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1. Landsberg: Antigone. Ein Requiem – Macht und Ohnmacht
2. Fürstenfeld: Leonid Chizhik - Tschaikowski in Jazz
3. Maisach: Sönke Meinen - Ein Ereignis
4. Fürstenfeld: Brontales Vergnügen mit Erkan & Stefan
5. Fürstenfeld: B.B. & The Blues Shacks – Prallvoll mit Energie
6. Iffeldorf: Anna Gourari – Virtuosität mit Charakter
Sonntag 24.10.2021
Landsberg: Antigone. Ein Requiem – Macht und Ohnmacht
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Foto: Franziska Götzen
Landsberg. Die Körper, die leblos an die Strände gespült werden, sind nur die sichtbaren Toten. Die, die ertrunken auf den Meeresgrund sinken, bleiben ungezählt - unbestattet. Kaum jemand fühlt sich für sie verantwortlich – weder die Badenden in den Urlaubsparadiesen, schon gar nicht die Passagiere der Kreuzfahrschiffe, die als ökologische Dreckschleudern zerstörerisch das Mittelmeer durchpflügen, noch die an die Ufer angrenzenden Staatengebilde mit ihrer Politikerprominenz. Sie erlassen jede fremde Not verdrängend Gesetze, die in diesem Fall das offizielle Beerdigen von namenlosen Flüchtlinge untersagen. Die wenigen Retter auf den Meeren selbst werden zudem weltweit bedroht, verfolgt, angeklagt und, wenn gefasst, vielleicht sogar der Freiheit beraubt. Gelebter Humanismus im 21. Jahrhundert!
Vielleicht sind es diese Bilder und Geschehnisse, die Thomas Köck anregten, sich dem antiken Stoff der Antigone, in der Tragödie, neu zu nähern. Denn der Dramatiker lässt an den Ufern des Mittelmeeres nicht wie in der Tragödie die Leiche eines Kriegers anspülen, sondern die Toten hunderter Fremder, von denen niemand weiß woher sie kommen geschweige wie sie heißen. Wem gehören diese Leichname? Wer bestattet sie würdevoll? Wer gibt ihnen die letzte Ehre? Wer ist für sie zuständig?
Ein exemplarischer Streit entbrennt. Hier das abstrakte, von Menschenhirn geschaffene Gesetz, entstanden ohne jede Empathie, ohne Gewissen. Kalte Staatsräson, die mit aller Macht umgesetzt gehört.
Simone Thoma hat Köcks Vorlage für das Theater an der Ruhr in Szene gesetzt. Das Ensemble gastierte mit dem aufwühlenden, überwältigenden "Antigone. Ein Requiem" am Samstag im Landsberger Stadttheater und hat, wie zuvor in manch anderen Spielorten, für bedrückendes Nachdenken gesorgt. Aufgearbeitet wird das Thema szenisch in einer dieser makabren Gesprächsrunden - auch Talkshow genannt. Die geladenen Gäste, allesamt „Experten“, diskutieren in einem youtube-Kanal über den segensreichen Kapitalismus anhand der bolivianischen Stadt Potosi, einem Zentrum des Silberabbaus. Die dort schuftenden Menschen gehen zugrunde – der Gewinn an Edelmetall ist hingegen beträchtlich.
Die Gäste werden im Laufe der Diskussion zu den Protagonisten der Tragödie des Sophokles: Antigone, Ismene, Kreon und Teiresias.
Es prallen Welten aufeinander: Macht und Ohnmacht, Verbote und ziviler Ungehorsam, Autorität und Menschlichkeit, Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Wo sind aber die Grenzen der Demokratie? Gibt es Situationen, die einem die Möglichkeiten geben, eigenes Rechtsempfinden auch gegen gesetzliche Vorgaben anzuwenden? Was ist mit dem Recht auf Menschlichkeit, der Moral - auch, oder eben gerade innerhalb einer demokratischen Gesellschaft? Oder genügt es, die Hände in Unschuld zu waschen?
Im vorliegenden Fall bedeutet dies: Das Recht schreibt im konkreten Fall vor, die angespülten Leichen dürfen nicht bestattet werden. Müssen sie also öffentlich verwesen? Oder überschreitet man die Anordnung und macht sich vor dem Gesetz schuldig?
Solange dieser Disput anhält, ist noch eine schmales Licht der Hoffnung am Horizont zu erkennen. Doch gleichzeitig verändert sich während der „Bühnen-Show“ die Welt ringsum zusehends. Sie wird dunkler. Das Klima kippt, die Meeresspiegel steigen an, Tiere sterben aus, Gewalt beherrscht den Planeten.
„Antigone. Ein Requiem“ - beeindruckend durch eine geschlossene (wie bedrückend machende) Ensembleleistung. Kunst, die dem tagtäglichen Tun des Menschen den Spiegel vorhält und damit eine der wichtigsten Botschaften vermittelt: Mensch zu bleiben, menschlich zu entscheiden und letztendlich menschlich zu handeln. Kunst als Waffe? Ja, weil wir uns an einem Punkt befinden, an dem es existenziell ist, gesellschaftliche Verwerfungen mit Mitteln der Kunst offen und provokant anzusprechen und Menschen dadurch aufzurütteln.
Jörg Konrad

Bericht in der Augsburger Allgemeinen Zeitung folgt
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Donnerstag 21.10.2021
Fürstenfeld: Leonid Chizhik - Tschaikowski in Jazz
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Foto: Thomas J. Krebs
Fürstenfeld. Beiläufiges gab es an diesem Abend schon erst einmal gar nicht zu hören. Trotzdem wirkte das, was Leonid Chizhik gestern in Fürstenfeld spielte mitunter leicht und verspielt. Sein pianistischer Kosmos zwischen Klassik und Jazz erstrahlte ohne verkrampften Virtuosenehrgeiz. Hier saß einer am Klavier, der um die Wirkung von Musik weiß, der sich dabei aber von artistischen Spielereien fern hält und trotzdem in der Lage ist, einen pianistischen Spannungsbogen nach dem anderen aufzubauen. Immer bescheiden im Auftreten und doch anspruchsvoll in der Umsetzung.
Leonid Chizhik hat sich bei seinem Auftritt in der Reihe Jazz First auf Peter Iljitsch Tschaikowski, den großen russischen Romantiker berufen. Dieser rutschte aufgrund seiner Schwermut in manche Lebenskrise, aus denen er sich Dank seiner musikalischen Fähigkeiten und den damit einhergehenden klanglichen Visionen immer wieder herauswand. Die Musik gestaltete sein Dasein erträglicher, schuf eine lebensbejahende Balance. Seinen Werken hört man diese atmosphärischen Schwankungen hingegen nicht unbedingt an, sieht man einmal von dem Umstand ab, welch ein vielschichtiges Werk, bestehend aus Opern und Sinfonien, aus Ballett, Kammermusik und Vokalwerken, er hinterließ.
Leonid Chizhik interpretierte Teile von Tschaikowski-Vorlagen blitzgescheit und mit emotionalem Tiefgang. Speziell einzelne Monatsnamen aus dem Zyklus „Jahreszeiten“ zeigten seine pianistische Vielfalt, seine wahre künstlerische Statur. Jede dieser Impressionen wurde bei ihm zu einem berührenden Kleinod, mal im aufbäumenden Boogie Woogie-Stil, mal als Blues-Interlude, mal als niveauvoller Swing, mal einer unverwechselbaren Keith Jarrett'schen Ästhetik geschuldet. Eugen Onegin hingegen klang wie von Thelonious Monk voller Poesie gehämmert um anschließend, es handelt sich stilistisch nur um einen Katzensprung, im Ragtime auszuklingen. Leonid Chizhik fühlte sich in diesem Umfeld hörbar wohl. Er begegnete jedem entrückten klanglichen Poem mit vehementem Augenmaß, gab andersrum seinen perlenden Improvisationen die magische Leuchtkraft eines Peter Iljitsch Tschaikowski.
Es hat viele Jahre gedauert, bis Jazz und Klassik vorurteilsfrei in der Lage waren, ein ernstzunehmendes Verhältnis einzugehen. Leonid Chizhik gehört zu jenen Pianisten der Gegenwart, die die Gräben zwischen diesen Stilen vergessen machen, die allein die Musik in die Mitte ihres Tuns stellen und wirkliche Botschaften zu übermitteln haben. Nämlich die, dass Musik unter den hier präsentierten Gesichtspunkten eine grenzenlose, humanistische und beglückende Angelegenheit ist.
Jörg Konrad

Bericht in SZ/FFB folgt
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Samstag 09.10.2021
Maisach: Sönke Meinen - Ein Ereignis
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Foto: Emanual Uch
Maisach. Geschrieben hat Dizzy Gillespie „A Night In Tunesia“ 1942 und es war ihm damals ganz gewiss nicht bewusst, dass er hier einem späteren Standard zur Geburt verhalf, der über Jahrzehnte nicht nur im Jazzlager ein Hit werden sollte. Zum Beispiel hatte Sönke Meinen diese Komposition am gestrigen Abend im Maisacher Bräustüberl als einzigste Nummer in seinem Programm, die nicht aus der eigenen Feder stammte. Dabei bewegte sich der aus Ostfriesland stammende und heute in Dresden lebende Gitarrist über den Abend in den unterschiedlichsten Spielarten. Flamenco, Walzer, Folklore, Jazzimprovisationen und, siehe Gillespies „Beitrag“, Verweise auf afrokubanische Musik gehören wie selbstverständlich in Meinens Repertoire.
Viele Themen, die Sönke Meinen spielt, scheinen keinen so rechten Anfang und kein Ende zu haben. Es sind häufig immer wiederkehrende, perkussive Figuren, wobei die letzten Noten des Themas zugleich auch wieder der Einstieg in das neue Motiv darstellt. Der Gitarrist ist ein beeindruckender Techniker, der aber immer auch genügend Herz zeigt, mit Emotionen wuchert und bei aller hochgradigen Geschwindigkeit und bestürzenden Dynamik differenziert und subtil spielt. Insgesamt jedoch druckvoll, vital und intelligent. Insofern ist er ein Original, das konsequent seinen eigenen Weg geht und mit seinen dreißig Jahren schon mit einem eigenen Individualstil beeindruckt. Innovativ und intensiv sind zwei Vokabeln, die sein Spiel ebenfalls passend beschreiben. Raffiniert die Kompositionen, für deren Interpretation man ein Meister der engen Kurven sein sollte. Sönke Meinen ist ein solcher erstklassiger Techniker. Ungemein beweglich und virtuos, auch in den schwierigsten Passagen erstaunlich gelassen, wenn nötig (wie in der Zugabe, einem rein akustisch gespielten Schlaflied) verinnerlicht, aber stets konzentriert. Sein Konzert in Maisach hat ein höllisches Feuer entfacht und man kann Veranstaltern von nah und fern nur ans Herz legen: Lasst ihn spielen und gitarristische Funken schlagen. Sein Auftritt wird sein: Ein Ereignis!
Jörg Konrad

Hier ein Bericht aus der SZ/FFB
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Fotos: Thomas J. Krebs
Montag 04.10.2021
Fürstenfeld: Brontales Vergnügen mit Erkan & Stefan
Fürstenfeld. John Friedmann & Florian Simbeck, alias Erkan & Stefan, im Veranstaltungsforum Fürstenfeldbruck - das ist schon mal ein ganz besonderer Schnack! Zwischen 2007 und 2019 war nicht nur gefühlt „Sendepause“ des Komiker Duos. Die Entscheidung wieder aufzutreten und geplante Tourpläne mussten coronabedingt auf Eis gelegt werden. So konnte man die beiden erst einmal nur auf der Streaming-Plattform Twitch mit einem eigenen Kanal sehen.
Nun ist es endlich soweit, dass Erkan & Stefan es live krachen lassen. Die Themen sind vielfältig und nach einer kurz krassen Einführung zur Historie des Klosters Fürstenfeldbruck auf spezielle Erkan & Stefan Art, ging die Show im kleinen Saal des Veranstaltungsforums FFB voll ab - ganz wie in alten Zeiten. Da wurde natürlich auf Hasenbergl-, respektive Neuperlach-Niveau gelästert und geätzt, über Tinder (ein Thema, das in Fürstenfeldbruck nicht so einfach transformiert werden konnte, da keiner der anwesenden Zuschauer auf Tinder ist - yeah …), das mögliche Gendern von Siri, hochaktuell natürlich Carsharing, Elektroautos (hey - der Golfplatz ist da hinten ….) oder Fridays for Future. Damit verbundene Probleme wurden aufgegriffen und szenetechnisch pragmatisch gelöst. Das Publikum, außer Rand und Band, war erstaunlich gemischt: Erkan & Stefan Vasallen aus alten Tagen, Comedy-Anhänger und Nachwuchs-Fans. Es tut gut, solche Ereignisse wieder live und vor Ort sehen und genießen zu können. Etwas mehr Publikum, zahlenmäßig, wäre nicht nur dankbarer, sondern vor allem wünschenswert.
Nachdem Erkan & Stefan ihre Zeit für ein „asoziales Jahr“, oder ein paar mehr, genutzt haben bleibt zu hoffen, dass sich in der „Post-Corinna-Ära“ nun alles wieder so einspielt wie es vor Corona einmal war und die Säle ausverkauft werden.
Text & Fotos Thomas J. Krebs
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Freitag 01.10.2021
Fürstenfeld: B.B. & The Blues Shacks – Prallvoll mit Energie
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Foto by Felix Engel
Fürstenfeld. Der französische Dichter Jean Cocteau hat einmal über die Bluesdichtung geschrieben, das in ihr der einzige Beitrag zu einer echten Volksdichtung liege, die im zwanzigsten Jahrhundert geleistet wurde. Joachim Ernst Berend, einst auch der deutsche Jazzpapst genannt, sinnierte einmal, dass die Blues-Musiker „das Salz“ der amerikanischen und vielleicht überhaupt der modernen westlichen Gesellschaft seien. Weil der Blues eben eine spürbare Seele hat und jeder Kunstform, an der er beteiligt ist, ein gewisse Ehrlichkeit und damit Seele vermittelt.
Nun ist es natürlich nicht so, dass man nicht gern auch den Blues verkommerzialisieren würde. Doch dafür ist er letztendlich zu sehr „Underground“, steckt zu viel Leid und Authentizität in ihm und ist aufgrund dessen eine Musik, die eher Minderheiten begeistert.
Wenn der Blues jedoch ein Liaison eingeht, mit Swing und Rock'n Roll, mit Boogie Woogie, Jump, Shuffle, Soul und Folk, wie es bei B.B. & The Blues Shacks am gestrigen Donnerstagabend in Fürstenfeld der Fall war, dann hat er schon das Potenzial einen vollbesetzten Saal zum Kochen zu bringen. Über drei Jahrzehnte tourt diese Formation schon kreuz und quer durch die Welt und hat dabei eine Spur der Begeisterung hinterlassen. Handgemachte Musik ist und bleibt beim Publikum ganz groß angesagt.
Es ist Musik, wie sie in Memphis/Tennessee Mitte der 1950er Jahre entwickelt, gespielt und produziert wurde und die auch heute noch eine ebensolche elektrische Wirkung entfacht, wie zu Zeiten ihrer Entstehung.
Aber B.B. und seine Mannen durchstreifen auch die musikalischen Zentren von Texas, Louisianna, Chicago und Tennesse, werden in stilistischen Zwischenräumen der Altmeister ihres Genres fündig und schaffen temperamentvoll einen Spagat zwischen Retro- bzw. Old-School-Sounds und modernen Arrangements. Das ist im Grunde keine Musik, die in irgendeine Schublade passt und als Gegenpol zu jeder Form von Schwermut könnte man ein Konzert von B.B. & The Blues Shacks auch als eine Art Antidepressivum als Rezept verschreiben.
Im Gegensatz zu manchen ihrer Heroen sind sie dabei weniger sparsam im Gebrauch und Einsatz ihrer musikalischen Mittel. Im Gegenteil. Das was sie spielen ist prallvoll mit Energie, manchmal regelrecht wuchtig und zum Großteil tanzbar. Zeitweise glaubte man das Rauschen von luftigen Petticoats und das Knistern x-mal abgespielter Schellacks zu hören.
Jörg Konrad


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Montag 27.09.2021
Iffeldorf: Anna Gourari – Virtuosität mit Charakter
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Foto: Luca d'Agostino / ECM Records
Iffeldorf. Sie gehörte mit zu den frühen, um nicht zu sagen den ersten Komponist*innen, die im Rahmen der liberaleren Politik der noch-Sowjetunion unter Gorbatschow in der westlichen Musikwelt für Aufsehen sorgte: Sofia Gubaidulina. Als sich im Westen die angesagte Moderne noch allein durch Atonalität und Dekonstruktion auszeichnete, brachte sie Sinnliches und Spirituelles zugleich ins Spiel, reduzierte alles Opulente auf ein Minimum, fand neue Sprach- und Klanggestaltungen.
Gelernt hat die aus der tatarischen Republik stammende Gubaidulina ihr Handwerk bei Dmitri Schostakowitschs – noch persönlich. Und wie manch anderer sowjetischer Künstler, der nicht den vorgezeichneten parteitreuen Weg ging, war sie Repressalien ausgesetzt. Ein Lebenslauf, der oberflächlich denen von Arvo Pärt oder Valentin Silvestrov ähnelt.
Auch Anna Gourari stammt aus der tatarischen Republik und fand in Sofia Gubaidulinas Musik eine gewisse pianistische Heimat. Denn die Komponistin bewegte sich brückenschlagend zwischen den Jahrhunderten der Klaviermusik, war eine Art Bindeglied zwischen dem alles überstrahlenden Barock und der Moderne. So wundert es im doppelten Sinne nicht, dass Anna Gourari bei ihrem Solorezital am letzten Samstagnachmittag und Samstagabend bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten auch das Stück „Ciaccona“ von Sofia Gubaidulina im Programm hatte.
Sie interpretierte die eingangs schroff und provozierenden Akkorde fast mit Donnerhall. Erschütternd standen mahnend massive Klanggebirge im Raum, ein brodelnd polyphoner Vulkan, den die Pianistin mit Sensibilität und Entschlossenheit in der Folgezeit abzubauen verstand. Sie entwickelte aus diesen provozierenden Anfangssequenzen eine Vielzahl von Figuren und logisch erscheinenden Motiven, die in ihrem fließenden Prozess von einer mitreißenden Dynamik lebten.
Eingebettet war dieses Stück von dem zuvor gespielten „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ aus dem Orgelbüchlein, BWV 639. Eine wunderschöne und empfindsame Choralmelodie Johann Sebastian Bachs, die in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni wie ein poetisch perlender Wink des großen Thomaskantors wirkte.
Der dritte Teil des Konzertes gehörte Frederic Chopin mit einigen seiner überaus erfrischenden wie lyrischen Kompositionen. Tänzerisch leicht, subtil und leidenschaftlich erklangen diese von Anna Gouarari brillant gespielten Nocturne, Mazurkas, Scherzo und die Polonaise cis-moll op. 26/1. Großartig die Stimmungskontraste, die die Pianistin herausarbeitete, einmalig ihre federnden Klangfarben, die den Jahreszeiten nicht unähnlich abwechselnd wirkten. Es war ein Schmachten und ein Leiden zu spüren und gleichzeitig auch die Natürlichkeit, mit der diese Emotionen einhergehen. Hier bewegten sich Virtuosität und Charakter der susführenden Pianistin auf Augenhöhe. Ausgereift ihr lyrischer Erzählduktus am Instrument und ihre temperamentvolle Entschlossenheit der Interpretation.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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