Haben Sie einen Artikel verpasst? Dann klicken Sie hier. Im Archiv finden Sie auch ältere Veröffentlichungen.
1. Fürstenfeld: tanzmainz „Promise“ - Rauschhaft
2. Landsberg: Eckart Runge & Jacques Ammon – Revolutionäre im Konzert
3. Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Unterschiedliche choreographische ...
4. Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtba...
5. Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
6. Landsberg: Abdullah Ibrahim solo im Stadttheater Landsberg
Bilder
Bilder
Fotos: Andreas Etter
Mittwoch 29.06.2022
Fürstenfeld: tanzmainz „Promise“ - Rauschhaft
Fürstenfeld. Ein Erkennungsmerkmal in den Choreographien von Sharon Eyal ist, dass sie weniger mit weiten, raumgreifenden Figuren, ausholenden Gesten und pathetischer Dynamik arbeitet. Sie beschränkt sich derzeit mehr auf reduzierte Bewegungsmuster, auf kleine, sich ständig wiederholende und nur ganz leicht variierende Abläufe. Der Reiz ihrer Darstellungen liegt im Detail, in knappen, man möchte meinen Endlosschleifen, die den Ablauf in einem ständigen Fluss halten und dabei mit eher flachen Hierarchien auskommt, was solistische Einlagen betrifft.
So auch in ihrem gestern in Fürstenfeld von tanzmainz präsentierten Stück „Promis“ (nach "Untiteld Black" am letzten Dienstag das zweite Stück von Eyal während DanceFirst). Sieben Tänzerinnen und Tänzer, die als Gemeinschaft, in meist kleiner Gruppe, die Bühne ausmessen, sie auf Zehenspitzen tänzelnd langsam ausfüllen. Dazu gibt es eine Art Progressiv-Techno, ein elektronisch pulsierendes Musik-Gebräu, das zwischenzeitlich akustisch runtergebrochen wird, bis auf den Country-Klassiker „Rawhide“ von Frankie Laine aus dem Jahr 1959 (Musik: Ori Lichtik). Das gerät aber nie kitschig, oder überzogen, sondern im Zusammenspiel mit den Tänzerinnen und Tänzern poetisch surreal, wie ausufernde Traumsequenzen.
Sich gegenseitig stärkend, als Gruppe verletzungsunanfälliger wirkend, geht die Individualität des Einzelnen hier nie verloren. Emotionen und Befindlichkeiten sind trotz der klaren Strukturen des Tanzes stets gegenwärtig. Und mit kleinen Gesten wird die Menschlichkeit und Empathie dieses sich wie ein einziger Organismus bewegenden Verbundes immer wieder ausdrucksstark spürbar. Die Intensität des ständigen Auf-und-Ab, des Vor-und-Zurück kommt letztendlich einer rauschhaften Askese nahe, die das Publikum für eine Dreiviertelstunde in Hypnose versetzt.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Foto: Thomas Rausch
Sonntag 26.06.2022
Landsberg: Eckart Runge & Jacques Ammon – Revolutionäre im Konzert
Landsberg. Mittlerweile stellt sich die Frage, ob es denn musikalische Herausforderungen gibt, denen die beiden nicht gewachsen sind? Wahrscheinlich ja, aber letztendlich schwer vorstellbar.
Eckart Runge und Jacques Ammon waren, nach fast fünf Jahren, wiederholt zu Gast im altehrwürdigen Rathaussaal zu Landsberg. Im Grunde war dieses Konzert anlässlich ihres 2021 erschienen Albums „Revolutionary Icons“ geplant. Doch die Pandemie hat, auch in diesem Fall, alle Termine mehrmals verschoben, so dass das Duo erst jetzt zum Erscheinen ihres Folge-Albums „Baroque in Blue“ auftrat. Das Repertoire stammte am Samstag somit aus diesen beiden zuletzt erschienenen Veröffentlichungen und die hatten es musikalisch/stilistisch jeweils in sich.
Nennt man allein die Namen der Komponisten, die von den beiden Meistersolisten interpretiert wurden, scheint es fast unvorstellbar, all diese innerhalb nur eines Konzertes unterzubringen. Doch Runge & Ammon machen's möglich: Ludwig van Beethoven, Chick Corea, David Bowie, Jimi Hendrix, Frank Zappa, Felix Bendlossohn Bartholdy und so weiter. Zusammengehalten wurde diese Auswahl revolutionären Musizierens durch Beethoven, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm zog und dessen Stücke sehr wohl in der Lage waren, diese verschiedenen Ausdrucksspektren spannend miteinander zu verzahnen. Zudem gehörten seine Interpretationen, ob „Adelaida“ aus dem Liederzyklus op. 46 oder die „Cavatina“ aus dem Streichquartett op. 130 (sämtlich in den Bearbeitungen des Duos), was die musikästhetische Präsentation betrifft, auch zu den Höhepunkten des Abends. Hier zeigte sich die instrumentale Klasse Eckart Runges und Jacques Ammons besonders beeindruckend. Ein in sich geschlossener intensiver Dialog, der beide Stimmen zu einem faszinierenden Ausdruck verschmelzen ließ. Runges klare und vor Vielfarbigkeit sprühende Handhabung des Cellos, sein wunderbarer, tiefberührender Klang trugen allein schon das Konzert in superlative Sphären. Seine subtile Kunst des Rubato-Spiels besaß trotz aller Erhabenheit auch etwas tänzerisches, leichtes und beeindruckte ohne Pathos in seiner bodenständigen Vollkommenheit. Zudem moderierte er kenntnis- und erfahrungsreich durch das breit angelegte Programm.
In Ammon hat er einen idealen Begleiter und musikalischen Partner an der Seite, der in diesem anspruchsvollen Repertoire durch seine Vielfalt und Hingabe zu überzeugen wusste. Egal ob er sich in den strengeren klassischen Kompositionen mit viel Feingefühl an der Partitur entlangbewegte, Jazzharmonien in Chick Coreas „Spain“ erschloss, oder gar beherzt in den Innenraum des Flügels griff („Warszawa“ von David Bowie) – er blieb ein ausgeglichener, verführerischer Pianist, voller Respekt vor jeder From von Musik und natürlich seinem musikalischen Gegenüber.
Beide nahmen die begeisterte Zuhörerschaft auch mit auf eine Reise hin zu dem ukrainischen Komponisten Nikolai Kapustin, der mit seinem auskomponierten sehr jazzverwandten Werken in den vergangenen zwei Jahren die großen Kulturtempel Europas regelrecht stürmte. Warum das so ist, wurde an der „Burlesque op. 98“ deutlich. Einem kurzen vor Temperament und Furioso sprühenden Stück, das wie eine Reise durch die Jazzhistorie klang. Da galoppierte hochkultiviert wie elegant der Ragtime durch den Raum, man spürte eine ordentliche Straßenszene des New Orleans Stils und alles swingte mit jeder Menge hackenschlagender Ideen in Hochgeschwindigkeit.
Ein breites Spektrum, das von Runge & Ammon an diesem Abend präsentiert wurde und bei dem sich das Publikum offen und leidenschaftlich zugewandt zeigte. Das Konzert machte aber auch deutlich, wie mutig einstige Komponisten mit ihrem revolutionärem Ansatz waren und wie bezeichnend letztendlich ihre einstigen Herausforderungen nachwirken. Ein großer Musikabend.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 22.06.2022
Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Unterschiedliche choreographische Handschriften
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Fotos: Ingo Schaefer
Fürstenfeld. Dass das Tanzen eine Welt für sich ist, in der wiederum ganz eigene, individuell abgesteckte Ausdrucksformen existieren, Kenner sprechen hier von unterschiedlichen choreographischen Handschriften, wurde am Dienstag in Fürstenfeld besonders deutlich. Im Rahmen des DanceFirst-Festivals präsentierte das Hessische Staatsballett die Stücke „Timeless“ und „Untitled Black“, die in ihrer Ausführung und Wirkung kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Gleichzeitig wurden mit den Aufführungen die Vielfalt und der weit gespannte Bogen dieser künstlerischen Diktion deutlich, auch wenn nicht jede Art der Umsetzung auf den Betrachter gleich ansprechend wirkt.
Xie Xins, eine der bedeutendsten Choreografinnen Asiens, eröffnete mit ihrem Auftragswerk „Timeless“ den Tanz-Abend betörend. Die Chinesin bewegt sich mit diesem Stück zwischen östlicher und westlicher Kultur, ein (auch politischer) Spagat, der in seiner Umsetzung jedoch kaum harmonischer hätte ausfallen könnte. Einfach weil sich Xie Xin in dieser Arbeit auf das Wesentliche des menschlichen Miteinanders konzentriert – egal welcher Kultur angehörend. Bei ihr geht es um die Empathie der Kommunikation, um Würde und Eleganz, um die Friedfertigkeit der Stille und eine transzendente Dynamik.
In weiten beigefarbenen Gewändern schienen die Tänzer über den Bühnenboden regelrecht zu gleiten. Es sind sinnliche Figuren, die etwas Unbestimmtes aber Anhängiges vermitteln, etwas magisches, wie Traumsequenzen, die die menschliche Spezies von einer sehr verführerischen, empfindsamen Seite zeigen. Trotz mancher Shaolin-Assoziationen, die das Stück aufwirft, sind die dynamischen Bewegungsabläufe mit- und umeinander von ausgeprägtem Respekt voreinander gekennzeichnet.
Unterlegt wird dieses feinfühlige getanzte Schauspiel von kontemplativer Musik, komponiert von Sylvian Wang. Die reduzierte, allein einer klanglichen Ästhetik verpflichtende Tonkunst wirkt im tänzerischen Kontext fast surreal. Der Puls dieser Musik stammt von den wogenden, mäandernden, sich vereinenden und wieder trennenden menschlichen Leibern auf der Bühne. Ein anmutiges, leichtfüßiges und doch Haltung bekennendes Werk.
Schnitt. Die fast meditativ versunkenen Klangbilder machen nach der Pause einem lauten und treibenden rhythmischen Tumult Platz. „Untitled Black“, erarbeitet von der Israelin Sharon Eyals, ist genau das Gegenteil dessen, was man als zart, poetisch und diskret benennt. Zumindest nach den Maßstäben und im Vergleich mit dem vorigen „Timeless“.
Nun sind die rhythmischen Grundlagen in Form von Techno und Drum&Bass (Musik: Ori Lichtik) deutlich zu hören und tief in sich zu spüren. Die Bühne wirkt plötzlich wie der Schauplatz einer feindlichen Übernahme. Das Leben ist hier hart und roh, besteht aus einer strikten Aneinanderreihung von Bewegungselementen. Teilweise zwar minimalistisch durchorganisiert, dabei die Gedanken zur aktuell gesellschaftlich geführten KI-Diskussion deutlich spürend. Das vorige behutsame Miteinander ist hier einer stark individuellen Ausrichtung gewichen. Alles ist im (individuellen) Fluss, getreu dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht. Insofern besitzt „Untitled Black“ auch einen aufklärerischen Focus – im Sinne einer objektiven Zustandsbeschreibung.
Dieser Abend glich letztendlich einem Wechselbad der Gefühle und faszinierte in der Umsetzung derart unterschiedlicher Vorgaben durch das Hessische Staatsballett.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 26.05.2022
Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar
Bilder
Landsberg. In der Not zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Pandemien und körperliche Beeinträchtigungen wurden schon immer von Autoren genau aus diesem Grund als Metapher genutzt, um Extremsituationen zu schaffen und das Verhalten des Individuums innerhalb einer Gesellschaft darzustellen. Diese Behinderungen sind auch als Herausforderungen zu verstehen, sich persönlicher Schwächen und Stärken bewusst zu werden, sich ihnen zu stellen und zugleich ein möglichst aussagekräftiges Bild der Zivilisation zu entwerfen. Dies lässt sich bei Maurice Maeterlincks Drama „Die Blinden“, HG Wells Kurzgeschichte „Im Land der Blinden“, Nikos Kazantzakis Parabel „Die Blinden“ und natürlich Camus Sicht des Absurden in „Die Pest“ und dem Theater Becketts sowie Ionescus beobachten.
Nun gastierte am vergangenen Dienstag in Landsberg das Tübinger Landestheater mit José SaramagosDie Stadt der Blinden“. Auch dem portugiesischem Nobelpreisträger geht es in seinem klaustrophobischen Roman, der dem Stück als Vorlage dient, eben um jene besondere Situation, die das Miteinander der Menschen durchleuchtet und auf eine gesellschaftlichsrelevante Probe stellt. Alles beginnt, in dem ein einzelner Mensch im Straßenverkehr ganz plötzlich sein Augenlicht verliert. Ein ihm Helfender wird kurz nach der persönlichen Begegnung, ebenfalls blind. Es ist wie eine Epidemie, die um sich greift und von der immer mehr Menschen in der namenlosen Stadt betroffen sind.
Die Gesetzeshüter internieren alle Opfer in einer alten, runtergekommenen psychiatrischen Klinik - ohne jede medizinische und soziale Betreuung - in unhaltbaren hygienischen Zuständen und rundum vom Militär bewacht. So entsteht unter den internierten Blinden eine hierarchische Struktur, die letztendlich in ein plakatives Unterdrückungssystems entartet. Die stärksten regieren das Miteinander brutal und voller Aggressionen, kontrollieren die Essensausgaben, stehlen Wertsachen, vergewaltigen hemmungslos. Erst die Frau des Augenarztes, die selbst noch sehend sich heimlich in das Irrenhaus geschlichen hat, beginnt gegen die Situation anzukämpfen. Sie verändert das Geschehen und die bitterböse Parabel lässt einen winzigen Funken Hoffnung aufglimmen.
Die einzelnen Figuren werden nicht mit Namen genannt. Nur Äußerlichkeiten und persönliche Tätigkeiten dienen der Ansprache, wodurch die zwischenmenschlichen Situationen dramaturgisch anonymisiert werden. Die Inszenierung von Dominik Günther, der zugleich auch Regie führt, lebt von der Dynamik des Schreckens, von der milchigen Abgetrenntheit des Bühnenbildes vom Zuschauerraum (Bühnenbild Sandra Fox). Die Wahrnehmung in einem Umfeld, in der das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar wird löst sich auf, macht einer Hilflosigkeit Platz. Das Ausgeliefertsein und die damit verbundene Angst ist die alles bestimmende Grundlage des Stückes, wirkt aber nicht völlig überzeugend. Zu starr geraten die Charaktere, zu holzschnittartig ihre Psyche. Auch der dröge Dico-Foxtrott, um die Verrohung der Emotionen akustisch zu untermalen, wirkt kindlich, nur wenig bedrückend.
Was bleibt ist auch die Frage, ob in derart schmerzhaften weltpolitischen Zeiten das beklemmende Szenario von der Bühne aus verstärkt werden muss. Nicht falsch verstehen: Sicher soll sich die Kunst mit dem Realen dieser Welt auseinandersetzen. Man darf dem Entsetzen natürlich nicht mit fröhlichem Einerlei begegnen! Aber rein plakative Assoziationen, zu Flüchtlingslagern, Pandemien, Foltergefängnissen sind zu wenig. Es geht auch darum, jeder Unmenschlichkeit und jeder Gewaltherrschaft kämpferisch wie überzeugend etwas entgegenzusetzen.
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Samstag 21.05.2022
Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
Bilder
Germering. Als Thelonious Monk im Februar 1982 starb, war er schon einige Jahre aufgrund verschiedener Krankheiten und fehlender Spiellust nicht mehr aufgetreten. Er geriet damals fast in Vergessenheit – kaum jemand erinnerte sich in jener Zeit noch an den einstigen Hohepriester des Bop. Erst durch seinen Tod veränderte sich das Bewusstsein der damaligen Jazzszene. Plötzlich gab es Hommagen und Tribute-Veröffentlichungen, wurden Alben von ihm wieder aufgelegt, eroberten Musiker wie Arthur Blythe, Don Pullen oder Bennie Wallace seine Kompositionen neu. Das sperrige Raum-Zeit-Konzept Monks wurde noch einmal entdeckt, es gab eine regelrechte Monk-Manie, die bis heute anhält. So entstanden in den letzten Jahren Projekte, die sein gesamtes kompositorisches OEuvre in einem neuen Licht erscheinen ließen, wie zum Beispiel in Alexander von Schlippenbachs Formation Monks Casino (die übrigens 2008 mit großem Erfolg in Germering gastierte), Silke Eberhard, Frank Kimbrough oder der Gitarrist Miles Okazaki, um nur einige wenige zu nennen.
Der Schweizer Saxophonist Christoph Grab setzte am Freitag mit seiner Formation Reflections die musikalische Verbeugung vor diesem Jazz-Genie des 20. Jahrhunderts im Germeringer Amadeussaal mit einem bemerkenswerten Konzert fort. Der Inhalt des rund zweistündigen Programms bestand ausschließlich aus Monk.
Grab zeigte sich in seinem Quintett als ein absolut versierter Ton-Architekt, ein regelrechter Maßschneider für Monk-Arrangements. Am auffälligsten dabei die klaren Strukturen, die Reflections aus den Vorgaben formten. Abgesehen von einigen expressiven Soloexkursen der Bandmitglieder wurde nichts dem Zufall überlassen. Klangflächen wurden übereinander gelagert, die Themen wurden auf die einzelnen Musiker verteilt, es war manchmal wie ein instrumentales Puzzle, das sich erst in den Köpfen des Publikums ergänzte und zusammenfügte. So wurde die Spannung und Komplexität der Vorgaben erhalten, die Exzentrik ihres Schöpfers bewahrt, der Kontrast zwischen Dissonanz und Poesie weit ausgelotet.
Grab hat eine grandiose Band zusammengestellt und mit nach Germering gebracht. Allen voran Trompeter Lucas Thöni, der ein ganzes Spektrum von Stilistiken beherrscht und zugleich eine außergewöhnliche Individualität ausstrahlt. In eleganter Eloquenz widmete er sich den Soloparts, parierte das Satzspiel perfekt, fand immer wieder eine neue, ideenreiche Wendung seines Spiels. In Andreas Tschopp an der Posaune hatte er einen verlässlichen und spieltechnisch flüssigen Partner, der oft in überschäumender Verspieltheit seine solistischen Räume nutzte. Mit Bänz Oester am Bass und Schlagzeuger Pius Baschnagel hielten zwei professionelle Rhythmiker die gesamte Musik zusammen. Sie waren das kontrollierte Rückrat des Quintetts, eher diskret als tollkühn.
Christoph Grab füllte das Zentrum von Kompositionen wie „Introspection“, „Monk's Mood“, „Work“ oder „Round Midnight“. Seine überdachten Arrangements, sein ausgefeiltes, rationales, von Ideen und Fähigkeiten gezeichnetes Spiel gibt dem gesamten Projekt deutliche Konturen. Er ist das eigentliche Bindeglied zwischen Tradition und Moderne. Man spürt in seiner Herangehensweise das swingende Selbstverständnis, die Strukturen des Blues, ja sogar aufblitzende Momente des alten New Orleans. Und dann ist da wieder der Gedanke der Avantgarde, der Einzug hält, das gegenwärtige Moment in seinen wie gedrechselten Improvisationen. So bleibt Monk präsent, greifbar, vor allem erlebbar. Wie lautete doch vor Jahren ein Slogan der Musikindustrie: Zurück in die Zukunft! Passender könnte man den Musikabend am Freitag in Germering nicht überschreiben. Vielleicht noch: Monk bleibt!
Jörg Konrad
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 18.05.2022
Landsberg: Abdullah Ibrahim solo im Stadttheater Landsberg
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
In unserer mittlerweile permanent von neuen Krisen geschüttelten Zeit, spendete der mittlerweile 88-jährige Abdullah Ibrahim dem Publikum mit seinem Solo Konzert Mut für die Zukunft.

Ein improvisiertes Piano-Solo-Konzert ist für den Künstler wie für das Publikum eine Herausforderung. Ungemeine Spannung liegt auch bei Abdullah Ibrahim im Raum, ähnlich wie bei einem Jarrett Konzert, bei dem ungeteilte Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert ist. Aber Abdullah Ibrahim präsentierte kein pianistisches Feuerwerk, keine polyrhythmische oder harmonisch komplexe Tastenartistik, sondern spielte mit Bedacht und Sorgfalt. Langsam tastete er sich vor, die Sitzposition wurde angepasst, erste, leicht zögerlich anmutende Töne erklingen im voll besetzten Stadttheater Landsberg mit seiner einzigartigen Akustik, der Yamaha Flügel passt klanglich perfekt zum Raum und zu Abdullah Ibrahims Spiel. Dreh- und Angelpunkt des Konzertes war sein aktuelles, 2019 bei Enja erschienenes Soloalbum „Dream Time“, und so gab es auch kein „Best of“, sondern eine einstündige Suite, die musikalische Lebenslinien Revue passieren ließ. Nach und nach perlen Themenfragmente, Duke Ellingtons Spirit war gegenwärtig, der monksche Schalk blitzt ab und zu durch. Das Spannende an sich waren bewusst gesetzte Pausen. Der Abend musikalisch und atmosphärisch komplett entschleunigt, Gedanken schweifen, begleitet von versöhnlichen Klängen, immer wieder erkennt man die eine oder andere Melodie, um schon im nächsten Moment durch Eigenzitate ergänzt, neu interpretiert zu werden.
Nach gut sechzig Minuten und einer Zugabe kam Abdullah Ibrahim noch einmal zurück auf die Bühne, stehende Ovationen, tosender Applaus. Dann erhebt er seine Stimme, a capella erklingt fragmentarisch, seine rechte Hand am Ohr, „Wade in the water“. So verzaubert der Maestro noch einmal das Publikum und schreitet dann gelassen von der Bühne - ein grandioser Abend!

Abdullah Ibrahim vermittelte mit seinem spirituellen Spiel in Landsberg was einfach gut tut: Zuversicht, positive Vibes und Hoffnung.

Text & Fotos: TJ Krebs
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2022 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.