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Inhaltsverzeichnis
DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN

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PAULA

38

FRANK ZAPPA - EAT THAT QUESTION

39

MARIE CURIE

40

ICH, DANIEL BLAKE

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DIE REISE MIT VATER

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Donnerstag 15.12.2016
DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN
Ab 15. Dezember 2016 im Kino
Bilder
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Ein Film von Jean-Pierre & Luc Dardenne
mit Adèle Haenel, Olivier Gourmet, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, u.v.a.

Der 10. Spielfilm der Brüder Dardenne erzählt die Geschichte der jungen Ärztin Jenny (Shooting-Star Adèle Haenel). Als es eines Abends nach Sprechstundenende an der Tür ihrer Praxis klingelt und eine junge Frau um Hilfe bittet, antwortet Jenny nicht, weil sie zur gleichen Zeit den neuen
Kollegen vorgestellt wird. Am nächsten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine unidentifizierte, junge Frau tot aufgefunden wurde. Von Schuldgefühlen geplagt, stellt Jenny private Nachforschungen an, um mehr über die Identität der Verstorbenen herauszufinden.


PRESSESTIMMEN
“Adéle Haenel begeistert“ – Spiegel Online
“Alleine wegen der wunderbaren Adéle Haenel einen Kinobesuch wert” – filmstarts.de
“Ergreifend und absolut lohnend” – Hollywood Reporter
“Erfrischend natürlich” – Varitey
“Ein sehr bewegender Film” – TheUpcomingUK


Adèle Haenel ist die Tochter einer Lehrerin und eines österreichischen Übersetzers. Sie besuchte Theaterkurse in Montreuil-sous- Bois und bekam mit 13 Jahren die Hauptrolle in Kleine Teufel. Bekannt wurde sie 2007 durch ihre Rolle der Floriane in dem Film Water Lilies, dem Debütfilm der Regisseurin Céline Sciamma, für den sie 2008 als beste Nachwuchsdarstellerin für den César nominiert wurde. Im Jahr 2009 wurde sie für die Rolle der Lucie in dem Filmdrama Frau und frei! mit dem Darstellerpreis auf dem Festival Cinéma tous écrans de Genève ausgezeichnet. Sie wurde 2012 von der European Film Promotion zum französischen „Shooting Star“ ernannt und erhielt für ihre Darstellung einer jungen Prostituierten in Bertrand Bonellos Historienfilm Haus der Sünde eine weitere César-Nominierung. Im Jahr 2014 gewann sie den César als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in dem Film Die unerschütterliche Liebe der Suzanne sowie im Folgejahr einen César als
Beste Hauptdarstellerin für Liebe auf den ersten Schlag.

Filmografie:
2002: Kleine Teufel (Les diables) – Regie: Christophe Ruggia
2007: Water Lilies (Naissance des pieuvres) – Regie: Céline Sciamma
2007: Solitude – Regie: Frédéric Gueloff
2007: Le bel esprit – Regie: Frédéric Gueloff
2009: Frau und frei! (Déchaînées) – Regie: Raymond Vouillamoz
2010: Adieu Molitor – Regie: Christophe Régin
2011: Haus der Sünde (L’apollonide (Souvenirs de la maison close)) – Regie: Bertrand Bonello
2011: Apres le sud – Regie: Jean-Jacques Jauffret
2011: En ville – Regie: Valérie Mréjen, Bertrand Schefer
2011: Confession of a Child of the Century – Regie: Sylvie Verheyde
2012: Folks – Regie: Frédéric Guelaff
2012: Alyah – Regie: Elie Wajeman
2012: Trois mondes – Regie: Catherine Corsini
2013: Die unerschütterliche Liebe der Suzanne – Regie: Katell Quillévéré
2014: Liebe auf den ersten Schlag– Regie: Thomas Cailley
2014: L’homme qu’on aimait trop – Regie: André Téchiné
2015: The Forbidden Room – Regie: Guy Maddin, Evan Johnson
2015: Les ogres – Regie: Léa Fehner


Jean-Pierre & Luc Dardenne
Portrait

Die beiden Brüder wuchsen in einem Industrievorort von Seraing in der belgischen Provinz Lüttich auf. Nach seinem Dramaturgiestudium an der Kunstakademie Brüssel drehte Jean- Pierre zusammen mit seinem Bruder Luc, der Philosophie an der Universität Lüttich studierte, einige Videos über das Leben in wallonischen Arbeiterstädten. Nach ihrer Begegnung mit dem monegassischen Filmemacher Armand Gatti und dem Kameramann Ned Burgess, mit denen sie einige Projekte realisierten, fassten sie den Entschluss, ins Filmbusiness einzusteigen. Mit Filmkunst und Sozialphilosophie vereinen sich in den Brüdern Dardenne die beiden Elemente, die Grundlage ihres filmischen Schaffens wurden. Im Jahr 1978 entstand Le chant du rossignol (Der Gesang der Nachtigall), ihr erster Dokumentarfilm, der über den Widerstand der belgischen Résistance gegen die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs berichtet. Der erste Spielfilm, Falsch, der die Geschichte einer von den Nazis ermordeten jüdischen Familie erzählt, entstand 1986. Auf ihren zweiten Film Je pense a vous (Ich denke an euch) von 1992 folgte mit Das Versprechen 1996 ein äußerst vielschichtiges Werk, das neben der Einwanderungsproblematik das Heranwachsen und die biografische wie ethische Emanzipationsgeschichte eines Sohnes gegenüber seinem rassistischen Vater zum Thema hat. Das Versprechen wurde ein internationaler Erfolg und
auf zahlreichen Festivals mit Preisen ausgezeichnet. Eine Entdeckung des Films war Jérémie Renier, mit dem die Brüder seither in weiteren Filmen zusammengearbeitet haben. Für Rosetta, einen Spielfilm, der von einer Jugendlichen (Émilie Dequenne) und ihrer alkoholkranken Mutter, die sich in einer belgischen Kleinstadt um ein besseres Leben bemüht, erzählt, wurden sie auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1999 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Auch mit ihrem nächsten gemeinsamen Spielfilm Der Sohn, der sich wiederum ausführlich mit Vater-Sohn- Beziehungen und der Schwierigkeit zu verzeihen beschäftigt, waren sie drei Jahre später in Cannes erfolgreich. Neben der Nominierung für die Goldene Palme erhielten sie den Sonderpreis der Jury. Seit den Festspielen 2005 gehören sie zu dem kleinen Kreis der mehrfach mit einer Goldenen Palme
ausgezeichneten Filmemacher. Ihre zweite Palme erhielten sie für Das Kind, einen Film über ein junges Elternpaar, das von Zuwendungen und kleinen Diebstählen lebt, bis der Vater in ihrem neugeborenen Kind eine neue Einnahmequelle entdeckt. 2008 erhielten die Gebrüder Dardenne für Lornas Schweigen erneut eine Einladung in den Wettbewerb der 61. Filmfestspiele von Cannes. In dem Drama ist die relativ unbekannte Schauspielerin Arta Dobroshi in der Titelrolle einer jungen Albanerin zu sehen, die mit ihrem Freund vom Besitz einer eigenen Snackbar träumt und in die Kriminalität abdriftet. Zwar unterlag der Film dem französischen Beitrag Die Klasse von Laurent Cantet, aber die Regiearbeit wurde mit dem Drehbuchpreis prämiert. 2011 stellten die Brüder den Film Der Junge mit dem Fahrrad fertig, der ihnen die fünfte Einladung in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes bescherte.
Im Mittelpunkt steht ein zwölfjähriger Junge, der das Kinderheim verlässt, um seinen Vater zu suchen und dabei von einer Friseuse (gespielt von Cécile de France) unterstützt wird. Mit diesem Film gewannen die Brüder Dardenne den Großen Preis der Jury und ihr Drehbuch wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2012 übernahm Jean-Pierre Dardenne bei den 65. Filmfestspielen von Cannes die Leitung der Kurzfilm- und Cinéfondation-Jury. 2016 erhielten sie für ihren zehnten Spielfilm Das unbekannte Mädchen ihre siebente Einladung in den Wettbewerb der 66. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Filmographie:
1986: Falsch
1992: Ich denke an euch (Je pense à vous)
1996: Das Versprechen (La Promesse)
1997: Gigi, Monica… et Bianca
1999: Rosetta
2002: Der Sohn (Le Fils)
2005: Das Kind (L’ Enfant)
2008: Lornas Schweigen (Le Silence de Lorna)
2011: Der Junge mit dem Fahrrad (Le gamin au vélo)
2014: Zwei Tage, eine Nacht (Deux jours, une nuit)
2016: Das unbekannte Mädchen (La fille inconnue)




INTERVIEW MIT JEAN-PIERRE UND LUC DARDENNE

DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN erzählt die Geschichte von Jenny, einer jungen Ärztin, die Nachforschungen über den Tod eines anonymen Mädchens anstellt. Wie kam es zu dieser Filmidee?
LUC DARDENNE (LD): Das Motiv der Nachforschungen stand von Anfang an fest. Seit Jahren
hatten wir daran gedacht. An einem gewissen Punkt dachten wir sogar, dass die Hauptfigur eine Polizistin sein könnte.
JEAN-PIERRE DARDENNE (JPD): Jedoch wollten wir keinen Genre-Film drehen. Also entwickelten wir eine zweifache Ermittlungsgeschichte. Jenny versucht vehement den Namen des Mädchens, das tot aufgefunden wurde, herauszufinden, jedoch weiß niemand darüber Genaueres. Sie möchte zudem verstehen, warum die Frau sterben musste, wofür sie sich teils mitverantwortlich fühlt.
LD: Ihre Schuldgefühle sind nicht von Morbidität oder Narzissmus gekennzeichnet. Sie fühlt sich schuldig, dass sie das Mädchen nicht in die Praxis gelassen hat, aber sie ist nie selbstzufrieden oder versinkt in Selbstmitleid oder gibt die Schuld jemand anderem. Sie belehrt die Menschen, auf die sie trifft, nicht – genauso wenig das Publikum. Als die Geschichte ins Laufen kommt, wächst ihr Charakter einem ans Herz.

Jenny kümmert sich um Ihre Patienten und deren Wohlbefinden. Wie wichtig war es für Sie, ihre Sorgsamkeit zu zeigen?
LD: Die Charaktere zeigen psychosomatische Reaktionen wie Schwindelanfälle, Magenschmerzen, Epilepsie... Der Körper reagiert immer zuerst. Er spricht und drückt Dinge aus, die wir nicht immer in Worte fassen können. Jenny kümmert sich um ihre Patienten und versucht, sie zu heilen. Zeitgleich stellt sie Nachforschungen über das unbekannte Mädchen an.
JPD: Ferner wollten wir, dass Jenny über ihre Sorgsamkeit die Körper der Patienten untersucht – sie sollte in unseren Augen ein Doktor bleiben und keine Polizistin werden.

Haben Sie für Ihre Recherche echte Ärztinnen miteinbezogen?
LD: Eine befreundete Ärztin, die wir seit Jahren kennen, stand uns bereits im Prozess der Drehbuchentwicklung zur Seite. Sie kam sogar mit ans Set, um uns bei den medizinischen Szenen zu helfen. Zusätzlich sind manche Szenen von den Geschichten inspiriert, die uns Ärzte erzählten, die wir aufgesucht hatten.

Zu Beginn des Films sagt Jenny zu ihrem Praktikanten Julien, dass man immer stärker als seine eigenen Emotionen sein muss. Was ist mit dieser Behauptung genau gemeint?
LD: Wie jeder Arzt sollte auch Jenny sich nicht nur auf ihre emotionalen Instinkt verlassen, wenn es darum geht, eine medizinische Diagnose zu stellen. Jedoch spielt dieser Instinkt automatisch eine Rolle, wenn sie mit ihren Patienten zusammen ist und ihnen hilft... und noch mehr während ihrer Nachforschungen nach der Identität des toten Mädchens.

Jenny ist auf ihre eigene Art ja auch ein unbekanntes Mädchen. Wir als Zuschauer wissen nichts über ihre Vergangenheit oder ihr Privatleben.
JPD: Darauf wollten wir nicht genauer eingehen. Sie verlässt ihr Appartment, um näher an ihrer Praxis zu wohnen und schlägt eine profitablere Position in der Stadt für eine Stelle in einem Vorort aus. Mehr braucht man nicht über sie zu wissen. In früheren Drehbuchentwürfen gab es noch mehr Informationen zu ihrem Leben, jedoch erschienen uns diese am Ende als nutzlos, im Hinblick auf die Geschichte, die wir erzählen wollten.
LD: Jenny ist irgendwie von dem unbekannten Mädchen besessen. Es gibt hierbei natürlich nicht um eine übernatürliche Besessenheit, sondern um eine moralische. Diese bestimmt ihre Motivation für die Nachforschungen und ist das Schlüsselelement, das uns interessiert hat.

Jennys Patienten werden von sozialen Problemen geplagt...
LD: Unsere Charaktere sind Teil der heutigen Welt. Sie gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der auf brutale Art und Weise ausgeschlossen wird. Und dennoch stellen wir sie nicht als sog. Sozialfälle aus. Immer wenn Jenny ihre Patienten sieht, behandelt sie diese wie einzigartige Individuen und nicht von oben herab. So tun wir das auch.
DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN spielt in Seraing, in der Umgebung von Lüttich.
JPD: Schon seit DAS VERSPRECHEN (1996) drehen wir alle unsere Filme dort. Ehe wir damit begannen, das Drehbuch zu schreiben, wussten wir bereits, dass wir dort an der Autobahn und am Fluss Meuse drehen würden. Der Drehort für den Film stand bereits vor der Entwicklung des Drehbuchs fest.
LD: Uns inspirierte die Autobahn. Endlos und schnell vorbeifahrende Autos, so, wie die Welt ihren Lauf nimmt, sich der Bedeutsamkeit von Jennys Praxis nicht bewusst seiend.

Nachdem Sie in DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD mit Cécile de France und in ZWEI TAGE, EINE NACHT mit Marion Cotillard zusammengearbeitet hatten, kam es nun zu Adèle Haenel für DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN.
LD: Wir trafen Adele in Paris, als sie einen Preis für DIE UNERSCHÜTTERLICHE LIEBE DER
SUZANNE gewann. Schon nach ein paar kurzen Worten mit ihr, wollten wir sie als unsere Ärztin besetzen. Ihre Körpersprache, ihre Gesten und ihr Lächeln hatten uns überwältigt.
JPD: Wie üblich probten wir vor den Dreharbeiten auch bei diesem Film sehr viel mit unseren Schauspielern. Dabei lasen wir nicht einfach das Drehbuch vor, sondern probten die jeweiligen Szenen an den späteren Drehorten. Während dieses entscheidenden Prozesses kam Adele jeden Tag und stellte viele Fragen und brachte einige Ideen mit ein. Sie ist auch sehr spontan, leichtfüßig und sorgt für Überraschungen. Sie war sogar so kreativ, dass sie mit Ideen ankam, auf die wir niemals gekommen wären.

Sie haben auch ihre Stamm-Schauspieler Olivier Gourmet und Jérémie Renier wieder besetzt.
LD: Wir genießen es immer, mit ihnen zu arbeiten. Für DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN haben
wir auch Thomas Doret, die Hauptfigur aus DER JUNGE MIT DEM FAHRRAD, Morgan Marinne
aus DER SOHN und Fabrizio Rongione aus ZWEI TAGE, EINE NACHT besetzt. Wir genossen es,
auch mit Olivier Bonnaud zu arbeiten, einem jungen französischen Schauspieler, der eine wunderbare Entdeckung ist.


INTERVIEW MIT ADELE HAENEL

Was bedeuteten Ihnen die Dardenne-Brüder, bevor Sie für sie in DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN vor ihrer Kamera standen?
Zweifelsohne nehmen sie einen überaus wichtigen Platz im aktuellen Gegenwartskino ein. Ich kannte zuvor nicht alle ihre Filme, habe mir aber dann das Gesamtwerk angesehen. Besonders mag ich DAS VERSPRECHEN und ZWEI TAGE, EINE NACHT. Von jeher spiele ich in Arthaus-Filmen mit. Im Hinblick auf den Status der Dardenne war ich überwältigt, als sie mich anfragten. Ich hatte damit wirklich nicht gerechnet.

Was hatte das Drehbuch nach dem ersten Lesen bei Ihnen ausgelöst?
Die Schlichtheit der Geschichte und ihre Tiefe berührten mich sofort. Die Dardenne arbeiten sehr genau. Sie kommen exakt zum Punkt. Man spürt ihre Präzision und Kompromisslosigkeit bereits beim Lesen des Drehbuchs.

Können Sie Jennys Charakter beschreiben?
Sie ist keine heraus stechende Heldin und das mag ich an ihr. Man weiß kaum etwas über ihr Privatleben. Für mich thematisiert der Film die Wiedergeburt von Jenny, da sie dem Leben und sich selbst bejahend gegenüber steht. Sie ist eine empathische Zuhörerin und urteilt nie von oben herab.

Wie hat Ihnen der Regie-Ansatz der Dardenne für die Verkörperung dieses Charakters geholfen?
Wenn man sich mit seinem Regisseur gut versteht, braucht man nicht so viel diskutieren. Die Brüder und ich haben uns sehr gut verstanden. Die Dardenne psychologisieren nicht. Ihnen geht es um Körperlichkeit, ums Zuhören und um die Handlungen der Charaktere. Ich musste mich auf die kleinen Details konzentrieren, die den Film ausmachen, wie z.B. auch das Anziehen von Medizinhandschuhen oder das Injizieren von Spritzen. Damit war ich so sehr beschäftigt, dass ich kaum Zeit hatte, Jennys Charakter psychologisch zu interpretieren. Die Art meiner Darstellung sollte „unsichtbar“ wirken und alles andere hätte nicht gepasst.

Wie auch in den anderen Dardenne-Filmen stellt der soziale Hintergrund der Charaktere ein Schlüsselmotiv dar.
Ich mag Filme, in denen die heutige Welt gezeigt wird. Die Charaktere werden hier über ihren sozialen Status und ihre Lebensbedingungen dargestellt. Darüber wird auch bestimmt, wie sie im Leben agieren, wie sehr sie an sich selbst und andere glauben. Bestimmte soziale Schichten sind im Gegenwartskino unterrepräsentiert. Es ist überaus wichtig, dass nicht nur die Dardenne, sondern auch andere Regisseure diesen Ansatz aufgreifen. Die Dardenne sind dafür bekannt, dass sie sehr viel mit ihren Schauspielern proben.

Wie würden Sie Ihre Erfahrungen während der Proben und der Dreharbeiten beschreiben?
Sie drehen nie zu viele Takes von einer Szene. Ich hatte stets das Gefühl, dass wir überaus schnell vorankamen. Vor den Dreharbeiten probten wir einen Monat lang, was aber auch überaus wichtig war. Alle Schauspieler waren anwesend, sodass auch die Nebenrollen das Gefühl bekommen konnten, ein wichtiger Teil des Films zu sein.

Was passierte hierbei noch?
Während der Proben legen die Brüder einen besonderen Fokus auf die Bewegungen der
Schauspieler vor der Kamera und dies besonders in den jeweiligen Situationen, mit denen sie
konfrontiert werden. Hier nimmt die eigentliche Regie-Arbeit Form an. Wann immer ein Problem entsteht, denken sie darüber nach und finden eine Lösung, damit sie dies nicht erst am Set tun müssen. Die Vorbereitung hat mir deshalb sehr geholfen.

Verlangt einem die Darstellung einer Ärztin bestimmte technische Fähigkeiten ab?
Während der Vorbereitungen begleitete mich eine richtige Ärztin. Sie zeigte mir, wie gewisse
medizinische Prozesse ablaufen und wie man sich gegenüber Patienten verhält. Jedoch gibt
es auch dafür kein Patentrezept.

Was haben sie aus der Arbeit mit den Dardenne gelernt?
Mit den Dardenne konnte ich in ein neues Gebiet meiner schauspielerischen Arbeit vordringen, was eine überaus wichtige Erfahrung für mich war. Sie sahen etwas anderes in mir und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.

Mit DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN haben Sie die Hauptrolle in einem Film im großen Wettbewerb des Cannes Filmfestivals.
Das Festival de Cannes ist ein herausragendes und wichtiges Ereignis für viele Filmemacher und Schauspieler. Was mich aber besonders mit Stolz erfüllt, ist der Film und nicht meine Person. Wäre der Film nicht in Cannes gelaufen, wäre ich nicht weniger stolz auf ihn gewesen.
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Donnerstag 08.12.2016
PAULA
Ab 15. Dezember 2016 im Kino
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Worpswede, 1900. Schon bei ihrer ersten Begegnung spüren Paula Becker und Otto Modersohn eine besondere Verbindung. Aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Malerei wird die große Liebe. Als sie heiraten, führen sie eine Ehe fernab von gängigen Mustern ihrer Zeit. Eine Beziehung in satten Farben, reich an Konturen und mit Spuren von Kämpfen. So wie die Gemälde der jungen Frau, die mutig nach dem Leben greift und die als Paula Modersohn-Becker in die Kunstgeschichte eingehen wird. Gegen alle Widerstände lebt sie ihre Vision von künstlerischer Selbstverwirklichung und ihre romantische Vorstellung von Ehe und Liebe.
Mit PAULA erzählt Regisseur Christian Schwochow das faszinierende Leben einer hochbegabten Künstlerin und radikal modernen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Voller Sinnlichkeit, mit zartem Humor und spielerischer Leichtigkeit ist PAULA auch die Geschichte einer großen, leidenschaftlichen Liebe. Die Konflikte, an denen die Liebenden zu scheitern drohen, sind heute – ein Jahrhundert später – aktueller denn je. Als Paula Modersohn-Becker steht Carla Juri (FEUCHTGEBIETE) vor der Kamera, Albrecht Abraham Schuch (DIE VERMESSUNG DER WELT, „NSU: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“) spielt ihren Ehemann Otto Modersohn, Roxane Duran (DAS WEISSE BAND) ihre engste Freundin Clara Rilke-Westhoff und Joel Basman (ALS WIR TRÄUMTEN) ist der Dichter Rainer Maria Rilke. Das Drehbuch stammt von Stefan Kolditz und Stephan Suschke.

Ein Film von Christian Schwochow
Mit Carla Juri, Albrecht Abraham Schuch, Roxane Duran, Joel Basman und Stanley Weber.


Die Uhr tickt schwer. Klackklack- klack! Zwei zarte Hände umklammern ein gerahmtes Bild. Noch hat alles kein Gesicht. „... aber ich!“ Carl Woldemar Becker (Michael Abendroth) ist gekommen, um seiner Tochter Paula (Carla Juri) ins Gewissen zu reden. „Du bist 24 und kannst nicht weiter in den Tag hineinleben. Ich glaube nicht, dass du eine gottbegnadete Künstlerin ersten Ranges wirst. Frauen können keine Malerinnen werden!“ Paula entgegnet keck und resolut: „Du traust mir nichts zu, aber ich!“ Und sie wird sich aufmachen von Bremen aus ins nahe Dorf im Teufelsmoor. Worpswede ist seit zehn Jahren Künstlerkolonie. Dort, wo Männer in großem Stile residieren, arbeiten und Landschaftsmalereien verkaufen, während Frauen in Kursen höchstens „ihre Langeweile totschlagen“, wie es spöttisch heißt. Hier will Paula Becker als Künstlerin reifen.
Dass mehr daraus wird, als der eine Sommer, ahnt sie vielleicht schon.
In Worpswede trifft Paula auf Fritz Mackensen (Nicki von Tempelhoff) und Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch), die zusammen mit Hans am Ende (Marco Massafra), Heinrich Vogeler (Jonas Friedrich Leonhardi) und Fritz Overbeck (Dominik Weber) einen engen Künstlerkreis bilden. Mackensen, der nicht viel hält von Frauen als sich selbst verwirklichende Wesen, wird Paulas Lehrer. „Das ist viel zu grob, Fräulein Becker!“, weist er sie gern zurecht. „Ein Apfel, der aussieht wie ein Kohlkopf!“ Die Natur mit Präzision und Genauigkeit abzubilden, ist das, was für Mackensen zählt. Doch Fräulein Becker malt, was sie sieht, geht mit Staffelei, Farben und Pinsel ins Moor und ins Armenhaus, fragt Mütter, ob sie mit ihren Kindern Modell stehen würden. Die Menschen lachen. Das hat sie noch keiner gefragt.
„... was man selbst ist!“
Paula Becker findet in der Bildhauerin Clara Westhoff (Roxane Duran) ihre beste Freundin, die als Künstlerin mindestens genauso gut werden will wie die Männer. „Besser!“, fordert Paula. „Etwas erschaffen, was man selbst ist!“ Die jungen Frauen saugen das Leben in Worpswede auf, auch das Feiern mit den Kolonisten, zu denen sich bald der kauzige Dichter Rainer Maria Rilke (Joel Basman) gesellt. Er und Clara werden ein Paar, während sich Paula und Otto Modersohn näher und näher kommen. Als Witwer und Vater einer kleinen Tochter ist Modersohn vorsichtiger als die forsche Paula. Otto: „Wann darf ich Ihre Bilder sehen?“ Paula: „Beim nächsten Mal! Bald! Sehr bald!“ Eine Flussfahrt später berühren sich ihre Hände sanft und greifen ineinander.
„Mein Leben soll ein Fest sein!“ Ungezügelt und wild läuten Clara und Paula in der Worpsweder Kirche die Glocken. Sie werden heiraten – Paula ihren Otto, Clara ihren Rainer. Paula: „Bis 30 will ich es geschafft haben. Mein Leben soll ein Fest sein. Ein kurzes, intensives Fest ... Wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann gehe ich gern. Drei gute Bilder und ein Kind.“
Fünf Jahre später ... ... hat Paula Schatten im Blick, in ihrem Ton ist das Unbeschwerte verloren gegangen. Intensiv sucht sie nach sich als Malerin und formt einen ungewöhnlichen, eigenen Stil, den in Worpswede keiner versteht. Auch die Spannungen zwischen Paula und Otto nehmen an Schärfe zu. Nicht nur, dass er ihre Bilder ablehnt, auch die Tatsache, dass sie noch immer nicht miteinander geschlafen haben, belastet die Ehe. „Ich warte seit fünf Jahren, dass du mich zur Frau machst.“

„Paula, wir werden ein Kind haben, wenn du reif dafür bist!“ Die Entscheidung, die Paula treffen wird, ist ihr im Gesicht abzulesen: Sie wird gehen. An Ihrem 30. Geburtstag macht sie sich auf – nach Paris. Wo Clara schon lebt und die Hoffnung von Freiheit kündet.
Clara, die inzwischen von Rilke getrennt ist und sich als Bildhauerin alles andere als verwirklicht hat, genießt die Anwesenheit ihrer Freundin. Doch die ist wie entfesselt, beseelt von unbändiger Kraft und Sucht nach dem Leben. Paula richtet sich zur Untermiete ein, lernt Französisch, nimmt Unterricht an der Akademie. Aus der Begegnung mit dem Franzosen Georges (Stanley Weber) wird mehr. Paulas Hunger nach körperlicher Liebe wird durch ihn gestillt. Georges zeigt ihr Cézannes Gemälde, die sie treffen wie ein Blitz. Mit Rilke kann sie über ihren gemeinsamen Wunsch nach Einfachheit in Sprache und Bild sprechen. Er ist es, der Paula immer wieder anstachelt, die „deutsche Kleingartenkunst“ von Worpswede endgültig hinter sich zu lassen.
Und Otto Modersohn? Schickt ihr sehnsuchtsvolle Briefe und vor allem Geld, das sie dringend braucht und gerne nimmt. Denn sie malt bis zur Erschöpfung, entdeckt das Selbstporträt, malt sich den drängenden Wunsch nach einem Kind auf ihren Bauch, experimentiert mit Farben und Formen. In kurzer Zeit erschafft Paula im stillen Kämmerlein ein Werk, das schreit.

„Otto, ich mag nicht ...“
Wieder trifft Paula eine Entscheidung und bittet Otto, sie freizugeben: „Ich mag nicht mit dir zusammensein!“ Die Worpsweder Maler spielen Sittenwächter und machen ihrem Kollegen Druck, sich seinerseits von Paula zu trennen oder sie einweisen zu lassen, falls sie nicht zu ihm zurückkehrt. Doch Otto gibt nicht klein bei. Auch er ist des Kämpfens fähig, weil er sie liebt. Obwohl es anfangs noch so scheint, als sei das Band zwischen dem Paar endgültig zerschnitten, wird ihre Begegnung in Paris der Schlüssel zum Neuanfang. Denn Otto Modersohn sieht Paulas Gemälde, erkennt und bekennt, was er vielleicht immer schon in Paulas Arbeit erahnte: wahre Größe. Worpswede 1907. Paula schreit gegen ihre Wehen an. Es gibt Komplikationen. Doch sie bringt eine gesunde Tochter zur Welt: Mathilde. Ein kurzes Glück für die Familie. Paula ist schwach und bleibt schwach. Wenige Tage später bricht Paula zusammen. „Schade“, sagt sie noch. Paulas Uhr ist abgelaufen. Doch da wären noch die Bilder. Jetzt haben sie ein Gesicht. Sie wollen gesehen werden. Sie werden gesehen …


Interview mit Christian Schwochow

Das Drehbuch zu PAULA stammt nicht von Ihnen. Wie ist die Filmidee zu Ihnen gekommen?
Produzentin Ingelore König und Dramaturgin Cooky Ziesche schickten mir das Buch im Sommer 2012. Zu diesem Zeitpunkt hatte es schon eine intensive Entwicklung hinter sich, denn die Autoren Stefan Kolditz und Stephan Suschke hatten sich bereits zu DDR-Zeiten mit Paula Modersohn-Becker beschäftigt. Schon während des Lesens wusste ich: Diesen Film muss ich machen! Für mich war das Drehbuch ein wunderbares Geschenk.

... das Sie dann mit den Autoren gemeinsam weiter entwickelt haben.
Ja. Stefan Kolditz und Stephan Suschke hatten sehr kluge Entscheidungen darüber getroffen, welche Momente und Abschnitte aus Paulas Leben beschrieben werden sollen. Und welche eben nicht. Unsere gemeinsame Arbeit glich dann eher einem Ausformulieren. Natürlich gab es das gemeinsame Suchen nach einem ganz eigenen Stil und einer besonderen Form. Denn eines sollte PAULA nicht werden: ein klassisches Biopic. Es ging uns vielmehr um Fragen wie: Wovon erzählt uns ein Film über das Leben von Paula Modersohn-Becker heute? Von den Schwierigkeiten, die der Malerberuf mit sich bringt? Über die Probleme, die eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland hatte? Schließt er ein paar Bildungslücken über den deutschen Expressionismus? Ja. Auch. Aber: PAULA sollte kein Film nur für Zeichenschüler und Museumsfreunde werden Wie schon in Ihren vorherigen Filmen NOVEMBERKIND, DIE UNSICHTBARE und WESTEN steht auch in PAULA eine starke Frau im Mittelpunkt.

Hat Sie das Projekt auch dewegen so fasziniert?
Die Geschichte faszinierte mich vor allem wegen dieser universellen Fragen. Paulas Leben war bestimmt von Angst vor dem Mittelmaß und nichts zu hinterlassen. Von Angst, nicht gesehen zu werden als die, die sie ist, Angst, als Frau ein vorbestimmtes Schicksal erdulden zu müssen. Aber vor allem war ihr Leben davon bestimmt, sich diesen Ängsten zu stellen und mit einem schier unbesiegbaren Glauben an sich selbst ihren Weg zu gehen. Das macht sie zu einer modernen Heldin, deren Kraft und Mut ein großes Publikum von heute in den Bann ziehen kann. Paula und die Protagonistinnen der anderen Filme sind Frauen, die sich in ihrer Welt und ihrer Zeit auf bestimmte Art und Weise unangemessen verhalten, aufmüpfig sind, einen eigenen Kopf haben.

Damit geraten sie an Grenzen, die sie versuchen zu überschreiten. Zwischen diesen Frauen gibt es eine starke Seelenverwandtschaft, da bin ich mir ziemlich sicher. Kannten Sie die Geschichte und Arbeiten von Paula Modersohn-Becker schon, bevor Ihnen der Stoff angeboten wurde?
Das erste Mal war ich kurz nach 1990 in Worpswede. Das einzigartige Licht, dieses Bild der Moorlandschaft bei grauem Wetter hat sich mir eingeprägt. Außerdem kannte ich einige von Paulas Bildern. Wenn man sich mit den Übergängen vom Impressionismus zum Expressionismus in Deutschland beschäftigt, kommt man an Paula nicht vorbei. Aber dass ihre Lebensgeschichte so besonders war, das wusste ich nicht. Als Ingelore König damals zu mir kam, konnte sie nicht wissen, dass ich als Jugendlicher eigentlich Malerei studieren wollte. Maler bin ich letztlich nicht geworden. Umso mehr fühlte ich mich als Regisseur mit dem Angebot für diesen Film in einer Art und Weise „gesehen“, wie es sonst sehr selten passiert.

In Ihren Filmen wie DER TURM und WESTEN, die sich mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen, spielt die Bildhaftigkeit eine große Rolle. Wie haben Sie sich PAULA visuell genähert?
Wenn ich historisch arbeite, versuche ich grundsätzlich, Historisierung zu vermeiden. Ich will keine erhalten gebliebenen Fassaden und keine alten Kostüme ausstellen. Ich versuche, mit der Historie und den Menschen in ihrer Zeit auf selbstverständliche Art umzugehen, sie an mich heranzuholen, soweit es geht. Das zeigt sich in den Bildern, aber auch in der Schauspielführung. Paula und Otto sind moderne Figuren und so wollte ich den Film erzählen.

Was genau ist das Moderne an Paula und Otto?
Paula war radikal, kämpfte für ihren Weg als Frau, ohne sich als ideologisch oder feministisch zu empfinden. Paula malte nicht dekorativ, sie wollte den Menschen in die Seele schauen. Das Unperfekte hat sie fasziniert. Ich war berührt von ihrer ausgeprägten Angst vor Mittelmäßigkeit, die sie als Malerin hatte und die mich als Filmemacher mit ihr verbindet. Dann ist PAULA eine große, leidenschaftliche Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte, die mich berührt, weil die Liebenden an Konflikten zu scheitern drohen, die gerade heute in meiner Generation Grund für unzählige Trennungen sind. Paula und ihr Mann Otto kämpfen um die Vision einer Beziehung, in der beide als Paar und Eltern glücklich sind, aber jeder seine eigene Selbstverwirklichung erreicht. Als Vater einer kleinen Tochter weiß ich, wovon ich spreche!

Was war Ihnen in der visuellen Umsetzung wichtig?
Filme über bildene Künstler machen sich oft die Farbgebung und Bildgestaltung des jeweiligen Künstlers zu eigen – das schwächt in meinen Augen aber die Wahrnehmung des Zuschauers auf den besonderen Blick und die Gemälde des Künstlers. Um Paulas besondere Malweise zu betonen, haben wir in der Bildgestaltung Mittel klassischer Malerei des 19. Jahrhunderts verwendet, die die Schönheit von Mensch und Natur betonen – Mittel, die Paula überwunden hat. Wichtig war uns auch, dass wir uns sehr früh vom Bild lösen, das wir von alten Fotografien jener Zeit kennen; diese gestellten Studiobilder, für die sich die Leute mit gebügelten Anzügen, gestärkten Kleidern und perfekten Frisuren fein hergerichtet haben. In PAULA sollen die Menschen so zu sehen sein, wie sie damals kaum fotografiert wurden, Menschen bei der Arbeit mit verstrubbelten Haaren, Schweiß im Gesicht – normal eben. Außerdem haben wir versucht, die Kostüme heutiger zu machen, sie gegen die Steifheit zu bürsten. Denn die Worpsweder Künstler zum Beispiel waren angesagt und in gewissem Sinne die Hipster von damals. Unser Otto Modersohn sollte so aussehen, als könnte er nächste Woche auf einer Vernissage in Berlin-Mitte auftauchen und kaum einer würde sich wundern.

Kann zu viel Recherche die spielerische Idee für einen Film erdrücken?
Nein, im Gegenteil! Gute Recherche bedeutet für mich, dass ich alle Fakten am ersten Drehtag vergessen kann. Ich recherchiere irrsinnig viel für einen Film, will alles wissen, um mich danach frei bewegen zu können. Man findet beim Recherchieren immer etwas, das eigentlich nicht zu dem passt, was man im Vorfeld vermutet hat. Genau dann wird es interessant! Man stößt beispielsweise auf Differenzen zwischen dem Bild von damals und der Sprache. Würden wir auf Anhieb glauben, dass schon Paula Modersohn-Becker das Wort „Vögeln“ benutzt hat? In ihren Tagebuchaufzeichnungen ist es nachzulesen. Sie hat ihre Gedanken ausführlich aufgeschrieben, das war Gold wert, um die Figur zu gestalten. Die wichtigste Recherche aber war das Betrachten und Erforschen ihrer Bilder.

Über Paula Modersohn-Becker gibt es heute sehr viele Bücher – Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Biografien. Bedeutet das für Sie als Regisseur Reiz oder Druck?
Beides. Was in meinen Augen nicht funktioniert, ist das präzise Übernehmen von Originalzitaten in den Filmdialog. Das fühlt sich oft wie ein Fremdkörper an. Stefan Kolditz und Stephan Suschke wollten als Autoren von vornherein eine moderne Sprache. Wir haben einige wenige Originalzitate verwendet, die die Schauspieler allerdings sehr dicht an sich heran und manchmal nur durch eine zusätzliche Silbe ins Realistische geholt haben. Einige Zuschauer werden „ihre“ eigene Paula schon im Kopf haben, bevor sie ins Kino gehen ... Es kann natürlich sein, dass es Menschen gibt, die genau wissen, wie Paula war, die ein klares Bild von ihr haben, das ich jetzt vielleicht enttäusche. Dem Zuschauer aber mit einem Spielfilm zu suggerieren, dass eine historische Person genau so oder so gewesen sein muss, bedeutet für mich hingegen, ihr gerade damit nicht gerecht zu werden. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die in Paula vor allem eine sehr ernste junge Frau gesehen haben – und die nun wahrscheinlich einen in erster Linie ernsten Film über sie erwarten. Es ist sicher richtig, dass sie eine sehr ernsthafte Künstlerin war, die große Selbstzweifel und Melancholie kannte – wie fast jeder große Künstler. Durch das Lesen von Paulas Briefen und Texten, aus denen neben tiefsinniger Reflexion häufig eine totale Verrücktheit und manchmal kindhafte Naivität spricht, kamen Carla Juri und ich mehr und mehr darauf, Paula eine clowneske Seite zu geben. Wie eine ironisch gewitzte und schlaue Hofnärrin, die im verkrusteten männlichen Kunstbetrieb immer weiter ist als alle anderen. Das wird sicher einigen nicht gefallen. Aber: Ich wollte meine eigene Paula suchen und finden.

Warum haben Sie sich für Carla Juri als Paula entschieden?
Ich habe eine Rebellin gesucht. Wer Carla Juri kennt, weiß von ihrem unangepassten Wesen. Diesen permanenten Kampf, trotz dieser starken Eigenwilligkeit Anerkennung zu finden, kennt Carla als Künstlerin ebenso, wie Paula ihn erlebte. Ich habe eine Darstellerin gesucht, die keine Angst davor hat, einem historischen Stoff mit natürlicher, eben nicht historisierender Spielweise zu begegnen, die einen Charakter an sich heranholen kann, obwohl er weit von ihr entfernt scheint. Nicht zuletzt habe ich jemanden gesucht, der Lust darauf hat, in der Rolle nicht nur sympathisch zu sein. Denn Paula war sicherlich auch nervig, anstrengend und egoistisch.
Als Film lebt PAULA vor allem von Sinnlichkeit. Das Schöne war, dass Paulas Sehnsucht, Körperlichkeit, ihr Wunsch nach Erotik und der Hunger nach Leben schon in der ersten Version des Drehbuchs zu finden und zu schmecken waren. Eine Szene wie jene, in der Paula und ihre beste Freundin Clara Westhoff in einem Kirchturm die Glocken läuten und dabei ihre Freude darüber herausschreien, dass sie beide heiraten werden, ist pure jugendliche Sinnlichkeit. Da denkst du zunächst: Was für ein wunderbarer Einfall der Autoren! Und dann findest du heraus, dass Paula und Clara genau das miteinander erlebt haben.

Gab es für die Hauptfigur ein Casting?
Ja, und es lief eineinhalb Jahre lang. Im Fall von Carla Juri habe ich sogar etwas getan, das ich sonst in der Regel nicht mache: Ich habe sie überredet, bin nach London geflogen und habe sie um zwei Stunden gemeinsame Arbeit gebeten. Carla hat etwas Anarchisches, das sich trotz ihrer Professionalität auf ihr Spiel überträgt. Sie spielt intuitiv, ist extrem überraschend und geht beim Dreh Impulsen nach, die nicht verabredet sind. Das mag ich sehr. Und für PAULA war es einfach richtig.

So wie Albrecht Abraham Schuch für die Rolle des Otto Modersohn es ist? Ein Schauspieler, mit dem Sie schon mehrfach gearbeitet haben.
Ich habe Albrecht Abraham Schuch beim Absolventenvorspiel an der Schauspielschule in Leipzig gesehen. Dort ist mir sofort seine Kraft aufgefallen. Von den deutschen Schauspielern um die 30 ist er für mich der wandlungsfähigste. Einer, der einen enorm ausgeprägten Spielwillen hat, einen irrsinnigen Instinkt, Demut vor dem Beruf und die Gabe, sich in einer Figur aufzulösen.

Wie wollten Sie Modersohn haben? Wie haben Sie ihn bei der Recherche gesehen und letztlich angelegt?
Modersohn ist zunächst ein sehr viel älterer Mann im Vergleich zur jüngeren Paula. Biografen beschreiben ihn als sehr schweigsam und eigenbrötlerisch. Das allein hätte mich nicht interessiert. Ich wollte durch die Besetzung von Albrecht Abraham Schuch das Klischee vom „Älterer Mann trifft sehr junge Frau“ auflösen, wollte Modersohn das Kauzige lassen, ihm jedoch jungenhafte Züge geben. Vor allem sollte er ein Mann sein, der lernfähig ist und nicht aufhört zu versuchen, seine Frau in ihrer Andersartigkeit zu verstehen.

Exemplarisch dafür steht sein Besuch in Paris, bei dem er Paulas neueste Bilder sieht und sie auch körperlich für sich gewinnen kann.
Genau! Das Bild der beiden nach der Szene im Bett könnte man visuell als Verweis auf Josef und Maria interpretieren. Doch ich habe eher an John Lennon und Yoko Ono gedacht. Zwei Künstler in einer aufreibenden Liebesbeziehung – völlig verschieden, jeder eigenständig kreativ, im Hoffen vereint.

... und mit Hang zur Selbstinszenierung.
Das Bild der beiden wirkt so gestellt für die Kamera, wie es Lennon und Ono oft getan haben. Wie eine Spiegelung. Das unterschiedliche Alter von Paula und Otto sollte in diesem Moment aufgehoben sein.


Interview mit Carla Juri

In PAULA spielen Sie die expressionistische Malerin Paula Modersohn-Becker. Haben Sie sich vor den Dreharbeiten für Kunst und die Malerei im Besonderen interessiert?
Ich bin in einem kleinen Dorf im Tessin aufgewachsen. Mit den Werken von Giovanni Segantini und Alberto Giacometti, die hier in den Bergen entstanden sind, war ich als Kind konfrontiert und sie haben mich natürlich fasziniert. Ernsthaft gemalt habe ich selbst aber nie. Der Malunterricht, den ich für den Film genommen habe, half mir dabei, Paulas Gedanken und Empfindungen nachzufühlen. Beim Malen habe vor allem Selbstvergessenheit gespürt, das war mein Zugang zu Paula.

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Paula vorbereitet?
Eine Filmrolle ist immer eine Entdeckung, immer ein Experiment. Ich kann sie nicht spielen, wenn ich keinen Zugang zur Figur finde. Das läuft manchmal von außen nach innen, manchmal umgekehrt. Es kann ein Haarschnitt sein oder die Art, wie eine Person läuft. Das ist ein physischer Prozess. Für PAULA war es vor allem eine Annäherung von innen. Es ging mir darum, sie über ihre Bilder und Briefe in ihren Emotionen zu verstehen. Manchmal hat mich nur ein einziger Satz getroffen, den ich dann sehr lange in mir getragen habe und mich beschäftigt hat.
Der Film zeigt auch, dass Paula Modersohn-Becker nicht nur als Malerin, sondern auch als Frau ihrer Zeit weit voraus war. Freiheit war ihr das Wichtigste. Frei zu sein im Innern, frei von äußerer Kontrolle. Sie hat es verstanden, sich komplett in sich zurückzuziehen, sich selbst zu genügen. Paula besaß große Empfindsamkeit. Gelitten hat sie darunter, dass sie so viele Menschen mit ihrer Kunst verschreckt hat. Trotzdem blieb Paula sich treu.

Das klingt so, als wäre Ihnen Paula nicht fremd. Gibt es für Sie eine Art Seelenverwandtschaft mit Paula Modersohn-Becker?
Man sagt von ihr, dass sie es regelrecht gebraucht hat, kleine Feste für sich selbst zu feiern. Ich kann diese glückliche Einsamkeit sehr gut verstehen. Diese kindliche Genügsamkeit finde ich sehr melancholisch. Paulas Sinn für die Einfachheit, aber auch für das Merkwürdige und Originelle spricht mich an – ein Spiegel, ein Schrank, eine besondere Kette, das, wie Paula sagte, „sanfte Vibrieren der Dinge, das „merkwürdig Wartende, das über dumpfen Dingen schwebt.“ Paula hat sich geweigert, einfach nur schön zu malen und sich, wie sie sagt, „dem Schrecken der Gemütlichkeit“ hinzugeben.
Es passte einfach nicht zu ihrem Entwurf von Leben. Sie hatte den unbändigen Willen, offen und empfänglich zu sein, sich nicht selbst zu verraten. Sie wollte sich mit der Welt messen. Das war gewiss oft erschöpfend und anstrengend, aber eben auch beglückend. Und das ist mir sehr nahe.
Ebenso wie ihre Neigung, das vermeintlich Hässliche zu zeigen, weil ich Hässliches oft nicht als hässlich empfinde. Paulas Mut, missfallen zu dürfen und damit Außenseiterin zu sein, finde ich faszinierend. Wirklich zu verstehen, wie es war, so gut wie keine Spiegelung, keine Bestätigung von außen zu bekommen, fällt mir aber schwer. Es macht etwas mit deinem Selbstwertgefühl, wenn du eine glückliche Kindheit hattest. Du kompensierst die schlimmeren Dinge einfach besser, die im Leben passieren. Paula hatte diese beglückende Kindheit. Sie hatte dieses Urvertrauen, das ihr Mut gab.

Die Beziehung zwischen Paula und Otto Modersohn war alles andere als unkompliziert. Und dennoch scheinen die beiden sehr für ihre Liebe gekämpft zu haben?
Ich glaube, dass Otto inspiriert war von Paula, von ihrer Kunst und ihrem Wesen. Auf die gleiche Weise hat sie ihn sicher auch abgestoßen, was vor allem an ihrem starken Drang zur Freiheit lag. Ich glaube, dass sie die körperliche wie künstlerische Abweisung durch Otto geschmerzt hat. Weil es so schwierig war in dieser Zeit, als Frau über intime Bedürfnisse zu sprechen, hat es Paula hinter ihrem Kinderwunsch versteckt. Sie wollte Otto aber als Mann. Dass sie von Paris aus nach Worpswede zurückgekehrt ist, hat für mich allein damit zu tun, dass Otto verstanden haben muss, dass Paula Freiheiten braucht – in der Beziehung und im Malen. Und Paula hoffte, dass sie an Ottos Seite Künstlerin sein konnte. Es war ein Versuch ...

Im Film gibt es einen Zeitsprung von fünf Jahren.
Ich sehe ihn vor allem als emotionalen Zeitsprung. Es war eine große Vereinsamung eingezogen in diese Ehe, eine gegenseitige Blockade. Ich glaube, dass Paula sich sehr danach gesehnt hat, dass Otto sie versteht. Ihre Hoffnung darauf war groß, auch jene auf Leidenschaft in der Beziehung.
Paula fühlte sich von Otto ignoriert. Sie hat ihm nie Schuld zugewiesen, aber sehr ernüchtert festgestellt, dass er mit ihren, wie sie sagte, „wenigen, aber großen Gefühlen“ nicht viel anfangen könne. Ihre Liebesgeschichte ist letztlich eine sehr moderne, denn viele ihrer Kämpfe innerhalb der Beziehung und gegen gesellschaftliche Konventionen sind heutzutage noch die gleichen.
Paula und Otto haben versucht, keine Opfer ihrer Zeit zu sein. Sie haben in ihren Gedanken und mit ihrer Lebensweise dagegen angekämpft. Die Haltung, sich auch heute nicht zum Opfer von Konventionen zu machen, darin besteht für mich das Moderne an PAULA.

Wie Paula wissen auch Sie um den Reiz, auf dem Land und in großen Städten zu leben.
Ich bin mit 15 aus meinem Bergdorf in der Schweiz auf die Schule nach New York gegangen. Dabei hat sich bei mir das erste Mal dieses innere Spannungsfeld zwischen Land und Stadt aufgebaut, das ich bis heute brauche. Ich glaube, dass auch Paula in ihrem Innern beide Seiten verstanden und gebraucht hat.

Wie sind Sie zum Schauspielen gekommen?
Der Beruf der Schauspielerin war zuerst keine Option. Doch dann kamen die Filme, beispielsweise die von Federico Fellini. „La strada“ mit Anthony Quinn und Giulietta Masina – das hat mich geprägt. Allerdings sind Schauspieler für mich keine Künstler. Maler, Dichter, Bildhauer – das sind für mich Künstler. Ich sehe mich also nicht als Künstlerin. Der Beruf der Schauspielerin ist ein kommunikativer Beruf, der von großer Empathie für Menschen lebt. Schauspielerin zu sein, ist für mich vor allem Faszination für das Unbekannte. 

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christian Schwochow?
Ich entwickle keine Strategie beim Auswählen meiner Rollen. Ich habe Christian Schwochows WESTEN gesehen und wollte mit ihm drehen. Er ist ein sehr kommunikativer Regisseur. Wir haben uns gegenseitig gesehen. Wir wussten, dass wir PAULA zusammen entwickeln können.

Otto Modersohn wird von Albrecht Schuch gespielt. In PAULA erleben wir sowohl sehr intensive als auch sehr subtile Szenen zwischen ihnen beiden. Es scheint, als hätten Sie beide sich hervorragend verstanden.
Das Ungesprochene zwischen Schauspielern ist mir sehr wichtig. Es ist sogar das Wichtigste. Mit Albrecht hat es wunderbar funktioniert. Ich habe ihn zuvor nicht gekannt, aber es gab sofort eine vertraute Ebene. Er war mir familiär. Durch das Lesen der Tagebücher und Briefe wusste ich Außergewöhnlich viel von der Figur Otto Modersohns. Normalerweise ist das nicht so, da dominiert zumeist die eigene Rolle.
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Donnerstag 01.12.2016
FRANK ZAPPA - EAT THAT QUESTION
Ab 08. Dezember 2016 im Kino
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Eine intime Begegnung mit dem revolutionären Komponisten und Musiker. Seltenes Archivmaterial belegt das provokante Genie von Frank Zappa, dessen Weltsicht bis zum heutigen Tag und darüber hinaus nachklingt.

Ein Film von Thorsten Schütte

1940 geboren, wurde FRANK ZAPPA – Autodidakt, Komponist, Musiker, Bandleader, Produzent und Freigeist – mit der Veröffentlichung seines Debüts (FREAK OUT! Mit den MOTHERS OF INVENTION) im Jahre 1966 schnell zur meistzitierten Stimme gesellschaftskritischer Popmusik.
FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION, eine subtile, kunstvolle Montage allein aus historischen Aufnahmen, ist eine energiereiche Feier dieses unverblümten Maestros. Zappa starb viel zu früh, 1993, an Krebs. Unvergessene Interviews und Auftritte wurden von Regisseur THORSTEN SCHÜTTE in mühevoller Arbeit aus den vergessenen Archiven von Fernsehsendern der ganzen Welt zusammengesucht wurden, um daraus diesen einzigartigen Dokumentarfilm zu machen.
Er folgt Zappa vom glattrasierten, anzugtragenden Jugendlichen hin zum furchtlosen Oberfreak und bis in seine unerbittlich produktiven letzten Tage vor seinem Tod mit 52. FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION lässt uns von Anfang an direkt in die erste Reihe: nah genug an Zappa, um die wilden Gefühle in seinen Augen lesen zu können.
Der Fokus des Films liegt auf Zappas hemmungslosem und unterhaltsamem Umgang mit den Medien. Während er höflich über eine Tour oder ein Album plauderte, wusste er besser als alle seine Zeitgenossen, wie man unerwartet verbale Sprengladungen zündet. Seine ätzenden Kommentare zu Staat und Religion, zur Musikindustrie und zur Jugendkultur hinterlassen einen aufrüttelnden musikalischen und gesellschaftspolitischen Kommentar zu seiner Zeit.


DIE ZAPPA FAMILY ÜBER DEN FILM

Die ZAPPA FAMILIE ist begeistert darüber, dass FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION jetzt endlich das Licht der Welt erblickt. Unsere Mutter GAIL ZAPPA hat viele Jahre mit THORSTEN SCHÜTTE und ESTELLE FIALON an diesem Projekt gearbeitet und hat vor beiden großen Respekt. Der Film, den Thorsten gedreht hat, bietet alten und neuen Zappa-Fans die Möglichkeit, mehr über FZ zu erfahren – in seinen eigenen Worten. Gail würde sich so darüber freuen, den Film im Kino sehen zu können. Habt Spaß!
— AHMET ZAPPA

Dieser Film fängt so viel vom rasenden Genius unseres Vaters ein. Er war ein Außenseiter, der seiner Zeit voraus war und der auf dem Pfad der Kreatvität geblieben ist, egal was dagegen sprach. Ich wäre so dankbar dafür, wenn dieser Film auch nur eine Person erreicht, die sich ihren Talenten verpflichtet, egal, ob die Welt gegen sie ist.
— MOON ZAPPA

Ich bin sehr glücklich darüber, dass es jetzt für die Leute eine Möglichkeit gibt, meinen Vater Frank Zappa nicht nur als Musiker, sondern als Menschen zu erleben. Seine Worte und seine Herzlichkeit sind gerade heute so wichtig und nötig!
— DIVA ZAPPA


BIO- UND FILMOGRAPHIE THORSTEN SCHÜTTE

Thorsten Schütte, Jahrgang 1966, arbeitet seit über zwanzig Jahren als Autor, Regisseur und Produzent im Dokumentarfilm. Er ist Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Stolen Moments und seit 2002 Studienkoordinator für die Studiengänge Spielfilm und Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn befasst sich Thorsten Schütte mit gesellschaftlichen, sozial-politischen und musikhistorischen Themen. In den letzten Jahren sind von ihm unter anderem erschienen:

"World Jazz" – eine 13teilige Fernsehdokumentation für Discovery USA und Planète France über die Wechselwirkung zwischen Jazz und ethnischer Musik. Der abendfüllende Dokumentarfilm „Trip To Brazil“ – Die Geschichte der brasilianischen Populärmusik fuür SWR und Arte. „Namibia Generation X“, eine Langzeitbeobachtung an einer deutschen Schule in Afrika für ZDF/Das Kleine Fernsehspiel. „I Was The King Of Porn“, ein Portrait des Pornografen Lasse Braun für ZDF/Arte. „Land Matters" und „Dwaal Net Rond“, zwei Filme zum Thema Landarbeiter und Bodenreform im südlichen Afrika, für NBC und One Africa TV


Eine Auswahl an Produktionen:

2016 Stolen Moments – Namibian Music History Untold
Eine multimediale Musikausstellung
In Zusammenarbeit mit der Bundeskulturstiftung, NBC, Iwalewa-Haus, Basler Afrika Bibliographien, Schlettwein-Stiftung
Regie und Produktion

2015 Dwaal Net Rond – The Forgotten
60min., NBC, One Africa
Regie und Produktion

2009 Land Matters
60min., NBC, One Africa
Regie und Produktion

2005 Namibia Generation X
90min. ZDF – Das Kleine Fernsehspiel
Regie, Kamera und Produktion

2002 I Was The King Of Porn – The Adventurous Life of Lasse Braun
60min. ZDF-Arte, VPRO, Discovery Germany
Buch und Regie

2001 A Trip To Brazil – Die Geschichte der Musica Popular Brasileira
2 x 60min. SWR-Arte
Buch und Regie

2000 The Cactus of Knowledge
The Music of Rabih Abou-Khalil
60min. WDR, Enja-Records
Regie und Produktion

1999 Crossroads, From Jazz To Ethno-Pop
2 x 60min. SWR/Arte
Buch und Regie

1997-1998 Visions Of Music-World Jazz
Dokumentation über die Wurzeln des Jazz
13 x 30min. Discovery USA & Planete France
Buch und Regie

1994 You Call That Music?
A Tribute To Thhe Music of Frank Zappa
60min. / Euro Arts Entertainment
Regie


STAB

Ein Film von Thorsten Schütte
Produzentin Estelle Fialon
Koproduzent Jochen Laube
Schnitt    Willibald Wonneberger
Ausführende Produzenten Thorsten Schütte, Gail Zappa, Ahmet Zappa
Produktionsleitung Yaël Fogiel, Laetitia Gonzalez, Nico Hofmann, Joachim Kosack, Markus Brunnemann
Herstellungsleitung    Claire Babany, Michael Jungfleisch
Archivproduktion Elizabeth Klinck
Tonmischung Armelle Mahé, Marc Fragstein
Farbkorrektur Eric Salleron

Produziert von LES FILMS DU POISSON & UFA FICTION
Eine Koproduktion mit ARTE France, SWR
Mit Unterstützung von CNC, MFG, Procirep Angoa & SVT
In Zusammenarbeit mit THE ZAPPA FAMILY TRUST
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 23.11.2016
MARIE CURIE
Ab 1. Dezember 2016 im Kino
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1903 erhält die Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) als erste Frau gemeinsam mit ihrem Mann Pierre (Charles Berling) den Nobelpreis für Physik. Nur kurze Zeit später, mit gerade Mitte dreißig und als junge Mutter zweier Kinder, verliert sie Pierre durch einen tragischen Unfall. Dennoch geht sie ihren Weg unerschütterlich weiter, setzt in einer von Männern dominierten Welt ihre gemeinsamen Forschungen alleine fort und erhält als erste Frau einen Lehrstuhl an der Pariser Sorbonne. Als sie sich dann, nach einer langen Zeit der Trauer um ihren geliebten Mann, in den verheirateten Wissenschaftler Paul Langevin (Arieh Worthalter) verliebt und sich auf eine Affäre mit ihm einlässt, löst sie einen heftigen Skandal aus. Denn just in dem Moment, als ihr der zweite Nobelpreis zuerkannt werden soll und die ehrwürdige Académie des sciences über die Aufnahme Marie Curies in ihren Kreis berät, klagt sie die Pariser Presse – auch auf Betreiben von Pauls rachsüchtiger Ehefrau – öffentlich als Ehebrecherin an. Im vollen Glanze ihres Ruhms wird Marie Curie zum Ziel übler Diffamierungen und muss bitterlich erfahren, wie unvereinbar Vernunft und Leidenschaft sein können...

Ein Film von Marie Noëlle
Mit Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling, André Wilms, Samuel Finzi, Iza Kuna, Malik Zidi, Marie Denarnaud, Daniel Olbrychski, Sabin Tambrea u.a.


Mit MARIE CURIE wirft Regisseurin Marie Noëlle einen sehr persönlichen Blick auf das bewegte Leben der zweifachen Nobelpreisträgerin. Sie konzentriert sich in ihrem Film auf die Jahre zwischen der Verleihung der beiden Preise, die für Marie Curie von tragischen Ereignissen wie dem Tod ihres Mannes und wissenschaftlichen Mitstreiters Pierre genauso geprägt waren wie von privaten und beruflichen Erfolgen und Niederlagen – und von einer großen neuen Liebe zu ihrem Kollegen Paul Langevin, die in einem öffentlichen Skandal mündete.
So zeigt MARIE CURIE die legendäre Wissenschaftlerin von einer bislang unbekannten, privaten Seite und zeichnet das bewegende, emotionale und überraschende Bild einer leidenschaftlichen und starken Frau, die ihren Weg gegen alle Widerstände geht, und die immer wieder von Neuem für ihr Glück kämpfen muss. In der Rolle der Marie Curie begeistert Karolina Gruszka, die in ihrem Heimatland Polen für ihre schauspielerischen Leistungen vielfach ausgezeichnet wurde. An ihrer Seite zu sehen sind u.a. der mehrfach César-nominierte Charles Berling (Ridicule) als Pierre Curie, André Wilms (Le Havre) als dessen Vater Eugène, Arieh Worthalter als Paul Langevin, Samuel Finzi (Kokowääh) als Verleger des Boulevard-Blatts ,L’Oeuvre’ sowie Daniel Olbrychski (Die Blechtrommel, Salt) als Émile Amagat und Sabin Tambrea (Ludwig II., Ku’damm 56) als schwedischer Botschafter August Gyldenstolpe.
Marie Noëlle war u.a. bei Ludwig II. und Die Frau des Anarchisten für Drehbuch und Regie mit verantwortlich, zudem verfasste sie die Drehbücher für Love the Hard Way und Obsession mit. Das Drehbuch zu MARIE CURIE hat sie gemeinsam mit Andrea Stoll (Und alle haben geschwiegen, Familienfest) geschrieben.
MARIE CURIE ist eine Produktion von P‘Artisan Filmproduktion (Marie Noëlle) in Koproduktion mit Pokromski Studio Warschau (Mikolaj Pokromski), Glory Film (Ralf Zimmermann), Schubert International (Lothar Schubert, Birgit Rothörl), Perathon Film (Joseph Vilsmaier), Schubert Music, Climax Films (Sebastian Schelenz, Olivier Rausin), FIVE OFFICE Ltd., Sépia Production (Brigitte Faure) und Bayerischer Rundfunk (federführend: Bettina Reitz, Cornelia Ackers), Gefördert wurde die Produktion durch FilmFernsehFonds Bayern FFF, Minitraité FFA / CNC, Deutscher Filmförderfonds DFFF, Polnisches Filminstitut PISF, Medienboard Berlin-Brandenburg MBB, Krakau Festival Office KBF, Belgian Federal Government‘s Tax Shelter Scheme und MEDIA Programm.


INHALT
Dezember 1904: Die hochschwangere Wissenschaftlerin Marie Curie (Karolina Gruszka) arbeitet in ihrem Forschungslabor gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre (Charles Berling) und ihrem Mitarbeiter André Debierne (Malik Zidi), als bei ihr die Wehen einsetzen. Mit 37 Jahren bringt sie ihre zweite Tochter Ève zur Welt.
Ein Jahr zuvor hatte die Schwedische Akademie der Wissenschaften dem Ehepaar für die Entdeckung der Radioaktivität den Nobelpreis für Physik verliehen. Ihre beruflichen Verpflichtungen hatten die Curies allerdings davon abgehalten, die Auszeichnung entgegenzunehmen. Im Juni 1905 holen die beiden das nach: Sie reisen nach Stockholm, und Pierre hält den vorgeschriebenen Nobelvortrag. Anstatt sich von einem Wagen der Königlichen Akademie von ihrem Hotel zu der Veranstaltung kutschieren zu lassen, geht das Ehepaar lieber zu Fuß.
Nach ihrer Rückreise aus Stockholm werden Marie und Pierre am Bahnhof von Sceaux, zehn Kilometer südlich von Paris, von vier ihnen nahe stehenden Menschen empfangen: von ihrer siebenjährigen Tochter Irène, Pierres Vater Eugène Curie (André Wilms), ihrem Mitarbeiter André Debierne und Paul Langevin (Ariel Worthalter), einem befreundeten Physiker und langjährigen Weggefährten der Familie Curie.
Aber auch die französische Presse scheint die Ankunft des berühmten Wissenschaftlerpaares erwartet zu haben: Einer der Journalisten, der den Curies vor deren Haus auflauert, ist Gustave Téry (Samuel Finzi), Herausgeber der Boulevardzeitschrift „L’OEuvre“. Mit Hochdruck arbeiten Marie und Pierre daran, ihre Radium-Krebstherapie weiterzuentwickeln. Doch nach wie vor befindet sich ihr Labor in einem zugigen Schuppen, der einst als Sezierraum diente. Eugène Curie schlägt seinem Sohn vor, ein Patent anzumelden, um das Geld für ein anständiges Labor zusammenzubekommen.
Pierre protestiert: „Wir sind doch Forscher, keine Profiteure!“
Am 19. April 1906 verliert Marie ihren geliebten Lebenspartner und wissenschaftlichen Mitstreiter durch einen tragischen Unfall. In der Rue Dauphine in Paris wird er von einem Lastfuhrwerk überfahren und stirbt noch am Unfallort. Trotz ihrer Trauer führt sie ihre gemeinsame Arbeit fort. Ihre Gedanken teilt sie Pierre in einem Tagebuch mit, das sie für ihn führt. Ihr Schwiegervater Eugène ist eine große Stütze für sie und ihre beiden Töchter. Marie stürzt sich wieder in ihre Forschung – mit dem Ziel, Tausende von Krebskranken zu retten.
Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität schreibt Pierres Lehrstuhl für allgemeine Physik neu aus und entscheidet sich schließlich dafür, Marie Curie die Kursverantwortung zu übertragen. Sie ist die erste Frau, die an der Sorbonne lehrt: Unter großer öffentlicher Anteilnahme hält sie am 5. November 1906 ihre Antrittsvorlesung.
Mit befreundeten Wissenschaftlern, darunter auch Paul Langevin, gründet sie zudem an der Sorbonne eine Schul-Kooperative, in der die Mitglieder ihre Kinder selbst unterrichten. Sie fordert eine neue Form der Bildung: Anstatt theoretische Fakten auswendig zu lernen, sollen die Kinder selbst Experimente durchführen. Auch an der Uni versucht Marie Curie, ihren Studenten Abenteuerlust, Neugierde und die Freiheit des Geistes zu vermitteln.
In ihrem Labor gelingt es ihr endlich, das von ihr entdeckte chemische Element Radium zu isolieren – ein wissenschaftlicher Durchbruch, von dem sie sogleich Paul Langevin erzählt. Er überredet sie dazu, als einzige Frau an einer Konferenz teilzunehmen, zu der der belgische Unternehmer Ernest Solvay die bedeutendsten Physiker der Welt eingeladen hat, unter anderem auch Albert Einstein. Im Rahmen der Tagung diskutiert Einstein angeregt mit Marie – und schwärmt, sie sei die intelligenteste Frau, der er je begegnet sei.
In Paris bemüht sich Marie Curie darum, als erste Frau in die Académie des sciences aufgenommen zu werden. Sie möchte ein Radium-Institut gründen, in dem Forscher und Ärzte Hand in Hand arbeiten. Vergeblich versucht sie, ihren Physiker-Kollegen Émile Amagat (Daniel Olbrychski) auf ihre Seite zu ziehen: In der entscheidenden Akademiesitzung spricht sich Amagat vehement gegen Marie aus, die daraufhin bei der Abstimmung knapp gegen Edouard Branly verliert.
Im Lauf der Zeit kommen sich Marie Curie und Paul Langevin immer näher. Marie träumt davon, alles mit ihm zu teilen, ihre Forschung und ihren Alltag, doch Paul ist gefangen in einer unglücklichen Ehe mit der streitsüchtigen Jeanne (Marie Denarnaud), mit der er vier Kinder hat. Jeanne wirft Paul vor, eine gut dotierte Berater-Stelle abgelehnt zu haben, obwohl sein karges Salär kaum ausreiche, sechs Mäuler zu stopfen. Paul, ein ähnlicher Idealist wie Marie, entgegnet seiner Gattin entrüstet, er sei Forscher und kein Lakai der Industrie.
Schließlich lassen sich Marie und Paul auf eine leidenschaftliche Liebesbeziehung ein. Ihr Refugium ist eine kleine Zweitwohnung, die Paul angemietet hat. Doch Jeanne bekommt Wind von der Liaison – sie fängt Marie eines Tages auf der Straße ab, stellt sie zur Rede und bedroht sie mit einem Messer. Rasend vor Eifersucht, erzählt sie Gustave Téry von der Affäre ihres Mannes. Als der Journalist handfeste Beweise von ihr verlangt, engagiert Jeanne einen Einbrecher, der die Liebesbriefe von Marie und Paul aus der Wohnung entwendet.
Im November 1911 bekommt Marie Curie Besuch von August Gyldenstolpe (Sabin Tambrea), dem Botschafter Schwedens in Frankreich: Er teilt ihr die Entscheidung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften mit, ihr den Nobelpreis für Chemie zu verleihen. Sie wäre damit der erste Mensch, dem zwei Nobelpreise zuerkannt wurden, noch dazu in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen.
Doch im selben Monat wird ihre Affäre mit Paul publik – und von der französischen Presse zu einem riesigen Skandal aufgebauscht. Reporter und Fotografen belagern ihr Haus; Marie wird beschimpft als Ehebrecherin, als polnische Hure, die eine französische Familie zerstöre, und als Jüdin, obwohl sie katholisch ist. Gustave Téry veröffentlicht in „L’OEuvre“ einen zehnseitigen Auszug aus den Briefen, die Jeanne
Langevin ihm zugespielt hat – unter der Überschrift: „Romanze im Labor: Die Liebesbriefe der Madame Curie. Betrogene Ehefrau und ihre vier Kinder in Tränen.“ Paul Langevin fordert Téry daraufhin zum Duell, bei dem allerdings kein Schuss fällt. Stattdessen ruft Téry theatralisch: „Ich weigere mich, Frankreich eines seiner klügsten Köpfe zu berauben!“
Angesichts des Skandals, den die sogenannte „Langevin-Affäre“ ausgelöst hat, bedrängt Gyldenstolpe Marie Curie, auf die Annahme des Nobelpreises zu verzichten. Sie weist das Ansinnen jedoch mit Bestimmtheit zurück: „Würde man alle männlichen Kollegen ausladen, die eine Affäre haben, dann käme kaum eine Nobelpreisverleihung überhaupt zustande!“ So reist Marie Curie ein zweites Mal nach Stockholm, um einen Nobelpreis entgegen zu nehmen.


PRODUKTIONSNOTIZEN
INSPIRATION FÜR DIE EIGENE WISSENSCHAFTLICHE KARRIERE

Es begann mit einer Empörung: Vor rund acht Jahren erfuhr Marie Noëlle durch einen Artikel zum ersten Mal von Marie Curies Liebesaffäre mit dem Physiker Paul Langevin. „Ich dachte eigentlich, ich wüsste alles über Marie Curie – aber von dieser Liaison hatte ich noch nie etwas gehört“, konstatiert die Filmemacherin.
„Dabei hatte ich schon während meiner Schulzeit sämtliche Bücher über diese Frau verschlungen, der es dank ihrer überragenden Intelligenz gelungen war, die Männerwelt der Wissenschaft zu erobern. Sie war das Idol meiner Jugend und hat mich zu meinem Mathematik-Studium inspiriert. Ihr Arbeitsethos, ihr Wertekompass, ihre konsequente Weigerung, ihre wissenschaftlichen Entdeckungen kommerziell auszuschlachten – all das hat mir stets großen Respekt eingeflößt. Und nun musste ich in jenem Artikel plötzlich von der ,Affäre Langevin‘ lesen, die 1911 einen riesigen Skandal auslöste und fast verhindert hätte, dass Marie Curie mit ihrem zweiten Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Paul Langevin war verheiratet und hatte diverse Liebschaften – doch die Presse machte ihm deswegen nie einen Vorwurf, während die verwitwete Marie Curie als Hure und Ehebrecherin gebrandmarkt wurde. Das hat mich wirklich wütend gemacht: Wie konnte es sein, dass man ausgerechnet diese brillante Wissenschaftlerin, diese integre Idealistin, die nie auf ihren eigenen Vorteil bedacht war, in der Öffentlichkeit so behandelt hat? Und wie konnte es sein, dass dieser skandalöse Umgang mit ihr jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt und in keiner Biografie erwähnt wurde?“
Marie Noëlle war jedoch nicht nur entrüstet – sie erkannte sofort, dass diese Geschichte alle Elemente eines Kinostoffs in sich trug. Der Zufall wollte es, dass sie bei einem Filmfest-Empfang mit der Autorin Andrea Stoll ins Gespräch kam: „Sie meinte, dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten würde. Und sie hatte gerade gemeinsam mit Petra Gerster ,Ihrer Zeit voraus‘ geschrieben, ein Buch über starke Frauen, die die Welt verändert haben, darunter auch Marie Curie. Eine glückliche Fügung.“ Bei einem mehrtägigen Arbeitstreffen waren sich die beiden Drehbuchautorinnen schnell einig, dass sie kein typisches Biopic schreiben wollten, das die Vita von der Wiege bis zur Bahre nachzeichnet: „Uns schwebte vielmehr ein intimes Porträt vor, das exemplarisch die turbulente Periode zwischen den beiden Nobelpreis-Verleihungen behandelt“, erläutert Marie Noëlle. „Wir wollten vom Kampf einer Frau um Anerkennung erzählen, einem Kampf, der sie zwang, viele Aspekte ihrer Weiblichkeit zu verleugnen, um ihrer Passion für die
Wissenschaft nachgehen zu können.“

EIN POETISCHES TAGEBUCH, DAS ZU TRÄNEN RÜHRT
Wie immer bei Marie Noëlle ging dem Schreibprozess eine jahrelange intensive Recherche voraus: „Das Drehbuch beruht in erster Linie auf Originaldokumenten – Briefe, Tagebücher, Laborberichte, Zeitungen von damals usw.“, betont sie. Aus diesen Quellen gehe unter anderem hervor, dass Marie Curie die Liaison mit Paul Langevin (ein langjähriger Freund der Familie und ein Ex-Schüler ihres verstorbenen Ehemannes Pierre Curie) keineswegs leichtfertig eingegangen sei: „Das alles konnte nur passieren, weil Marie nach Pierres Tod jahrelang allein war. Denn solange er noch lebte, war sie wie eine Nonne im Dienste der Wissenschaft. Die beiden hatten eine sehr glückliche Ehe geführt. Deshalb fand ich es interessant zu sehen, wie Marie mit dem plötzlichen Unfalltod ihres geliebten Mannes umging: Sie schrieb in ihrem Tagebuch zwei Jahre lang fast täglich einen Brief an Pierre – so, als wäre er noch am Leben. Dieses Tagebuch hat mich tief berührt.“
Marie Noëlle setzte alles daran, die Dokumente im Original studieren zu dürfen: „Ich finde, eine Handschrift sagt viel über die jeweilige Person aus. Aber es war gar nicht so einfach, an die Schriftstücke heranzukommen – ich musste mehrere Briefe an die französische Nationalbibliothek schreiben, ehe man mir die Erlaubnis gab. Und vor Ort musste ich dann Schutzhandschuhe anziehen, weil angeblich die Gefahr bestand, dass die Blätter radioaktiv verseucht waren.“ Der Aufwand habe sich allerdings gelohnt, stellt sie klar: „Es war faszinierend zu sehen, was für eine extrem elegante Handschrift Marie Curie hatte.
Ihr Französisch war für eine Polin erstaunlich perfekt. Ihre Laborbücher sind ein Musterbeispiel für
Akkuratesse. In ihren Tagebüchern musste sie kaum je einen Fehler ausbessern – so, als hätte es sich bloß um eine Abschrift gehandelt. Doch es war das Original. Und ihre Ausdrucksweise in den Briefen an ihren verstorbenen Ehemann ist so wunderschön und so poetisch, dass mir beim Lesen die Tränen kamen. Der Bibliothekar hatte schon Angst, dass ich das Manuskript ruinieren würde. Ich konnte ihn aber beruhigen. Und ich konnte ein Originalzitat in den Film einbauen.“

DIE ENKELIN IN DEN FUSSSTAPFEN IHRER GROSSMUTTER
Im Zuge ihrer Recherche traf sich Marie Noëlle auch mit Maire Curies Enkelin Hélène Joliot-Curie, die – Ironie des Schicksals – Paul Langevins Enkel Michel geheiratet hatte. „Hélène ist inzwischen zwar 88 Jahre alt, aber immer noch total fit und klar im Kopf“, berichtet die Filmemacherin. „Sie bewohnt das Haus, in dem Marie Curie zuletzt lebte. Dort finden sich überall Spuren ihrer Großmutter – ich hatte fast das Gefühl, in einer Curie-Biografie gelandet zu sein. Aus dem vereinbarten zweistündigen Gespräch wurde schließlich ein ganzer Tag. Aber Hélène war wie eine harte Nuss, die ich erst knacken musste.
Denn obwohl sie Paul Langevin noch persönlich kennengelernt hatte, wollte sie nur zögerlich über die Affäre ihrer Oma Auskunft geben. Man kann das durchaus verstehen: Ihre Mutter Irène, Marie Curies älteste Tochter, war zum Zeitpunkt des Skandals gerade mal 15 Jahre alt. Es muss ein Schock für so ein Kind sein, wenn die eigene Mutter plötzlich als Hure beschimpft wird.“
Marie Noëlle nahm auch Kontakt zu Pierre Radványi auf, dem mittlerweile 90-jährigen Sohn von Anna Seghers, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei Irènes Ehemann Frédéric Joliot-Curie Physik studiert und eine Biografie über die Familie Curie verfasst hatte: „Er meinte zu mir, ich müsse mich beeilen, wenn ich ihn noch treffen wolle, denn er sei nicht mehr der Jüngste. Ich entgegnete: ,Aber ich möchte zuerst Ihr Buch lesen. So lange müssen Sie schon noch ausharren!‘“ Pierre Radványi hielt durch, traf sich mit Marie Noëlle und begleitete ebenso wie Hélène Joliot-Curie die Drehbucharbeit mit diversen Anmerkungen und Anregungen.
Parallel hierzu begann für Marie Noëlle als Produzentin die Suche nach Finanziers, Förderern und
Kooperationspartnern. An ihrer Seite fanden sich ein alter Weggefährte, nämlich Ralph Zimmermann, der unter anderem bereits bei Marie Noëlles früheren Regiearbeiten Die Frau des Anarchisten und Ludwig II. als ausführender Produzent an Bord gewesen war, sowie der Spross eines sehr alten Weggefährten: Koproduzent Mikolaj Pokromski ist der Sohn des preisgekrönten Maskenbildners Waldemar Pokromski, der seit zwei Jahrzehnten bei sämtlichen Filmen von Peter Sehr und Marie Noëlle für die Maske verantwortlich ist. „Mikolaj habe ich schon während seiner Studienzeit kennengelernt – als Dozentin des Aufbaustudienprogramms ,Atelier Ludwigsburg-Paris‘, das sich an angehende Spezialisten für internationale Koproduktionen richtet“, erklärt Marie Noëlle. „Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, und als ich ihm von meinem Curie-Projekt erzählte, war er sofort Feuer und Flamme. Er hat sich in einer Art und Weise ins Zeug gelegt, wie man es sich von einem Koproduzenten nur wünschen kann.“

DIE INTERNATIONALE BESETZUNG
Die Besetzung einiger Rollen gestaltete sich denkbar einfach – sie stand nämlich für die Regisseurin von vornherein fest. „Für Marie Curies Ehemann Pierre wollte ich zum Beispiel unbedingt Charles Berling“, bekräftigt sie. „Ich kannte ihn bereits von unserer wunderbaren Zusammenarbeit bei Obsession. Zudem hat er unmittelbar danach schon einmal Pierre Curie gespielt: an der Seite von Isabelle Huppert, in dem Film Les palmes de M. Schutz. Da ging es um die frühen Jahre des berühmten Ehepaares und um die Entdeckung des Radiums. Charles war begeistert von der Idee, dass er nun Pierre Curie in den Monaten kurz vor seinem Tod verkörpern sollte.“
Für die Rolle von Pierres Vater Eugène Curie hatte Marie Noëlle beim Drehbuchschreiben stets André Wilms im Hinterkopf, den deutsche Cineasten vor allem als Hauptdarsteller des Aki-Kaurismäki-Films „Le Havre“ kennen. „Allerdings schien er anfangs gar nicht erfreut über mein Angebot“, gesteht die Filmemacherin.
„Am Telefon erklärte er mir erst einmal eine halbe Stunde lang, dass er eigentlich überhaupt
kein Schauspieler wäre und auch keine Lust mehr auf diesen Job hätte. Schließlich meinte er: ,Aber wenn Sie wollen, können wir zusammen einen Kaffee trinken.‘ Ich traf ihn also in Paris, und wieder legte er mir lang und breit dar, er wäre viel zu alt und die Schauspielerei gar kein richtiger Beruf, ehe er plötzlich fragte: ,Was für eine Geschichte wollen Sie denn erzählen?‘ Ich verriet es ihm und erläuterte ihm seinen Part; er sah mich an und sagte dann: ,Ja, das mach’ ich!‘ Peng! Ich war völlig perplex. Er sagte einfach zu, ohne das Drehbuch zu kennen!“
Als Marie Curies Widersacher Émile Amagat wünschte sich Marie Noëlle die polnische Darsteller-Legende Daniel Olbrychski. „Er spielte schon im allerersten Film, bei dem ich je als Regieassistentin mitgewirkt habe“, erinnert sie sich. „Es war eine Arte-Produktion mit Nathalie Baye. Ich musste Daniel damals jeden Morgen pünktlich zum Drehort bringen – was alles andere als einfach war, wie ich mich erinnerte. Als wir uns trafen, wollte er wissen, was für eine Rolle ich für ihn vorgesehen hätte, und ich sagte: ,Einen renommierten Wissenschaftler, vornehm, gebildet und durchaus charmant aber zutiefst frauenfeindlich.‘
Daniel entgegnete lächelnd: ,Ich sehe, was Sie meinen. Ja, das kann ich gut!‘“ Auch für zwei weitere Rollen veranstaltete die Regisseurin kein Casting, weil sie hierfür zwei Akteure
vorgesehen hatte, mit denen sie schon bei Ludwig II. beste Erfahrungen gemacht hatte: „Ich wollte partout Sabin Tambrea als schwedischen Botschafter August Gyldenstolpe besetzen. Und die Rolle des geschwätzigen Boulevardjournalisten Gustave Téry habe ich Samuel Finzi auf den Leib geschrieben – als Ausgleich dafür, dass er als Lakai in Ludwig II. kaum ein Wort sagen durfte!“

DER FESSELNDE BLICK – WER SPIELT MARIE CURIE?
Um die richtige Hauptdarstellerin zu finden, war indes eine lange, aufwändige Suche erforderlich. „Mehr als ein Jahr lang sah ich mir alle möglichen französischen Schauspielerinnen an, traf mich mit ihnen und machte Probeaufnahmen“, berichtet Marie Noëlle. „Viele von ihnen waren fabelhaft, doch alle kamen aus irgendeinem Grund nicht in Frage. Vor allem beschäftigte mich die Frage des polnischen Akzents, den Marie Curie als gebürtige Polin im Französischen hatte. Ich fragte mich, wie wir diesen wirklich überzeugend hinbekommen konnten.“ Die Regisseurin beschloss, ihrer Suche eine neue Richtung zu geben:
„Wenn man die private Seite von Marie Curie auf authentische Weise zeigen möchte, kommt man um die Tatsache nicht herum, dass sie Polin war. Deshalb richtete ich meinen Blick fortan auf polnische Darstellerinnen. Ich wusste auch genau, was mir wichtig war: Ich suchte keine Doppelgängerin, die genauso aussah wie die echte Marie, sondern eine Frau, die eine ganz bestimmte Energie ausstrahlte, eine Stärke in den Augen, die aber auf keinen Fall kalt wirken durfte.“
Von Erfolg gekrönt war schließlich ein äußerst unorthodoxes Casting: „Ich habe im Internet nach polnischen Schauspielerinnen zwischen 30 und 40 gegoogelt, interessierte mich aber nicht für deren Lebensläufe, sondern druckte nur ihre Fotos aus, breitete sie auf meinem Tisch aus und ließ sie zu mir sprechen“, erzählt Marie Noëlle. „Und ein Blick hat mich immer wieder gefesselt. Dieser Blick hatte es in sich: Er war zugleich kraftvoll und zärtlich – und traf mich tief ins Mark. Ich wusste: Diese Frau muss ich kennenlernen.“ Die Frau war Karolina Gruszka. „Sie lebte damals in Moskau, fünf Flugstunden entfernt von Frankreich, erklärte sich aber bereit, für einen halben Tag nach Paris zu kommen, um Probeaufnahmen mit mir zu machen, obwohl sie von mir – abgesehen von einem Telefonanruf – zuvor noch nie etwas gehört hatte“, hebt Marie Noëlle hervor. „Das Ganze passierte just am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo, so dass eine äußerst seltsame Atmosphäre in der Stadt herrschte. Ich erkannte Karolina schon von weitem am Ende des Korridors; sie hatte feuerrote Haare, fast wie Pumuckl, also ganz anders als Marie Curie und auch ganz anders als auf ihrem Foto. Doch als ich sah, wie sie lief, wie sie sich bewegte, dachte ich sofort: ,Das ist Marie Curie!‘ Im nächsten Moment dachte ich: ,O Gott, wahrscheinlich spricht sie ganz schlecht Französisch!‘ Aber meine Sorge erwies sich als unbegründet: Karolinas Französisch war perfekt, samt passendem Akzent; sie beherrschte ihren Text makellos, und ihr Spiel war einfach hinreißend – sie hatte
genau die richtige Mischung aus Strenge und Zärtlichkeit, aus Intelligenz und Wärme, nach der ich so lange gesucht hatte.“
Endlich hatte die Regisseurin ihre perfekte Marie Curie gefunden. „Ich bin heilfroh, dass NFP-Verleihchef Christoph Ott ebenso begeistert von Karolina war wie ich – und dass er den Mut hatte, auf eine in Deutschland bislang noch unbekannte Hauptdarstellerin zu setzen“, unterstreicht Marie Noëlle. „Karolina entdeckt zu haben, potenzierte meine Lust auf den Film.“
Für die Rolle des Paul Langevin hatte Casterin Kris de Bellair glücklicherweise ein heißes Eisen im Feuer: Arieh Worthalter. „Ein unglaublicher Typ“, schwärmt Marie Noëlle. „Nach seinem Schulabschluss in Belgien hat er ein Jahr als Einsiedler in Kanada gelebt; er war allein auf einem Schiff unterwegs und wäre dabei fast gestorben; er arbeitet zwar als Schauspieler, klinkt sich aber immer wieder wochen- oder monatelang aus, um irgendwelche Fußmärsche zu machen. Er ist attraktiv auf interessante, fast geheimnisvolle Weise – ideal für die Figur des Paul Langevin.“ Zur großen Erleichterung der Regisseurin stimmte auch die Chemie zwischen ihm und Karolina Gruszka, wie sich bei gemeinsamen Probeaufnahmen herausstellte.

GEDOUBELTE SCHAUPLÄTZE UND ORIGINAL-INSTRUMENTE
Schon während der Recherchephase war die Filmemacherin erstmals durch Polen gereist – auf den Spuren von Marie Curie und auf der Suche nach geeigneten Drehorten. Im Gepäck hatte sie einige wertvolle Tipps ihres Koproduzenten Mikolaj Pokromski. Sie zeigte sich beeindruckt von der Schönheit des Landes: „Tatsächlich habe ich fast alle tollen Motive in Polen gefunden“, bemerkt sie. „Ich spürte, dass diese Orte sozusagen die Seele des Films sein würden.“
Gedreht wurde letztlich an 31 Tagen zwischen Mai und Juli 2015 in Krakau, Lodz, Leba und Paris sowie in der Umgebung von Berlin und München. In Paris entstanden unter anderem die Außenaufnahmen an der Sorbonne sowie Marie Curies Gespräch mit ihrer Schwester Bronia im Jardin du Luxembourg. Die Innenräume der Sorbonne wurden hingegen von der Krakauer Universität gedoubelt: „Dort konnten wir Flure, einen Hörsaal und andere Räume nutzen, die noch genauso aussahen wie vor 100 Jahren“, meint Marie Noëlle. „Man hatte sogar das Gefühl, auch der Staub von damals wäre noch dagewesen! Allerdings werden die Räume noch fleißig genutzt, sodass wir den Hörsaal nur einen einzigen Tag lang zur Verfügung hatten – und das war ausgerechnet unser erster Drehtag. Das hieß: Alle Schauspieler waren zum ersten Mal zusammen am selben Ort, dazu kamen 180 polnische Statisten und ein riesiges Arbeitspensum... Das Ganze war so anstrengend, dass André Wilms beispielsweise im Auditorium auf seiner Bank zweimal eingeschlafen ist.“
In Leba, einem polnischen Küstenort nordwestlich von Danzig, wurden sämtliche Strandszenen gefilmt. Das Haus der Familie Curie fand Szenenbildner Eduard Krajewski in der Nähe von Berlin, in Lichterfelde; das Appartement von Paul Langevin wurde hingegen in den Bavaria Studios in Grünwald bei München aufgebaut. Auch das Duell zwischen Langevin und Gustave Téry wurde unweit von München gedreht: in einem Wald bei Dietramszell. Die meisten Motive fanden sich indes in Lodz – etwa für die Szenen in der Académie des sciences, bei der Nobelpreisverleihung, beim schwedischen Botschafter oder in Marie Curies Labor, einem der Hauptschauplätze des Films, das originalgetreu nachgebaut wurde. Ausstatter Eduard Krajewski gelang dabei noch ein besonderer Coup: Mittels einer Internet-Recherche fand er heraus, dass ein Bremer Sammler die Original-Instrumente des Curie-Labors aufgekauft hatte. „Damit konnten wir unser rekonstruiertes Labor präzise bestücken“, freut sich Marie Noëlle. „Wir durften die Instrumente mieten, aufstellen und filmen – aber natürlich nur unter strenger Aufsicht des Sammlers.“

SINNLICHE AUFNAHMEN, LEUCHTENDES RADIUM
Für die Filmemacherin war es die erste Zusammenarbeit mit dem preisgekrönten polnischen Kameramann Michal Englert. „Es fühlte sich allerdings so an, als hätten wir bereits zehn Filme gemeinsam gedreht“, stellt sie fest. „Schon bei unseren Probeaufnahmen in München haben wir uns auf Anhieb verstanden.
Michal hat einen skurrilen Humor, ist extrem konzentriert bei der Arbeit und sagt knallhart, was er
denkt. All das schätze ich sehr.“ Zudem, fügt sie an, habe er ihr sehr beim Finden unkonventioneller
Lösungen geholfen – und sei stets zu sämtlichen Schandtaten bereit gewesen: „In Leba hatten wir
eigentlich nur eine Drehgenehmigung für einen halben Tag und einen bestimmten Strandabschnitt.
Aber ich hatte bei der Location-Suche noch einen schöneren, etwas wilderen Strand mit Dünen entdeckt, an dem ich unbedingt auch drehen wollte. Und Michal war sofort dabei: Am Sonntag schnappten wir uns unseren Kameraassistenten, stecken Karolina in ihren Mantel und zogen zu viert heimlich los. So ist es uns gelungen, noch ein paar unglaublich schöne Bilder einzufangen.“
Gefilmt wurde mit der lichtstarken digitalen Alexa-Kamera von Arri, die der Regisseurin bereits bei
Ludwig II. hervorragende Dienste geleistet hatte. „Michals Markenzeichen ist es, gegen die digitale Ästhetik zu arbeiten, um einen edleren Kino-Look hinzubekommen“, so Marie Noëlle. „Wir haben im Cinemascope-Format gedreht, mit anamorphistischen Linsen und diversen Filtern, die unter anderem für wunderbar flirrende Bilder gesorgt haben.“ Zusammen mit ihrem Kameramann erarbeitete sie ein besonderes visuelles Konzept für MARIE CURIE: „Der Film sollte ja ein intimes Porträt dieser unglaublichen Frau werden.
Darum haben wir uns nicht auf Kostüme oder historische Schauplätze fokussiert, sondern auf die
Emotionen der Figuren. Wichtig war es mir vor allem, möglichst sinnliche Bilder zu finden. So wollte ich dem Kinopublikum zum Beispiel die Freude der Forscher an ihrer Arbeit vermitteln. Ich selbst habe viele Wissenschaftler kennengelernt, und allen gemeinsam war ein großes Vergnügen am Beobachten und Erkunden der Welt, eine schier unerschöpfliche Neugier und Entdeckerlust. Diese Leidenschaft wollte ich unmittelbar auf die Leinwand übertragen.“
Ein signifikantes Detail in diesem Zusammenhang war das Leuchten des Radiums. „Es ist faszinierend, mit was für einer beinahe kindlichen Begeisterung eine hochintelligente Frau wie Marie Curie über dieses Phänomen geschrieben hat“, merkt die Regisseurin an. „Ihr Ehemann Pierre hatte sogar immer eine kleine Radium-Probe in der Tasche, damit er sie wie ein Gaukler spätabends in geselliger Runde vorführen und die Zuschauer so zum Staunen bringen konnte. Im Film haben wir hierfür eine Leuchtflüssigkeit in Reagenzgläser gefüllt und, um die Wirkung zu verstärken, zusätzlich mit Spiegelungen, Lichtbrechungen und Kamerafiltern gearbeitet. Zu diesem Zweck hatte ich einen gläsernen Paravent organisiert, der ähnlich aussah wie die Fenster des Labors, damit sich das Licht mehrfach brechen und spiegeln ließ. So konnten wir einen fast kubistischen Effekt erzielen.“
Marie Noëlle betont, dass bei keinem dieser Bilder irgendwelche digitalen Tricks zum Einsatz kamen: „Das ist alles klassische Kamera-Tüftelarbeit, handgemacht, sozusagen bio“, lacht sie. „Um Maries verstorbenen Ehemann Pierre plötzlich im Fenster erscheinen zu lassen, haben wir beispielsweise einen Spiegel benutzt. Im ganzen Film gibt es nur einen einzigen Spezialeffekt: in der Szene am Bahnhof, wenn man durchs Fenster des Wartesaals einen vorbeifahrenden Zug sieht. In Wirklichkeit haben wir die Wartesaal-Szene in einem längst ausrangierten Bahnhof in Berlin gedreht.“


EINE MODERNE HELDIN
Nicht nur die Spezialeffekte, auch Make-up und Kostüme sind in diesem Film auf ein Minimum reduziert. „Wie schon angedeutet, wollte ich unsere Titelheldin als moderne Frau präsentieren, quasi ohne Plüschbezug – eine Frau, mit der man sich heute ohne Weiteres identifizieren kann“, betont die Regisseurin. „Marie Curie hat schon früh das Korsett abgelegt, das die Damen jener Zeit zu tragen pflegten. Sie besaß nicht viele Kleider und konnte es nie verstehen, dass andere Frauen Stunden damit verbrachten, sich ,schön‘ zu machen. Selbst bei ihren eigenen Töchtern sah sie es ungern, wenn sie sich schminken wollten. Aufdringliches Make-up wäre im Film deshalb völlig fehl am Platz gewesen. Aber unser Maskenbildner Waldemar Pokromski konnte seine magischen Hände unter anderem dafür einsetzen, Karolina Gruszkas rote Haare in die von Marie Curie zu verwandeln.“ Marie Noëlle und er hätten zahlreiche Dokumente ihrer Protagonistin an der Sorbonne gefunden, ergänzt Pokromski: „So konnte ich das Make-up sorgfältig vorbereiten. Ich musste sicherstellen, dass Karolina im Film wie eine Frau wirkt, die tagelang fast ununterbrochen im Labor geschuftet hat – noch dazu unter den harten Arbeitsbedingungen von damals. Insofern war hier praktisch ,unsichtbares‘ Make-up gefragt.“
Damit korrespondiert auch die unauffällige Garderobe der Titelfigur: „Für Marie Curie wollte ich ganz schlichte, zeitlose Kostüme, damit sie möglichst modern wirkt und ihre Kleidung nicht von der Geschichte ablenkt“, unterstreicht die Regisseurin. „Sie ist die einzige Frau im Film, die kein Korsett trägt. Am Schluss, mit den Bildern während des Abspanns, wollten wir sie in die Gegenwart transportieren – und das hat fabelhaft funktioniert: Wir ließen Karolina in ihrem Kostüm durch die Straßen von Paris laufen, filmten sie dabei, übrigens wieder ohne Drehgenehmigung, und warteten ab, was passieren würde. Das Verblüffende war: Es passierte gar nichts! Niemand schaute sie schräg an, keiner wunderte sich über ihr Outfit. Von einem einzigen Pärchen wurde sie angesprochen – aber auch nur deshalb, weil die beiden aus Polen kamen und Karolina erkannt haben!“
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Donnerstag 17.11.2016
ICH, DANIEL BLAKE
Ab 24. November 2016 im Kino
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Daniel Blake (Dave Johns) ist ein geradliniger und anständiger, zeitlebens Steuern zahlender Durchschnittsengländer – bis seine Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Jetzt, im gesetzteren Alter, will ihm die willkürliche Staatsbürokratie den Bezug von Sozialhilfe verweigern. Schnell gerät er in einen Teufelskreis von Zuständigkeiten, Bestimmungen und Antragsformularen. Daniel Blake rechnet nicht damit, dass die geradezu kafkaeske Situation ihn fast in die Knie zwingen wird. Seine Wege kreuzen sich mit Katie (Hayley Squires) und ihren beiden Kindern Daisy und Dylan. Sie raufen sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen und erfahren neben den ständigen Seitenhieben der Behörden auch viel Solidarität – von ehemaligen Kollegen, sogar von Daniels schrägem Nachbar. Doch die bürokratischen Klippen des sogenannten Sozialstaates sind tückisch. Da wird Ohnmacht zur Wut – und so leicht geben Daniel und Katie ihre Träume und Hoffnungen nicht auf...

Regie: Ken Loach

Mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Kate Rutter, Sharon Percy, Kema Sikazwe


Mit „Riff Raff“ brachte er schon früh das Kinopublikum zum Weinen, in „Angels Share – Ein Schluck für die Engel“ gab er sich rau und authentisch, mit „The Wind that Shakes the Barley“ setzte er irischen Landarbeitern ein Denkmal und gewann 2006 in Cannes damit die Goldenen Palme. Bis heute hat er nichts von seiner Präzision, seinem Engagement und seiner Lust am Filmemachen eingebüßt! Auch mit 80 Jahren wird Meisterregisseur Ken Loach nicht müde, sich in seinen kurzweiligen Spielfilmen für die Rechte der Underdogs zu engagieren und sich dabei immer ganz nah an den realen Umständen zu orientieren. Lakonisch und mit einer Prise Sarkasmus nimmt er in seinen neuen Film ICH, DANIEL BLAKE den Sozialstaat ins Visier. Dafür wurde er in diesem Jahr erneut in Cannes mit der Goldenen Palme für den Besten Film und in Locarno und San Sebastian mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Unaufgeregt und hochemotional erzählt er von den Ungerechtigkeiten im System – nicht nur in Großbritannien, sondern überall in Europa.

Sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty wurde angeregt durch die in der britischen Boulevardpresse angefachte Hetze gegen sozial Schwache als Schmarotzer. Aus der so entstandenen Wut heraus erzählen Loach und Laverty humorvoll und ohne falsches Pathos vom Kampf eines ungleichen englischen Paares gegen staatliche Windmühlen – und um ihre Würde.



INHALT

„Können Sie die Arme so heben, als ob Sie einen Hut aufsetzen?“ Diese und ähnliche Fragen einer „Gesundheitsdienstleisterin“ muss der Schreiner Daniel Blake aus Newcastle im Nordosten Englands beantworten, damit sein Sozialhilfeanspruch geklärt werden kann. Daniel erhält den schriftlichen Bescheid, dass die „Gesundheitsdienstleisterin“ ihn als arbeitstauglich eingestuft hat. Und das, obwohl seine Ärztin ihm dringend davon abgeraten hat, in seinem Gesundheitszustand wieder zu arbeiten. Damit hat der Endfünfziger keinen Anspruch auf Hilfe vom Staat. Eine telefonische Beschwerde scheitert beinahe, weil Daniel in einer endlosen Warteschleife mit der typischen nervtötenden Musik landet. Schließlich wird ihm mitgeteilt, sein „Gesundheitsdienstleister“ hätte ihn vor dem schriftlichen Bescheid eigentlich anrufen sollen, er möge doch bitte auf diesen Anruf warten und dann eine Nachprüfung beantragen.

Beim Besuch auf dem Amt wird Daniel gesagt, dass Arbeitslosengeld nur an Gesunde vergeben wird. Den Antrag hierfür gibt es aber nur online. Von Computern hat Daniel keinen Schimmer. Daniel lernt Katie kennen, die soeben mit ihren beiden Kindern Daisy und Dylan aus London nach Newcastle gezogen ist, weil ihr hier eine Wohnung angeboten wurde. In London hat sie ihr Vermieter nach einer Beschwerde samt Kinder einfach vor die Tür gesetzt. Und auch Katie kämpft mit der Bürokratie: Weil sie wegen Ortsunkenntnis einen Termin um eine halbe Stunde versäumt hat, droht ihr nun eine finanzielle Sperre. Die beiden unterstützen sich fortan gegenseitig, Daniel kümmert sich zudem liebevoll um die kluge Daisy und den quirligen kleinen Dylan. Katie will sich einen Job suchen und endlich mit dem Fernstudium weitermachen. Bis er wieder fit ist für seinen Job schnitzt Daniel zum Zeitvertreib kleine Holzfische und bastelt daraus Mobiles. Ein echter Handwerker eben, mit jahrzehntelanger Erfahrung – und viel trockenem Humor.

In einem Buchladen mit Computerplätzen versucht Daniel mit der Technik klarzukommen, um den Antrag auf Arbeitslosenhilfe loszuschicken. Er scheitert. Als ihm auf dem Amt eine Mitarbeiterin beim Online-Ausfüllen hilft, wird sie von ihrer Vorgesetzten zurückgepfiffen. Schließlich hilft ihm sein Nachbar China, den Antrag auszudrucken. Den kann er aber erst nach besagtem Anruf vom „Gesundheitsdienstleister“ abschicken. Und Anspruch auf Arbeitslosengeld erhält Daniel sowieso erst, wenn er nachweisen kann, dass er sich 35 Stunden in der Woche um einen Job bemüht hat. Einen Job, den er wegen seines Gesundheitszustandes gar nicht annehmen könnte. Da wird auch die Bewerbungsfortbildung nicht helfen, zu der sie ihn verpflichten.

Das Geld wird immer knapper und Daniel, Katie und die Kinder besuchen eine Essensabgabe-Tafel, wo Katie vor lauter Hunger eine Dose öffnet und den Inhalt verschlingt. Daniel klappert diverse Arbeitgeber ab, versäumt es aber, sich dieses Bemühen bestätigen zu lassen, was im Wiederum beim Sozialamt angelastet wird. Die Folge: Seine Leistungen werden für vier Wochen eingefroren. Ihm bleibt nichts anderes übrig: Er muss einige Möbel verkaufen. Aber sein gutes Schreinerwerkzeug, das behält Daniel – er wird ja bestimmt bald wieder arbeiten, das will er unbedingt. Aber diese Gängelung der Ämter, das kann so nicht weitergehen: Daniel wird jetzt ein Zeichen setzen! Buchstäblich.

„IM KEN’SCHEN SINNE“ – AUS DEM FILMISCHEN KOSMOS DES KEN LOACH

Es muss als großer Glücksfall des internationalen Kinos angesehen werden, dass sich Ken Loach und Paul Laverty vor genau 20 Jahren für den Film CARLA’S SONG erstmals fanden. Denn trotz des großen Altersunterschieds von mehr als 20 Jahren hatten sich zwei Brüder im Geiste gefunden. Hier der studierte Jurist und „alte Hase“ Loach, der bereits 1967 mit POOR COW seinen ersten Kinofilm inszeniert hatte (da war Laverty zehn Jahre alt), dort der studierte Philosoph Laverty, der mit Loach und CARLA’S SONG sein allererstes Drehbuch realisierte. Zwölf weitere gemeinsame Filme sollten bis heute folgen, mit Preisen überhäuft, weltweit anerkannt – und doch immer der Sache verpflichtet.

Denn ob es sich um illegale Einwanderung (BREAD AND ROSES, 2000), den irischen Freiheitskampf in den 1920er-Jahren (THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY, 2006) oder einen fanatischen Fußballfan von Manchester United (LOOKING FOR ERIC, 2009) handelt, stets geht es in den Filmen von Loach und Laverty um den so genannten „kleinen Mann“ und seine Bedürfnisse, um den ewigen Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Mächtigen, um Solidarität, Liebe und Freundschaft. Und um Humor. Wenn es nach Rebecca O’Brien geht, der langjährigen Produzentin Loachs, darf das gerne so weitergehen. „Es ist für Ken und Paul fantastisch, mit ICH, DANIEL BLAKE wieder etwas so aktuell Politisches und auch Wichtiges gedreht zu haben. Diese Gegenwärtigkeit erzeugt eine ungemeine Vitalität, an der nicht nur Ken und Paul teilhaben, sondern auch der Film selbst. Es ist wunderbar, Ken so voller Energie zu sehen. Manchmal denke ich: Ach Gott, hoffentlich können wir ewig so weitermachen.“ Rebecca O’Brien schätzt auch den explizit politischen Ansatz von Loachs Filmen und berichtet, dass der 80-Jährige gerade über die sozialen Medien viele junge Fans hat. „Das hat sicherlich damit zu tun, dass es nicht sehr viele Menschen gibt, die ihren Kopf über das Geländer halten und unverhohlen politisch agieren. Älter zu sein hilft einem dabei: Man hat nichts zu verlieren und kann sagen, was man denkt.“

Alle Beteiligten, meist langjährige Mitarbeiter von Loach, freuen sich vor den Dreharbeiten auf das, was Kameramann Robbie Ryan als „Ken-Stil“ bezeichnet: eine moderne Variante des italienischen Neorealismus, die auch schon als „sozialer Realismus“ tituliert wurde. Das heißt: Alles ordnet sich absolut dem Prinzip der jeweiligen Realität einer Geschichte unter. Robbie Ryan erzählt, dass er ein Skript normalerweise auch nach technischen Aspekten durchforstet. Nicht so bei Paul Laverty und ICH, DANIEL BLAKE: „Ich versuche herauszulesen, wie Ken den Film umsetzen wird und nicht, wie ich ihn umsetzen würde.“ Aber schränkt das nicht die eigene Kreativität ein? Ryan verneint und ergänzt: „Ich liebe Naturalismus im Film. Ich liebe es, Dinge vor der Kamera zu sehen, die sich natürlich und ehrlich anfühlen. In Kens Filmen geht es viel stärker um Gesichter und Menschen als um Orte. Es geht also um das Leben der Menschen in einer bestimmten Umgebung, die Kreativität dreht sich darum, etwas möglichst echt im Ken’schen Sinne zu gestalten.“

„Im Ken’schen Sinne“ – so arbeitet zum Beispiel auch die Casting-Chefin Kahleen Crawford. Und das bedeutet in den meisten Filmen von Ken Loach: keine bekannten Gesichter auszuwählen, sondern Schauspieler oder gar Laien, die wie von der Straße wirken. Im Fall von ICH, DANIEL BLAKE sollte die Titelfigur auf jeden Fall von jemandem gespielt werden, der den Newcastler Dialekt „Geordie“ spricht. „Es gab einige passende und auch sehr gute Schauspieler“, erzählt sie, „aber die waren dann etwas zu bekannt. Ken wollte jemanden, dem der Zuschauer einfach zusehen kann, ohne dabei eine vorgefasste Meinung wegen eines zu bekannten Gesichtes zu haben. Dan sollte also von jemandem aus der Gegend um Newcastle gespielt werden, der geerdet ist und den richtigen Akzent hat. Es gibt so viele Variationen von ,Geordie‘. Dave Johns befindet sich da in etwa in der Mitte, ist aber eindeutig als Newcastler zu erkennen. Und er macht zudem den Eindruck wie jemand, der Sachen bauen kann, Möbel zum Beispiel.“ Und natürlich war es auch wichtig, wie gut Dave Johns mit seinem weiblichen Gegenüber Hayley Squires als Katie harmoniert. Kahleen Crawford: „Das war wirklich etwas Besonderes: Sie haben das jeweils Beste aus dem anderen herausgekitzelt. Es gab eine schöne natürliche Energie zwischen ihnen.“

„Im Ken’schen Sinne“ – das bedeutet für die Produktionsdesignerin Linda Wilson, sich ziemlich zurückhalten zu müssen; keine leichte Aufgabe für eine Frau, die zuvor bei der aufwändigen historischen Serie „Downton Abbey“ gewirbelt hat. „Ken mag es, wenn alles angenehm angestaubt wirkt und alles gewöhnlich und normal aussieht. Das ist oft keine einfache Sache für das Art Department. Aber es macht einfach Spaß, unter gespendeten Gegenständen einen Stuhl zu suchen, der zu dieser Figur passt – und ihn dann auch zu finden!“ Schwer war es auch, die fast leere Wohnung von Katie zu gestalten. „Doch als Hayley Squires mit den beiden jungen Schauspielern vorbeikam und der kleine Dylan McKiernan sagte: ,Oh, hier möchte ich nicht leben!‘ – da wussten wir, dass wir richtigliegen.“

Toningenieur Ray Beckett hat 2010 einen Oscar für die Tonmischung bei „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ gewonnen. Doch immer wieder kehrt er gerne von Hollywood nach England zum Set eines Ken-Loach-Films zurück, zum 14. Mal für ICH, DANIEL BLAKE. Und auch Beckett ordnet sich dem „Ken’schen Sinn“ unter. „In Hollywood wird bevorzugt in Studios gedreht, aber wenn die Szene in einem Haus spielt, dann will Ken tatsächlich in einem echten Haus drehen. Und so finde ich mich regelmäßig hinter einem Kühlschrank eingeklemmt wieder. Aber das ist ja gerade der Grund, warum ich es liebe, mit Ken zu arbeiten: die technischen Herausforderungen, vor die er uns jeden Tag stellt.“ Beckett erzählt, wie die Warteschleifenmusik im Telefonnetz des Arbeitsamtes entstanden ist: „Zuerst musste der Anwalt checken, ob es legal ist, sich beim DWP (Department for Work and Pensions – Amt für Arbeit und Renten) einzuwählen und alles aufzunehmen, was zu hören ist. Beim ersten Mal war ich so früh dran, dass ich beinahe durchgekommen wäre. Aber als dann später mehr los war, landete ich in dieser endlosen Vivaldi-Hölle! Ich habe ein ganzes Band nur mit „Drücken Sie Taste 1 … Drücken Sie Taste 4 … aufgenommen. Das Absurdeste daran: Die Leute müssen dafür bezahlen! Die verdienen Geld mit obdachlosen Menschen in der Warteschleife! Und die Musik von Vivaldi kommt vom Synthesizer, es ist noch nicht mal ein Orchester!“









INTERVIEW MIT KEN LOACH

Herr Loach, es gab Gerüchte, dass JIMMY’S HALL ihr letzter Film sein sollte. Falls das so war – was hat sie letztlich überzeugt, ICH, DANIEL BLAKE zu machen?
Das habe ich wohl etwas überstürzt geäußert. Denn es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen, so viele Figuren zu präsentieren.

Was ist die Wurzel der Geschichte?
Am Anfang stand die universelle Geschichte von Menschen, die ums Überleben kämpfen. Aber dann mussten die Charaktere und die jeweilige Situation eine lebensechte Grundlage bekommen. Wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir, dass die staatliche Fürsorge für verzweifelten Menschen in Notlagen als politisches Instrument genutzt wird. Die grausame Waffe ist die Bürokratie, die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie: „So wird es dir ergehen, wenn du nicht arbeitest. Wenn du nicht arbeitest, wirst du leiden!“ Die Wut über diese Zustände war das Motiv für diesen Film.

Wo haben Sie mit der Recherche begonnen?
Ich wollte schon immer etwas in meiner Heimatstadt Nuneaton mitten in den Midlands machen, also haben Paul Laverty und ich dort mit Leuten gesprochen. Ich arbeite ein wenig bei einer Wohlfahrtseinrichtung mit dem Namen „Doorway“ mit, die von meiner Freundin Carol Gallagher geleitet wird. Sie stellte Paul und mich einigen Leuten vor, die keine Arbeit finden können, aus unterschiedlichen Gründen – der offensichtlichste: zu wenige Jobs. Einige von ihnen arbeiten ohne gesichertes Einkommen für Zeitarbeitsfirmen und haben keine eigene Wohnung. Einer von ihnen, ein sehr netter Typ, hat uns sein spartanisches Zimmer in einem Wohnheim gezeigt. Außer einer Matratze auf dem Boden und einem Kühlschrank gab es da praktisch nichts. Paul fragte ihn, ob es unhöflich sei, mal einen Blick in seinen Kühlschrank zu werfen. Er sagt „Nein“ und öffnet die Tür: Da war nichts, keine Milch, keine Kekse, nichts. Wir fragten ihn, wann er das letzte Mal nichts zu essen hatte, und er sagte, in der vergangenen Woche sei er vier Tage ohne Essen gewesen. Er hatte einfach Hunger und war verzweifelt. Er erzählte uns wiederum von einem Freund, dem die Agentur um 5 Uhr morgens mitteilte, er möge sich bis um 6 Uhr in einem Lagerhaus einfinden. Er hatte keine Mitfahrmöglichkeit, kam aber irgendwie hin und wartete. Um Viertel nach 6 Uhr wurde ihm gesagt: „Tja, für dich gibt es hier heute keine Arbeit.“ Er wurde zurückgeschickt und bekam kein Geld. Auf diese andauernde Erniedrigung und Unsicherheit beziehen wir uns im Film.

Wie ist es Ihnen beiden gelungen, sich aus all dem recherchierten Material und den vielen Gesprächen auf eine Geschichte zu einigen?
Das waren wahrscheinlich die härtesten Entscheidungen, die wir treffen mussten, denn es gibt so viele Geschichten. Wir hatten das Gefühl, das wir in Filmen wie SWEET SIXTEEN schon oft von jungen Leuten erzählt haben. Außerdem wird die Zwangslage von älteren Menschen oft nicht wahrgenommen. Es gibt eine Generation, die zu Handwerkern ausgebildet wurde und nun das Ende ihres Arbeitslebens erreicht. Diese Leute haben oft gesundheitliche Probleme und werden nicht wieder arbeiten, weil ihnen die Flexibilität der modernen Arbeitswelt fehlt – hier ein bisschen, dort ein wenig. Sie sind an traditionelle Arbeitsstrukturen gewöhnt und fühlen sich verloren, auch weil sie mit der modernen Technologie nicht umgehen können. Und dann werden sie mit Gutachten bezüglich der Arbeitslosen- und Sozialhilfe konfrontiert, die sie als arbeitsfähig beurteilen, obwohl sie es nicht sind. Die ganze undurchschaubare, bürokratische Struktur macht die Leute fertig – darüber haben wir so viele Geschichten gehört. Also entwickelte Paul die Figur des Daniel Blake – und das Projekt kam in Gang.

Sie behaupten, dass die Undurchschaubarkeit der bürokratischen Strukturen Absicht ist.
Genau. Bei den örtlichen Arbeitsämtern geht es heutzutage nicht mehr darum, den Menschen zu helfen, sondern ihnen Steine in den Weg zu legen. Es gibt einen sogenannten Arbeitsvermittler, dem es nun im Gegensatz zu früher nicht mehr erlaubt ist, den Menschen verfügbare Arbeitsstellen anzubieten beziehungsweise bei der Arbeitssuche zu helfen. Es wird von oben eine gewisse Anzahl von Sanktionen gegen Arbeitssuchende erwartet. Und wenn die Sachbearbeiter nicht genügend Menschen sanktionieren, geraten sie selbst ins Fadenkreuz. Das hat schon Orwellsche Ausmaße, nicht wahr? Das alles wurde von Mitarbeitern aus dem DWP (Department for Work and Pensions, Britisches Ministerium für Arbeit und Renten) erarbeitet, die selbst in Arbeitsämtern, beim Qualitätsmanagement oder in der Gewerkschaft gearbeitet haben – es gibt Beweise in Hülle und Fülle. Die gängige Praxis der Zwangsmittel hat zur Folge, dass die Menschen von dem erhaltenen Geld nicht leben können, und so kam es zur Gründung von Essensverteilungs-Tafeln. Übrigens findet das die Regierung ganz in Ordnung – es soll ruhig Tafeln geben. Nun wird sogar schon darüber gesprochen, Arbeitsvermittler in die Tafeln zu setzen. Damit würden die Essenverteilungen in den Mechanismus absorbiert werden, wie man heutzutage mit Armut umgeht. Was für eine Welt haben wir da geschaffen?

Finden Sie, dass es in Ihrer Geschichte hauptsächlich um das Hier und Jetzt geht?
Nein, die Auswirkungen gehen tiefer. Das Ganze geht zurück auf das Armengesetz, die Ideologie der verdienstvollen Armen hier und der unwürdigen Armen da. Die Arbeiterklasse wird aus Angst vor Armut zum Arbeiten gebracht. Die Reichen müssen durch noch höhere Belohnungen bestochen werden. Das politische Establishment hat Hunger und Armut immer dazu benutzt, dass die Leute aus Verzweiflung die niedrigsten Löhne und die unsichersten Jobs akzeptieren. Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht, das sehen wir überall in Europa und darüber hinaus.

Wie war es, in echten Tafeln zu drehen?
Paul und ich haben einige Tafeln zusammen angesehen, und er alleine noch einige mehr. Die Geschichte, die wir im Film aus der Essensverteilung erzählen, beruht auf einem Vorfall, der Paul so beschrieben wurde. Ach, Tafeln sind furchtbar, man sieht verzweifelte Menschen. Als wir in einer in Glasgow waren, kam ein Mann an die Tür. Er schaute herein, schwankte und ging wieder weg. Eine dort beschäftigte Frau eilte ihm hinterher, weil er ganz offensichtlich Hilfe brauchte. Aber er konnte die Demütigung nicht ertragen, reinzukommen und nach Essen zu fragen. Ich denke, so etwas passiert andauernd.

Warum haben Sie sich für den Schauplatz Newcastle entschieden?
Wir waren an verschiedenen Orten: Nuneaton, Nottingham, Stoke und Newcastle. Nordwestliche Städte wie Manchester oder Liverpool kennen wir gut, weil wir dort schon gedreht haben. Und in London wollten wir die Geschichte nicht erzählen, dort gibt es zwar auch große Probleme, aber die sind anders geartet. Außerdem ist es gut, mal über die Hauptstadt hinauszublicken. Newcastle besitzt einen großen kulturellen Reichtum, genau wie Liverpool oder Glasgow – große Küstenstädte. Sie haben wunderbar kinotaugliche Orte, die Kultur ist sehr ausdrucksstark und die Sprache intensiv. Außerdem gibt es in diesen Städten ein großes Gespür für Widerstand, Generationen von Kämpfen haben ein starkes politisches Bewusstsein entwickeln lassen.

Bitte beschreiben Sie den Charakter von Daniel Blake – wer ist er und was ist seine Zwangslage?
Dan ist ein Mann, der sehr lange als Schreiner gearbeitet hat, ein ausgebildeter Handwerker. Er hat auf großen und kleinen Baustellen gearbeitet sowie als Tischler; in seiner Freizeit arbeitet er immer noch gerne mit Holz. Aber seine Frau ist gestorben, und er hatte einen Herzinfarkt, bei dem er beinahe von einem Gerüst gefallen wäre. Er befindet sich in der Rehabilitation und darf noch nicht arbeiten, hat also von daher Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Der Film erzählt nun, wie er versucht zu überleben, weil er in seiner körperlichen Verfassung für arbeitstauglich befunden wird. Ein robuster, humorvoller Mann, der es gewohnt ist, seine Privatsphäre zu schützen.

Und wer ist Katie?
Katie ist eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie hat in einem Obdachlosenasyl in London gelebt, bis die lokalen Autoritäten ihr eine Wohnung im Norden verschafft haben. Dafür erhält sie Wohngeld, das heißt, dass die örtlichen Behörden nichts bezahlen müssen. Die Wohnung ist gut, wenn auch renovierungsbedürftig. Doch dann kippt sie aus dem Wohlfahrtssystem und gerät sofort in Schwierigkeiten – ohne Familie, ohne Unterstützung, ohne Geld. Katie ist eine Realistin. Sie beginnt zu verstehen, dass es ihre eigene Verantwortung ist, irgendwie zu überleben.

Im Film geht es hauptsächlich um eine erstickende Bürokratie. Wie setzt man so etwas in Szene?
Dieses Prinzip ist uns fast allen bekannt, ich hoffe, dass das die Geschichte trägt. Es geht um den Frust und den schwarzen Humor, wenn man versucht, mit einer Bürokratie umzugehen, die so offenkundig dumm und nur dafür da ist, dich in den Wahnsinn zu treiben. Ich denke, wenn man das wahrhaftig erzählt und zugleich zwischen den Zeilen liest, welche Art von Beziehung zwischen den Menschen über einen Schreibtisch hinweg oder durchs Telefon entsteht – das Alles sollte das Komische daran aufdecken, das Grausame – und am Schluss auch das Tragische. „Die Armen sind an ihrer Armut selbst schuld“ – dieser Satz zementiert die Macht der Regierenden.

Als Sie Dave Johns und Hayley Squires gecastet haben – was von Ihrem Dan und Ihrer Katie haben Sie in Ihnen gesucht?
Also, bei Dan suchten wir nach dem Normalbürger mit gesundem Menschenverstand. Er ist jeden Tag zur Arbeit gegangen, seine Kollegen waren Kumpels, mit ihnen und ihren Witzen kam er durch den Tag. Das war sein Leben, bis seine Frau Unterstützung benötigte und er krank wurde. Neben dem Humor wollten wir also auch jemanden Sensiblen und Differenzierten.
Auch Katie ist jemand, der durch die Umstände geprägt ist. Sie ist realistisch und hat Potenzial; sie hat versucht zu studieren, ist aber in der Schule gescheitert und probiert es nun an einer Offenen Universität. Wir haben also jemand Sensiblen gesucht, der trotzdem Mumm und Courage hat. Und, in Verbindung mit Dan, absolut authentisch ist.

Dave Johns ist Stand-up Comedian und Schauspieler. Warum haben Sie ihn als Dan besetzt?
Der traditionelle Stand-up Comedian hat seine Wurzeln in der Arbeiterklasse, und das Komödiantische resultiert aus dieser Erfahrung. Der Humor kommt oft aus dem Elend, man macht Witze über den Kampf ums Überleben. Außerdem besitzen Komiker ein exzellentes Timing, über ihr Timing definieren sie sich. Zudem haben sie eine gut entwickelte Stimme und eine starke Persönlichkeit, genau danach haben wir gesucht. Dave hat das alles. Er stammt aus Byker, wo wir einige Szenen gedreht haben, er ist ein „Geordie“, spricht den Newcastler Dialekt. Und er ist im richtigen Alter – ein Mann aus der Arbeiterklasse, der uns zum Lächeln bringt.

Wie sind Sie auf Hayley Squires als Katie gekommen?
Wir haben sehr viele Frauen getroffen, die alle auf die eine oder andere Weise interessant waren, aber auch hier war uns wichtig, dass Hayley eine Frau aus der Arbeiterklasse ist, und sie war schlicht brillant. Egal, was wir ausprobierten, sie lag immer genau richtig. Sie verbirgt nicht, wer sie ist und nimmt kein Blatt vor den Mund, sie ist einfach eine ehrliche Haut, durch und durch.

Wir waren die Dreharbeiten?
Hier ist wichtig zu wissen, dass Pauls Bücher immer sehr präzise sind, und voller Leben. Das heißt, wir drehen selten Material, das wir dann nicht benutzen. Das Schwierige am Drehen ist die Planung. Die genaue Vorbereitung, alles zu organisieren, die Besetzung und die Drehorte klar zu machen vor dem Dreh. Um das zu bewerkstelligen, braucht man eine Gruppe von Menschen, die das Projekt genau versteht und sich ihm kreativ hingibt. Und genau das gab es bei uns: unglaublichen Einsatz von jedem und sehr viel Humor. Das hält dich am Laufen, denn du weißt, dass all deine Anstrengungen produktiv sind. Mit guten Freunden zu arbeiten ist ein Genuss, und ganz entscheidend: Eine kleine Kaffeemaschine hat uns überallhin begleitet: Ein guter Espresso brachte uns alle durch den Tag.

Sie haben ihre Methode des Schnitts für diesen Film verändert. Warum und wie?
Wir haben viele Jahre auf Filmmaterial geschnitten, hatten aber den Eindruck, dass die Infrastruktur langsam ausstirbt, um auf Film zu schneiden. Das Hauptproblem waren die Kosten, um die Sound- und Filmmuster zu drucken. Die waren höher als ich verantworten konnte, also haben wir widerwillig mit Avid geschnitten. Das hat Vorteile, aber ich hatte den Eindruck, das der herkömmliche Filmschnitt die humanere Arbeitsmethode ist: Am Ende des Tages sieht man, was man geschafft hat. Mit Avid scheint es schneller zu gehen, aber ich denke, insgesamt spart man keine Zeit. Ich finde einfach die fühlbare Qualität bei Film interessanter.

Hoffen Sie mit Ihren Filmen etwas zu verändern, und wenn ja, was bedeutet das im Fall von ICH, DANIEL BLAKE?
Tja, es gibt doch diesen alten Spruch: „Agitiere, erziehe, organisiere“ („Agitate, Educate, Organize“). Mit einem Film kann man zwar agitieren, erziehen eher weniger, aber man kann Fragen stellen. Organisieren kann man gar nicht, aber eben agitieren. Und genau das ist das Ziel, denn sich mit Dingen zufrieden zu geben, die nicht zu tolerieren sind, ist keine Option. Figuren, die in Situationen gefangen sind, in denen sie der implizierte Konflikt fertigmacht – das ist die Essenz des Dramas. Und wenn man das Dramatische in Situationen findet, die nicht nur universell sind, sondern auch einen direkten Bezug zur realen Welt haben – umso besser. Ich glaube, Wut kann sehr produktiv sein, wenn man sie zu nutzen weiß. Eine Wut, die das Publikum mit etwas Ungelöstem, Herausforderndem zurücklässt, mit dem Anreiz etwas zu unternehmen.

Wir feiern dieses Jahr das 50. Jubiläum Ihres Films CATHY COME HOME. Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesem Film und ICH, DANIEL BLAKE?
Es sind beides Geschichten über Menschen, die ernsthaft unter der ökonomischen Situation leiden, in der sie sich befinden. Auf dieses Motiv sind wir wieder und wieder zurückgekommen, aber selten so direkt wie in ICH, DANIEL BLAKE. Die Art des Filmemachens im Vergleich zu CATHY COME HOME ist natürlich eine völlig andere. Bei CATHY sind wir mit einer Handkamera herumgerannt, haben eine Szene entwickelt und gedreht – das war’s. Der Film wurde in drei Wochen gedreht.
In ICH, DANIEL BLAKE sind die Charaktere viel genauer erforscht. Katie und Dan befinden sich beide in Not. Zum Ende hin reichen ihre natürliche Fröhlichkeit und Widerstandsfähigkeit nicht aus. Politisch gesehen ist deren Welt noch grausamer als die von Cathy. Die Marktwirtschaft hat uns erbarmungslos in dieses Desaster geführt – sie konnte gar nicht anders. Sie erzeugt eine verwundbare Arbeiterklasse, die leicht auszubeuten ist. Diejenigen, die ums Überleben kämpfen, werden mit Armut konfrontiert. Es ist entweder ein Fehler des Systems oder ein Fehler der Betroffenen. Doch die Verantwortlichen wollen das System nicht ändern, also müssen sie sagen, dass die Betroffenen schuld sind.
Im Rückblick sollten wir nicht sehr überrascht sein, wie sich alles entwickelt hat. Die Frage ist: Was können wir dagegen tun?


PAUL LAVERTY ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON ICH, DANIEL BLAKE

Die Produzentin Rebecca O’Brien und ich hatten uns schon gedacht, dass es nicht lange dauern würde, bis sich Ken Loach nach JIMMY‘S HALL wieder in einen neuen Stoff verbeißen würde, trotz der Gerüchte, er würde aufhören. Wir hatten Recht. Es war ein gehaltvoller Cocktail, der sich dann zu dem zusammenbraute, was schließlich ICH, DANIEL BLAKE wurde.

Die ununterbrochene und systematische Kampagne der rechten Presse gegen jeden, der auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, fiel uns ins Auge – unterstützt von einem ganzen Haufen giftiger TV-Sendungen, die auf diesen Zug aufsprangen. Das meiste davon war krude Propaganda, die die Not von meist armseligen Figuren genüsslich und lüstern ausbreitete. Und noch besser war es, wenn es sich dabei um Alkoholiker handelte, denn dann konnte man sich ja sicher sein, dass hier Steuergelder verschleudert wurden. Kein Wunder, dass das alles zu einer unglaublich verzerrten Sicht führte. Studien besagten, dass der Normalbürger der Ansicht ist, dass hinter rund 30 Prozent der staatlichen Unterstützung betrügerische Absichten stecken. In Wahrheit sind es nur 0,7 Prozent. Es hat uns nicht überrascht zu erfahren, dass viele Bezieher von staatlicher Unterstützung gedemütigt und beschimpft wurden, zudem war eine beträchtliche Anzahl physischer Gewalt ausgesetzt.

Diese manipulierte Verzerrung stimmte perfekt mit der strengen Handhabung der Regierung überein, Sparmaßnahmen im sozialen Bereich wurden ein bevorzugtes Ziel. (…) Nur 3 Prozent des Sozialhaushalts gehen an Arbeitslose, während die Älteren, bevorzugt Tory-Wähler, 42 Prozent des Budgets als Renten einfahren.

Aber der unmittelbare Funke für diese Geschichte sprang über, als Ken anrief und mich bat, ihn bei einer Reise nach Nuneaton, den Ort seiner Kindheit, zu begleiten. Dort steht er in enger Verbindung mit einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Obdachlose kümmert. Wir trafen leidenschaftliche Mitarbeiter, die uns einige der jungen Leute vorstellten, mit denen sie arbeiten. Ein Typ erzählte uns seine ganze Lebensgeschichte. Seine beiläufige Erwähnung von Hunger und die aufkommende Übelkeit und der Schwindel, als er versuchte zu arbeiten – wie üblich mit einem „Null-Stunden-Vertrag“ für eine riskante Arbeit auf Abruf –, haute uns echt um.

Bei unseren Reisen durch das Land führte ein Kontakt zum nächsten und man erzählte uns viele Erlebnisse. Essensvergabe-Tafeln entwickelten sich zu einer reichen Quelle für Informationen. Schon bei den Recherchen zu MY NAME IS JOE oder SWEET SIXTEEN und sogar schon bei Kens früheren Filmen hat uns die Not fertig gemacht. Einer der großen Unterschiede war jetzt die neue Welt der Tafeln. Uns wurde klar, dass sich immer mehr Menschen mittlerweile zwischen Essen und Wärme entscheiden müssen. In Schottland trafen wir einen bemerkenswerten Mann, prinzipientreu und wortgewandt, der sich strikt weigerte, nutzlose Sozialarbeiten zu verrichten. Er wurde vom Sozialamt ununterbrochen sanktioniert. Er schaltete nie seine Heizung ein, überlebte mit den billigsten Dosen von Lidl und wäre im Februar 2015 beinahe erfroren. Wir hörten von Zwangsräumungen bei Mietern, die es gewagt hatten, sich über Mängel zu beschweren. Man erzählte uns von Fällen, in denen Armen aus London Bleiben außerhalb der Hauptstadt angeboten wurden – eine spezielle Methode der sozialen Säuberung. Und es war uns unmöglich, dieses Echo von CATHY COME HOME zu ignorieren, den Ken und seine Kollegen vor 50 Jahren gedreht hatten, obwohl Ken und ich nie darüber gesprochen hatten. (…)

Bei den Recherchen trafen wir auf Menschen, die ihren Job riskiert haben, weil sie uns halfen. Angestellte von Ämtern, die uns anonym mitteilten, wie angeekelt sie sind, weil sie gezwungen werden, Sanktionen durchzuführen. Der Mitarbeiter eines Arbeitsamtes zeigte mir einen Ausdruck, der auflistete, wie viele Sanktionen er und seine Kollegen verfügt hatten – zusammen mit einem Schreiben seines Vorgesetzten, der sich darüber beklagte, dass nur drei „Arbeitsvermittler“ im vergangenen Monat genügend Sperren verfügt hätten. Wenn sie nicht mehr Sanktionen umsetzen würden, drohte man ihnen mit dem nach George Orwell klingenden „Personal Improvement Plan“. Fürs Protokoll: Lassen Sie mich jene Verantwortlichen der Sozialämter und deren politischen Vorgesetzten ansprechen, die vor dem englischen und schottischen Parlament belegt haben, dass es keine Zielvorgaben für Sanktionen gibt: „Sie sind schamlose Lügner, die sich hinter Juristenvokabular verstecken, und Ihre Mitarbeiter wissen das!“ Vielleicht hat es keine ganz genauen Vorgaben gegeben, aber klare Anforderungen und „Erwartungen“, man wurde gezwungen, die Sanktionszahlen zu erhöhen.

Essen, Wärme, Zuhause – die Grundbedürfnisse seit Menschengedenken. Vom Bauch her wussten wir: Dieser Film muss ungemütlich werden, urwüchsig.

(…) Die Figuren Daniel Blake und Katie Morgan basieren nicht auf einer realen Person, die wir getroffen haben. Drehbücher können nicht einfach von der Essensvergabe oder der Spendenschlange kopiert werden. Dan und Katie sind fiktional, aber in ihnen steckt all das bisher Erzählte und mehr. Sie sind von den hunderten anständigen Frauen, Männern und deren Kinder inspiriert, die ihre privaten Geschichten mit uns geteilt haben. Mir fallen die Gesichter von wortgewandten intelligenten Leuten ein, eingeschüchterte Menschen, ältere Leute, gequält durch die Komplexität des Systems und die neuen Technologien – viele Mitarbeiter in Arbeitsämtern sagten uns, sie hätten gerne mehr geholfen, wurden aber von Vorgesetzten davon abgehalten, damit die „Kundenfrequenz“ nicht zu leiden hatte. Da sind junge Menschen, die viel zu früh die Hoffnung verloren haben. (…). Sie alle versuchen ihre Würde zu bewahren während sie in etwas gefangen sind, das man irrtümlicherweise als Fürsorge bezeichnet, das aber eher dem Fegefeuer ähnelt.

Es hat in unserer Gesellschaft schon immer boshafte Tendenzen des Staatsterrors im Umgang mit den Schutzlosen gegeben. Man denke nur an die Arbeitshäuser des 19. Jahrhunderts, als man Mütter und Väter von ihren Kindern trennte, nur um sicher zu gehen, dass die Mehlsuppe mit genügend Grausamkeit gewürzt war.
Reverend Joseph Townsend, ein Vikar aus dem 18. Jahrhundert, hat es folgendermaßen zusammengefasst: „Hunger zähmt auch die wildesten Tiere. Er lehrt uns Anstand und Höflichkeit, Gehorsam und Unterwerfung. Nur der Hunger kann die Armen zur Arbeit anspornen.“



DAVE JOHNS UND HAYLEY SQUIRES ÜBER DAN UND KATIE

Herr Johns, wer ist Dan?
Dan ist Ende 50 und ein Typ, der sein ganzes Leben als Zimmermann gearbeitet hat. Er ist stolz auf seine Arbeit und schnitzt diese kleinen Holzfische in seiner Freizeit. Er ist ein ehrlicher Kerl, immer geradeaus, und er hat Sinn für Humor. Ein würdevoller Mann, der immer auch das tut, was er sagt. Er hat sich aufopferungsvoll um seine psychisch kranke Frau gekümmert, doch seitdem sie tot ist, fühlt er sich ein wenig verloren. Dann bekommt er diesen Herzinfarkt, und der Arzt verbietet ihm zu arbeiten. Plötzlich muss er sich mit Autoritäten, diesen Paragraphenreitern herumärgern, die sich nicht umstimmen lassen. Das lässt ihm die Nackenhaare zu Berge stehen, aber er versucht, auf seine Art damit umzugehen: aufrichtig, würdevoll und mit Humor. Doch das wird für ihn immer schwieriger, denn sie haben alle Trumpfkarten in der Hand.
Das System reibt ihn allmählich auf. Dann begegnet er Katie, die mit ihren beiden Kindern aus London hergezogen ist, und sie werden Freunde. Sie steckt in der Klemme, und womöglich sieht er die Schuld zuerst bei ihr. Er will ihr helfen, obwohl er zunächst gar nicht begreift, dass es ihm selbst auch dreckig geht.

Frau Squires, wer ist Katie?
Katie ist eine 27-jährige Frau aus dem Süden Londons, die eine zehnjährige Tochter und einen siebenjährigen Sohn hat. Sie ist ein helles Köpfchen und will lernen, doch zwei Jahre vor ihrem Umzug nach Newcastle wurde sie in London zwangsgeräumt. Sie hatte von privat ein Haus gemietet, sich darüber beschwert, dass der Boiler nicht funktioniert, und wurde vom Vermieter hinausgeworfen – solche Vorkommnisse sind in London gerade weit verbreitet. Sie musste also ihr Haus verlassen und wurde von der Kommune in ein Obdachlosenasyl gesteckt. Zwei Jahre hat sie dort zugebracht, bevor sich die Kommune meldete und sagte: „Wir haben eine Bleibe für Sie, aber die ist in Newcastle.“ Sie hatte keine Wahl und musste dort hinziehen. Aber sie ist noch nie in Newcastle gewesen. Ihre Mutter ist in London, es geht ihr nicht gut, Katie hat also niemanden da oben.
Das erste Mal begegnen wir Katie, als sie im Jobcenter einen Termin wegen des Umzugs hat, um die neue Adresse anzugeben und die Arbeitslosenpapiere durchzusehen. Doch leider kommt sie eine halbe Stunde zu spät, weil sie sich mit den Kindern in der fremden Stadt verlaufen hat. Und dann wird ihr gesagt, dass sie sanktioniert wird. Das bedeutet, dass sie einen Monat lang überhaupt kein Geld haben wird.

BIO- & FILMOGRAPHIEN

DAVE JOHNS (DANIEL BLAKE)

Dave Johns wurde 1957 in Wallsend im Nordosten Englands geboren und ist ein gefeierter Stand-up Comedian, Schauspieler und Autor. Neben Theaterrollen in „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Die zwölf Geschworenen“ und „Die Verurteilten“ tritt er regelmäßig in englischen Comedysendungen im Fernsehen oder in Londoner Improvisations-Shows auf; zudem geht er regelmäßig mit Soloprogrammen auf Tour in der ganzen Welt. ICH, DANIEL BLAKE ist das Kinodebüt von Dave Johns. Seine Homepage: www.davejohns.net.

Filmografie (Auswahl)

1995         Mud (TV-Serie, Tom Poole)
1997         Rag Nymph (TV-Mini-Serie, David Wheatley)
1998         Harry Hill (TV-Serie, Robin Nash)
        Colour Blind (TV-Mini-Serie, Alan Grint)
2001         Time Gentlemen Please (TV-Serie, Richard Boden)
2002-2005    Never Mind the Buzzcocks (TV-Serie, diverse Regisseure)
2006         8 Out of 10 Cats (TV-Serie, Andrew Westweel (Produzent))
2010        George Gently – Der Unbestechliche (TV-Serie, Daniel O‘Hara)
2013        8 Out of 10 Cats Does Deal or No Deal (TV-Film, Ollie Bartlett)
2016         ICH, DANIEL BLAKE (Ken Loach)



HAYLEY SQUIRES (KATIE)

Hayley Squires, 28, wurde im Süden Londons geboren, sie ist Film- und Theaterschauspielerin und Autorin. Das von ihr verfasste Stück, die schwarzhumorige Komödie „Vera, Vera, Vera“, wurde 2012 im Londoner Royal Court Theatre aufgeführt. Ihr Kinodebüt feierte sie 2014 mit dem Drama BLOOD CELLS. Es folgte 2015 die auch in Deutschland gelaufene historische Komödie A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN. 2016 drehte Katie Squires neben ICH, DANIEL BLAKE das Drama AWAY.

Filmographie (Auswahl)

2012        Call the Midwife – Ruf des Lebens (TV-Serie, Philippa Lowthorpe)
2013        Complicit (TV-Film, Niall MacCormick)
2013        Southcliffe (TV-Mini-Serie, Sean Durkin)
2014        BLOOD CELLS (Joseph Bull, Luke Seomore)
2015        A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN (Julian Jarrold)
2016        Murder (TV-Mini-Serie, Paul Wright)
2016        AWAY (David Blair)
2016        ICH, DANIEL BLAKE (Ken Loach)



KEN LOACH (REGIE)
 
Kenneth Loach wurde am 17. Juni 1936 in Nuneaton in der englischen Grafschaft Warwickshire geboren. Er besuchte in seiner Schulzeit die King Edward VI. Grammar School und studierte später Jura in St. Peter‘s Hall in Oxford. Er verließ aber den eingeschlagenen Weg wieder und ging eine Zeit lang als Schauspieler mit einem Tourneetheater auf Reisen. 1963 begann Ken Loachs Regiekarriere bei der BBC. Gemeinsam mit Produzent Tony Garrett entwickelte er für die Reihe „Wednesday Play“ zahlreiche Fernsehfilme, die durch ihren dunklen, erbarmungslosen Realismus auffielen (insbesondere „Up the Junction“ und „Cathy Come Home“). Sein Doku-Drama „Cathy Come Home“ provozierte 1966 eine vehemente Diskussion, und schließlich änderte die britische Regierung sogar ihre Obdachlosen-Gesetze. Sein Kinodebüt Poor Cow war noch in einem ähnlichen, unbarmherzigen semi-dokumentarischen Stil gedreht, den er bei seinem 1969 inszenierten Kes etwas lockerte. Die Verfilmung des Bestsellers über einen Jungen und den von ihm trainierten Falken ist ein britischer Kultklassiker. In den 70er-Jahren arbeitete Loach wieder vor allem fürs Fernsehen, bevor er in den 80ern zum Kino zurückfand. In den 90ern wurde Loachs Riff Raff genauso mit dem Felix als Bester europäischer Film ausgezeichnet wie sein Land and Freedom.

Raining Stones gewann 1993 den Jury-Preis in Cannes, Bread and Roses lief dort 2000 im Wettbewerb, und mit The Wind That Shakes the Barley gewann er 2006 die Goldene Palme. Seine größten Kino-Erfolge waren Land and Freedom, Bread and Roses, The Navigators und vor allem AE FOND KISS. Für My Name is Joe gewann er den British Independent Film Award, und sein Film It's a Free World (2007) wurde bei den 64. Filmfestspielen von Venedig mit der Goldenen Osella für das Beste Drehbuch, dem EIUC- und SIGNIS-Award ausgezeichnet. Looking for Eric wurde 2009 ebenfalls auf dem Filmfest in Cannes vorgestellt. Es folgten 2012 die vergnügliche Whiskey-Komödie THE ANGELS’ SHARE, 2013 der Dokumentarfilm THE SPIRIT OF ’45 über das Zusammenwachen der britischen Gesellschaft während des II. Weltkriegs und 2014 das historische Drama JIMMY’S HALL.

In seiner bemerkenswerten und langen Karriere ist Ken Loach sich selbst und seinen Idealen immer treu geblieben. Seine Filme sind mal warmherzige, mal bittere Geschichten, die meist vom Leben selbst geschrieben wurden. Politisch, parteiisch und persönlich sind Loachs Arbeiten, und immer hat sich der renommierte Filmemacher als Chronist und Ankläger sozialer und politischer Missstände und als eindringlicher Erzähler bewiesen.

Ken Loach arbeitete zudem mit zahlreichen Stars des internationalen Kinos zusammen und hat ein untrügliches Gespür für schauspielerisches Talent – so entdeckte er beispielsweise heutige Größen wie Adrien Brody, Robert Carlyle oder Cillian Murphy. Seit Carla’s Song (1996) arbeitet Ken Loach eng mit dem Drehbuchautoren Paul Laverty zusammen. So auch für ICH, DANIEL BLAKE, mit dem Loach 2016 zum zweiten Mal die begehrte Goldenen Palme von Cannes gewann.

Filmographie (Auswahl)

1966    Cathy Come Home (TV)
1967    Poor Cow (Poor Cow – Geküsst und geschlagen)
1969    Kes
1972    Family Life
1979    Black Jack (Black Jack, der Galgenvogel)
1977    Looks and Smiles
1986    Fatherland (Vaterland)
1990    Hidden Agenda  (Geheimprotokoll)    
1991    Riff-Raff
1993    Raining Stones
1994    Ladybird Ladybird
1995    Land and Freedom
1996     Carla’s Song
1996    The Flickering Flame (Die Docker von Liverpool)
1998    My Name is Joe (Mein Name ist Joe)       
2000    Bread and Roses (Brot und Rosen)
2001    The Navigators (Geschichten von den Gleisen)
2002    Sweet Sixteen
2002    11’09’01 (Segment)
2003    AE FOND KISS (Just a Kiss)
2005/6    The Wind That Shakes The Barley
2007    Happy Ending (Kurzfilm)
2007    It’s a Free World
2009    LOOKING FOR ERIC
2011    ROUTE IRISH
2012    THE ANGELS’ SHARE (ANGEL’S SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE ENGEL)
2013    THE SPIRIT OF ‘45
2014    JIMMY’S HALL
2016    I, DANIEL BLAKE (ICH, DANIEL BLAKE)


PAUL LAVERTY (DREHBUCH)

Seit genau 20 Jahren ist Paul Laverty der Drehbuchautor an Ken Loachs Seite und seitdem an fast allen Projekten Loachs beteiligt. Laverty kam 1957 als Sohn einer Irin und eines Schotten in Kalkutta zur Welt. Vor seiner Karriere als Drehbuchautor studierte er zunächst Philosophie in Rom und anschließend Jura in Glasgow. Laverty blieb dort zunächst als Anwalt, und war danach für eine Menschenrechtsorganisation in Lateinamerika tätig. In CARLA’S SONG flossen viele seiner Erlebnisse und Beobachtungen ein. 1998 wurde Laverty bei den British Independent Awards mit dem Preis für das Beste Drehbuch (MY NAME IS JOE) ausgezeichnet, 2002 bekam er die Auszeichnung für das Beste Drehbuch in Cannes für SWEET SIXTEEN, und 2004 wurde sein Drehbuch für JUST A KISS für den Europäischen Filmpreis nominiert. 2012 erhielt sein Drehbuch zu THE ANGEL’S SHARE den BAFTA Award in Schottland. Für seine Lebensgefährtin, der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín, erarbeitete er bislang zwei Drehbücher: zu TAMBIÉN LA LLUVIA – UND DANN DER REGEN (2010) und jüngst zu EL OLIVO – DER OLIVENBAUM. Bei Bollaíns KATMANDU fungierte er 2011 als Koautor. ICH, Daniel BLAKE ist die 14. gemeinsame Arbeit mit Ken Loach.

Filmographie (Auswahl)

1996     Carla’s Song (Ken Loach)
1996    The Flickering Flame (Die Docker von Liverpool) (Ken Loach)
1998    My Name is Joe (Mein Name ist Joe)     (Ken Loach)
2000    Bread and Roses (Brot und Rosen) (Ken Loach)
2001    The Navigators (Geschichten von den Gleisen) (Ken Loach)
2002    Sweet Sixteen (Ken Loach)
2002    11’09’01 (Segment, Ken Loach)
2003    AE FOND KISS (Just a Kiss) (Ken Loach)
2005    TICKETS (Abbas Kiarostami, Ken Loach, Ermanno Olmi)
2005/6    The Wind That Shakes The Barley, (Ken Loach)
2007    It’s a Free World (Ken Loach)
2009    LOOKING FOR ERIC (Ken Loach)
2010    TAMBIÉN LA LLUVIA – UND DANN DER REGEN (Icíar Bollaín)
2011    ROUTE IRISH (Ken Loach)
2012    THE ANGELS’ SHARE (ANGEL’S SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE     ENGEL) (Ken Loach)
2013    THE SPIRIT OF ’45 (Ken Loach)
2014    JIMMY’S HALL (Ken Loach)
2016    EL OLIVO – DER OLIVENBAUM (Icíar Bollaín)
2016    I, DANIEL BLAKE (ICH, DANIEL BLAKE) (Ken Loach)




AUSGEWÄHLTE PRESSESTIMMEN

„Einer von Loachs besten Filmen“
„Ein Film mit einer ergreifenden Relevanz “
Variety

„Schon jetzt ein Klassiker“
The Times

„Reich an Integrität und Herz “
The Hollywood Reporter

„Scharfsinnig und lustig – extrem bewegend“
The Independent

„Ein Film mit einer kraftvollen, einfachen Würde”
The Guardian

„Herausragende schauspielerische Leistungen“
The Wrap

„Solidarität ist manchmal eine große Angelegenheit. Ken Loach nimmt sie unter seine Obhut. Seine Wut ist intakt. Sein Film hat eine Würde und Dichte, die ins Schwarze trifft.“
Le Figaro

„Das ist Loach, der Humorist, der Dramatiker, der Aktivist, der aus allen Zylindern geleichzeitig feuert."
The Village Voice

„Ein Film zum Lachen, Weinen und Nachdenken. Großartig.“
OutNow

„Ergreifend, aber niemals rührselig“
„Dieser Loach 2016 – ein Werk von öffentlichem Interesse –  ist ein sehr guter Jahrgang, der von zwei großartigen Schauspielern getragen wird.“
L‘Express

„Ein Film mit einer klaren Mission. Gleichermaßen humorvoll, wütend und leidenschaftlich“
Time Out New York

„Eines der schlausten, ehrlichsten und einflussreichsten Dramen, die es in letzter Zeit zu sehen gab.“
The Hollywood News

„Eine berührende Geschichte, die geladen ist mit absoluter Dringlichkeit.“
Indie Wire

„Ein Film voller Wut, aber auch voll Menschlichkeit, der sich nie der Schwarzmalerei hingibt, sondern immer noch einige gute Momente der Komik parat hat.“
Nice Matin
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 10.11.2016
DIE REISE MIT VATER
Ab 17. November 2016 im Kino
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DIE REISE MIT VATER ist eine bewegende Geschichte und sie spielt in einem bewegten Jahr – 1968. Vor dem Hintergrund des „Prager Frühlings“ erzählt sie von Rumäniendeutschen aus Arad (Rumänien) – zwei ungleichen Brüdern und ihrem Vater – die sich auf eine Reise in die DDR begeben.

Ein Film von Anca Miruna Lăzărescu

Der junge Arzt Mihai (Alex Mărgineanu) hält seit dem Tod der Mutter seine Familie zusammen. Sein jüngerer Bruder Emil (Răzvan Enciu) rebelliert gegen die staatlichen Autoritäten und sein schwerkranker und langsam erblindender Vater William (Ovidiu Schumacher) ist des Lebens überdrüssig.
Auf Drängen von Mihai soll sich der Vater einem lebensrettenden Eingriff in der DDR unterziehen. Mihai besorgt mit größter Mühe Reisepässe, um die Operation zu ermöglichen, und sie fahren los. Doch kaum in Ostdeutschland angekommen, werden sie von sowjetischen Panzern überrascht, die in die CSSR einmarschieren – die Grenzen zurück in die Tschechoslowakei werden geschlossen. Die Drei landen in einem von der DDR-Bereitschaftspolizei bewachten Touristen-Auffanglager. Mihai lernt dort die Münchner Studentin Ulli (Susanne Bormann) kennen, ist von ihr fasziniert: Sie ist all das, was er nicht ist und besitzt Dinge, von denen er nicht einmal zu träumen wagt.
Die Familie erhält ein Transitvisum und findet sich völlig unvorbereitet in der BRD wieder. Hier stellt sich die große Frage: Im Westen bleiben oder nach Rumänien zurückkehren?
DIE REISE MIT VATER ist eine Tragikomödie, die von der Liebe und der Freiheit handelt. Und davon, dass es manchmal im Leben unmöglich erscheint, beides miteinander zu vereinen. Und die Geschichte handelt von einer lebensgroßen Entscheidung und dem großem Mut, diese zu treffen.
Im „sozialistischen“ Rumänien startend, spannt der Film in einer Art Roadmovie den Bogen über die DDR hinweg, erzählt ganz nebenbei die tragische Zerschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei, um mit voller Wucht in Westdeutschland, im chaotischen München von 1968, zu landen.
Am Ende stellt sich die einfache Frage: Wie frei muss man sein, um Freiheit zu wählen?

Pressenotiz
DIE REISE MIT VATER lässt den Zuschauer in einen der bedeutendsten Jahre des letzten Jahrhunderts eintauchen, voller Ereignisse, die bis in die heutige Zeit ihre Schatten werfen. Der Geschichte gelingt es, einen Mikrokosmos zu erschaffen, der die Welt von 1968 aus vielen verschiedenen Perspektiven greifbar macht. Scheinbar mühelos werden in ihm große historische Zusammenhänge als Hintergrund einer unterhaltsamen Handlung dargestellt – das Erleben eines großen Kapitels junger europäischer Geschichte, ohne daraus eine Geschichtsstunde zu machen – und alles mit einer guten Prise Ironie gewürzt.
Nach ihrem mit über 80 Preisen ausgezeichneten Kurzfilm SILENT RIVER legt Anca Miruna Lăzărescu mit DIE REISE MIT VATER ihr Spielfilmdebüt vor – ein berührender Film, der auf der Geschichte ihres Vaters beruht.
DIE REISE MIT VATER wurde dieses Jahr auf dem Filmfest München in der Reihe NEUES DEUTSCHES KINO vorgestellt und mit dem Spezialpreis der Förderpreis-Jury für die beste Musik sowie mit einer Lobenden Erwähnung des ONE-FUTURE-PREISES ausgezeichnet.


Warum diese Geschichte? - Kommentar von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu

Als mein Vater 18 Jahre alt war, durfte er zum ersten Mal gemeinsam mit seinen Eltern – meinen Großeltern – eine Reise in die DDR antreten. Es war das erste Mal, dass er sein Land verlassen durfte. 1968 hatte der seit drei Jahren regierende Nicolae Ceaușescu für kurze Zeit die Reisebestimmungen gelockert und das Jahr als „Internationales Tourismusjahr“ ausgerufen. Auch wenn "nur" hinter dem Eisernen Vorhang, es sollte ein schöner Sommerurlaub werden, bevor das letzte Schuljahr meines Vaters anstand und er nach dem Abitur flügge werden würde. Es wurde aber kein Urlaub. Denn als Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten und jeglichen Traum der Menschen im Osten auf einen menschlichen Sozialismus zerstörten, wurde meine Familie in ein Auffanglager nahe Dresden gebracht und dort festgehalten, gemeinsam mit 50 weiteren rumänischen Familien und anderen ausländischen Touristen. Erst als der rumänische Botschafter aus Ostberlin anreiste und die Rumänen herausholte, konnten sie wieder aufatmen.
Da ostdeutsche Truppen an dem Einmarsch beteiligt waren und Nicolae Ceaușescu sich als einziges Staatsoberhaupt hinter dem Eisernen Vorhang vehement gegen den Einmarsch ausgesprochen und dafür viel Anerkennung von den westlichen Staaten bekommen hatte, waren die Rumänen auf ostdeutschem Boden nicht mehr erwünscht. Über die ČSSR konnten sie aber auch nicht mehr zurückreisen, da die Grenzen wegen der Intervention geschlossen waren. Und so geschah das eigentlich Unmögliche: Mitten im Kalten Krieg rollten 51 rumänische Familien in ihren staubigen Autos über die innerdeutsche Grenze und landeten in der BRD. Ein Transitivum sollte ihnen die Rückreise über die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Jugoslawien nach Rumänien ermöglichen.
Die zwei Tage im Westen wurden für meine Familie zur Zerreißprobe: Alle drei spürten, dass sie gerade die Chance in den Händen hielten, ihr Leben komplett und unwiderruflich zu ändern. Und alle waren damit heillos überfordert. Meinem Großvater, der Arzt war, wurde eine Stelle in einem Krankenhaus in Aussicht gestellt, meine Großmutter hätte als Lehrerin auch einen Platz gefunden. Mein Vater jedoch, überwältigt von den Ereignissen und den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des Westens, wollte um jeden Preis zurückkehren. Die Rede Ceaușescus hatte ihn stark beeindruckt. Er glaubte felsenfest daran, dass Rumänien die neue CSSR werden konnte, wo ein freies Leben in einem gerechteren Sozialismus möglich wäre. Außerdem war mein Vater verliebt, in seine erste Liebe, Neli. Gemeinsam hatten sie große Pläne. Und so geschah erneut das aus heutiger Sicht Undenkbare: Auf Drängen meines Vaters kehrte meine Familie zurück. Wie übrigens alle anderen 50 rumänischen Familien auch.
Mein Vater und Neli blieben während der Schulzeit zusammen, trennten sich aber, als Neli zum Studieren nach Bukarest ging. Neli wurde nicht meine Mutter. Und Rumänien nicht die neue ČSSR. Ceaușescu etablierte eine der gnadenlosesten und menschenunwürdigsten Diktaturen. Und mein Vater sollte bis zu Ceaușescus Tod den Westen nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Meine Großeltern haben ihrem Sohn nie einen Vorwurf gemacht. Aber mein Vater hat oft verzweifelt versucht, seine Entscheidung zu rechtfertigen – und manchmal zugegeben, dass er es immer bereuen wird, nicht dageblieben zu sein. Und dass es wohl die größte Fehlentscheidung seines Lebens sei. Nach Ceaușescus Sturz 1990 war das erste, was er tat, mit mir und meiner Mutter in den Westen auszuwandern. Als wir hier ankamen, war mein Vater bereits 40, als Elektroingenieur hat er nie wirklich Fuß fassen können in Deutschland. Mal arbeitete er als Securityguard, mal als Speditionsfahrer, dann studierte er wieder, machte seinen Master in Public Health. Kurz bevor er seine Doktorarbeit beenden konnte, starb er 2008 an Krebs.
Aber das ist eine andere Geschichte.


Historischer Hintergrund

Prager Frühling ist die Bezeichnung für die Bemühungen der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubček im Frühjahr 1968, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchzusetzen. Mit dem Begriff des Prager Frühlings verbinden sich zwei gegensätzliche Vorgänge: einerseits der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, andererseits aber auch die gewaltsame Niederschlagung dieses Versuchs durch die am 21. August 1968 einmarschierenden Truppen des Warschauer Paktes.
Nicolae Ceaușescu (1918-1989) war von 1967 bis 1989 Staatspräsident Rumäniens. Zu Beginn seiner Amtszeit war er in Rumänien und der westlichen Welt beliebt und geachtet: Die Industrialisierungspolitik begann in den späten 1960er Jahren zu wirken und Rumänien erlebte eine Zeit des Wohlstands; außenpolitisch betonte Ceaușescu – sehr zum Gefallen der westlichen Welt – die Unabhängigkeit Rumäniens und distanzierte sich in dieser Zeit öffentlich vom Führungsanspruch der Sowjetunion innerhalb der kommunistischen Bewegung. 1967 sorgte Ceaușescu dafür, dass Rumänien das erste Land des sowjetischen Einflussbereichs wurde, das diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufnahm. Damit brüskierte er die Führung der DDR um Walter Ulbricht, die zuvor versucht hatte, ihn von diesem Schritt abzubringen.
Ceaușescu erklärte 1968 zum „Internationalen Tourismusjahr“ und lockerte für kurze Zeit die Reiseeinschränkungen. Für viele Rumänen bedeutete das die Möglichkeit, über die Grenzen ihres Landes hinaus reisen zu können, auch wenn es in den meisten Fällen bei Reisen in Länder des Warschauer Paktes blieb. Den Höhepunkt seiner Popularität erlebte Ceaușescu im August 1968, als er die Teilnahme rumänischer Truppen an der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings verweigerte. Darüber hinaus verurteilte er am 21. August 1968 auf einer Massenveranstaltung in Bukarest die Besetzung der Tschechoslowakei in scharfen Worten.
Im August 1969 besuchte US-Präsident Richard Nixon Rumänien, im Dezember des darauffolgenden Jahres flog Ceaușescu zum Staatsbesuch in die USA. Es folgte die Aufnahme in den Internationalen Währungsfonds und in die Weltbank. 1971 erhielt Nicolae Ceaușescu die höchste von der Bundesrepublik Deutschland für Staatsoberhäupter zu vergebende Auszeichnung, die Sonderstufe des Großkreuzes. Kurze Zeit später entpuppte sich Ceaușescu als unvorhersehbarer, megalomanischer Despot und tyrannischer Herrscher, der Rumänien zu Grunde richtete und aus dem Land einen Polizeistaat machte. 1989 wurde Ceaușescu durch einen Volksaufstand gestürzt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.
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