Blickpunkt:
Film
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Inhaltsverzeichnis
NERUDA

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ELLE

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DER EID

39

ERZÄHL ES NIEMANDEM!

40

DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ

41

JUNCTION 48

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Donnerstag 16.02.2017
NERUDA
Ab 23. Februar 2017 im Kino
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Nach  NO!  (nominiert  zum  Oscar®-  Best  Foreign  Language  Film) und EL CLUB (Silberner Bär – Großer Preis der Jury und nominiert zum Golden Globe: Best Foreign Language Film) der neue Film von Pablo Larraín: Chile 1948. Nach seiner flammenden Anklagerede gegen den Präsidenten Videla muss der weltberühmte Dichter und Kommunist Pablo Neruda gemeinsam mit seiner Frau Delia del Carril abtauchen, mitten in der Arbeit an seiner epochalen Gedichtsammlung „Canto General“.
Der melancholische Polizist Peluchonneau heftet sich an seine Fersen, hin und her gerissen zwischen Hass und Faszination. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das für Neruda zwischen Dichtung und Legendenbildung seine ganz eigene, gefährliche Poesie gewinnt.
„Ich weiß nicht, ob ich all das erlebt oder ob ich es geschrieben habe, ich weiß nicht, ob es Wirklichkeit oder Poesie war, etwas Vorübergehendes oder Bleibendes, die Gedichte, die ich in diesem Moment erlebte, die Erlebnisse, die ich später dichtete.“ [Pablo Neruda in seiner Nobelpreisrede über die Überquerung der Kordilleren auf der Flucht nach Argentinien]


Pressestimmen

»Ein fulminantes, funkelndes Anti-Biopic, ein grandioses fil-misches  Gedicht,  das  sich  so  vielschichtig  und  mitreißend  auffaltet  wie  der  Canto  General,  an  dem  wir  Pablo  Neruda  hier arbeiten sehen.« TÉLÉRAMA

»Neruda zeigt den Regisseur auf der Höhe seiner Kunst mit einem Film von solcher Klugheit, Schönheit und Kraft, dass es schwierig ist zu entscheiden, was man zuerst feiern soll: das Buch, die Bilder, das Szenenbild, die Schauspieler?« VARIETY

»Kein  gewöhnliches  Biopic,  sondern  eine  geniale  Kombina-tion  aus  Leben,  Legende,  Poesie  und  Mythos,  ein  dichtes,  meisterhaft umgesetztes Kinostück... Neruda und der Polizist: Der Mythos schwindet, die Poesie gewinnt an Kraft.“ ABC

»Ein außergewöhnlicher, überbordender und unglaublich un-terhaltsamer Film ... Wie sein Protagonist selbst kommt der Film nie zum Stillstand, immer vibrierend vor Ideen und Ener-gie. Er stürzt sich in wilde Abenteuer und hat, wie sein Pro-tagonist,  dessen  Lebenshaltung  hier  Pate  steht,  keine  Lust,  sich den üblichen Regeln zu unterwerfen: Ein schwindelerre-gender Film, voller Leben und Bedeutung.« THE GUARDIAN

»Luis Gnecco als Neruda ist schlicht unglaublich. Der Schlüs-sel zu seiner Rolle ist die Einsicht, dass nicht einmal Neruda wirklich Neruda ist. In Larraíns und Gneccos Ansatz ist Neru-da eine Performance, eine Rolle, in die er schlüpft und die ihn immer wieder selbst überwältigt.« THE WRAP»Voller Überraschungen, mit unaufhaltsamem Rhythmus und überbordendem  Reichtum  an  brillanten  Dialogen  und  Ein-fällen.  Luis  Gnecco  beweist  einmal  mehr,  dass  er  einer  der  besten Schauspieler seiner Generation ist.« LA TERCERA

»Eine  biografische  Fantasie  ...  Der  betörende  Charme  von  Neruda besteht darin, dass es eine Figur wie Oscar Pelucon-neau gegeben haben könnte, es aber völlig egal ist, dass dem nicht so ist: Der ebenso komische wie überzeugende Beweis, dass die Fiktion uns in der Liebe zu ihrem Gegenstand der Wahrheit viel näher bringen kann als historisierende Nachbil-dung. Neruda ist kein konventionelles Portrait eines großen Dichters,  sondern  eine  mit  allen  Sinnen  erkundete  Erfor-schung seiner inneren Welten.« LOS ANGELES TIMES

»Das wirkungsvoll zwischen Fakten und Fiktion oszillierende Porträt eines Künstler-Giganten ... Larraín feiert mit „Neruda“ die  Idee  der  künstlerischen  Schöpfung.  Es  gelingt  ihm,  die  Kraft der Gedichte Nerudas spürbar werden zu lassen, vom Poema Triste, das mehrfach vorgetragen wird und nie an Kraft verliert,  bis  hin  zu  Los  Enemigos,  skandiert  in  den  Vororten  und  Fabriken:  Eine  Hommage  an  die  mobilisierende  Kraft  des Worts, die erstaunt und bezaubert.« LE MONDE

»Ein Biopic auf Abwegen: Chronik eines gewaltigen Dichters des  20.  Jahrhunderts,  Detektiv-Story  und  Metafiktion  in  ei-nem ... Peluchonneau ist, wie wir bald erkennen, eine gleich zweifache  Fiktion:  nicht  nur  von  Pablo  Larraín  und  seinem  Autor  Guillermo  Calderón,  sondern  auch  von  dem  Neruda,  den  sie  sich  vorgestellt  haben.  Neruda’  verzichtet  auf  skla-vische Nachbildung zugunsten einer weit kühneren Betrach-tung von Sprache, Literatur und Ikonizität.« VILLAGE VOICE

»Luis Gneccos funkensprühende Präsenz liefert einen faszi-nierenden Kontrast zu Bernals Intensität als Jäger, der mehr und mehr vom Gejagten besessen ist... Bernal war vielleicht noch nie so gut wie in dieser Rolle.« INDIEWIRE

»Eine mitreißende Liebeserklärung an die Idee der Dichtung, mit  überbordendem  visuellen  und  narrativen  Erfindungs-reichtum... Bernal ist herausragend in seiner vertrackten Rol-le, in perfekter Übereinstimmung mit Larraín. Er muss auch herausragend sein, denn sein Peluchonneau stellt sich bald als die berührendste und tragischste Figur des Films heraus – und das noch lange bevor ihm zu dämmern beginnt, dass er  vielleicht  nur  ein  Produkt  der  Imaginationswelt  Nerudas  und eigentliche Nebenfigur ist. Ein geschickter, schelmenhaf-ter, unfassbar intelligenter Film, geschrieben in ebenso lyri-schem wie stakkatohaftem Versmaß – und vielleicht mit einer Rose zwischen den Lippen...« THE PLAYLIST

»Neruda“ ist kein Biopic über den chilenischen Dichter. Er ist viel besser.« LIBERATIÓN

»Die Kamera kommt in diesem Film selten zur Ruhe, sie be-wegt sich, gleitet, bockt, rennt, dreht sich um sich selbst und das Geschehen, stellt plötzlich alles still: diegetische Szenen, in der die Wesensmerkmale des Kinos sichtbar werden. Ka-meramann Sergio Armstrong und Szenenbildnerin Estefanía Larraín waren nie besser als in dieser Arbeit, in dieser Fein-heit und Sinnlichkeit.« EL MOSTRADOR

»Wie Luis Gnecco die Titelrolle interpretiert, ist ein Wunder!« EL MUNDO

»Nerudas  Poetik  fängt,  ja  fordert  die  Sehnsucht  ein,  ernst  genommen zu werden, seinen Leidenschaften nachgehen zu können, frei von gesellschaftlichen Zwängen zu leben, ein. Larraín hat es geschafft, diese Macht der Sprache in Bilder und eine filmische Erzählung zu fassen.« KINOZEIT

»Ein Film, dessen einziger Fehler es ist, dass man ihn besser zweimal ansehen sollte.... Man versteht nach und nach, dass dieses  Porträt in Wirklichkeit von Neruda selbst entworfen worden  sein  muss  ...  Kompliziert? Das scheint  nur  so.  Auf der Leinwand ist es schlicht atemberaubend. Und brillant.« LE NOUVEL OBERVATEUR



Handlung

Chile,1948. In einer flammenden  Rede vor dem Kongress  bezichtigt Senator Pablo Neruda,  weltberühmter  Dichter, Kommunist und Lebemann, den Präsident Videla des Verrats – und wird umgehend seines Amtes enthoben. Zur Fahndung ausgeschrieben, taucht er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Delia del Carril unter, mitten in der  Arbeit an seiner epochalen Gedichtsammlung des „Canto General“.Während die Kampfgedichte des Canto General in handgetippten Abschriften unter den Arbeitern und Bewohnern der Armenviertel kursieren, heftet sich der melancholische Polizist Óscar Peluchonneau an die Fersen des verhassten roten Dichters, dessen Faszination und Poesie er sich dennoch nicht entziehen kann. Peluchonneau ist fest entschlossen, die Hauptrolle in  diesem Spektakel zu übernehmen. Doch wohin er auch kommt – Neruda ist nicht zu fassen.
Es beginnt ein  Katz- und Maus-Spiel, dem Neruda seinen ganz eigenen, gefährlichen Reiz zwischen Poesie und Legendenbildung abgewinnt. Immer wieder legt er Spuren, um seinem  Verfolger im letzten Moment zu entkommen. Die wilde Jagd führt die Kontrahenten in immer abgelegenere Gegenden.
In der imposanten Bergwelt der chilenischen Kordilleren macht sich Neruda schließlich daran, das letzte, fulminante Kapitel seines Duells mit Peluchonneau in Szene zu setzen.Der chilenische Ausnahmeregisseur Pablo Larraín hat einen meisterhaften Film geschaffen, zwischen Fakten und unbändiger Lust an der Fiktion, eine Hommage an die Dichtung, überraschend und bewegend, voller Poesie und lakonischem Humor. „Wir wollten eine Welt erfinden“, sagt Pablo Larraín sagt, „so wie Neruda sich die seine erfunden hat. Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geiste – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.“
Das Drehbuch schrieb der weltweit gefeierte Autor und Dramatiker Guillermo Calderón, die Kamera führte wie in allen Filmen von Pablo Larraín Sergio Armstrong, für den Schnitt war der  Oscar-nominierte Hervé Schneid (DIE  FABELHAFTE WELT DER AMELIE) zuständig. In den Hauptrollen brillieren Gael García Bernal (BABEL, DIE REISE DES JUNGEN CHE) als  Peluchonneau, die chilenischen Ausnahmeschauspieler Luis Gnecco (¡NO!), der für seine Verkörperung Nerudas 25 Kilo zulegen musste, und Alfredo Castro (EL CLUB) als Präsident Videla sowie die Grande Dame des argentinischen Kinos, Mercedes Morán, als Delia del Carril.


Interview mit PABLO LARRAÍN

WIE HABEN SIE SICH DEM THEMA, DER FIGUR PABLO NERUDA GENÄHERT?
Wir sehen und empfinden Pablo Neruda als einen Künstler, einen Schaffenden, der so komplex  und weitreichend ist, praktisch unendlich, dass es unmöglich  ist, ihn in eine einzige Kategorie zu packen und einen Film mit dem Anspruch zu machen, diese Persönlichkeit oder seine Arbeit kompakt und im Schnelldurchgang darzulegen und zu definieren. Aus diesem Grund haben wir die Geschichte der Flucht, der Fahndung und der literarischen Legende gewählt. Für uns ist „Neruda“ ein „Anti-Biopic“, ein Biopic, das keines ist. Wir haben uns entschieden, einen Film mit spielerischen und erfundenen Elementen zu machen, in einer Weise, dass das Publikum Neruda ein Stück seines Weges begleiten und so in seine  Dichtung, seine Erinnerung und seine  kommunistische Ideologie hineintauchen kann.

WARUM WOLLTEN SIE KEIN KONVENTIONELLES BIOPIC MACHEN?
Biopics sind eine gefährliche Sache, denke ich. Ich habe vier Biografien über Neruda gelesen, unzählige Essays, seine Autobiografie, ich habe mit Leuten gesprochen, die ihn gekannt haben, ich habe einen Film gemacht, der „Neruda“ heißt. Und ich kann Ihnen nicht sagen, wie Neruda wirklich war. Er ist nicht zu fassen, es ist nicht möglich, ihn in eine Schublade zu stecken. Der Kosmos, den er geschaffen hat, ist unermesslich. Neruda hat über ganz verschiedene Dinge auf vielfältige Arten  und Weisen geschrieben, sein Werk ist ungeheur komplex und tief und vielschichtig. Wenn man das einmal verstanden hat, gibt einem das eine große Freiheit.

WIE  SEHEN  SIE  DAS  SPANNUNGSVERHÄLTNIS  VON  NERUDAS  KÜNSTLERISCHEM  SCHAFFEN  UND  DEN  POLITISCHEN  EREIGNISSEN  IM  CHILE  DER  SPÄTEN 40ER JAHRE?
In  der  Zeit, in der er abgetaucht war, hat Neruda einen großen Teil des „Canto General“ geschrieben, das vielleicht sein bedeutendstes, komplettestes und riskantestes Buch ist, inspiriert von allem, was er sah und erlebte während sei-ner Flucht. Sein Schreiben ist voller Wut und Einbildunskraft, voller furchtbarer Träume. Es ist eine allumfassende, kosmische Beschreibung Lateinamerikas in der Krise, voller Zorn, Verzweiflung und Zärtlichkeit. Neruda schuf ein politisches Werk über Krieg, Wut und Dichtung, während er selbst auf der Flucht war. Das hat uns die Tür zu freier Imagination geöffnet. Ähnlich wie uns das bei Neruda und  seinem  Werk  begegnet  ist,  will  der  Film  aus  einer  filmischen und literarischen Perspektive eine Sphäre schaffen, in der Kunst und Politik sich durchdringen. Wir haben uns zum Beispiel bewusst dafür  entschieden, uns weniger. 

WIE SEHEN SIE DAS SPANNUNGSVERHÄLTNIS VON NERUDAS KÜNSTLERI-SCHEM  SCHAFFEN UND DEN POLITISCHEN EREIGNISSEN IM CHILE DER SPÄTEN 40ER JAHRE?
In  der  Zeit, in der er abgetaucht war, hat Neruda einen großen Teil des „Canto General“ geschrieben, das vielleicht sein bedeutendstes, komplettestes und riskantestes Buch ist, inspiriert von allem, was er sah und erlebte während seiner Flucht. Sein Schreiben ist voller Wut und Einbildunskraft, voller furchtbarer Träume. Es ist eine allumfassende, kosmische Beschreibung Lateinamerikas in der Krise, voller Zorn, Verzweiflung und Zärtlichkeit. Neruda schuf ein politisches Werk über Krieg, Wut und Dichtung, während er selbst auf der Flucht war. Das hat uns die Tür zu freier Imagination geöffnet. Ähnlich wie uns das bei Neruda und  seinem  Werk  begegnet ist, will der Film aus einer filmischen und literarischen Perspektive eine Sphäre schaffen,  in der Kunst und Politik sich durchdringen. Wir haben uns zum Beispiel bewusst dafür entschieden,  uns weniger auf seine Liebesgedichte zu konzentrieren, die bis heute überall auf der Welt berühmt  sind, sondern auf die Gedichte, die Wut und Zorn in sich tragen, die Politik und Ideologie mit Poesie verbinden.

SIE ZEIGEN NERUDA AUCH IM WIDERSPRUCH ZWISCHEN POLITISCHER  ÜBERZEUGUNG UND DEM EIGENEN LEBEN ALS BONVIVANT.
Neruda war ein großer Liebhaber guter Küche, des Weins, der Frauen, der Literatur – das im Film wegzulassen, wäre mir grausam vorgekommen. Und falsch. Der Widerspruch zwischen politischen  Positionen  und  eigenem Leben  musste  vorkommen.  Was Pablo Neruda gerade im Canto  General geschafft hat, war, Chile aus der Poesie heraus zu beschreiben. Hätte er auf eine andere  Weise  gelebt, hätte er diese Gedichte vielleicht nicht schreiben können. Die Dichtung von Neruda ist auch ein Ergebnis seines Lebens.
DIE ÄHNLICHKEIT VON LUIS GNECCO MIT PABLO NERUDA IST VERBLÜFFEND. HAT DAS MASKENBILD VIEL DAZUBEIGETRAGEN?
Da Luis Gnecco eine Glatze hat, haben wir eine Perücke gebraucht, das war alles. Die große Herausforderung für Luis bestand darin, auf das Gewicht von Neruda zu kommen: Das war eine  kleine Tragödie für ihn, denn seit ich ihn kenne, hat er immer mit seinem Gewicht gekämpft. Als ich ihn gefragt habe, ob er Neruda spielen wolle, hatte er es gerade geschafft, abzunehmen – und nun musste er für die Rolle wieder 25 Kilo zulegen. Ich bin sehr glücklich, dass er das gemacht hat, er ist fantastisch. Und nach dem Dreh hat er es geschafft, die Neruda-Kilos wieder loszuwerden.

WAS HAT SIE AN DEM MOTIV VON NERUDAS FLUCHT GEREIZT?
Pablo Neruda mochte Krimis – darum ist der Film als Road Movie mit dem Motiv der  polizeilichen  Ermittlung  angelegt:  Genres,  die  überraschende  Wendungen  einbeziehen, sich entwickelnde Charaktere und wie bei uns auch Elemente der Farce und des Absurden. Wir sehen die Landschaften und die Bewegungen in ihr als einen Prozess der Transformation, des Begreifens, der Illumination. Kei-ner endet hier so, wie er begonnen hat, weder der Jäger noch der Gejagte. Wir wollten  eine  Welt  erfinden, so wie Neruda sich die seine erfunden hat. Unser Film ist wahrscheinlich weniger ein Film über Neruda als einer in seinem Geist – vielleicht ist er auch beides zusammen. Wir wollten einen Roman erzählen, von dem wir gerne hätten, dass Neruda ihn mit Vergnügen liest.
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Donnerstag 09.02.2017
ELLE
Ab 16. Februar 2017 im Kino
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Michèle (Isabelle Huppert), Chefin einer erfolgreichen Firma für Videospiele, wirkt wie eine Frau, der nichts etwas anhaben kann. Unnahbar führt sie mit der gleichen Präzision und Kalkül ihre Firma wie ihr Liebesleben. Als Michèle eines Tages in ihrem Haus von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt wird, scheint sie das Vorgefallene zunächst kalt zu lassen. Doch ihr Leben ist über Nacht ein anderes geworden. Resolut spürt sie den Angreifer auf und verstrickt sich mit ihm in ein gefährliches Spiel aus Neugier, Anziehung und Rache. Es ist ein Spiel, das jederzeit außer Kontrolle geraten kann …
Mit Ende Siebzig ist Paul Verhoeven (BASIC INSTINCT, ROBOCOP) nach mehr als 15 Jahren zum Genrefilm zurückgekehrt - und hat für ELLE die vielleicht besten Kritiken seiner langen Karriere bekommen. Ausgerechnet für einen Rape-Revenge-Thriller, der provokant mit Opfer- und Täterrollen spielt, trotz des Themas erstaunlich humorvoll ist und auf jegliche Moralisierung verzichtet. Das verdankt Verhoeven nicht zuletzt Isabelle Huppert, die einer fast unmöglichen Rolle absolute Glaubwürdigkeit verleiht.
ELLE feierte seine umjubelte Weltpremiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2016.
Basiert auf Philippe Djians („Betty Blue“) Roman „Oh…“.
Für die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ wurde ELLE von Frankreich als Oscar-Beitrag 2017 ausgewählt. Zudem gibt es Gerüchte über Isabelle Hupperts Aussichten, bei den Academy Awards 2017 den Preis „Beste Hauptdarstellerin“ zu gewinnen. Als sie gefragt wurde, ob sie den Oscar gerne gewinnen würde, lautete ihre Antwort: „Nennen Sie mir eine Schauspielerin, die das nicht möchte.“
ELLE von Paul Verhoeven ist neben jeweils zwei weiteren Filmen in den Hauptkategorien "Bester Film", "Beste Regie" sowie "Beste Darstellerin" (Isabelle Huppert) für den 29. Europäischen Filmpreis nominiert.

Regie: Paul Verhoeven
Darsteller: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling u.a.


Pressezitate

„Paul Verhoevens ELLE ist ein brillant-abgründiges, progressives, sauvergnügliches Spiel mit den Regeln des Thriller-Genres, der Rolle der Frau und dem guten Geschmack – anspruchsvoll, nie vorhersehbar und bis zur Schmerzgrenze politisch unkorrekt.“ Filmstarts.de

„Das Beeindruckende und Überraschende an diesem Film ist die Art, mit der Verhoeven seinen Stil und seine Weltsicht an einen typischen französischen Film anpasst: Es gibt verschiedene Liebhaber, Familienkrisen, furchtbare Eltern – in diesem Fall ein Vater, der einen Massenmord beging, als Michèle ein Mädchen war – und ein gewisses je ne sais quoi, das einen alles, selbst eine brutale, einschneidenden Attacke mit Vorsicht genießen lässt.“ Hollywood Reporter

„Ein hochriskanter Stoff liefert unerwarteten Lohn in diesem bemerkenswerten Rape-Revenge-Drama, einem möglichen Karriere-Highlight für Paul Verhoeven.“ Variety

„Die Spannung in ELLE kommt weniger von Verhoeven selbst, sondern von Huppert, die es schafft, in jedem Moment extrem kontrolliert und vollkommen unvorhersehbar zu sein. Nicht nur, dass man nicht weiß, was sie als nächstes tun wird, man bekommt den Eindruckt, dass es selbst Michèle nicht weiß. Dass sie von ihren Instinkten zu einer spirituellen Reinigung geleitet wird, die sie selbst nicht vollständig versteht.“ BBC
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Donnerstag 02.02.2017
DER EID
Ab 09. Februar 2017 im Kino
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Finnur (BALTASAR KORMÁKUR) ist ein liebevoller Familienvater und ein erfolgreicher Herzchirurg in Reykjavík. Nur seine volljährige Tochter Anna macht ihm Sorgen; sie wohnt nicht mehr zu Hause und konzentriert sich lieber auf rauschende Partys als auf ihre Ausbildung. Als Anna sich dann auch noch in den äußerst zwielichtigen Ottar verliebt, droht sie noch tiefer abzurutschen. Der besorgte Finnur versucht alles, um Anna von Ottars schädlichem Einfluss fernzuhalten, doch gerät er dadurch selbst ins Fadenkreuz des Drogendealers Ottar und dessen Machenschaften. Unausweichlich sieht sich Finnur vor die Frage gestellt, wie weit er gehen muss, um seine Familie zu beschützen.

Ein Film von BALTASAR KORMÁKUR
Mit BALTASAR KORMÁKUR, HERA HILMAR, GÍSLI ÖRN GARÐARSSON, MARGRÉT BJARNADÓTTIR



INTERVIEW MIT BALTASAR KORMÁKUR

 

Wie kam es zu der Entscheidung, nach vier Jahren in Hollywood wieder für ein Filmprojekt  in Ihre Heimat Island zurückzukehren?
Ich arbeite ja bereits seit längerem auf beiden Seiten des großen Teichs, deshalb habe ich Island auch nie wirklich für Hollywood verlassen. Während ich international meinen Weg gegangen bin, habe ich mich immer weiter intensiv um meine Firma RVK Studios und meine Karriere in Island gekümmert. Es ist natürlich großartig für mich, an großen Projekten im Ausland zu arbeiten, die dann auch recht erfolgreich waren. Das hat mir nicht zuletzt die finanziellen Möglichkeiten eröffnet, die RVK Studios so stark aufzustellen. Bei RVK produzieren wir auch zahlreiche Projekte anderer Filmemacher, sowohl von erfahrenen Regisseuren als auch von Newcomern. Ich finde es unheimlich spannend, meinen relativen Erfolg außerhalb Islands dazu zu nutzen, neue heimische Talente zu fördern und die isländische Filmlandschaft weiter zu stärken.

 

War für DER EID Island der einzig mögliche Drehort für Sie? Und wenn dem so ist, was macht den Film so besonders "isländisch"?
Ursprünglich erzählt DER EID eine isländische Geschichte. Wir haben dann für die Finanzierung das Skript komplett ins Englische übersetzt und uns wurde nahegelegt, den Dreh nach England zu verlegen. Ich habe mich dann aber letzten Endes damals dazu entschlossen, den Film komplett in meiner Heimat zu produzieren und ihn so "isländisch" wie möglich zu machen. Die Geschichte kann natürlich überall so passieren. Aber ich finde, nur in Island kann sie so wunderbar klaustrophobisch sein. Island ist ein winziges Land, jeder kennt jeden und die Wege sind kurz. Ich habe versucht, vor allem die isländische Natur, die Elemente in die Story einfließen zu lassen. Ich denke, eine gute Geschichte kann letztlich überall spielen. Die Authentizität, die ein bestimmter Ort filmisch vermittelt, ist dabei immer so etwas wie die richtigen Gewürze in einem gelungenen Gericht. Der Ort verleiht einer guten Story einen ganz speziellen Geschmack.

 

Für DER EID haben Sie nicht nur als Produzent agiert sowie Drehbuch und Regie übernommen, sondern wie schon in 101 REYKJAVIK auch die Hauptrolle gespielt. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen, wieder gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu stehen?
Als ich meinem ersten Film 101 REYKJAVIK gedreht habe, war ich in Island als Schauspieler bereits relativ bekannt. Das Produktionsteam hat mich damals im Grunde dazu überredet, auch selbst eine kleine Rolle zu übernehmen, was ich dann auch eher widerwillig getan habe. Ehrlich gesagt, ich fand meine Performance nicht sonderlich berauschend und hatte danach überhaupt kein Interesse mehr daran, in meinen eigenen Filmen mitzuspielen. Was bei DER EID aber den Ausschlag gegeben hat, war diese besondere Rolle, diese Figur, mit der ich mich sehr gut identifizieren konnte. Also dachte ich, dass ich die beste Besetzung für diese Rolle sein könnte.

 

Wie haben Sie es geschafft, diese unterschiedlichen Aufgaben vor und hinter der Kamera am Set unter einen Hut zu bekommen? Gab es dabei Situationen in denen es besonders gut – oder solche, in denen es gar nicht funktioniert hat?
Dadurch, dass ich die Hauptrolle übernommen habe, dauerte der ganze Dreh zunächst deutlich länger als gewöhnlich. Ich habe mich vorbereitet, die Szene gedreht, und habe dann hinter die Kamera gewechselt, um mir die Takes anzuschauen und meine Performance zu beurteilen. Ich habe mir ausgiebig Zeit gelassen und konnte dadurch meine Rolle als Familienvater Finnur sehr detailliert spielen. Ich glaube, ich bin selbst mein größter Kritiker, und was meine schauspielerische Leistung angeht deutlich strenger als andere Regisseure, mit denen ich gearbeitet habe. Was ich als sehr vorteilhaft empfunden habe, ist, mit den anderen Schauspielern vor der Kamera zu stehen und sie gleichzeitig als Regisseur zwischen den Takes anzuleiten. Das stellt eine besondere Nähe her und ich glaube, dass das auch den anderen Darstellern sehr entgegen kam. Mein ursprünglicher Hintergrund als Schauspieler hat mir bei meiner Arbeit als Regisseur generell geholfen und ich kann dadurch vielleicht einfach ein besonderes Verhältnis zu meinem Cast entwickeln. Auf der anderen Seite hat mir meine Arbeit hinter der Kamera dabei geholfen, ein besserer Schauspieler zu werden. Schlechte Erfahrungen habe ich bei dieser Doppelbelastung nie machen müssen, es ist einfach sehr viel Arbeit, die viel Zeit braucht und die bei DER EID zum Ende hin etwas ermüdend wurde. Ich musste mich ja auch vor und während des Drehs in eine gute Form bringen, denn zum einen ist meine Filmfigur ein absoluter Triathlon-Fanatiker, zum anderen habe ich die meisten Stunts selbst gemacht.

 

Wie kam es zu diesem Projekt? Gab es eine konkrete Inspiration für die Geschichte?
Ursprünglich kam ich durch Olafur Egill Egilsson zu dieser Geschichte, die lose auf den tatsächlichen Erlebnissen seiner Schwester basiert. Ich glaube, der Plot ergab sich zum Teil aus dem, was Olafur in seiner Fantasie gerne ihrem misratenen Freund hätte antun wollen. Ich war sofort fasziniert von der Grundidee, aber die eigentliche Story brauchte noch einige Entwicklungszeit und jede Menge Änderungen. Tatsächlich kannte ich von Freunden und Bekannten bereits ähnliche Geschichten und je mehr wir mit dem Drehbuch vorankamen, desto deutlicher realisierte ich, dass solche Geschichten tatsächlich relativ häufig passieren.

 

Wie sind Sie bei der Wahl Ihrer Darsteller/Innen vorgegangen? Wie kamen Sie auf Hera und Gísli?
Obwohl ich mittlerweile die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler in meiner Heimat kenne, brauche ich trotzdem immer viel Zeit für Castings. Ich möchte dabei jemanden Unerwartetes finden, jemanden, der vielleicht nicht die offensichtliche erste Wahl ist. Bei Hera war mir schon nach dem ersten Probelesen klar, dass sie die einzig Richtige für die Rolle ist. Sie ist eine starke Schauspielerin, die in der Lage war, auch in den schwierigen Szenen, die ihre Rolle mitbringt, immer eine starke Kamerapräsenz zu wahren. Gísli kam dagegen erst relativ spät dazu. Ich suchte verzweifelt nach der richtigen Besetzung für seine Rolle und irgendwie kam er mir anfangs dafür überhaupt nicht in den Sinn, auch wenn er zweifelsfrei ein toller Schauspieler ist. Ich habe mich wahnsinnig schwer getan mit der Suche nach dem richtigen Darsteller für diese Figur, die einerseits auf ihre Weise charmant sein musste, andererseits auch aggressiv und zwielichtig. Die Rolle ist facettenreich und gleichzeitig muss es glaubhaft rüberkommen, warum sich Anna von ihm derart angezogen fühlt. Letztlich hat Selma, die mit mir gemeinsam die Castings geleitet hat, Gísli vorgeschlagen. Sie hatte bereits des Öfteren mit ihm gearbeitet und obwohl ich nicht wirklich überzeugt war, haben wir ihn getestet. Nach dieser Probe war ich unheimlich positiv überrascht und musste mir eingestehen, dass ich die ganze Zeit den besten Kandidaten für die Rolle übersehen hatte. Beim Dreh selbst entwickelte sich schnell eine sehr angenehme Chemie zwischen uns und letztlich haben die beiden meine Erwartungen weit übertroffen.

PRESSESTIMMEN

"DER EID ist ein kompakt inszeniertes psychologisches Thriller-Drama mit doppeltem Boden, das grundsätzliche Fragen über die menschliche Natur aufwirft." Filmstarts

"Fesselndes Kino aus Island à la Hitchcock." ICS Films

"Ein starker und intelligenter Thriller." Screen

"Ein Film, der sich allzu einfachen Lösungen verweigert - nachvollziehbar und sehr real." kino-zeit.de
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Donnerstag 26.01.2017
ERZÄHL ES NIEMANDEM!
Ab 02. Februar 2017 im Kino
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Im April 1942 begegnet die 19jährige Lillian einem deutschen Soldaten aus Wuppertal. Helmut ist augenblicklich in Lillian verliebt, und Lillian geht es ebenso. Die Liebe eines norwegischen Mädchens zu einem deutschen Soldaten gilt als Verrat. Ihre Zuneigung zu Helmut macht ihr ein schlechtes Gewissen. Als sie erfährt, dass in ihrem Dorf eine jüdische Familie deportiert worden ist, stellt sie ihn zu Rede und will die Beziehung beenden. Helmut bleibt zunächst stumm. Dann ringt er ihr ein Versprechen ab: niemals dürfe sie mit einem anderen Menschen darüber sprechen, was er ihr jetzt sagen wird.
„Meine Mutter“, sagt Helmut, „ist auch Jüdin. Ich selbst bin noch unentdeckt geblieben und halte mich in der Wehrmachtsuniform versteckt.“ Lillian schwört, immer bei ihm zu bleiben; ein Schwur, mit dem eine der dramatischsten Liebesgeschichten beginnt, die dieser Krieg hervorgebracht hat. Denn nach dem Abzug der Deutschen bleibt Lillian zurück in Norwegen und macht sich nach dem Ende des Krieges auf nach Deutschland, um Helmut zu suchen.
Im Sommer 2009 sitzt die 87jährige Lillian Crott im Flugzeug nach Narvik. Auf dem Platz neben ihr liegt ein Rucksack. Darin verstaut ist die Urne mit der Asche ihres Mannes. In Nordnorwegen, jenseits des Polarkreises, will sie einlösen, was sie sich versprochen hatten: wer überlebt, wird den anderen dort begraben, wo sie sich zum ersten Mal begegnet sind.
Der Film begleitet sie bei dieser Reise und erzählt die abenteuerliche Geschichte von Lillian Berthung und Helmut Crott. ERZÄHL ES NIEMANDEM! Das sagte die Mutter zu ihrer 18-jährigen Tochter, als sie ihr gegen den Willen des Vaters vom Schicksal seiner Familie erzählte, von der viele Verwandte in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Daran hat sich auch die Tochter bis zwei Jahre nach dem Tod des Vaters gehalten und erst dann mit ihrer Mutter die Geschichte ihrer Eltern aufgeschrieben. Der Film entstand nach dem gleichnamigen Bestseller-Sachbuch von Randi Crott und Lillian Crott Berthung.


Eine deutsch-norwegische Liebesgeschichte
Ein Dokumentarfilm von Klaus Martens


Randi Crott zur Vorgeschichte und Entstehung des gleichnamigen Buches, Veröffentlicht im Buch ERZÄHL ES NIEMANDEM! :

„Anstelle eines Vorworts
Ich bin schon fast 18, als meine Mutter mich an einem Herbstnachmittag im Jahr 1969 ins Wohnzimmer holt. Sie sagt, sie müsse mir etwas erzählen. Auf dem runden Eichentisch steht ein kleiner Henkeltopf aus Emaille. Er ist grau und hat einen schwarzen Rand. Daneben liegte in hellbrauner lederner Brustbeutel mit einer geflochtenen dünnen Kordel aus Garn. Da, wo die Kordel die Löcher im Leder durchzieht, ist sie ganz stumpf. Fährt man mit den Fingern an den beiden Kordelbändern hoch, dann wird das Garn auf einmal ganz weich, und dort, wo die beiden Enden zu einem Knoten zusammengebunden sind, dort also, wo die Kordel am Hals liegt, wenn man den Brustbeutel trägt, glänzt sie noch ein bisschen weiß und weinrot. Hebt man die kleine, schon ganz blass gewordene Lasche des Brustbeutels hoch, sieht man einen Namen, der mit türkisfarbener Tinte in Schreibschrift auf dem rauen Innenleder steht: Crott. Neben dem Emailletopf und dem Brustbeutel liegt eine Armbinde aus Stoff, beige mit rotem Rand und schwarzem Aufdruck »K.L. Terezin«.
An diesem Nachmittag erfahre ich, dass meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, Jüdin war. Dass sie einen Judenstern tragen musste und die Nationalsozialisten sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert haben. Ich erfahre, dass mein Großvater seine Stelle bei der Reichsbahn verloren hat, weil er sich nicht von seiner jüdischen Ehefrau Carola scheiden lassen wollte. Ich erfahre, dass mein Vater als „Halbjude“ aus dem Sportverein geworfen wurde und dass er nur unter großen Schwierigkeiten studieren konnte. Ich erfahre, dass meine Großtante Henriette in einem Konzentrationslager umgebracht wurde.
Meine Mutter erzählt mir all das gegen den erklärten Willen meines Vaters. Als sie darauf drängte, dass mir auch die dunklen Kapitel der Familiengeschichte nicht länger vorenthalten werden, soll mein Vater sehr wütend geworden sein. Er wollte jene Zeit nicht mehr zum Thema machen. Ich habe damals die Haltung meines Vaters nicht ganz verstanden, aber ich habe sie respektiert. Vor allem aber tat ich, um was meine Mutter mich bat: Erzähl es niemandem! Daran habe ich mich gehalten. Vielleicht ahnte ich, dass mir so Enttäuschungen erspart bleiben sollten. Mein Schweigen sollte mich vor Verletzungen bewahren. Und deshalb schien es mir am besten zu sein, wenn ich mich einfach mit dem, was ich von meiner Mutter erfahren hatte, nicht weiter beschäftigte.
Ich weiß heute, dass es vielen Töchtern und Söhnen deutscher Juden und »Halbjuden« so ergangen ist. Auch ihre Mütter oder Väter haben nichts von ihrem Leid, ihrer Verfolgung und dem Tod ihrer Angehörigen in den Konzentrationslagern erzählt, weil die Angst auch nach 1945 noch immer da war. Und wohl auch jene Scham, die mir eigentlich unbegreiflich wäre, hätte ich sie nicht selbst in mir gespürt.
Es ist an der Zeit, dass diese Geschichte erzählt wird. Ich konnte ihr freilich erst zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters nachgehen.
Randi Crott, im Dezember 2011“

Das Buch ERZÄHL ES NIEMANDEM! Ist im DuMont Verlag erschienen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.


Biografie Klaus Martens

Geboren am 18.5.1954 im niederrheinischen Uedem, absolvierte Martens eine Lehre zum Industriekaufmann, bevor er 1977 das Abitur auf dem Abendgymnasium in Kempen machte.
1978 Studium der Politischen Wissenschaften, Geschichtswissenschaften und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster. 1984 Abschluss als Magister Artium.
1985 erster Kontakt als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum WDR und erste geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen.
1986 freie Mitarbeit in der Fernsehredaktion Hier und Heute.
1989 Festanstellung als Redakteur und Autor bei Hier und Heute, später in den Abteilungen Kultur/Geschichte, der Chefredaktion und der Programmgruppe Ausland. Mitglied des Gründungsteams des ARD Morgenmagazins.
2001 Wechsel als Redakteur und Autor zur Redaktion Die Story. In seinen Dokumentationen, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt, beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Wirtschaftsthemen.

Filmographie Klaus Martens

Als Autor eines Films zur Übernahme der Mannesmann AG durch Vodafone erhielt Martens 2002 den Medienpreis der Johanna Quandt Stiftung. Seine Dokumentation Der unsichtbare Dritte wurde 2005 für den Ernst-Schneider-Preis nominiert. Der Film Bankgeheimnisse wurde mit dem Helmut-Schmidt Journalistenpreis 2005 und dem Ernst-Schneider-Preis 2006 ausgezeichnet.
Für die Fernsehdokumentation Todesfahrt im Fischerboot erhielt er den Europäischen CIVIS Preis 2008 und für den Film Der Störfall den DUH-Umwelt-Medienpreis 2008. Für den einstündigen Film Albtraum im Fischerboot-Afrikas Flüchtlinge und Europas Fischereipolitik erhielt er auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen den Filmpreis des Evangelischen Entwicklungsdienstes 2009 zum Thema Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt.
2010 „Heilung unerwünscht“ ist der Titel eines Dokumentarfilms und eines Buchs, das Martens in einen von der Pharmaindustrie initiierten Konflikt mit dem WDR brachte, der über zwei Jahre dauerte und durch zwei arbeitsgerichtliche Instanzen von Martens gewonnen wurde.
Seit 2012 arbeitet er als Redakteur und Autor in der WDR-Programmgruppe Inland.
2013 „Wir die Wand“
2016 Schichtwechsel – die Roboter übernehmen.


Biographie RANDI CROTT

Randi Crott, 1951 in Wuppertal geboren, Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Freiburg und Bonn mit Abschluss Magister Artium. Ausbildung zur Redakteurin beim Bonner General Anzeiger. Arbeit als Redakteurin, Reporterin und Moderatorin für Radio und Fernsehen beim WDR. Daneben hat Randi Crott für Arte, 3sat und den WDR Filme gedreht, u.a. über den Walfang in Norwegen, den DDR-Regisseur Winfried Junge oder die Europatournee einer Chicagoer Bluesband.
Ihr Buch "Erzähl es niemandem" wurde ein Bestseller.
Sie ist Mutter eines erwachsenen Sohnes und lebt mit ihrem Mann auf dem Land in der Nähe von Köln.
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Donnerstag 19.01.2017
DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ
Ab 26. Januar 2017 im Kino
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Ein traumhafter Sommertag. Ein Garten. Eine grün umrankte Veranda. An einem Gartentisch sitzen eine Frau und ein Mann, von Bäumen umgeben, durch die hin und wieder ein sanfter Wind weht. In der weiten Ebene in der Ferne liegt Paris. Ein Zwiegespräch zwischen der Frau und dem Mann, ein Fragen und Antworten. Es geht um Erfahrungen in der Liebe, um die Kindheit, um Erinnerungen, um das Wesen des Sommers und darum, was Männer und Frauen unterscheidet, um weibliche Sicht und männliche Wahrnehmung. Mit Blick auf die Terrasse, die Frau und den Mann sehen wir im Haus dahinter den Schriftsteller, der sich diesen Dialog gerade ausdenkt und ihn auf seiner Schreibmaschine tippt. Oder ist es umgekehrt? Erzählen ihm die beiden, was er dann nur noch zu Papier bringen muss: Einen letzten langen Dialog zwischen Mann und Frau?

Ein Film von Wim Wenders
Nach dem Stück von Peter Handke
Mit Reda KATEB, Sophie SEMIN, Jens HARZER, Nick CAVE

Mit DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ inszeniert Wim Wenders das gleichnamige Theaterstück seines langjährigen Weggefährten und Freundes Peter Handke, das den Untertitel „EinSommerdialog“ trägt. Selten wurde offensichtlicher, wie verschieden doch Frauen und Männer sind, wie sehr sich ihre Sehnsüchte, ihre Erwartungen an und der Rückblick auf das Leben voneinanderunterscheiden. Und wie sich dennoch – oder gerade deshalb – ein spannendes Gespräch entspinnt,ein Schlagabtausch, ein Frage- und Antwortspiel, dessen Grundbedingung eine bedingungslose Ehrlichkeit ist. Die Schauspieler Sophie Semin (Jenseits der Wolken, Le Sacre du Printemps) und Reda Kateb (Zero Dark Thirty, Ein Prophet) führen eindrucksvoll durch diesen bewegenden Dialog, während die Bäume ringsherum, der Wind und der Blick in die Ebene der Île de France bis hin zur Stadt Paris am Horizon t zur Bühne für dieses eindringliche Kammerspiel werden.
Jens Harzer spielt den Schriftsteller, sozusagen Peter Handkes Alter Ego, Nick Cave spielt sich selbst. Nach 3 Amerikanische LPs (1969), Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971), Falsche Bewegung(1975) und Der Himmel über Berlin (1987) ist der Film die fünfte Zusammenarbeit von Peter Handke und Wim Wenders und wird in ausgewählten Kinos auch in 3D zu sehen sein.

DIRECTOR’S STATEMENT
Wenn ich meine Filme Revue passieren lasse,sehe ich da zwei extrem unterschiedliche Kategorien oder Prinzipien am Werk. Da gibt es solche, die ausschließlich im Prozeß des Drehens entstanden sind, weitgehend ohne ein festes Buch gemacht, als Abenteuer, auf das sich Schauspieler und Team mit mir eingelassen haben. (Und das sind beileibe nicht nur Dokumentarfilme, sondern durchaus auch Spielfilme.) Und auf der anderen Seite stehen solche, die von Anfang bis Ende minutiös bis in die Details durchgeplant waren und akribisch einer festen Geschichte oder Romanvorlage folgten. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es jede Menge Schattierungen, und mir kommt vor, als hätte ich schon jede Zwischenform ausprobiert. Aber so einen Film wie „Die Schönen Tage von Aranjuez“ habe ich sicher noch nie gemacht. Nicht nur, weil ihm ein Text zugrunde liegt, der für die Bühne geschrieben ist, nicht nur, weil er in französisch gesprochen wird, nicht nur, weil er in „natural depth“ 3D gedreht ist, nicht nur, weil er an einem einzigen Schauplatz spielt, nicht nur, weil er in nur zehn Tage entstanden ist, nein, vor allem, weil es der erste Film ist, für mich jedenfalls, dessen „Wunschvorstellung“ tatsächlich seine feste Form geworden ist. Als Regisseur muß man heute im Vorfeld der Produktionfür jeden Film eine „Absichtserklärung“ schreiben, für die Finanzierung, die Förderung oder die möglichen Verleiher. Darin soll man, so ehrlich wie möglich darlegen, wie man sich den Film vorstellt und welche Form man ihm geben will. Meistens ist man froh, wenn diese Texte später nie wieder auftauchen, weil im Verlauf der Vorbereitung und des Drehens dann doch ein mehr oder weniger anderer Filme entstanden ist, entweder willentlich oder weil man den Umständen, der Besetzung, dem Budget, dem Wetter oder was auch immer Tribut zollen mußte. „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt“ ist eine gute Daumenregel fürs Filmemachen. In diesem Fall – zum ersten Mal –stelle ich meine Absichtserklärung ins Presseheft, weil ich – zum ersten Mal – nichts dagegen habe, den Wunsch von diesem Film, seine Existenz als pure Vorstellung, dem Film entgegenzuhalten, der daraus entstanden ist.

ABSICHTSERKLÄRUNG
Peter Handke nennt diesen Text einen „Sommerdialog“. Er hat ihn für die Bühne auf französisch geschrieben, und das Stück ist auch schon in Deutschland und Frankreich aufgeführt worden. Ich möchte „Die Schönen Tage von Aranjuez“unter freiem Himmel als Film drehen. Das Stück selbst und der Autor haben mich dazu ermutigt. Lassen Sie mich das erläutern. Es geht um zwei Personen, eine Frau und ein Mann, die zwar kein Paar (mehr?) sind, aber sich doch schon lange kennen. Sie sitzen an einem Tisch, in einem Garten oder Park. Rundherum stehen Bäume, durch die gelegentlich der Wind fährt. In der Ebene unten strecken sich Felder aus, und weit in der Ferne sieht man die Stadt Paris liegen. Es ist Sommer...Mit ein paar zögerlichen ersten Sätzen beginnt eine lange Unterhaltung, die von vielen Dingen handelt. Von den ersten sexuellen Erfahrungen der Frau, von denen der Mann, neugierig wie sonst kaum, mehr erfahren will, von Beobachtungen, die von der Natur rundherum provoziert werden, oder von Erinnerungen, denen beide nachhängen. Manchmal geschieht das als Frage- und Antwortspiel, manchmal in schnellerem Hin und Herund manchmal in längeren monologischen Ausführungen. Dann gibt es auch wieder lange Pausen.In dieser Beziehung zwischen der Frau und dem Mann, aber auch in diesem sommerlichen Wechselgespräch liegen eine große Freiheit und Ruhe. Fast ist dies eine utopische Situation, und solch ein Friede herrscht hier lange. (Aber nicht ganz bis zum Schluß...) Weil wir das im Freien drehen, wird der Wind mitspielen, das Sonnenlicht und die Schatten. Auch das Gezwitscher der Vögel wird zu hören sein, das Rauschen der Blätter in den Baumwipfeln, und ein gelegentliches Flugzeug im Himmel. Zeit vergeht. Und zwar anders, als sie je auf der Bühne vergehen könnte. Mein Wunsch ist, und meine Vorstellung, daß man das Gefühl haben möge, es verginge nicht nur ein Tag, sondern viele Tage, eine ganz unbestimmte „Sommerzeit“. Es kann für eine Weile lang Morgenlicht sein, dann regnet es womöglich leicht, und die beiden sitzen an ihrem Tisch unter einem großen Schirm und lauschen auf das Geräusch der Regentropfen, dann sitzen sie in der Abendsonne, dann ist wieder ein bedeckter Tag, dann ist plötzlich Dämmerung, dann scheint wieder ein grelles Licht... Wir werden uns langsam im Stück vorarbeiten, Tag für Tag etwas weiter, und uns dabei über Wetter- oder Lichtkontinuität keine Sorgen machen. Im Gegenteil: unser einziges Kontinuum ist der Fluß der Gedanken und der Sprache. Bei den Übergängen wird es helfen, daß wir gelegentlich im Verlauf unseres Films, (sicherlich aber zu Beginn und am Ende,) in das Haus hinein gehen, vor dem und in dessen Garten unser Sommerdialog stattfindet. Dies ist ein altes Haus, im späten 19. Jahrhundert gebaut. Sarah Bernard hat hier einmal gewohnt, das war ihr Landsitz, auf den einzigen Hügel gesetzt weit und breit, deswegen der Blick bis weit hinunter nach Paris...Vom Garten führt eine große offene Tür in einen dunklen Flur. Hier steht im Dämmerlicht eine neon-leuchtende Jukebox. Eine offene Tür führt in das Arbeitszimmer des „Autors“. So wie „die Frau“ und „der Mann“ draußen wird auch er von einem Schauspieler dargestellt. Er ist der Dritte im Bunde, und diese Freiheit nehme ich mir: im Theaterstück gibt es diese Figur nicht...
Von seinem Arbeitsplatz am Fenster hat der Autor eine gute Sicht in den Garten und auf die kleine Terrasse, auf der die Frau und der Mann sitzen. Wenn er zuerst an seinem Tisch sitzt, zu Beginn unseres Films, und auf die noch leeren Seiten seines Notizbuches, mit Bleistift, die anfängliche Beschreibung der Situation notiert, so wie sie im Theatertext angegeben ist, wird man seine innere Stimme hören, und so in den Sommerdialog eingeführt werden.Aus dem Fenster in den Garten blickend, sitzt da allerdings noch niemand. Die Frau und den Mann „gibt es noch nicht“.
Die Kamera entfernt sich von unserem Autor,(während man seine innere Stimme weiter hört,) findet ihren Weg durch den Flur ins Freie, und wenn sie dann unter den Bäumen den Tisch auf der Terrasse entdeckt, dann sitzen da jetzt die Frau und der Mann. Wenn die sich zögernd ihre ersten Sätze sagen, werden diese ersten Worte vielleicht auch noch gleichzeitig von der inneren Stimme des Autors zu vernehmen sein, die dann allmählich und fließend vom Dialog der Schauspieler abgelöst werden.
Auch mitten in unserem Sommerdialog, in einer Gesprächspause zwischen der Frau und dem Mann, werden wir wieder zu dem Autor gehen, der in seinem Schreiben innehält und dann aufsteht, um im Flur an der Musikbox ein Stück zu spielen. Die Schauspieler hören entfernt die Musik, aber ihr Dialog setzt sich unbeirrt fort. Auch am Ende, nach den letzten Worten der Schauspieler, fahren wir noch einmal nach innen, und finden den Arbeitsplatz des Schriftstellers leer.
Aus seinem Fenster blickend, steht auch der Tisch im Garten dann leer da... So wird es ein gewisses sparsames Wechselspiel geben zwischen unserem Paar und dem Autor, der sie ersinnt und der dabei ist, ihren Dialog zu schreiben. Ich habe vor, dieses lange, utopische, friedliche Gespräch ausschließlich in der Natur und ausschließlich mit Originalton aufzunehmen. Und nach den Erfahrungen mit „Pina“, „Cathedrals of Culture“ und „Every Thing Will Be Fine“ will ich auch „Die Schönen Tage von Aranjuez“ in 3D drehen.
Wenn Sie einen meiner 3D-Filme gesehen haben, wissen Sie, daß dies nichts gemein hat mit der Art von 3D, die Sie aus amerikanischen Filmen kennen. Unser Verfahren, „Natural Depth“, von dem großen europäischen Pionier Alain Derobe erfunden, basiert nicht auf Effekten, sondern ausschließlich auf dem Prinzip, so genau wie möglich mit zwei Kameras zu imitieren, was (und wie) zwei Augen sehen. Und nach ein paar Minuten soll ein jeder vergessen, daß man im Kino je anders gesehen hat.
Ich bin zuversichtlich, daß auf diese Weise und mit diesem großen Text von Peter Handke ein schöner, friedvoller und einzigartiger Film entstehen kann, den ich mit einem kleinen Team und auch mit sparsamen finanziellen Mitteln in zwei Wochen im Juni drehen will. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Wim Wenders

So weit die „Absichtserklärung“, ein paar Monate vor den Dreharbeiten. Das Erstaunliche für mich, wenn ich das jetzt nachlese: daß der Film bei all seiner freiwilligen Beschränkung (10 Drehtage) und der komplexen Technik (3D) trotzdem in einem Klima von Freiheit entstanden ist, wie ich es noch nie an einem Set hatte. (Was sicher auch daran lag,daß Paolo Branco, unser Produzent, so entspannt war.) Es mangelte uns an nichts, weder an Zeit noch an Entscheidungsmöglichkeiten. Wir haben natürlich dann doch noch viel improvisiert und verändert. (Und nicht bloß, daß der Dichter nicht mehr mit Bleistift schreibt, sondern auf einer Schreibmaschine.) Das einzige, was ich damals noch nicht recht wußte, war, in welche Richtung sich die Musik entwickeln würde. Ja, sie sollte nur aus der Jukebox kommen, (und diese Wurlitzer war ohnehin eine Hommage an Peter Handkes Essay „Versuch über die Jukebox“.) In seiner Textvorlage zu dem „Sommerdialog“erscheinen zwei Verweise auf Musik. „Man of Constant Sorrow“, ein alter Bluesklassiker wird von der Frau als „Woman of Constant Sorrow“ zitiert, als welche sie sich bezichtigt.Diese Steilvorlage habe ich gerne aufgenommen. Viele haben das Stück gecovert, unter anderen Bob Dylan, aber ich hatte Lust, das nochmal ganz neu zu hören. Mein Freund Till Hertling hat sich daran gewagt und eine sehr stimmige, durchaus heutige Version eingespielt. Und dann zitieren die Frau und der Mann im Stück einen Song von den Troggs: „Love Is All Around“. (Eine alte Jukebox-Vorliebe von Peter Handke, wie ich mich wohl erinnere aus der Zeit, in der man mehr Geld zum Füttern der Musikboxen ausgegeben hat als für die Getränke, die man in dem Café oder der Bar zu sich genommen hat.)
Sophie und Reda, meine beiden Schauspieler, mußten das Stück erst lernen, um es zitieren und nachsummen zu können. Ich kann es im Schlaf. (Und Peter wohl auch, nehme ich an.) Aber unser Schriftsteller geht in seinen Schreib- und Denkpausen ein paar Mal zu seiner Musikbox, und so ergab sich dann die große Frage: Welche Stücke drückt er da sonst noch?! Schon als ich mir zum ersten Mal eine neon-leuchtende Wurlitzer im dunklen Flur der Sarah Bernhardt Villa vorstellte, kam mir die Idee, oder eher der Wunsch, daß ein Musiker und ein Song daraus „hervortreten“ solle, oder könne, also daß ein Stück erst aus der Jukebox erklänge und dann erschiene der Sänger wirklich da, in diesem Halbdunkel.
Ich habe diese (inzwischen anachronistischen) Musikgeräte wohl immer irgendwie als eine Art „Projektoren“ gesehen, die in der Lage wären, Musikstücke und ihre Texte, aber auch die Musiker, vor einen hinzustellen, so daß man sie (beinahe) sehen könnte. Ein oder zwei Wochen vor Drehbeginn war ich in Paris in ein Konzert von Nick Cave gegangen, im „Grand Rex“, und da hatte Nick am Ende ein paar Stücke solo gespielt.Am meisten beeindruckt hat mich dabei ein Liebeslied, „Into My Arms“, das ich zwar schon gut kannte, aber das mich so minimalistisch, nur mit Nick am Klavier, tief ergriff. Mein Traum von der mysteriösen Wurlitzer-Erscheinung kam mir in den Sinnund plötzlich war es ganz einleuchtend, wer das sein sollte: eben dieser Song und sein Sänger (und Autor). Daß Nick Cave meine Einladung dann so spontan annehmen würde, hatte ich zwar gehofft, aber es war dann doch eine große Freude. Warum ich dann einen Flügel habe liefern lassen. der nur mit großer Mühe durch die Tür des alten Hauses paßte, habe ich meinem kleinen Team erst einmal nicht verraten. Die waren dann ziemlich von den Socken,als am vorletzten Tag Nick Cave aus dem Auto stieg. (Und nach Drehschluß für alle noch weiterspielte.)

Was der Schriftsteller da sonst noch in der Jukebox drückt, blieb beim Drehen noch unklar und ergab sich dann erst im Schnitt. Ein Stück hat sich wie von selbst aufgedrängt. Wir haben es vor einem Jahr für die restaurierte Fassungvon „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ aufgenommen, dem ersten Film in meiner langen Zusammenarbeit mit Peter Handke. Im „Tormann“ kommen viele Jukeboxen vor, und in einer davon habe ich damals in jugendlichem Leichtsinn ein Stück von Elvis Presley laufen lassen. Das war im Nachhinein unbezahlbar, als wir alle Musikrechte neu erwerben mußten. Damit wir die Szene nicht komplett herausschneiden müßten, mußten wir den Song mit einer eigenen Neuaufnahme ersetzen,einem Lied, das in Rhythmus und Timing haargenau auf den Elvis passen mußte, damit man es digital austauschen und spurlos in die alte Mono-Mischung einpassen konnte. Gemma Rays kongeniales „Half Way to Paradise“ hat genau das geleistet, war aber viel zu schön und eigentlich zu schade, um nur 15 Sekunden vorzukommen.
Jetzt kommt der Song in ganzer Länge zur Geltung. In Mono, natürlich, wie es sich für eine Wurlitzer gehört.

Und dann gab es noch die Frage nach der Anfangs- und der Schlußmusik. Um konsequent zu bleiben, mußten die ja auch aus der Musikbox kommen...Für die ersten Bilder des Films, das rätselhaft menschenleere Paris, und für den herrlichen Sommertag, an dem unsere Geschichte anfängt, habe ich erst keine treffenden Songs aus einer Jukebox gefunden, („Summer in the City“ wäre sicher des Guten zu viel gewesen...) Dann habe ich gedacht: „Wessen Stimme würdest Du hier am liebsten hören?“ Sofort kam mir Lou Reed in den Sinn,und schon war „Perfect Day“ einfach nicht mehr zu übertreffen, zumindest nicht in meinen Ohren, in seiner Abgeklärtheit und Ironie fast ein archetypischer Jukebox-Song.
Den Beginn des Films zum ersten Mal mit Lous Stimme zu hören, war wohl der schönste Moment für mich während der ganzen Schnitt- und Postproduktionsphase. Blieb das Ende. Welcher Song aus der Jukebox konnte das tragen, oder ertragen, diese Apokalypse, dieses tiefe Loch, in das unser Schriftsteller da fällt? Welcher Song könnte von seiner Trauer und seinem Schmerz handeln, aber doch auch alles Schöne nicht vergessen lassen, was er sich vorgestellt hatte, vor allem die Liebe nicht, die der Text manchmal nicht gestatten will, und die doch immer gegenwärtig bleibt? Ich gebe zu, ich habe hier lange probiert und viele Songs aus der Jukebox kommen lassen, bis ich den entscheidenden, endgültigen gefunden habe, den kaum einer besser „auf Maß“ für den Film hätte schreiben können: „The World is on Fire“ von Gus Black, aus seinem Album „The Day I Realized...“ Mit diesem Lied wurde die neon-leuchtende Jukebox endlich zu einer Art „Griechischem Chor“, einem singenden Begleiter der Handlung unseres Films. „Hey, hey, hey,there’s nothing left to say, the world is on fire,and I love you, I love you...”
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Donnerstag 12.01.2017
JUNCTION 48
Ab 19. Juli 2017 im Kino
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In Lod, einem Vorort von Tel Aviv, lebt Kareem, Ende 20, im täglichen Leben Call-Center-Telefonist. Sein Traum ist aber, mit seiner HipHop - Musik zum Star zu werden. Die wunderschöne Manar, mit der er nicht nur auf der Bühne ein Paar ist, gibt Kareem Halt, gerade nachdem sein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und seine Mutter schwer verletzt wurde. Seine Freunde halten sich mit Drogenhandel über Wasser, was immer wieder zu Konflikten führt. Die zunehmenden rassistischen Angriffe in seiner Heimatstadt, in der der jüdisch-palästinensische Konflikt täglich spürbar ist, lässt sich Kareem nicht länger gefallen. Zusammen mit Manar kämpft er mit seiner Musik gegen die Unterdrückung von Seiten der jüdischen, gleichzeitig auch gegen die engstirnigen, traditionellen Lebensentwürfe der palästinensischen Israelis. Aber die kraftvollen Songs und Auftritte, die die Band berühmt machen, lassen Kareem und Manar auch zwischen alle Fronten geraten…



EIN FILM VON UDI ALONI
DREHBUCH OREN MOVERMAN & TAMER NAFAR

Mit TAMER NAFAR, SAMAR QUPTY, SALWA NAKKARA, SAEED DASSUKI


Bei der Berlinale 2016 wurde JUNCTION 48 von begeisterten Zuschauern mit dem Publikumspreis in der Panorama-Sektion ausgezeichnet: Samar Qupty und Tamer Nafar, der Frontmann von DAM, der ersten palästinensischen Rap-Gruppe, verwandeln mit dem israelischen Regisseur Udi Aloni persönliche Lebensereignisse in eine berührende Liebesgeschichte und ein neues, energiegeladenes Plädoyer der jungen arabischen Generation für ein gleichberechtigtes Zusammenleben. Ihnen gelang ein leidenschaftlicher Film mit einer temperamentvollen jungen Besetzung und jeder Menge mitreißendem Hip-Hop.
Hinter den Kulissen wirkten so bekannte Produzenten wie Stefan Arndt und Uwe Schott (VOR DER MORGENRÖTE, CLOUD ATLAS, DAS WEISSE BAND), Oren Moverman (THE MESSENGER) und James Schamus (EMPÖRUNG, BROKEBACK MOUNTAIN, TIGER AND DRAGON).

ENTSTEHUNG & HINTERGRÜNDE VON JUNCTION 48

REGISSEUR UDI ALONI über…
… Junction 48
„Die israelische Stadt Lod ist die palästinensische Stadt Lyd, die einst am Hauptknotenpunkt der Eisenbahnen lag. 1948 wurden zehntausende Palästinenser aus Lyd vertrieben, um die Stadt mit Juden zu besiedeln. So entstand zwanzig Minuten von Tel Aviv entfernt eine palästinensisch-jüdische Stadt. Unser Protagonist, der erste arabische Hip-Hop-Künstler, lebt im Ghetto von Lod. In einem seiner Raptexte schreibt er: „Verflucht sei dieses Land. Verflucht sei Junction 48.“ Die palästinensischen Bürger in Israel werden oft als 48er bezeichnet.
JUNCTION 48 handelt von Kareem, Manar und ihrer besonderen Gemeinschaft: den 48ern. Es ist aber auch eine universelle Geschichte, die Geschichte von jungen arabischen Muslimen auf der ganzen Welt, die nach einer einzigartigen, allgemeingültigen Sprache suchen.“

… TAMER NAFAR als Kareem
„JUNCTION 48 ist ein Spielfilm über die wahren Erlebnisse des Hauptdarstellers und Ko-Autors Tamer Nafar, der im Jahr 2000 die arabische Hip-Hop-Szene ins Leben rief. Ich traf Tamer zwei Jahre später, als er mit seiner Hip-Hop-Band DAM in meinem Dokumentarfilm LOCAL ANGEL zu sehen war. Es war der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Danach trat er noch in zwei anderen meiner Filme auf, FORGIVENESS und ART/VIOLENCE. Abgesehen vom Film arbeiteten wir bei vielen sozial-politischen Projekten mit, durch die unsere Freundschaft noch stärker wurde. Trotz aller Widerstände erschufen wir eine binationale Gemeinschaft mit ihrer eigenen Kunst und Kultur, eine Gemeinschaft, die die Möglichkeit des Zusammenseins eröffnet, während man die Trennung in unserer Region anerkennt. In einer der langen Nächte, die wir zusammensaßen und redeten, erzählte mir Tamer seine Lebensgeschichte aus einer sehr persönlichen Perspektive, und wir erkannten, dass wir bereit waren, einen Spielfilm zu drehen. Als er begann, mögliche Darsteller vorzuschlagen, wusste ich bereits, dass nur der charismatische Tamer Kareem spielen konnte. Ich erwähnte das Projekt gegenüber meinem guten Freund, dem brillanten Filmemacher Oren Moverman, und er war sofort begeistert und bat seine Unterstützung an. Ich hätte nie davon geträumt, dass er tatsächlich Ko-Autor werden würde. Als Oren und der ausführende Produzent James Schamus sich beide verpflichteten, wusste ich, dass uns nun nichts mehr davon abhalten konnte, unseren Traum wahr werden zu lassen.“

… TAMERS Lod
„Tamer lebt seit dem Tag seiner Geburt in der palästinensisch-jüdischen Stadt Lod. Im Film gibt es eine Szene, in der seine Mutter, die ein spirituelles Erwachen hat und eine koranische Heilerin wird, einen Mann aus einer traditionellen jüdischen Familie heilt. Diese Szene, die durchaus möglich sein kann, zeigt, was echte multikulturelle Beziehungen zwischen der Arbeiterschicht in Lod waren.“

… Hip-Hop ist Kunst und Gewalt
„Ich denke, dass Hip-Hop sowohl Kunst als auch Gewalt ist. Es ist weder Kunst anstelle von Gewalt noch Gewalt anstatt Kunst. Stattdessen ist es die Existenz von Wut und Widerstand in der Kunst. Vor einigen Jahren arbeitete ich im Freedom Theater des Flüchtlingslagers von Dschenin, wie in meinem Film ART/VIOLENCE zu sehen ist. In Dschenin brachte mein guter Freund, der verstorbene Juliano Mer Khamis, seinen Studenten bei, dass hochwertige Kunst eine Form des Widerstandes und Widerstand eine Form der hochwertigen Kunst sei. In meinen Büchern und Vorträgen beschäftige ich mich oft mit der Beziehung von Kunst, Politik und Theorie. Jede der drei ist ein Mittel der anderen und ein Ende in sich. Ich denke, dass die Musik und die Texte in JUNCTION 48, die wir erschufen, um die Geschichte der neuen Generation der 48er zu erzählen, die Wechselbeziehungen dieser drei Elemente veranschaulichen.“

… die Drehorte
Unsere Drehorte waren eine Mischung von authentischen Orten in Lod und einem alten palästinensischen Haus in Jaffa, das wir in ein Studio verwandelten. Der herausragendste palästinensische Art Director, Salim Sh‘hade, baute das Haus, das später demoliert wird. Er hat auch die verschiedenen Räume des Hauses in einen kommunistischen Treffpunkt (für das Konzert der Eltern), einen Clubraum (für die Hip-Hop-Auftritte), ein Versteck für Drogendealer und sogar in eine Polizeistation verwandelt.

… das Museum der Koexistenz
„Das Projekt, Museum der Koexistenz, in JUNCTION 48 gibt es in der Realität in Lod nicht. Und doch existieren ähnliche Stellen in fast jeder jüdisch-palästinensischen Stadt in Israel. Die Universität von Tel Aviv hat ihren Sitz auf den Ruinen des palästinensischen Dorfes asch-Schaich Muwannis. Im Dorf En Hod baute Israel ein Kunstmuseum des Dadaismus in einem palästinensischen Haus, dessen Bewohner vertrieben wurden und nun in einer nicht anerkannten Gemeinde in drei Kilometer Entfernung wohnen. Das vielleicht passendste Beispiel ist das Museum der Toleranz in Jerusalem, das auf dem alten Mamilla-Friedhof einer vertriebenen palästinensischen Gemeinde steht. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass so viele fortschrittliche Institute meiner jüdisch-israelischen Gemeinschaft auf einer ausgelöschten Vergangenheit sitzen.“

… eine freie Person
„Die Figur der schönen, jungen Manar ist extrem wichtig in unserem Film. Aber die Geschichte einer palästinensischen Frau ist sehr komplex. Wenn wir uns die 70er-Jahre anschauen, und wir haben da Vorbilder wie Leila Khaled, dann sehen wir, dass Frauen mehr Rechte als heute hatten, und ein Grund dafür ist die nicht enden wollende Besetzung und Unterdrückung von außen, die Frauen nicht den Raum gibt, um für ihre eigene Freiheit und Identität in ihrer eigenen Gemeinschaft zu kämpfen. Manar, die sich in ihrer eigenen Gesellschaft konfrontiert sieht mit einer reaktionären Bewegung und sich als freie Person wiederherstellen muss, steht stellvertretend für viele junge palästinensische Frauen. In Becketts „Warten auf Godot“ erzählt Gogo Didi: „Sie nahmen unsere Rechte.“ Didi lacht und sagt: „Wir haben unsere Rechte verschleudert.“ Manars Logik ist gegenteilig: Sie lehnt es ab, Freiheit durch ihren Freund zu erhalten und besteht darauf, sie selbstständig zu erlangen.“

… Samar Qupty als Manar
„Samar Qupty ist eine Absolventin der Filmschule der Universität von Tel Aviv. Ursprünglich arbeitete sie als Regieassistentin, während ich ihr eigenes Drehbuch betreute. Aber je mehr sie über die Figur der Manar erfuhr desto mehr identifizierte sie sich mit ihr und bestand darauf, dass ich sie für die Rolle vorsprechen ließe. Beim ersten Vorsprechen wurde deutlich, dass sie Starqualitäten besitzt. Da die anderen Schauspielerinnen, die vorsprachen, ebenfalls extrem talentiert waren, dauerte es einen Monat, um herauszufinden, dass die Chemie zwischen ihr und Tamer stimmte. Ich sollte erwähnen, dass der ganze Casting Prozess unter Leuten stattfand, die ich bereits seit vielen Jahren kenne. Einige von ihnen kenne ich als Kollegen wie die Mutter Salwa Nakkara und einige waren meine Studenten wie Ayed Fadel und Maryam Abu Khaled. Wir erweiterten den Cast zu einer echten Gemeinschaft für die kommende Zukunft.“

… die Kommunistin zur Heilerin
„Die Wandlung von Kareems Mutter von einer Kommunistin zu einer koranischen Heilerin ist wesentlich für den Film, weil es den westlichen Blick herausfordert, der eine Dichotomie zwischen Modernität und Religion (Islam) sieht. Der Westen erkennt den Hidschāb (Kopftuch) als ein patriarchalisches Symbol, nur um seine eigenen westlichen patriarchalischen Werte zu bestreiten und zu verheimlichen. Aber Feminismus kann sowohl mit Hidschāb als auch ohne gleichermaßen funktionieren. In JUNCTION 48 können wir die Schwesternschaft zwischen den alten und den neuen Generationen sehen, porträtiert durch die Verbindung von Kareems Mutter und Manar. Während das westliche Publikum Hip-Hop als Widerspruch zu traditionellen Werten versteht, bieten wir traditionelle Werte an, die einen Riss in sich tragen. Vor dem Unfall als eine weltliche Linke und danach als eine traditionelle Heilerin, bleibt Kareems Mutter jemand, auf den sich ihr Sohn in Krisenzeiten verlassen kann.“

… nationalistische Rapper
„Beide Schauspieler, die die jüdischen Rapper in JUNCTION 48 spielen, sind echte Rapper, aber ihre Figuren und Namen im Film sind fiktional. Michael Moshonov (RPG) ist einer der hervorragendsten Schauspieler im aktuellen israelischen Kino. Der andere Rapper Babylon (67 Carat) spielt mehr oder weniger sich selbst. Einige israelische Rapper benutzen Musik als Propaganda für jüdischen Nationalismus; tatsächlich ist eine der führenden Stimmen der Rechten heute in Israel ein Rapper.“

… die Szene im Jacuzzi
„Ein Problem im gegenwärtigen israelischen Kino und in der Gesellschaft ist die Erfindung des sogenannten „Shooting and Crying“-Phänomens. In vielen israelischen Filmen, die von der Besetzung oder vom Krieg handeln, begeht ein Soldat ein Verbrechen, das er später bereut, damit ihm der Zuschauer vergeben kann. Dieses Ritual kann funktionieren unter der Bedingung, dass der israelische Soldat ein Subjekt ist während der Araber/Feind ein Objekt für die psychologische Geschichte des Soldaten ist. Im Gegensatz dazu schildert die Jacuzzi-Szene eine Person, die kein Soldat ist und die nicht heroisch wirkt. Im Monolog erleben wir das Entfernen der liberalen Maske des „Shooting and Crying“-Narrativs. Tatsächlich, im Gegensatz zum Bild des leidenden Soldaten, der moralische Vergebung sucht, gibt es in der heutigen israelischen Blogosphäre mehr als zehntausend Israelis, die schamlos nach purer Gewalt rufen. Aus diesem Grund erschauerte ich hinter dem Monitor, als der talentierte Michael Moshonov seinen Monolog im Jacuzzi hält.“

… die Widmung für Shulamit Aloni
„Ich widme JUNCTION 48 meiner geliebten Mutter, die ich vor zwei Jahren verlor. Shulamit Aloni war eine verblüffende Frau, die ihr ganzes Leben dafür kämpfte, Israel und Palästina zu einem besseren Ort zu machen. Alles, was ich über den Kampf um Gerechtigkeit und Menschenrechte weiß, habe ich von ihr gelernt. Eigenhändig machte sie Homosexualität in Israel legal. Sie brachte den Feminismus-Diskurs ins Gespräch. Sie kämpfte für die palästinensischen Rechte wie kein anderer Zionist vor ihr. Von ganzem Herzen wünschte ich, dass sie JUNCTION 48 hätte sehen können. Ich hoffe, dass dieser Film ihr Vermächtnis am Leben hält.“

… die Revolution
„Im letzten Jahr habe ich ein Projekt in Beziehung zu Joseph Beuys und Flüchtlingen entwickelt. Gleichzeitig trage ich die Last und die Liebe von Israel-Palästina, wo auch immer ich hingehe. Niemand hat mich gefragt, warum ich in dieser Zeit der Verzweiflung, immer noch so aktiv Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden zwischen zwei Völkern, die ich so sehr liebe, propagiere. Alles, das ich antworten kann, ist das, was der Philosoph Alain Badiou mir einst schrieb, nachdem ich einen Kameraden verloren hatte: „Die Revolution ist immer eine Überraschung, nie ein Resultat.“


HAUPTDARSTELLER UND KO-AUTOR TAMER NAFAR
„Mein langjähriger Freund und Regisseur Udi Aloni hat mir die Möglichkeit gegeben, Teile meines Lebens erneut zu leben. Es war mir sehr wichtig, Teil eines Films zu sein, der neutral auf Palästinenser schaut, eine Erinnerung an uns selbst, dass auch wir lieben, tanzen, Mütter haben…
Wir begegnen einer einzigartigen Situation, aber wir dürfen uns dadurch nicht von der übrigen Menschheit abgrenzen lassen. Unsere Mission mit JUNCTION 48 war es, den Geist dieser verlorenen Generation einzufangen, die gegen Unterdrückung mit ihrem Verstand und ihrer Kreativität kämpft. Diese jungen Träumer, die die Leidenschaft hinter der unausweichlichen Änderung sind, sind mutig genug zu wissen, dass Änderung aus dem Innern heraus beginnt.“

HAUPTDARSTELLERIN SAMAR QUPTY
„Was JUNCTION 48 zu so einem besonderen Film macht, ist, dass er eine spezielle Realität zeigt ohne sie aufzuhübschen. Er bringt eine komplizierte und problematische Realität zum Vorschein und trotzdem bleibt er ein Film über Hoffnung, über eine Generation, deren Stärke keine Grenzen kennt. Er handelt von mir, meiner Schwester, meiner Mitbewohnerin, meinen Freunden. Er begegnet uns auf Augenhöhe, weder als Superhelden noch Verlierern. Als palästinensische Frau, die täglich eine doppelte Unterdrückung spürt, bin ich voller Ehrfurcht vor der mutigen Manar, die ohne Angst für ihre Träume kämpft. Ich finde es auch lobenswert, dass JUNCTION 48 ein Tabu bricht und über Ehrenmord spricht.“
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