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8. BLUTSAUGER
9. MEMORIA
10. DER MANN DER DIE WELT ASS (plus Interview mit Regisseur Joannes Suhm)
11. FUOCO SACRO (plus Interview mit Jan Schmidt-Garre)
12. SON OF CORNWELL
Donnerstag 12.05.2022
BETTINA
Ab 19. Mai 2022 im Kino
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Bettina Wegner, geboren 1947 in Westberlin, aufgewachsen in Ostberlin, mit 36 Jahren ausgebürgert, seither „entwurzelt“. Der Werdegang der Liedermacherin gehört zu den spannendsten Lebensläufen des 20. Jahrhunderts. Es ist der Weg von einem Kind, das Stalin glühend verehrte, über eine hoffnungsfrohe Teenagerin, die mit ihren eigenen Liedern eine Gesellschaft mit bauen möchte, hin zu einer beseelten Künstlerin mit einer unerschütterlichen humanistischen Haltung. So heroisch das klingt, so irre und aberwitzig, mühevoll und traurig, hingebungsvoll und vergeblich ist es in den vielen Dingen des Lebens, die zwischen den Liedern eine Biografie ausmachen. Davon erzählt Bettina Wegner, davon erzählt der Film. Bettina Wegners Leben ist zugleich die Geschichte eines Jahrhunderts; es steckt in ihren Knochen, ihrer Seele, ihren Gedanken – und in ihren Liedern.

Ein Film von Lutz Pehnert



ÜBER BETTINA WEGNER

Geboren am 4. November 1947 in Berlin-Lichterfelde, wächst Bettina Wegner im Ostberliner Bezirk Pankow auf. 1964-67 Ausbildung zur Bibliotheksfacharbeiterin, anschließend Studium an der Schauspielschule in Berlin. 1965 nimmt sie am republikweiten Wettbewerb junger Talente teil, wird zu den Arbeiterfestspielen in Frankfurt/Oder delegiert. 1966 gehört sie zu den Mitbegründern des „Hootenanny-Klubs“, der von dem kanadischen Sänger Perry Friedman ins Leben gerufen wird und aus dem später der Oktoberklub hervorgeht. 1968 verlässt sie den Oktoberklub.

Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die ?SSR verteilt sie Flugblätter gegen die Intervention. Sie wird verhaftet und wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu 16 Monaten verurteilt. Die Haftstrafe wird ausgesetzt. Bettina Wegner soll sich zwei Jahre in der Produktion bewähren. Sie arbeitet als Fabrikarbeiterin in den Berliner Elektro-Apparate-Werken (EAW). 1970 heiratet sie den Schriftsteller Klaus Schlesinger. Sie arbeitet in der Berliner Stadtbibliothek, besucht nebenbei die Abendschule und macht 1972 ihr Abitur. Es folgt eine Ausbildung als Sängerin am Zentralen Studio für Unterhaltungskunst, die sie 1973 mit einem Diplom abschließt.

Seit 1973 ist sie freischaffende Liedermacherin, tritt mit eigenen Liedern und lyrischen Texten auf. Mit Klaus Schlesinger gründet sie die Veranstaltungsreihen „Eintopp“ (1973-75) im Berliner Haus der Jungen Talente und „Kramladen“ (1975/76) in Berlin-Weißensee. Dort tritt sie neben anderen Künstlern und Schriftstellern auf. Die Veranstaltungen werden jeweils durch staatliche Organe verboten. Im November 1976 protestiert sie öffentlich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Zunehmende Einschränkung ihrer Arbeitsmöglichkeiten und Auftrittsverbote sind die Folge. 1978 tritt sie zum ersten Mal in Westberlin auf, beim Literaturfest im Künstlerhaus Bethanien. Aus dem Konzertmitschnitt entsteht ihre erste LP „Sind so kleine Hände“, die in Westberlin und in der Bundesrepublik Deutschland erscheint.

1980 erhält sie einen Reisepass. Sie kann nur noch außerhalb der DDR auftreten. 1983 wird sie vom DDR-Kulturministerium aufgefordert, das Land zu verlassen. Andernfalls droht ihr ein Ermittlungsverfahren wegen „Verdachts auf Zoll- u. Devisenvergehen“. Im Juli 1983 übersiedelt Bettina Wegner nach Westberlin. Auftritte u.a. mit Joan Baez in der Waldbühne. Im Dezember 1989 tritt sie – gemeinsam mit anderen ausgebürgerten Liedermachern – zum ersten Mal wieder in der DDR auf, im Berliner „Haus der jungen Talente“.

1992 gehört sie zu den Mitunterzeichnern des Appells zur Gründung des Komitees für Gerechtigkeit. 1996 erhält sie den Thüringischen Kleinkunstpreis. Sie gibt Benefizkonzerte für verschiedene soziale Projekte. 1998 engagiert sie sich für den inhaftierten Journalisten Mumia Abu-Jamal, gehört zu den Initiatoren einer Mahnwache vor der US-Botschaft in Berlin. Seit 2003 gibt sie immer wieder Benefizkonzerte für das Kinderhospiz „Sonnenhof“ der Björn-Schulz-Stiftung.

Am 22. Januar 2005, zu ihrem 35jährigen Bühnenjubiläum, tritt sie in der Berliner Passionskirche auf. Im Dezember 2007 nimmt sie offiziell Abschied von der Bühne. Seitdem gibt sie nur noch hin und wieder Konzerte. Am 11. März 2020 wird sie für ihr Lebenswerk mit dem Deutschen Musikautorenpreis der GEMA ausgezeichnet.

Jeweils als LP/CD, z.T. als Buch erschienen sind u.a.: „Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen“ (1978); „Traurig bin ich sowieso“ (1980); „Weine nicht – aber schrei“ (1982); „Heimweh nach Heimat“ (1995); „Von Deutschland nach Deutschland“ (1985); „Sie hats gewußt“ (1992); „Wege“ (1998); „Mein Bruder“ (2003); „Die Liebeslieder“ (2004), „Die Abschiedstournee“ (2007).



DIRECTOR’S NOTE
Lutz Pehnert über seinen Film

Ich habe Bettina Wegner kurz nach dem Mauerfall kennengelernt. Ich kam von Ostberlin zu ihr in den Westen, nach Frohnau. Es war eine fast surreale Begegnung. Wir beide kamen aus einem Land – und lebten in zwei verschiedenen Welten. Sie kannte meine Welt, aber ich noch nicht die Ihre. In den letzten dreißig Jahren bin ich Bettina Wegner immer wieder begegnet, bei Konzertauftritten oder zu Interviews. Zuletzt befragte ich sie für die rbb-Reihe „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“ zu ihren Erlebnissen in den Jahren 1967,1968 und 1978. Ich glaube, dass Bettina Wegner bis heute in zwei Welten lebt – hüben und drüben, auch wenn sie gerade selbst nicht genau weiß, wo gerade hüben und wo drüben ist. Bis heute also steckt ihr die Geschichte eines Jahrhunderts, die auch ihre eigene ist, in den Knochen, in der Seele, in ihren Gedanken. Bei meiner Begegnung mit ihr, habe ich sie immer in einer wunderbaren Mischung aus Nachdenklichkeit und Heiterkeit erlebt, als eine Frau mit Humor. Traurig war sie nie. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit mit einem natürlichen Gespür für den Aberwitz, den alles Erlebte enthält.
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Mittwoch 04.05.2022
BLUTSAUGER
Ab 12. Mai 2022 im Kino
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1928: Der sowjetische Arbeiter Ljowuschka wird als Trotzki-Darsteller für einen Film von Eisenstein gecastet. Seine Träume vom Künstlerleben platzen, als Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt und er aus dem Film herausgeschnitten wird. Jetzt will er sein Glück in Hollywood versuchen. Noch steckt er allerdings an einem mondänen deutschen Badeort fest, wo er bei einem Strandspaziergang die exzentrische Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen und ihren tölpelhaften Diener Jakob kennenlernt. Eine sommerliche Romanze bahnt sich an – dumm nur, dass in der Gegend Vampire ihr Unwesen treiben...

Ein Film von Julian Radlmaier
Mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler, Daniel Hoesl, Mareike Beykirch, Kyung-Taek Lie, Darja Lewin Chalem u. v. a.

August 1928. Der sowjetische Fabrikarbeiter Ljowuschka wird als Trotzki-Darsteller für den Film „Oktober“ des Regisseurs Sergei Eisenstein gecastet. Doch seine Träume vom Künstlerleben platzen, als der echte Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt und er aus dem Film herausgeschnitten wird. So flieht der romantische Träumer aus der kommunistischen Heimat und will sein Glück in Hollywood versuchen. Noch steckt er allerdings in einem mondänen deutschen Ostseebad fest, wo er als verfolgter Aristokrat verkleidet das Geld für die Überfahrt nach New York zusammenstehlen will.
Bei einem seiner Streifzüge lernt er die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen kennen, die die Sommermonate mit ihrem tölpelhaften Diener Jakob am Meer verbringt. Die exzentrische Millionärin interessiert sich für den geheimnisvollen Flüchtling und bietet ihm Unterschlupf in ihrem luxuriösen Herrenhaus. Schnell fliegt seine Tarnung auf, und noch schneller hat er sich in seine schillernde Gastgeberin verliebt – sehr zum Verdruss des literarisch ambitionierten Jakob, der ebenfalls für die Chefin schwärmt.
Eine sommerliche Romanze bahnt sich an – dumm nur, dass in der Gegend Vampire ihr Unwesen treiben. Und noch dümmer, das Octavia selbst ein Blutsauger ist.

AUSZEICHNUNGEN / FESTIVALS
„Goldene Lola“ - Deutscher Filmpreis (Bestes Unverfilmtes Drehbuch)
Berlinale 2021 – Offizielle Auswahl in der Sektion „Encounters“
IFF Moscow (Int. Competition) - „Special Jury Award“
IFF Rotterdam - offizielle Auswahl
Viennale - offizielle Auswahl
Mostra de São Paulo - Wettbewerb „New Filmmakers“
Sevilla IFF - Wettbewerb „Las Nuevas Olas“
Filmfest Hamburg - offizielle Auswahl
Nordische Filmtage Lübeck - offizielle Auswahl


BIOGRAFIE JULIAN RADLMAIER
Julian Radlmaier, geb. 1984 in Nürnberg, ist ein deutsch-französischer Filmemacher und lebt in Berlin. Er studierte Filmwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin und Paris und anschließend Regie an der dffb. Währenddessen arbeitete er als Assistent von Werner Schroeter und hat filmtheoretische Schriften des französischen Philosophen Jacques Rancière übersetzt und herausgegeben. Seine zwei mittellangen Filme EIN GESPENST GEHT UM IN EUROPA und EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN sowie der abendfüllende Abschlussfilm SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES, in dem er selbst die Hauptrolle spielt, liefen weltweit auf renommierten Festivals (u.a. Berlinale, Rotterdam, Viennale, Rio, Melbourne, FICUNAM) und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit zwei Preisen der deutschen Filmkritik. Sein neuer Spielfilm BLUTSAUGER feierte 2021 in der Berlinale-Sektion Encounters Premiere und erhielt bereits in 2019 den Deutschen Drehbuchpreis.


BIOGRAFIEN DER DARSTELLER*INNEN

Alexandre Koberidze (Ljowuschka) ist ein georgischer Regisseur, der mit Julian Radlmaier an der dffb studiert hat und in allen seinen bisherigen Filmen mitgespielte. Alexandres Film LASS DEN SOMMER NIE WIEDER KOMMEN gewann 2017 den Hauptpreis des FID Marseille und den Preis der deutschen Filmkritik. Sein neuer Spielfilm WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN feierte im Wettbewerb der Berlinale 2021 Premiere.

Lilith Stangenberg (Octavia) ist eine Berliner Schauspielerin, die nach einem ersten Theater-Engagement in Zürich viele Jahre als Ensemblemitglied an der Berliner Volksbühne wirkte und dort in zahlreichen Inszenierungen von Frank Castorf zu sehen war. Vor der Kamera stand sie u.a. bei Alexander Kluge, Khavn de la Cruz, Nicolette Krebitz, Angela Schanelec, Christoph Hochhäusler und Michael Klier, arbeitete aber auch mit zeitgenössischen Künstlern wie Paul McCarthy oder Jonathan Meese. Sie erhielt den Preis der deutschen Filmkritik und den Ulrich-Wildgruber-Preis.

Alexander Herbst (Jakob) ist ein Grundschullehrer und Punk-Schlagzeuger aus Thüringen, der nach Zwischenstationen in Israel und Berlin mittlerweile in Warschau lebt. Die Hauptrolle in BLUTSAUGER ist seine erste Schauspielarbeit.

Corinna Harfouchs (Tante Erkentrud) Theaterkarriere wurde von legendären Zusammenarbeiten mit Heiner Müller, Fritz Marquardt, Frank Castorf oder Jürgen Gosch geprägt. Für ihren Auftritt in „Des Teufels General“ an der Volksbühne wurde sie 1997 Schauspielerin des Jahres. Nach dem prägnanten Beginn ihrer Filmografie bei der DEFA spielte sich auch im wiedervereinigten Deutschland viele große Rollen. Zuletzt erhielt sie den Preis der deutschen Filmkritik für ihre Darstellung in LARA.

Andreas Döhler (Dr. Humburg) ist Schauspieler und agiert nach Stationen am Thalia Theater Hamburg und am Deutschen Theater heute am Berliner Ensemble. Er hat u.a. mit Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer und Frank Castorf zusammengearbeitet. Im Kino war er u.a. in DIE EINZELTEILE DER LIEBE von Mirjam Bliese zu sehen, fotografiert von Markus Koob.

Daniel Hoesl (Bonin) ist ein österreichischer Filmemacher, der nach Regieassistenzen bei Ulrich Seidl mit den Spielfilmen SOLDATE JEANETTE (Tiger Award in Rotterdam) und WINWIN, sowie dem Dokumentarfilm DAVOS international für Aufsehen sorgte. Als Schauspieler hat er unter anderen schon in ANGELO von Markus Schleinzer gespielt.

Kyung-Taek Lie (Algensammler) ist ein deutsch-koreanischer Rentner und betreibt außerdem den koreanischen Mittagstisch „Dal Tokki“ in Berlin-Wedding. Er spielte bereits eine Hauptrolle in SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES.

Darja Lewin Chalem (Rosa) ist Performerin und Musikerin und lebt in Tel Aviv. Sie hat an der School of Visual Theater in Jerusalem studiert und tourt u.a. mit der Band Vulkkan Entertainment um die Welt.

Mareike Beykirch (Jewka) ist seit 2019 Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele. Vorher war sie lange eine prägende Figur am Maxim-Gorki-Theater. Sie war schon zweimal als Nachwuchsschauspielerin des Jahres nominiert.




VIER FRAGEN AN REGISSEUR JULIAN RADLMAIER

Die Handlung des Films ist im Jahr 1928 verortet. Warum hast Du gerade dieses Jahr bzw. diesen Zeitpunkt in der Geschichte ausgewählt?
Das kam eigentlich auf recht merkwürdigen Wegen. In einer Eisenstein-Biografie las ich über die Entstehung des Films „Oktober“, der zum zehnjährigen Jubiläum der russischen Revolution in Auftrag gegeben worden war. Eisenstein hatte natürlich einige Szenen gedreht, in denen die Figur Leo Trotzkis auftauchte. Als er aber im Schneideraum saß, hatte jener schon den Machtkampf gegen Stalin verloren und musste folglich aus dem Film getilgt werden. So weit, so bekannt. Worauf ich nun ansprang, war ein eigensinniges historisches Detail: Der lapidare Satz, der herausgeschnittene, namenlose Trotzki-Darsteller sei im wahren Leben „eine Art Zahnarzt“ gewesen. Was, bitteschön, ist „eine Art“ Zahnarzt? Daran hat sich meine Fabulierlust entzündet und so entstand die Idee für die Figur des Ljowuschka. So war der historische Rahmen gesetzt. Natürlich bot dieser darüber hinaus interessante Fragen, die in der heutigen Zeit widerhallen: Einerseits setzt in den Zwanzigern die Enttäuschung über den real existierenden Sozialismus ein, der unsere Gegenwart noch immer prägt. Andererseits taucht der Faschismus als gewaltsame Scheinlösung gesellschaftlicher Widersprüche auf. Trotzdem ist BLUTSAUGER kein klassischer Historienfilm „über“ die Zwanziger.
Und historische Parallelen sind sowieso mit Vorsicht zu genießen. Eher interessiere ich mich für bestimmte strukturelle Fragen, die gewissermaßen aus einer doppelten historischen Perspektive betrachtet werden, in der die Gegenwart die Vergangenheit verfremdet und vice versa. So ist BLUTSAUGER vor allem ein Film über die verführerische Bannkraft des bürgerlich-kapitalistischen Subjekts, über die Schwierigkeit menschlicher Beziehungen in der Klassengesellschaft, über den Zwang zur Arbeit und das Recht auf Faulheit, über die Verfügung über die eigene Zeit und den eigenen Körper, die strukturelle Funktion von Rassismus, über Abstiegsängste, Aufstiegsfantasien und die alte Frage, ob man es sich als Einzelner gemütlich machen kann in unwirtlichen Verhältnissen, ohne sich zu korrumpieren.

Das Setting im Film entspricht nicht einem historisch-authentisch ausgestatteten „period piece“, es gibt beispielsweise moderne Containerschiffe am Horizont oder ein Motorrad aus dem 21. Jahrhundert. Warum hast Du Dich für diese Brüche entschieden?
Die 1920er sind ein heikles Terrain, weil sie wie kaum eine andere Epoche medial und kulturindustriell verwurstet wurden. Vor dem „Die- wilden-20er“-Fetisch mit den dazugehörigen Klischeebildern haben wir uns also gehütet wie der Teufel vor dem Weihwasser und also weitgehend auf die typischen Insignien der Zeit verzichtet. Oft verhindert die penible Rekonstruktion, in der jeder Gegenstand „Vergangenheit“ bedeuten bzw. unser Vorstellungsbild davon bestätigen soll, dass man unter diesem musealen Schleier überhaupt noch etwas konkret wahrnehmen oder denken kann. Daher haben wir in Szenografie und Kostüm immer Dinge gesucht, die uns in ihrer konkreten Gestalt interessieren und in ihrer Verweisfunktion vielschichtig sind.
Hinzu kommt, dass man auf diese Art vielleicht den historischen Kraftlinien sogar gerechter wird: Die Technik- und Geschwindigkeitsfaszination der 20er zum Beispiel verkörpert die giftgrüne Kawasaki Ninja für unsere heutigen Augen sicher besser als es eine historisch korrekte Klapperkiste täte.

Im Film gibt es nicht nur zahlreiche Anspielungen auf Romane, von Proust bis zu Bram Stoker, auch in seiner in vier Kapiteln angelegten Struktur mit jeweils eigenem Erzählton klingt die Romanform an. Wie wichtig war Literatur für die Entstehung des Drehbuchs?
Sprache spielt in meinen Filmen eine wichtige Rolle, und zwar auf eine Art, die nicht versucht, typische Sprechweisen naturalistisch abzubilden, sondern eher literarische Bezugspunkte hat. Aber auch die Fabulierlust meiner Plots hat literarische Inspirationsquellen. Dabei geht es aber nicht um Vorbilder, an denen ich mich konkret abarbeiten möchte, eher um ästhetische Erlebnisse, die mir auf die Sprünge geholfen haben, die meine Lust weckten, in eine bestimmte Richtung weiterzuprobieren. Aus dieser Perspektive betrachtet kollidieren in BLUTSAUGER meine Eindrücke von drei literarischen Universen, übrigens alle aus den 1920ern: Die Figur von Ljowuschka steht für mich in Verbindung mit dem grotesken sowjetischen Schelmenroman von Ilja Ehrenburg („Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz“), Octavia mit Marcel Prousts Darstellungen der aristokratisch-großbürgerlichen Gesellschaft, die zwischen extremer subjektiver Verfeinerung und einer klassenspezifischen Form von Dummheit oszilliert, Jakob mit den sonderlichen Gehilfen, Dienern und Assistenten in den Romanen Robert Walsers. Das Vampir-Motiv wiederum ist nicht Bram Stoker (hab ich nie gelesen), sondern direkt dem „Kapital“ von Marx entnommen. Gleichzeitig hat das für mich nichts mit einem collagenhaften „Spiel mit Zitaten“ zu tun, denn der Versuch ist schon, trotz der Disparität der Elemente zu einer formalen Eigenständigkeit und Geschlossenheit zu kommen.

Aus Deinen bisherigen Filmen kennen wir bereits die Zusammenarbeit mit Laiendarsteller*innen, nun standen mit u. a. Lilith Stangenberg, Corinna Harfouch und Andreas Döhler bekannte „Profis“ vor der Kamera. Was hat Dich daran gereizt, den Cast so zu besetzen?
Ein idealer Cast beinhaltet für mich eine möglichst reiche Palette an Spiel- und Seinsweisen. Das ist der zentrale Kern und vielleicht die demokratische Utopie meiner Filmästhetik. Ausgangspunkt meiner Besetzung sind die Lai*innen, die meist aus dem Freundes- und Bekanntenkreis stammen, weil ich hier Schattierungen und Tonalitäten finde, die es bei ausgebildeten Schauspieler*innen nicht gibt. Auch viele Teammitglieder sind zu sehen. Das ist eine Art, meine persönliche Lebens- und Arbeitsrealität in den Film zu holen. Und eine gewisse Widerspenstigkeit. Für manche Rollen hingegen eignen sich Darsteller*innen besser, die einen sehr kontrollierten, souveränen Umgang mit ihrer Sprache, ihrer Erscheinung haben. Das passt oft zu Figuren, die sich bewusst inszenieren, einen sozialen Gestus kultivieren, mit Macht assoziiert sind. Meist sind das Schauspieler*innen, die ich auf der Theaterbühne gesehen habe. Wenn diese unterschiedlichen Darstellertypen aufeinandertreffen, entsteht für mich etwas sehr interessantes, weil sie einander in ihrer spezifischen Qualität zur Geltung bringen wie Komplementärfarben.
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Mittwoch 27.04.2022
MEMORIA
Ab 05. Mai 2022 im Kino
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Seit Jessica (Tilda Swinton) bei Tagesanbruch von einem lauten Knall aufgeschreckt wurde, leidet sie unter Schlafstörungen. Immer wieder hört sie dieses bedrohliche Geräusch, das außer ihr sonst niemand wahrzunehmen scheint. Sie reist ins kolumbianische Bogotá, um ihre kranke Schwester Karen zu besuchen. Dort versucht sie auch mit einem Sounddesigner dem mysteriösen Geräusch auf die Spur zu kommen und in Streifzügen durch die Stadt und Umgebung Klarheit zu finden. Sie freundet sich mit der Archäologin Agnès an. Diese untersucht menschliche Überreste, die beim Bau eines Tunnels entdeckt wurden. Jessica besucht Agnès an der Ausgrabungsstätte. Eine noch tief verborgene Ahnung, woher das Geräusch rühren könnte, wächst in Jessica heran. In einer kleinen Stadt in der Nähe der Ausgrabungsstätte macht sie schließlich die Bekanntschaft des Fischers Hernán. Beide verbringen zusammen Zeit am Fluss, tauschen Erfahrungen aus und teilen Erinnerungen miteinander. Gegen Abend empfindet Jessica schließlich ein ungewöhnliches Gefühl der Klarheit.

Ein Film von Apichatpong Weerasethakul
Mit Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho u.v.a.

Das neue Kinoerlebnis von Regisseur Apichatpong Weerasethakul (UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN, Cannes 2010) bekräftigt seinen Stellenwert als eine der originellsten Stimmen des zeitgenössischen Kinos. Gemeinsam mit Hauptdarstellerin Tilda Swinton nimmt der thailändische Regisseur die Zuschauer:innen mit auf eine audiovisuelle Reise, spielt mit Seh- und Hörgewohnheiten, kratzt am Tor der Vergangenheit Kolumbiens und beschwört Ahnungen der kolonialen Historie herauf, um sie in der nächsten Einstellung im Hier und Jetzt wieder verlaufen zu lassen. MEMORIA ist eine meditative Spurensuche, ein mysteriös-mystisches Klang- und Bilderlebnis. Eine besondere Rolle nimmt der Ton ein, geschaffen von einem mehrköpfigen Sound-Team: Er erzeugt Stimmungen und Ahnungen, wispert Geschichten, haucht historische Erinnerungen, holt dröhnend in den Großstadt-Alltag zurück und umspielt so die langsame, ruhige Bildsprache der starken Aufnahmen von DOP Sayombhu Mukdeeprom.
Für MEMORIA drehte Regisseur Apichatpong Weerasethakul erstmals fern seiner thailändischen Heimat in Kolumbien und verarbeitete laut eigener Aussagen in dem Film eigene Erfahrungen mit Halluzinationen auf seinen Reisen durch das Land: „Während meiner Recherche hörte ich im Morgengrauen häufig ein lautes Geräusch – ein innerliches, das mich auf meinen weiteren Reisen immer wieder heimsuchte. Dieses Symptom ist für mich untrennbar mit meinem Aufenthalt in Kolumbien verbunden. Es war die Grundlage für eine Figur, deren Hörerfahrung sich mit dem Gedächtnis des Landes verknüpft.“




REGIE-KOMMENTAR APICHATPONG WEERASETHAKUL

Als Kind zogen mich Dschungel, Tiere und hohe Berge magisch an: Während meiner Kindheit in den 1970er Jahren las ich viele Bücher über Jäger, die auf der Suche nach den Schätzen verlorener Zivilisationen waren. Leider verfügt Thailand – das Land, in dem ich geboren wurde – weder über reichhaltige Goldschätze noch über furchteinflößende Anakondas. Auch vierzig Jahre später üben diese Landschaften noch immer eine große Faszination auf mich aus, obwohl ich jetzt andere Geschichten damit verbinde.
Die Geschichte Lateinamerikas wirkt auf mich, als sei sie ein fehlender Teil meiner Jugend. Als ich nach Kolumbien reiste, tat ich dies nicht, um mich auf die Suche nach dem Gold des Amazonas zu begeben; vielmehr wollte ich Eindrücke und Erinnerungen sammeln. Ich stehe tief in der Schuld all jener wunderbaren Menschen, denen ich auf meinen Reisen durch die verschiedenen Städte begegnet bin, den Psychologen und Archäologen, den Ingenieuren, Aktivisten und Schrottsammlern.
In der Genese meines Films waren meine eigenen Halluzinationen ein weiterer wichtiger Faktor: Während meiner Recherchereisen hörte ich im Morgengrauen häufig ein lautes Geräusch – ein innerliches, das mich auf meinen weiteren Reisen immer wieder heimsuchte. Dieses Symptom ist für mich untrennbar mit meinem Aufenthalt in Kolumbien verbunden. Es war die Grundlage für eine Figur, deren Hörerfahrung sich mit dem Gedächtnis des Landes verknüpft.
Die Berge stelle ich mir als Manifestation von Jahrhunderten der menschlichen Erinnerung vor: Mit ihren Bergspitzen und Tälern erscheinen mir die ausufernden Gebirge wie die Falten des Gehirns oder wie Schallwellen. Angesichts der zahlreichen Gewalttaten und Traumata dieses Landes dehnt sich das Gelände aus und beginnt zu erzittern, sodass ein Land entsteht, das von nicht enden wollenden Erdrutschen und Erdbeben durchgeschüttelt wird. Und so ist auch der Film selbst auf der Suche nach einer Balance inmitten dieser aktiven Topografie, sein Gerüst aus Bild und Ton wird aus dem Gleichgewicht gebracht. Vielleicht ist dies ein "Sweet Spot", ein Ausgangspunkt, an dem ich und der Film sich synchronisieren – in einem Zustand, in dem Sinnestäuschungen normal sind.
Apichatpong Weerasethakul



BIOGRAFIEN

APICHATPONG WEERASETHAKUL
Apichatpong Weerasethakul gilt als einer der wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Weltkinos. Seine Spielfilme, Kurzfilme und Installationen brachten ihm große internationale Anerkennung und zahlreiche Preise ein, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes für UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN (2010).
2002 gewann sein Film TROPICAL MALADY in Cannes den Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“. In mehreren Kritikerumfragen im Jahr 2010 wurde SYNDROMES AND A CENTURY (2006) als einer der besten Filme des Jahrzehnts genannt.
MEMORIA ist Apichatpong Weerasethakuls erster Spielfilm, der außerhalb von Thailand und mit einem internationalen Cast realisiert worden ist. In Bangkok geboren, wuchs Apichatpong in Khon Kaen im Nordosten Thailands auf. 1994 begann er damit, kurze Filme und Videos zu drehen und realisierte 2000 schließlich seinen ersten Spielfilm. Im Rahmen zahlreicher internationaler Ausstellungs- und Installationsprojekte ist er darüber hinaus seit 1998 auch als visueller Künstler aktiv. Seine erste Live-Performance „Fever Room“ präsentierte er 2015 weltweit in renommierten Theatern und Festivals in Städten wie Gwangju, Brüssel, Paris, Berlin, Wien oder Tokio.


TILDA SWINTON (als Jessica)
Ihre Karriere als Filmschauspielerin begann Tilda Swinton 1985 mit ihrer Darbietung in CARAVAGGIO unter der Regie von Derek Jarman, für den sie fortan, bis zu seinem Tod 1994, regelmäßig vor der Kamera stand und sieben weitere Filme realisierte – darunter THE LAST OF ENGLAND, THE GARDEN, WAR REQUIEM, EDWARD II (für den sie 1991 als Beste Darstellerin auf dem Filmfestival in Venedig geehrt wurde) und WITTGENSTEIN. Durch ihre Hauptrolle in Sally Potters Virginia-Woolf-Verfilmung ORLANDO gelang ihr schließlich 1992 der internationale Durchbruch.
Seither arbeitet sie regelmäßig mit den wichtigsten zeitgenössischen Regisseur:innen zusammen, darunter Jim Jarmusch (ONLY LOVERS LEFT ALIVE, THE DEAD DON’T DIE), Joel und Ethan Coen (BURN AFTER READING, HAIL CEASAR!) Lynne Ramsay (WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN), Luca Guadagnino (I AM LOVE, A BIGGER SPLASH, SUSPIRIA), Joanna Hogg (THE SOUVENIR 1 und 2), Bong Joon Ho (SNOWPIERCER, OKIA).
Darüber hinaus war Tilda in THE MAN FROM LONDON des ungarischen Großmeisters Béla Tarr und im komödiantischen Fach u.a. neben Amy Schumer in Judd Apatows TRAINWRECK zu sehen.
2020 realisierte sie gemeinsam mit Pedro Almodóvar den Kurzfilm THE HUMAN VOICE.
Zu ihren jüngsten Projekten zählen neben Apichatpong Weerasethakuls MEMORIA auch THE FRENCH DISPATCH, ihre vierte Zusammenarbeit mit Regisseur Wes Anderson, sowie Joanna Hoggs THE ETERNAL DAUGHTER und George Millers THREE THOUSAND YEARS OF LONGING. Tilda Swinton gehört zu den internationalen Stars mit den meisten Preisen und Auszeichnungen: 2008 erhielt sie für ihre Rolle in Tony Gilroys MICHAEL CLAYTON den Oscar für die Beste Nebendarstellerin. Im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele in Venedig wurde sie 2020 mit dem Preis für ihr Lebenswerk geehrt. 2009 war sie Jury-Präsidentin der Internationalen Filmfestspiele Berlin.
Tilda ist Mutter von Zwillingen und lebt in den schottischen Highlands.
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Mittwoch 20.04.2022
DER MANN DER DIE WELT ASS (plus Interview mit Regisseur Joannes Suhm)
Ab 28. April 2022 im Kino
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Ein getriebener Karrierist in seiner Lebensmitte provoziert brutal eine private und berufliche Krise und zerstört alles, was in seinem Leben wichtig ist. Als sein dement werdender Vater bei ihm einzieht, verschiebt sich sein Leben auf den Nullpunkt. Ist er Opfer oder selbst verantwortlich für sein persönlichen Niedergang? Die Gräben zwischen ihm und allen, die ihn lieben, sind tief.

Ein Film von Johannes Suhm
Mit Johannes Suhm, Hannes Hellmann, Konrad Singer, Maja Schöne, Max Mauff und Michael Goldberg

Dieser Mann ist ein Desaster: verantwortungslos, aggressiv und gierig narzisstisch. Seine Frau mit den gemeinsamen Kindern hat er verlassen, den Unterhalt zahlt er unregelmäßig. Den kranken Bruder hält er auf Distanz und sein bester Freund taugt allenfalls noch als Punchingball und billiger Kreditgeber. Sogar den erfolgreichen Job hat er geschmissen, um sich selbstständig zu machen, „endlich frei zu sein“. Dafür zerstört er alles, was in seinem Leben wichtig war.
Wie und warum er sich so fühlt, darüber spricht er nicht: Ist er depressiv, ist es eine Midlife Crisis, vielleicht ein Burnout? Als dann sein alleinstehender, dement werdender Vater Hilfe benötigt und er ihn zu sich ziehen lässt, bricht ein Generationenkonflikt auf, der sichtbar macht, wie missverständlich und hilflos diese Vater-Sohn-Beziehung war und ist. Der Sohn möchte seinem Vater ge fallen, der Vater ersehnt sich nichts weiter als den Erfolg des Sohnes. Die Gräben zwischen den beiden sind tief und der Abstieg des Sohnes nicht aufzuhalten.


PRODUKTIONSNOTIZ
Johannes Suhms zurückhaltende Adaption des international erfolgreichen Theaterstücks „Der Mann der die Welt aß“ von Nis Momme Stockmann ist das Portrait eines Mannes, stellvertretend für eine ganze Generation in ihrer Lebensmitte. Der Sohn ist auf der Suche nach einer tragfähigen Identität, befindet sich aber im Kampf mit dem eigenen Ego und einer fehlgeleiteten Männlichkeit, der die Vorbilder abhanden gekommen sind. Seine seelischen Wunden scheinen tiefer zu sein, als er selbst es für möglich hält.
Eine Geschichte über männliche Hybris, verdrängte Gefühle, unbewusste Depressionen und den harten Kampf um Erfolg in einer kapitalistischen Welt, die wenig Raum für Verletzlichkeit lässt.
Der Film wurde ohne Förderung mit einem sehr kleinen Team und mit nur minimalen finanziellen Mitteln produziert – ein echter „Independent Film“. Es wurden jeweils nur wenige Drehtage in Folge abgeschlossen. Die Dreharbeiten erstreckten sich so übereinen Zeitraum von 12 Monaten im Jahr 2019, was für die Produktion eines Filmes ungewöhnlich ist. Das gab dem Team jedoch die Möglichkeit, Szenen in der Vorbereitung über einen langen Zeitraum ohne Druck zu erarbeiten und ‚reifen‘ zu lassen.
Vom ersten Tag an unterstützten der Autor Nis Momme Stockmann und sein Verlag die Entstehung des Filmes, so auch die Komponisten und Motivgeber. Die Finanzierung des Filmes wurde von Johannes Suhm über eine Crowdfunding Kampagne realisiert. Der Film feierte seine Uraufführung bei den 54. Internationalen Hofer Filmtagen. Die Premiere findet am 24. April 2022 mit einer anschließenden Podiumsdiskussion in Kooperation mit dem Bundesforum Männer e.V. in Berlin statt.



FRAGEN AN JOHANNES SUHM

Wie haben Sie das Stück von Nis Momme Stockmann entdeckt und was hat sie daran am meisten beeindruckt?
Im Jahr 2012 spielte ich die Hauptrolle in diesem Stück in einer Inszenierung am Theater Erlangen. Wir spielten in der „Garage“, einer Nebenspielstätte, dort sitzen die Zuschauer ‚laborartig‘ ganz nah an den Schauspielern. Ich spürte damals, dass die Sprache des Stücks, die einerseits sehr musikalisch formal geschrieben ist, doch auch durch ihre Schnoddrigkeit etwas sehr Filmisches hat. Die Präzision, die Pointen und auch den Humor des Stücks wollte ich festhalten.
Beeindruckt hat mich aber auch die dramaturgische Setzung der Hauptfigur. Wie der Autor den „Sohn“ dem Urteil des Publikums aussetzt, ist aus meiner Sicht schon besonders: Wie schrecklich kann ein Mann sein! Gefangen in sich selbst, macht er alles falsch, sagt zum falschesten Zeitpunkt das absolut Falscheste. Bis man sich irgendwann zu fragen beginnt, was wohl wirklich in ihm vorgeht. Was seine Probleme sein könnten?

Was war Ihnen besonders wichtig in der Inszenierung?
Ich wollte für den Film in der Besetzung und der Wahl der Drehorte eine so hohe Authentizität schaffen, dass man keinen Zweifel daran hat, dass diese Welt genau so existiert. Vor allem wollte ich mit den Schauspielern genug Vorbereitungszeit haben, um der großen Herausforderung dieser langen Dialogszenen gerecht zu werden.
Die Szenen sollten eine große Selbstverständlichkeit und Tiefe bekommen, damit man vergißt, dass ständig gesprochen wird: Die Geschichten der Figuren untereinander, wie verletzt ihre Beziehungen sind und wie verschämt und teilweise verstörend die Kommunikation untereinander ist.

Wie haben Sie sich die Szenen mit Hannes Hellmann erarbeitet? Ist es Ihnen beiden leichtgefallen?
Als ich Hannes Hellmann gefragt habe, ob er Lust darauf hat, die Rolle zu spielen, hatte ich schnell das Gefühl, dass er ein wirkliches Bedürfnis hat, diesen Vater zu spielen. Dann haben wir uns sehr langsam in mehreren Treffen den Szenen angenähert. Der Vorteil war, dass ich als Regisseur, der selbst mitspielt, den anderen Schauspielern völlige Freiheit geben konnte, da ich selbst ja auch mit meinem eigenen Spiel beschäftigt war. Am Set kam dann Lena Lessing dazu, die dem, was wir erarbeitet hatten, nochmal eine Art „Feinschliff“ geben konnte.

Ein namenloser Sohn, der nicht über sich, seine Gefühle und seine Werte sprechen kann, weil er keine zu haben scheint – und sich als Opfer fühlt: Warum glauben Sie, ist dieser Mann stellvertretend für eine ganze Generation?
Je älter ich wurde, umso mehr fiel mir auf, dass es den Männern in meinem Freundeskreis in der Mehrzahl bisher nicht gelungen war, zu erwachsenen, verantwortungsbewussten und ausgeglichenen Menschen zu werden. Dass bei vielen von ihnen ein verstörendes jungenhaftes Streben nach Erfolg, ein überdimensionierter Konkurrenzkampf und großer Beweisdruck vorherrschte. Mein Glaube daran, dass das Leben in ruhigeren Bahnen verläuft, wenn man die Vierzig überschritten hat, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Als missverstandene Männlichkeit würde ich in diesem Zusammenhang die zwanghafte Suche nach dem eigenen Vorteil bezeichnen. Wenn der Vater als Vorbild nicht funktioniert und man sich an gesellschaftliche Stereotype klammern muss, denen man aber nie gerecht werden kann.
Das Schlimmste ist, wenn Männer in Selbsthass verfallen, weil sie ihren eigenen Idealen und Vorstellungen über ihr Leben nicht gerecht werden können, und dann ihr Umfeld angreifen. Und wenn sie nicht in der Lage sind, über ihre Gefühle zu sprechen, sich unter Umständen auch Hilfe zu holen. Sich versuchen, mit aller Kraft selbst wieder in den Griff zu bekommen, sich zusammenzureißen. Wenn wir ehrlich sind, ist es ja leider heute immer noch so, dass in unserer Gesellschaft der Verlust des Arbeitsplatzes, Altern und Krankheit als Schwäche verstanden und ausgeklammert wird.

Welche Tabus möchten Sie offenlegen? Wenn Sie mit dem Männerbild der Vater und Sohngeneration hadern, was muss sich Ihrer Ansicht nach ändern?
Ich denke, dass das Patriarchat sehr schwere Wunden gerissen hat, auch in uns Männern selbst. Die Generation meines Vaters, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, ist noch mit solch unerbittlicher Härte erzogen worden, da kann es auch heute nicht einfach sein, zu einem klaren Geschlechterbild als Mann zu finden.
In unserem Film wird zwischen Vater und Sohn thematisiert, dass die Mutter immer der wichtigste Ansprechpartner des Sohnes gewesen ist. Denn ab Ende der 60er-Jahre gab es dann ein feministisches Bestreben, das den Männern zum ersten Mal die „Macht“ in der Erziehung entzogen hat. Da wurde der Vater als das aggressive, bedrohliche Element eher abgeschottet. Und diese Entfremdung zwischen Vater und Sohn wollte ich im Film erzählen.

Was würden Sie Ihrem Sohn unbedingt mit auf den Weg geben wollen?
Der Vater ist für seinen Sohn das wichtigste männliche Vorbild, auch wenn man das vielleicht als Sohn selbst negieren möchte.
Dementsprechend bin ich mir bewusst, dass mein Sohn entscheidende Informationen, die er zum Leben braucht, von mir bekommt. Ob ich das möchte oder nicht. Deswegen möchte ich mit meinem Sohn über Gefühle sprechen können und ihn zum lebhaften Denken anregen. Ich möchte ihm zeigen, dass sich Männer im Austausch über das Leben bereichern können und sich gegenseitig helfen können. Er soll lernen, emphatisch zu sein, aber auch in der Lage sein, sich selbst zu schützen. Vor allem wünsche ich ihm, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen.

Glauben Sie, dass Frauen den Film anders schauen als Männer? Wie?
Ich möchte mir nicht anmaßen, das als Mann beurteilen zu können, aber ich würde mir wünschen, dass vielleicht auch Frauen sich durch den Film Gedanken machen, wie ihr Verhältnis zu Männern ist, deren Verzweiflung sich auf ähnliche Weise äußert.
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Mittwoch 13.04.2022
FUOCO SACRO (plus Interview mit Jan Schmidt-Garre)
Ab 21. April 2022 im Kino
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Opernabende können anregend sein, sie können langweilig sein. Manchmal sind sie lebensverändernd. Wer die Callas gesehen hat, spricht noch heute von ihr. Auch in unserer Zeit gibt es sie: Sängerinnen, die den Zuschauer ins Herz treffen. Drei von ihnen begleitet Jan Schmidt-Garre in seinem neuen Dokumentarfilm Fuoco sacro – Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs: Ermonela Jaho, Barbara Hannigan und Asmik Grigorian – Sängerinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eines gemeinsam haben: Sie gehen für ihre Kunst bis zum Äußersten. Der Film geht der Frage nach, was sie machen, wie sie es machen und was es in uns auslöst.

Ein Film von Jan Schmidt-Garre
Mit Asmik Grigorian, Barbara Hannigan, Ermonela Jaho u.a.

Fuoco Sacro – Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs ist ein essayistischer Film, der drei sehr unterschiedliche Sängerinnen von der Probe bis zum Auftritt begleitet: Ermonela Jaho kanalisiert ihr eigenes Leid, um ihrem Gesang eine Seele zu verleihen. Barbara Hannigan arbeitet permanent
daran, ihre Technik zu perfektionieren und pusht sich wie eine Sportlerin immer weiter. Asmik Grigorian hat einen eher intuitiven Zugang, der ihren Gesang so einzigartig macht. Obwohl die Sängerinnen aus den verschiedensten Kulturen – Albanien, Kanada, Litauen – kommen, verbindet sie ihre grenzenlose Leidenschaft für die Oper: Sie schonen sich nicht; auf der Bühne geben sie mehr als alles. Den letzten Schutzschild, auf den ihre Kolleginnen nicht verzichten wollen, brauchen sie nicht. Sie verschmelzen mit ihren Bühnenfiguren und wollen das totale Erlebnis. Nur mit Künstlerinnen wie ihnen kommt die Oper zu sich und es entsteht Musiktheater im empathischen Sinn.
Wie Stanislawski, der großen Schauspielern nachspionierte, um ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen, beobachtet der Film die Protagonistinnen und öffnet so den Blick für den Schaffensprozess selbst: Wie gestalten sie den Tag vor einer Premiere? Wie bereiten sie sich vor, damit ein perfekter Auftritt gelingt? Was geht ihnen durch den Kopf, wenn sie wenige Minuten vor dem Auftritt ein letztes Mal über die leere Bühne gehen? Was geschieht in den Sekunden vor dem Auftritt?
In seinem intimen Charakter wirft dieser Film einen bisher ungesehenen Blick hinter die Kulissen großer Opernbühnen. Der Regisseur des Films Jan Schmidt-Garre ist selbst Opern-Regisseur: Ihm öffnen sich die Sängerinnen wie selten zuvor und sprechen über ihre ganz eigenen Vorbereitungsrituale, ihre Beziehung zum Publikum, ihren Zugriff auf Gefühle und darüber, wie sie diese auf der Bühne ausdrücken. Dabei offenbaren sie dem Zuschauer das Glück der Selbstvergessenheit wie auch die Abgründe, ohne die keine große Kunst entsteht.
Jan Schmidt-Garre begibt sich auf die Suche nach dem heiligen Feuer des Gesangs und findet es an der Bayerischen Staatsoper in München, in der Oper in Frankfurt, bei den Salzburger Festspielen, in der Opéra national de Paris, beim Aldeburgh Festival in Großbritannien und in Göteborg. Wir sehen und hören Ermonela Jaho als Violetta in Giuseppe Verdis La Traviata und als Angelica in Puccinis Suor Angelica (mit Kirill Petrenko), Asmik Grigorian in und als Richard Strauss ? Salome sowie Barbara Hannigan als Mélisande in Claude Debussys Pelléas et Mélisande.
Ein Film über drei große Sängerinnen und zugleich ein Film über das Herz der Oper.


REGIE – JAN SCHMIDT-GARRE
Der Film- und Opernregisseur Jan Schmidt-Garre wurde in München geboren. Dort studierte er Philosophie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten und Regie an der Filmhochschule München. Nebenbei arbeitete er als Regieassistent und Volontär bei den Regisseuren Rudolf Noelte,
David Esrig, Joachim Herz, Jean-Pierre Ponnelle und Harry Kupfer (unter anderem bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen und an der Metropolitan Opera).
Danach arbeitete er als Regisseur und Produzent von Dokumentar- und Spielfilmen im thematischen Umfeld von Musik und Kunst: Darunter waren unter anderem ein Film-Essay mit dem Titel Bruckners Entscheidung über einen entscheidenden Moment im Leben des Komponisten Anton Bruckner; das filmische Portrait des legendären Konzeptkünstlers John Baldessari – This Not That; der Dokumentarfilm Der atmende Gott über den Ursprung des Yoga und die 360°-Oper 360° Figaro, in der erstmals eine Opernszene eigens für Virtual Reality (VR) konzipiert und inszeniert wurde.
In jüngster Vergangenheit führte er Regie im Musiktheater, unter anderem bei Manon von Massenet und Die tote Stadt von Korngold am Theater St. Gallen. An der Oper Leipzig inszenierte er 2015/16 Arabella und 2020/21 Capriccio. Sein Fidelio wurde für Kino und Fernsehen aufgezeichnet.
Jan Schmidt-Garres Filme wurden in über dreißig Länder ausgestrahlt und auf den Filmfestivals von Berlin, Chicago, Paris, Monte Carlo, Ohio, München und Prag ausgezeichnet.


INTERVIEW MIT REGISSEUR JAN SCHMIDT-GARRE

Was stand am Anfang Ihres Projekts Fuoco Sacro?
Eine Stimme. Ohne Bild, ohne Körper. Ich hörte im Autoradio eine CD-Rezension der selten gespielten Oper Zazà von Leoncavallo, und die Stimme dieser Zazà traf mich wie ein Blitz. Da war ein Zittern in dieser Stimme, Verletzlichkeit, Weisheit, Menschlichkeit, wie ich es eigentlich nur von der Callas kannte. Und von Carla Gavazzi, einer wunderbaren Sängerin, die in meinem Film Opera Fanatic auftrat. Es war die Stimme von Ermonela Jaho. Zu Hause habe ich sofort recherchiert, mir Youtube-Videos angesehen und bin dann nach London gefahren, um sie live als Butterfly in Covent Garden zu sehen. Dort gab sie sich so sehr der Rolle hin, zerfiel und starb vor meinen Augen, dass ich dachte: „Wie toll, dass ich das miterleben durfte, aber wie schade, dass dies
Ermonela Jahos letzter Abend war. Ich hatte das Gefühl, einem dieser seltenen Momente beizuwohnen, in denen Kunst und Realität miteinander verschmelzen, wie bei Keilberths Tod bei der Aufführung von Tristan.“ Aber Ermonela Jaho war nicht tot. Drei Tage später kam sie gut erholt wieder ins Theater, machte ihr seltsames Aufwärmtraining auf dem Gymnastikball, das ich später kennenlernen sollte, und starb wieder auf offener Bühne vor zweitausend Zuschauern. Da wusste ich, was für einen Film ich machen musste.

Und wie fanden Sie die beiden anderen Protagonisten?
Es sollte kein Porträt werden, sondern ein Film über die äußerst seltenen Grenzüberschreitungen, nach denen wir letztendlich suchen, wenn wir ins Kino gehen. Aber es war mir klar, dass es keine zweite Jaho gibt. Dass es aber eine Sängerin gibt, die die gleichen Grenzen überschreitet, obwohl sie in jeder Hinsicht das Gegenteil von Jaho ist, das wusste ich, und diese Sängerin war Barbara Hannigan. Sie war die Einzige, die mir sofort einfiel. Eine, die intellektuell ist, nachdenklich, cool, experimentierfreudig, geradezu sportlich im Ausprobieren und Ausreizen der eigenen Mittel. Irgendwie gehören diese beiden Frauen in denselben Film, dachte ich, aber wie soll ich das anstellen? Ich will sie nicht gegeneinander ausspielen, und jetzt, wo ich rede, graut mir schon vor dieser falschen Betonung. Als ob Jaho heißblütig und unre- flektiert wäre. Blödsinn: Sie weiß genau, was sie tut und wie sie es tun muss. Vielleicht ist sie sogar die Kontrollierte und Hannigan diejenige, die sich dem Affekt hingibt.

Bei zwei Protagonisten ist der Vergleich fast unvermeidlich.
Und deshalb habe ich mich gefragt, wen ich noch hinzufügen sollte, einen männlichen Sänger vielleicht, aber ich kannte niemanden mit dieser Kraft. Und dann hörte ich von den Proben von Romeo Castellucci in Salzburg, die eine große Aufführung der Salome versprachen, und von der Sängerin der Salome, Asmik Grigorian. Sie war gleichzeitig eine tragische Schauspielerin aus der Antike und ein Mensch von heute, textgetreu und völlig frei, ein Teenager und eine Frau. Und da hatte ich die Konstellation, von der ich hoffte, dass sie funktionieren würde.

Man führt Gespräche mit den Sängern, aber vor allem beobachtet man sie in Momenten, die man selten sieht: beim Aufwärmen, kurz vor der Aufführung oder unmittelbar danach.
Ich dachte an Stanislawski, der, bevor er der große Regisseur und Schauspiellehrer wurde, selbst ein Schauspieler war, und zwar ein sehr guter. Als junger Mann spionierte Stanislawski den berühmten Schauspielern seiner Zeit, wie Eleonora Duse oder Tommaso Salvinbuchstäblich hinterher, um ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Er beobachtete, was sie vor der Aufführung taten, wie ihre Rituale aussahen, wie ihre Garderobe aussah, und so weiter. Er wollte herausfinden, was diese Genies anders machen als ihre normal begabten Kollegen. Genau das habe ich mit den Sängern gemacht.

Und was haben Sie entdeckt?
Ganz einfache Dinge, aber sie sind sehr charakteristisch. Ermonela Jaho zum Beispiel bittet immer um eine Garderobe in einem anderen Stockwerk als ihre Kollegen. Das heißt nicht, dass sie arrogant ist und eine Sonderbehandlung will – ganz und gar nicht, sie ist eine sehr bescheidene Person und sehr kooperativ. Aber sie muss sich auf sich selbst einstellen. Sie kann nicht zehn Minuten vor der Aufführung mit der Suzuki-Sängerin über faule Agenten oder unmusikalische Regisseure reden. Da ist sie schon in ihrer fiktiven Welt.

Als Dokumentarist ist Ihr Ausgangspunkt ist immer die Realität?
Unbedingt. Und zwar in all ihrer Banalität und Zufälligkeit. Man kann einen Dreh so gut planen und vorhersehen, wie man will – was tatsächlich passiert, ist weitgehend zufällig. Und oft unbedeutend. Es ist reines Rohmaterial, aus dem ich erst im Schnitt die Realität schaffe, die ich mir vorgestellt habe. Und das gilt auch für die Puristen unter den Dokumentarfilmern, die scheinbar die nackte Wirklichkeit abbilden wie Frederick Wiseman.

Aber Sie manipulieren das Filmmaterial nicht.
Das hängt davon ab, wie man Manipulation definiert. Zu Beginn sichten die Cutterin Sarah Levine und ich das gesamte Material. Ich schreibe mit, markiere gute Stellen, mache mir Notizen über mögliche Kombinationen und Platzierungen. Das dauert ewig und ist gerade deshalb der unangenehmste Teil der Arbeit, weil das Material noch so zufällig und ungeformt ist. Dann beginnen wir, die Szenen zu komprimieren, immer noch vorsichtig, mit viel Luft. Indem wir eine Auswahl treffen, lösen wir uns bereits ein wenig von der, sagen wir, alten Realität. Und dann geht es unmerklich in die heiße Phase, wo wir beginnen, Module zu kombinieren, zu verschieben und den Puls des Materials immer mehr zu spüren. Manche Szenen sehe und höre ich tausendmal, es ist wie eine Psychoanalyse. Im Stoff tun sich Falten auf – das kann man sich nicht vorstellen. Alles wird transparent. Ich könnte ein zweihundertseitiges Buch über einen Satz von Asmik Grigorian schreiben, so viel entfaltet sich dort. Ich höre so viele Nuancen und Untertöne.
Das ist auch irgendwie pervertiert. Irgendwann sind die Sängerinnen und Sänger nur noch Farben auf der Palette, mit denen ich mein Bild male. Sie brauchen diesen Film ja nicht. Sie dienen meiner Erfüllung, und dafür sollte ich ihnen dankbar sein.

Wie ist es denn, wenn man nach der Fertigstellung eines solchen Werkes die Protagonistinnen wiedertrifft? Die ja wahrscheinlich schon weitergezogen sind?
Ich bin überrascht, dass sie noch am Leben sind.

Wie meinen Sie das?
Wie der Mörder in Süskinds Das Parfüm habe ich sie ausgequetscht, um ihren Duft zu erhalten. Da kann eigentlich nichts mehr übrig sein. Das ist natürlich Blödsinn, aber es beschreibt ein bisschen das Gefühl, das man nach so intensiver Arbeit gegenüber den Protagonistinnen hat. Am Anfang habe ich gar nicht das Bedürfnis, sie noch einmal auf der Bühne zu sehen. Das kommt erst langsam zurück, wenn der Film sein Eigenleben beginnt, unabhängig von mir.

In Fuoco Sacro haben Sie eine dritte Form gefunden, den inneren Monolog der Heldinnen.
Die „Inner Films“, wie wir sie nennen. Die Idee war, so nah wie möglich an das heranzukommen, was im Kopf einer Musikerin vor sich geht, während sie singt. Ein Maler kann reden, während er arbeitet, aber eine Sängerin kann das nicht. Ich habe das auch mit Pianisten versucht und bin dabei, daraus eine Reihe von Kurzfilmen zu machen.

Was soll das Publikum im Idealfall erleben?
Oh, ich möchte immer, dass dem Publikum am Ende die Tränen kommen. Und in diesem Fall hoffe ich, dass sie erleben, was Singen sein kann: ein hörbarer Kuss.
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Donnerstag 07.04.2022
SON OF CORNWELL
Ab 14. April 2022 im Kino
John Treleaven wird in einem kleinen Fischerdorf in Cornwall zufällig entdeckt. Sein Gesangstalent stellte er bis dahin nur im örtlichen Chor unter Beweis, als eine Konzertpianistin sein Potenzial erkennt. Johns Stimme ist der Ausweg aus dem verschlafenen Ort Porthleven und das Sprungbrett für seine internationale Karriere.
Doch wenn der Vorhang fällt, wird aus dem Star ein Privatmann und Familienvater. Heute ist er in Rente und kann auf ein bewegtes Leben voller Erfolg aber auch zahlreiche Entbehrungen zurückblicken – denn nicht immer ist es ihm gelungen, mit dem Leistungsdruck der Branche umzugehen.
Im Sommer 2018 verbringen John und sein Sohn Lawrence einige Wochen auf den Küstenstraßen Cornwalls, der Heimat Johns. In Vorfreude auf ein Konzert von John am Ende des Roadtrips genießen sie die gemeinsame Zeit, die dem Sohn früher oft verwehrt blieb. In Gesprächen und Interviews werfen die beiden einen nicht immer angenehmen Blick auf die Vergangenheit zwischen Karriere und Familienleben. Der Dokumentarfilm erforscht, was John als Künstler antreibt und bewegt. Aber es geht auch um die Schattenseiten eines Lebens auf und hinter der Bühne und die Opfer, die John für seine Karriere und Leidenschaft bringen musste.
Setting sind die malerischen Küstenstraßen Cornwalls, von denen John sich einst zu den Bühnen der Welt aufmachte. Der Roadtrip ist gespickt mit Material von Treleavens großen Auftritten und Interviews mit Unterstützern und Familienmitgliedern. „Son of Cornwall“ ist eine 90-minütige, biografische Dokumentation über den Aufstieg eines Talentes, die Schattenseiten einer Karriere als Opernstar und was es bedeutet, seinen Träumen zu folgen.

Ein Dokumentarfilm von Lawrence Richards


REGIE: LAWRENCE RICHARDS

Lawrence Richards wurde in Pretoria, Südafrika, geboren und wuchs in Großbritannien in London und Glasgow auf. Mit 12 Jahren zog er nach Mainz. Er wurde in eine Musiker- und Künstlerfamilie hineingeboren und trat in seiner Kindheit in verschiedenen Theaterstücken, Opern und Musicals für das Mainzer Staatstheater auf. Seit seinem 12. Lebensjahr entwickelte er eine große Leidenschaft für den Film. Nach Abschluss der Schule in Deutschland absolvierte er einen Masterstudiengang in Englisch, Film- und Theaterwissenschaft. Er begann auch für die deutschen Fernsehunternehmen SWR, ZDF und Sat-1 als Kamera- und Lichtassistent zu arbeiten, wo er viel über die Fernsehproduktion lernte. Danach erweiterte er sein Wissen und seine Erfahrung und arbeitete als freier Kameramann und Redakteur für NBC. Trotz seiner Arbeit für das deutsche Fernsehen blieb der Film immer seine Leidenschaft. Er beschloss, seine Ausbildung in Großbritannien fortzusetzen, wo er Film- und Fernsehproduktion an der Bournemouth University studierte. Während seiner Zeit in Großbritannien sammelte er weitere Erfahrungen bei der BBC als Regieassistent.
2009 gründete er seine eigene Filmproduktionsfirma namens Indievisuals. Sein erster Erfolg mit Indievisuals war ein Musikvideo für den Produzenten und Rapper Shuko, das auf MTV gezeigt wurde. Anschließend bekam er weitere Jobs als freiberuflicher Regisseur, Kameramann und Cutter für Film- und Fernsehproduktionen. Im Laufe der Jahre gewann er mehrere internationale Filmpreise für seine Arbeit als Kameramann und Regisseur bei verschiedenen Kurzfilmprojekten. „Son of Cornwall“ ist sein Regiedebüt für einen Abendfüllenden Dokumentarfilm.


STATEMENT DES REGISSEURS:
Mein Vater ist immer eine große Inspiration für mich gewesen und ich bin fest davon überzeugt, dass seine Geschichte viele andere Menschen inspirieren kann; insbesondere aufstrebende Künstler. Seit ich zur Filmschule gegangen bin, wollte ich seinem einzigartigen Leben einen Dokumentarfilm widmen. Als ich als Filmemacher anfing, dachte ich immer, meine Karriere sei das Wichtigste. Ich wollte wohl genauso erfolgreich sein wie mein Vater.
Aber als ich herausfand, dass ich selbst Vater werden würde, wurden die Zweifel in meinem Kopf immer lauter. Ich begann mich zu fragen, ob ich jemals die richtige Balance zwischen Familienleben und einer erfolgreichen Karriere finden werde und ob mein Streben nach Anerkennung es wert ist, persönliche Opfer zu bringen. Wer wäre besser geeignet diese Fragen zu beantworten als mein eigener Vater, der all diese Opfer vor mir gebracht hat!? Der große Erfolg meines Vaters hatte seinen Preis und es war nicht einfach für ihn, uns immer wieder monatelang zu verlassen. Egal wie einsam er wurde, die Show musste weitergehen.
Als ich jung war, haben wir nie wirklich viel geredet. Als er in seine Heimat eingeladen wurde, um ein Konzert in Cornwall zu singen, beschloss ich, mit ihm einen Roadtrip zu machen und die Momente auszugleichen, die wir verpasst hatten. Ich hoffte, dass ich durch den Besuch der Orte, die seine Kindheit prägten, herausfinden würde, was ihn zu dem Mann machte, der er heute ist. Ich möchte wissen, ob seine Karriere alle Opfer wert war und herausfinden, ob Johnny Richards aus Porthleven wirklich der Superheld ist, für den ich ihn immer gehalten habe. Wenn mein Vater sich für die Kamera öffnet und seine tiefsten Gefühle erforscht, wird er hoffentlich andere dazu inspirieren, ihren Träumen zu folgen und genug Zeit für ihr Familienleben zu haben, egal wie schwierig es wird.


PROTAGONIST: JOHN TRELEAVEN
Treleaven studierte in London – unter anderem bei Sir William Lloyd Webber – Gesang, außerdem ließ er seine Stimme in Neapel ausbilden. Sein erster Auftritt als Solist fand im Jahr 1979 in der Covent Garden Opera statt. Er gastierte in allen großen britischen Opernhäusern, wechselte dann aber nach Deutschland. Dort debütierte er am Nationaltheater Mannheim und mit den
Bamberger Symphonikern. Er gastierte dann auch in Australien und den Vereinigten Staaten. Während der Jahre 2004 und 2005 sang er an der Finnischen Nationaloper den Siegfried im Ring des Nibelungen von Richard Wagner. 2006 sang Treleaven an der Finnischen Nationaloper in Richard Strauss’ Die Frau ohne Schatten den Kaiser. In Amsterdam debütierte Treleaven unter Simon Rattle in der Rolle des Tristan in Richard Wagners Tristan und Isolde. Diese Rolle sang er vielfach in diversen Opernhäusern, etwa der Hamburgischen Staatsoper, dem Gran Teatro del Liceu in Barcelona, Oper Frankfurt, beim Brisbane Festival, im Teatro Giuseppe Verdi in Triest, dem Teatro Regio Turin, in Santiago de Chile. In der Partie sprang er auch in einem Konzert in Montreal ein und sang sie beim Luzern Festival unter Claudio Abbado, sowie mit dem BBC Symphony
Orchestra unter Donald Runnicles in London. Den Tristan verkörperte er auch bei den Münchner Opernfestspielen 2006 und 2007. Treleaven ist seit 1998 in mehr als einem Dutzend Film-Rollen erschienen.
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