Zurück zu den neuesten Artikeln...
37. MESSER IM HERZ
38. TEL AVIV ON FIRE
39. WENN FLIEGEN TRÄUMEN
40. A BEAUTIFUL NIGHT
41. SUNSET
42. ZWISCHEN DEN ZEILEN
Donnerstag 04.07.2019
MESSER IM HERZ
Ab 11. Juli 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Paris, Sommer 1979. Filmemacherin Anne (Vanessa Paradis) verdient ihr Geld als Regisseurin und Produzentin drittklassiger Schwulenpornos. Als sie von ihrer Freundin Loïs (Kate Moran) verlassen wird, beschließt Anne die Geliebte, die zugleich die Cutterin ihrer Filme ist, mit einem ambitionierten Filmprojekt  zurückzugewinnen.  Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert, bewaffnet mit einem Dildo mit Schnappklinge, Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Doch ihr Plan bringt das verbleibende Team in größte Gefahr ….
Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm „Begegnungen nach Mitternacht“ (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen  wilden und höchstreferentiellen Genre-Mix aus blutigem Giallo-Schlitzer, düsterem Psycho-Thriller und frivo-lem Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Schwu-lenporno- und Undergroundkino der 70er Jahre ist. In sein cinephiles Labyrinth der Lüste und Traumata schickt er zur betörenden Musik der Elektronikband M83 neben Superstar Vanessa Paradis einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, darunter Nicolas Maury und Félix Maritaud („Sauvage“). Bei seiner Uraufführung im Wettbewerb von Cannes wurde Gonzalez‘ bildgewaltiger Filmrausch als radikales Meisterwerk  gefeiert. Es folgten zahlreiche Preise, u.a. der renommierte Prix Jean Vigo, Frankreichs wichtigste Auszeichnung für junge visionäre Filmkunst.

Ein Film von Yann Gonzalez



INTERVIEW mit YANN GONZALEZ

Woher bekamen Sie die ersten Ideen zu MESSERIMHERZ?
In erster Linie von einer Figur. Aus der von Christophe Bier zusammengestellten „Dictionnaire de la pornographie“ erfuhr ich von einer französischen Pornoregisseurin aus den 1970er Jahren, einer leidenschaftlichen Frau, sie war Alkoholikerin, lesbisch und verliebt in ihre Cutterin. Sie stand in dem Ruf, grob und unberechenbar zu sein und ihre Schauspieler*innen bei den Castings zu demütigen. Kurz gesagt, sie war eine sehr farbenfrohe Gestalt. Ich wollte weg von der Zucker-wattensüße meines ersten Films, „Begegnungen nach Mitternacht“,  und mich mit urbaneren Stoffen beschäftigen. Ich glaubte, für diesen Zweck sei jene Figur ein starker Vektor.

Haben Sie über sie recherchiert?
Ja. Und durch die Unterstützung von Hervé Joseph Lebrun, dem französischen Porno-Spezialisten, konnte ich auch mit Leuten reden, die sie gekannt haben (sie ist schon lange tot, ihre Cutterin eben-falls): ehemaligen Konkurrent*innen, Kolleg*innen etc. Das half mir, eine umfangreiche Dokumentation zusammenzustellen.
Das Material machte jedoch einen etwas zwielichtigen Eindruck, und in diese Richtung wollte ich  nicht gehen. Im Gegenteil, ich suchte das Extravagante, Romantische. Also beschloss ich, sie neu zu erfinden und sie in eine fiktive Figur zu verwandeln. Ich behielt die Liebe zu ihrer Cutterin und die Hälfte ihres Vornamens als eine Art Referenz an diese Heldin des Undergrounds.

Haben Sie das Projekt allein entwickelt?
Ich habe Probleme damit, allein voranzukommen. Ich befand mich im Stillstand. Ich sprach mit  Cristiano Mangione über das Thema, denn er hat mich bei den meisten meiner Filme beraten. Er ist  ein äußerst begabter Autor und Regisseur, dessen Projekte seine große Liebe zu allem, was mit Gender und Trans zu tun hat, zeigen. Wir fingen an zu reden, einfach so, und es kamen so verrückte,  schräge Dinge dabei heraus, dass wir schnell beschlossen, das Drehbuch gemeinsam zu schreiben. Wir setzten uns keinerlei Grenzen, nichts war verboten, es war das reine Vergnügen. Wir folgten der Figur durch ein frivoles und manchmal grausames Labyrinth. Doch zugleich sollte es zu jedem Zeitpunkt lustig sein. Und auch verrückt.

Der Film ist auf sehr erfrischende Weise verrückt: Er ist frei, radikal, exzessiv.
Ich beschreibe MESSERIMHERZ gern als das Porträt einer verliebten Frau, die auf einen Geisterzug aufspringt. Das gefällt mir am Konzept des Rummelplatz-Films: Man beginnt eine Reise, ohne zu wissen, wohin sie führt.

Das  Rummelplatz-Element findet sich auch in der Familie wieder, die Sie beschreiben: lauter Figuren, die in der Pornowelt zusammenarbeiten  –  Schauspieler*innen, Kameraleute, Regisseur*innen und Assistent*innen. Eine echte Crew.
Ja, dieser Crew-Aspekt war mir sehr wichtig, wie schon in meinen ersten Filmen. Er ist wichtig für die Handlung, zum Beispiel für die Freundschaften, die manche der Figuren miteinander verbinden,   besonders die Regisseurin Anne (Vanessa  Paradis) und ihre rechte Hand Archibald (Nicolas  Maury); wir sehen hier eine Freundschaft, die wichtiger und beständiger ist als Liebe. Aber er ist auch im wirklichen Leben wichtig. Mit manchen dieser Schauspieler arbeite ich seit meinen ersten Kurzfilmen zusammen. Mir gefällt es sehr, dass wir gemeinsam diese Filme und den Alltag erleben.  Ich denke besonders an Kate Moran, die vor zwölf Jahren in meinem ersten Kurzfilm gespielt hat und jetzt die Cutterin Loïs spielt, die ehemalige Liebhaberin der Heldin. Das Band, das Kate und mich verbindet, ist kostbar, es ist wie eine Geschwisterbeziehung. Und sie hat mich noch nie so in Erstaunen versetzt wie bei den Dreharbeiten für diesen Film. Ich bringe in jedem Film aber auch frisches Blut in diesen Kreis der festen Mitarbeiter. Das erzeugt viel Energie und elektrifizierende Momente. Für mich ist das Casting der aufregendste Teil der Filmarbeit; hier wird der Fiktion echtes Leben eingehaucht.

Die Kunst, im Casting einen explosiven Cocktail zu mixen, hat sich schon in „Begegnungen nach Mitternacht“ gezeigt, aber hier ist das Resultat noch erstaunlicher, weil sehr viel mehr Schauspieler*innen mitwirken.
Ja, es sind ungefähr 40! Ich liebe die großartige Kettenreaktion, die dadurch ausgelöst wird, sowohl  aus der Perspektive des Filmliebhabers als auch aus der Perspektive des Filmregisseurs. Bertrand Mondico zum Beispiel, der Regisseur von „The Wild Boys“ (2017), war eine neue und entscheidende Bekanntschaft für mich, er spielt in diesem Film die  Rolle des Kameramanns François Tabou, dessen Name an Franςçois About denken lässt, den Kameramann der meisten schwulen Pornofilme der 70er Jahre. Doch jede Figur hat seine oder ihre eigene Geschichte: Bei  Romane Bohringer hat sie mit meiner grenzenlosen Verehrung für „Wilde Nächte“ (1992) zu tun, einen Film, den wahrscheinlich jeder schwule Junge aus der Provinz verehrt. Ich nahm zu Romane schon sehr frühzeitig Kontakt auf, mindestens zwei Jahre vor Beginn der Dreharbeiten. Es war sehr aufregend, sie zu treffen, als wäre ich in meine Zeit als Teenager zurückversetzt. Ingrid  Bourgoin, die die Barkeeperin im lesbischen Cabaret spielt, war die Heldin in einem meiner Lieblingsfilme aus der Vecchiali-Galaxis der Siebziger, „Simone Barbès oder die Tugend“ (1980) von Marie-Claude Treilhou. Dort spielt sie eine junge Lesbe, die in einem Pornokino arbeitet und eine ganze Nacht der hoffnungslosen Liebe und Melancholie durchlebt. Es ist ein absolut großartiger Film. Das alles entstammt ganz verschiedenen Orten meines Lebens und verschmilzt in meiner großen Liebe zu allen Filmgenres.
Manchmal trifft man beim Casting auch inkongruente Entscheidungen: In einem bestimmten Stadium der Finanzierung bekamen wir Unterstützung aus Mexiko, deshalb musste ich einen mexikanischen Schauspieler aufnehmen. So kam es dazu, dass Noé Hernandez, den ich in Emiliano Rocha Minters Film „Wa Are the Flesh“ (2016) bewundert  habe,  sich  Vanessa  Paradis‘  Trupp  von  Pornodarstellern  anschließt. Er sprach kein Wort Französisch und lernte seine Dialoge phonetisch. Er brachte enorme Energie, Euphorie und Farbigkeit in den Film. Diese Synergien sind faszinierend, beinahe magisch, weil sie so viele Zufallstreffer hervorbringen, Wünsche, die kollidieren oder auch nicht.

Und dann ist da natürlich noch Vanessa Paradis, der Sie ihre bisher wohl größte Rolle in einem Kinofilm angeboten haben  –  als willensstarke Frau, die ihre kleine Männerwelt mit starker Hand zusammenhält, während sie insgeheim an gebrochenem Herzen zu Grunde geht.
Anne ist eine sehr starke Frau, aber angeschlagen, unfair und überbordend. Der Film ist eine Ode an alles Weibliche, selbst in seinen negativsten Aspekten. Er ist eine Art liebevolles Porträt der Figur, ebenso wie von Vanessa Paradis selbst. Die unglaubliche Faszination, die wir in professioneller Hinsicht füreinander gespürt haben, als wir uns das erste Mal trafen, war von entscheidender Bedeutung für die Entstehung des Films. Vanessa war für uns alle eine treibende Kraft, und das von Anfang an. Drei Tage, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie zu. Sie ist verliebt in die Liebe, und das gilt auch für die Liebe zum Kino. Sie hat eine immer lebendige, liebevolle Ausstrahlung, und eine sehr enge Beziehung zum Kino. Sie ist jederzeit äußerst empfindsam. Sie  versteckt sich nicht hinter einer Maske, und das ist eine Seltenheit bei bekannten Schauspielerinnen, vor allem in Frankreich. Man merkt, dass sie äußerst großzügig und freundlich ist, ihr Gesicht erinnert mich an die großen Schauspielerinnen der Stummfilmzeit wie zum Beispiel Janet Gaynor, die Lieblingsschauspielerin von Frank Borzage. Sie hat diese besondere Art von Präsenz auch dann,  wenn nicht gedreht wird, und die ungekünstelte, überwältigende Unschuld einer Person, die zum allerersten Mal in einem Film mitwirkt.
(Quelle: Verleih)
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 27.06.2019
TEL AVIV ON FIRE
Ab 04. Juli 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
In Tel Aviv geht es heiß her. Zumindest laut der schnulzigen Soap Opera „Tel Aviv on Fire“, die jeden Abend über die TV-Bildschirme flimmert und Israelis wie Palästinenser vor der Glotze vereint. Der junge Palästinenser Salam ist Drehbuchautor des Straßenfegers und muss für die Dreharbeiten jeden Tag die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland überqueren. Bei einer Checkpoint-Kontrolle gerät das  Skript der nächsten Folge in die Hände des israelischen Kommandeurs Assi. Das kommt dem gelangweilten Grenzwächter gerade recht. Um seine Frau zu beeindrucken, zwingt er Salam das Drehbuch umzuschreiben. Ein Bombenerfolg! Von nun an denken sich Salam und Assi immer neue schnulzige Dialoge und absurde Plotentwicklungen aus. Der Einfluss des israelischen Militärs auf die populäre, eigentlich anti-zionistische Seifenoper wird immer größer. Aber dann soll die Serie abgesetzt werden, und Salam steht plötzlich vor einem Riesenproblem.
 
Der Nahostkonflikt als große Soap Opera. Vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes gelingt Regisseur Sameh Zoabi (UNDER THE SAME SUN) das Kunststück einer absurden und unglaublich witzigen Komödie. Zoabi verpackt das politisch brisante Thema auf humorvolle und subtile Art. TEL AVIV ON FIRE lief im Wettbewerb des Toronto International Film Festivals 2018 und auf der Biennale in Venedig 2018 in der Sektion „Orrizonti“. Am 11. Juli 2019 startet TEL AVIV ON FIRE bundesweit im Kino. 

Ein Film von Sameh Zoabi
Mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Nadim Sawalha



„TEL AVIV ON FIRE“ – DIE SOAP OPERA IM FILM
Die Studioproduktion „Tel Aviv on Fire“ spielt in Tel Aviv, 1967 – ein schicksalhaftes Jahr. Überall gibt es Gerüchte, es würde Krieg geben. Manal, eine glamouröse, arabische Frau kommt als Spionin in die Stadt. Unter dem Namen Rachel gibt sie sich als jüdische Immigrantin aus Frankreich aus. Ihre Mission: Yehuda Edelman, den mächtigsten General Israels zu verführen und so an die Kriegspläne zu kommen.  Manals Tarnung: Sie betreibt das beste französische Restaurant in ganz Tel Aviv, das sich natürlich gegenüber dem Hauptquartier des Militärs befindet. So liegt es auf der Hand, dass sie Yehuda dort häufig antrifft. Mit französischem Gebäck bezirzt Rachel Yehuda, und die beiden werden rasch ein Liebespaar. Doch hat sich Manal wirklich in den hochrangigen, israelischen General verliebt? Hat sie, Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus Jaffa, tatsächlich ihre palästinensischen Wurzeln vergessen? Was ist mit ihrem wahren Geliebten, dem Widerstandskämpfer Marwan, der sie auf diese gefährliche Reise geschickt hat? Bleiben Sie dran!


SAMEH ZOABI (REGISSEUR)
Sameh Zoabi ist in Iksal, einem palästinensischem Dorf in der Nähe von Nazareth, geboren und aufgewachsen. Zoabi studierte Filmwissenschaften und englische Literatur an der Universität Tel Aviv und erhielt ein Stipendium für ein RegieStudium an der School of Arts der Colombia Universität, das er ebenfalls absolvierte.
 
Zoabis besondere filmische Handschrift wurde vom Filmmaker Magazine gewürdigt, das ihm als einen der „Top 25 New Faces of Independent Cinema“ benannte. Seine Filme wurden auf vielen Festivals gezeigt und ausgezeichnet, darunter Cannes, Toronto, Locarno, Sundance, Karlovy Vary, New Directors/New Films und dem New York Film Festival.


IM GESPRÄCH MIT SAMEH ZOABI TEL AVIV

ON FIRE ist eine Komödie. Was bedeutet es, als Palästinenser in Israel eine Komödie zu drehen?
Es ist eine große Herausforderung, eine Komödie zu drehen, die sich mit der palästinensischen und israelischen Wirklichkeit beschäftigt. Die Menschen nehmen die Region und den Konflikt sehr ernst. Jeder Versuch, eine Komödie daraus zu machen, kann leicht missverstanden werden und muss sich dem Vorwurf stellen, nicht stark oder ernst genug zu sein. Aber ich glaube, dass eine Komödie einem die Freiheit gibt, sehr ernste Themen auf eine subtilere Art zu diskutieren. In meinen Filmen versuche ich zu unterhalten, aber auch vom Zustand, in dem meine Figuren leben, auf eine wahrhaftige Art und Weise zu erzählen.
Mein erster Spielfilm MAN WITHOUT A CELLPHONE ist von meiner Kindheit und Jugend inspiriert.  Mein vorrangiges Ziel war es dabei nicht, eine Komödie zu drehen, sondern ganz real zu zeigen, wie ich als Palästinenser aufgewachsen bin.  Ein konstantes Gefühl der Verzweiflung liegt im Film immer in der Luft. Dennoch gibt es auch diese gewisse Stimmung und diesen Sinn für Humor, der im Film spürbar ist.  Auch in TEL AVIV ON FIRE ist der Grundton komödiantisch. Aber ich will damit die derzeitige angespannte Situation nicht ins Lächerliche ziehen, sondern mich mit der inneren Wahrheit befassen, und die kommt manchmal durch komödiantische Übertreibungen besser ans Licht. Wie es schon Charlie Chaplin sagte: „Um wirklich lachen zu können, muss man sich seinem Schmerz stellen und damit spielen können.“
 
Salam, Ihre Hauptfigur, arbeitet für eine arabische Soap Opera, die in Ramallah produziert wird. Warum eine Seifenoper?
Soap Operas sind eine Riesensache im Nahen Osten. Die Leute schauen sie alle und sind vollkommen von ihnen eingenommen. Was ich daran interessant finde, ist, dass Menschen, die diese Soap Operas ansehen, das teilweise etwas eindimensionale Schauspiel und die geradlinigen Dialoge glaubwürdiger finden als das subtile Schauspiel und die raffinierten Dialoge eines Spielfilms. Durch das Medium der Seifenoper wurde es mir erlaubt, Dinge darzustellen, die ich ansonsten wohl nicht im Kino hätte zeigen können.
Zum Beispiel die Anfangsszene in meinem Film, die ich ziemlich politisch finde: Hier zeigen die palästinensischen Figuren in der Soap ihre Gefühle hinsichtlich des nahenden Sechstagekrieges im Jahr 1967. Sie reden über ihre Hoffnungen und Geschichte im Allgemeinen sowie von ihrer Angst vor der israelischen Okkupation Jerusalems. Sie sprechen darüber emotional, ungefiltert. Aber weil diese Szene innerhalb der Soap Opera spielt, kann sie einen andersartigen Twist bringen.
 
Schauen Sie selbst Soaps?
Als ich abgeschnitten von der arabischen Welt in Israel aufwuchs, gab es nur zwei TV-Kanäle. Die Serien in arabischer Sprache kamen größtenteils aus Ägypten. Sie hatten die besten Seifenopern, vor allem während des Monats des Ramadan. Sogar Israelis haben sich diese Serien angesehen.
Die TV-Soap, die ich für meinen Film erfunden habe, ist eine Hommage an eine der großen Seifenopern mit der ich aufgewachsen bin. Heute sieht das schon ganz anders aus. Es gibt hunderte von arabischen Fernsehkanälen und eine Menge Serien aus Syrien, dem Libanon, Ägypten und sogar einige synchronisierte aus der Türkei und Indien. Soap Operas werden überall geschaut. Sie sind ein universelles Medium.
Kürzlich habe ich eine TV-Soap mit meiner Mutter angesehen. An einem emotionalen Moment musste ich lachen, weil das Schauspiel und die Kamera so überdramatisch daher kamen. Aber meine Mutter hatte ein Taschentuch in der Hand und weinte. Dieses Erlebnis hat mich inspiriert, als ich den Film schrieb und inszenierte.
 
Wie sind Sie visuell an den Film herangegangen?
Visuell arbeitet der Film mit dem Kontrast, der durch die zwei Realitätsebenen entsteht: Die magische, bunte Welt der TV-Soap und die alltägliche, etwas graue Realität außerhalb des TVStudios. Wir haben die Soap-Szenen größtenteils im Studio gedreht und verwendeten dabei übertrieben dramatische Bildausschnitte, Licht, das die Mise en Scène steigert, knallige Farben und natürlich dramatische Kamerabewegungen. 
Bei den Szenen außerhalb des TV-Studios waren wir filmisch näher am Cinéma vérité. Die Kameraarbeit gestalteten wir fließender und drehten an realen Locations mit dem dort vorhandenen Licht. Mit Ausnahme des Checkpoints, den wir für den Film extra bauen mussten.

Wie gingen Sie beim Casting zu TEL AVIV ON FIRE vor?
In der Vergangenheit habe ich mit einer Mischung aus professionellen Schauspielern und Amateuren  gearbeitet. Bei diesem Film, bei dem die Geschichte komplexer ist, die Szenen vollständig angelegt und geschrieben, habe ich mich für die Arbeit mit ausschließlich professionellen Darstellern entschieden. Bereits im Schreibprozess hatte ich einige der Schauspieler im Kopf, z.B. Lubna Azabal, Nadim Sawalha, Salim Daw und Maïsa Abd Elhadi. Entweder, weil ich schon mit ihnen gearbeitet hatte oder ihre Arbeit kannte.  Die größte Herausforderung beim Casting für diesen Film war es, zwei Schauspieler zu finden, die im Zusammenspiel die Energie und Chemie zwischen der Hauptfigur Salam und seinem Antagonisten Assi darstellen konnten. Ihre dynamische Beziehung steht im Zentrum des Films. Ich finde, dass das nuancierte, minimalistische Spiel von Kais Nashif als Salam im Gegensatz zum sehr energiegeladenen Yaniv Biton als Assi den besten komödiantischen Effekt hervorgebracht hat. Yanivs schauspielerische Wurzeln liegen in der Komödie, wohingegen Kais bisher mehr in dramatischen Rollen zu sehen war, z.B. in PARADISE NOW. Es war ein kleines Risiko, ihn für eine Komödie zu besetzen. Aber Kais hat Salam eine komplexere, melancholische Seite, als ursprünglich im Drehbuch vorgesehen, hinzugefügt und damit eine interessantere Figur geschaffen.
 
Können Sie etwas mehr zu den verschiedenen Ebenen in TEL AVIV ON FIRE erzählen?
Als ich meine vorherigen Filme gezeigt hatte, ist mir aufgefallen, dass im Kino schnell klar wird, wie unterschiedlich die palästinensische und israelische Perspektive beim Erzählen einer Geschichte ist. Es gab Zuschauer, die fanden, dass meine Filme zu palästinensisch und dafür nur ungenügend israelisch seien und genau umgekehrt. Diese in Konflikt stehenden Perspektiven lieferten das zugrundeliegende Thema bei TEL AVIV ON FIRE.  Auf persönlicher Ebene geht es um einen Künstler, einen aufstrebenden Drehbuchautor, der damit kämpft, seine eigene Stimme inmitten bestehender politischer Konflikte zu finden. Ich finde Figuren wie Salam faszinierend. Sie haben noch keine vollständige Vorstellung davon, wer sie sind oder sein wollen. Sie versuchen zurechtzukommen und ihren Platz in der Welt zu finden, während sie sich ständigen Herausforderungen und Ablenkungen gegenübersehen. Sie möchte ihr Leben verbessern, wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen. In TEL AVIV ON FIRE findet Salam seine eigene Stimme im Verlauf des Films. 
In einem größeren Zusammenhang hat der Film zwei politische Themen: Auf der einen Seite sind es die Erinnerungen an den Sechstagekrieg, die in der Soap Opera über die Figur von Bassam erzählt werden. Bassam, Produzent und Erfinder der Serie sowie Salams Onkel, gehört zu einer älteren Generation von Palästinensern, die 1967 im Sechstagekrieg gekämpft, aber auch das OsloAbkommen unterzeichnet haben. Das zweite große Thema im Film sind die Geschehnisse am Checkpoint, die im Grunde geschichtlich mit Basams Erinnerungen in Zusammenhang stehen. Und schließlich beginnen sich Soap und Realität miteinander zu vermischen. Die Dynamik in der Beziehung zwischen dem jungen Palästinenser Salam und dem israelischen General Assi beginnt, sich auf die Seifenoper zu übertragen und ihr damit eine andere Bedeutung zu geben. Um es so zu sagen: Assi, der „Besatzer”, diktiert Salam, dem „Besetzten“,  seine Sicht der Dinge. Je stärker Salams Selbstbewusstsein wächst, desto mehr beginnt er sich dagegen zu wehren. Nichts kann sich in Palästina und Israel verändern, solange Salam und Assi nicht gleichberechtigt sind. Das ist der einzige Weg nach vorn.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 19.06.2019
WENN FLIEGEN TRÄUMEN
Ab 27. Juni 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Eine einsame Psychotherapeutin und ihre suizidgefährdete  Halbschwester auf dem Weg nach Norwegen, in einem roten Feuerwehr auto. Begleitet von einem Spanier, der nach Finnland will. Verfolgt von einem Haufen gestrandeter Persönlichkeiten. Umnebelt von Wodka und Tablett en. Und irgendwo dazwischen ein paar Fliegen, die plötzlich anfangen zu träumen ... „Wenn Fliegen träumen“ ist ein skurril-melancholischer Roadtrip nach Norwegen, über Einsamkeit und das pralle Leben.

Ein Film von Katharina Wackernagel und Jonas Grosch
Mit THELMA BUABENG, NINA WENIGER, JOHANNES KLAUSSNER, NIELS BORMANN u.a.


DIE KÖPFE DAHINTER

Jonas Grosch und Katharina Wackernagel sind das Geschwister paar, das hinter dem deutsch-skandinavischen Roadtrip „Wenn Fliegen träumen“ steckt. Bereits zum vierten Mal haben sie gemeinsam mit einander fürs Kino gearbeitet. Nach der Revolution („Résiste!  Aufstand der Praktikanten“), der Liebe („Die letzte Lüge“), der Freundschaft  („bestefreunde“) ist nun Einsamkeit ihr Thema. Doch wieder ist es ihr Gespür und ihre Vorliebe für skurrilen Humor, der die Bearbeitung dieses Themas anders ausfallen lässt, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten könnte.
Der Film ist Sender- und Förderunabhängig fi nanziert und produziert. Er ist also im besten Sinne „Independent“ und unterwirft  sich bewusst keinen Genres oder Zielgruppenkonventionen. Ihrer  Meinung nach muss ein Film nicht perfekt sein, aber Mut zur Kreativität haben. Mut zum Spielerischen. Er muss etwas Neues versuchen und sollte keine Angst davor haben uneindeutig zu sein. Skandi navien, als Ursprungsland eben solcher Filme, ist daher nicht ganz zufällig das Ziel der beiden Protagonistinnen. Unterstützung dafür bekamen sie von der „Ekte Drømmer Film“ aus Norwegen.


INTERVIEW KATHARINA WACKERNAGEL

KATHARINA, DEIN REGIE DEBÜT – WARUM DIESER SKURRILE FILM?
Ich begeistere mich schon immer sehr für skurrile Komödien oder auch Tragikomödien. Ein Genre, dass es hier in Deutschland nur sehr selten gibt. Für mich war klar, wenn ich den Schritt  hinter die Kamera mache, dann möchte ich einen Film erzählen, der ganz anders ist, als dass was ich als Schauspielerin beim Fernsehen oder auch in meinen Kinorollen spiele.  Das Drehbuch von Jonas lieferte da schon die ideale Vorlage und ich hatt e große Freude daran mit den Schauspielern aber auch den Kostümen und der Kamera einiges zu überzeichnen und auf die Spitze zu treiben. Mit Raum und Zeit, Logik und den üblichen Sehgewohnheiten zu spielen und sie bewusst auf die Probe zu stellen

WIE WAR ES FÜR DICH ZUM ERSTEN MAL REGIE ZU FÜHREN?
Mir hat es großen Spaß gemacht! Die Schauspieler zu inszenieren fi el mir nicht schwer. Was ich tatsächlich unterschätzt habe, sind die vielen Entscheidungen, die ein Regisseur den ganzen Tag über treff en muss. Bei einer freien Produktion wie unserer natürlich nochmal mehr. Das gibt einem zwar große Freiheiten, hat mich aber auch manchmal sehr unter Druck gesetzt. Das würde ich versuchen beim nächsten Film anders zu machen. Aber ich habe aus meiner Arbeit als Regisseurin auch sehr viel für meinen Beruf als Schauspielerin gelernt. Welche Tragweite der Schnitt  beispielsweise in der Fertigstellung eines Films hat, ist mir erst jetzt richtig klar geworden. Einerseits ist es faszinierend, wie viel man durch den Schnitt  noch aus einer Szene herausholen kann, wie viel man „erklären“ kann oder auch ins Absurde treiben. Andererseits hat es mich als Schauspielerin auch schockiert, wie stark eine Szene noch „gelenkt“ werden kann, ob sie traurig oder lustig ausgeht, ob du die Szene führst oder dein Partner. Und ich habe großen Respekt vor Regisseuren die schon beim Drehen wissen, wie sie etwas schneiden wollen... dazu muss ich wahrscheinlich noch sehr viele Filme drehen.


WARUM SKANDINAVIEN BZW. NORWEGEN?
Mit unserer Familie sind Jonas und ich schon als Kinder in Skandinavien gewesen, wir haben in Dänemark, Schweden und am häufi gsten in Norwegen Urlaub gemacht. Unser Ferienhaus in Vevang (ein kleiner Ort südlich von Trondheim) ist ein altes Fischerhaus direkt am Meer, mit Blick in den Fjord und aufs off ene Meer. Ein Sehnsuchtsort meiner Kindheit und auch heute noch. Die Reise dorthin (von der Fähre in Oslo, sind es noch zehn  Stunden mit dem Auto Richtung Norden) ist zwar immer etwas beschwerlich, aber durch die malerische Landschaft  auch die perfekte Kulisse für einen Roadmovie. Ich denke, dass diese Reise auch Jonas inspiriert hat Hannah und Naja nach Møre og Romsdal fahren zu lassen. Denn sie spiegelt auch unser Thema Einsamkeit wieder: So ist man dort zwar schnell allein auf weiter Flur, aber wenn man mit ein paar engen Verwandten oder Freunden diese Einsamkeit genießen kann, ist es umso schöner. Bei den Dreharbeiten zu „Wenn Fliegen träumen“ sind wir zwar nicht ganz so weit nördlich gekommen, da wir im Februar gedreht haben und ein Schneesturm uns die Sicht verweht hätte, aber wir haben etwas südlicher vergleichbare Motive gefunden, die der rauen und vielseitigen Landschaft rund um unser Ferienhaus ähneln.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 13.06.2019
A BEAUTIFUL NIGHT
Ab 20. Juni 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Obwohl Juri jung ist, wird sein Leben von der Angst zu sterben beherrscht. Nächtliche Panikattacken sind ihm vertraut. Nur begegnet ihm diesmal ein düsterer Geselle, der behauptet, der leibhaftige Tod zu sein. Es beginnt ein faustisch-bizarrer Trip durch die Nacht, bei dem sich Juri in Nina verliebt, und am Ende jemand sterben muss.

Ein Film von XAVER BÖHM
Mit NOAH SAAVEDRA, MARKO MANDIC, VANESSA LOIBL u.a.



IM GESPRÄCH MIT XAVER BÖHM

Vor O BEAUTIFUL NIGHT hast Du Animationsfilm gemacht. Worin bestehen die unterschiedlichen Herausforderungen und Reize zwischen Animationsfilme und Real Fiction für dich?
Ich wollte immer zum Film. Doch an die Filmhochschule habe ich mich damals nicht getraut und bin statt dessen den weniger „riskanten“ Weg eines Design Studiums gegangen. Am Ende aber nur ein Umweg zum Bewegtbild, denn an der Kunsthochschule habe ich schnell erkannt, dass man ja auch mit Stift und Papier Filme machen kann. Zeichentrick war in diesem Studiengang eine wenig beachtete Nische, wurde aber geduldet.
Mit dem Stift in der Hand war ich alleine verantwortlich für die Motive, das Szenenbild, das Licht, die Bildkomposition, die Bildfolgen, die Kostüme und sogar das Wetter. Diese Berührung mit beinahe allen Bereichen des filmischen Erzählens war eine gute Schule. Während die Zeichnung vor allem im Abstrahieren unschlagbar ist, lassen sich gewisse Konflikte und Beziehungen mit echten Menschen eindringlicher erzählen. So habe ich Aufgrund der Entwicklung meiner Themen irgendwann beschlossen, das Medium zu wechseln.
Die Arbeit mit den Schauspielern war dann auch definitiv die größte Herausforderung für mich. Und das größte Abenteuer. Generell fand ich nach Jahren im stillen Kämmerchen vorm Zeichentablett die Interaktion mit so vielen Menschen in allen Entstehungsschritten des Filmes einfach großartig. Der Kollaborationsgedanke ist eine der größten Stärken des Mediums überhaupt.

Ein Debüt über das Thema Tod. Ist es eine befreiende Vorstellung, sich seinen Vortodesmoment selbst auszusuchen?
Ich bin ein Mensch, der nicht gerne alleine ist. Daher kommt auch die Angst vorm Tod. Es gibt keine krassere Erfahrung von „Alleine“ als den Moment des Sterbens. Ich sehne mich also nach einem starken Gefühl von Gemeinsamkeit, das diese Angst überbieten kann. Ich denke, jeder sucht das auf eine gewisse Art.
Ein Witz ist vielleicht ein gutes, einfaches Beispiel für so ein Erleben. Man bringt jemanden zum Lachen, man hat also den gleichen Humor. Wenn man eine gewisse Transferleistung vollbringen muss, um einen Gag zu verstehen, ist das schon eine große Bestätigung für ähnliche Erfahrungen und einheitliche Sicht auf die Welt. Film ist dabei in meinen Augen ein Medium, das ein besonders tiefgreifendes gemeinsames Erlebnis bieten kann und dabei trotzdem sehr zugänglich ist.
Da aber niemand gerne über den Tod nachdenkt, noch nicht mal ich selbst, ist der Film ein Märchen geworden. Das Absolute am Tod, also auch das Ende von Kontrolle und Selbstbestimmung, macht ihn so unpopulär. Man muss nur mal versuchen, den Tod als Smalltalk-Thema auf einer Party auszupacken. So darf Juri im Film eben ein bisschen mitreden und dagegen halten, um das Thema erlebbar zu machen.

Ein unterschiedliches Trio melancholischer Drifter und Träumer schlittert mit seinen jeweiligen Ängsten und Sehnsüchten durch die Nacht. Welche Erfahrung wolltest Du mit den Filmseher*innen teilen?
Als Kind ist noch alles magisch. Man gruselt sich vor Gespenstern und glaubt an Wunder, alles erscheint möglich. Und jetzt? Wo ist sie hin, diese Magie? Ich will mich an die Märchen meiner Kindheit erinnern, und an das, was sie ausgelöst haben. Das ist gar nicht so leicht. Man hat das Meiste irgendwie schon mal erlebt und es gibt für alles eine plausible Erklärung. War es das mit dem Erleben und Entdecken neuer Dinge? So sehr man sich auch anstrengt, die Gewohnheiten sind in der Überzahl. Man geht an immer die selben Orte, wandelt auf den gleichen Pfaden. Dabei gibt es gleich bei mir in der Straße ein paar seltsame Läden, Automatencasinos, verdrogte Clubs oder eine dubiose russische Bar mit mafiösen Leuten. Manchmal denke ich, das Abenteuer liegt so nahe.
Und danach sehnt man sich ja meistens: Nach Abenteuern, ungewohnten Situationen, verrückten Begegnungen. Vielleicht ist in Wirklichkeit aber auch die reine Vorstellung von dem, was da drinnen so passiert, viel spannender als die Realität? Mein Film ist eine Fortführung dessen und eine fast schon verzweifelte Suche nach der Magie im Leben der Erwachsenen.

Wie haben du und die Kamerafrau Jieun Yi das Bild- und Lichtkonzept erarbeitet?
Ich wollte eine Nacht, die vom Schwarz dominiert wird, abgefuckt, atmosphärisch und dennoch farbenfroh. Aufgrund dieser Recherche hat Max, der Junior Producer, Jieun vorgeschlagen. Ihre Arbeiten hatten an vielen Stellen bereits diesen Vibe. Uns war eigentlich sehr schnell klar, dass wir auf das Gleiche Lust haben und mussten da gar nicht viel sprechen.
Wir haben lediglich einen Plan gemacht, wie wir die Farbstimmungen über den Film verteilen. Die Grundlage für ein stimmungsvolles Bild, ist ein gutes Motiv. So sind Jieun und ich erstmal wochenlang nachts durch Berlin gefahren, um Orte zu finden. Wir wollten Patina, Schlichtheit, Einsamkeit (in Berlin gar nicht so einfach) und auf keinen Fall weiße Wände! Viel Budget zum Verändern der Orte hatten wir nicht. Jieun kannte bereits ein paar tolle Ecken, wir haben ein paar neue gefunden, den Rest hat dann Iris, die Location-Scoutin, ergänzt. Als nächstes haben wir sehr intensiv mit Olivier, unserem Szenenbildner, geplant. Seine Arbeit bringt schließlich auch die Lichtquellen hervor, die dann im Bild zu sehen sind.  Ich habe wirklich großen Respekt vor Jieuns Lichtsetzung und ihrem Zugang zu Atmosphäre. Im Grading ist dann auch nochmal viel passiert und gemeinsam mit Phillip, unserem Coloristen, haben wir das Gefühl von Lichtinseln noch etwas auf die Spitze getrieben.

Ebenfalls ein optischer Genuss und Besonderheit sind die Gemälde zwischen einzelnen Szenen – stammen diese Werke von Dir?
Bei diesen Werken handelt es sich um Remixe sehr alter Öl-Gemälde, vor allem aus dem 16. und 17. Jahrhundert Die Originale der alten Meisterwerke kann man im Amsterdamer Rijksmuseum, dem MET in New York und dem Getty Museum in L.A besuchen.
Florian, der Editor, und ich, waren auf der Suche nach Bildmaterial zwischen den Szenen, um hier und da Tempo aus dem Film zu nehmen und haben nach anderen, abstrakteren Lösungen dafür gesucht. Da der Film sehr archaisch, romantisch und märchenhaft ist, bin ich bei dieser Recherche erst mal weit in die Vergangenheit gewandert. Da habe ich diese alten Stillleben entdeckt. Sie sind sehr episch und traumhaft schön, handeln aber letztlich auch von der
Vergänglichkeit und der Unabwendbarkeit des Todes. Die Blumen haben den Höhepunkt ihrer Blüte bereits erreicht, alles was ihnen noch bleibt, ist das Vergehen. Zudem verbergen sich oft tote Tiere, Schlangen und Insekten im augenscheinlich idyllischen Dickicht. Thematisch hat uns das gut gefallen.
Ästhetisch habe ich die Bilder dann etwas in die heutige Zeit geholt, in dem ich sie farblich stark bearbeitet und Bildausschnitte collagenartig neu kombiniert habe. Welche Motive an welcher Stelle im Film gut funktionieren und wie wir das zu einem dramaturgischen Bogen verweben, war allerdings eine große Herausforderung. Ohne Florians genialen Input wäre es nie geglückt, aus den ca. 200 Gemälden, die ich gesammelt und neu zusammen gesetzt habe, die finalen elf zu erarbeiten.

Noah Saavedra als Juri, Marko Mandic als der Tod und Vanessa Loibl als Nina: Nach welchen Vorstellungen hast Du Deine Schauspieler*innen ausgewählt? Was mussten sie für ihre Rollen mitbringen?
Zunächst ist das in meinen Augen wirklich tolle Ensemble der wunderbaren Casterin Nina Haun zu verdanken! Sie hat mit viel Liebe und Feingefühl sehr besondere und ausgesprochen talentierte Leute vorgeschlagen. Die endgültige Besetzung ist in Deutschland kaum bekannt. Da dies mein erster Film ist, fand ich die Idee schön, diesen neuen Weg gemeinsam mit Newcomern einzuschlagen.
Für Juri war uns besonders wichtig, dass er in seinem Leid sympathisch bleibt. Es gibt ja Typen, die spielen Angst und Verzweiflung und es wird gleich unangenehm. Wir wollten aber, dass man in der Lage ist, mit Juri mitzufühlen und vielleicht sogar zu schmunzeln. Noah Saavedra hat mich in seiner Darstellung von Unsicherheit und Angst sehr überzeugt – und das, obwohl er in Wirklichkeit ein recht gelassener Draufgänger ist. Der slowenische Theaterprofi Marko Mandic trägt als der Tod den Film fast alleine auf seinen Schultern. Sein besonderes Charisma, sein tolles Gesicht und seine ungewöhnliche Sprache machen den Tod als Figur und damit den Film überhaupt erst möglich. Außerdem hat er diese gewissen Gangster-Attribute: Gerissenheit, Selbstsicherheit, Skrupellosigkeit und eine unheimliche Aura. Darüber hinaus musste der Tod aber eine unendlich sympathische Figur sein, mit einem weichen und sensiblen Kern. Marko ist einer der liebsten Menschen, die ich kenne. Er hat diesen fast schon kindlichen Spieltrieb, der ihm scheinbar mühelos Zugang zu jeder menschlichen Facette verschafft, den schönen wie den abgründigen.
Vanessa Loibl habe ich in ihren Studententagen mal in einer UdKTheaterinszenierung  gesehen. Ihre Performance hat mich so sehr beeindruckt, dass sie mir vier Jahre später wieder eingefallen ist. Sie hat diese tolle, rauchige und abgeklärte Stimme, die einen Kontrast zu ihrem jugendlichen Aussehen bildet. Sie kann sehr cool sein und wunderbar eine gewisse Distanz herstellen, um im nächsten Moment wieder ganz nahe und voller Wärme zu sein. Das war für ihre Figur sehr wichtig. Vor allem war aber entscheidend, dass die drei zusammen ein starkes Trio bilden. Noah, Vanessa und Marko hatten auch privat eine gute Chemie, was unersetzbar war, um sie am Ende des Filmes trotz aller Widrigkeiten glaubhaft zusammen finden zu lassen.

Du hast nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch - mit Ariana Berndl – geschrieben und außerdem die Musik komponiert. Kannst Du uns deinen kreativen Prozess beschreiben?
Ich sehne mich nach Spaß und Freude beim Arbeiten. Das ist mir nur möglich, wenn ich mich nicht zu sehr unter Druck setze. So wollte ich eigentlich nur einen Kurzfilm machen, ein kleines Projekt. So etwas beginnt dann häufig von alleine zu wachsen. Bei der Musik war es ähnlich. Ich habe eigentlich nur Tracks gemacht, die uns beim Schneiden helfen, ohne die Ambition, dass das dann am Ende im Film sein wird. Irgendwann kommt dann aber doch der Druck ins Spiel und die Leichtigkeit verfliegt. Deshalb bin ich beim Drehbuch, genau wie bei der Musik, irgendwann nur noch schwer voran gekommen. Dann finde ich es schön und wichtig, sich helfen zu lassen. Und irgendwie gibt es immer tolle Leute, die Lust auf gemeinsames Schaffen haben! So habe ich in Ariana für das Buch und in Paul für die Musik wunderbare Mitstreiter*innen gefunden. Bei der Arbeit an diesem Film habe ich gemerkt, dass Kollaboration sowieso das Schönste ist! Auch mit Florian im Schnitt oder Jieun Yi beim Bild, man muss beim Film immer an einem Strang ziehen. Ich bin oft erstaunt, dass zwei gekoppelte Gehirne nicht doppelt soviel Output haben, sondern eben unendlich viel mehr.

Wie ist die Zusammenarbeit für Dein Debüt mit Komplizen Film, der Produktionsfirma von Filmen wie Maren Ades TONI ERDMANN oder WESTERN von Valeska Grisebach entstanden?
Die Zusammenarbeit ist einem glücklichen Zufall und dem großen Mut der Komplizen zu verdanken. Ich kannte zwar die meisten ihrer Filme, aber auf die Idee, mein Drehbuch da hinzuschicken, wäre ich sicher nie gekommen. Nur durch einen Umweg ist es dann aber doch auf dem Schreibtisch von Janine Jackowski gelandet. Sie und die anderen Komplizen Jonas Dornach und Maren Ade haben sich dann tatsächlich getraut, einem völlig unerfahrenen Regisseur ein 2-MillionenEuro-Budget anzuvertrauen. Das war natürlich überaus aufregend und erst nach dem ersten Drehtag habe ich es dann tatsächlich selbst geglaubt.
Die Komplizen zeichnen sich durch zwei Dinge aus: Ihre große Liebe zu Filmen und dem damit verbundenen Glauben an die künstlerische Freiheit einer Regisseurin oder eines Regisseurs. Und zum anderen durch die magische Anziehung, die der Firmenname auf andere Filmschaffende ausübt. Ich bin begeistert, wie viel Geduld und Freiheit aufgebracht wurden, damit ich den Film genauso machen konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn es Kritik gab, dann war sie immer sehr schlau, gerechtfertigt und hilfreich.
Der andere tolle Faktor ist eben, dass man die Chance hat, mit tollen Leuten zusammenzuarbeiten, an die man ohne das Komplizen-Netzwerk nie herangekommen wäre. Zu Nina Haun, unserer Casterin, Robert Spika, dem ersten Regieassistenten, oder Florian Miosge, dem Editor, und vielen anderen hätte ich ohne Komplizen Film niemals Zugang bekommen. Ich selbst habe ja keinen Vergleich, aber die anderen, sehr viel erfahreneren Leute im Team haben mir immer wieder gesagt, dass diese liebevolle Art Filme zu machen in der Branche sehr einzigartig ist. Ich schätze mich sehr glücklich nun ein Teil der Komplizen Familie zu sein.

Siehst Du Dich als Teil einer bestimmten Schule innerhalb des deutschen oder europäischen Kinos?
Ich bin als Quereinsteiger und Autodidakt zum Film gekommen und hatte daher vor diesem Projekt sehr wenig Austausch mit anderen Filmschaffenden. Auch wenn letztlich viele Leute gemeinsam an diesem Film gearbeitet und sich dabei enorm eingebracht haben, entstanden das Fundament für die Story und der Stil des Films aus einer persönlichen Sehnsucht heraus: Beim Durchsuchen des Kinoprogramms oder der Online-Mediatheken hatte ich immer Lust auf eine bestimmte Art von Geschichte, die ich nicht finden konnte – ein romantisches, üppiges Märchen, das trotzdem ein Bein auf dem Boden behält und relevante, schwere Themen behandelt.
Diese Art von Film kenne ich vor allem aus dem amerikanischen Independentkino und aus der Vergangenheit. Aber im zeitgenössischen deutschen Kino habe ich so was vermisst. So habe ich dann gedacht, okay, da gibt es diese Lücke, bevor ich ewig erfolglos die Mediatheken durchsuche, mach ich so einen Film einfach selbst. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, einem gewissen Trend anzuhängen: Und zwar einer nostalgischen Zuwendung zur prä-digitalen Zeit. Viele zeitgenössische Filme wenden sich beispielsweise den Achtziger Jahren zu und sind gefüllt von altmodischen Schauplätzen, Patina, alten Songs, warmem Licht und Objekten, die nicht aus Plastik gemacht sind. In unserer gegenwärtigen Welt mit Sichtbeton, LEDGlühbirnen, Wärmedämmeffizienz anstatt handgeschnitzter Holzfenster und Glasoberflächen anstelle von Papier müssen eben Filme dieses Bedürfnis nach Unperfektheit und Wärme übernehmen. Stilistisch bin ich also tatsächlich Teil einer großen Bewegung, die nicht nur im Film, sondern medienübergreifend stattfindet.

Welche Künstler*innen inspirieren Dich in Deiner Arbeit?
Es gibt viele Filmemacher und Filmemacherinnen, die mich geprägt haben und die ich bewundere. Die Bandbreite ist groß: Ich kann mich genauso an dem technisch perfekten Überfluss eines Spielberg-Films erfreuen wie an der grandiosen Nüchternheit und den meisterhaft inszenierten Figuren in Maren Ades Storytelling. Für diesen Film waren die direktesten Einflüsse die Arbeiten von sentimentalen und humorvollen Romantiker*innen wie Jim Jarmusch, dem jungen Wim Wenders, Miranda July oder P.T. Anderson. Von Jarmusch oder Anderson habe ich mir das Prinzip des modernen Märchens abgeschaut, von Wenders die Jukebox und die Peepshow-Kabine, von July die tragisch-überhöhten Figuren mit ihren sehr menschlichen Problemen.
Viel größer noch als der Einfluss von außen war jedoch die Inspiration durch das Team. Ich habe so viel gelernt von meiner Co-Autorin, den Produzent*innen, den Schauspieler*innen, meinem Regie-Coach, dem Regieassistenten, dem Editor, meinem Sounddesigner, die Liste ist lang. All diesen Leuten ist der Film wirklich zu verdanken.
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 06.06.2019
SUNSET
Ab 13. Juni 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Das Hutmachergeschäft Leiter ist nicht nur bekannt für seine außergewöhnlichen Kreationen, sondern auch ein Ort großer Träume. Zumindest für die junge Iris Leiter, die 1913 nach Budapest kommt, um in dem Laden als Hutmacherin anzufangen, der einst ihren Eltern gehörte und in dem sie ihr Leben verloren. Der jetzige Inhaber Oskar Brill weist jedoch die junge Frau ab. Aber Iris hat nicht vor, Budapest zu verlassen.  Beharrlich macht sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Dabei kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, das sie nicht nur zu einem gewissen Kalman Leiter sondern auch bis in die höchsten Kreise der österreichisch-ungarischen Gesellschaft führt. 
 
Regisseur László Nemes gelingt nach seinem mit dem Oscar® für den „Besten fremdsprachigen Film“ ausgezeichneten SON OF SAUL erneut eine präzise Schilderung einer Zivilisation am Abgrund. In fein komponierten Bildern und mit einem virtuosen Gespür für die flirrend-dekadente Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg schildert Nemes die Geschichte seiner jungen Heldin.  
 
SUNSET tritt als ungarischer Oscar®-Beitrag in die Fußstapfen von Nemes' Spielfilmdebüt SON OF SAUL. Bei seiner Premiere im Wettbewerb der 75. Internationalen Filmfestspiele Venedig wurde SUNSET bereits mit dem renommierten FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Außerdem wurde Nemes‘ zweiter Langfilm beim Toronto International Film Festival als "Special Presentation" gezeigt.
 
 
Ein Film von László Nemes
Mit JULI JAKAB, SUSANNE WUEST, VLAD IVANOV u.a.



LÁSZLÓ NEMES (REGISSEUR) 
 
László Nemes wurde am 18.02.1977 in Budapest geboren. Sein Vater war der ungarische Filmregisseur András Jelis. Aufgewachsen ist Nemes überwiegend in Paris, wo er Geschichte und Politikwissenschaften studierte. 
 
Ab 2005 begann Nemes bei verschiedenen Filmproduktionen mitzuwirken und entschied sich schließlich 2006, Regie in New York zu studieren. Nach einem Jahr brach er das Studium wieder ab. Danach arbeitete László Nemes als Regieassistent bei Béla Tarr und realisierte mit dem Regisseur den Film DER MANN AUS LONDON, in dem Tilda Swinton die Hauptrolle spielte. 
 
Bald realisierte Nemes auch Kurzfilme. Sein Erstling TÜRELEM wurde 2007 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Venedig gezeigt und 2008 in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ für den Europäischen Filmpreis nominiert. 2008 und 2010 veröffentlichte er die Kurzfilme THE COUNTERPART und THE GENTLEMAN TAKES HIS LEAVE. Seine drei Kurzfilme gewannen zusammen mehr als 30 Preise und liefen auf über 100 Filmfestivals.   
 
2015 wagte sich László Nemes an sein Spielfilmdebüt. Mit SON OF SAUL, für den Nemes auch das Drehbuch schrieb, begeisterte er Kritiker weltweit. Der Film zeigt 36 Stunden im Leben eines jüdischen KZ-Häftlings (gespielt vom ungarischen Dichter Géza Röhrig) im Vernichtungslager in Auschwitz. Der Film lief nicht nur im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes und gewann dort den Großen Preis der Jury sowie den FIPRESCI-Preis. SON OF SAUL wurde auch mit einem Golden Globe® ausgezeichnet und gewann schließlich einen Oscar® in der Kategorie „Bester  fremdsprachiger Film“. 



DIRECTORS STATEMENT 
 
IRIS UND SUNSET  „Noch bevor ich mit meinem ersten Spielfilm SON OF SAUL begann, hatte ich die Idee, einen Film über eine Frau zu drehen, die allein und verloren in ihrer Welt ist. Einer Welt, die sie vergeblich zu verstehen versucht. Von bestimmter Literatur und der filmischen Tradition Mitteleuropas beeinflusst, zog es mich zu einer Protagonistin, die teilweise von einem Geheimnis umgeben ist und deren Handlungen die Zuschauer immer wieder bewerten und neu beurteilen müssen. Bis sie an einem Punkt im Film sogar eine Figur von unbekannter Dimension wird, so wie eine eigenwillige Johanna von Orléans Mitteleuropas. 
 
Im Gegensatz zu SON OF SAUL, der sehr akribisch und fast dokumentarisch aufgebaut ist, erinnert SUNSET an ein Märchen, ein Mysterium in sich. Es lädt den Zuschauer ein, zusammen mit der Protagonistin einen Weg durch einen Irrgarten aus Fassaden und Ebenen zu finden. Von Anfang an
habe ich mir vorgestellt, dass der Film den Zuschauer in ein persönliches Labyrinth stürzt, während er Iris auf der Suche nach ihrem Bruder begleitet und mit ihr herauszufinden versucht, was sich in der Welt verbirgt, die sie erkennen will. Hinter jedem Hinweis, den sie zu entdecken scheint, gibt es widersprüchliche Informationen. Unter jeder Schicht kommt eine neue zum Vorschein, und die Hauptfigur mag sich selbst nicht einmal darüber im Klaren sein, welch ein tiefgehender Prozess sich in ihr vollzieht. Iris ist ein Charakter, der zwischen Licht und Dunkelheit gefangen ist, zwischen Schönheit und Gefahr, unfähig mit den Grauzonen zurechtzukommen. In diesem Sinne ist SUNSET auch die Geschichte eines Mädchens, des Aufblühens einer seltsamen Blume. 
 
Bei SUNSET war es von Anfang an meine Absicht, ganz nah bei der Hauptfigur Iris zu bleiben. Das erlaubte einen besonders intimen Ansatz in einem ungewöhnlichen Historienfilm, der bewusst mit den vorhersehbaren Regeln einer Postkartenidylle bricht. Der Vorstellung, die wir von der Vergangenheit besitzen. Ich hoffe, den Zuschauer damit in eine unbekannte Welt entführen zu können, in der die Menschen verschiedene Sprachen sprechen – Geräusche sind ein Eckpfeiler dieser Strategie – und ihn so zu zwingen, sein Schutzschild aufzugeben. Ich glaube, das ist notwendig. Das Publikum auf eine andere Art und Weise zu erreichen, ist mein großes Ziel, gefolgt von meinem Wunsch, beim Publikum Gefühle und Gedanken zu wecken. 
 
SUNSET, DIE HEUTIGE ZEIT UND EUROPA 
SUNSET ist ein Film über eine Zivilisation am Scheideweg. Im Herzen Europas, auf der Spitze des Fortschritts und der technischen Entwicklung, ohne, dass darüber Geschichtsbücher berichten, wird der Lebensweg einer jungen Frau zum Spiegelbild eines Prozesses, der die Geburt des 20. Jahrhunderts markiert. 
 
Vor einem Jahrhundert beging Europa, als es auf seinem Zenit stand, Selbstmord. Dieser Selbstmord bleibt für mich bis heute ein Rätsel. Es ist, als würde eine Gesellschaft, die auf ihrem Höhepunkt steht, bereits das Gift produzieren, das sie zu Fall bringt. Die Beschäftigung mit diesem Rätsel wurde zum Herzstück des Films. 
 
SUNSET spielt vor dem Ersten Weltkrieg in der Zeit der Habsburger Doppelmonarchie ÖsterreichUngarn, einem scheinbar prosperierenden Vielvölkerstaat mit einem Dutzend verschiedener Sprachen und vielen Menschen, mit ihren blühenden Hauptstädten Wien und Budapest, den kulturellen Zentren der Welt. Dennoch bildet dies alles nur den glanzvollen Vordergrund für verborgene Kräfte, die in Wahrheit dabei sind, das Reich zu zerstören.
 
Als Kind habe ich immer den Geschichten meiner Großmutter, die 1914 geboren wurde, zugehört. Ihr Leben überspannte das gesamte Jahrhundert. Sie erlebte die Erschütterungen, die den europäischen Kontinent überzogen. Die totalitären Regime, die Genozide, die gescheiterten Revolutionen und die Kriege. In gewisser Weise war sie selbst Europa. 
 
Meine tief-europäischen Wurzeln führen dazu, dass ich mir über die Zeit, in der wir heute leben, und die Ära unserer Vorfahren Gedanken mache. Auch darüber, wie fragil die Oberfläche einer Zivilisation sein kann und was sich darunter befindet. In unserer modernen Welt, in der Nationalstaaten kaum noch eine Rolle spielen, scheinen wir oft die Dynamik der Geschichte vergessen zu haben. Ebenso ist uns scheinbar in unserer Technikhörigkeit und unserer grenzenlosen Liebe zur Wissenschaft nicht bewusst, wie nah an den Rand der Zerstörung sie uns bringen können. Ich glaube, wir leben in einer Welt, die nicht viel anders ist, als die kurz vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Es ist eine Welt, die so gut wie blind für die Kräfte der Zerstörung ist, die sie selbst aus ihrem Inneren heraus nährt. Wir sind nicht weit entfernt von den Vorgängen, wie sie in der österreichisch-ungarischen Monarchie stattgefunden haben. Geschichte passiert jetzt, und zwar in Mitteleuropa.  
 
SUBJEKTIVITÄT, ZIVILISATION UND KINO
Als Filmemacher interessiert es mich, wie die menschliche Seele (Subjektivität) und die kollektive Seele der Zivilisation sich begegnen können. Bei SUNSET habe ich versucht, eine Verbindung zwischen der Geschichte eines Individuums und dem Zustand der Welt, in der die Heldin existiert, zu finden. Heutzutage wollen Filmemacher die Zuschauer in eine Richtung lenken, sie unaufhörlich in Sicherheit wiegen. Aber mein Ziel war es immer, neue Wege zu finden, wie ich dem Publikum eine subjektive Erfahrung von Ungewissheit und Zerbrechlichkeit vermitteln kann. Wie schon bei SON OF SAUL wollte ich dem Publikum keinen konventionellen Historienfilm präsentieren. Meiner Meinung nach können wir mehr erreichen, indem wir einen flüchtigen Eindruck von der Welt zeigen, aber nicht versuchen, sie vollständig sichtbar zu machen. Die Vorstellungskraft des Publikums tut dann schon den Rest. 
 
Ich finde die Standardisierung von Film und Fernsehen zweifelhaft und ich bleibe entschlossen, neue Wege zu finden, Bilder und Geschichten zu erzählen. Dabei verlasse ich mich nicht auf Methoden, die eine Geschichte übererzählen und alles in einen übergeordneten Kontext bringen müssen. Das heißt auch, dass ich Risiken eingehe. 
 
Ich habe das Gefühl, die Erfahrungen, die das Publikum heutzutage im Kino macht, werden zunehmend unbefriedigender. Filme werden, um ein leichteres Verständnis zu gewährleisten, auf eine industrialisierte Sprache reduziert, wobei die eigene innere Reise des Zuschauers komplett ignoriert wird. Filme weigern sich, dem Publikum zu vertrauen. Ich hab SUNSET auf eine Art inszeniert, die auf diejenigen seltsam wirken wird, die die gängige Filmpraxis begeistert annehmen. Aber ich wollte, dass die Zuschauer sich auch wieder auf das abenteuerliche Wesen von Film einlassen können. 
 
„Weniger ist mehr“ – Unser visueller Ansatz beruht auf einer organischen räumlichen Planung, die durch die sich immer bewegende Kamera erreicht wird. Wenn wir in die Welt einer scheinbar naiven und unschuldigen Figur eintauchen, entdecken wir hoffentlich alles mit ihr auf eine organische Art und Weise. Die unberechenbare, subjektive Abfolge von Informationen verwandelt die Geschichte eines jungen Mädchens in eine dunklere Erzählung von Verfall und Niedergang. 
 
In der Filmbranche verlässt man sich immer weniger auf reale Sets und greift immer öfter auf den Computer und visuelle Effekte zurück. Aber eigentlich finde ich, hat Kino mit der Magie von Physik, Optik und Chemie zu tun. Es handelt sich beim Film um einen Trick in der Wahrnehmung, von Licht und Dunkelheit. Wir entschieden uns daher, ein Set in einer echten Stadt zu bauen – Budapest. Wir verwendeten photochemisch belichteten und entwickelten Film sowie echte Effekte. Außerdem haben wir kompliziert choreographierte, lange Szenen gedreht, um SUNSET in einer körperlichen, den Naturgesetzen folgenden Welt zu verankern. Einer Welt, an die das Publikum glauben kann. 
 
Dieser Film ist mein persönliches Zeugnis meiner Liebe zum Kino, fast ein Jahrhundert nach Murnaus hoffnungsvollem Film SUNRISE (SONNENAUFGANG – LIED VON ZWEI MENSCHEN, 1927) – einem Film, dem wir mit SUNSET unsere Ehrerbietung erweise. Ich hoffe, dass SUNSET auch etwas von den Fragestellungen, die SUNRISE verkörpert, in sich trägt. 
 
Es kommt mir so vor, als befinden wir uns wieder am Beginn einer neuen filmischen Ära, aber einer, die nicht mehr so leidenschaftlich ist. Möglicherweise stehen wir wieder an einem Scheideweg, und die Versuchung könnte uns auf einen Weg führen, auf dem die Standards und Regeln des Filmemachens starrer sind als jemals und nicht mehr hinterfragt werden. Unsere bedingungslose Liebe zur digitalen Technologie und die gängige stromlinienförmige Dramaturgie bergen jedoch in sich das Risiko, dass die Magie und der nicht nachlassende Ideenreichtum des Kinos verloren gehen.“ 
 
 
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 30.05.2019
ZWISCHEN DEN ZEILEN
Ab 06. Juni 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Manchmal fällt es nicht schwer, zwischen den Zeilen zu lesen: Léonard schreibt Romane, in denen er vergangene Liebschaften verarbeitet und die realen Bezüge mehr schlecht als recht verschleiert. Sein Verleger Alain ist jedoch von dem letzten Manuskript wenig überzeugt und im Augenblick auch mehr mit der Digitalisierung seines Verlags beschäftigt – oder vielmehr mit der attraktiven jungen Mitarbeiterin, die hierfür zuständig ist. Alains Frau Selena dagegen gefällt Léonards Text, vielleicht, weil sie selbst mit einer Affäre in die Angelegenheit verstrickt ist. Ehrlichkeit ist hier ein zumindest flexibles Konzept. Und so diskutieren alle mit viel Witz über Dichtung und Wahrheit sowie den kulturellen und digitalen Wandel, und sehen über ihr zweifelhaftes frivoles Handeln entspannt hinweg. Ein großes Vergnügen!

Ein Film von Olivier Assayas
Mit Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Christa Théret

Seit vielen Jahren führt Alain (Guillaume Canet) den Pariser Verlag von Marc-Antoine (Pascal Greggory), der sich an einem Wendepunkt befindet. Die digitale Revolution, die zunehmende Verdrängung des gedruckten Buchs durch EBooks, Blogs und soziale Medien, hat die Branche verändert. Doch Alain bleibt optimistisch, setzt auf die These, dass die Menschen durch das Internet viel mehr schreiben und auch lesen. Diesen Impuls gilt es angemessen zu nutzen und sich dafür an die neuen Gegebenheiten und Strukturen anzupassen. 
 
Léonard (Vincent Macaigne), dessen Bücher Alain seit vielen Jahren verlegt, teilt seinen Zweckoptimismus nicht. Er verachtet die Entwicklungen der digitalen Welt, sieht sich als unerschütterliche literarische Säule der Wahrheit, obwohl er diese in seinen Romanen bedenkenlos verfälscht und die Grenzen zwischen real und fiktiv verschwimmen lässt. Mehr als einmal hat Léonard sein privates Umfeld und vor allem eigene gescheiterte Liebesbeziehungen in seine Romane eingebaut und diese als pure Fiktion etikettiert. Sehr zum Ärger seiner Ex-Frau, die sich in einer Figur aus einem seiner letzten Romane wiedererkannt hat. 
 
Von Léonards Narzissmus hat auch Alain die Nase voll. Bei einem Treffen mit dem kauzigen, chronisch unglücklich wirkenden Autor lässt er die Bombe platzen, dass er seinen neuen Roman nicht verlegen werde. Später, beim Abendessen mit seiner Frau Selena (Juliette Binoche) und gemeinsamen Freunden, wird hitzig diskutiert, ob Blogs und Twitter-Gewitter wirklich Ausdruck einer steigenden Lust am Schreiben und Lesen sind, ob Wahrhaftigkeit im Internet überhaupt realisierbar ist. Dort kursieren nur Lügen und Gerüchte, argumentieren Alain und Selena – ohne sich einzugestehen, dass sie es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Denn beide haben Affären, die sie voreinander verheimlichen. 
 
Alains Skepsis gegenüber dem neuen Manuskript von Léonard teilt Selena nicht. Sie findet den Text prinzipiell gut, außer dem Umstand, dass Léonard darin eine weitere Affäre verschlüsselt verarbeitet. Dass sie dabei eine tragende Rolle spielt, scheint niemand zu ahnen – weder Alain noch Léonards Frau Valérie (Nora Hamzawi), die von ihrer Arbeit als rechte Hand eines sozialistischen Politikers schwer beansprucht wird. Als ihr Léonard von Alains Ablehnung erzählt, reagiert sie trocken, desinteressiert – ermüdet von einer Beziehung, in der sie oft nicht anwesend ist und er oft abwesend wirkt. 
 
Um mit der fortschreitenden Digitalisierung Schritt zu halten, hat Alain im Verlag eine neue Position geschaffen. Laure (Christa Théret) soll alte Strukturen aufbrechen und neue Konzepte entwickeln. Für die smarte, selbstbewusste junge Frau sind Simsen und Posten moderne Formen des Schreibens und eine App als Verbreitungsmedium eines Textes genauso tauglich wie der traditionelle Druck. Dass sie auch im Bett frischen Wind ins Leben des Verlegers bringt, ist ihr und Alains Geheimnis. Beide wissen nicht, dass Selena längst misstrauisch geworden ist. 
 
Die erfahrene Bühnendarstellerin, die erstmals eine große TV-Rolle angenommen hat, ringt mit wichtigen Fragen. Soll sie eine vierte Staffel ihrer populären Kriminalserie drehen? Soll sie ihrer Ehe, in der das Feuer fehlt, noch eine Chance geben? In ihrer Serie ist Selena Polizistin – eine actionreiche Rolle, die ihr peinlich ist und die sie bei Nachfragen euphemistisch als Spezialistin für Krisenmanagement beschreibt. Schnelle Antworten und Lösungen hat Selena im realen Leben nicht und ist unschlüssig, ob sie ihre sechsjährige Liaison mit Léonard fortführen soll. 
 
Ihre Rolle in seinem neuen Buch, die Léonard clever verschleiert zu haben glaubt, missfällt der Schauspielerin – aber auch die künstlerischen Freiheiten, die sich der Autor bei der literarischen Aufarbeitung intimster Erfahrungen genommen hat. So hat Léonard keine Skrupel, die sexuelle Gefälligkeit, die Selena ihm im Kino erwies, in seinen autofiktiven Roman einzubauen. Doch den richtigen Filmtitel zu nennen, ist ihm unangenehm. So tobt die Leidenschaft im Buch eben nicht bei „Star Wars - Das Erwachen der Macht“, sondern bei Michael Hanekes Arthouse-Hit „Das weiße Band“. Eine Anbiederung an die Intellektuellen, findet Selena, genüsslich spottend.  
 
Scheinbar unbemerkt führen Alain, Laure, Selena und Léonard ihr Doppelleben weiter. Witzig, leidenschaftlich, bissig und kritisch wird im Beruf und auch privat über den Wandel in der Kultur und über Politik, über ethische Fragen und Google als vermeintlicher literarischer Wohltäter diskutiert. Doch über die Brüche in Seelen und Herzen wird geschwiegen. Das spürt auch Valérie, die Léonard schon länger eines Seitensprungs verdächtigt. Schließlich kennt sie ihren Mann und sein zwanghaftes Verhalten, Autobiografisches in seinen Büchern zu verarbeiten.
 
Am Ende wird es mehr oder weniger Veränderungen geben. Jobs werden gewechselt, Beziehungen beendet oder bewahrt. Schließlich aber wird es ein neues Leben sein, das tatsächlich für Wandel und Realität steht…
 

 
STATEMENT VON REGISSEUR OLIVIER ASSAYAS
 
Unsere Welt verändert sich fortwährend. So ist es schon immer gewesen. Die Herausforderung dabei besteht in unserer Fähigkeit, diesen beständigen Wandel mit all seinen Strömungen im Auge zu behalten und zu verstehen, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpassen – oder das eben nicht tun. Genau darum geht es schließlich in der Politik und Meinungsbildung. Die Digitalisierung unserer Welt und deren Rekonfiguration in Algorithmen ist der moderne Motor einer Veränderung, die uns verwirrt und komplett überwältigt. In der Digital Economy werden Regeln verletzt und oft auch Gesetze gebrochen. Darüber hinaus stellt dieses Wirtschaftssystem in Frage, was in unserer Gesellschaft bisher stabil und selbstverständlich zu sein schien. Und trotzdem löst sich hier alles bei bloßem Kontakt auf. 
 
ZWISCHEN DEN ZEILEN versucht nicht zu analysieren, wie dieses neue digitale Wirtschaftssystem funktioniert. Vielmehr beobachtet der Film, wie die hier aufgeworfenen Fragen uns durchrütteln und ins Wanken bringen – und zwar persönlich, emotional und humorvoll. 
 


DIE DARSTELLER
 
GUILLAUME CANET (Alain)
 
Die Karriere von Guillaume Canet ist eine echte Erfolgsgeschichte. Dreimal wurde er als Schauspieler für den französischen Filmpreis César nominiert, zweimal als Drehbuchautor – und gewann ihn schließlich für die Regie seines mitreißenden Thrillers KEIN STERBENSWORT. Mit 33 Jahren war er der jüngste ausgezeichnete Regisseur in der Geschichte des César.  Dass Canet, 1973 in Boulogne geboren, eine solch steile Laufbahn hinlegen würde, war trotz seines Studiums an der renommierten Pariser Schauspielschule Cours Florent keineswegs vorhersehbar. Zu Beginn seiner Karriere drehte er für das Fernsehen, bis ihm Regisseur Phillipe Haim eine Hauptrolle in BARRACUDA anvertraute. Ein Jahr später wurde er für seine schauspielerische Leistung in Pierre Jolivets Drama VERHÄNGNISVOLLES ALIBI (En pein couer) als „bester Nachwuchsdarsteller“ erstmals für einen César vorgeschlagen. Dies öffnete ihm die Tür nach Hollywood, wo Regisseur Danny Boyle ihm eine Rolle in der Bestsellerverfilmung THE BEACH mit Leonardo DiCaprio gab. Von da an nahm Guillaume Canets Weg rasant an Fahrt auf, es folgten Rollen wie die des Etienne Boisset in Pitofs historischem Thriller VIDOCQ. Für seine Leistung in Cédric Angers Thriller LA PROCHAINE FOIS JE VISERAI LE COEUR sowie für sein Regiedebüt BAD, BAD THINGS wurde Canet jeweils mit einer Nominierung für den César bedacht. Dass er auch in sanfteren Werken zu glänzen vermag, bewies er 2007 in Claude Berris romantischer Komödie ZUSAMMEN IST MAN WENIGER ALLEIN an der Seite von Audrey Tautou. Zuletzt war Canet in Gilles Lellouches zweiter Regiearbeit EIN BECKEN VOLLER MÄNNER und in Nicolas Bedos’ romantischem Drama LA BELLE EPOQUE zu sehen.

JULIETTE BINOCHE (Selena) 
 
Juliette Binoche, geboren 1964 in Paris, feierte mit 19 Jahren in Pascal Kanés Drama LIBERTY BELLE ihr Filmdebüt. Zwei Jahre später besetzte der legendäre Jean-Luc Godard die Pariserin in seinem modernen, für zahlreiche Kontroversen sorgenden Bibeldrama MARIA UND JOSEPH (Je vous salue, Marie). Spätestens ab diesem Zeitpunkt eilte Binoche ein exzellenter Ruf voraus, der ihr einige Prestigerollen verschaffte. So wirkte sie in Leos Carax‘ DIE LIEBENDEN VON PONT-NEUF (Les amants du Pont-Neuf) oder in Jean-Paul Rappeneaus Historiendrama DER HUSAR AUF DEM DACH mit. Unvergessen bleibt Binoches US-Debüt in Philip Kaufmans meisterlicher Literaturverfilmung DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS. Ein weiterer Höhepunkt ihrer unvergleichlichen, mit 10 Nominierungen für den César gekrönten Karriere war ihre gleichermaßen faszinierende wie berührende Darstellung in Anthony Minghellas preisgekröntem romantischem Drama DER ENGLISCHE PATIENT. Für ihre schauspielerische Leistung wurde sie mit dem Oscar als „Beste Nebendarstellerin“ ausgezeichnet.  In ihrer beeindruckenden Laufbahn übernahm Juliette Binoche weitere Rollen in zahlreichen populären französischen wie internationalen Produktionen, beispielsweise in Lasse Hallströms Hit CHOCOLAT… EIN KLEINER BISS GENÜGT oder in Olivier Assayas’ Drama DIE WOLKEN VON SILS MARIA. Ihrem Sohn zuliebe übernahm Binoche 2014 eine kleine Rolle in Gareth Edwards’ Monsterspektakel GODZILLA. In ihrem jüngsten englischsprachigen Projekt, Claire Denis’ HIGH LIFE, das Ende Mai 2019 in die deutschen Kinos kommen soll, verkörpert sie eine Ärztin, ähnlich zu Rupert Sanders’ aufwendiger Manga-Verfilmung GHOST IN THE SHELL. Neben diesem Projekt wird sie 2019 auch in Hirokazu Koreedas Drama THE TRUTH zu sehen sein. In über 60 Filmen hat Binoche verletzliche, starke, sinnliche, verführerische, temperamentvolle, gequälte und charmante Frauenfiguren mit beeindruckender Emotionalität und Überzeugungskraft verkörpert. ZWISCHEN DEN ZEILEN ist Binoches dritte Zusammenarbeit mit Regisseur Olivier Assayas.


VINCENT MACAIGNE (Léonard)
 
Geboren 1978 in Paris, hatte Vincent Macaigne sein Filmdebüt an der Seite von Emmanuelle Béart und Pascale Bussières in Catherine Corsinis Freundinnen-Drama LA RÉPÉTITION (2001). Nach kleineren Rollen verschaffte ihm schließlich Guillaume Brac seine erste Hauptrolle in der Dramödie EINE WELT OHNE FRAUEN. Brac hielt weiter zu Macaigne und vertraute ihm auch in TONNERRE die Hauptrolle eines bekannten Musikers an, der seinen Vater in einer Kleinstadt besucht und sich dort in eine junge Journalistin verliebt. Antonin Peretjatkos‘ Komödie THE RENDEZ-VOUS OF DÉJÀ-VU (2013) brachte Vincent Macaigne schließlich eine César-Nominierung ein. Eine klassische Macaigne-Rolle hielt Louis Garrels Beziehungsdrama ZWEI FREUNDE (Les deux amis) bereit, für das er für den Prix Lumières als „Bester Darsteller“ vorgeschlagen wurde. Weitere wichtige Werke in Macaignes Karriere sind die zwei von Anne Fontaine inszenierten Dramen AGNUS DEI - DIE UNSCHULDIGEN und MARVIN. Von seiner komischen Seite zeigte sich Macaigne u.a. in Olivier Nakaches und Éric Toledanos Hit DAS LEBEN IST EIN FEST. Neben seiner Schauspieltätigkeit arbeitet Macaigne auch als Autor und Regisseur. So war er für zahlreiche Kurzfilme verantwortlich, darunter WAS UNS BLEIBT („Ce qu’il restera de nous“, 2012), der für den César nominiert wurde und beim Festival du Court-Métrage de Clermont-Ferrand zwei Auszeichnungen erhielt. Mit der Molière-Adaption DOM JUAN & SGANARELLE inszenierte er darüber hinaus 2015 einen TV-Film, der auch auf dem Locarno Filmfestival aufgeführt wurde. Sein erster von ihm inszenierter Kinofilm folgte mit POUR LE RÉCONFORT (2017) zwei Jahre später. 2019 wird er in BLANCHE-NEIGE, eine moderne Variation eines berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, in den Kinos zu sehen sein. 


NORA HAMZAWI (Valérie)
 
Nora Hamzawi, geboren 1985 in Cannes, startete als Stand-up-Comedian in Frankreich, bevor sie für den Film entdeckt wurde. Sie besuchte, wie auch Guillaume Canet, die Cours Florent, eine angesehene Schauspielschule in Paris. 2009 hatte sie ihre erste One-Woman-Show, fünf Jahre später folgte die zweite Show. Hamzawi tourte jahrelang erfolgreich durch Frankreich und glänzte dabei in ihren Programmen mit präziser Beobachtungsgabe und viel Selbstironie. Darüber hinaus lieferte sie viele Beiträge für diverse Radiosendungen und Printmagazine und war seit 2011 zu Gast in mehreren französischen TV-Shows. Ihr Filmdebüt feierte sie 2012 an der Seite von Alka Balbir und Darius in Benoît Forgeards Komödie RÉUSSIR SA VIE. Ein Jahr später wirkte sie dann in Antonin Peretjatkos Komödie THE RENDEZ-VOUS OF DÉJÀ-VU mit. Auf Dorothée Sebbaghs Werk L’EX DE MA VIE folgten zwei weitere Komödien mit dem französischen Schauspieler und Komiker Franck Dubosc – Florent-Emilio Siris PENSION COMPLÈTE, besetzt mit Gérard Lanvin, und Pascal Bourdiaux’ BILLY AND BUDDY 2, in der Mathilde Seigner die weibliche Hauptrolle übernahm.  Nach ZWISCHEN DEN ZEILEN widmete Hamzawi sich direkt zwei weiteren Projekten, die 2019 in die französischen Kinos kommen sollen: die Komödie FEMME-ENFANT unter der Regie ihres Bruders Amro Hamzawi, in der sie an der Seite von Joséphine de la Baume die Hauptrolle spielt, sowie Nicolas Parisers Dramödie ALICE ET LE MARIE. 
 



DIE FILMEMACHER
 
OLIVIER ASSAYAS (Regie, Drehbuch)
 
Olivier Assayas, geboren 1955 in Paris, ist einer der international renommiertesten Autorenfilmer. Der Sohn des bekannten Drehbuchautors Jacques Rémy arbeitete von 1980 bis 1985 als Autor und Redakteur bei der angesehenen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma. Sein erstes Drehbuch schrieb er gemeinsam mit André Téchiné für dessen romantisches Drama RENDEZ-VOUS, besetzt mit Juliette Binoche und Wadeck Stanczak. 1986 feierte er mit LEBENSWUT sein Regiedebüt und gewann bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den FIPRESCI-Preis, den Preis der internationalen Filmkritik. Für PARIS ERWACHT wurde Assayas mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet. Nach den Kurzfilmen QUARTIER DES ENFANTS ROUGES und RECRUDESCENCE, die Teil der Anthologien PARIS, JE T’AIME bzw. CHACUN SON CINÉMA - JEDEM SEIN KINO waren, inszenierte Assayas mit Asia Argento und Michael Madsen BOARDING GATE - EIN SCHMUTZIGES SPIEL. Nach zwei Drehbüchern für André Téchiné, drehte Assayas schließlich das Generations- und Familiendrama ENDE EINES SOMMERS. Seine große Wandlungsfähigkeit und Neugier auf ganz unterschiedliche Themen unterstrich Assayas dann 2010 mit seinem dreistündigen TV-Projekt CARLOS - DER SCHAKAL, das in der Kategorie „Best Miniseries or Motion Picture Made for Television“ mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde.  Seine beiden letzten Filme vor ZWISCHEN DEN ZEILEN besetzte Olivier Assayas mit Hollywood-Star Kristen Stewart. Juliette Binoche war in der Rolle einer gefeierten Schauspielerin als Stewarts Partnerin im Drama DIE WOLKEN VON SILS MARIA zu sehen. Dieser war Wettbewerbsbeitrag bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes – wie zwei Jahre später auch PERSONAL SHOPPER, für dessen Inszenierung Assayas gemeinsam mit dem Rumänen Cristian Mungiu den Preis als „Bester Regisseur“ erhielt.


CHARLES GILLIBERT (Produktion) 
 
Charles Gillibert kann auf beträchtliche Erfahrungen als Produzent zurückblicken. Seine erste eigene Produktionsgesellschaft gründete er 1995 mit Nathanael Karmitz, dem Sohn des erfahrenen Produzenten Marin Karmitz. NADA, die Company der beiden, produzierte zahlreiche Kurzfilme und fusionierte 2002 mit Marin Karmitz’ Produktionsgesellschaft MK2. Zehn Jahre war Gillibert dann als Produzent für MK2 tätig, bevor er 2013 seine Produktionsfirma CG Cinema lancierte.  Mit Ausnahme der Miniserie CARLOS - DER SCHAKAL hat Gillibert in den letzten zehn Jahren alle Projekte von Regisseur Olivier Assayas produziert. Die Zusammenarbeit begann mit dem Drama ENDE EINES SOMMERS und setzte sich fort mit DIE WOLKEN VON SILS MARIA und PERSONAL SHOPPER. Der Franzose war auch Produzent zweier Filme der türkischen Regisseurin Deniz Gamze Erguven. Zunächst betreute er MUSTANG, der als „Bester fremdsprachiger Film“ für den Oscar vorgeschlagen wurde, danach auch Erguvens US-Debüt KINGS, ein mit Halle Berry und Daniel Craig besetztes Kriminaldrama. Zu seinen weiteren wichtigen Filmen zählen Gilles Béhats Kriminaldrama DIAMOND 13, ein für ihn eher untypischer Genrefilm mit Gérard Depardieu sowie Abbas Kiarostamis romantisches Drama DIE LIEBESFÄLSCHER und Xavier Dolans romantisches Drama LAURENCE ANYWAYS.
 
Permalink zum ArtikelDiese Adresse können sie verwenden, um von ihrer Seite, ihrem Blog etc. direkt auf den Artikel zu verweisen.
Klicken sie dazu auf den Link und verwenden die Adresse in der Adressleiste, oder klicken mit der rechten Maustaste hier und kopieren den Link direkt.
Nach oben scrollenKlicken sie hier um schneller an den Anfang der Seite zu gelangen.
Autor: Siehe Artikel
© 2020 kultkomplott.de | Impressum
Nutzungsbedingungen & Datenschutzerklärung
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.