Blickpunkt:
Film
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Inhaltsverzeichnis
FRANK ZAPPA - EAT THAT QUESTION

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MARIE CURIE

32

ICH, DANIEL BLAKE

33

DIE REISE MIT VATER

34

PATERSON

35

MAGNUS - Der Mozart des Schachs

36

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Donnerstag 01.12.2016
FRANK ZAPPA - EAT THAT QUESTION
Ab 08. Dezember 2016 im Kino
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Eine intime Begegnung mit dem revolutionären Komponisten und Musiker. Seltenes Archivmaterial belegt das provokante Genie von Frank Zappa, dessen Weltsicht bis zum heutigen Tag und darüber hinaus nachklingt.

Ein Film von Thorsten Schütte

1940 geboren, wurde FRANK ZAPPA – Autodidakt, Komponist, Musiker, Bandleader, Produzent und Freigeist – mit der Veröffentlichung seines Debüts (FREAK OUT! Mit den MOTHERS OF INVENTION) im Jahre 1966 schnell zur meistzitierten Stimme gesellschaftskritischer Popmusik.
FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION, eine subtile, kunstvolle Montage allein aus historischen Aufnahmen, ist eine energiereiche Feier dieses unverblümten Maestros. Zappa starb viel zu früh, 1993, an Krebs. Unvergessene Interviews und Auftritte wurden von Regisseur THORSTEN SCHÜTTE in mühevoller Arbeit aus den vergessenen Archiven von Fernsehsendern der ganzen Welt zusammengesucht wurden, um daraus diesen einzigartigen Dokumentarfilm zu machen.
Er folgt Zappa vom glattrasierten, anzugtragenden Jugendlichen hin zum furchtlosen Oberfreak und bis in seine unerbittlich produktiven letzten Tage vor seinem Tod mit 52. FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION lässt uns von Anfang an direkt in die erste Reihe: nah genug an Zappa, um die wilden Gefühle in seinen Augen lesen zu können.
Der Fokus des Films liegt auf Zappas hemmungslosem und unterhaltsamem Umgang mit den Medien. Während er höflich über eine Tour oder ein Album plauderte, wusste er besser als alle seine Zeitgenossen, wie man unerwartet verbale Sprengladungen zündet. Seine ätzenden Kommentare zu Staat und Religion, zur Musikindustrie und zur Jugendkultur hinterlassen einen aufrüttelnden musikalischen und gesellschaftspolitischen Kommentar zu seiner Zeit.


DIE ZAPPA FAMILY ÜBER DEN FILM

Die ZAPPA FAMILIE ist begeistert darüber, dass FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION jetzt endlich das Licht der Welt erblickt. Unsere Mutter GAIL ZAPPA hat viele Jahre mit THORSTEN SCHÜTTE und ESTELLE FIALON an diesem Projekt gearbeitet und hat vor beiden großen Respekt. Der Film, den Thorsten gedreht hat, bietet alten und neuen Zappa-Fans die Möglichkeit, mehr über FZ zu erfahren – in seinen eigenen Worten. Gail würde sich so darüber freuen, den Film im Kino sehen zu können. Habt Spaß!
— AHMET ZAPPA

Dieser Film fängt so viel vom rasenden Genius unseres Vaters ein. Er war ein Außenseiter, der seiner Zeit voraus war und der auf dem Pfad der Kreatvität geblieben ist, egal was dagegen sprach. Ich wäre so dankbar dafür, wenn dieser Film auch nur eine Person erreicht, die sich ihren Talenten verpflichtet, egal, ob die Welt gegen sie ist.
— MOON ZAPPA

Ich bin sehr glücklich darüber, dass es jetzt für die Leute eine Möglichkeit gibt, meinen Vater Frank Zappa nicht nur als Musiker, sondern als Menschen zu erleben. Seine Worte und seine Herzlichkeit sind gerade heute so wichtig und nötig!
— DIVA ZAPPA


BIO- UND FILMOGRAPHIE THORSTEN SCHÜTTE

Thorsten Schütte, Jahrgang 1966, arbeitet seit über zwanzig Jahren als Autor, Regisseur und Produzent im Dokumentarfilm. Er ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Stolen Moments und seit 2002 Studienkoordinator für die Studiengänge Spielfilm und Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn befasst sich Thorsten Schütte mit gesellschaftlichen, sozial-politischen und musikhistorischen Themen. In den letzten Jahren sind von ihm unter anderem erschienen:

"World Jazz" – eine 13teilige Fernsehdokumentation für Discovery USA und Planète France über die Wechselwirkung zwischen Jazz und ethnischer Musik. Der abendfüllende Dokumentarfilm „Trip To Brazil“ – Die Geschichte der brasilianischen Populärmusik fuür SWR und Arte. „Namibia Generation X“, eine Langzeitbeobachtung an einer deutschen Schule in Afrika für ZDF/Das Kleine Fernsehspiel. „I Was The King Of Porn“, ein Portrait des Pornografen Lasse Braun für ZDF/Arte. „Land Matters" und „Dwaal Net Rond“, zwei Filme zum Thema Landarbeiter und Bodenreform im südlichen Afrika, für NBC und One Africa TV


Eine Auswahl an Produktionen:

2016 Stolen Moments – Namibian Music History Untold
Eine multimediale Musikausstellung
In Zusammenarbeit mit der Bundeskulturstiftung, NBC, Iwalewa-Haus, Basler Afrika Bibliographien, Schlettwein-Stiftung
Regie und Produktion

2015 Dwaal Net Rond – The Forgotten
60min., NBC, One Africa
Regie und Produktion

2009 Land Matters
60min., NBC, One Africa
Regie und Produktion

2005 Namibia Generation X
90min. ZDF – Das Kleine Fernsehspiel
Regie, Kamera und Produktion

2002 I Was The King Of Porn – The Adventurous Life of Lasse Braun
60min. ZDF-Arte, VPRO, Discovery Germany
Buch und Regie

2001 A Trip To Brazil – Die Geschichte der Musica Popular Brasileira
2 x 60min. SWR-Arte
Buch und Regie

2000 The Cactus of Knowledge
The Music of Rabih Abou-Khalil
60min. WDR, Enja-Records
Regie und Produktion

1999 Crossroads, From Jazz To Ethno-Pop
2 x 60min. SWR/Arte
Buch und Regie

1997-1998 Visions Of Music-World Jazz
Dokumentation über die Wurzeln des Jazz
13 x 30min. Discovery USA & Planete France
Buch und Regie

1994 You Call That Music?
A Tribute To Thhe Music of Frank Zappa
60min. / Euro Arts Entertainment
Regie


STAB

Ein Film von Thorsten Schütte
Produzentin Estelle Fialon
Koproduzent Jochen Laube
Schnitt    Willibald Wonneberger
Ausführende Produzenten Thorsten Schütte, Gail Zappa, Ahmet Zappa
Produktionsleitung Yaël Fogiel, Laetitia Gonzalez, Nico Hofmann, Joachim Kosack, Markus Brunnemann
Herstellungsleitung    Claire Babany, Michael Jungfleisch
Archivproduktion Elizabeth Klinck
Tonmischung Armelle Mahé, Marc Fragstein
Farbkorrektur Eric Salleron

Produziert von LES FILMS DU POISSON & UFA FICTION
Eine Koproduktion mit ARTE France, SWR
Mit Unterstützung von CNC, MFG, Procirep Angoa & SVT
In Zusammenarbeit mit THE ZAPPA FAMILY TRUST
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 23.11.2016
MARIE CURIE
Ab 1. Dezember 2016 im Kino
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1903 erhält die Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) als erste Frau gemeinsam mit ihrem Mann Pierre (Charles Berling) den Nobelpreis für Physik. Nur kurze Zeit später, mit gerade Mitte dreißig und als junge Mutter zweier Kinder, verliert sie Pierre durch einen tragischen Unfall. Dennoch geht sie ihren Weg unerschütterlich weiter, setzt in einer von Männern dominierten Welt ihre gemeinsamen Forschungen alleine fort und erhält als erste Frau einen Lehrstuhl an der Pariser Sorbonne. Als sie sich dann, nach einer langen Zeit der Trauer um ihren geliebten Mann, in den verheirateten Wissenschaftler Paul Langevin (Arieh Worthalter) verliebt und sich auf eine Affäre mit ihm einlässt, löst sie einen heftigen Skandal aus. Denn just in dem Moment, als ihr der zweite Nobelpreis zuerkannt werden soll und die ehrwürdige Académie des sciences über die Aufnahme Marie Curies in ihren Kreis berät, klagt sie die Pariser Presse – auch auf Betreiben von Pauls rachsüchtiger Ehefrau – öffentlich als Ehebrecherin an. Im vollen Glanze ihres Ruhms wird Marie Curie zum Ziel übler Diffamierungen und muss bitterlich erfahren, wie unvereinbar Vernunft und Leidenschaft sein können...

Ein Film von Marie Noëlle
Mit Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling, André Wilms, Samuel Finzi, Iza Kuna, Malik Zidi, Marie Denarnaud, Daniel Olbrychski, Sabin Tambrea u.a.


Mit MARIE CURIE wirft Regisseurin Marie Noëlle einen sehr persönlichen Blick auf das bewegte Leben der zweifachen Nobelpreisträgerin. Sie konzentriert sich in ihrem Film auf die Jahre zwischen der Verleihung der beiden Preise, die für Marie Curie von tragischen Ereignissen wie dem Tod ihres Mannes und wissenschaftlichen Mitstreiters Pierre genauso geprägt waren wie von privaten und beruflichen Erfolgen und Niederlagen – und von einer großen neuen Liebe zu ihrem Kollegen Paul Langevin, die in einem öffentlichen Skandal mündete.
So zeigt MARIE CURIE die legendäre Wissenschaftlerin von einer bislang unbekannten, privaten Seite und zeichnet das bewegende, emotionale und überraschende Bild einer leidenschaftlichen und starken Frau, die ihren Weg gegen alle Widerstände geht, und die immer wieder von Neuem für ihr Glück kämpfen muss. In der Rolle der Marie Curie begeistert Karolina Gruszka, die in ihrem Heimatland Polen für ihre schauspielerischen Leistungen vielfach ausgezeichnet wurde. An ihrer Seite zu sehen sind u.a. der mehrfach César-nominierte Charles Berling (Ridicule) als Pierre Curie, André Wilms (Le Havre) als dessen Vater Eugène, Arieh Worthalter als Paul Langevin, Samuel Finzi (Kokowääh) als Verleger des Boulevard-Blatts ,L’Oeuvre’ sowie Daniel Olbrychski (Die Blechtrommel, Salt) als Émile Amagat und Sabin Tambrea (Ludwig II., Ku’damm 56) als schwedischer Botschafter August Gyldenstolpe.
Marie Noëlle war u.a. bei Ludwig II. und Die Frau des Anarchisten für Drehbuch und Regie mit verantwortlich, zudem verfasste sie die Drehbücher für Love the Hard Way und Obsession mit. Das Drehbuch zu MARIE CURIE hat sie gemeinsam mit Andrea Stoll (Und alle haben geschwiegen, Familienfest) geschrieben.
MARIE CURIE ist eine Produktion von P‘Artisan Filmproduktion (Marie Noëlle) in Koproduktion mit Pokromski Studio Warschau (Mikolaj Pokromski), Glory Film (Ralf Zimmermann), Schubert International (Lothar Schubert, Birgit Rothörl), Perathon Film (Joseph Vilsmaier), Schubert Music, Climax Films (Sebastian Schelenz, Olivier Rausin), FIVE OFFICE Ltd., Sépia Production (Brigitte Faure) und Bayerischer Rundfunk (federführend: Bettina Reitz, Cornelia Ackers), Gefördert wurde die Produktion durch FilmFernsehFonds Bayern FFF, Minitraité FFA / CNC, Deutscher Filmförderfonds DFFF, Polnisches Filminstitut PISF, Medienboard Berlin-Brandenburg MBB, Krakau Festival Office KBF, Belgian Federal Government‘s Tax Shelter Scheme und MEDIA Programm.


INHALT
Dezember 1904: Die hochschwangere Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) arbeitet in ihrem Forschungslabor gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre (Charles Berling) und ihrem Mitarbeiter André Debierne (Malik Zidi), als bei ihr die Wehen einsetzen. Mit 37 Jahren bringt sie ihre zweite Tochter Ève zur Welt.
Ein Jahr zuvor hatte die Schwedische Akademie der Wissenschaften dem Ehepaar für die Entdeckung der Radioaktivität den Nobelpreis für Physik verliehen. Ihre beruflichen Verpflichtungen hatten die Curies allerdings davon abgehalten, die Auszeichnung entgegenzunehmen. Im Juni 1905 holen die beiden das nach: Sie reisen nach Stockholm, und Pierre hält den vorgeschriebenen Nobelvortrag. Anstatt sich von einem Wagen der Königlichen Akademie von ihrem Hotel zu der Veranstaltung kutschieren zu lassen, geht das Ehepaar lieber zu Fuß.
Nach ihrer Rückreise aus Stockholm werden Marie und Pierre am Bahnhof von Sceaux, zehn Kilometer südlich von Paris, von vier ihnen nahe stehenden Menschen empfangen: von ihrer siebenjährigen Tochter Irène, Pierres Vater Eugène Curie (André Wilms), ihrem Mitarbeiter André Debierne und Paul Langevin (Ariel Worthalter), einem befreundeten Physiker und langjährigen Weggefährten der Familie Curie.
Aber auch die französische Presse scheint die Ankunft des berühmten Wissenschaftlerpaares erwartet zu haben: Einer der Journalisten, der den Curies vor deren Haus auflauert, ist Gustave Téry (Samuel Finzi), Herausgeber der Boulevardzeitschrift „L’OEuvre“. Mit Hochdruck arbeiten Marie und Pierre daran, ihre Radium-Krebstherapie weiterzuentwickeln. Doch nach wie vor befindet sich ihr Labor in einem zugigen Schuppen, der einst als Sezierraum diente. Eugène Curie schlägt seinem Sohn vor, ein Patent anzumelden, um das Geld für ein anständiges Labor zusammenzubekommen.
Pierre protestiert: „Wir sind doch Forscher, keine Profiteure!“
Am 19. April 1906 verliert Marie ihren geliebten Lebenspartner und wissenschaftlichen Mitstreiter durch einen tragischen Unfall. In der Rue Dauphine in Paris wird er von einem Lastfuhrwerk überfahren und stirbt noch am Unfallort. Trotz ihrer Trauer führt sie ihre gemeinsame Arbeit fort. Ihre Gedanken teilt sie Pierre in einem Tagebuch mit, das sie für ihn führt. Ihr Schwiegervater Eugène ist eine große Stütze für sie und ihre beiden Töchter. Marie stürzt sich wieder in ihre Forschung – mit dem Ziel, Tausende von Krebskranken zu retten.
Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität schreibt Pierres Lehrstuhl für allgemeine Physik neu aus und entscheidet sich schließlich dafür, Marie Curie die Kursverantwortung zu übertragen. Sie ist die erste Frau, die an der Sorbonne lehrt: Unter großer öffentlicher Anteilnahme hält sie am 5. November 1906 ihre Antrittsvorlesung.
Mit befreundeten Wissenschaftlern, darunter auch Paul Langevin, gründet sie zudem an der Sorbonne eine Schul-Kooperative, in der die Mitglieder ihre Kinder selbst unterrichten. Sie fordert eine neue Form der Bildung: Anstatt theoretische Fakten auswendig zu lernen, sollen die Kinder selbst Experimente durchführen. Auch an der Uni versucht Marie Curie, ihren Studenten Abenteuerlust, Neugierde und die Freiheit des Geistes zu vermitteln.
In ihrem Labor gelingt es ihr endlich, das von ihr entdeckte chemische Element Radium zu isolieren – ein wissenschaftlicher Durchbruch, von dem sie sogleich Paul Langevin erzählt. Er überredet sie dazu, als einzige Frau an einer Konferenz teilzunehmen, zu der der belgische Unternehmer Ernest Solvay die bedeutendsten Physiker der Welt eingeladen hat, unter anderem auch Albert Einstein. Im Rahmen der Tagung diskutiert Einstein angeregt mit Marie – und schwärmt, sie sei die intelligenteste Frau, der er je begegnet sei.
In Paris bemüht sich Marie Curie darum, als erste Frau in die Académie des sciences aufgenommen zu werden. Sie möchte ein Radium-Institut gründen, in dem Forscher und Ärzte Hand in Hand arbeiten. Vergeblich versucht sie, ihren Physiker-Kollegen Émile Amagat (Daniel Olbrychski) auf ihre Seite zu ziehen: In der entscheidenden Akademiesitzung spricht sich Amagat vehement gegen Marie aus, die daraufhin bei der Abstimmung knapp gegen Edouard Branly verliert.
Im Lauf der Zeit kommen sich Marie Curie und Paul Langevin immer näher. Marie träumt davon, alles mit ihm zu teilen, ihre Forschung und ihren Alltag, doch Paul ist gefangen in einer unglücklichen Ehe mit der streitsüchtigen Jeanne (Marie Denarnaud), mit der er vier Kinder hat. Jeanne wirft Paul vor, eine gut dotierte Berater-Stelle abgelehnt zu haben, obwohl sein karges Salär kaum ausreiche, sechs Mäuler zu stopfen. Paul, ein ähnlicher Idealist wie Marie, entgegnet seiner Gattin entrüstet, er sei Forscher und kein Lakai der Industrie.
Schließlich lassen sich Marie und Paul auf eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein. Ihr Refugium ist eine kleine Zweitwohnung, die Paul angemietet hat. Doch Jeanne bekommt Wind von der Liaison – sie fängt Marie eines Tages auf der Straße ab, stellt sie zur Rede und bedroht sie mit einem Messer. Rasend vor Eifersucht, erzählt sie Gustave Téry von der Affäre ihres Mannes. Als der Journalist handfeste Beweise von ihr verlangt, engagiert Jeanne einen Einbrecher, der die Liebesbriefe von Marie und Paul aus der Wohnung entwendet.
Im November 1911 bekommt Marie Curie Besuch von August Gyldenstolpe (Sabin Tambrea), dem Botschafter Schwedens in Frankreich: Er teilt ihr die Entscheidung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften mit, ihr den Nobelpreis für Chemie zu verleihen. Sie wäre damit der erste Mensch, dem zwei Nobelpreise zuerkannt wurden, noch dazu in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.
Doch im selben Monat wird ihre Affäre mit Paul publik – und von der französischen Presse zu einem riesigen Skandal aufgebauscht. Reporter und Fotografen belagern ihr Haus; Marie wird beschimpft als Ehebrecherin, als polnische Hure, die eine französische Familie zerstöre, und als Jüdin, obwohl sie katholisch ist. Gustave Téry veröffentlicht in „L’OEuvre“ einen zehnseitigen Auszug aus den Briefen, die Jeanne
Langevin ihm zugespielt hat – unter der Überschrift: „Romanze im Labor: Die Liebesbriefe der Madame Curie. Betrogene Ehefrau und ihre vier Kinder in Tränen.“ Paul Langevin fordert Téry daraufhin zum Duell, bei dem allerdings kein Schuss fällt. Stattdessen ruft Téry theatralisch: „Ich weigere mich, Frankreich eines seiner klügsten Köpfe zu berauben!“
Angesichts des Skandals, den die sogenannte „Langevin-Affäre“ ausgelöst hat, bedrängt Gyldenstolpe Marie Curie, auf die Annahme des Nobelpreises zu verzichten. Sie weist das Ansinnen jedoch mit Bestimmtheit zurück: „Würde man alle männlichen Kollegen ausladen, die eine Affäre haben, dann käme kaum eine Nobelpreisverleihung überhaupt zustande!“ So reist Marie Curie ein zweites Mal nach Stockholm, um einen Nobelpreis entgegen zu nehmen.


PRODUKTIONSNOTIZEN
INSPIRATION FÜR DIE EIGENE WISSENSCHAFTLICHE KARRIERE

Es begann mit einer Empörung: Vor rund acht Jahren erfuhr Marie Noëlle durch einen Artikel zum ersten Mal von Marie Curies Liebesaffäre mit dem Physiker Paul Langevin. „Ich dachte eigentlich, ich wüsste alles über Marie Curie – aber von dieser Liaison hatte ich noch nie etwas gehört“, konstatiert die Filmemacherin.
„Dabei hatte ich schon während meiner Schulzeit sämtliche Bücher über diese Frau verschlungen, der es dank ihrer überragenden Intelligenz gelungen war, die Männerwelt der Wissenschaft zu erobern. Sie war das Idol meiner Jugend und hat mich zu meinem Mathematik-Studium inspiriert. Ihr Arbeitsethos, ihr Wertekompass, ihre konsequente Weigerung, ihre wissenschaftlichen Entdeckungen kommerziell auszuschlachten – all das hat mir stets großen Respekt eingeflößt. Und nun musste ich in jenem Artikel plötzlich von der ,Affäre Langevin‘ lesen, die 1911 einen riesigen Skandal auslöste und fast verhindert hätte, dass Marie Curie mit ihrem zweiten Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Paul Langevin war verheiratet und hatte diverse Liebschaften – doch die Presse machte ihm deswegen nie einen Vorwurf, während die verwitwete Marie Curie als Hure und Ehebrecherin gebrandmarkt wurde. Das hat mich wirklich wütend gemacht: Wie konnte es sein, dass man ausgerechnet diese brillante Wissenschaftlerin, diese integre Idealistin, die nie auf ihren eigenen Vorteil bedacht war, in der Öffentlichkeit so behandelt hat? Und wie konnte es sein, dass dieser skandalöse Umgang mit ihr jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt und in keiner Biografie erwähnt wurde?“
Marie Noëlle war jedoch nicht nur entrüstet – sie erkannte sofort, dass diese Geschichte alle Elemente eines Kinostoffs in sich trug. Der Zufall wollte es, dass sie bei einem Filmfest-Empfang mit der Autorin Andrea Stoll ins Gespräch kam: „Sie meinte, dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten würde. Und sie hatte gerade gemeinsam mit Petra Gerster ,Ihrer Zeit voraus‘ geschrieben, ein Buch über starke Frauen, die die Welt verändert haben, darunter auch Marie Curie. Eine glückliche Fügung.“ Bei einem mehrtägigen Arbeitstreffen waren sich die beiden Drehbuchautorinnen schnell einig, dass sie kein typisches Biopic schreiben wollten, das die Vita von der Wiege bis zur Bahre nachzeichnet: „Uns schwebte vielmehr ein intimes Porträt vor, das exemplarisch die turbulente Periode zwischen den beiden Nobelpreis-Verleihungen behandelt“, erläutert Marie Noëlle. „Wir wollten vom Kampf einer Frau um Anerkennung erzählen, einem Kampf, der sie zwang, viele Aspekte ihrer Weiblichkeit zu verleugnen, um ihrer Passion für die
Wissenschaft nachgehen zu können.“

EIN POETISCHES TAGEBUCH, DAS ZU TRÄNEN RÜHRT
Wie immer bei Marie Noëlle ging dem Schreibprozess eine jahrelange intensive Recherche voraus: „Das Drehbuch beruht in erster Linie auf Originaldokumenten – Briefe, Tagebücher, Laborberichte, Zeitungen von damals usw.“, betont sie. Aus diesen Quellen gehe unter anderem hervor, dass Marie Curie die Liaison mit Paul Langevin (ein langjähriger Freund der Familie und ein Ex-Schüler ihres verstorbenen Ehemannes Pierre Curie) keineswegs leichtfertig eingegangen sei: „Das alles konnte nur passieren, weil Marie nach Pierres Tod jahrelang allein war. Denn solange er noch lebte, war sie wie eine Nonne im Dienste der Wissenschaft. Die beiden hatten eine sehr glückliche Ehe geführt. Deshalb fand ich es interessant zu sehen, wie Marie mit dem plötzlichen Unfalltod ihres geliebten Mannes umging: Sie schrieb in ihrem Tagebuch zwei Jahre lang fast täglich einen Brief an Pierre – so, als wäre er noch am Leben. Dieses Tagebuch hat mich tief berührt.“
Marie Noëlle setzte alles daran, die Dokumente im Original studieren zu dürfen: „Ich finde, eine Handschrift sagt viel über die jeweilige Person aus. Aber es war gar nicht so einfach, an die Schriftstücke heranzukommen – ich musste mehrere Briefe an die französische Nationalbibliothek schreiben, ehe man mir die Erlaubnis gab. Und vor Ort musste ich dann Schutzhandschuhe anziehen, weil angeblich die Gefahr bestand, dass die Blätter radioaktiv verseucht waren.“ Der Aufwand habe sich allerdings gelohnt, stellt sie klar: „Es war faszinierend zu sehen, was für eine extrem elegante Handschrift Marie Curie hatte.
Ihr Französisch war für eine Polin erstaunlich perfekt. Ihre Laborbücher sind ein Musterbeispiel für
Akkuratesse. In ihren Tagebüchern musste sie kaum je einen Fehler ausbessern – so, als hätte es sich bloß um eine Abschrift gehandelt. Doch es war das Original. Und ihre Ausdrucksweise in den Briefen an ihren verstorbenen Ehemann ist so wunderschön und so poetisch, dass mir beim Lesen die Tränen kamen. Der Bibliothekar hatte schon Angst, dass ich das Manuskript ruinieren würde. Ich konnte ihn aber beruhigen. Und ich konnte ein Originalzitat in den Film einbauen.“

DIE ENKELIN IN DEN FUSSSTAPFEN IHRER GROSSMUTTER
Im Zuge ihrer Recherche traf sich Marie Noëlle auch mit Maire Curies Enkelin Hélène Joliot-Curie, die – Ironie des Schicksals – Paul Langevins Enkel Michel geheiratet hatte. „Hélène ist inzwischen zwar 88 Jahre alt, aber immer noch total fit und klar im Kopf“, berichtet die Filmemacherin. „Sie bewohnt das Haus, in dem Marie Curie zuletzt lebte. Dort finden sich überall Spuren ihrer Großmutter – ich hatte fast das Gefühl, in einer Curie-Biografie gelandet zu sein. Aus dem vereinbarten zweistündigen Gespräch wurde schließlich ein ganzer Tag. Aber Hélène war wie eine harte Nuss, die ich erst knacken musste.
Denn obwohl sie Paul Langevin noch persönlich kennengelernt hatte, wollte sie nur zögerlich über die Affäre ihrer Oma Auskunft geben. Man kann das durchaus verstehen: Ihre Mutter Irène, Marie Curies älteste Tochter, war zum Zeitpunkt des Skandals gerade mal 15 Jahre alt. Es muss ein Schock für so ein Kind sein, wenn die eigene Mutter plötzlich als Hure beschimpft wird.“
Marie Noëlle nahm auch Kontakt zu Pierre Radványi auf, dem mittlerweile 90-jährigen Sohn von Anna Seghers, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei Irènes Ehemann Frédéric Joliot-Curie Physik studiert und eine Biografie über die Familie Curie verfasst hatte: „Er meinte zu mir, ich müsse mich beeilen, wenn ich ihn noch treffen wolle, denn er sei nicht mehr der Jüngste. Ich entgegnete: ,Aber ich möchte zuerst Ihr Buch lesen. So lange müssen Sie schon noch ausharren!‘“ Pierre Radványi hielt durch, traf sich mit Marie Noëlle und begleitete ebenso wie Hélène Joliot-Curie die Drehbucharbeit mit diversen Anmerkungen und Anregungen.
Parallel hierzu begann für Marie Noëlle als Produzentin die Suche nach Finanziers, Förderern und
Kooperationspartnern. An ihrer Seite fanden sich ein alter Weggefährte, nämlich Ralph Zimmermann, der unter anderem bereits bei Marie Noëlles früheren Regiearbeiten Die Frau des Anarchisten und Ludwig II. als ausführender Produzent an Bord gewesen war, sowie der Spross eines sehr alten Weggefährten: Koproduzent Mikolaj Pokromski ist der Sohn des preisgekrönten Maskenbildners Waldemar Pokromski, der seit zwei Jahrzehnten bei sämtlichen Filmen von Peter Sehr und Marie Noëlle für die Maske verantwortlich ist. „Mikolaj habe ich schon während seiner Studienzeit kennengelernt – als Dozentin des Aufbaustudienprogramms ,Atelier Ludwigsburg-Paris‘, das sich an angehende Spezialisten für internationale Koproduktionen richtet“, erklärt Marie Noëlle. „Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, und als ich ihm von meinem Curie-Projekt erzählte, war er sofort Feuer und Flamme. Er hat sich in einer Art und Weise ins Zeug gelegt, wie man es sich von einem Koproduzenten nur wünschen kann.“

DIE INTERNATIONALE BESETZUNG
Die Besetzung einiger Rollen gestaltete sich denkbar einfach – sie stand nämlich für die Regisseurin von vornherein fest. „Für Marie Curies Ehemann Pierre wollte ich zum Beispiel unbedingt Charles Berling“, bekräftigt sie. „Ich kannte ihn bereits von unserer wunderbaren Zusammenarbeit bei Obsession. Zudem hat er unmittelbar danach schon einmal Pierre Curie gespielt: an der Seite von Isabelle Huppert, in dem Film Les palmes de M. Schutz. Da ging es um die frühen Jahre des berühmten Ehepaares und um die Entdeckung des Radiums. Charles war begeistert von der Idee, dass er nun Pierre Curie in den Monaten kurz vor seinem Tod verkörpern sollte.“
Für die Rolle von Pierres Vater Eugène Curie hatte Marie Noëlle beim Drehbuchschreiben stets André Wilms im Hinterkopf, den deutsche Cineasten vor allem als Hauptdarsteller des Aki-Kaurismäki-Films „Le Havre“ kennen. „Allerdings schien er anfangs gar nicht erfreut über mein Angebot“, gesteht die Filmemacherin.
„Am Telefon erklärte er mir erst einmal eine halbe Stunde lang, dass er eigentlich überhaupt
kein Schauspieler wäre und auch keine Lust mehr auf diesen Job hätte. Schließlich meinte er: ,Aber wenn Sie wollen, können wir zusammen einen Kaffee trinken.‘ Ich traf ihn also in Paris, und wieder legte er mir lang und breit dar, er wäre viel zu alt und die Schauspielerei gar kein richtiger Beruf, ehe er plötzlich fragte: ,Was für eine Geschichte wollen Sie denn erzählen?‘ Ich verriet es ihm und erläuterte ihm seinen Part; er sah mich an und sagte dann: ,Ja, das mach’ ich!‘ Peng! Ich war völlig perplex. Er sagte einfach zu, ohne das Drehbuch zu kennen!“
Als Marie Curies Widersacher Émile Amagat wünschte sich Marie Noëlle die polnische Darsteller-Legende Daniel Olbrychski. „Er spielte schon im allerersten Film, bei dem ich je als Regieassistentin mitgewirkt habe“, erinnert sie sich. „Es war eine Arte-Produktion mit Nathalie Baye. Ich musste Daniel damals jeden Morgen pünktlich zum Drehort bringen – was alles andere als einfach war, wie ich mich erinnerte. Als wir uns trafen, wollte er wissen, was für eine Rolle ich für ihn vorgesehen hätte, und ich sagte: ,Einen renommierten Wissenschaftler, vornehm, gebildet und durchaus charmant aber zutiefst frauenfeindlich.‘
Daniel entgegnete lächelnd: ,Ich sehe, was Sie meinen. Ja, das kann ich gut!‘“ Auch für zwei weitere Rollen veranstaltete die Regisseurin kein Casting, weil sie hierfür zwei Akteure
vorgesehen hatte, mit denen sie schon bei Ludwig II. beste Erfahrungen gemacht hatte: „Ich wollte partout Sabin Tambrea als schwedischen Botschafter August Gyldenstolpe besetzen. Und die Rolle des geschwätzigen Boulevardjournalisten Gustave Téry habe ich Samuel Finzi auf den Leib geschrieben – als Ausgleich dafür, dass er als Lakai in Ludwig II. kaum ein Wort sagen durfte!“

DER FESSELNDE BLICK – WER SPIELT MARIE CURIE?
Um die richtige Hauptdarstellerin zu finden, war indes eine lange, aufwändige Suche erforderlich. „Mehr als ein Jahr lang sah ich mir alle möglichen französischen Schauspielerinnen an, traf mich mit ihnen und machte Probeaufnahmen“, berichtet Marie Noëlle. „Viele von ihnen waren fabelhaft, doch alle kamen aus irgendeinem Grund nicht in Frage. Vor allem beschäftigte mich die Frage des polnischen Akzents, den Marie Curie als gebürtige Polin im Französischen hatte. Ich fragte mich, wie wir diesen wirklich überzeugend hinbekommen konnten.“ Die Regisseurin beschloss, ihrer Suche eine neue Richtung zu geben:
„Wenn man die private Seite von Marie Curie auf authentische Weise zeigen möchte, kommt man um die Tatsache nicht herum, dass sie Polin war. Deshalb richtete ich meinen Blick fortan auf polnische Darstellerinnen. Ich wusste auch genau, was mir wichtig war: Ich suchte keine Doppelgängerin, die genauso aussah wie die echte Marie, sondern eine Frau, die eine ganz bestimmte Energie ausstrahlte, eine Stärke in den Augen, die aber auf keinen Fall kalt wirken durfte.“
Von Erfolg gekrönt war schließlich ein äußerst unorthodoxes Casting: „Ich habe im Internet nach polnischen Schauspielerinnen zwischen 30 und 40 gegoogelt, interessierte mich aber nicht für deren Lebensläufe, sondern druckte nur ihre Fotos aus, breitete sie auf meinem Tisch aus und ließ sie zu mir sprechen“, erzählt Marie Noëlle. „Und ein Blick hat mich immer wieder gefesselt. Dieser Blick hatte es in sich: Er war zugleich kraftvoll und zärtlich – und traf mich tief ins Mark. Ich wusste: Diese Frau muss ich kennenlernen.“ Die Frau war Karolina Gruszka. „Sie lebte damals in Moskau, fünf Flugstunden entfernt von Frankreich, erklärte sich aber bereit, für einen halben Tag nach Paris zu kommen, um Probeaufnahmen mit mir zu machen, obwohl sie von mir – abgesehen von einem Telefonanruf – zuvor noch nie etwas gehört hatte“, hebt Marie Noëlle hervor. „Das Ganze passierte just am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo, so dass eine äußerst seltsame Atmosphäre in der Stadt herrschte. Ich erkannte Karolina schon von weitem am Ende des Korridors; sie hatte feuerrote Haare, fast wie Pumuckl, also ganz anders als Marie Curie und auch ganz anders als auf ihrem Foto. Doch als ich sah, wie sie lief, wie sie sich bewegte, dachte ich sofort: ,Das ist Marie Curie!‘ Im nächsten Moment dachte ich: ,O Gott, wahrscheinlich spricht sie ganz schlecht Französisch!‘ Aber meine Sorge erwies sich als unbegründet: Karolinas Französisch war perfekt, samt passendem Akzent; sie beherrschte ihren Text makellos, und ihr Spiel war einfach hinreißend – sie hatte
genau die richtige Mischung aus Strenge und Zärtlichkeit, aus Intelligenz und Wärme, nach der ich so lange gesucht hatte.“
Endlich hatte die Regisseurin ihre perfekte Marie Curie gefunden. „Ich bin heilfroh, dass NFP-Verleihchef Christoph Ott ebenso begeistert von Karolina war wie ich – und dass er den Mut hatte, auf eine in Deutschland bislang noch unbekannte Hauptdarstellerin zu setzen“, unterstreicht Marie Noëlle. „Karolina entdeckt zu haben, potenzierte meine Lust auf den Film.“
Für die Rolle des Paul Langevin hatte Casterin Kris de Bellair glücklicherweise ein heißes Eisen im Feuer: Arieh Worthalter. „Ein unglaublicher Typ“, schwärmt Marie Noëlle. „Nach seinem Schulabschluss in Belgien hat er ein Jahr als Einsiedler in Kanada gelebt; er war allein auf einem Schiff unterwegs und wäre dabei fast gestorben; er arbeitet zwar als Schauspieler, klinkt sich aber immer wieder wochen- oder monatelang aus, um irgendwelche Fußmärsche zu machen. Er ist attraktiv auf interessante, fast geheimnisvolle Weise – ideal für die Figur des Paul Langevin.“ Zur großen Erleichterung der Regisseurin stimmte auch die Chemie zwischen ihm und Karolina Gruszka, wie sich bei gemeinsamen Probeaufnahmen herausstellte.

GEDOUBELTE SCHAUPLÄTZE UND ORIGINAL-INSTRUMENTE
Schon während der Recherchephase war die Filmemacherin erstmals durch Polen gereist – auf den Spuren von Marie Curie und auf der Suche nach geeigneten Drehorten. Im Gepäck hatte sie einige wertvolle Tipps ihres Koproduzenten Mikolaj Pokromski. Sie zeigte sich beeindruckt von der Schönheit des Landes: „Tatsächlich habe ich fast alle tollen Motive in Polen gefunden“, bemerkt sie. „Ich spürte, dass diese Orte sozusagen die Seele des Films sein würden.“
Gedreht wurde letztlich an 31 Tagen zwischen Mai und Juli 2015 in Krakau, Lodz, Leba und Paris sowie in der Umgebung von Berlin und München. In Paris entstanden unter anderem die Außenaufnahmen an der Sorbonne sowie Marie Curies Gespräch mit ihrer Schwester Bronia im Jardin du Luxembourg. Die Innenräume der Sorbonne wurden hingegen von der Krakauer Universität gedoubelt: „Dort konnten wir Flure, einen Hörsaal und andere Räume nutzen, die noch genauso aussahen wie vor 100 Jahren“, meint Marie Noëlle. „Man hatte sogar das Gefühl, auch der Staub von damals wäre noch dagewesen! Allerdings werden die Räume noch fleißig genutzt, sodass wir den Hörsaal nur einen einzigen Tag lang zur Verfügung hatten – und das war ausgerechnet unser erster Drehtag. Das hieß: Alle Schauspieler waren zum ersten Mal zusammen am selben Ort, dazu kamen 180 polnische Statisten und ein riesiges Arbeitspensum... Das Ganze war so anstrengend, dass André Wilms beispielsweise im Auditorium auf seiner Bank zweimal eingeschlafen ist.“
In Leba, einem polnischen Küstenort nordwestlich von Danzig, wurden sämtliche Strandszenen gefilmt. Das Haus der Familie Curie fand Szenenbildner Eduard Krajewski in der Nähe von Berlin, in Lichterfelde; das Appartement von Paul Langevin wurde hingegen in den Bavaria Studios in Grünwald bei München aufgebaut. Auch das Duell zwischen Langevin und Gustave Téry wurde unweit von München gedreht: in einem Wald bei Dietramszell. Die meisten Motive fanden sich indes in Lodz – etwa für die Szenen in der Académie des sciences, bei der Nobelpreisverleihung, beim schwedischen Botschafter oder in Marie Curies Labor, einem der Hauptschauplätze des Films, das originalgetreu nachgebaut wurde. Ausstatter Eduard Krajewski gelang dabei noch ein besonderer Coup: Mittels einer Internet-Recherche fand er heraus, dass ein Bremer Sammler die Original-Instrumente des Curie-Labors aufgekauft hatte. „Damit konnten wir unser rekonstruiertes Labor präzise bestücken“, freut sich Marie Noëlle. „Wir durften die Instrumente mieten, aufstellen und filmen – aber natürlich nur unter strenger Aufsicht des Sammlers.“

SINNLICHE AUFNAHMEN, LEUCHTENDES RADIUM
Für die Filmemacherin war es die erste Zusammenarbeit mit dem preisgekrönten polnischen Kameramann Michal Englert. „Es fühlte sich allerdings so an, als hätten wir bereits zehn Filme gemeinsam gedreht“, stellt sie fest. „Schon bei unseren Probeaufnahmen in München haben wir uns auf Anhieb verstanden.
Michal hat einen skurrilen Humor, ist extrem konzentriert bei der Arbeit und sagt knallhart, was er
denkt. All das schätze ich sehr.“ Zudem, fügt sie an, habe er ihr sehr beim Finden unkonventioneller
Lösungen geholfen – und sei stets zu sämtlichen Schandtaten bereit gewesen: „In Leba hatten wir
eigentlich nur eine Drehgenehmigung für einen halben Tag und einen bestimmten Strandabschnitt.
Aber ich hatte bei der Location-Suche noch einen schöneren, etwas wilderen Strand mit Dünen entdeckt, an dem ich unbedingt auch drehen wollte. Und Michal war sofort dabei: Am Sonntag schnappten wir uns unseren Kameraassistenten, stecken Karolina in ihren Mantel und zogen zu viert heimlich los. So ist es uns gelungen, noch ein paar unglaublich schöne Bilder einzufangen.“
Gefilmt wurde mit der lichtstarken digitalen Alexa-Kamera von Arri, die der Regisseurin bereits bei
Ludwig II. hervorragende Dienste geleistet hatte. „Michals Markenzeichen ist es, gegen die digitale Ästhetik zu arbeiten, um einen edleren Kino-Look hinzubekommen“, so Marie Noëlle. „Wir haben im Cinemascope-Format gedreht, mit anamorphistischen Linsen und diversen Filtern, die unter anderem für wunderbar flirrende Bilder gesorgt haben.“ Zusammen mit ihrem Kameramann erarbeitete sie ein besonderes visuelles Konzept für MARIE CURIE: „Der Film sollte ja ein intimes Porträt dieser unglaublichen Frau werden.
Darum haben wir uns nicht auf Kostüme oder historische Schauplätze fokussiert, sondern auf die
Emotionen der Figuren. Wichtig war es mir vor allem, möglichst sinnliche Bilder zu finden. So wollte ich dem Kinopublikum zum Beispiel die Freude der Forscher an ihrer Arbeit vermitteln. Ich selbst habe viele Wissenschaftler kennengelernt, und allen gemeinsam war ein großes Vergnügen am Beobachten und Erkunden der Welt, eine schier unerschöpfliche Neugier und Entdeckerlust. Diese Leidenschaft wollte ich unmittelbar auf die Leinwand übertragen.“
Ein signifikantes Detail in diesem Zusammenhang war das Leuchten des Radiums. „Es ist faszinierend, mit was für einer beinahe kindlichen Begeisterung eine hochintelligente Frau wie Marie Curie über dieses Phänomen geschrieben hat“, merkt die Regisseurin an. „Ihr Ehemann Pierre hatte sogar immer eine kleine Radium-Probe in der Tasche, damit er sie wie ein Gaukler spätabends in geselliger Runde vorführen und die Zuschauer so zum Staunen bringen konnte. Im Film haben wir hierfür eine Leuchtflüssigkeit in Reagenzgläser gefüllt und, um die Wirkung zu verstärken, zusätzlich mit Spiegelungen, Lichtbrechungen und Kamerafiltern gearbeitet. Zu diesem Zweck hatte ich einen gläsernen Paravent organisiert, der ähnlich aussah wie die Fenster des Labors, damit sich das Licht mehrfach brechen und spiegeln ließ. So konnten wir einen fast kubistischen Effekt erzielen.“
Marie Noëlle betont, dass bei keinem dieser Bilder irgendwelche digitalen Tricks zum Einsatz kamen: „Das ist alles klassische Kamera-Tüftelarbeit, handgemacht, sozusagen bio“, lacht sie. „Um Maries verstorbenen Ehemann Pierre plötzlich im Fenster erscheinen zu lassen, haben wir beispielsweise einen Spiegel benutzt. Im ganzen Film gibt es nur einen einzigen Spezialeffekt: in der Szene am Bahnhof, wenn man durchs Fenster des Wartesaals einen vorbeifahrenden Zug sieht. In Wirklichkeit haben wir die Wartesaal-Szene in einem längst ausrangierten Bahnhof in Berlin gedreht.“


EINE MODERNE HELDIN
Nicht nur die Spezialeffekte, auch Make-up und Kostüme sind in diesem Film auf ein Minimum reduziert. „Wie schon angedeutet, wollte ich unsere Titelheldin als moderne Frau präsentieren, quasi ohne Plüschbezug – eine Frau, mit der man sich heute ohne Weiteres identifizieren kann“, betont die Regisseurin. „Marie Curie hat schon früh das Korsett abgelegt, das die Damen jener Zeit zu tragen pflegten. Sie besaß nicht viele Kleider und konnte es nie verstehen, dass andere Frauen Stunden damit verbrachten, sich ,schön‘ zu machen. Selbst bei ihren eigenen Töchtern sah sie es ungern, wenn sie sich schminken wollten. Aufdringliches Make-up wäre im Film deshalb völlig fehl am Platz gewesen. Aber unser Maskenbildner Waldemar Pokromski konnte seine magischen Hände unter anderem dafür einsetzen, Karolina Gruszkas rote Haare in die von Marie Curie zu verwandeln.“ Marie Noëlle und er hätten zahlreiche Dokumente ihrer Protagonistin an der Sorbonne gefunden, ergänzt Pokromski: „So konnte ich das Make-up sorgfältig vorbereiten. Ich musste sicherstellen, dass Karolina im Film wie eine Frau wirkt, die tagelang fast ununterbrochen im Labor geschuftet hat – noch dazu unter den harten Arbeitsbedingungen von damals. Insofern war hier praktisch ,unsichtbares‘ Make-up gefragt.“
Damit korrespondiert auch die unauffällige Garderobe der Titelfigur: „Für Marie Curie wollte ich ganz schlichte, zeitlose Kostüme, damit sie möglichst modern wirkt und ihre Kleidung nicht von der Geschichte ablenkt“, unterstreicht die Regisseurin. „Sie ist die einzige Frau im Film, die kein Korsett trägt. Am Schluss, mit den Bildern während des Abspanns, wollten wir sie in die Gegenwart transportieren – und das hat fabelhaft funktioniert: Wir ließen Karolina in ihrem Kostüm durch die Straßen von Paris laufen, filmten sie dabei, übrigens wieder ohne Drehgenehmigung, und warteten ab, was passieren würde. Das Verblüffende war: Es passierte gar nichts! Niemand schaute sie schräg an, keiner wunderte sich über ihr Outfit. Von einem einzigen Pärchen wurde sie angesprochen – aber auch nur deshalb, weil die beiden aus Polen kamen und Karolina erkannt haben!“
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Donnerstag 17.11.2016
ICH, DANIEL BLAKE
Ab 24. November 2016 im Kino
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Daniel Blake (Dave Johns) ist ein geradliniger und anständiger, zeitlebens Steuern zahlender Durchschnittsengländer – bis seine Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt, im gesetzteren Alter, will ihm die willkürliche Staatsbürokratie den Bezug von Sozialhilfe verweigern. Schnell gerät er in einen Teufelskreis von Zuständigkeiten, Bestimmungen und Antragsformularen. Daniel Blake rechnet nicht damit, dass die geradezu kafkaeske Situation ihn fast in die Knie zwingen wird. Seine Wege kreuzen sich mit Katie (Hayley Squires) und ihren beiden Kindern Daisy und Dylan. Sie raufen sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und erfahren neben den ständigen Seitenhieben der Behörden auch viel Solidarität – von ehemaligen Kollegen, sogar von Daniels schrägem Nachbar. Doch die bürokratischen Klippen des sogenannten Sozialstaates sind tückisch. Da wird Ohnmacht zur Wut – und so leicht geben Daniel und Katie ihre Träume und Hoffnungen nicht auf...

Regie: Ken Loach

Mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Kate Rutter, Sharon Percy, Kema Sikazwe


Mit „Riff Raff“ brachte er schon früh das Kinopublikum zum Weinen, in „Angels Share – Ein Schluck für die Engel“ gab er sich rau und authentisch, mit „The Wind that Shakes the Barley“ setzte er irischen Landarbeitern ein Denkmal und gewann 2006 in Cannes damit die Goldenen Palme. Bis heute hat er nichts von seiner Präzision, seinem Engagement und seiner Lust am Filmemachen eingebüßt! Auch mit 80 Jahren wird Meisterregisseur Ken Loach nicht müde, sich in seinen kurzweiligen Spielfilmen für die Rechte der Underdogs zu engagieren und sich dabei immer ganz nah an den realen Umständen zu orientieren. Lakonisch und mit einer Prise Sarkasmus nimmt er in seinen neuen Film ICH, DANIEL BLAKE den Sozialstaat ins Visier. Dafür wurde er in diesem Jahr erneut in Cannes mit der Goldenen Palme für den Besten Film und in Locarno und San Sebastian mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Unaufgeregt und hochemotional erzählt er von den Ungerechtigkeiten im System – nicht nur in Großbritannien, sondern überall in Europa.

Sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty wurde angeregt durch die in der britischen Boulevardpresse angefachte Hetze gegen sozial Schwache als Schmarotzer. Aus der so entstandenen Wut heraus erzählen Loach und Laverty humorvoll und ohne falsches Pathos vom Kampf eines ungleichen englischen Paares gegen staatliche Windmühlen – und um ihre Würde.



INHALT

„Können Sie die Arme so heben, als ob Sie einen Hut aufsetzen?“ Diese und ähnliche Fragen einer „Gesundheitsdienstleisterin“ muss der Schreiner Daniel Blake aus Newcastle im Nordosten Englands beantworten, damit sein Sozialhilfeanspruch geklärt werden kann. Daniel erhält den schriftlichen Bescheid, dass die „Gesundheitsdienstleisterin“ ihn als arbeitstauglich eingestuft hat. Und das, obwohl seine Ärztin ihm dringend davon abgeraten hat, in seinem Gesundheitszustand wieder zu arbeiten. Damit hat der Endfünfziger keinen Anspruch auf Hilfe vom Staat. Eine telefonische Beschwerde scheitert beinahe, weil Daniel in einer endlosen Warteschleife mit der typischen nervtötenden Musik landet. Schließlich wird ihm mitgeteilt, sein „Gesundheitsdienstleister“ hätte ihn vor dem schriftlichen Bescheid eigentlich anrufen sollen, er möge doch bitte auf diesen Anruf warten und dann eine Nachprüfung beantragen.

Beim Besuch auf dem Amt wird Daniel gesagt, dass Arbeitslosengeld nur an Gesunde vergeben wird. Den Antrag hierfür gibt es aber nur online. Von Computern hat Daniel keinen Schimmer. Daniel lernt Katie kennen, die soeben mit ihren beiden Kindern Daisy und Dylan aus London nach Newcastle gezogen ist, weil ihr hier eine Wohnung angeboten wurde. In London hat sie ihr Vermieter nach einer Beschwerde samt Kinder einfach vor die Tür gesetzt. Und auch Katie kämpft mit der Bürokratie: Weil sie wegen Ortsunkenntnis einen Termin um eine halbe Stunde versäumt hat, droht ihr nun eine finanzielle Sperre. Die beiden unterstützen sich fortan gegenseitig, Daniel kümmert sich zudem liebevoll um die kluge Daisy und den quirligen kleinen Dylan. Katie will sich einen Job suchen und endlich mit dem Fernstudium weitermachen. Bis er wieder fit ist für seinen Job schnitzt Daniel zum Zeitvertreib kleine Holzfische und bastelt daraus Mobiles. Ein echter Handwerker eben, mit jahrzehntelanger Erfahrung – und viel trockenem Humor.

In einem Buchladen mit Computerplätzen versucht Daniel mit der Technik klarzukommen, um den Antrag auf Arbeitslosenhilfe loszuschicken. Er scheitert. Als ihm auf dem Amt eine Mitarbeiterin beim Online-Ausfüllen hilft, wird sie von ihrer Vorgesetzten zurückgepfiffen. Schließlich hilft ihm sein Nachbar China, den Antrag auszudrucken. Den kann er aber erst nach besagtem Anruf vom „Gesundheitsdienstleister“ abschicken. Und Anspruch auf Arbeitslosengeld erhält Daniel sowieso erst, wenn er nachweisen kann, dass er sich 35 Stunden in der Woche um einen Job bemüht hat. Einen Job, den er wegen seines Gesundheitszustandes gar nicht annehmen könnte. Da wird auch die Bewerbungsfortbildung nicht helfen, zu der sie ihn verpflichten.

Das Geld wird immer knapper und Daniel, Katie und die Kinder besuchen eine Essensabgabe-Tafel, wo Katie vor lauter Hunger eine Dose öffnet und den Inhalt verschlingt. Daniel klappert diverse Arbeitgeber ab, versäumt es aber, sich dieses Bemühen bestätigen zu lassen, was im Wiederum beim Sozialamt angelastet wird. Die Folge: Seine Leistungen werden für vier Wochen eingefroren. Ihm bleibt nichts anderes übrig: Er muss einige Möbel verkaufen. Aber sein gutes Schreinerwerkzeug, das behält Daniel – er wird ja bestimmt bald wieder arbeiten, das will er unbedingt. Aber diese Gängelung der Ämter, das kann so nicht weitergehen: Daniel wird jetzt ein Zeichen setzen! Buchstäblich.

„IM KEN’SCHEN SINNE“ – AUS DEM FILMISCHEN KOSMOS DES KEN LOACH

Es muss als großer Glücksfall des internationalen Kinos angesehen werden, dass sich Ken Loach und Paul Laverty vor genau 20 Jahren für den Film CARLA’S SONG erstmals fanden. Denn trotz des großen Altersunterschieds von mehr als 20 Jahren hatten sich zwei Brüder im Geiste gefunden. Hier der studierte Jurist und „alte Hase“ Loach, der bereits 1967 mit POOR COW seinen ersten Kinofilm inszeniert hatte (da war Laverty zehn Jahre alt), dort der studierte Philosoph Laverty, der mit Loach und CARLA’S SONG sein allererstes Drehbuch realisierte. Zwölf weitere gemeinsame Filme sollten bis heute folgen, mit Preisen überhäuft, weltweit anerkannt – und doch immer der Sache verpflichtet.

Denn ob es sich um illegale Einwanderung (BREAD AND ROSES, 2000), den irischen Freiheitskampf in den 1920er-Jahren (THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY, 2006) oder einen fanatischen Fußballfan von Manchester United (LOOKING FOR ERIC, 2009) handelt, stets geht es in den Filmen von Loach und Laverty um den so genannten „kleinen Mann“ und seine Bedürfnisse, um den ewigen Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Mächtigen, um Solidarität, Liebe und Freundschaft. Und um Humor. Wenn es nach Rebecca O’Brien geht, der langjährigen Produzentin Loachs, darf das gerne so weitergehen. „Es ist für Ken und Paul fantastisch, mit ICH, DANIEL BLAKE wieder etwas so aktuell Politisches und auch Wichtiges gedreht zu haben. Diese Gegenwärtigkeit erzeugt eine ungemeine Vitalität, an der nicht nur Ken und Paul teilhaben, sondern auch der Film selbst. Es ist wunderbar, Ken so voller Energie zu sehen. Manchmal denke ich: Ach Gott, hoffentlich können wir ewig so weitermachen.“ Rebecca O’Brien schätzt auch den explizit politischen Ansatz von Loachs Filmen und berichtet, dass der 80-Jährige gerade über die sozialen Medien viele junge Fans hat. „Das hat sicherlich damit zu tun, dass es nicht sehr viele Menschen gibt, die ihren Kopf über das Geländer halten und unverhohlen politisch agieren. Älter zu sein hilft einem dabei: Man hat nichts zu verlieren und kann sagen, was man denkt.“

Alle Beteiligten, meist langjährige Mitarbeiter von Loach, freuen sich vor den Dreharbeiten auf das, was Kameramann Robbie Ryan als „Ken-Stil“ bezeichnet: eine moderne Variante des italienischen Neorealismus, die auch schon als „sozialer Realismus“ tituliert wurde. Das heißt: Alles ordnet sich absolut dem Prinzip der jeweiligen Realität einer Geschichte unter. Robbie Ryan erzählt, dass er ein Skript normalerweise auch nach technischen Aspekten durchforstet. Nicht so bei Paul Laverty und ICH, DANIEL BLAKE: „Ich versuche herauszulesen, wie Ken den Film umsetzen wird und nicht, wie ich ihn umsetzen würde.“ Aber schränkt das nicht die eigene Kreativität ein? Ryan verneint und ergänzt: „Ich liebe Naturalismus im Film. Ich liebe es, Dinge vor der Kamera zu sehen, die sich natürlich und ehrlich anfühlen. In Kens Filmen geht es viel stärker um Gesichter und Menschen als um Orte. Es geht also um das Leben der Menschen in einer bestimmten Umgebung, die Kreativität dreht sich darum, etwas möglichst echt im Ken’schen Sinne zu gestalten.“

„Im Ken’schen Sinne“ – so arbeitet zum Beispiel auch die Casting-Chefin Kahleen Crawford. Und das bedeutet in den meisten Filmen von Ken Loach: keine bekannten Gesichter auszuwählen, sondern Schauspieler oder gar Laien, die wie von der Straße wirken. Im Fall von ICH, DANIEL BLAKE sollte die Titelfigur auf jeden Fall von jemandem gespielt werden, der den Newcastler Dialekt „Geordie“ spricht. „Es gab einige passende und auch sehr gute Schauspieler“, erzählt sie, „aber die waren dann etwas zu bekannt. Ken wollte jemanden, dem der Zuschauer einfach zusehen kann, ohne dabei eine vorgefasste Meinung wegen eines zu bekannten Gesichtes zu haben. Dan sollte also von jemandem aus der Gegend um Newcastle gespielt werden, der geerdet ist und den richtigen Akzent hat. Es gibt so viele Variationen von ,Geordie‘. Dave Johns befindet sich da in etwa in der Mitte, ist aber eindeutig als Newcastler zu erkennen. Und er macht zudem den Eindruck wie jemand, der Sachen bauen kann, Möbel zum Beispiel.“ Und natürlich war es auch wichtig, wie gut Dave Johns mit seinem weiblichen Gegenüber Hayley Squires als Katie harmoniert. Kahleen Crawford: „Das war wirklich etwas Besonderes: Sie haben das jeweils Beste aus dem anderen herausgekitzelt. Es gab eine schöne natürliche Energie zwischen ihnen.“

„Im Ken’schen Sinne“ – das bedeutet für die Produktionsdesignerin Linda Wilson, sich ziemlich zurückhalten zu müssen; keine leichte Aufgabe für eine Frau, die zuvor bei der aufwändigen historischen Serie „Downton Abbey“ gewirbelt hat. „Ken mag es, wenn alles angenehm angestaubt wirkt und alles gewöhnlich und normal aussieht. Das ist oft keine einfache Sache für das Art Department. Aber es macht einfach Spaß, unter gespendeten Gegenständen einen Stuhl zu suchen, der zu dieser Figur passt – und ihn dann auch zu finden!“ Schwer war es auch, die fast leere Wohnung von Katie zu gestalten. „Doch als Hayley Squires mit den beiden jungen Schauspielern vorbeikam und der kleine Dylan McKiernan sagte: ,Oh, hier möchte ich nicht leben!‘ – da wussten wir, dass wir richtigliegen.“

Toningenieur Ray Beckett hat 2010 einen Oscar für die Tonmischung bei „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ gewonnen. Doch immer wieder kehrt er gerne von Hollywood nach England zum Set eines Ken-Loach-Films zurück, zum 14. Mal für ICH, DANIEL BLAKE. Und auch Beckett ordnet sich dem „Ken’schen Sinn“ unter. „In Hollywood wird bevorzugt in Studios gedreht, aber wenn die Szene in einem Haus spielt, dann will Ken tatsächlich in einem echten Haus drehen. Und so finde ich mich regelmäßig hinter einem Kühlschrank eingeklemmt wieder. Aber das ist ja gerade der Grund, warum ich es liebe, mit Ken zu arbeiten: die technischen Herausforderungen, vor die er uns jeden Tag stellt.“ Beckett erzählt, wie die Warteschleifenmusik im Telefonnetz des Arbeitsamtes entstanden ist: „Zuerst musste der Anwalt checken, ob es legal ist, sich beim DWP (Department for Work and Pensions – Amt für Arbeit und Renten) einzuwählen und alles aufzunehmen, was zu hören ist. Beim ersten Mal war ich so früh dran, dass ich beinahe durchgekommen wäre. Aber als dann später mehr los war, landete ich in dieser endlosen Vivaldi-Hölle! Ich habe ein ganzes Band nur mit „Drücken Sie Taste 1 … Drücken Sie Taste 4 … aufgenommen. Das Absurdeste daran: Die Leute müssen dafür bezahlen! Die verdienen Geld mit obdachlosen Menschen in der Warteschleife! Und die Musik von Vivaldi kommt vom Synthesizer, es ist noch nicht mal ein Orchester!“









INTERVIEW MIT KEN LOACH

Herr Loach, es gab Gerüchte, dass JIMMY’S HALL ihr letzter Film sein sollte. Falls das so war – was hat sie letztlich überzeugt, ICH, DANIEL BLAKE zu machen?
Das habe ich wohl etwas überstürzt geäußert. Denn es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen, so viele Figuren zu präsentieren.

Was ist die Wurzel der Geschichte?
Am Anfang stand die universelle Geschichte von Menschen, die ums Überleben kämpfen. Aber dann mussten die Charaktere und die jeweilige Situation eine lebensechte Grundlage bekommen. Wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir, dass die staatliche Fürsorge für verzweifelten Menschen in Notlagen als politisches Instrument genutzt wird. Die grausame Waffe ist die Bürokratie, die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie: „So wird es dir ergehen, wenn du nicht arbeitest. Wenn du nicht arbeitest, wirst du leiden!“ Die Wut über diese Zustände war das Motiv für diesen Film.

Wo haben Sie mit der Recherche begonnen?
Ich wollte schon immer etwas in meiner Heimatstadt Nuneaton mitten in den Midlands machen, also haben Paul Laverty und ich dort mit Leuten gesprochen. Ich arbeite ein wenig bei einer Wohlfahrtseinrichtung mit dem Namen „Doorway“ mit, die von meiner Freundin Carol Gallagher geleitet wird. Sie stellte Paul und mich einigen Leuten vor, die keine Arbeit finden können, aus unterschiedlichen Gründen – der offensichtlichste: zu wenige Jobs. Einige von ihnen arbeiten ohne gesichertes Einkommen für Zeitarbeitsfirmen und haben keine eigene Wohnung. Einer von ihnen, ein sehr netter Typ, hat uns sein spartanisches Zimmer in einem Wohnheim gezeigt. Außer einer Matratze auf dem Boden und einem Kühlschrank gab es da praktisch nichts. Paul fragte ihn, ob es unhöflich sei, mal einen Blick in seinen Kühlschrank zu werfen. Er sagt „Nein“ und öffnet die Tür: Da war nichts, keine Milch, keine Kekse, nichts. Wir fragten ihn, wann er das letzte Mal nichts zu essen hatte, und er sagte, in der vergangenen Woche sei er vier Tage ohne Essen gewesen. Er hatte einfach Hunger und war verzweifelt. Er erzählte uns wiederum von einem Freund, dem die Agentur um 5 Uhr morgens mitteilte, er möge sich bis um 6 Uhr in einem Lagerhaus einfinden. Er hatte keine Mitfahrmöglichkeit, kam aber irgendwie hin und wartete. Um Viertel nach 6 Uhr wurde ihm gesagt: „Tja, für dich gibt es hier heute keine Arbeit.“ Er wurde zurückgeschickt und bekam kein Geld. Auf diese andauernde Erniedrigung und Unsicherheit beziehen wir uns im Film.

Wie ist es Ihnen beiden gelungen, sich aus all dem recherchierten Material und den vielen Gesprächen auf eine Geschichte zu einigen?
Das waren wahrscheinlich die härtesten Entscheidungen, die wir treffen mussten, denn es gibt so viele Geschichten. Wir hatten das Gefühl, das wir in Filmen wie SWEET SIXTEEN schon oft von jungen Leuten erzählt haben. Außerdem wird die Zwangslage von älteren Menschen oft nicht wahrgenommen. Es gibt eine Generation, die zu Handwerkern ausgebildet wurde und nun das Ende ihres Arbeitslebens erreicht. Diese Leute haben oft gesundheitliche Probleme und werden nicht wieder arbeiten, weil ihnen die Flexibilität der modernen Arbeitswelt fehlt – hier ein bisschen, dort ein wenig. Sie sind an traditionelle Arbeitsstrukturen gewöhnt und fühlen sich verloren, auch weil sie mit der modernen Technologie nicht umgehen können. Und dann werden sie mit Gutachten bezüglich der Arbeitslosen- und Sozialhilfe konfrontiert, die sie als arbeitsfähig beurteilen, obwohl sie es nicht sind. Die ganze undurchschaubare, bürokratische Struktur macht die Leute fertig – darüber haben wir so viele Geschichten gehört. Also entwickelte Paul die Figur des Daniel Blake – und das Projekt kam in Gang.

Sie behaupten, dass die Undurchschaubarkeit der bürokratischen Strukturen Absicht ist.
Genau. Bei den örtlichen Arbeitsämtern geht es heutzutage nicht mehr darum, den Menschen zu helfen, sondern ihnen Steine in den Weg zu legen. Es gibt einen sogenannten Arbeitsvermittler, dem es nun im Gegensatz zu früher nicht mehr erlaubt ist, den Menschen verfügbare Arbeitsstellen anzubieten beziehungsweise bei der Arbeitssuche zu helfen. Es wird von oben eine gewisse Anzahl von Sanktionen gegen Arbeitssuchende erwartet. Und wenn die Sachbearbeiter nicht genügend Menschen sanktionieren, geraten sie selbst ins Fadenkreuz. Das hat schon Orwellsche Ausmaße, nicht wahr? Das alles wurde von Mitarbeitern aus dem DWP (Department for Work and Pensions, Britisches Ministerium für Arbeit und Renten) erarbeitet, die selbst in Arbeitsämtern, beim Qualitätsmanagement oder in der Gewerkschaft gearbeitet haben – es gibt Beweise in Hülle und Fülle. Die gängige Praxis der Zwangsmittel hat zur Folge, dass die Menschen von dem erhaltenen Geld nicht leben können, und so kam es zur Gründung von Essensverteilungs-Tafeln. Übrigens findet das die Regierung ganz in Ordnung – es soll ruhig Tafeln geben. Nun wird sogar schon darüber gesprochen, Arbeitsvermittler in die Tafeln zu setzen. Damit würden die Essenverteilungen in den Mechanismus absorbiert werden, wie man heutzutage mit Armut umgeht. Was für eine Welt haben wir da geschaffen?

Finden Sie, dass es in Ihrer Geschichte hauptsächlich um das Hier und Jetzt geht?
Nein, die Auswirkungen gehen tiefer. Das Ganze geht zurück auf das Armengesetz, die Ideologie der verdienstvollen Armen hier und der unwürdigen Armen da. Die Arbeiterklasse wird aus Angst vor Armut zum Arbeiten gebracht. Die Reichen müssen durch noch höhere Belohnungen bestochen werden. Das politische Establishment hat Hunger und Armut immer dazu benutzt, dass die Leute aus Verzweiflung die niedrigsten Löhne und die unsichersten Jobs akzeptieren. Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht, das sehen wir überall in Europa und darüber hinaus.

Wie war es, in echten Tafeln zu drehen?
Paul und ich haben einige Tafeln zusammen angesehen, und er alleine noch einige mehr. Die Geschichte, die wir im Film aus der Essensverteilung erzählen, beruht auf einem Vorfall, der Paul so beschrieben wurde. Ach, Tafeln sind furchtbar, man sieht verzweifelte Menschen. Als wir in einer in Glasgow waren, kam ein Mann an die Tür. Er schaute herein, schwankte und ging wieder weg. Eine dort beschäftigte Frau eilte ihm hinterher, weil er ganz offensichtlich Hilfe brauchte. Aber er konnte die Demütigung nicht ertragen, reinzukommen und nach Essen zu fragen. Ich denke, so etwas passiert andauernd.

Warum haben Sie sich für den Schauplatz Newcastle entschieden?
Wir waren an verschiedenen Orten: Nuneaton, Nottingham, Stoke und Newcastle. Nordwestliche Städte wie Manchester oder Liverpool kennen wir gut, weil wir dort schon gedreht haben. Und in London wollten wir die Geschichte nicht erzählen, dort gibt es zwar auch große Probleme, aber die sind anders geartet. Außerdem ist es gut, mal über die Hauptstadt hinauszublicken. Newcastle besitzt einen großen kulturellen Reichtum, genau wie Liverpool oder Glasgow – große Küstenstädte. Sie haben wunderbar kinotaugliche Orte, die Kultur ist sehr ausdrucksstark und die Sprache intensiv. Außerdem gibt es in diesen Städten ein großes Gespür für Widerstand, Generationen von Kämpfen haben ein starkes politisches Bewusstsein entwickeln lassen.

Bitte beschreiben Sie den Charakter von Daniel Blake – wer ist er und was ist seine Zwangslage?
Dan ist ein Mann, der sehr lange als Schreiner gearbeitet hat, ein ausgebildeter Handwerker. Er hat auf großen und kleinen Baustellen gearbeitet sowie als Tischler; in seiner Freizeit arbeitet er immer noch gerne mit Holz. Aber seine Frau ist gestorben, und er hatte einen Herzinfarkt, bei dem er beinahe von einem Gerüst gefallen wäre. Er befindet sich in der Rehabilitation und darf noch nicht arbeiten, hat also von daher Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Der Film erzählt nun, wie er versucht zu überleben, weil er in seiner körperlichen Verfassung für arbeitstauglich befunden wird. Ein robuster, humorvoller Mann, der es gewohnt ist, seine Privatsphäre zu schützen.

Und wer ist Katie?
Katie ist eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie hat in einem Obdachlosenasyl in London gelebt, bis die lokalen Autoritäten ihr eine Wohnung im Norden verschafft haben. Dafür erhält sie Wohngeld, das heißt, dass die örtlichen Behörden nichts bezahlen müssen. Die Wohnung ist gut, wenn auch renovierungsbedürftig. Doch dann kippt sie aus dem Wohlfahrtssystem und gerät sofort in Schwierigkeiten – ohne Familie, ohne Unterstützung, ohne Geld. Katie ist eine Realistin. Sie beginnt zu verstehen, dass es ihre eigene Verantwortung ist, irgendwie zu überleben.

Im Film geht es hauptsächlich um eine erstickende Bürokratie. Wie setzt man so etwas in Szene?
Dieses Prinzip ist uns fast allen bekannt, ich hoffe, dass das die Geschichte trägt. Es geht um den Frust und den schwarzen Humor, wenn man versucht, mit einer Bürokratie umzugehen, die so offenkundig dumm und nur dafür da ist, dich in den Wahnsinn zu treiben. Ich denke, wenn man das wahrhaftig erzählt und zugleich zwischen den Zeilen liest, welche Art von Beziehung zwischen den Menschen über einen Schreibtisch hinweg oder durchs Telefon entsteht – das Alles sollte das Komische daran aufdecken, das Grausame – und am Schluss auch das Tragische. „Die Armen sind an ihrer Armut selbst schuld“ – dieser Satz zementiert die Macht der Regierenden.

Als Sie Dave Johns und Hayley Squires gecastet haben – was von Ihrem Dan und Ihrer Katie haben Sie in Ihnen gesucht?
Also, bei Dan suchten wir nach dem Normalbürger mit gesundem Menschenverstand. Er ist jeden Tag zur Arbeit gegangen, seine Kollegen waren Kumpels, mit ihnen und ihren Witzen kam er durch den Tag. Das war sein Leben, bis seine Frau Unterstützung benötigte und er krank wurde. Neben dem Humor wollten wir also auch jemanden Sensiblen und Differenzierten.
Auch Katie ist jemand, der durch die Umstände geprägt ist. Sie ist realistisch und hat Potenzial; sie hat versucht zu studieren, ist aber in der Schule gescheitert und probiert es nun an einer Offenen Universität. Wir haben also jemand Sensiblen gesucht, der trotzdem Mumm und Courage hat. Und, in Verbindung mit Dan, absolut authentisch ist.

Dave Johns ist Stand-up Comedian und Schauspieler. Warum haben Sie ihn als Dan besetzt?
Der traditionelle Stand-up Comedian hat seine Wurzeln in der Arbeiterklasse, und das Komödiantische resultiert aus dieser Erfahrung. Der Humor kommt oft aus dem Elend, man macht Witze über den Kampf ums Überleben. Außerdem besitzen Komiker ein exzellentes Timing, über ihr Timing definieren sie sich. Zudem haben sie eine gut entwickelte Stimme und eine starke Persönlichkeit, genau danach haben wir gesucht. Dave hat das alles. Er stammt aus Byker, wo wir einige Szenen gedreht haben, er ist ein „Geordie“, spricht den Newcastler Dialekt. Und er ist im richtigen Alter – ein Mann aus der Arbeiterklasse, der uns zum Lächeln bringt.

Wie sind Sie auf Hayley Squires als Katie gekommen?
Wir haben sehr viele Frauen getroffen, die alle auf die eine oder andere Weise interessant waren, aber auch hier war uns wichtig, dass Hayley eine Frau aus der Arbeiterklasse ist, und sie war schlicht brillant. Egal, was wir ausprobierten, sie lag immer genau richtig. Sie verbirgt nicht, wer sie ist und nimmt kein Blatt vor den Mund, sie ist einfach eine ehrliche Haut, durch und durch.

Wir waren die Dreharbeiten?
Hier ist wichtig zu wissen, dass Pauls Bücher immer sehr präzise sind, und voller Leben. Das heißt, wir drehen selten Material, das wir dann nicht benutzen. Das Schwierige am Drehen ist die Planung. Die genaue Vorbereitung, alles zu organisieren, die Besetzung und die Drehorte klar zu machen vor dem Dreh. Um das zu bewerkstelligen, braucht man eine Gruppe von Menschen, die das Projekt genau versteht und sich ihm kreativ hingibt. Und genau das gab es bei uns: unglaublichen Einsatz von jedem und sehr viel Humor. Das hält dich am Laufen, denn du weißt, dass all deine Anstrengungen produktiv sind. Mit guten Freunden zu arbeiten ist ein Genuss, und ganz entscheidend: Eine kleine Kaffeemaschine hat uns überallhin begleitet: Ein guter Espresso brachte uns alle durch den Tag.

Sie haben ihre Methode des Schnitts für diesen Film verändert. Warum und wie?
Wir haben viele Jahre auf Filmmaterial geschnitten, hatten aber den Eindruck, dass die Infrastruktur langsam ausstirbt, um auf Film zu schneiden. Das Hauptproblem waren die Kosten, um die Sound- und Filmmuster zu drucken. Die waren höher als ich verantworten konnte, also haben wir widerwillig mit Avid geschnitten. Das hat Vorteile, aber ich hatte den Eindruck, das der herkömmliche Filmschnitt die humanere Arbeitsmethode ist: Am Ende des Tages sieht man, was man geschafft hat. Mit Avid scheint es schneller zu gehen, aber ich denke, insgesamt spart man keine Zeit. Ich finde einfach die fühlbare Qualität bei Film interessanter.

Hoffen Sie mit Ihren Filmen etwas zu verändern, und wenn ja, was bedeutet das im Fall von ICH, DANIEL BLAKE?
Tja, es gibt doch diesen alten Spruch: „Agitiere, erziehe, organisiere“ („Agitate, Educate, Organize“). Mit einem Film kann man zwar agitieren, erziehen eher weniger, aber man kann Fragen stellen. Organisieren kann man gar nicht, aber eben agitieren. Und genau das ist das Ziel, denn sich mit Dingen zufrieden zu geben, die nicht zu tolerieren sind, ist keine Option. Figuren, die in Situationen gefangen sind, in denen sie der implizierte Konflikt fertigmacht – das ist die Essenz des Dramas. Und wenn man das Dramatische in Situationen findet, die nicht nur universell sind, sondern auch einen direkten Bezug zur realen Welt haben – umso besser. Ich glaube, Wut kann sehr produktiv sein, wenn man sie zu nutzen weiß. Eine Wut, die das Publikum mit etwas Ungelöstem, Herausforderndem zurücklässt, mit dem Anreiz etwas zu unternehmen.

Wir feiern dieses Jahr das 50. Jubiläum Ihres Films CATHY COME HOME. Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesem Film und ICH, DANIEL BLAKE?
Es sind beides Geschichten über Menschen, die ernsthaft unter der ökonomischen Situation leiden, in der sie sich befinden. Auf dieses Motiv sind wir wieder und wieder zurückgekommen, aber selten so direkt wie in ICH, DANIEL BLAKE. Die Art des Filmemachens im Vergleich zu CATHY COME HOME ist natürlich eine völlig andere. Bei CATHY sind wir mit einer Handkamera herumgerannt, haben eine Szene entwickelt und gedreht – das war’s. Der Film wurde in drei Wochen gedreht.
In ICH, DANIEL BLAKE sind die Charaktere viel genauer erforscht. Katie und Dan befinden sich beide in Not. Zum Ende hin reichen ihre natürliche Fröhlichkeit und Widerstandsfähigkeit nicht aus. Politisch gesehen ist deren Welt noch grausamer als die von Cathy. Die Marktwirtschaft hat uns erbarmungslos in dieses Desaster geführt – sie konnte gar nicht anders. Sie erzeugt eine verwundbare Arbeiterklasse, die leicht auszubeuten ist. Diejenigen, die ums Überleben kämpfen, werden mit Armut konfrontiert. Es ist entweder ein Fehler des Systems oder ein Fehler der Betroffenen. Doch die Verantwortlichen wollen das System nicht ändern, also müssen sie sagen, dass die Betroffenen schuld sind.
Im Rückblick sollten wir nicht sehr überrascht sein, wie sich alles entwickelt hat. Die Frage ist: Was können wir dagegen tun?


PAUL LAVERTY ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON ICH, DANIEL BLAKE

Die Produzentin Rebecca O’Brien und ich hatten uns schon gedacht, dass es nicht lange dauern würde, bis sich Ken Loach nach JIMMY‘S HALL wieder in einen neuen Stoff verbeißen würde, trotz der Gerüchte, er würde aufhören. Wir hatten Recht. Es war ein gehaltvoller Cocktail, der sich dann zu dem zusammenbraute, was schließlich ICH, DANIEL BLAKE wurde.

Die ununterbrochene und systematische Kampagne der rechten Presse gegen jeden, der auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, fiel uns ins Auge – unterstützt von einem ganzen Haufen giftiger TV-Sendungen, die auf diesen Zug aufsprangen. Das meiste davon war krude Propaganda, die die Not von meist armseligen Figuren genüsslich und lüstern ausbreitete. Und noch besser war es, wenn es sich dabei um Alkoholiker handelte, denn dann konnte man sich ja sicher sein, dass hier Steuergelder verschleudert wurden. Kein Wunder, dass das alles zu einer unglaublich verzerrten Sicht führte. Studien besagten, dass der Normalbürger der Ansicht ist, dass hinter rund 30 Prozent der staatlichen Unterstützung betrügerische Absichten stecken. In Wahrheit sind es nur 0,7 Prozent. Es hat uns nicht überrascht zu erfahren, dass viele Bezieher von staatlicher Unterstützung gedemütigt und beschimpft wurden, zudem war eine beträchtliche Anzahl physischer Gewalt ausgesetzt.

Diese manipulierte Verzerrung stimmte perfekt mit der strengen Handhabung der Regierung überein, Sparmaßnahmen im sozialen Bereich wurden ein bevorzugtes Ziel. (…) Nur 3 Prozent des Sozialhaushalts gehen an Arbeitslose, während die Älteren, bevorzugt Tory-Wähler, 42 Prozent des Budgets als Renten einfahren.

Aber der unmittelbare Funke für diese Geschichte sprang über, als Ken anrief und mich bat, ihn bei einer Reise nach Nuneaton, den Ort seiner Kindheit, zu begleiten. Dort steht er in enger Verbindung mit einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Obdachlose kümmert. Wir trafen leidenschaftliche Mitarbeiter, die uns einige der jungen Leute vorstellten, mit denen sie arbeiten. Ein Typ erzählte uns seine ganze Lebensgeschichte. Seine beiläufige Erwähnung von Hunger und die aufkommende Übelkeit und der Schwindel, als er versuchte zu arbeiten – wie üblich mit einem „Null-Stunden-Vertrag“ für eine riskante Arbeit auf Abruf –, haute uns echt um.

Bei unseren Reisen durch das Land führte ein Kontakt zum nächsten und man erzählte uns viele Erlebnisse. Essensvergabe-Tafeln entwickelten sich zu einer reichen Quelle für Informationen. Schon bei den Recherchen zu MY NAME IS JOE oder SWEET SIXTEEN und sogar schon bei Kens früheren Filmen hat uns die Not fertig gemacht. Einer der großen Unterschiede war jetzt die neue Welt der Tafeln. Uns wurde klar, dass sich immer mehr Menschen mittlerweile zwischen Essen und Wärme entscheiden müssen. In Schottland trafen wir einen bemerkenswerten Mann, prinzipientreu und wortgewandt, der sich strikt weigerte, nutzlose Sozialarbeiten zu verrichten. Er wurde vom Sozialamt ununterbrochen sanktioniert. Er schaltete nie seine Heizung ein, überlebte mit den billigsten Dosen von Lidl und wäre im Februar 2015 beinahe erfroren. Wir hörten von Zwangsräumungen bei Mietern, die es gewagt hatten, sich über Mängel zu beschweren. Man erzählte uns von Fällen, in denen Armen aus London Bleiben außerhalb der Hauptstadt angeboten wurden – eine spezielle Methode der sozialen Säuberung. Und es war uns unmöglich, dieses Echo von CATHY COME HOME zu ignorieren, den Ken und seine Kollegen vor 50 Jahren gedreht hatten, obwohl Ken und ich nie darüber gesprochen hatten. (…)

Bei den Recherchen trafen wir auf Menschen, die ihren Job riskiert haben, weil sie uns halfen. Angestellte von Ämtern, die uns anonym mitteilten, wie angeekelt sie sind, weil sie gezwungen werden, Sanktionen durchzuführen. Der Mitarbeiter eines Arbeitsamtes zeigte mir einen Ausdruck, der auflistete, wie viele Sanktionen er und seine Kollegen verfügt hatten – zusammen mit einem Schreiben seines Vorgesetzten, der sich darüber beklagte, dass nur drei „Arbeitsvermittler“ im vergangenen Monat genügend Sperren verfügt hätten. Wenn sie nicht mehr Sanktionen umsetzen würden, drohte man ihnen mit dem nach George Orwell klingenden „Personal Improvement Plan“. Fürs Protokoll: Lassen Sie mich jene Verantwortlichen der Sozialämter und deren politischen Vorgesetzten ansprechen, die vor dem englischen und schottischen Parlament belegt haben, dass es keine Zielvorgaben für Sanktionen gibt: „Sie sind schamlose Lügner, die sich hinter Juristenvokabular verstecken, und Ihre Mitarbeiter wissen das!“ Vielleicht hat es keine ganz genauen Vorgaben gegeben, aber klare Anforderungen und „Erwartungen“, man wurde gezwungen, die Sanktionszahlen zu erhöhen.

Essen, Wärme, Zuhause – die Grundbedürfnisse seit Menschengedenken. Vom Bauch her wussten wir: Dieser Film muss ungemütlich werden, urwüchsig.

(…) Die Figuren Daniel Blake und Katie Morgan basieren nicht auf einer realen Person, die wir getroffen haben. Drehbücher können nicht einfach von der Essensvergabe oder der Spendenschlange kopiert werden. Dan und Katie sind fiktional, aber in ihnen steckt all das bisher Erzählte und mehr. Sie sind von den hunderten anständigen Frauen, Männern und deren Kinder inspiriert, die ihre privaten Geschichten mit uns geteilt haben. Mir fallen die Gesichter von wortgewandten intelligenten Leuten ein, eingeschüchterte Menschen, ältere Leute, gequält durch die Komplexität des Systems und die neuen Technologien – viele Mitarbeiter in Arbeitsämtern sagten uns, sie hätten gerne mehr geholfen, wurden aber von Vorgesetzten davon abgehalten, damit die „Kundenfrequenz“ nicht zu leiden hatte. Da sind junge Menschen, die viel zu früh die Hoffnung verloren haben. (…). Sie alle versuchen ihre Würde zu bewahren während sie in etwas gefangen sind, das man irrtümlicherweise als Fürsorge bezeichnet, das aber eher dem Fegefeuer ähnelt.

Es hat in unserer Gesellschaft schon immer boshafte Tendenzen des Staatsterrors im Umgang mit den Schutzlosen gegeben. Man denke nur an die Arbeitshäuser des 19. Jahrhunderts, als man Mütter und Väter von ihren Kindern trennte, nur um sicher zu gehen, dass die Mehlsuppe mit genügend Grausamkeit gewürzt war.
Reverend Joseph Townsend, ein Vikar aus dem 18. Jahrhundert, hat es folgendermaßen zusammengefasst: „Hunger zähmt auch die wildesten Tiere. Er lehrt uns Anstand und Höflichkeit, Gehorsam und Unterwerfung. Nur der Hunger kann die Armen zur Arbeit anspornen.“



DAVE JOHNS UND HAYLEY SQUIRES ÜBER DAN UND KATIE

Herr Johns, wer ist Dan?
Dan ist Ende 50 und ein Typ, der sein ganzes Leben als Zimmermann gearbeitet hat. Er ist stolz auf seine Arbeit und schnitzt diese kleinen Holzfische in seiner Freizeit. Er ist ein ehrlicher Kerl, immer geradeaus, und er hat Sinn für Humor. Ein würdevoller Mann, der immer auch das tut, was er sagt. Er hat sich aufopferungsvoll um seine psychisch kranke Frau gekümmert, doch seitdem sie tot ist, fühlt er sich ein wenig verloren. Dann bekommt er diesen Herzinfarkt, und der Arzt verbietet ihm zu arbeiten. Plötzlich muss er sich mit Autoritäten, diesen Paragraphenreitern herumärgern, die sich nicht umstimmen lassen. Das lässt ihm die Nackenhaare zu Berge stehen, aber er versucht, auf seine Art damit umzugehen: aufrichtig, würdevoll und mit Humor. Doch das wird für ihn immer schwieriger, denn sie haben alle Trumpfkarten in der Hand.
Das System reibt ihn allmählich auf. Dann begegnet er Katie, die mit ihren beiden Kindern aus London hergezogen ist, und sie werden Freunde. Sie steckt in der Klemme, und womöglich sieht er die Schuld zuerst bei ihr. Er will ihr helfen, obwohl er zunächst gar nicht begreift, dass es ihm selbst auch dreckig geht.

Frau Squires, wer ist Katie?
Katie ist eine 27-jährige Frau aus dem Süden Londons, die eine zehnjährige Tochter und einen siebenjährigen Sohn hat. Sie ist ein helles Köpfchen und will lernen, doch zwei Jahre vor ihrem Umzug nach Newcastle wurde sie in London zwangsgeräumt. Sie hatte von privat ein Haus gemietet, sich darüber beschwert, dass der Boiler nicht funktioniert, und wurde vom Vermieter hinausgeworfen – solche Vorkommnisse sind in London gerade weit verbreitet. Sie musste also ihr Haus verlassen und wurde von der Kommune in ein Obdachlosenasyl gesteckt. Zwei Jahre hat sie dort zugebracht, bevor sich die Kommune meldete und sagte: „Wir haben eine Bleibe für Sie, aber die ist in Newcastle.“ Sie hatte keine Wahl und musste dort hinziehen. Aber sie ist noch nie in Newcastle gewesen. Ihre Mutter ist in London, es geht ihr nicht gut, Katie hat also niemanden da oben.
Das erste Mal begegnen wir Katie, als sie im Jobcenter einen Termin wegen des Umzugs hat, um die neue Adresse anzugeben und die Arbeitslosenpapiere durchzusehen. Doch leider kommt sie eine halbe Stunde zu spät, weil sie sich mit den Kindern in der fremden Stadt verlaufen hat. Und dann wird ihr gesagt, dass sie sanktioniert wird. Das bedeutet, dass sie einen Monat lang überhaupt kein Geld haben wird.

BIO- & FILMOGRAPHIEN

DAVE JOHNS (DANIEL BLAKE)

Dave Johns wurde 1957 in Wallsend im Nordosten Englands geboren und ist ein gefeierter Stand-up Comedian, Schauspieler und Autor. Neben Theaterrollen in „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Die zwölf Geschworenen“ und „Die Verurteilten“ tritt er regelmäßig in englischen Comedysendungen im Fernsehen oder in Londoner Improvisations-Shows auf; zudem geht er regelmäßig mit Soloprogrammen auf Tour in der ganzen Welt. ICH, DANIEL BLAKE ist das Kinodebüt von Dave Johns. Seine Homepage: www.davejohns.net.

Filmografie (Auswahl)

1995         Mud (TV-Serie, Tom Poole)
1997         Rag Nymph (TV-Mini-Serie, David Wheatley)
1998         Harry Hill (TV-Serie, Robin Nash)
        Colour Blind (TV-Mini-Serie, Alan Grint)
2001         Time Gentlemen Please (TV-Serie, Richard Boden)
2002-2005    Never Mind the Buzzcocks (TV-Serie, diverse Regisseure)
2006         8 Out of 10 Cats (TV-Serie, Andrew Westweel (Produzent))
2010        George Gently – Der Unbestechliche (TV-Serie, Daniel O‘Hara)
2013        8 Out of 10 Cats Does Deal or No Deal (TV-Film, Ollie Bartlett)
2016         ICH, DANIEL BLAKE (Ken Loach)



HAYLEY SQUIRES (KATIE)

Hayley Squires, 28, wurde im Süden Londons geboren, sie ist Film- und Theaterschauspielerin und Autorin. Das von ihr verfasste Stück, die schwarzhumorige Komödie „Vera, Vera, Vera“, wurde 2012 im Londoner Royal Court Theatre aufgeführt. Ihr Kinodebüt feierte sie 2014 mit dem Drama BLOOD CELLS. Es folgte 2015 die auch in Deutschland gelaufene historische Komödie A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN. 2016 drehte Katie Squires neben ICH, DANIEL BLAKE das Drama AWAY.

Filmographie (Auswahl)

2012        Call the Midwife – Ruf des Lebens (TV-Serie, Philippa Lowthorpe)
2013        Complicit (TV-Film, Niall MacCormick)
2013        Southcliffe (TV-Mini-Serie, Sean Durkin)
2014        BLOOD CELLS (Joseph Bull, Luke Seomore)
2015        A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN (Julian Jarrold)
2016        Murder (TV-Mini-Serie, Paul Wright)
2016        AWAY (David Blair)
2016        ICH, DANIEL BLAKE (Ken Loach)



KEN LOACH (REGIE)
 
Kenneth Loach wurde am 17. Juni 1936 in Nuneaton in der englischen Grafschaft Warwickshire geboren. Er besuchte in seiner Schulzeit die King Edward VI. Grammar School und studierte später Jura in St. Peter‘s Hall in Oxford. Er verließ aber den eingeschlagenen Weg wieder und ging eine Zeit lang als Schauspieler mit einem Tourneetheater auf Reisen. 1963 begann Ken Loachs Regiekarriere bei der BBC. Gemeinsam mit Produzent Tony Garrett entwickelte er für die Reihe „Wednesday Play“ zahlreiche Fernsehfilme, die durch ihren dunklen, erbarmungslosen Realismus auffielen (insbesondere „Up the Junction“ und „Cathy Come Home“). Sein Doku-Drama „Cathy Come Home“ provozierte 1966 eine vehemente Diskussion, und schließlich änderte die britische Regierung sogar ihre Obdachlosen-Gesetze. Sein Kinodebüt Poor Cow war noch in einem ähnlichen, unbarmherzigen semi-dokumentarischen Stil gedreht, den er bei seinem 1969 inszenierten Kes etwas lockerte. Die Verfilmung des Bestsellers über einen Jungen und den von ihm trainierten Falken ist ein britischer Kultklassiker. In den 70er-Jahren arbeitete Loach wieder vor allem fürs Fernsehen, bevor er in den 80ern zum Kino zurückfand. In den 90ern wurde Loachs Riff Raff genauso mit dem Felix als Bester europäischer Film ausgezeichnet wie sein Land and Freedom.

Raining Stones gewann 1993 den Jury-Preis in Cannes, Bread and Roses lief dort 2000 im Wettbewerb, und mit The Wind That Shakes the Barley gewann er 2006 die Goldene Palme. Seine größten Kino-Erfolge waren Land and Freedom, Bread and Roses, The Navigators und vor allem AE FOND KISS. Für My Name is Joe gewann er den British Independent Film Award, und sein Film It's a Free World (2007) wurde bei den 64. Filmfestspielen von Venedig mit der Goldenen Osella für das Beste Drehbuch, dem EIUC- und SIGNIS-Award ausgezeichnet. Looking for Eric wurde 2009 ebenfalls auf dem Filmfest in Cannes vorgestellt. Es folgten 2012 die vergnügliche Whiskey-Komödie THE ANGELS’ SHARE, 2013 der Dokumentarfilm THE SPIRIT OF ’45 über das Zusammenwachen der britischen Gesellschaft während des II. Weltkriegs und 2014 das historische Drama JIMMY’S HALL.

In seiner bemerkenswerten und langen Karriere ist Ken Loach sich selbst und seinen Idealen immer treu geblieben. Seine Filme sind mal warmherzige, mal bittere Geschichten, die meist vom Leben selbst geschrieben wurden. Politisch, parteiisch und persönlich sind Loachs Arbeiten, und immer hat sich der renommierte Filmemacher als Chronist und Ankläger sozialer und politischer Missstände und als eindringlicher Erzähler bewiesen.

Ken Loach arbeitete zudem mit zahlreichen Stars des internationalen Kinos zusammen und hat ein untrügliches Gespür für schauspielerisches Talent – so entdeckte er beispielsweise heutige Größen wie Adrien Brody, Robert Carlyle oder Cillian Murphy. Seit Carla’s Song (1996) arbeitet Ken Loach eng mit dem Drehbuchautoren Paul Laverty zusammen. So auch für ICH, DANIEL BLAKE, mit dem Loach 2016 zum zweiten Mal die begehrte Goldenen Palme von Cannes gewann.

Filmographie (Auswahl)

1966    Cathy Come Home (TV)
1967    Poor Cow (Poor Cow – Geküsst und geschlagen)
1969    Kes
1972    Family Life
1979    Black Jack (Black Jack, der Galgenvogel)
1977    Looks and Smiles
1986    Fatherland (Vaterland)
1990    Hidden Agenda  (Geheimprotokoll)    
1991    Riff-Raff
1993    Raining Stones
1994    Ladybird Ladybird
1995    Land and Freedom
1996     Carla’s Song
1996    The Flickering Flame (Die Docker von Liverpool)
1998    My Name is Joe (Mein Name ist Joe)       
2000    Bread and Roses (Brot und Rosen)
2001    The Navigators (Geschichten von den Gleisen)
2002    Sweet Sixteen
2002    11’09’01 (Segment)
2003    AE FOND KISS (Just a Kiss)
2005/6    The Wind That Shakes The Barley
2007    Happy Ending (Kurzfilm)
2007    It’s a Free World
2009    LOOKING FOR ERIC
2011    ROUTE IRISH
2012    THE ANGELS’ SHARE (ANGEL’S SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE ENGEL)
2013    THE SPIRIT OF ‘45
2014    JIMMY’S HALL
2016    I, DANIEL BLAKE (ICH, DANIEL BLAKE)


PAUL LAVERTY (DREHBUCH)

Seit genau 20 Jahren ist Paul Laverty der Drehbuchautor an Ken Loachs Seite und seitdem an fast allen Projekten Loachs beteiligt. Laverty kam 1957 als Sohn einer Irin und eines Schotten in Kalkutta zur Welt. Vor seiner Karriere als Drehbuchautor studierte er zunächst Philosophie in Rom und anschließend Jura in Glasgow. Laverty blieb dort zunächst als Anwalt, und war danach für eine Menschenrechtsorganisation in Lateinamerika tätig. In CARLA’S SONG flossen viele seiner Erlebnisse und Beobachtungen ein. 1998 wurde Laverty bei den British Independent Awards mit dem Preis für das Beste Drehbuch (MY NAME IS JOE) ausgezeichnet, 2002 bekam er die Auszeichnung für das Beste Drehbuch in Cannes für SWEET SIXTEEN, und 2004 wurde sein Drehbuch für JUST A KISS für den Europäischen Filmpreis nominiert. 2012 erhielt sein Drehbuch zu THE ANGEL’S SHARE den BAFTA Award in Schottland. Für seine Lebensgefährtin, der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín, erarbeitete er bislang zwei Drehbücher: zu TAMBIÉN LA LLUVIA – UND DANN DER REGEN (2010) und jüngst zu EL OLIVO – DER OLIVENBAUM. Bei Bollaíns KATMANDU fungierte er 2011 als Koautor. ICH, Daniel BLAKE ist die 14. gemeinsame Arbeit mit Ken Loach.

Filmographie (Auswahl)

1996     Carla’s Song (Ken Loach)
1996    The Flickering Flame (Die Docker von Liverpool) (Ken Loach)
1998    My Name is Joe (Mein Name ist Joe)     (Ken Loach)
2000    Bread and Roses (Brot und Rosen) (Ken Loach)
2001    The Navigators (Geschichten von den Gleisen) (Ken Loach)
2002    Sweet Sixteen (Ken Loach)
2002    11’09’01 (Segment, Ken Loach)
2003    AE FOND KISS (Just a Kiss) (Ken Loach)
2005    TICKETS (Abbas Kiarostami, Ken Loach, Ermanno Olmi)
2005/6    The Wind That Shakes The Barley, (Ken Loach)
2007    It’s a Free World (Ken Loach)
2009    LOOKING FOR ERIC (Ken Loach)
2010    TAMBIÉN LA LLUVIA – UND DANN DER REGEN (Icíar Bollaín)
2011    ROUTE IRISH (Ken Loach)
2012    THE ANGELS’ SHARE (ANGEL’S SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE     ENGEL) (Ken Loach)
2013    THE SPIRIT OF ’45 (Ken Loach)
2014    JIMMY’S HALL (Ken Loach)
2016    EL OLIVO – DER OLIVENBAUM (Icíar Bollaín)
2016    I, DANIEL BLAKE (ICH, DANIEL BLAKE) (Ken Loach)




AUSGEWÄHLTE PRESSESTIMMEN

„Einer von Loachs besten Filmen“
„Ein Film mit einer ergreifenden Relevanz “
Variety

„Schon jetzt ein Klassiker“
The Times

„Reich an Integrität und Herz “
The Hollywood Reporter

„Scharfsinnig und lustig – extrem bewegend“
The Independent

„Ein Film mit einer kraftvollen, einfachen Würde”
The Guardian

„Herausragende schauspielerische Leistungen“
The Wrap

„Solidarität ist manchmal eine große Angelegenheit. Ken Loach nimmt sie unter seine Obhut. Seine Wut ist intakt. Sein Film hat eine Würde und Dichte, die ins Schwarze trifft.“
Le Figaro

„Das ist Loach, der Humorist, der Dramatiker, der Aktivist, der aus allen Zylindern geleichzeitig feuert."
The Village Voice

„Ein Film zum Lachen, Weinen und Nachdenken. Großartig.“
OutNow

„Ergreifend, aber niemals rührselig“
„Dieser Loach 2016 – ein Werk von öffentlichem Interesse –  ist ein sehr guter Jahrgang, der von zwei großartigen Schauspielern getragen wird.“
L‘Express

„Ein Film mit einer klaren Mission. Gleichermaßen humorvoll, wütend und leidenschaftlich“
Time Out New York

„Eines der schlausten, ehrlichsten und einflussreichsten Dramen, die es in letzter Zeit zu sehen gab.“
The Hollywood News

„Eine berührende Geschichte, die geladen ist mit absoluter Dringlichkeit.“
Indie Wire

„Ein Film voller Wut, aber auch voll Menschlichkeit, der sich nie der Schwarzmalerei hingibt, sondern immer noch einige gute Momente der Komik parat hat.“
Nice Matin
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 10.11.2016
DIE REISE MIT VATER
Ab 17. November 2016 im Kino
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DIE REISE MIT VATER ist eine bewegende Geschichte und sie spielt in einem bewegten Jahr – 1968. Vor dem Hintergrund des „Prager Frühlings“ erzählt sie von Rumäniendeutschen aus Arad (Rumänien) – zwei ungleichen Brüdern und ihrem Vater – die sich auf eine Reise in die DDR begeben.

Ein Film von Anca Miruna Lăzărescu

Der junge Arzt Mihai (Alex Mărgineanu) hält seit dem Tod der Mutter seine Familie zusammen. Sein jüngerer Bruder Emil (Răzvan Enciu) rebelliert gegen die staatlichen Autoritäten und sein schwerkranker und langsam erblindender Vater William (Ovidiu Schumacher) ist des Lebens überdrüssig.
Auf Drängen von Mihai soll sich der Vater einem lebensrettenden Eingriff in der DDR unterziehen. Mihai besorgt mit größter Mühe Reisepässe, um die Operation zu ermöglichen, und sie fahren los. Doch kaum in Ostdeutschland angekommen, werden sie von sowjetischen Panzern überrascht, die in die CSSR einmarschieren – die Grenzen zurück in die Tschechoslowakei werden geschlossen. Die Drei landen in einem von der DDR-Bereitschaftspolizei bewachten Touristen-Auffanglager. Mihai lernt dort die Münchner Studentin Ulli (Susanne Bormann) kennen, ist von ihr fasziniert: Sie ist all das, was er nicht ist und besitzt Dinge, von denen er nicht einmal zu träumen wagt.
Die Familie erhält ein Transitvisum und findet sich völlig unvorbereitet in der BRD wieder. Hier stellt sich die große Frage: Im Westen bleiben oder nach Rumänien zurückkehren?
DIE REISE MIT VATER ist eine Tragikomödie, die von der Liebe und der Freiheit handelt. Und davon, dass es manchmal im Leben unmöglich erscheint, beides miteinander zu vereinen. Und die Geschichte handelt von einer lebensgroßen Entscheidung und dem großem Mut, diese zu treffen.
Im „sozialistischen“ Rumänien startend, spannt der Film in einer Art Roadmovie den Bogen über die DDR hinweg, erzählt ganz nebenbei die tragische Zerschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei, um mit voller Wucht in Westdeutschland, im chaotischen München von 1968, zu landen.
Am Ende stellt sich die einfache Frage: Wie frei muss man sein, um Freiheit zu wählen?

Pressenotiz
DIE REISE MIT VATER lässt den Zuschauer in einen der bedeutendsten Jahre des letzten Jahrhunderts eintauchen, voller Ereignisse, die bis in die heutige Zeit ihre Schatten werfen. Der Geschichte gelingt es, einen Mikrokosmos zu erschaffen, der die Welt von 1968 aus vielen verschiedenen Perspektiven greifbar macht. Scheinbar mühelos werden in ihm große historische Zusammenhänge als Hintergrund einer unterhaltsamen Handlung dargestellt – das Erleben eines großen Kapitels junger europäischer Geschichte, ohne daraus eine Geschichtsstunde zu machen – und alles mit einer guten Prise Ironie gewürzt.
Nach ihrem mit über 80 Preisen ausgezeichneten Kurzfilm SILENT RIVER legt Anca Miruna Lăzărescu mit DIE REISE MIT VATER ihr Spielfilmdebüt vor – ein berührender Film, der auf der Geschichte ihres Vaters beruht.
DIE REISE MIT VATER wurde dieses Jahr auf dem Filmfest München in der Reihe NEUES DEUTSCHES KINO vorgestellt und mit dem Spezialpreis der Förderpreis-Jury für die beste Musik sowie mit einer Lobenden Erwähnung des ONE-FUTURE-PREISES ausgezeichnet.


Warum diese Geschichte? - Kommentar von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu

Als mein Vater 18 Jahre alt war, durfte er zum ersten Mal gemeinsam mit seinen Eltern – meinen Großeltern – eine Reise in die DDR antreten. Es war das erste Mal, dass er sein Land verlassen durfte. 1968 hatte der seit drei Jahren regierende Nicolae Ceaușescu für kurze Zeit die Reisebestimmungen gelockert und das Jahr als „Internationales Tourismusjahr“ ausgerufen. Auch wenn "nur" hinter dem Eisernen Vorhang, es sollte ein schöner Sommerurlaub werden, bevor das letzte Schuljahr meines Vaters anstand und er nach dem Abitur flügge werden würde. Es wurde aber kein Urlaub. Denn als Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten und jeglichen Traum der Menschen im Osten auf einen menschlichen Sozialismus zerstörten, wurde meine Familie in ein Auffanglager nahe Dresden gebracht und dort festgehalten, gemeinsam mit 50 weiteren rumänischen Familien und anderen ausländischen Touristen. Erst als der rumänische Botschafter aus Ostberlin anreiste und die Rumänen herausholte, konnten sie wieder aufatmen.
Da ostdeutsche Truppen an dem Einmarsch beteiligt waren und Nicolae Ceaușescu sich als einziges Staatsoberhaupt hinter dem Eisernen Vorhang vehement gegen den Einmarsch ausgesprochen und dafür viel Anerkennung von den westlichen Staaten bekommen hatte, waren die Rumänen auf ostdeutschem Boden nicht mehr erwünscht. Über die ČSSR konnten sie aber auch nicht mehr zurückreisen, da die Grenzen wegen der Intervention geschlossen waren. Und so geschah das eigentlich Unmögliche: Mitten im Kalten Krieg rollten 51 rumänische Familien in ihren staubigen Autos über die innerdeutsche Grenze und landeten in der BRD. Ein Transitivum sollte ihnen die Rückreise über die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Jugoslawien nach Rumänien ermöglichen.
Die zwei Tage im Westen wurden für meine Familie zur Zerreißprobe: Alle drei spürten, dass sie gerade die Chance in den Händen hielten, ihr Leben komplett und unwiderruflich zu ändern. Und alle waren damit heillos überfordert. Meinem Großvater, der Arzt war, wurde eine Stelle in einem Krankenhaus in Aussicht gestellt, meine Großmutter hätte als Lehrerin auch einen Platz gefunden. Mein Vater jedoch, überwältigt von den Ereignissen und den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des Westens, wollte um jeden Preis zurückkehren. Die Rede Ceaușescus hatte ihn stark beeindruckt. Er glaubte felsenfest daran, dass Rumänien die neue CSSR werden konnte, wo ein freies Leben in einem gerechteren Sozialismus möglich wäre. Außerdem war mein Vater verliebt, in seine erste Liebe, Neli. Gemeinsam hatten sie große Pläne. Und so geschah erneut das aus heutiger Sicht Undenkbare: Auf Drängen meines Vaters kehrte meine Familie zurück. Wie übrigens alle anderen 50 rumänischen Familien auch.
Mein Vater und Neli blieben während der Schulzeit zusammen, trennten sich aber, als Neli zum Studieren nach Bukarest ging. Neli wurde nicht meine Mutter. Und Rumänien nicht die neue ČSSR. Ceaușescu etablierte eine der gnadenlosesten und menschenunwürdigsten Diktaturen. Und mein Vater sollte bis zu Ceaușescus Tod den Westen nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Meine Großeltern haben ihrem Sohn nie einen Vorwurf gemacht. Aber mein Vater hat oft verzweifelt versucht, seine Entscheidung zu rechtfertigen – und manchmal zugegeben, dass er es immer bereuen wird, nicht dageblieben zu sein. Und dass es wohl die größte Fehlentscheidung seines Lebens sei. Nach Ceaușescus Sturz 1990 war das erste, was er tat, mit mir und meiner Mutter in den Westen auszuwandern. Als wir hier ankamen, war mein Vater bereits 40, als Elektroingenieur hat er nie wirklich Fuß fassen können in Deutschland. Mal arbeitete er als Securityguard, mal als Speditionsfahrer, dann studierte er wieder, machte seinen Master in Public Health. Kurz bevor er seine Doktorarbeit beenden konnte, starb er 2008 an Krebs.
Aber das ist eine andere Geschichte.


Historischer Hintergrund

Prager Frühling ist die Bezeichnung für die Bemühungen der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubček im Frühjahr 1968, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchzusetzen. Mit dem Begriff des Prager Frühlings verbinden sich zwei gegensätzliche Vorgänge: einerseits der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, andererseits aber auch die gewaltsame Niederschlagung dieses Versuchs durch die am 21. August 1968 einmarschierenden Truppen des Warschauer Paktes.
Nicolae Ceaușescu (1918-1989) war von 1967 bis 1989 Staatspräsident Rumäniens. Zu Beginn seiner Amtszeit war er in Rumänien und der westlichen Welt beliebt und geachtet: Die Industrialisierungspolitik begann in den späten 1960er Jahren zu wirken und Rumänien erlebte eine Zeit des Wohlstands; außenpolitisch betonte Ceaușescu – sehr zum Gefallen der westlichen Welt – die Unabhängigkeit Rumäniens und distanzierte sich in dieser Zeit öffentlich vom Führungsanspruch der Sowjetunion innerhalb der kommunistischen Bewegung. 1967 sorgte Ceaușescu dafür, dass Rumänien das erste Land des sowjetischen Einflussbereichs wurde, das diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufnahm. Damit brüskierte er die Führung der DDR um Walter Ulbricht, die zuvor versucht hatte, ihn von diesem Schritt abzubringen.
Ceaușescu erklärte 1968 zum „Internationalen Tourismusjahr“ und lockerte für kurze Zeit die Reiseeinschränkungen. Für viele Rumänen bedeutete das die Möglichkeit, über die Grenzen ihres Landes hinaus reisen zu können, auch wenn es in den meisten Fällen bei Reisen in Länder des Warschauer Paktes blieb. Den Höhepunkt seiner Popularität erlebte Ceaușescu im August 1968, als er die Teilnahme rumänischer Truppen an der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings verweigerte. Darüber hinaus verurteilte er am 21. August 1968 auf einer Massenveranstaltung in Bukarest die Besetzung der Tschechoslowakei in scharfen Worten.
Im August 1969 besuchte US-Präsident Richard Nixon Rumänien, im Dezember des darauffolgenden Jahres flog Ceaușescu zum Staatsbesuch in die USA. Es folgte die Aufnahme in den Internationalen Währungsfonds und in die Weltbank. 1971 erhielt Nicolae Ceaușescu die höchste von der Bundesrepublik Deutschland für Staatsoberhäupter zu vergebende Auszeichnung, die Sonderstufe des Großkreuzes. Kurze Zeit später entpuppte sich Ceaușescu als unvorhersehbarer, megalomanischer Despot und tyrannischer Herrscher, der Rumänien zu Grunde richtete und aus dem Land einen Polizeistaat machte. 1989 wurde Ceaușescu durch einen Volksaufstand gestürzt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 03.11.2016
PATERSON
Ab 17. November 2016 im Kino
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Ein Film von Jim Jarmusch.  


PATERSON erzählt die Geschichte des Busfahrers Paterson, der genauso heißt wie der Ort, in dem er lebt. Die Kleinstadt in New Jersey und ihre eigentümlichen Bewohner sind die Inspiration für seine Gedichte, die er Tag für Tag in der Mittagspause auf der Parkbank verfasst. Die Welt seiner Frau Laura dagegen ist im ständigen Wandel. Fast täglich hat sie neue Träume, jeder einzelne von ihnen ein anderes, inspirierendes Projekt. Paterson liebt Laura und sie ihn. Er unterstützt ihre neugefundenen Ambitionen und sie bewundert seine Gabe für Poesie.

Mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Barry Shabaka Henley, Clift Smith, Chasten Harmon, William Jackson Harper.
Musik: Sqürl

Der neue Film von Kultregisseur Jim Jarmusch widmet sich mit viel Liebe zum Detail und gewohnt lakonischem Humor seinen skurrilen Figuren, allen voran dem von Shootingstar Adam Driver verkörperten Feingeist Paterson. Durch maximalen Minimalismus gelingt Jarmusch ein buchstäbliches Gedicht von einem Film.

Kommentar des Regisseurs
PATERSON ist eine ruhige Geschichte, ihre zentralen Figuren haben keine wirklich dramatischen Konflikte. Die Struktur ist einfach und folgt lediglich sieben Tagen im Leben der Figuren. PATERSON ist als Feier der Poesie von Details, Variationen und alltäglichen Begegnungen gedacht und als eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino. Es ist ein Film, dem man es erlauben sollte, einfach an einem vorbeizuziehen – so wie Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt, der sich wie eine mechanische Gondel durch eine kleine,
vergessene Stadt bewegt.

Jim Jarmusch (Regie)
2016 GIMME DANGER
PATERSON
2013 ONLY LOVERS LEFT ALIVE
2009 THE LIMITS OF CONTROL
2005 BROKEN FLOWERS
2004 COFFEE AND CIGARETTES
2002 TEN MINUTES OLDER: THE TRUMPET
INT. TRAILER. NIGHT (Short Film)
1999 GHOST DOG: DER WEG DES SAMURAI
1997 YEAR OF THE HORSE
1995 DEAD MAN
1991 NIGHT ON EARTH
1989 MYSTERY TRAIN
1986 DOWN BY LAW
1984 STRANGER THAN PARADISE
1980 PERMANENT VACATION


Adam Driver als Paterson
2016 PATERSON von Jim Jarmusch
MIDNIGHT SPECIAL von Jeff Nichols
2015 STAR WARS: EPISODE VII —
DAS ERWACHEN DER MACHT von J. J. Abrams
2014 GEFÜHLT MITTE ZWANZIG von Noah Baumbach
THIS IS WHERE I LEAVE YOU von Shawn Levy
HUNGRY HEARTS von Saverio Costanzo
2013 SPUREN von John Curran
INSIDE LLEWYN DAVIS von Ethan and Joel Coen
2012 LINCOLN von Steven Spielberg
FRANCES HA von Noah Baumbach
2011 J. EDGAR von Clint Eastwood
2012/16 GIRLS von Lena Dunham (TV-Serie)


Golshifteh Farahani als Laura
2016 PATERSON von Jim Jarmusch
SOPHIE’S MISFORTUNES von Christophe Honoré
2015 TWO FRIENDS von Louis Garrel
2014 EXODUS: GÖTTER UND KÖNIGE von Ridley Scott
EDEN von Mia Hansen-Love
2013 THERE BE DRAGONS – GLAUBE, BLUT UND
VATERLAND von Roland Joffe
MY SWEET PEPPER LAND von Hiner Saleem
JUST LIKE A WOMAN von Rachid Bouchareb
2012 STEIN DER GEDULD von Atiq Rahimi
2011 HUHN MIT PFLAUMEN von Marjane Satrapi und
Vincent Paronnaud
2010 SI TU MEURS, JE TE TUE von Hiner Saleem
2009 ALLES ÜBER ELLY von Asghar Farhadi
2008 SHIRIN von Abbas Kiarostami
DER MANN, DER NIEMALS LEBTE von Ridley Scott



Nellie als Marvin
Unbestrittener Publikumsliebling der PATERSON-Aufführungen in Cannes war die englische Bulldogge Nellie, die im Film Lauras Hund Marvin verkörpert. Leider verstarb sie wenige Monate nach den Filmaufnahmen. Sie wurde als erster Hund posthum mit dem Palm Dog Award ausgezeichnet.
„Dieser Hund war so ein guter Improvisator. Genaugenommen ist es eine Sie. Sie spielt die
Transgender-Rolle Marvin. Sie war erstaunlich gut darin, ihre eigenen Dialoge zu verfassen.“
Jim Jarmusch über Nellie


William Carlos Williams
Großes Vorbild und Idol des Busfahrers Paterson im Film ist der amerikanische Lyriker und Prosa-Autor WILLIAM CARLOS WILLIAMS (17.09.1883 – 4.03.1963), dessen bekanntester Gedichtband „Paterson“ die gleichnamige Industriestadt in New Jersey zu einem der literarisch denkwürdigsten Orte Amerikas erhob.
„William Carlos Williams war Doktor und Kinderarzt. Interessanterweise war er der Arzt von
Robert Smithson, dem großartigen Land-Art-Künstler, der auf tragische Weise jung ums Leben
kam. Er arbeitete Vollzeit, aber er schrieb auch all diese brillanten Gedichte. Seine Philosophie
ist die Poesie der kleinen Details und der Dinge des täglichen Lebens. Eine seiner Gedichtzeilen,
die Method Man von Wu-Tang Clan – der einen Auftritt im Film hat – zitiert, lautet „No ideas but in things“. Das bedeutet, dass man Ideen aus der realen Welt bzw. aus den Details der realen
Welt bezieht. William Carlos Williams war ein wunderbarer Umsetzer dieser Philosophie. Er war sehr wichtig für uns. Seine Philosophie und seine Herangehensweise an Poesie formten den Film. Dass Method Man ihn in dem kleinen Rap, den er für den Film schrieb, zitiert, war keine Idee von mir. Er kam damit zu mir, nachdem er selbst etwas von William Carlos Williams gelesen hatte. So schließt sich der Kreis.“
Jim Jarmusch über William Carlos Williams


Ron Padgett
Die Gedichte, die der Busfahrer Paterson im Film verfasst, stammen aus der Feder von Ron Padgett. Der am 17. Juni 1942 in Tulsa, Oklahoma geborene Dichter zählt zu den Vertretern der New Yorker Schule. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichte und Aufsätze, ist aber auch als Lehrer, Übersetzer und Verleger tätig.
„Ron Padgett ist ein Dichter, den ich liebe, seit ich ihn in den 1970er Jahren entdeckt habe. 1970 war er Mitherausgeber (zusammen mit David Shapiro) von „An Anthology of New York Poets“, das so eine Art religiöses Buch für mich wurde, denn die Dichter der New Yorker Schule gehören zu meinen liebsten in der Geschichte der amerikanischen Poesie. Darunter sind großartige Poeten wie Frank O’Hara, John Ashbery, Kenneth Koch, James Schuyler, natürlich Ron Padgett, David Shapiro. Ich bin seit ein paar Jahren mit Ron Padgett befreundet und ich liebe seine Gedichte. Daher wollte ich, dass die Gedichte, die Paterson im Film schreibt, von Ron Padgett sein sollten. Wir benutzten einige, die bereits existierten, zu denen wir eine Beziehung hatten und bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie von Paterson stammen könnten. Aber Ron schrieb auch neue Gedichte – nur für unseren Film. Ich fühle mich sehr geehrt, Gedichte von Ron Padgett in meinem Film zu haben. Für mich ist er ein Rockstar. Er ist ein unglaublicher Dichter und ein unglaublicher Mann.“
Jim Jarmusch über Ron Padgett
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 27.10.2016
MAGNUS - Der Mozart des Schachs
Ab 10. November 2016 im Kino
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Im Alter von 13 Jahren trifft ein schüchterner Junge aus Norwegen eine Entscheidung: Eines Tages wird er der beste Schachspieler der Welt sein!
Der Dokumentarfilm MAGNUS zeigt den rasanten und einzigartigen Aufstieg des heute 25-jährigen Magnus Carlsen, bekannt als der „Mozart des Schachs“. Dabei gewähren dem Zuschauer erstmals veröffentlichte Archivbilder und private Aufnahmen Einblicke in die Gedankenwelt eines modernen Genies. Angefangen bei seiner Kindheit begleiten wir Magnus Carlsen auf seinem ungewöhnlichen Weg an die Spitze der Schachwelt, einem Weg, geprägt von persönlichen Opfern, außerordentlichen Freundschaften und einer fürsorglichen Familie.
Regisseur Benjamin Ree erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die inspiriert und nicht nur Schach-Fans in ihren Bann zieht.


Ein Film von Benjamin Ree
Mit Magnus Carlsen, Garry Kasparov, Viswanathan Anand


Bereits als kleiner Junge unterscheidet sich Magnus Carlsen stark von seinen gleichaltrigen Klassenkameraden – gedankenverloren verbringt er viel Zeit alleine. Seine Eltern Henrik und Sigrun sorgen sich, bemerken allerdings schnell sein selektives Gedächtnis und starkes Interesse an Zahlen. Als sein Vater dem Fünfjährigen alle Regeln des Schachs beibringt, zeigt Magnus schnell sein außergewöhnliches Talent.
Mit bereits 13 Jahren erlangt Magnus den Großmeistertitel, den „schwarzen Gürtel“ des Denksports. Magnus’ Vater, selbst leidenschaftlicher Schachspieler, weigert sich, seinem Sohn starre Lernmethoden aufzuzwingen und lässt ihm weiterhin seine spielerische Art. Magnus’ Neugier und Faszination für Schach wird somit ausgebaut und seine fabelhafte Intuition gestärkt.
Magnus’ erstaunlicher Aufstieg im Schach hat jedoch seinen Preis: In der Schule wird er gemobbt und isoliert. Auf seinem ungewöhnlichen Weg zum Erfolg gibt ihm aber vor allem seine Familie immer wieder Halt.
Der erste Höhepunkt seiner Karriere ist das Turnier gegen die russische Schachlegende und ehemaligen Weltmeister Garry Kasparov – Magnus ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre. Nur mit Mühe kann sich der Champion halten und Magnus schafft es, Kasparov innerhalb der ersten Partien zu einem Remis zu zwingen. Das Bild des kleinen Jungen, der dem weltbesten Spieler bei einem Turnier auf Augenhöhe begegnet, geht um die Welt.
Für Magnus steht nach diesem schicksalhaften Spiel fest: Er wird die Schachkrone erreichen!
10 Jahre später nimmt Magnus am Qualifikationsturnier um den Titelkampf für die Weltmeisterschaft teil. Nachdem er ein entscheidendes Spiel im fortgeschrittenen Turnier verliert, stellt Magnus fest, dass er sich nicht auf seine Intuition verlassen kann. Unter großem Druck, seine und die Erwartungen der Welt zu erfüllen, isoliert er sich im Kampf gegen seine inneren Dämonen. Mit ein bisschen Glück gewinnt er dennoch knapp den Wettkampf und qualifiziert sich für die Schachweltmeisterschaft – die Chance, endlich seinen Kindheitstraum zu verwirklichen.
Einige Monate später macht sich Magnus bereit für den Titelkampf. Sein Gegner, der fünffache Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien, verwendet die besten Programme der Welt, um sich auf Wettkämpfe vorzubereiten. Magnus hingegen versucht, Computer so weit es geht zu vermeiden und eigenständig zu denken.
Mehrere zehn Millionen Menschen verfolgen das Weltmeisterschaftsspiel, welches in Chennai, Anands Heimatort, stattfindet. In den ersten Runden der insgesamt 12 Spielpartien behält der Champion die volle Kontrolle, während Magnus Probleme hat, dem hohen Druck standzuhalten. Anand ist 20 Jahre älter und Weltmeisterschaftsveteran. Nach dem vierten Spiel trifft Magnus an einem freien Tag seine Familie. Sie spielen Karten und singen zu altbekannten norwegischen Liedern. Am nächsten Tag und mit neuer Energie zeigt Magnus alles, was in ihm steckt: Er spielt kreatives Schach, wie man es zuvor noch nicht gesehen hat und gewinnt dadurch als Zweitjüngster in der Geschichte des Schachs die Weltmeisterschaft.
MAGNUS ist die Geschichte eines Jungen, der die Welt erobert – ein einzigartiger Einblick in die
Gedanken eines Genies auf seinem Weg zu Größe.


WERDEGANG MAGNUS CARLSEN
1990 Magnus Carlsen wird in Tønsberg in Norwegen geboren.
2004 Als zweitjüngster Spieler der Geschichte erringt er im Alter von 13 Jahren den
Großmeistertitel.
2007 Im Dezember steht er im Halbfinale des Weltpokals des Internationalen Schachverbands
FIDE. Damit qualifiziert er sich für den FIDE Grand Prix 2008 – 2010.
2008 Beim Schnellschachturnier belegt Carlsen hinter Weltmeister Viswanathan Anand den
zweiten Platz.
2009 Magnus erhält erstmalig den Schach-Oscar, die höchste Auszeichnung im Schach.
2010 Im Januar belegt er als bislang jüngster Spieler aller Zeiten den 1. Platz der Weltrangliste.
Seine Elo-Zahl, das Wertungssystem, in dem die Spielstärke von Schachspielern gemessen
wird, lag bei 2810. (Bei Gelegenheitsspieler liegt die Elo-Zahl durchschnittlich bei 1000 –
1199)
2012 Bei der Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft in Kasachstan wird Magnus Carlsen
sowohl im Schnellschach als auch im Blitzschach Vize-Weltmeister.
2013 Im April siegt er beim Kandidatenturnier in London und ist damit als Herausforderer von
T itelverteidiger Anand für die Schachweltmeisterschaft 2013 qualifiziert. Wenige Tage vor
seinem 23. Geburtstag wird Carlsen Weltmeister.
2013 Die TIME kürt Magnus zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt.
2014 Beim Weltmeisterschaftskampf in Sotschi verteidigt Carlsen seinen Titel. Sein Gegner ist
wieder Viswanathan Anand.
2015 Bei der Schnellschachweltmeisterschaft in Berlin gewinnt Magnus erneut den Titel.
2016 Im November 2016 wird Magnus Carlsen seinen Titel auf der Schachweltmeisterschaft in
New York verteidigen und für den Höchstpreis von 1 Million Dollar antreten.


DIE SCHACHWELT MEISTERSCHAFT 2016 –
DAS DUELL DER MITTZWANZIGER
Der Titel ’Schachweltmeister’ wird in der Regel nach einem vorausgehenden Qualifikationsturnier, dem sogenannten Kandidatenturnier, vergeben und ist die höchste Auszeichnung im Schachspiel.
Magnus Carlsen wird noch in diesem Jahr seinen Titel als Schachweltmeister verteidigen. Seine beiden bisherigen Duelle absolvierte er gegen den indischen Routinier Viswanathan Anand. Nun bekommt er einen neuen Herausforderer, den Russen Sergej Karjakin, der sich beim diesjährigen hochkarätig besetzten Kandidatenturnier in Moskau erstmals für ein WM-Duell qualifizierte.
Sergej Karjakin ist wie Carlsen im Jahr 1990 geboren und stammt aus der Ukraine, spielt seit 2009 allerdings für Russland. Die WM-Finalisten teilen einen ähnlichen Werdegang – sie machten beide schon sehr früh mit ihrem Talent auf sich aufmerksam. Karjakin wurde bereits mit 12 Jahren und 7 Monaten Großmeister und hält damit den Rekord als jüngster Schach-Großmeister aller Zeiten. Drittjüngster Großmeister der Geschichte ist Carlsen, der sich den Titel mit 13 Jahren und 4 Monaten erkämpfte.
Lange ging es für Karjakin aufwärts, doch anders als bei Carlsen schien ihm der absolute Durchbruch verwehrt zu bleiben. Beim Kandidatenturnier in Moskau war Karjakin der Teilnehmer mit der zweitschlechtesten Weltranglistenplatzierung. Kaum jemand sah ihn als Favorit, einer aber stufte ihn hoch ein: Carlsen, der Weltmeister selbst. Und er sollte Recht behalten.
Karjakin bewies beim Kandidatenturnier vor allem seine sportlichen Fähigkeiten. Sein Spielstil ähnelt dem von Magnus Carlsen: Beide legen weniger Wert auf die Eröffnung und Spielvorbereitung, vertrauen aber auf ihre genialen Kombinationsfähigkeiten. Das anstehende WM-Duell verspricht deshalb ein Spektakel zu werden, wobei Carlsen der große Favorit ist. Die diesjährige Weltmeisterschaft wird vom 11. bis 30. November in New York stattfinden. Das Match wird über 12 Partien mit einem Mindestpreisfonds von 1 Millionen Dollar ausgetragen.


INTERVIEWAUSZUG
MAGNUS CARLSEN für DIE ZEIT vom 18.02.2016:
„Schach macht die Welt zu einem klügeren Ort“

ZEIT ONLINE: Sie sind Weltmeister seit 2013 und Weltranglistenerster seit dem Juli 2011. Was motiviert Sie noch?
Carlsen: Meine Motivation ist es, zu lernen. Ich spüre, dass es im Schach noch viele Dinge gibt, die
ich nicht kenne. Ob das mein Spiel verbessern wird, weiß ich nicht, aber meine Neugierde ist noch
sehr groß.

ZEIT ONLINE: Gute Spieler langweilt Schach gelegentlich. Es kommt ihnen vor, als ob sie alles schon gesehen hätten. Sie vermissen die Spannung. Geht Ihnen das je so?
Carlsen: Normalerweise nicht, aber nach einer Niederlage kann es schon ziemlich düster sein. Dann
frage ich mich manchmal, was mache ich hier, warum bin ich auf diesem verrückten Turnier? Aber
nach ein paar Stunden schaue ich nach vorn, um mich in der nächsten Partie zu revanchieren.

ZEIT ONLINE: Sind Sie in der Lage, mal ein paar Tage oder Wochen frei zu nehmen – ohne Schach zu spielen, Partien anzusehen, Stellungen zu analysieren?
Carlsen: Ja, aber nicht sehr oft. Ich treibe gerne Sport, hänge mit Freunden ab und solche Sachen,
aber Schach lauert fast immer hinten im Kopf irgendwo.

ZEIT ONLINE: Was hat sie am Schach ursprünglich fasziniert, und was fasziniert Sie heute?
Carlsen: Mich haben immer die Strukturen fasziniert, die sich auf dem Brett entwickeln. Schach ist
einfach zu lernen, aber unmöglich perfekt zu beherrschen.

ZEIT ONLINE: Was war Ihr glücklichster Moment im Schach?
Carlsen: Als ich die norwegische Meisterschaft für Kinder unter zehn im Jahr 2000 gewonnen habe.
Das Gefühl werde ich nie vergessen.

ZEIT ONLINE: Erzählen Sie uns von ihrer Agenda. Als Weltmeister können Sie die Zukunft des Spiels stärker beeinflussen als irgendjemand sonst.
Carlsen: Ich hoffe, dass ich mehr Leute motivieren kann, Schach zu ihrem Hobby zu machen, besonders Kinder. Mit meiner Firma Play Magnus arbeiten wir daran, Schach als Werkzeug einzusetzen, um die Welt zu einem klügeren Ort zu machen.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie wachsendes Interesse am Schach?
Carlsen: Indien und China liegen vorn in der Entwicklung, und sie haben eine unglaubliche Menge an Talenten. Sie dominieren die Jugendmeisterschaften. Unter Kindern ist Schach fast überall auf der Welt sehr populär. Es gefällt mir, all die Schachkurse zu sehen, die an den Schulen eingerichtet werden.


Über den Regisseur
Anmerkung des Regisseurs

Benjamin Ree ist ein norwegischer Dokumentarfilmemacher. Er studierte Journalismus an der Hochschule Oslo und arbeitete im Anschluss für Reuters und frei für die BBC. Später begann er, preisgekrönte Kurzdokumentarfilme zu drehen, welche auf dem internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam und auf dem Chicago International Children’s Film Festival Premiere feierten. Momentan arbeitet er als Koproduzent für VGTV.
MAGNUS ist das Porträt des weltbesten Schachspielers Magnus Carlsen und Rees erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge.
Im April 2016 feierte MAGNUS auf dem Tribeca Filmfestival in New York Weltpremiere.
„Schach wird als Prüfstein des Intellekts betrachtet, der ultimative Kampf der Köpfe. Magnus Carlsen wurde innerhalb der letzten 15 Jahre zum bestplatziertesten Spieler aller Zeiten. Mich fasziniert, dass niemand zu verstehen scheint, wie Magnus Carlsen so gut werden konnte - nicht einmal er selbst! Er hat sich das Spiel auf eine komplett andere Art und Weise als die erfolgreichsten Schachspieler in der Geschichte angeeignet. Anstelle von Disziplin und Struktur wird er von einer spielerischen Art und Neugier getrieben. Ich wollte verstehen, wie Magnus Geist funktioniert und dabei auch herausfinden, wer er auf einer tieferen menschlichen Ebene ist.“
Autor: Siehe Artikel
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