgefangenschaft seelisch beschädigten Oskar Pastior treffend charakterisieren: „Meine stolze Unterlegenheit. Meine zugemaulten Angstwünsche…“Auch Joseph Roth ist für Maar ein Meister des Adjektivs und der genauen, oft kühnen Metapher, ganz im Gegensatz zu Stefan Zweig, dessen Beiwörter und Sprachbilder meist erwartbar und blass wirken.
Überhaupt hat Michael Maar keine Scheu, auch anerkannte Autoren zu kritisieren und ein wenig an ihrem Denkmal zu kratzen. Irmgard Keuns frischen, naiven Ton, der ihren Roman „Das kunstseidene Mädchen“ in den 1930-er Jahren über Nacht berühmt gemacht hat, nennt er eine „ Kindchenschema-Manieriertheit“, und Fontanes  „dahinplätschernde Dialoge“ empfindet er als ermüdend. Man muss ihm nicht in allem folgen, aber seine Urteile sind immer begründet und durch Beispiele belegt.
Das gilt auch für den zweiten Teil des Buches, in dem Michael Maar die Leserin und den Leser durch seine Privatbibliothek führt, seine Sammlung deutschsprachiger Prosa von der Weimarer Klassik bis zu dem 1982 in Graz geborenen Clemens J. Setz. Die Auswahl ist, wie Maar betont, subjektiv und durch seine persönlichen Vorlieben bestimmt. Wichtige Schriftsteller wie Böll oder Grass fehlen ganz. Auf der anderen Seite entdeckt er so manchen verborgenen Schatz, und so ist eine Literaturgeschichte entstanden, die nicht ganz dem Mainstream entspricht. An jeder einzelnen Autorin und jedem Autor analysiert Maar die Eigenheit ihres Stils und versucht, dessen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Dabei gilt sein Augenmerk auch in starkem Maße weiblichen Schriftstellerinnen, darunter auch solchen, die vergessen oder bisher kaum bekannt sind. In dem Kapitel „Löwinnen um Goethe“ z.B. hebt er Rahel Varnhagen als stilistisch glänzende Briefeschreiberin hervor.
Ganz besonders schätzt Maar die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts. Seine Helden sind Joseph Roth, Franz Werfel, (Stefan Zweig weniger), Heimito von Doderer, Franz Kafka; fast alle sind Juden. Die überragende Rolle, die jüdische Autoren für die deutschsprachige Literatur gespielt haben, begründet er mit der  jüdischen Tradition, mit der Liebe zum Wort.
Diese Liebe zum Wort zeichnet auch Michael Maar selbst aus, und sie ist die Grundlage seines wunderbar reichen Buches „Die Schlange im Wolfspelz“.
Lilly Munzinger, Gauting

Michael Maar
„Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“
Rowohlt
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Dienstag 19.01.2021
Clarice Lispector „Aber es wird regnen“
Alles an Clarice Lispector war besonders. Die Lebensumstände machten aus der in der Ukraine Geborenen eine Person, die mit ihrem Wesen, mit ihren Büchern und mit ihren Aussagen stetig auffiel. Mehr noch: Sie sorgte für manche Provokation und Rebellion, die im Grunde, wir kennen dies von einem Großteil anderer Kreativer, letztendlich als Ergebnis vernarbter Seelen und dem maßgeblichen Schutz vor Verletzungen der Außenwelt zu verstehen waren. Sie brach liebend gern die Konventionen, spielte unerschrocken mit Gegensätzen, genoss als Ehefrau eines Diplomaten den luxuriösen Wohlstand und fand dabei nie die innere Ruhe, das eigene Leben zu genießen.
Früh floh die Familie aufgrund antisemitischer Progrome nach Brasilien, wo Claire Lispector Jura studierte und ihre ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte. Mit dem Roman „Nahe dem wilden Herzen“ sorgte sie schon 1944 für immenses Aufsehen. Man verglich sie früh mit ihrem persönlichen Vorbild, der Amerikanerin Virginia Woolf und wenn sie auch in Brasilien schon zeitig als literarischer Stern aufging, wurden ihre Romane, Erzählungen, Reportagen und Essays nur mehr zögerlich ins Deutsche übersetzt.
Jetzt liegt mit „Aber es wird regnen“ ein zweiter Band mit Erzählungen vor, der die Autorin, deren Texte lange Zeit als unübersetzbar galten, in ihrer ganzen schillernden als auch gespaltenen Persönlichkeit vorstellt. 44 Short Stories auf knapp dreihundert Seiten. Auch hier schon zeigt sich, dass Clarice Lispector nicht unbedingt der literarischen Mehrheitsmeinung entspricht. Ihre Vorgaben, Ansprüchen, Ideen und Analysen entspringen einer völlig individuellen Denkweise. Faszinierend ihre Blickwinkel, unkoventionell ihre ausformulierten Sehnsüchte, motivierend ihre Schreibtechnik.
Manche der Texte sind entsprechend nur wenige Seiten lang und scheinen oft nur flüchtige Studien zu sein, die gesammelte Dramen in einen Kontext bringen. Es handelt sich dabei weniger um in sich geschlossene Geschichten. Bizarre Realitäten werden emotional beschrieben, Charaktere schonungslos nachgezeichnet, raffinierte Pointen entwickelt. Selten hat jemand die weibliche Psyche so verstörend und doch voller Poesie thematisiert. Sie hat geschrieben und veröffentlicht, weil sie sonst an ihren Wörtern und Gedanken erstickt wäre. Es wird endlich Zeit Clarice Lispector zu entdecken. Auch wenn der Zugang zu den Inhalten ihrer Texte nicht immer ganz einfach erscheint. Aber ist der Kontakt geglückt, wird der Leser reicht belohnt.
Jörg Konrad

Clarice Lispector
„Aber es wird regnen“
Penguin Verlag
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