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Inhaltsverzeichnis
GLÜCKLICH WIE LAZZARO

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MR GAY SYRIA

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Draußen

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NACH DEM URTEIL

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GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr

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ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK

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Donnerstag 06.09.2018
GLÜCKLICH WIE LAZZARO
Ab 13. September 2018 im Kino
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„Musik dringt durch die Nacht. Wir sehen junge Frauen, die aus längst vergessenem Scham-
gefühl kichern. Die älteren Landarbeiter fragen sich, warum, und wollen nachsehen. In welcher
Zeit befinden wir uns? Anscheinend in der Vergangenheit, aber einige Gegenstände weisen in die
Gegenwart. Jetzt sitzen alle dicht gedrängt unter der niedrigen Küchendecke. Es wird gelacht,
gemeckert, geredet und angebandelt. Wir versuchen, uns zu orientieren und zu verstehen, wer
die Hauptfigur des Films sein wird. Vielleicht das frisch vermählte Paar, Mariagrazia und Giuseppe,
oder Antonia, die Mutter, die selber noch ein Kind ist, der verrückte Catirre in seinem Regenmantel oder das entlaufene Huhn, das auf dem Tisch umherirrt? Unser Blick wandert von einem
zum anderen und bleibt schließlich bei einem jungen Mann stehen. Er sitzt etwas abseits und
stürzt sich nicht auf das Brot wie die meisten. Ihm scheint es zu genügen, das Glück der
anderen zu beobachten. Lazzaro.“


„Ein Meisterwerk ...  Der Coup des Films liegt darin, dass er durch Lazzaros Blick unsere Welt aus den Angeln hebt. Mehr kann Kino eigentlich nicht leisten.“
DER STANDARD

„Ein magisch-realistisches Märchen, ein betörender Traum von Film“
THE GUARDIAN

„Alice Rohrwacher erweist sich erneut als absolut herausragende Stimme des italienischen Gegenwartkinos.“
Programmkino.de

„Ein berauschender, ein atemberaubender Film“
VARIETY


Inviolata, ein abgeschiedenes Landgut  im italienischen Nirgendwo. Hier  herrscht die  Marquesa Alfonsina de Luna mit harter Hand über ihre Landarbeiter. Lazzaro ist einer von ihnen, ein junger Mann, so gutmütig, duldsam und unschuldig, dass man ihn für einfältig halten könnte. Eines Tages kommt Tancredi nach Inviolata, Sohn der Marquesa, der an seiner Mutter so sehr leidet wie am Landleben. Mit ihm entwickelt sich eine seltsame, ungleiche Freundschaft, die erste in Lazzaros Leben. Anfangs noch zart und unbeholfen, wird sie die Zeit überdauern, auch die alles auseinander sprengenden Folgen des „Großen Betrugs“, die Lazzaro auf der Suche nach Tancredi in die große
Stadt führen werden.
»Glücklich wie Lazzaro« ist die Geschichte eines unscheinbaren Heiligen, der keine Wunder
vollbringt, der über keine besonderen Fähigkeiten verfügt, keine magischen Kräfte besitzt, eine Geschichte ohne Special Effects. Ein Heiliger, der in dieser Welt lebt und von niemandem etwas Böses denkt, der immer an die Menschen glaubt.
Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt, die die Menschen immer ignoriert
haben und die dennoch immer wieder auftaucht, um uns in Frage zu stellen; wie etwas, was hätte
sein können, aber was wir niemals ernsthaft gewollt haben.

„Glücklich wie Lazzaro“ ist ein politisches Manifest, ein Märchen über die Geschichte Italiens der
letzten fünfzig Jahren, ein Lied.
(Alice Rohrwacher)



LAZZAROS

Ich bin oft solchen Menschen begegnet, in meinem  Land, guten Menschen, die sich aber selten selbst so sehen, da sie mit diesem Begriff gar  nichts anfangen können. Ich habe solche „glücklichen  Lazzaros“ getroffen, Menschen, die einfach gut sind. Sie bleiben im Hintergrund, wann immer es möglich ist, sie nehmen sich zurück, um nicht zu stören, um den anderen Raum zu geben. Sie drängen sich nicht vor, sie wissen gar nicht, wie das geht. Es sind diejenigen, die am Ende oft die undankbarste Arbeit übernehmen, über die andere die Nase rümpfen, und sie werden nicht wahrgenommen.
Ohne dass es ihre Absicht wäre, passiert es dann manchmal doch, dass ein Lazzaro Teil einer Geschichte wird. Irgendeiner, ein Passant, ein Ladenbesitzer, ein junger Aufsteiger, ein Rentner oder wer auch immer bemerkt ihn, betrachtet ihn mit Skepsis, versteht sein Verhalten vielleicht falsch und brüllt los: „Der war es! Der ist gefährlich!“ Denn irgendwie ist dieser Gang ja tatsächlich etwas  seltsam, dieses Schweigsame, diese ganze Art ... Und plötzlich übernimmt das Misstrauen die Überhand, die Angst. Ein Lazzaro kann sich nicht gegen falsche Anschuldigungen verteidigen. Er schaut nur ungläubig, während man ihn packt, verletzt und verjagt.



HELDEN UND HEILIG

Die Literatur und die Filmgeschichte sind voll von Figuren, die sich auflehnen, die gegen das Unrecht kämpfen, die die Welt verändern wollen und zu Helden werden. Ein Lazzaro aber kann die  Welt nicht verändern. Seine innere Größe ist unscheinbar. Wir stellen uns Heilige oft stark, durchsetzungsfähig und mit einer gewissen Aura vor. Ich denke aber, dass es nicht die Aura ist, die einen Heiligen ausmacht. Tauchte ein Heiliger heute in unserem Leben auf, würden wir ihn wahrscheinlich in seinem für unsere Erfahrung viel zu selbstlosen Wesen gar nicht erkennen. Wir  würden ihn vermutlich, ohne groß darüber nachzudenken, loswerden wollen. Er ist so ungewöhnlich, so naiv, dass man ihn für verrückt halten könnte, für einen Dummkopf.



DAS „ITALIENISCHE“ DER GESCHICHTE

Mit den Erlebnissen von Lazzaro wollte ich so unaufdringlich wie möglich, mit Liebe und Humor von den verheerenden Veränderungen erzählen, die Italien erfahren hat, vor allem der Übergang von einem materiellen Mittelalter zu einem menschlichen Mittelalter: Das Ende der Agrargesellschaft, die Migration der Menschen vom Land an die Ränder der Städte, deren Modernität ihnen fremd
war: Menschen, die das Wenige, das sie hatten, zurückließen und dann noch weniger hatten. Eine staubige, verdreckte Welt der Ausbeutung kommt an ihr Ende und legt sich in der Stadt ein viel saubereres, attraktiveres Gesicht zu.
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Donnerstag 30.08.2018
MR GAY SYRIA
Ab 06. September 2918 im Kino
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MR GAY SYRIA erzählt von zwei schwulen syrischen Männern, die versuchen, ihr Leben in der Fremde wieder aufzubauen, nachdem sie gezwungen waren, ihr Heimatland zu verlassen. Husein arbeitet als Friseur in Istanbul und lebt ein Doppelleben zwischen seiner konservativen Familie, die er am Wochenende sieht und seiner schwulen Identität in der Metropole. Mahmoud ist der Gründer der syrischen LGBTI-Bewegung und hat seit einigen Jahren Asyl in Berlin erhalten. Was sie zusammenbringt, ist ein Traum: Sie wollen am internationalen Schönheits-wettbewerb „Mr. Gay World“ teilnehmen. Wird der Traum wahr oder zerschellt er an dem Konflikt des Schwulseins in der muslimischen Welt?

Ein Film von Ayse Toprak

MR GAY SYRIA erzählt von den beiden schwulen Syrern Husein und Mahmoud. Husein (24) ist Friseur aus Aleppo und konnte mit seinen Eltern, seiner Frau und der zweijährigen Tochter in die Türkei entkommen. In Istanbul hat er sich als Schwuler geoutet und lebt ein Doppelleben, von dem seine Familie nichts weiß. Mahmoud (40) ist Journalist aus Damaskus und Gründer des ersten Schwulen-Blogs in Syrien. Nachdem er seine Heimat verlassen musste, erhielt er politisches Asyl in Berlin und arbeitet dort bei einer Schwulenberatung.  Was Mahmoud und Husein zusammenbringt, ist ein verrückter Traum: die Teilnahme am internationalen Schönheitswettbewerb „Mr. Gay World“ auf Malta. Wenn sie es dorthin schaffen, wird es zum ersten Mal sein, dass ein Araber aus dem Nahen Osten an einer solchen öffent-lichen Veranstaltung teilnimmt. Für Mahmoud, als Verteidiger der Rechte von Homosexuellen, ist dies der Ort, um mit einer internationalen Kampagne schwulen Moslems weltweit Sichtbarkeit zu verschaffen. Für Husein ist es der mögliche Schritt nach Europa. Er sehnt sich danach, in einer Gesellschaft zu leben, die ihn akzeptiert, so wie er ist. Über ein Jahr hat die türkische Filmemacherin Ayse Toprak ihre Protagonisten Husein und Mahmoud in Istanbul und Berlin begleitet und einen eindrücklichen Film über Homophobie und Flucht zwischen der westlichen und der muslimischen Welt geschaffen, der authentisch und zugleich humorvoll erzählt ist. Der Schönheitswettbewerb zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben in homophoben Gesellschaften mit der Herausforderung des Coming-Out, der Freude am Verlieben und den verheerenden Folgen der Flüchtlingskrise. Entstanden ist eine Geschichte über den Mut, die Kraft, das Durchhaltevermögen und auch über den Humor der Protagonisten.


BIOGRAFIE AYSE TOPRAK
Ayse Toprak ist Filmemacherin aus Istanbul, die mittlerweile in Brüssel lebt. Sie hat einen Bachelor of Fine Arts Abschluss von der „Tisch School of the Arts“ in New York, wo sie Film & TV studierte, und einen Masterabschluss von der New School. Nach dem Studium arbeitete Ayse Toprak bei Channel Thirteen/ PBS in New York und produzierte unter anderem für den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera in London, Doha und Istanbul. Ayse Toprak interessiert, wie Dokumentarfilme, ihre Themen und vielschichtigen Charaktere weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben können. Filme, die einen nationalen Dialog zu vernachlässigten Themen anstoßen, Vorurteile abbauen oder Tabus brechen, wurden damit zu ihrem bevorzugten Medium und zu ihrer persönlichen und beruflichen Ambition.  Sie ist fasziniert von Menschen, die an die Peripherie der Gesellschaft gedrängt werden und persönliche, lebendige und fesselnde Geschichten erzählen. Ihre Überzeugung im Filmemachen ist von dem Wunsch getragen, die Geschichten solcher Menschen zu erzählen, von denen sie glaubt, dass sie unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt haben, von denen jede auf ihre Art einzigartig ist.
 

DIRECTOR’S NOTE
Ich traf Mahmoud zum ersten Mal, als ich nach einem Dolmetscher für einen Dokumentarfilm über syrische Flüchtlingskinder suchte. Zuerst dachte ich, er sei schüchtern, doch als wir uns unterhielten, begann ich hinter seiner anfänglichen Reserviertheit seine lebhafte Persönlichkeit zu sehen. Schließlich wurde er mein engster Verbündeter für dieses Projekt. Im Jahr 2014 erhielt ich eine E-Mail von Mahmoud, in der er schrieb: „Ich bin in Berlin, ich habe Asyl beantragt. Hoffentlich wird es bald genehmigt.“ Ein paar Monate später erhielt ich eine weitere Nachricht mit dem Inhalt: „Ich habe meine Staatsbürgerschaft verloren, ich werde nicht in der Lage sein, nach Syrien zurückzukehren, ich bleibe hier für immer stecken. Ich fühle mich verloren zwischen zwei Welten.“ Mahmouds Nachricht verfolgte mich eine ganze Weile. Er teilte ein gemeinsames Schicksal mit Millionen von syrischen Flüchtlingen, die von einem Konflikt entwurzelt wurden, der sich ihrer Kontrolle entzieht, mit dem Traum, in ungewohnten Ländern eine neue Heimat zu finden, irgendwohin zu gehören und das Recht zu haben, so zu leben, wie sie wollen. Durch Mahmoud lernte ich meine Hauptfigur Husein und seinen Freund Omar kennen. Ich bewunderte ihre Willenskraft, die widrigen Umstände, mit denen sie konfrontiert sind, zu überwinden und ihre Lebensqualität zu verbessern. Dass sie dies auf unbeschwerte Art und Weise und mit einem Lächeln taten, lehrte mich, was es bedeutet am Leben festzuhalten, unabhängig von den Umständen. Dieser Film ist Teil meines Kampfes für eine bessere Welt. Ich glaube, dass es beim Aufbau wirklich demokratischer Gesellschaften nicht nur darauf ankommt, unsere eigenen Rechte zu verteidigen, sondern auch für die Rechte anderer zu kämpfen.  Ich bin mir bewusst, dass dieser Film ein sehr spezifisches Problem im Kontext einer viel größeren menschlichen Tragödie behandelt. Aber Menschenrechte gelten für alle Menschen, ob schwul, lesbisch, transgender oder was auch immer. Für mich ist es genau das, was diese Geschichte interessant und kraftvoll macht.
Ayse Toprak
 


PROTAGONISTEN

Mahmoud Hassino ist Syrer und steht offen zu seiner Homosexualität. Er war der erste Blogger der LGBTI-Szene in Syrien und half Ayse Toprak bei einem anderen Filmprojekt als Dolmetscher vor Ort an der türkisch-syrischen Grenze.
Die eigene Sexualität offen auszuleben, ist in der Region ein großes Risiko. Mahmoud kennt die Gefahren und hat in Berlin Asyl erhalten. Er engagiert sich in der Schwulenberatung Berlin. Mit dem Schönheitswettbewerb „Mr. Gay Syria“ will er der Community in der muslimischen Gesellschaft eine Stimme und einen Repräsentanten geben.

Husein stammt aus Afrin in Syrien, ist 24 Jahre alt, verheiratet, hat eine zweijährige Tochter und ist schwul. Husein lebt in Istanbul, wo er als Friseur arbeitet und seine Homosexualität offen lebt. Er träumt davon, dies auch in Gegenwart seiner Familie tun zu können, die er nur an den Wochenenden sieht. 
Durch die Teilnahme am Wettbewerb „Mr. Gay Syria“ hofft er, den Mut zu finden, aus diesem Doppelleben auszubrechen und mit seiner Familie ein neues Leben in Europa zu beginnen
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Donnerstag 23.08.2018
Draußen
Ab 30. August 2018 in ausgewählten Kinos
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Draußen portraitiert vier Obdachlose, die in Köln auf der Straße leben. Ausgehend von persönlichen Gegenständen, die aufgeladen sind mit Erinnerungen und Emotionen, öffnet der Film das Tor zu einer Welt, die sonst verschlossen bleibt. Der Film regt nicht nur zu einem Perspektivwechsel an, sondern zeigt vier Obdachlose, die sich ihren Stolz und ihre Würde erhalten haben.


SYNOPSIS (lang)

Der Film porträtiert Matze, Elvis, Peter und Sergio als Persönlichkeiten und Überlebenskünstler, von denen man lernen kann. Was sie erlebt und überlebt haben, was sie vom Leben wissen und wie erfindungsreich sie sich organisieren, macht ihnen so leicht niemand nach.
Um ihre Geschichten zu erfahren, verfolgten die Filmemacherinnen eine besondere Strategie: Sie konzentrierten sich auf die Gegenstände, die die Protagonisten bei sich tragen. Sie baten sie, ihre Welt für sie zu öffnen und ihnen einen Blick in ihre Plastiktüten, Taschen, Einkaufswagen zu gewähren, so, als würden sie ein fremdes Haus betreten. Sie führten sie mit ihren Erzählungen in ihre innere Welt und in eine Welt, die sie zurückgelassen haben.
Die Objekte, die sie dabei entdeckten, enthielten — eben, weil es nur wenige sind — eine Fülle von Informationen und Bedeutungen. Sie waren mit Emotionen und Erinnerungen aufgeladen. Es sind Fragmente und Bruchstücke ihrer Lebensgeschichten. Im Gespräch nimmt diese Fülle Gestalt an, sie berühren und werden berührt.
Der Film aber will mehr, als nur beobachten und zuhören. Es ging den Filmemacherinnen nicht allein um das Sichtbarmachen von Lebensgeschichten. Sie wollten, dass die Protagonisten für eine Nacht in einem anderen Licht dastehen. Deshalb haben sich für die Dauer einer Nacht, ihre Schlafplätze verwandelt. Die Filmemacherinnen gingen von den vorhandenen Gegenständen und ihren Geschichten aus und schufen einen neuen Raum. Dort, wo ihre Helden Schutz suchen, an ihrem Lagerplatz, entstanden individuelle Kompositionen, wie Bühnenkulissen oder Vitrinen eines Museums. Das bisher Gehörte und Gesehene wird überhöht und dadurch anschaulich. Ein Bild der Innenwelt entsteht. Dies eröffnet einen poetischen, Erlebnisraum für die Zuschauer, der Platz freimacht zur individuellen Auseinandersetzung mit ihren Protagonisten. Am Ende des Films bleiben die nächtlich erleuchteten Schlafplätze wie Gedankenbilder stehen, die bald wieder verschwunden sein werden.

Regiestatement

Für draußen sind wir in eine Parallelwelt eingetaucht, der wir täglich begegnen und die wir zu kennen meinten: die Welt der Obdachlosen. Je mehr wir uns mit ihr beschäftigt haben, desto erstaunlicher wurde uns diese Welt.
Über ein Jahr lang haben wir in Köln Menschen getroffen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind. Wir haben uns viele Stunden in den Anlaufstellen für Obdachlose aufgehalten. Die Stimmung dort war für uns überraschend warmherzig und loyal. Überhaupt ist uns dort, wo große Not herrscht, überall Offenheit und Interesse entgegen geschlagen. Ablehnung oder gar Gewalt haben wir nie erfahren.
Die Gespräche, die wir geführt haben, haben uns sehr bewegt. Wir fragten uns, wie in der Mitte unserer reichen Gesellschaft so viel schiefgehen kann. Was wir gehört und erlebt haben, hat uns beeindruckt und und bekräftigt, diesen Film zu machen. Wir glauben, dass man von diese Menschen viel lernen kann. Für die Dreharbeiten haben wir eine bestimmte Strategie entwickelt: Bei den Interviews fragten wir nach den persönlichen Gegenstände der Protagonisten. Entgegen unseren Erwartungen besaßen alle Gesprächspartner interessante Objekte, sorgfältig ausgewählt und bewahrt. Es waren Erinnerungsstücke, Fragmente und Bruchstücke aus einem früheren Leben, aber auch Dinge, die vom Leben auf der Straße erzählten. Sie waren, so wie bei allen anderen auch, Teil ihrer Persönlichkeit und Ausgangspunkt für ganz besondere, überraschende Geschichten, die den Leitfaden des Films bilden.
Diese Gegenstände sind normalerweise versteckt in Plastiktüten und Einkaufswagen. In unserem Film werden Sie gezeigt, arrangiert und inszeniert. Sie ergänzen die Erzählungen unserer Protagonisten und verleihen damit den Erlebnissen und Berichten unserer Protagonisten auf besondere Weise besondere Aufmerksamkeit.
Wir hoffen, dass unser Film den Blick schärft für die Lebensweisheit, Begabung und Kreativität, die wir in unserer Gesellschaft missachten und ungenutzt lassen. Wir wollen mit draußen einen Perspektivwechsel ermöglichen: aus Scham soll Stolz werden.
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Donnerstag 16.08.2018
NACH DEM URTEIL
Ab 23. August 2018 im Kino
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Miriam ist fassungslos, als das Gericht ihrem unberechenbaren Ex-Mann Antoine das Besuchsrecht für den gemeinsamen Sohn Julien zuspricht. Von nun an soll der 11-Jährige jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen. Die Besuche bei Antoine werden für Julien zur Tortur. Während Miriam daheim krank vor Sorge wartet, setzt Julien alles daran, seinen um Annäherung bemühten Vater nicht zu provozieren. Aber ist Antoine wirklich ein Pulverfass? 
 
Ein Film von Xavier Legrand
Mit Léa Drucker (Miriam Besson) Denis Ménochet (Antoine Besson) Thomas Gioria (Julien Besson) Mathilde Auneveux (Joséphine Besson) Mathieu Saïkaly (Samuel)   Saadia Bentaïeb (Richterin) Émilie Incerti-Formentini (Antoines Anwältin) Sophie Pincemaille (Miriams Anwältin)

Mit seiner bedrohlichen Intensität zieht Xavier Legrands ergreifender Beziehungsthriller den Zuschauer völlig in seinen Bann. Das Spielfilmdebüt des oscarnominierten® Regisseurs besticht durch die grandiosen Leistungen seiner Hauptdarsteller Léa Drucker, Denis Ménochet und allen voran Nachwuchstalent Thomas Gioria, der seiner Figur eine berührende Verletzlichkeit verleiht. Der weltweite Festivalerfolg gewann zahlreiche Filmpreise, darunter den Silbernen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.



INTERVIEW MIT REGISSEUR XAVIER LEGRAND
 
Wie bereits in Ihrem Kurzfilm AVANT QUE DE TOUT PERDRE, behandeln Sie in Ihrem Langfilmdebüt ein soziales Drama – häusliche Gewalt – auf eine Weise, die für das Publikum große Spannung erzeugt.
NACH DEM URTEIL stellt Angst in den Mittelpunkt. Die Angst, die von einem Mann ausgeht, der bereit ist, alles zu tun, um wieder mit seiner Frau zusammenzukommen, die seinem gewalttätigen Verhalten entkommen und ihn verlassen will. Antoine, gespielt von Denis Ménochet, ist eine konstante Bedrohung für sein Umfeld. In seiner Gegenwart sind alle angespannt; dabei sieht er nur seinen eigenen Schmerz und würde alle manipulieren, einschließlich seiner Kinder. Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, wie jene, die Léa Drucker darstellt, sind immer in erhöhter Alarmbereitschaft. Sie wissen, dass Gefahr überall und jederzeit lauert, dass niemand sicher ist. In Frankreich stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau in Folge häuslicher Gewalt, und auch wenn die Medien darüber berichten, bleibt das Thema weitgehend tabu. Betroffene haben Angst davor, sich zu äußern, Nachbarn und Familienmitglieder sagen nichts, weil sie sich nicht in die Beziehung eines Paares einmischen wollen. Es herrscht große Geheimhaltung. Ich wollte es nicht angehen wie irgendein tagesaktuelles Thema. Wie bereits in AVANT QUE DE TOUT PERDRE wollte ich das öffentliche Bewusstsein für diese Krise durch die Macht des Kinos stärken. Jener Macht, die mich schon immer fasziniert hat, der von Hitchcock, Haneke oder Chabrol. Die Art von Kino, das den Zuschauer einbezieht, in dem mit seiner Intelligenz und seinen Nerven gespielt wird.
 
Es können auch DIE NACHT DES JÄGERS von Charles Laughton und SHINING von Stanley Kubrick als Ihre Hauptinspirationsquellen für die Annäherung an das Thema genannt werden.
Drei Filme begleiteten mich während des Schreibens: KRAMER GEGEN KRAMER, DIE NACHT DES JÄGERS und SHINING. Ich vergaß sie dann während des Drehens, aber sie halfen mir die Themen, die ich angehen wollte, zu reflektieren und die Stimmung und Atmosphäre zu finden, durch die sich meine Charaktere bewegen. KRAMER GEGEN KRAMER ist ein Film über Elternrechte, der eine große Wirkung auf mich hatte. Zum ersten Mal sieht man eine Frau, die das alleinige Sorgerecht für ihr Kind aufgibt. Er zeigt den Schmerz der Trennung mit furchtbarer Schärfe. DIE NACHT DES JÄGERS illustriert wie kompromisslos eine Person mit Kindern umgehen kann. SHINING inspirierte mich zum letzten Teil meines Films in Bezug auf den Wahnsinn, die Isolation und den Terror. Häusliche Gewalt kann zu purem Horror führen, und das wollte ich zeigen.
 
Wie verwendeten Sie in Ihrem Film verschiedene Genres oder kinematografische Codes – Realismus, Sozialdrama, Spannung, Thriller – und arbeiteten mit ihnen?
Zunächst habe ich sehr viel recherchiert. Ich begleitete die Arbeit eines Richters am Familiengericht, befragte Anwälte, Polizisten, Sozialarbeiter und nahm sogar an Gruppentherapie-Sitzungen für gewalttätige Männer teil. Solch ein sensibles Thema verlangt, dass man der Realität so nah wie möglich kommt, ohne dass man dabei einen Dokumentarfilm macht oder ein Sozialdrama, das letztendlich nur die Geschichte eines tragischen Vorfalls erzählen würde. Indem sich der Standpunkt der Geschichte wendet, war ich in der Lage, die Spannung im Alltäglichen herauszustellen. Ich habe eine dramatischen Zugang gewählt, der uns einem 'Helden', Antoine, folgen lässt, aber aus Sicht der verschiedenen Hürden, die er nehmen muss, um seine Ziele zu erreichen: die Richterin, sein Sohn und seine Ex-Frau. So erlebt der Zuschauer in Echtzeit die Zweifel der Richterin, den Druck auf das Kind und den Terror der gejagten Frau. Ich wollte eine politische und universelle Lesart des Themas liefern. Das Publikum dagegen sollte in die Geschichte des Genre-Kinos (das eines Monsters, das seine Beute sucht) eintauchen, in dem die Ungewissheit und Spannung die Erzählung anreichern.
 
Für Ihren ersten Langfilm haben Sie einige recht mutige Entscheidungen bei der Regiearbeit getroffen, insbesondere beim Ton.
Ja, es gibt praktisch keine Musik im Film. Die Spannung entsteht durch die Verwendung alltäglicher Geräusche – das Echo in einer Wohnung, der Blinker eines Autos, der Zeiger einer Uhr, ein Alarm. Ich habe darüber schon früh nachgedacht, die dramatischen Einsätze des Tons waren schon im Drehbuch. Ich versuche nicht, die Erzählung mit Fantasieelementen anzureichern, sondern die Geräusche einer angsteinflößenden Realität einzufangen. Dasselbe gilt für die Regie. Ich suche nicht nach spektakulären Effekten, sondern verwende lieber die Wiederholung von Einstellungen, an Orten, die mehrfach besucht werden, um ein Gefühl von Vertrautheit zu erzeugen und auch des Eingesperrtseins, um das Gefühl zu vermitteln, dass wir uns in eine furchtbare Spirale begeben.
 
Was hat Sie dazu gebracht, das gleiche Thema in Ihren ersten beiden Filmen zu behandeln?
Ich hatte NACH DEM URTEIL bereits im Kopf, als ich an AVANT QUE DE TOUT PERDRE arbeitete. Es ist ein Thema, das mich als Mitbürger tangiert und mit dem sich ohne Zweifel unzureichend befasst wird. Mit meinem Kurzfilm bin ich durch ganz Frankreich und auch ins Ausland gereist, wo er in Schulen als Ausgangspunkt für Gespräche und zur Bildung junger Menschen zu diesem Thema gezeigt wurde. Ich wollte weiterhin das Wesen dieser Gewalt erforschen, die männliche Dominanz in Beziehungen, den Irrsinn von Besitzgier und die Verbrechen, die in Familien stattfinden. Ich wollte außerdem mehr über die Unterscheidung von Ehepaar und Elternpaar erfahren. Ist ein gewalttätiger, unpassender Partner zwangsläufig auch ein schlechtes Elternteil? Wie kann das entschieden werden? Wie kann das beurteilt werden? Ich habe mich ausführlich dem Thema gewidmet. Ich habe auch eine Familienrichterin getroffen und ihre Arbeit begleitet. 
 
Der Film beginnt beinahe im Stile eines Dokumentarfilms, mit einer fesselnden realistischen Szene, in der das Paar vor Gericht steht.
Man muss verstehen, dass diese Anhörungen nur sehr kurz sind – etwa 20 Minuten, in denen über die Zukunft der Kinder entschieden wird. Das Justizsystem betrachtet es so, dass die Verbindung zum Kind nicht abgebrochen werden muss, wenn die Gewalt auf ein Elternteil und nicht auf das Kind zielt. Dennoch ist das eine extrem komplexe Frage. Auch wenn das Kind ein legitimes Bedürfnis hat, mit beiden Eltern aufzuwachsen, kann es zum Mittel der Druckausübung werden, ein Instrument für den Partner, der zurückgewiesen wurde und der den anderen nicht mehr erreichen kann. Ein Richter kümmert sich am Tag um etwa 20 Fälle.
Er oder sie hat nur wenige Minuten, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen und um Sorge zu tragen, dass das Gesetz respektiert wird. Dabei sehen sie sich mit sehr fragilen Menschen konfrontiert, die oft eine Rolle spielen, und mit Anwälten, die mehr oder weniger kompetent sind. Ich habe versucht, die Anspannung und emotionale Last dieses Moments einzufangen, indem ich in der Intensität von Echtzeit gedreht habe und indem ich den Zuschauer auf den Platz des Richters setze. Die Parteien sind gleichgestellt und werden von ihrem jeweiligen Anwalt vertreten. Wem glaubt das Publikum? Was entfaltet sich da vor ihren Augen? Für welche Argumente sind sie anfällig? Der Zuschauer wird in Ungewissheit gelassen und muss sich entscheiden. Der Film zeigt, was danach passiert, was der Richter niemals sehen wird.
 
Die Darsteller fangen diese Zerbrechlichkeit und emotionale Last auf brillante Art und Weise ein. Wie haben Sie sie ausgewählt und angeleitet?
Schon beim Schreiben hatte ich Léa Drucker im Kopf. Für mich ist sie dem Charakter der Miriam sehr ähnlich, mit ihrer Mischung aus Stärke und Zerbrechlichkeit. Miriam ist eine Frau, die durch den Sturm gegangen ist und ihr Leben wieder neu aufbauen muss. Léa hat bereits vor Drehbeginn viel an der Rolle gearbeitet. Ich gab gar nicht viel psychologische Anleitung. Ich bestand lediglich darauf, dass sie an keiner Stelle das Opfer spielen sollte. Ich hatte sie in einem Kurzfilm gesehen, in dem sie in einer sehr liebevollen Beziehung mit Denis Ménochet stand. Wie ich finde, ist auch er ein exzellenter Schauspieler. Ich wollte die beiden in einer anderen Situation sehen, in einer anderen Phase der Liebe. Mit Denis habe ich am Set viel gearbeitet. Wir sprachen über jedes noch so kleine Detail. Es ist eine schwere Rolle, in der er mit Gewalt, Manipulation und der düsteren Seite fertigwerden muss, ohne dass das Publikum die Verbindung zu ihm verliert, ihn abweist und sich weigert, ihn zu verstehen. Er musste sich in einen unglücklichen Mann hineinversetzen, verstrickt in einem inneren Konflikt, der versucht geliebt zu werden, aber die Augen vor der Wahrheit verschließt. Denis Ménochet ist herausragend in dieser Rolle. Er vereint diese Kombination von robuster Männlichkeit und Kindheitsschmerz.

Sowohl Julien als auch seine Schwester spielen wichtige Rollen in Ihrem Film, die verlangen, viele Emotionen mit nur wenigen Worten auszudrücken. In welcher Weise ist für Sie die Kinderperspektive, vor allem Juliens, essentiell für den Film?
Die Kinder haben nur wenig Dialog, weil genau das die Essenz des Themas ist: In Fällen häuslicher Gewalt werden die Stimmen der Kinder kaum gehört. Und wenn sie sprechen dürfen, wird ihnen oft nicht zugehört. Die Geschichte beginnt mit der Richterin, die Juliens Aussage vorliest. Diese Eröffnungsszene bündelt das zentrale Thema des Films: Die eheliche Beziehung und das Handeln als Eltern. Julien steht als Jüngster im Zentrum des Konflikts. Üblicherweise gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen bei Jungen, die in einem Klima häuslicher Gewalt aufwachsen: Entweder reproduzieren sie diese Gewalt oder sie entwickeln ein Syndrom erhöhter Wachsamkeit, um jederzeit entgegenzuwirken. Julien fällt in die zweite Kategorie. Er ist permanent alarmiert und benutzt seine bescheidenen Mittel, um seine Mutter zu schützen. Seine Schwester Joséphine hingegen wartet, bis sie erwachsen ist. Sie wurde ebenfalls in diesem Klima von Gewalt großgezogen und entwickelt ein für Teenagerinnen charakteristisches Verhalten: Sie flieht vor der Familie, um voreilig eine eigene zu gründen. Durch die Kinder zeige ich die unterschiedlichen Auswirkungen, die häusliche Gewalt innerhalb einer Familie auf 'transgenerationale' Weise haben kann. Joséphine reproduziert ein Familienmuster und wird selbst eine junge Mutter genau wie ihre eigene seinerzeit. Man kann sich sogar vorstellen, dass ihre Großmutter dieses Phänomen bereits begonnen hat. Mehrere Generationen, die anscheinend der elterlichen Autorität entfliehen, indem sie selbst so früh wie möglich Mütter werden.
 
Wie haben Sie mit diesen jungen Darstellern in der Vorbereitung und während des Drehs gearbeitet?
Bei der Arbeit mit Thomas Gioria und Mathilde Auneveux musste ich unterschiedliche Wege gehen. Bei Thomas, für den es seine erste Schauspielerfahrung war, war es mir sehr wichtig, dass er die Realität von Schauspielarbeit begriff und dass er zwischen Realität und Fiktion unterschied – vor allem da seine Rolle sehr schwierig ist und sein Charakter durch einige Extremsituationen geht. Vom Casting bis hin zum Dreh unterstützte ihn Amour Rawyler, ein Experte im Kindercoaching, um die Aufgaben, mit denen er während des Drehs konfrontiert war, zu bewältigen. Thomas hat für sein Alter eine sehr seltene Qualität, die darin besteht, wie er zuhört. Mit 'zuhören' meine ich seine Präsenz, die Art seinem Gegenüber genau zuzuhören. Dabei spricht Thomas mit seinen Augen.  Unsere Aufgabe gemeinsam mit dem Coach bestand darin, diese Qualitäten herauszukitzeln, ohne die Spontanität, die bei jungen Darstellern so kostbar ist, zu verlieren. Bei Mathilde, die Joséphine spielt, war es hauptsächlich eine Frage der Proben. Denn die Szenen, in denen sie zu sehen ist, waren technisch schwierige One-Takes, die entsprechend hohe Präzision verlangten, wie die Szene an ihrem Geburtstag. Sie musste ihre Abläufe so genau wie möglich kennen, um frei zu spielen trotz der vielen Beschränkungen.
 
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Donnerstag 09.08.2018
GENIALE GÖTTIN Die Geschichte von Hedy Lamarr
Ab 16. August 2018 im Kino
Der Hollywood-Star Hedy Lamarr (Mädchen im Rampenlicht, Samson und Delilah) galt einst als weltweit schönste Frau und feierte als Filmschauspielerin besonders in den 1940er Jahren große internationale Erfolge.  Ihr Dasein als Wissenschaftlerin und ihre Pionierarbeit im Bereich der Mobilfunktechnik war hingegen nie Teil öffentlicher Diskussion.  Zu Unrecht als „ein weiteres schönes Gesicht unter vielen“ betitelt, hat Hedys eigentliches Erbe viel mehr Gewicht. Als österreichische Jüdin, die nach Amerika emigrierte, erfand sie ein störungsgesichertes Fernmeldesystem, das zur Niederlage des Dritten Reiches hätte beitragen können. Sie wollte ihr Patent der amerikanischen Marine übergeben, wurde aber abgewiesen - sie solle lieber Küsse gegen Kriegsanleihen verkaufen. Kurz vor ihrem Tod entdeckten Wissenschaftler ihre Erfindung, die als Basis der heutigen Kommunikationstechnik für sichere WiFi-, GPS- und Bluetooth-Verbindungen dient.  Hedy Lamarr hat nie öffentlich über ihr Leben als Wissenschaftlerin gesprochen und so hat auch ihre Familie Hedys Erbe mit ihrem Tod begraben geglaubt. Es waren die Regisseurin Alexandra Dean und der Produzent Adam Haggiag, die vier Kassetten, auf denen Hedy ihr unbekanntes Leben dokumentierte, zutage brachten. Die Kombination dieser Sprachaufnahmen mit vertraulichen Interviews ihrer Kinder, Familienmitgliedern, engsten Freunden und prominenten Bewunderern macht aus GENIALE GÖTTIN - Die Geschichte von Hedy Lamarr mehr als nur eine Dokumentation über die schöne Hedy Lamarr - es ist eine späte Würdigung ihres unentdeckten Lebens als Erfinderin und als Wissenschaftlerin, in der sie erstmals ihre eigene Geschichte erzählen darf. Nach der Weltpremiere auf dem Tribeca Film Festival hat der Film den Preis „Best of Fest“ in Nantucket sowie den Publikumspreis auf dem San Francisco Jewish Film Festival gewonnen. 


Ein Dokumentarfilm von Alexandra Dean

BESETZUNG
Hedy Lamarr, Mel Brooks,
 Jennifer Hom,
 Anthony Loder,
 Wendy Colton,
 Fleming Meeks, Richard Rhodes, Jan-Christopher Horak, Jeanine Basinger, Peter Bogdanovich, Anne Helen Petersen, Diane Kruger, Stephen Michael Shearer, Robert Osborne, 
Denise Loder DeLuca, Roy Windham, Manya Breuer,
 Guy P. Livingston,
 Tony Rothman,
 Prof. Danijela Cabric (UCLA), Nino Amarena,
 Michael Tilson Thomas, Arthur A. McTighe, 
Lodi Loder, 
James L. Loder,
 William J. Birnes, 
Dr. Lisa Cassileth,
 David Hughes, 
Major Darrell Grob.



VITA HEDY LAMARR
 
 
Geboren am 09. November 1914 in Wien als Hedwig Eva Maria Kiesler, jüdischer Herkunft.
Wurde weltberühmt durch erste Filmerfahrungen in „Ekstase“ (1933), der vor allem durch seine Nackt- und Sexszenen für Aufruhr sorgte.
Nach gescheiterter Ehe mit einem Waffenfabrikanten, der ihr das Schauspielen untersagte, zog es sie nach Paris, London und schließlich nach Amerika. Hier gelang ihr unter dem Künstlernamen Hedy Lamarr der Durchbruch.
Zahlreiche Ehen und Affären, Mutter von 3 Kindern.
Lamarr wurde nicht nur durch das Mitwirken in zahlreichen Kinohits berühmt, sondern auch als Cover-Girl, Trendsetterin und Modeikone  - und auch oft darauf reduziert. 
Sie erfand in den 40er Jahren gemeinsam mit dem Komponisten Georg Antheil ein Fernsteuerungssystem für Torpedos als Waffe gegen die Nazis. Das Prinzip, das hinter der Erfindung steckt, ist heute Grundlage kabelloser Kommunikation.
Lamarr verbrachte ihren Lebensabend zurückgezogen in Florida, wo sie am 19. Januar 2000 starb. 
Ihre bekanntesten Filme waren u.a.: Algiers (1938), Samson und Delilah (1949), Frau ohne Moral (1947).



INTERVIEW MIT ALEXANDRA DEAN UND ADAM HAGGIAG
 
Q: Wie kamen Sie zu der Geschichte über Hedy? Sind Sie schon lange ein Fan von ihr?
AD: Ich habe viele Jahre für Bloomberg Television und Businessweek in der Sektion Erfindung und Technologie gearbeitet. Da die meisten Erfinder männlich sind, habe ich versucht, Frauen mit innovativen, genialen Ideen zu finden. Jedes Mal, wenn ich eine Frau interviewte, fragte ich sie nach dem Grund des Ungleichgewichts in jenem Arbeitsfeld. Jede von ihnen sagte mir das Gleiche: Es gibt zu wenig weibliche Vorbilder in der Wissenschaft und Technologie. Die meisten Mädchen würden daher niemals davon träumen, Erfinderin zu werden. Und das Problem verstärkt sich: Die Anzahl der arbeitenden Frauen in Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwissenschaft und Mathematik verringert sich, obwohl Schulen und Ausbildungsstätten Mädchen zunehmend ermutigen, sich in diese wachsenden Arbeitsfelder hinein zu begeben. Als meine Kollegin Katherine Drew mir also Richard Rhodes' Buch über Hedy Lamarr überreichte, wusste ich genau: hier ist das Vorbild, wovon jeder glaubt, dass es nicht existiert. Und sie ist ein bekannter Filmstar! Da war mir sofort klar: Das muss mein nächstes Projekt sein!

Q: Wussten Sie vor Drehbeginn bereits von den Kassetten mit Hedys „verlorenen“ Interviews? Wie haben Sie sich entschieden, diese im Film zu nutzen?
AD: Wir drehten schon sechs Monate, als wir die Kassetten entdeckten. Ich habe den Eindruck, dass Hedy mit ihrer Popularität Probleme hatte und sich mit zunehmendem Alter immer mehr zurückgezogen hat. Wir hatten nur sehr wenige TV-Interviews von ihr und von einem Patent war zu keinem Zeitpunkt die Rede.  Wir haben also jeden noch lebenden Journalisten kontaktiert, der irgendwann einmal etwas über sie geschrieben hatte. Leider hat sich niemand gemeldet. Ich habe aber gespürt, dass ihre Stimme irgendwo zu finden sein muss. Ausgerechnet von Fleming Meeks hatten wir die falsche E-Mail-Adresse, aber als ich ihn letztendlich erreichte, war seine Antwort überwältigend: „25 Jahre habe ich darauf gewartet, dass mich jemand wegen Hedy Lamarr anruft – ich habe all ihre Kassetten.“ Das war ein kompletter Richtungswechsel für unseren Film. Hedy selbst wurde so zur Erzählerin und übernahm quasi selbst Regie. 

Q: Der Film porträtiert eine berühmte Person und zeigt gleichzeitig eine unbekannte Seite von ihr -  warum hatten Sie das Gefühl, dass es wichtig ist, Hedys Erbe in einen neuen Kontext zu setzen?
AH: Hedys Biografie wurde von einem Ghostwriter geschrieben und ihr Manager hat ihm gegen Bezahlung einen Freischein für alle wollüstigen, intimen Details über ihr Leben gegeben. Die Biografie porträtiert lediglich ihre Sexualität und ihren Körper. Hedy wollte immer ein zweites Buch schreiben und mit den Vorurteilen aufräumen, aber es kam nie dazu. Wir hoffen, dass der Film zeigt, was für eine vielschichtige, brillante Frau sie war.

Q: Wie sind Sie mit dieser riesigen Fundgrube an archiviertem Material und dem aktuellen Interviewmaterial umgegangen? 
AH: Wir mussten sehr viel Eigenrecherche betreiben, um erst einmal zu Hedys Identität vorzudringen. Vieles kam mittels der Interviews, die wir mit Menschen führten, die Hedy am besten kannten. Manches kam von Experten aus der Technologie und der Kinobranche, anderes wiederum aus Archiven, die wir bei Auktionen auf eBay erstanden haben. Es entstand ein Mosaik, das wir im Film zusammensetzen wollten.  
AD: Es war sehr schwierig, die Balance zu finden. Wir wollten Hedy eine Stimme mittels ihres persönlichen Archivs geben, aber einige Interviews waren unvermeidlich und konkurrierten lange Zeit mit dem Archiv. Robert Osborne, der kürzlich verstorben ist, war einer ihrer besten Freunde und erzählte uns wundervolle Anekdoten über sie. Es war außerdem witzig zu beobachten, wie Mel Brooks von seiner Jugendliebe zu Hedy sprach, die ihn später zu „Hedley Lamarr in Blazing Saddles“ inspirierte. Viele Prominente teilen in diesem Film auch ihre privaten Geschichten mit Hedy. 

Q: Hedy Lamarr war in vielen Bereichen ihrer Zeit voraus. Glauben Sie, die Wahrnehmung ihrer Person wäre heute anders? Oder ist die Erfüllung von Schönheitsidealen immer noch vorrangig?
AD: Es steht außer Frage, dass Hedy heute anders dargestellt und wahrgenommen werden würde. Wenn ein Filmstar schön und auch intelligent genug ist, um Filme zu produzieren und Regie zu führen, ist das keine Schlagzeile mehr. Beispiele hierfür sind Reese Witherspoon oder Natalie Portman. Aber ich denke, wenn Reese Witherspoon versuchen würde, mit einer neuen Technologie den Klimawandel aufzuhalten, wären wir alle skeptisch. Ich habe ein paar weibliche Freunde, die Start-Ups im Technikbereich gegründet haben, beispielsweise Abigail Edgecliff und Megan Conroy. Sie müssen bei Investoren noch immer mehr Überzeugungsarbeit leisten, obwohl sie nachweislich mehr Arbeitsproben vorzuweisen haben und ihre Produkte brillant sind. Heute würden wir Hedy wahrscheinlich im Silicon Valley antreffen. Sie würde keine Küsse an die amerikanische Marine verkaufen, sondern hart dafür arbeiten, von Marc Andreessen ernstgenommen zu werden. 
 
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Donnerstag 02.08.2018
ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
Ab 09. August 2018 im Kino
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Von Schubert bis Strauß, Bach bis… Billy Joel, Itzhak Perlmans transzendienrendes Violinspiel lotet die Tiefen der menschlichen Empfindungen aus. Dieser bezaubernde Dokumentarfilm schildert die Kämpfe des Geigenvirtuosen als Polio-Überlebender und als jüdischer Emigrant und hält uns vor Augen, warum Kunst so unerlässlich ist für das Leben.

Ein Film von Alison Chernick

Von Schubert bis Strauß, von Bach bis Brahms, Mozart bis… Billy Joel – Itzhak Perlmans Geigenspiel geht weit über eine bloße Darbietung hinaus: Mit seinem Spiel beschwört er die Höhen und Tiefen der menschlichen Erfahrungen herauf. „Mit der Violine beten“, nennt es der berühmte Geigenbauer Amnon Weinstein.
Alison Chernicks bezaubernde Dokumentation zeigt uns den Polio-Überlebenden hinter dem großartigen Musiker, dessen Eltern aus Polen nach Israel emigrierten und den jungen Mann, der als Musikstudent so schmerzlich darum kämpfen musste, ernst genommen zu werden, da die Musikhochschulen nur auf seine Behinderung achteten. Itzhak selbst ist witzig, respektlos und selbstironisch und der Film zeigt seine Lebensgeschichte in Gesprächen mit meisterlichen Musikern, mit Familie und Freunden und – besonders reizend – mit seiner hingebungsvollen Frau Toby, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist. Itzhaks und Tobys Leben ist ihrer großen Familie in New York gewidmet und ihrer unermüdlichen Unterstützung von jungen Musikern.

So charmant und hinreißend wie der berühmte Geiger ist der Film ITZHAK. Das Porträt eines musikalischenVirtuosen, der von Warmherzigkeit, Humor und – vor allem – Liebe nur so strotzt.



Gespräch mit Alison Chernick

Warum Itzhak Perlman? Was fanden Sie an ihm so spannend?
Abgesehen von Itzhak Perlmans großem musikalischen Talent, suchte ich nach einem dynamischen Charakter mit einer komplexen Persönlichkeit. So kann ich den Interview-Stil der „Talking Heads“ vermeiden. Ich wusste, dass Perlman einen ganzen Filme alleine tragen kann, ohne dass Andere als Lückenfüller einspringen müssten – und dass er sehr unterhaltsam sein würde. Und ich behielt Recht.

Sie haben zeitgenössische Bildende Künstler in ihren vorherigen Filmen vorgestellt. Was ist das Einzigartige an diesem Film, und warum haben Sie einen langen Dokumentarfilm mit ihm gedreht?
Der Prozess, einen Charakter oder Künstler zu entschlüsseln, ist für mich immer derselbe. Als Regisseurin ist mein wichtigstes Ziel, ein so persönliches Porträt wie nur möglich zu gestalten, dem Publikum die „Inside Story“ zu enthüllen. Etwas, das die Zuhörer bei einem Konzert nicht bekommen. Es ist besonders zufriedenstellend zu erleben, wer dieser Mensch außerhalb seiner Arbeit ist, und in welcher Rolle beim Arbeiten. In Perlmans Fall fließt seine enormer Spirit, seine Seele und seine Mitmenschlichkeit in seine Arbeit ein und schafft diesen wundervollen Klang.

Welche Rolle spielt die Musik im Film?
Die Musik ist ein Traum für jeden Filmemacher. Perlman stellt tatsächlich soviel mehr als seine Musik dar, so dass diese der rote Faden wurde, der die Geschichte zusammen stellte.

Wie lange drehten Sie? War es sehr schwierig, Zugang zu den Menschen und Orten zu bekommen, die Sie im Film zeigen wollten?
Wie drehten ein Jahr lang – nicht durchgehend. Es war Perlmans 70. Lebensjahr und natürlich war da viel los. Das war ein toller Zeitpunkt für den Film. Dann waren wir ein Jahr lang im Schnitt. Der Zugang gelang ganz leicht. Itzhak Perlman ist ein beliebter Mann, das erleichterte viel.

Sie hatten Zugang zu Perlmans Privatleben. Wie entschieden Sie, welche Momente Sie für den Film auswählen?
Das war ein sehr organischer Prozess – die Momente suchten sich quasi selbst aus, der Film entwickelte eine eigene Persönlichkeit und bestimmte selbst, was wir brauchten. Als wir den Rohschnitt ansahen, hatten meine Cutterin und ich dasselbe Gefühl, was noch fehlte oder zuviel war.

Wieviel Archivmaterial mussten Sie sichten, während Sie den Film montierten? Wie entschieden Sie, was in die endgültige Fassung davon verwenden würden?
Wir wollten, dass der Film aktuell ist, aber es gab einige Archivszenen, die zu schön waren, um sie wegzulassen. Deshalb sind ungefähr zehn Prozent Archivmaterial im Film.



Über Itzhak Perlman

Itzhak Perlman ist einer der weltweit bekannten Instrumentalisten klassischer Musik, einer der unbestrittenen Violinvirtuosen, der einen für einen klassischen Musiker seltenen Superstar-Status innehält. Er wird für seinen Charme und seine Humanität genauso geliebt wie für sein Talent und weltweit vom Publikum nicht nur für seine bemerkenswerte Kunst geschätzt, sondern auch für seine unbändige Freude am Musikmachen und der Kommunikation mit den Zuhörern. 
Perlman hat mit jedem wichtigen Orchester gespielt und in allen ehrwürdigen Sälen rund um den Globus. 2015  bekam er von Präsident Obama die “Presidential Medal of Freedom“, die höchste zivile Ehrenauszeichnung der USA, die Kennedy Center Honor 2003, eine „National Medal of Arts“ von Präsident Clinton 2000.
Perlman wurde 1945 in Israel geboren und beendete seine erste Ausbildung an der Academy of Music in Tel Aviv. Er kam nach New York und durch einen Auftritt in der Ed Sullivan Show machte 1958 internation auf sich aufmerksam. Nach seinem Studium an Juilliard School gewann Perlman den renommierten  Leventritt Wettbewerb 1964, welches den Grundstein für eine weltweite Karriere legte.



Über Alison Chernick

In preisgekrönten Dokumentarfilmen gelang es Alison Chernick, die Gedanken und kreativen Prozesse der wichtigsten und produktivsten zeitgenössischen Künstler einzufangen. Sie schuf eine Brücke zwischen moderner Kunst und dem Film und entwickelte zuerst eine Fernsehserie, in der sie Künstler vorstellte. Ihr erster Langfilm THE JEFF KOONS SHOW kam international in die Kinos. Ihr zweiter Dokumentarfilm MATTHEW BARNEY: NO RESTRAINT feierte Premiere bei der Berlinale und wurde weltweit gezeigt. Ihr Kurzfilm THE ARTIST IS ABSENT über den Künstler/Designer Martin Margiela lief beim Tribeca Film Festival  2015. Ihr jüngster Film ITZHAK PERLMAN eröffnete das Hampton International Film Festival 2017 und das jüdische Filmfestival 2018. Chernick ist bekannt für ihre fesselnden Porträts im Cinema Verité-Stil.
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