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Inhaltsverzeichnis
CAPERNAUM - Stadt der Hoffnung

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MEINE WELT IST DIE MUSIK - Der Komponist Christian Bruhn

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MANASLU

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SIBEL

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WESTWOOD

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GEGEN DEN STROM

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Donnerstag 10.01.2019
CAPERNAUM - Stadt der Hoffnung
Ab 17. Januar 2019 im Kino
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Zain (Zain Al Rafeea) ist gerade einmal zwölf Jahre alt. Zumindest wird er auf dieses Alter geschätzt. Der Junge hat keine Papiere und die Familie weiß auch nicht mehr genau, wann er geboren wurde. Nun steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Dem Richter schildert er seine bewegende Geschichte: Was passierte, nachdem er von zu Hause weggelaufen ist und bei einer jungen Mutter aus Äthiopien Unterschlupf fand und wie es dazu kam, dass er sich mit ihrem Baby mittellos und allein durch die Slums von Beirut kämpfen musste.  Ein Kind klagt seine Eltern an und mit ihnen eine ganze Gesellschaft, die solche Geschichten zulässt.
 

Ein Film von Nadine Labaki 
Mit: Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawthar Al Haddad u.a.


"Capernaum", ist eine Beschreibung biblischen Ursprungs, die sich vor allem im Arabischen und Französischen als Bild für einen Ort voller Chaos und Unordnung etabliert hat. Einen solchen Ort zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki (CARAMEL) in ihrer hochemotionalen Fabel. In visuell eindrucksvollen Kinobildern erzählt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG von den abenteuerlichen Lebensumständen jener, die von einem besseren Leben träumen, aber in unserer Welt keine Chance haben. Mitreißend inszeniert legt Nadine Labaki die Mechanismen unglaublicher, sozialer Ungerechtigkeit offen und gibt denen eine Stimme, die im Schatten leben, oft ohne Ausweispapiere und Arbeitsmöglichkeiten. Ein Film von großer Empathie und Menschlichkeit.   CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG wurde beim Filmfestival in Cannes minutenlang mit stehenden Ovationen gefeiert und gewann den Preis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury. Der Libanon schickt CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG ins Oscar-Rennen als Bester Nicht-englischsprachiger Film.
 
 
„Capernaum“ ein biblisches Fischerdorf am Nordufer des Sees Genezareth, Wohn- und Wirkungsort Jesu. Hergeleitet von der Menschenansammlung vor Jesus‘ Haus,  bedeutet es auch „ungeordnete Ansammlung von Objekten“ oder „Chaos“.  In diesem Sinne diente es Nadine Labaki als Inspiration.


LANGINHALT 
 
Beirut. In einem Gefängnis wird Zain (Zain Al Rafeea) untersucht. Ein Arzt schaut in den Mund des schmächtigen Jungen und stellt fest, dass er keine Milchzähne mehr hat. Das heißt, er wird vermutlich ca. zwölf Jahre alt sein. Zain verbüßt eine fünfjährige Haftstrafe, doch in einem weiteren Prozess tritt er als Kläger auf: Er verklagt seine eigenen Eltern, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Im Angesicht der Eltern, unterstützt von einer Anwältin (Nadine Labaki), legt Zain seinen Fall dar. In Rückblenden erzählt der Film seine Geschichte: 
 
Zain lebt mit seiner Mutter Souad (Kawthar Al Haddad) und seinem Vater Selim (Fadi Kamel Youssef) sowie mehreren Geschwistern in einem Armenviertel von Beirut. Die Eltern sind illegale Immigranten, die versuchen, sich mit dem Schmuggel von Drogen ins örtliche Gefängnis über Wasser zu halten. Damit ihr Jüngstes ihnen beim Drogenkochen nicht in die Quere kommt, wird das Kleine mit einer Kette am Fußgelenk angebunden. 
 
Neidvoll beobachtet Zain, wie andere Kinder des Viertels im Kleinbus zur Schule fahren, während er zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muss. Er führt Lieferungen aus für den Kleinhändler Assad. Die Familie ist in einem von Assads Häusern provisorisch unter schlechtesten Bedingungen untergebracht. Der Händler hat zudem ein Auge auf Zains kleine Schwester Sahar (Cedra Izam) geworfen. Zain, der die Beschützerrolle für seine Schwester übernommen hat, versucht alles, um Assad von ihr fernzuhalten. Als Zain seine Eltern bittet, zur Schule gehen zu dürfen, würde die Mutter es tatsächlich erlauben – sie sieht, wie viel Unterstützung und Essen andere Schulkinder bekommen. Davon könnte auch ihre Familie profitieren. Doch der Vater, der trinkt, hält nichts davon – sein Sohn soll lieber arbeiten. Außerdem will er Assad nicht verärgern. Um weiterhin in der Wohnung bleiben zu können, übergeben die Eltern die elfjährige Sahar schließlich für ein paar Hühner an Assad. Zain kann es nicht verhindern, für ihn bricht eine Welt zusammen. Nichts hält ihn mehr in seinem Zuhause, wutentbrannt läuft er davon. 
 
Im Bus trifft er einen alten Mann in einem abgewetzten Spider-Man-Kostüm und folgt ihm auf einen Jahrmarkt, wo er sich versteckt, in den Fahrgeschäften schläft und nach einem Job sucht. Dabei lernt er die junge äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) kennen. Sie arbeitet als Reinigungskraft, illegal, denn sie hat keine Papiere, und schmuggelt ihr Baby Yonas (Boluwatife Treasure Bankole) in einem Einkaufstrolley mit zur Arbeit. Rahil nimmt Zain bei sich in ihrer engen Unterkunft in den Slums auf, gibt ihm zu essen, und im Gegenzug kümmert sich Zain um das Baby, während Rahil zur Arbeit geht. Sie ist eine liebevolle Mutter, ihr Verhalten macht Zain umso deutlicher, was ihm selbst von seinen Eltern versagt bleibt. 
 
Rahil versucht verzweifelt, Geld zu sparen für neue Papiere, weil sie mit ihrem Kind nach Europa fliehen will. Immer wieder spricht sie deshalb bei Aspro (Alaa Chouchnieh) vor, der einen Stand auf einem der Märkte Beiruts betreibt und ihr die Papiere versprochen hat. Aspro hat es auf den kleinen Yonas abgesehen, den er an eine Familie verkaufen will. Er versucht Rahil davon zu überzeugen, dass ihr Sohn bei anderen Eltern ein besseres Leben hätte. So verzweifelt Rahil auch ist, Yonas würde sie nie hergeben. 
 
Als Rahil eines Tages in einem Cybercafé mit ihrer Mutter telefoniert um ihr zu erklären, dass sie in diesem Monat kein Geld schicken könne, wird sie bei einer Razzia verhaftet. 

Vergebens wartet Zain auf Rahil. Er hat keine Ahnung, was passiert ist. Ganz auf sich allein gestellt macht der Junge sich schließlich mit dem Baby auf den Weg, Rahil zu suchen. Wenn er etwas erbettelt, kauft er dafür Milch für den Kleinen. Auch er landet bei Aspro, der ihm Geld für Yonas anbietet – und ihm verspricht, ihm bei der Ausreise zu helfen. Mit einem anderen kleinen Mädchen aus dem Bazar schmiedet Zain Pläne – Wohin würden sie gehen? In die Türkei oder nach Schweden? Tagelang kämpft sich Zain mit Yonas im Schlepptau durch die Slums. Nachdem sie auch noch aus der „Wohnung“ vertrieben wurden und ihren Schlafplatz verloren haben, ist Zain am Ende seiner Kraft. Er sieht keinen anderen Ausweg, als Yonas bei Aspro zu lassen.
 
Anschließend kehrt er nach Hause zurück, um ein Papier zu suchen, das seine Existenz belegt. Nur damit kann er die von Aspro versprochenen Ausreisepapiere bekommen. Aber es gibt kein Dokument: Aus Geldmangel haben die Eltern ihr Kind nicht offiziell registrieren lassen. Stattdessen zeigen sie ihm ein anderes Schreiben, das Sahars Tod bescheinigt. Außer sich vor Wut und Trauer über den Tod der Schwester stürzt Zain zu Assad, mit einem Messer bewaffnet ... 
 
Im Gerichtssaal wird klar, warum Zain eine fünfjährige Haftstrafe verbüßt. Er hat Assad, für ihn der Mörder seiner Schwester, mit dem Messer so verletzt, dass dieser nun im Rollstuhl sitzt. Vor dem Richter sagt Assad aus, dass er Sahar geliebt habe und nicht wusste, dass sie zu jung für die Ehe war. Seine Schwiegermutter sei schließlich auch in dem Alter verheiratet worden. Doch Sahar habe während der Schwangerschaft Blutungen bekommen und sei vor den Toren des Krankenhauses gestorben. Die Ärzte verweigerten eine Behandlung, weil Sahar keine Papiere hatte. 
 
Die Eltern legen vor dem Richter und Zains Anwältin ein verzweifeltes Zeugnis ihrer Situation ab. Sie schildern ihre Lebensumstände, um ihr Verhalten zu erklären. Die Mutter arbeite wie ein Tier, um ihre Kinder am Leben zu halten. „Stellen Sie sich vor, sie müssten ihren Kindern Eiswürfel mit Zucker zu essen geben, weil sie sonst nichts haben.“ Sie selbst sei schon genug ihr eigener Richter. Was der Anwältin einfiele, sich ein Urteil über sie zu erlauben, sie habe keine Vorstellung von der Härte ihres Lebens. 
 
Als Zains Mutter den Sohn im Gefängnis besucht und ihm erzählt, dass sie wieder schwanger ist, ist Zain entsetzt. Ein Kind wurde ihr genommen, ein neues von Gott gegeben, so ihre Sicht der Dinge. Zain will sie nie wieder sehen und verlangt vor Gericht, dass seinen Eltern verboten wird, weitere Kinder in die Welt zu setzen. „Es kann doch nicht sein, dass sich Eltern nicht um ihre Kinder kümmern. All die Beschimpfungen und Schläge, keine Liebe. Ich lebe in der Hölle. Gott will wohl nicht, dass wir respektiert und geliebt werden. Wir sind nichts als Fußabtreter!“
 
Dass seine schwangere Mutter das neue Kind zur Welt bringt, kann Zain wohl nicht verhindern. Aber Aspro kann von der Polizei verhaftet und Yonas wiedergefunden werden. Kurz vor ihrer Abschiebung kann Rahil ihr Baby wieder in die Arme schließen. Und Zain wird fotografiert: Er bekommt einen Ausweis, den ersten seines Lebens – und zum ersten Mal huscht ein scheues Lächeln über sein Gesicht.
 
 

INTERVIEW MIT DER REGISSEURIN NADINE LABAKI
 
Warum haben Sie Ihrem Film den Titel CAPERNAUM gegeben?
Der Titel hat sich ergeben, ohne dass mir das wirklich bewusst war. Als ich angefangen habe, über den Film nachzudenken, hat mein Ehemann Khaled vorgeschlagen, dass ich all die Themen, die ich ansprechen will, all die Obsessionen, die mich zu der Zeit beschäftigten, auf eine Tafel in der Mitte unseres Wohnzimmers schreibe. So verfahre ich meist mit den Ideen, die ich entwickeln will. Beim Blick auf die Tafel einige Zeit später sagte ich zu Khaled: In Wahrheit ergeben all diese Themen ein „Capernaum“. Das ist der Film: ein echtes Chaos.
 
Was waren die ersten Ideen, die Sie auf die Tafel geschrieben haben?
Ich habe immer den Drang, das bestehende System und seine Widersprüche in meinen Filmen in Frage zu stellen, oder mir alternative Szenarien vorzustellen. Als wir mit CAPERNAUM begannen, waren die Themen: illegale Einwanderer, misshandelte Kinder, die Bedeutung von Grenzen und ihre Absurdität, der Umstand, dass wir ein Stück Papier brauchen, um unsere Existenz zu beweisen, Rassismus, die Furcht vor dem Anderen, Gleichgültigkeit gegenüber den Rechten von Kindern ...
 
Dann haben Sie beschlossen, das Thema Kindheit in den Mittelpunkt zu stellen ...
Die Idee, misshandelte Kindheit in den Mittelpunkt des Films zu stellen, entstand parallel zu diesem  Brainstorming. Sie resultierte aus einem herzzerreißenden Ereignis aus der Zeit, als ich meine Pläne  entwickelte. Auf dem Heimweg von einer Party gegen 1 Uhr morgens hielt ich an einer Ampel und sah genau unter meinem Fenster ein Kind, halb schlafend in den Armen seiner Mutter, die am Straßenrand saß und bettelte. Was mich am härtesten traf, war, dass dieser Zweijährige nicht weinte. Es schien, dass er nichts weiter wollte, als schlafen. Das Bild seiner sich schließenden Augen hat mich nicht losgelassen. Als ich nach Hause kam, musste ich etwas damit anfangen. Ich zeichnete ein Kindergesicht, das in die Gesichter von Erwachsenen schrie, als würde es sie dafür verantwortlich machen, es in eine Welt gesetzt zu haben, die es all seiner Rechte beraubt. Das war die Grundlage, von da aus entwickelte sich die Idee für CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG. Die Kindheit als Ausgangspunkt, weil offensichtlich das die Phase ist, die den Rest unseres Lebens bestimmt. 
 
Wovon handelt Ihr Film?
CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG erzählt von der Reise des zwölfjährigen Zain, der entscheidet, seine Eltern zu verklagen, weil sie ihn in diese Welt gesetzt haben, obwohl sie ihn nicht ordentlich großziehen, bzw. ihm nicht einmal Liebe geben können. Der Kampf dieses misshandelten Jungen, dessen Eltern ihrer Aufgabe nicht gerecht werden, klingt wie der Schrei all derer, die von unserem System vernachlässigt werden. Eine universelle Anklage durch die Augen eines Kindes…
 
Welchen Hebel wollen Sie mit CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG, mit ihrem Kino generell, in Bewegung setzen?
Kino sehe ich in erster Linie als Mittel, das gegenwärtige System – und meine Rolle darin – in Frage zu stellen, indem ich meinen Standpunkt über die Welt präsentiere.  Auch wenn ich durch meine Filme, und vor allem durch CAPERNAUM, eine verstörende und harsche Realität zeige, bin ich zutiefst idealistisch in meinem Glauben an die Kraft des Kinos. Ich bin überzeugt, dass Filme, wenn nicht Dinge ändern, zumindest helfen können, eine Debatte darüber zu eröffnen, oder Menschen zum Denken anzuregen. Statt das Schicksal dieses Kindes zu beklagen, das ich auf der Straße sah und mich noch hilfloser zu fühlen, als ich es ohnehin schon tue, benutze ich meinen Beruf als Waffe und hoffe, damit Einfluss auf das Leben des Kindes zu nehmen – auch wenn ich nur dabei mithelfe, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Situation zu lenken. Der Auslöser war mein Bedürfnis, den Scheinwerfer auf das versteckte Gesicht von Beirut (und den meisten großen Städten) zu richten, das Alltagsleben derer zu beleuchten, für die Elend ein Schicksal ist, dem sie nicht entkommen können. 
 
Alle Schauspieler sind Menschen, deren Leben dem ihrer Filmfiguren ähnlich ist. Warum haben Sie diese Wahl getroffen?
Ja, Zains wirkliches Leben ist, in mehreren Aspekten, dem seiner Figur ähnlich. Das gilt auch für Rahil, eine Person ohne Papiere. Zur Figur von Zains Mutter inspirierte mich eine Frau, die ich getroffen habe, die 16 Kinder hat und unter denselben Bedingungen wie im Film lebt. Sechs ihrer Kinder starben, andere waren in Waisenhäusern, weil sie sich nicht um sie kümmern konnte.  Die Frau, die Kawthar spielt, gab in der Realität ihren Kindern Zucker und Eiswürfel zu essen. In dieser Besetzung, in der selbst der Richter im wirklichen Leben Richter ist, war ich die einzige „falsche Note“. Deshalb wollte ich meinen Auftritt sehr klein halten. Das Wort „play“, Spielen vor der Kamera, war immer ein Problem für mich – ganz besonders bei CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG, wo absolute Aufrichtigkeit der Schlüssel ist. Das schulde ich all denen, für die der Film als Sprachrohr ihrer Belange dient. Es war entscheidend, dass die Darsteller die Bedingungen, die wir zeigen, kannten. Das gibt ihnen die Legitimation, über ihre Anliegen zu sprechen. Ohnehin denke ich, es wäre für Schauspieler unmöglich gewesen, Menschen mit einem so schweren Gepäck zu spielen, die in einer Hölle leben. Mein Film soll unter die Haut meiner Figuren gehen, anstatt anders herum. Deshalb war Street-Casting eine naheliegende Wahl. Und wie durch ein Wunder – und ich bin überzeugt, dass irgendeine Kraft unseren Film beschützt hat – ergab sich alles. Als ich meine Figuren schrieb, tauchten sie auf der Straße auf, und meine Casting-Direktorin fand sie. Ich musste sie nur bitten, sie selbst zu sein – ihre eigene Wahrheit reichte aus. Ich war fasziniert, fast verliebt darin, wer sie sind, wie sie sprechen, agieren und sich bewegen. Ich bin glücklich, denn es war auch und vor allem ein Weg, ihnen den Film als Ort anzubieten, sich selbst auszudrücken, ein Raum, wo sie ihr Leiden darlegen konnten. 
 
Über Zains Anklage hinaus ist der Motor der Geschichte die Reise eines Jungen ohne Papiere ...
Zain hat keine Ausweispapiere und existiert im rechtlichen Sinne folglich eigentlich nicht. Sein Fall ist symptomatisch für ein Problem, das der Film aufwirft – die Legitimität eines menschlichen Wesens. Während meiner Recherchen bin ich auf so viele ähnliche Fälle von Kindern gestoßen, deren Dasein nicht dokumentiert ist, weil ihre Eltern es sich nicht leisten konnten, die Geburt zu registrieren. Sie sind und bleiben unsichtbar für die Augen des Gesetzes und der Gesellschaft. Viele kommen ums Leben, unbemerkt, oft aus Vernachlässigung, Unterernährung oder schlicht, weil sie keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben. Sie sterben, ohne dass jemand davon Notiz nimmt, weil sie nicht existieren. Sie alle sagen, und meine Recherche kann dies belegen, dass sie nicht glücklich sind, auf die Welt gekommen zu sein.
 
Die Dreharbeiten begannen kurz nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter ...
Meine Tochter Mayroon ist ungefähr im gleichen Alter wie Yonas. Diese doppelte Erfahrung am Set und in meinem Privatleben, mein Versuch, beides in Einklang zu bringen, hat sicher meine Beziehung zu dem Film und diesem überwältigenden Abenteuer vertieft. Auch wenn ich zwischen den Szenen nach Hause gehen und stillen musste, auch wenn ich kaum geschlafen habe, hat mich eine unerklärliche Kraft während der Dreharbeiten angetrieben. Es war unglaublich. 
 
Rahil ist Äthiopierin. War das eine bewusste Wahl?
Unbewusst wollte ich, dass die Heldin dieses Films eine farbige Frau ist. Im Libanon sind viele Frauen wie Rahil gezwungen, ihre Familien zu verlassen, ihre eigenen Kinder, um für andere Familien zu arbeiten. Dort werden sie zu unsichtbaren Frauen, denen alle Emotionen, das Recht zu lieben, untersagt sind. Oft sind sie Opfer von Rassismus oder schlechter Behandlung durch die Arbeitgeber, die sie nicht so sehen wie ihre anderen Angestellten – einzig und allein, weil sie farbige Frauen sind. Sie dürfen nicht lieben, keine Kinder haben ... Auch hier wieder, die Szene beim Anwalt (wo Harout so tun muss, als würde sie sich von Rahil trennen und stattdessen eine Philippinin einstellen, die der Familie mehr Prestige bringen würde), zeigt die Inkongruenz eines Systems, das diese Frauen nicht nur als Eigentum betrachtet, sondern sie auch kategorisiert. Mein Wunsch war, diese Frauen zu feiern, so wie sie es verdienen.
 
Was waren die Gemeinsamkeiten zwischen der Fiktion des Films und der Realität? 
Es gibt viele Resonanzen, die dieses Abenteuer so magisch machten. An dem Tag, an dem wir die Szene drehten, in der Rahil im Cybercafe verhaftet wird, wurde sie tatsächlich verhaftet, weil sie keine Papiere hatte. Das war kaum zu glauben. Wenn sie im Film anfängt zu weinen, als sie ins Gefängnis gesteckt wird, sind ihre Tränen echt, weil sie diese Situation real durchlebt hat. Ebenso Yonas, dessen wirkliche Eltern während des Drehs verhaftet wurden. Das junge Mädchen, das ihn spielt (ihr Name ist Treasure) musste drei Wochen lang bei der Casting-Direktorin leben. All diese Momente, wo Fiktion und Realität aufeinandertreffen, tragen zweifellos zur Wahrheit des Films bei.
 
Der Film befasst sich auch mit Fragen der Migration. War das wichtig?
Im Film wird das Thema durch die Figur Mayssouns aufgeworfen. Mir war es wichtig, davon durch die Kinder zu erzählen, die über diese Reisen fantasieren, über die sie nichts wissen. Diese Kinder, die ins Erwachsensein geworfen werden, in eine harte und brutale Existenz, gegen ihren Willen.
 
Sehen Sie Ihren Film als Dokumentarfilm an?
CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG ist Fiktion, mit all den Elementen, die ich während meiner Recherchen erlebt habe und deren Zeugin ich wurde.  Nichts entstammt der Fantasie oder ist erfunden. Im Gegenteil. Was Sie sehen ist das Ergebnis meiner Besuche in armen Gegenden, Besserungsanstalten und Jugendgefängnissen, die ich allein aufgesucht habe, versteckt hinter Sonnenbrille und Hut. Ich habe drei Jahre lang für den Film recherchiert, denn ich musste genau Bescheid wissen. Alles klar sehen, was ich selbst nicht erlebt habe. Während dieser Zeit merkte ich, dass ich ein komplexes und sensibles Feld anpacke, eines, das mich umso mehr berührte, weil es mir fremd war. Ich habe gespürt, dass ich in die Realität dieser Menschen und ihrer Geschichten eintauchen musste, mich auf ihren Zorn, ihre Frustration einlassen, so dass ich es am besten im Film vermitteln konnte. Ich musste an die Geschichte glauben, ehe ich sie erzählen konnte.  Die Dreharbeiten fanden in den Armenvierteln der Stadt statt, zwischen Mauern, die identische Tragödien gesehen haben, mit einem Minimum an Sets, und Schauspielern, die angehalten waren, einfach sie selbst zu  sein. Ihre Erfahrung ging in die Arbeit ein. Auch deshalb dauerten die Dreharbeiten ganze sechs Monate und wir hatten am Ende 520 Stunden Material.

Dennoch scheint die Vorstellung eines Kindes, das seine Eltern verklagt, unrealistisch ...
Die Tatsache, dass Zain seine Eltern anklagt, ist eine symbolische Geste im Namen all der Kinder, die sich nicht ausgesucht haben, geboren zu werden, und denen es möglich sein sollte, von ihren Eltern ein Minimum an Rechten zu verlangen. Zumindest das Recht, geliebt zu werden. Ich wollte, dass der Prozess realistisch aussieht, mit Fernsehkameras und verschiedenen Medien, die Zain vor Gericht unterstützen. 

Im Gerichtssaal treffen alle Beteiligten schließlich aufeinander.
Die Idee des Gerichts war notwendig, um der Verteidigung einer ganzen Gruppe von Menschen Authentizität zu verleihen. Diese Anhörung erlaubt ihnen, ihre unterdrückten und ignorierten Stimmen zu erheben und endlich gehört zu werden. Daher habe ich Zains Mutter gebeten, sich bei ihrer Verteidigung vor dem Richter genauso zu verhalten, als würde sie ihren Fall im wirklichen Leben einem Anwalt schildern. Sie hat sich als Kawthar, als sie selbst ausgedrückt, was ihr erlaubte, das auszusprechen, was ihr ein Leben lang verboten war. Das Tribunal hat auch den Zweck, uns mit unserem Versagen zu konfrontieren, unserer Unfähigkeit im Angesicht von der Armut und dem Elend zu handeln, die in der Welt herrschen.
 
Ist es nicht auch ein Weg, uns zum Richten zu zwingen?
Im Gegenteil. Das Gericht dient dazu, die verschiedenen Standpunkte, die verschiedenen Meinungen zu sehen und zu hören. Wir verurteilen die Eltern, dann verzeihen wir ihnen.  Das spiegelt meine eigene Erfahrung wider. Konfrontiert mit Müttern, die die Rechte ihrer Kinder vernachlässigen, habe ich mich dabei ertappt, dass ich sie verurteilte. Aber je mehr ich über sie erfuhr, über die Hölle, die sie durchmachen, die Unbeholfenheit und das Nichtwissen, das oft dazu führt, dass sie ihrem eigenen Fleisch und Blut Unrecht tun, war für mich ein Schlag ins Gesicht. Die Idee ist, dass man sich fragt: „Wie komme ich dazu, diese Leute zu hassen oder zu verurteilen, über deren Erfahrungen und Alltagsrealität ich nichts weiß?“
 
Sehen Sie CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG als libanesischen Film?
In Bezug auf die Produktion und die Locations auf jeden Fall. Die Geschichte geht aber darüber hinaus. Es ist die Geschichte all derer, die keinen Zugang zu elementaren Rechten haben, Bildung, Gesundheit und auch Liebe. Diese dunkle Welt, in der sich die Figuren bewegen, ist symptomatisch für eine Zeit. Was sich dort abspielt, spielt sich in jeder großen Stadt der Welt ab. 
 
Es scheint, als würde dieser Film einen Einschnitt in Ihrer Karriere markieren, ein Schritt weg von Ihrer bisherigen Arbeit, die immer von einem gewissen Optimismus bestimmt war ...
Zain hat am Ende insofern Erfolg, als er seine Papiere bekommt, Rahil nimmt wieder den Kontakt zu ihrem Sohn auf. Für beide konnten wir auch im realen Leben ihre Situation im Libanon legalisieren. Dieses Mal wollte ich, dass sich das Happy End nicht auf die Leinwand beschränkt, und ich hoffe, das überträgt sich auch in die Realität durch die Diskussionen, die der Film eröffnen kann. CAPERNAUM – STADT DER HOFFNUNG hat den Schauspielern einen Raum gegeben, in dem sie ihr Leid und das Unrecht hinausschreien dürfen und Gehör finden. Allein das ist schon ein Sieg.
 
Was wünschen Sie sich, was wollen Sie im Idealfall mit dem Film erreichen?
Der ultimative Traum wäre, dass die, die in der Verantwortung stehen, ein Gesetz schaffen, eine wirkliche Struktur, um schlecht behandelte und vernachlässigte Kinder zu schützen. Um diesen Kindern, die nichts anderes sind als Gottes Wille oder die Frucht eines sexuellen Drangs, eine Art von Unantastbarkeit zu geben. 
 
 
Autor: Siehe Artikel
Montag 31.12.2018
MEINE WELT IST DIE MUSIK - Der Komponist Christian Bruhn
Ab 10. Januar 2019 im Kino
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Jeder kennt Christian Bruhns Musik - kaum ist ein Songtitel genannt, klingt er automatisch im Ohr oder man begegnet den Sounds live in DJ Sets oder auf dem Oktoberfest. Doch ihn, den Urheber und Komponisten, kennen die wenigsten. Christian Bruhn, der Mozart verehrt und im Herzen ein Jazzer ist, ist einer der erfolgreichsten, deutschen Unterhaltungsmusikkomponisten. Er hat Hits geschaffen, wie Marmor Stein und Eisen bricht, Wunder gibt es immer wieder, Zwei kleine Italiener, Liebeskummer lohnt sich nicht, Ein bisschen Spaß muss sein u.v.a. Aber auch die Titelmusik zu TV Serien wie Captain Future und Timm Thaler oder einen Liederzyklus aus Heinrich Heine Gedichten für seine frühere Ehefrau Katja Ebstein. Sein Werkverzeichnis umfasst mehr als 2.500 Titel. Wer ist dieser Mann? „Es war mir nie wichtig auf der Straße erkannt zu werden, die Leute sollen meine Melodien pfeifen“, sagt Bruhn, der Musik als sein absolutes Lebenselixier bezeichnet.

Dokumentarfilm über den Mann, der Marmor, Stein und … Wunder schuf

mit Christian Bruhn, Katja Ebstein, Harold Faltermeyer, Ralph Siegel, Klaus Doldinger, Erika Bruhn, Curt Cress, Toni Netzle, Johannes Bruhn, DJ Hell, DJ Sepalot

MEINE WELT IST DIE MUSIK ist der erste Dokumentarfilm über Christian Bruhn und das einfühlsame, ansteckend beschwingte Portrait eines Mannes, der von Anfang der sechziger Jahre bis heute generationsübergreifend die Menschen mit seiner Musik begleitet und berührt hat. Marie Reich (Regie und Drehbuch) und Constantin Ried (Produktion, Idee, Drehbuch) und ihr Team geben Einblick in Christian Bruhns Leben und sein vielschichtiges Werk, das einen immer wieder überrascht. Christian Bruhn öffnete sein Herz und seine Türen für das Filmteam und erzählt auf unterhaltsame Weise aus seinem Leben oder lässt die Musik es tun.

Über drei Jahre haben die Filmemacher den sehr eloquenten und mit viel Humor ausgestatteten Komponisten, der im Oktober 2018 seinen 84. Geburtstag feierte, begleitet. Sie haben ihm bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut, sind mit ihm gereist und haben einen Remix seiner Filmmusik zu “Timm Thaler” begleitet, den kein Geringerer als DJ HELL – elektronische Musiklegende – zusammen mit DJ SEPALOT (von der ehem. bayer. RAP Erfolgsband „Blumentopf“) aufgenommen hat. Langjährige Begleiter wie Katja Ebstein, Erika Bruhn, Ralph Siegel, Harold Faltermeyer, Klaus Doldinger kommen zu Wort.


MEINE WELT IST DIE MUSIK. Der Komponist Christian Bruhn.

Jeder kennt seine Hits. Aber ihr Macher, Christian Bruhn, hat sich im Hintergrund gehalten. Seine populärsten Kompositionen wie „Liebeskummer lohnt sich nicht“, „Wunder gibt es immer wieder“, „Ein bisschen Spaß muß sein“ oder „Marmor, Stein und Eisen bricht“ haben Generationen übergreifend die Menschen begleitet. Nach wie vor werden diese Lieder gehört und geliebt. Zudem hat Bruhn Generationen von film- und fernsehbegeisterten Kindern und Familien unvergessliche Ohrwürmer geschenkt mit seinen Titelmelodien und Filmmusiken zu den TV-Serien „Timm Thaler“, „Silas“, „Captain Future“, „Jack Holborn“, „Wicki und die starken Männer“, „Heidi“, „Sindbad“ , „Manni der Libero" (mit Tommy Ohrner als Kinderstar der 80er) und „Die rote Zora“  , um nur einige zu nennen. Er hat es geschafft, den Geist seiner Zeit zu erspüren, aufzugreifen und in Musik zu verwandeln. Der mittlerweile 84-jährige Christian Bruhn hat Deutschlands populäre Musik geprägt wie wenig andere vor ihm.

1934 in Wentdorf bei Hamburg geboren, wuchs Bruhn in einem bürgerlichen, intellektuellen Hause auf. Seine Eltern waren sehr Kunst und Musik interessiert, Thomas Mann, Erich Kästner, Emil Nolde oder August Macke gehörten zum Freundeskreis. So studierte der junge Bruhn auch erst einmal Klavier und Klarinette und lernte dabei ganz solide sein Handwerk als klassischer Musiker. Doch von Anfang an war er der leichten Unterhaltungsmusik verfallen, wie er selbst sagt. Sehr zum Leidwesen seines Vaters. Seine Mutter unterstützte ihn dagegen immer. Nach seiner Ausbildung, begann er sofort als Musiker zu arbeiten und tourte mit verschiedenen Jazz-Combos durch Deutschland bis er schließlich 1956 in München landete.
Von nun an ging es langsam, aber stetig bergauf. In der lebendigen, wilden Münchner Live-Musik-Szene fasste er schnell Fuß, wurde Arrangeur bei der Plattenfirma Tempo und begann eigene Songs zu produzieren. Sein erster großer Hit „Zwei kleine Italiener“ gewann 1962 die Deutschen Schlagerfestspiele in Baden-Baden.
Danach lief alles fast wie von selbst. Ein Song folgte auf den anderen, Christian Bruhn arbeitete mit allen Größen aus dem Showgeschäft. Conny Froboess, Katja Ebstein, Jack White, Roy Black, Udo Jürgens, Ralph Siegel, Mireille Mathieu, Drafi Deutscher, Manuela, Fred Jay, Rudolf Kunze, Rudolf Loose, Georg Buschor und viele, viele andere gehörten und gehören zu seinem Freundeskreis, seiner Familie oder zu seinen Kollegen. Es war eine wilde Zeit, in der sich ausprobiert, experimentiert, gefeiert und gelebt wurde. Trotzdem schrieb Christian Bruhn ohne Pausen Hits. 1970 belegte Katja Ebstein den 3. Platz beim Eurovision Songcontest mit „Wunder gibt es immer wieder“, für Mireille Mathieu schriebt er ab Ende der sechziger Jahre an die hundert Lieder, darunter einige Top Ten Songs.

Ende der Siebziger Jahre begann dann vermehrt die Arbeit an Filmmusiken und Werbejingels (z.B. „Milka-Schokolade – die zarteste Versuchung.) Neben den Titelsongs für „Heidi“, „Wicki und die starken Männer“ und „Captain Future“, entstanden Filmmusiken für „Timm Thaler“ „Jack Holborn“, „Silas“, „Nesthäkchen“ und viele andere. Gleichzeitig vertonte er aber auch Gedichte von Heinrich Heine – Katja Ebstein ist bis heute damit erfolgreich auf Bühnen unterwegs -, komponierte Liederzyklen zu vielen Werken von Wilhelm Busch und James Krüss, schrieb Musicals, Lieder für Kinder, spielte sein Leben lang immer wieder in verschiedenen Jazz-Bands, liebt die Klassik, die Literatur und die Malerei.

1991 wurde Christian Bruhn Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA, der er für 18 Jahre blieb und später auch Professor an der Hochschule für Musik Nürnberg/Augsburg.
Er bekam unzählige Preise und Auszeichnungen, darunter den Paul-Lincke-Ring, die Goldene Stimmgabel für sein Lebenswerk, die Richard-Strauss-Medaille und viele mehr.

Christian Bruhn hat 5 Ehen geschlossen und ist Vater zweier Kinder. 1972 heiratete er Katja Ebstein, 1976 Erika Götz (Gitti&Erika), die erfolgreichsten Sängerinnen unter seinen Frauen. Auch wenn es heute, mit über 80, leiser um ihn geworden ist, strotzt er dennoch weiterhin vor Tatendrang. Er schreibt immer noch Musik, arbeitet an verschiedenen Musical-Ideen und verbringt am liebsten nach wie vor seine Tage im hauseigenen Musikstudio. Mit seinem Sohn Johannes am Schlagzeug spielt Christian Bruhn regelmäßig in einer Band zusammen. Er selber sitzt dabei am Keyboard



Kommentar der Filmemacher

Wir, die spätere Generation, kennen die Musik von Christian Bruhn. Sie hat uns beim Heranwachsen begleitet, ohne dass wir wussten, wer eigentlich dahintersteckt. Sei es, dass ein Schlager von ihm bei Oma und Opa im Radio lief, - oder die Fernsehserien, die sich die ganze Familie zu Weihnachten angesehen hat, vielleicht mit einem bekannten Werbejingle davor. Später begleiteten uns die Programme der „ZDF-HITPARADE“ in der Disco.

Da wir alle sehr mit Musik verbunden sind, hat uns Bruhns große Bandbreite fasziniert, die heute, da ein Schablonendenken in der Musikindustrie vorherrscht, nicht mehr zu finden ist. Seine erstklassigen Filmmusiken sind im Grunde nur mit den orchestralen Scores der großen europäischen und amerikanischen Filmkomponisten vergleichbar. Seine eingängigen Schlager haben die Zeiten überlebt und sind heute Folie für Neubearbeitungen von Bands oder DJ’s.  Bruhn, einer der erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikproduzenten der Schlagerbranche in der Nachkriegszeit, war aber auch ein großer Entdecker junger Talente. So verdanken ihm Manuela, Drafi Deutscher und viele mehr ihre Bekanntheit.

Christian Bruhn ist ein sehr unterhaltsamer Erzähler. In einer Zeit, in der dem deutschen Schlager einen großen medialen Präsenz zuteil wird, wollten wir noch einmal auf die Anfänge dieser Musik zurücksehen und das musikalische Schaffen von Christian Bruhn in seiner Vielfältigkeit aufzeigen. So entstand das Porträt eines großen deutschen zeitgenössischen Komponisten der Unterhaltungsbranche.  Seine Filmmusiken sind heute Kult. Am bekanntesten ist sein Filmmusikalbum „Captain Future“, das heute in Elektro - Clubs oft aufgelegt wird. Die LP erzielt in Sammlerkreisen hohe Preise. Viele namhafte DJs haben davon Remixes gemach.  Da die Filmmacher von den Musikverlagen, Labels und Künstlern unterstützt wurden konnten Sie mehr als 50 Titel im Film verwenden und so einen gr0ßen Umfang des Werks zeigen.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 27.12.2018
MANASLU
Ab 3. Januar 2019 im Kino
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Der Everest Rekord Bezwinger Hans Kammerlander stellt sich nach 26 Jahren seinem Schicksal am MANASLU in Nepal (8163 Meter). Ein Freund stürzte ab, der andere wurde nur wenige Meter neben ihm vom Blitz erschlagen. Hans, dem Wahnsinn nahe, überlebte!

Nach seinen Erfolgsfilmen MOUNT ST. ELIAS und STREIF kehrt Regisseur Gerald Salmina mit einem spektakulären, wie bewegendem Portrait von einem der größten Bergsteiger unserer Zeit zurück auf die Kinoleinwand.

Ein Film von Gerald Salmina   
Mit Hans Kammerlander, Werner Herzog, Stephan Keck u.v.a.


INHALT

Die Idee zum Film basiert auf der Lebensgeschichte von Hans Kammerlander, seine größten Erfolge und Tragödien.

HANS KAMMERLANDER und der MANASLU 
Hans Kammerlander wurde 1996 mit der bis heute schnellsten Besteigung über die Nordroute zum Gipfel des Mount Everest in der Rekordzeit von 16h 40min weltberühmt. Noch unglaublicher war es im Anschluss als erster Mensch vom Gipfel des höchsten Berges der Welt mit Skiern abzufahren. Seine schmerzvollste Tragödie erlitt Hans Kammerlander 1991 am Manaslu in Nepal, wo er zwei seiner besten Freunde verlor. Einer stürzte aus unerfindlichen Gründen ab, der andere wurde neben ihm vom Blitz erschlagen. Hans, selbst in akuter Lebensgefahr, überlebte das Gewitter am Rande des Wahnsinns. Es war ein Berggewitter, das es gar nicht geben durfte. Durch die brennenden Ölfelder im Golfkrieg erreichten 1991 Partikel in der Atmosphäre sogar den Himalaya, wodurch es auch in großen Höhen zu elektrisch aufgeladenen Hochspannungsfeldern kam.
Das Ziel der Seilschaft Stephan Keck und Hans Kammerlander war es, im Herbst 2017 an den Manaslu zurückzukehren, um ihn endlich zu besteigen und anschließend von dem 8163 Meter hohen Gipfel mit Skiern auf einer neuen Route abzufahren. Mit der Besteigung stellt sich Hans Kammerlander nach 26 Jahren nicht nur erneut dem Berg, sondern auch der Tragödie von 1991, die er bis heute nicht verarbeiten konnte. Nicht zuletzt hat er deshalb darauf stets verzichtet einer der ersten zu sein, der alle Achttausender ohne Sauerstoff bestiegen hat. 

HANS KAMMERLANDER – REKORDE am MT. EVEREST
Hans Kammerlander ist wahrhaftig einer der ganz großen Bergsteiger. Es ist ihm gelungen Gipfelerfolge zu feiern, die nicht wiederholbar sind. Am Beginn seiner Karriere begleitete er Reinhold Messner auf die letzten 7 von 14 Achttausendern von Messner, womit Hans maßgeblich am Erfolg Messners beteiligt war.
Hans hat danach nach eigenen Zielen gesucht und „Speed-Bergsteigen“ zu einer Zeit geprägt, als sich niemand vorstellen konnte, dass dies jemals realisierbar sein wird. Er wollte nichts riskieren, sondern nur so sicher wie möglich zum Gipfel gelangen. Schnelligkeit war für ihn die größte Sicherheit. Seine Zauberformel war, dass er mit minimalistischer Ausrüstung, Proviant und Gepäck, ohne Hochlagerkette und Fixseile zum Gipfel marschiert und dabei nur auf seine geistige und körperliche Leistungsfähigkeit vertraut.
Hans Kammerlander hat auf die trügerische Sicherheit zu großer Rucksäcke voll mit Notfallplänen und „Versicherungen“ verzichtet. Eine Metapher für das Leben generell. Alles mit der anspruchsvollen Ethik, es ohne künstlichen Sauerstoff zu schaffen. Seine unbegreifliche Zeit von 16h 40min über die Nordroute am Mt. Everest wurde bis heute nicht unterboten. Eine nicht nachvollziehbare Leistung, die er sogar noch verdoppelte, indem er nach der Rekordbesteigung, als erster Mensch mit Skiern vom höchsten Punkt der Erde, die Nordseite hinunterfuhr. Die Tatsache, dass es nach 21 Jahren keine gleichwertige Wiederholung für diese Speed-Skibergsteiger-Kombination am Mount Everest gibt, ist bezeichnend für die Ausnahmestellung von Hans Kammerlander als Alpinist.

DIE PRODUKTION:
Der Film versucht ein Bild über einen Menschen zu zeichnen, der sein Leben den Bergen gewidmet hat, schmerzvolle Tragödien, viele Verluste und große Triumphe erlebte. Ein Mann, der sich selbst immer wieder fragt: „Warum lebe ich noch und warum sind die meisten meiner Freunde tot?“
Die Geschichte versucht, wertungsfrei zu hinterfragen, was ihn immer noch in die Berge treibt und wie es trotz der Tragödien für ihn möglich ist „weiterzugehen“. Ein Biopic eines der größten Bergsteiger unserer Zeit. 
Um die dramatischen Erlebnisse von Hans Kammerlander so emotional, wie er es in seinen Büchern beschreibt, zu erleben, mussten die Geschichten wie in einem Spielfilm produziert werden, da damals naturgemäß keine Kamera mitfilmen konnte. Die Meilensteine seiner Karriere und Wendepunkte seines Lebens wurden daher von Schauspielern in nachgespielten Szenen dargestellt. Die Dreharbeiten verlangten ihnen alles ab. Stürme bis zu 80km/h Windgeschwindigkeit, -35 Grad Kälte, Eisbrüche und Gletscherspalten schufen originaltreue Szenen. Der Regisseur Gerald Salmina brachte die Schauspieler an Orte, welche es den Schauspielern leicht machte all das zu fühlen, was Bergsteiger in Extremsituationen empfinden. Gleichzeitig wurde damit die Authentizität der Anstrengungen sicherstellt, wenn man sich im ausgesetzten Gelände bewegt. Nicht viel weniger spannend sind die Szenen am heimatlichen Bergbauernhof, welche einen tiefen Einblick in die Welt von damals zeigen und Verständnis dafür schaffen, warum Hans Kammerlander fähig war, solche Leistungen an den hohen Bergen der Welt zu erreichen. Der Höhepunkt des Filmes findet jedoch dokumentarisch im Hier und Jetzt statt, wenn das letzte große Abenteuer des Hans Kammerlander, nochmals auf den 8163 Meter hohen Manaslu in Nepal zurückzukehren, hautnah, an den Schauplätzen der Tragödie von damals, dokumentiert wird.


WERNER HERZOG UND HANS KAMMERLANDER
Sein filmisches Meisterwerk „Fitzcarraldo“ und der exzentrische Klaus Kinski in der Hauptrolle machten Regisseur, Schauspieler, Produzent und Schriftsteller Werner Herzog weltbekannt. Für seine Filme, in denen er gerne Menschen, Situationen und Landschaften der Extreme portraitiert, standen Hollywood-Stars wie Nicolas Cage, Eva Mendes, Nicole Kidman, James Franco, Cristian Bale oder Donald Sutherland vor der Kamera. Die langjährige Freundschaft mit Hans Kammerlander brachte den Oscar-nominierten Regisseur („Encounters at the End of the World“) nun bei MANASLU wieder selbst vor die Kamera.

DOPPELÜBERSCHREITUNG von GASHERBRUM I und II:
Das erste Mal trafen die beiden 1984 bei den Dreharbeiten zu „Gasherbrum - Der leuchtende Berg“ aufeinander. Die Doppelüberschreitung zweier 8000er (Gasherbrum II und I) von Reinhold Messner und Hans Kammerlander sollte zu einer Pionierleistung dieser Zeit werden: 8 Tage in der Todeszone, wenig Schlaf, ohne Fixseile, kein Flaschensauerstoff und wenig Geländekenntnis. Der Regisseur Werner Herzog begleitete die 2er-Seilschaft mit einem Kamerateam ins Basislager und dokumentierte diese psychische und physische „Grenz- Überschreitung“ als „innere Landkarte“ eindrucksvoll.

DER AUTOUNFALL:
Im freundschaftlichen Gespräch lassen Werner Herzog und Hans Kammerlander die Zeit von damals vor der Kamera wiederauferstehen. Ein Erfolg und eine Leistung von Hans Kammerlander und Reinhold Messner, die heute noch schwer nachahmbar oder zu verstehen ist. Die größte Tragödie des Hans Kammerlander, passierte aber im Tal. Zum ersten Mal spricht Hans ausführlich und ehrlich über den größten Fehler seines Lebens. Werner Herzog agiert hier als ein sehr tief gehender, schmerzvoll hinterfragender, aber auch sehr gefühlvoller Gesprächspartner. Ein spannender Dialog von zwei Freunden, die sich nach 26 Jahren das erste Mal wiedersehen.
 
 
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Donnerstag 20.12.2018
SIBEL
Ab 27. Dezember 2018 im Kino
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Poetisch und bildgewaltig: In der Weltabgeschiedenheit eines kleinen türkischen Dorfes kämpft eine außergewöhnliche junge Frau um ihre weibliche Identität.

Sibel lebt mit ihrem Vater und ihrer Schwester in einem türkischen Bergdorf am Schwarzen Meer. Sie ist seit ihrer Kindheit stumm, kann sich aber dank einer in der Region verbreiteten Pfeifsprache verständigen. Von den Dorfbewohnern gemieden und ausgeschlossen, folgt die junge Frau heimlich einem Wolf, der sich im nahen Wald herumtreiben soll. Bei einem dieser Streifzüge trifft Sibel auf einen Deserteur der türkischen Armee, der sie mit ganz anderen Augen ansieht, als sie es bisher von den Menschen um sie herum kannte. Doch im Dorf stößt die Verbindung der beiden Außenseiter auf Ablehnung.

Ein Film von Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti
Mit Damla Sönmez, Erkan Kolçak Köstendil, Emin Gürsoy


Interview mit Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti

SIBEL ist Ihr dritter gemeinsamer Spielfilm nach NOOR (2014) und NINGEN (2015). Was ist das Geheimnis Ihrer Zusammenarbeit?
Die Tatsache, dass wir auch im wahren Leben ein Paar sind! In den vergangenen 15 Jahren haben wir wirklich gelernt, miteinander zu arbeiten. Wir sagen immer, dass eine*r von uns den Film nicht ohne den/ die andere*n machen kann. Unsere Arbeit basiert auf dem gemeinsamen Prozess, egal welche Projekte oder Länder wir angehen. Nach all diesen Jahren der Zusammenarbeit kennen wir unsere Stärken und Schwächen sehr genau. Und da wir zusammen sind, endet unsere Arbeit nie. Manchmal wecken wir uns um 4 Uhr morgens, um über eine neue Idee zu reden. Wir gleichen unsere Einsichten und Auffassungen regelmäßig miteinander ab.

Ihre Spielfilmideen resultieren also aus diesen nächtlichen Diskussionen?
Sie entwickeln sich eher aus zufälligen Entdeckungen von Orten, entweder sehr städtischen wie bei NINGEN oder in der Wildnis des Himalayas wie bei NOOR oder der Berge am Schwarzen Meer wie bei SIBEL. Außerdem glauben wir sehr an GO-en, ein japanisches Konzept über zufällige Begegnungen. Es stellt die Basis unserer Arbeiten dar, in denen Protagonisten aufeinandertreffen, die das niemals sollten. Wir versuchen, offen gegenüber anderen, dem Anderssein zu bleiben.
Manche unsere Begegnungen sind wie Liebe auf den ersten Blick. Bis vor kurzem haben wir immer mit Menschen gearbeitet, die uns durch ihre Vergangenheit, ihre Sprache, ihren Werdegang inspirierten und wir baten sie, sich selbst in unseren Filmen darzustellen. Die Idee war, ihre persönliche Entwicklung mit unseren filmischen Mitteln umzusetzen, und dafür eine Geschichte zu schreiben. Bei SIBEL haben wir zum ersten Mal mit professionellen Schauspieler*innen gearbeitet, die wir aber in eine sehr realistischen Umgebung verfrachtet haben und mit vielen Laiendarsteller*innen zusammen spielen ließen.

Woher kam die Idee zu SIBEL?
2003 kauften wir „Die Sprachen der Menschheit“, einen Wälzer von 2000 Seiten mit einem Wissen, das einen umhaut. In einer kleinen Nebenbemerkung wurde ein kleines Dorf im Nordwesten der Türkei erwähnt, in dem die Einwohner*innen mit einer Pfeifsprache kommunizieren. Das beeindruckte uns, da wir in unserer Arbeit oft Sprachen und ihre Kommunikationsmöglichkeiten erkunden. Al wir 2004 in die Region am Schwarzen Meer in der Türkei reisten, suchten wir dieses spezielle Dorf. Wir wollten diese Sprache entdecken, herausfinden, ob sie wirklich existiert, aus einer fast ethnolographischen Neugier heraus. Wir entdeckten Kuşköy, was die Stadt der Vögel bedeutet.
Wir befürchteten, dass das nur Folklore wäre, dass nur wenig Ältere die Sprache noch wirklich benutzten. Aber so war es nicht. Im Gegenteil – das ist keine ausgestorbene Sprache. Die Erwachsenen beherrschen sie meisterlich. Aber natürlich, die jüngere Generation, die mit dem Mobiltelefon aufgewachsen ist, hat Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Also haben die Dorfbewohner*innen angefangen, die Pfeifsprache in der Schule zu unterrichten. Und sobald die Smartphones in den Bergen einen schlechten Empfang haben, fangen sie an, zu pfeifen. Der Pfeifton wird viel besser übertragen. Die Pfeifsprache ist kein Code wird das Morsen, sodern eine echte Umsetzung der türkischen Sprache in Silben und Laute. Deshalb kann wirklich alles gesagt werden. Wirklich alles.
Während dieser ersten Reise, trafen wir auf eine junge Frau aus dem Dorf. Zuerst hatten wir den Eindruck, sie sei stumm und würde sich nur in der Pfeifsprache unterhalten. Dann verschwand sie plötzlich in der Wildnis. Das inspirierte uns zu der Figur der SIBEL.

Wer ist Sibel? Wie würden Sie sie beschreiben?
Sie existiert nicht nur in der Türkei. Es gibt Sibels auf der ganzen Welt, Frauen, die auf eine bestimmte Vorstellung beschränkt werden, mit denen die Gesellschaft ihnen Schranken setzt. Aber Wer ist Sibel? Wie würden Sie sie beschreiben? Da Sibel stumm ist, muss sie in der Pfeifsprache kommunizieren. Sibels Werdegang ist auch eine Form der Emanzipation. Wegen ihrer Behinderung unterliegt sie nicht den sonst alltäglichen Belastungen. Sie wurde von ihrem Vater freier und unabhängiger erzogen. Im Dorf wird sie in Ruhe gelassen, da die sozialen Regeln für sie nicht gelten. Sie entwickelt sich anders, mit einer scharfsinnigen Sicht auf die Welt, auf der Suche nach einer originären, primitiven inneren Stärke. Ihre Identitätssuche wird durch ihre Suche nach dem wilden Tier, dem berühmten Wolf verkörpert.

Da Sibel stumm ist, muss sie in der Pfeifsprache kommunizieren. Wie gingen sie mit dieser Herausforderung um?
Es durfte nicht irgendwas gepfiffen werden. Alle gepfiffenen Dialoge im Film sind real. Lange vor den Dreharbeiten betreute ein Pfeifsprachen-Coach die Hauptdarstellerin, um ihr die Sprache beizubringen. Und beim Drehen arbeitete er als Berater und überwachte die sprachliche Stimmigkeit. Für ihn war der Film ein Segen, dass der Film eine Sprache hervorhebt, die er jeden Tag benutzt und deren Untergang er nicht akzeptieren kann. Deshalb engagierte er sich jeden Tag für das Projekt, ebenso wie viele Dorfbewohner*innen,  die uns willkommen hießen und uns beträchtlich halfen. Aber andere arbeiteten einfach weiter auf dem Feld, und einige ignorierten die Dreharbeiten. Es kam vor, dass Sibel das Wort „Papa“ während einer Aufnahme pfiff, und kurz danach hörten wir als Antwort aus der Ferne „Was ist? Was willst Du?“.

Sibel wird wegen ihres Handicaps eindeutig als Außenseiterin behandelt...
Ja.. Sie will dieser Einsamkeit entkommen, indem sie versucht, akzepiert zu werden, sich der Gemeinschaft einzufügen, und den Anderen zu zeigen, dass sie es wert ist, geliebt zu werden. Sie weiß, dass es etwas in ihr gibt, das noch verschüttet ist und sich entfalten will, aber sie weiß noch nicht, wo sie danach suchen soll.

Die soziale Ausgrenzung ist eines der zentralen Themen des Filmes.
Wir haben einige Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft, die nicht dazugehören, gedreht. Man erfasst besser, wie eine Gesellschaft tickt, wenn man versteht, wer von ihr ausgeschlossen wird. Wir glauben, dass das Handicap von Sibel ein Vorteil für sie ist. Sie entwickelt sich anders. Sie gehört zu keiner Kaste. Mütter wollen nicht, dass sie einen ihrer Söhne heiratet. Während die anderen jungen Frauen ihres Alters schon zwei Kinder haben, ist Sibel noch total frei.

Sibel hat ihre Mutter verloren und lebt mit ihrem Vater, der der Bürgermeister des Dorfes ist. Was veranschaulicht Ihrer Meinung nach diese Figur?
Unserer Meinung nach ist Sibels Vater intuitiv modern. Er hat klare Vorstellungen. Jemand anderes hätte sich eine neue Frau gesucht, hätte mehr Kinder bekommen, etc...  Seine ältere Tochter Sibel ist sein ganzer Stolz, obwohl er auch seine jüngere Tochter liebt. Mit Sibel hat er ein ausgewogenes Verhältnis; sie vetrauen einander, egal, was das Dorf denkt. Es war äußerst wichtig, den Film mit dieser stabilen, dauerhaften Beziehung zu beginnen. Die Väter dieser Region werden in einer düsteren oder extremen Weise dargestellt. Aber die Väter sind nicht immer gewalttätig, autoritär oder gefühllos ihren Kindern gegenüber. Und diese Figur des Vaters wird sehr wichtig für uns, in dem Moment, wo seine Sicherheit ins Wanken gerät und er sich sehr viel komplexer entwickelt.

SIBEL evoziert vor allem das Verbotene. Aus dem Dorf traut sich niemand in den Wald – wegen des Wolfes, den Sibel verbissen jagt. Was symbolisiert er?
Der Wolf ist eine Bedrohung, besonders für die Frauen. Diese Bedrohung wird von den Männern benutzt, um eine Schranke zwischen dem Dorf und allem, was jenseits davon ist, zu errichten. Niemand soll das Dorf verlassen. Sibel spürt den Wolf auf. Sie versucht etwas zu tun, um soziale Anerkennung zu bekommen. Sie versucht auch, ihre Angst zu verorten, um sich davon zu befreien und auch die anderen davon zu befreien. Natürlich steht hinter der Idee des Wolfes auch die Bildwelt und die Metaphern der Märchen. Wir erzählen gerne populäre Geschichten, die mit lokalen Mythologien verbunden sind. Sibel geht jagen, sie ist eine Wilde. Was sie sucht, kann überall sein, auch in ihr selbst. Der Wolf kann auch ein beschützendes Wesen sein, der Romulus und Remus aufzieht, aber auch Asena, die ursprüngliche Wölfin, die Ahnin aller türkischer Stämme, im schamanischen Denken vor dem Islam. Der Wolf ist definitiv eine vielgestaltige Metapher, in der wir viel sehen oder auf die wir viel projizieren können.

Im Wald trifft Sibel einen Mann namens Ali, der angeblich ein Terrorist sein soll. Was impliziert diese zufällige Begegnung?
Er löst im Dorf eine klassische Angst aus: die Furcht vor Fremden, vor dem Unbekannten. Und wir glauben, dass dieses Gefühl heute auch weit außerhalb der türkischen Grenzen, in Europa und anderswo, bekannt ist. In der heutigen Türkei wird Ali, so wie er durch die Wälder wandert, sofort als Terrorist erkannt. Sibel ist wie er eine Außenseiterin. Diese Begegnung interessiert uns, weil beide sozial ausgeschlossen werden. Zwischen beiden gibt es ein grundsätzliches, instinktives und primitives Verständnis. Wie Sibels Vater mischt sich Ali nicht in ihre Freiheiten ein, er versucht nicht, sie zu unterdrücken, und er misst sie auch nicht mit den Klischees, die Frauen üblicherweise zugesprochen werden. Wir wollen Charaktere in Szene setzen, die nicht eindimensional und schlicht sind. Im Fernsehen und im Kino gibt es zuwenige dieser Charaktere in dieser Region der Welt.

Zwischen Sibel und Ali steigt die sexuelle Spannung...  Es ist wie ein Erwachen, eine Wiedergeburt, als ob Sibel ihre Kraft, ihr Schicksal und ihr Körperbewusstsein wieder zurückerlangt...
Sibel wurde in einem Dorf groß, in dem niemand sie wollte. Sie wusste, dass ihr Leben anders verlaufen wird, dass sie niemals Kinder haben würde, etc. Alle Dorfbewohner*innen haben sie immer mit einem leeren Blick bedacht. Sie selbst sieht sich als Neutrum, hat das verinnerlicht. Und da, ganz plötzlich, taucht Ali auf und betrachtet sie anders, was sie überrascht. Niemand hat sie zuvor so angesehen, wie jemand Normales und noch dazu als Frau. Alis Gegenwart vermittelt ihr das Gefühl der Normalität. Sie wird so akzeptiert, wie sie ist. Als Konsequenz entdeckt sie sich nach und nach als sexuelles Wesen und nimmt ihre Weiblichkeit in jedem Sinne des Wortes an.

In einem Dorf, in dem es wichtig ist, eine Mutter zu sein, fällt Sibel aus dem Rahmen, im Gegensatz zu ihrer blutjungen Schwester, die jede*r schnell verheiraten möchte. Sibel ist eine ungewöhnliche Heldin, die Grenzen verschiebt. Ist das Ihre Vorstellung von Feminismus?
Sibel verkörpert eine Art von Revolution, sie passt nicht dahin, wo alle persönlichen Schicksale schon vorbestimmte Ausgänge haben. Das Wort „Feminismus“ ist kompliziert, wegen all der mit ihm verbundenen Konnotationen. Wir spüren, dass das Wort etwas von seinem ursprünglichen Sinne befreit wurde, was durch eine neue Bedeutung ersetzt wurde. Wir brauchen einen neuen Ausdruck. Wir könnten sagen, dass Sibel spontan und intuitiv weiblich wird. Sie ist eine Person, die ausgeschlossen, behindert, am Rand lebend ist, die ihr eigenes Leben zurück bekommt und über sich hinauswächst, dank eines Außenstehendens. Die Kraft, die sie durch die Beziehung bekommt, benutzt sie, um den Gang der Dinge im Dorf zu ändern.


Locarno Festival:
FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik
Preis der Jugend-Jury
Preis der Ökumenischen Jury

Internationales Filmfestival Adana:
Preis für den besten Film im Nationalen Wettbewerb
Preis für die beste Darstellerin – Damla Sönmez
Preis für den besten Nebendarsteller – Emin Görsoy

Filmfest Hamburg:
Hamburger Produzent*innenpreis „Beste Europäische Kino-Koproduktion“
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Donnerstag 13.12.2018
WESTWOOD
Ab 20. Dezember 2018 im Kino
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WESTWOOD: Punk. ikone. Aktivistin. erzählt die geschichte einer kämpferin, die aller niederlagen zum Trotz ihren Vorstellungen und idealen treu bleibt und als grande Dame des Punks bis heute geschichte schreibt. Westwoods Werdegang ist geprägt von Erfolgen, konflikten, unsicherheiten. Die Dokumentation beleuchtet schlüsselmomente ihrer Vergangenheit, die sie zu dem machten, was sie heute ist. Ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen ikone.

Ein Dokumentarfilm von Lorna Tucker

Durch den exklusiven blick hinter die kulissen des einzigartigen Modehauses und der dort wirkenden charaktere ist WESTWOOD: Punk. IKONE. AKTIVISTIN. die noch nie erzählte Geschichte einer Weltikone. Vivienne Westwood - Grande Dame des Punks und Enfant Terrible der britischen Modewelt.
Die selbst erklärte Tagträumerin Vivienne Westwood kam aus einfachen Familienverhältnissen im alter von 17 Jahren nach London, mitten hinein in die Swinging Sixties der 60er Jahre. Ihr Leben änderte sich abrupt, als sie den Sex Pistols Manager und Impresario Malcolm McLaren traf und ihr gemeinsamer Shop an der Kings Road die Popkultur revolutionierte.
In den folgenden 40 Jahren war Vivienne Westwoods Leben von gescheiterten Beziehungen, Rechtstreits, Spott der Presse und finanziellen Problemen geprägt. Doch sie blieb standhaft und wurde die Kulturikone Großbritanniens und ein weltweites Mode-Phänomen.
Heute wird Westwood im gleichen Atemzuge wie Gucci, Dior und McQueen genannt – mit dem Unterschied, dass sie nicht nur Namensgeberin ist, sondern ihr Modeimperium sowohl geschäftlich, als auch kreativ selbst führt.
Die Dokumentation begleitet Vivienne Westwood, als ihr Label Shops in den Modehauptstädten Paris und New York eröffnet. Das wohl arbeitsreichste Jahr für Westwood beginnt als überwältigender Erfolg. Doch schnell zeigt sich: Weltweiter Erfolg hat seinen Preis.
Neben allen Erfolgen, Konflikten und Unsicherheiten, auf die Westwood trifft, wird von Schlüsselmomenten ihrer Vergangenheit erzählt. Ihr politischer Aktivismus von heute hat seinen Ursprung im antisystemischen Punk-Rock-Ethos ihrer Jugend.
Die mit einzigartigen informationen angereicherte Dokumentation geht weit über das hinaus, was man sonst von Modefilmen kennt. Es ist ein intimes und inspirierendes Porträt einer wahrhaft britischen Ikone - einer alleinerziehenden Mutter, Punk und Agent Provocateur.


Statement der Regisseurin Lorna Tucker
Vivienne Westwood wurde auf mich aufmerksam, als ich Tour- und Promovideos für Rockbands produzierte. Sie arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Liberty, als sie mich einlud, den Prozess filmisch zu begleiten.
Wir blieben in Kontakt, als ich meine Dokumentation über Zwangssterilisation der indigenen Frauen in Amerika fertigstellte. Vivienne bat mich immer öfter, Proteste, öffentliche Reden und politische Kundgebungen aufzunehmen.
Nachdem ich 2013 den politischen Modefilm RED SHOES und eine Filmreihe über Vivienne Westwood für DAZED abgedreht hatte, habe ich Vivienne meine Idee eines Dokumentarfilmes vorgestellt – und so war WESTWOOD: Punk. IkONE. AKTIVISTIN. geboren.
Drei Jahre lang haben wir Viviennes Leben filmisch begleitet. Wir waren mit Greenpeace auf einer Mission in der Antarktis, während die neue Kollektion von der ersten Idee bis hin zur finalen Show Form annahm. Vivienne ist durch das Land getourt, um auf die Kampagne gegen Fracking aufmerksam zu machen und eröffnete gleichzeitig zwei Läden in Paris und New York.
Vivienne ist immer bereit aufzustehen, für ihre Sache einzustehen und dabei aufzufallen. Das repräsentieren ihre Mode und ihr Aktivismus. Egal, ob sie bis nachts in ihrem Atelier arbeitet oder in Westminster an einem Aufmarsch gegen die Klimaerderwärmung teilnimmt - alles was sie tut, tut sie mit einer kompromisslosen Leidenschaft und Hingabe.
Da Viviennes Interessen, Ideen und Prinzipien nie der öffentlichen Wahrnehmung einer Modeikone entsprachen, wusste ich, diese Dokumentation kann kein typischer Modefilm werden. Also habe ich nach ihren Wurzeln geforscht, ihren Aktivismus und ihren revolutionären kulturellen Einfluss beleuchtet.
Vivienne ist nicht nur eine kKünstlerin, eine Modedesignerin und eine Aktivistin. Sie ist das Gesicht einer weltweiten Marke, eine machtvolle Businessfrau.
Auch ist sie eine Repräsentantin des 21. Jahrhunderts, die ein besonderes Leben führt, begleitet von den größten kulturellen Umbrüchen der Zeitgeschichte.
Es ist meine Hoffnung, dass die kulturelle Relevanz und die aktuelle Thematik ein großes Publikum begeistern – ehemalige Punks, heutige Aktivisten, Fans, Modeliebhaber und die, die Interesse an Geschichten von Menschen haben.
Während der Produktion dieser Dokumentation war es Viviennes Geschichte selbst, die uns nie hat aufgeben lassen. Die Art und Weise, wie sie ihr Leben gemeistert hat, die vielen Zurückweisungen, die finanziellen Probleme, bis sie zur größten Modedesignerin in Großbritannien aufgestiegen ist, beweisen ihre Stärke und Leidenschaft. Es ist einfach inspirierend. Es ist wohl die wichtigste Botschaft des Films: Wenn du etwas tun willst, dann tu es und gib niemals auf!
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Mittwoch 05.12.2018
GEGEN DEN STROM
Ab 13. Dezember 2018 im Kino
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Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) ist Chorleiterin, eine unabhängige und warmherzige, eher in sich gekehrte Frau. Doch hinter der Fassade einer gemächlichen Routine führt sie ein Doppelleben als leidenschaftliche Umweltaktivistin. Bekannt unter dem Decknamen „Die Bergfrau” bekämpft sie heimlich in einem Ein-FrauKrieg die nationale Aluminiumindustrie. Erst mit Vandalismus und letztlich mit Industriesabotage gelingt es ihr, die Verhandlungen zwischen der isländischen Regierung und einem internationalen Investor zu stoppen. Doch dann bringt die Bewilligung eines fast schon in Vergessenheit geratenen Adoptionsantrags Halles gradlinige Pläne aus dem Takt. Entschlossen plant sie ihre letzte und kühnste Aktion als Retterin des isländischen Hochlands.
Bereits mit seinem großartig skurrilen Spielfilmdebüt „Von Menschen und Pferden” erregte Benedikt Erlingsson international Aufmerksamkeit. Nun ist der isländische Regisseur zurück mit einer ebenso knochentrockenen wie politisch scharfzüngigen Komödie. Mit bildgewaltiger Poesie inszeniert er die betörend kargen Weiten Islands und bietet seiner Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir den perfekten Raum für eine brillante Performance. GEGEN DEN STROM begeisterte das Publikum der Semaine de la Critique auf dem Filmfestival Cannes 2018 und gewann als Eröffnungsfilm den Art Cinema Award auf dem Filmfest Hamburg 2018.

Ein Film von BENEDIKT ERLINGSSON

Mit HALLDÓRA GEIRHARÐSDÓTTIR, JÓHANN SIGURÐARSON, DAVÍÐ ÞÓR JÓNSSON, CHARLOTTE BØVING, HILMIR SNÆR GUÐNASON u.a.


KOMMENTAR DES REGISSEURS

Dieser Film soll eine Heldengeschichte sein, die in einer Welt drohender Gefahr spielt. Eine Heldengeschichte, die wie ein spannendes Abenteuer daherkommt. Ein ernsthaftes Märchen, das mit einem Lächeln erzählt wird.
Unsere Heldin spielt in dieser Welt eine Art Artemis, die Beschützerin der unberührten Wildnis. Völlig allein, konfrontiert mit den rasend schnellen Veränderungen unseres Planeten, übernimmt sie die Rolle der Retterin von Mutter Erde für die zukünftigen Generationen. Wir sehen die Welt durch die Augen unserer Heldin und verstehen dadurch sehr gut, was sie antreibt.
In Astrid Lindgrens Buch „Die Brüder Löwenherz” gibt es folgenden Dialog zwischen den beiden Brüdern:
„Aber dann sagte Jonathan, dass es gewisse Dinge gibt, die man tun muss, selbst wenn sie schwierig oder auch gefährlich wären. „Aber warum?” fragte ich überrascht. „Weil man sonst nicht wirklich ein Mensch ist, sondern nur ein Fliegenschiss.”
Dieser Film handelt von einer Frau, die sich bemüht, wirklich ein Mensch zu sein.



INTERVIEW MIT BENEDIKT ERLINGSSON

In Deinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” und GEGEN DEN STROM scheitern die Menschen beim Versuch, die Natur zu zähmen oder zu dominieren. Was macht diesen Konflikt und unser totales Versagen oder unsere Dummheit zu so einer tollen Quelle für Geschichten und Komödien für Dich?
Ich habe erst kürzlich über den Zusammenhang zwischen meinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” (2013) und GEGEN DEN STROM nachgedacht. Er wurde mir erst bewusst, nachdem ich den neuen Film beendet hatte. Für mich ist vollkommen klar, dass die ‘Rechte der Natur’ in gleichem Maße beachtet werden sollten wie die ‘Menschenrechte’ – und diese Idee spiegelt sich in beiden Filmen wieder.
Für mich ist es selbstverständlich, dass die ‚Rechte der Natur‘ Bestandteil jeder Verfassung sein sollten und national wie international per Gesetz verteidigt werden müssten. Wir müssen begreifen, dass die unberührte Natur ein Recht hat zu existieren und wir dieses durchsetzen sollten, ungeachtet unserer menschlichen Bedürfnisse oder unserer ökonomischen Systeme.
Ich kann mir zum Beispiel ein vernünftigeres System vorstellen, bei dem ‘wir Menschen’, wenn wir unberührte Natur für unsere eigenen Zwecke nutzen oder verschandeln wollen, einen Prozess durchlaufen müssen, ähnlich einer Gerichtsverhandlung, um die Genehmigung dafür zu erhalten.
Es geht dabei wirklich um das Gemeinwohl und die langfristigen Interessen im Sinne unserer menschlichen Existenz. Genau wie die Fähigkeit, jemand die Freiheit zu nehmen und ihn lebenslang ins Gefängnis zu sperren. Deshalb denke ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um sich mit dieser Herangehensweise zu beschäftigen.
Hinzu kommt noch in einigen unserer Gesellschaften das seltsame Paradoxon, das sich „Staat” nennt und in demokratischen Ländern ein Instrument ist, das von den Menschen für die Menschen erschaffen wurde, und das so leicht von Interessensgruppen entgegengesetzt zum vermeintlichen Wohl der Gemeinschaft manipuliert wird. Der Umweltschutz ist eines der besten Beispiele dafür. Wenn wir uns die großen, existenziellen Herausforderungen ansehen, denen wir angesichts der Zerstörung unserer Umwelt gegenüberstehen, wird dies glasklar.
Und ja, aus dem Thema kann auch eine gute Komödie werden, wie man an meinem kleinen Land und dem Film sehen kann. Aber in den meisten anderen Ländern ist es wirklich eine Tragödie. Ich möchte in diesem Zusammenhang meine beiden Heldinnen erwähnen. Zwei reale, sehr kämpferische Frauen: Berta Cáceres aus Honduras und Yolanda Maturana aus Kolumbien. Beide waren Umweltaktivistinnen von „Life itself”, die von dunklen Hintermännern einer starken Lobby mit eigenen Interessen ermordet wurden.
Aber am schlimmsten ist, dass die Regierungen die Frauen in keiner Weise beschützt haben. Bisweilen wirkt es sogar so, als würden einige Regierungen aktiv für die andere Seite arbeiten. Bis zum Punkt, dass Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklärt werden.

GEGEN DEN STROM ist verglichen mit „Von Menschen und Pferden” ein eher ‚klassisch’ erzählter Film mit einem klaren Handlungsbogen für die Hauptfigur. Warum hast du Dich bei Deinem neuen Projekt für diese Erzählweise entschieden?
Vielleicht hat mich Eitelkeit dazu gebracht. Im Zuge des Erfolgs von „Von Menschen und Pferden” gab es auch enttäuschte Kommentare und Reaktionen in Island. Vielen meinten, dass ich einen tollen „Festivalfilm” gedreht hätte, aber dass dies kein Film für das tatsächliche Kinopublikum wäre.
Und obwohl „Von Menschen und Pferden” sich in bestimmten Ländern auch als Publikumserfolg erwiesen hat, glaube ich, dass mir diese Kritik nachhing. Und sie spielte wahrscheinlich auch eine Rolle bei meiner Entscheidung, meinen nächsten Film als „Mainstream-Blockbuster-Geschichte für Jedermann” zu erzählen.

Warum war es wichtig, dass Halla eine Frau ist?
Ich habe tatsächlich nicht darüber nachgedacht, die Entscheidung unter dem Aspekt der Geschlechterfrage oder einer „politically correctness” zu treffen. Offen gestanden irritiert mich oft, wie „politisch korrekt” heutzutage alles immer sein muss... Aber genau das ändert sich vielleicht morgen schon wieder. Jedenfalls entwickelte sich die Figur der Halla aus der Geschichte heraus und nach dem, was die dramaturgische Umsetzung dieser Geschichte verlangte.

Wie hast Du Deine Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir gefunden?
Die Rolle der Halla zu besetzen, war ein langwieriger und schwieriger Prozess. Dabei hatte ich, wie so häufig, die richtige Antwort direkt vor meiner Nase. Halldóra ist eine Freundin aus Kindertagen und eine Kollegin, wir sind fast wie Geschwister aufgewachsen, wobei sie die große Schwester war. Als wir 10 oder 11 Jahre alt waren, traten wir gemeinsam zum ersten Mal auf der großen Bühne des Nationaltheaters auf. Am Anfang der Entwicklung von GEGEN DEN STROM hatte ich auch ganz kurz die Idee, dass Halldóra Halla spielt. Aber dann habe ich die Idee verworfen und begann über andere Schauspieler nachzudenken, die ich ebenfalls sehr schätze. Außerdem musste ich für das Drehbuch an dem Konzept für die Zwillinge arbeiten, damit es absolut natürlich wirkte.
Aber das Schicksal brachte Halldóra zurück zu mir und mir wurde klar, dass sie nicht nur die offensichtliche, sondern auch die richtige Wahl für die Rolle ist. Als Schauspielerin ist sie eine Naturgewalt und am isländischen Theater ist sie DIE Schauspielerin unserer Generation. Ihre schauspielerische Bandbreite ist so groß, dass ich das Gefühl habe, ihr unglaubliches Talent zu schmälern und das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten nicht richtig zu beschreiben, wenn ich Halldóra einfach nur eine Schauspielerin nenne. Neben ihrer Arbeit für den Film ist sie außerdem die bekannteste Clownin und Komödiantin am Theater von Reykjavík und die gefragteste Schauspielerin für ernsthafte Rollen an den großen Repertoiretheatern Islands, an denen sie jede Spielzeit Hauptrollen übernimmt.
Sie hat mit Bravour Männerrollen gespielt, wie den Vladimir in „Warten auf Godot” und selbst den Ritter in „Don Quijote” – eine Rolle, die möglicherweise in gewisser Beziehung zu der steht, die sie nun im Film spielt. Und das ist nur der Anfang. Sie wurde außerdem berühmt, weil sie sich ein Alter Ego erschaffen hat, einen chauvinistischen Kerl namens „Smári” aus dem Duo „Hannes und Smári”. Sie und ihre männlichen Figuren sind mittlerweile am isländischen Theater absoluter Kult geworden. Ich glaube, man könnte Halldóra die Sarah Bernhardt von Island nennen – wenn Sarah Bernhardt es schaffen würde, dem Vergleich standzuhalten!
 
War es Zufall, dass sie den gleichen Namen trägt wie die Heldin des Films?
Halla ist ein weitverbreiteter Name in Island und noch dazu einer, der eine ganze Menge historische und kulturelle Verweise in sich trägt. Halla und Eyvindur sind Legenden in der isländischen Geschichte. Sie waren die letzten Gesetzlosen, die  es im 17. Jahrhundert schafften, auf der Flucht 20 Jahre im Hochland zu überleben. Sie waren echte Bergbewohner, Schafdiebe und Rebellen, und es gibt viele Geschichten über ihre Abenteuer und Kämpfe.
Ungefähr vor einem Jahrhundert schrieb der isländische Dichter und Bühnenautor Jóhann Sigurjónsson das Stück „Eyvindur of the Mountains” über sie, das es auf internationale Bühnen schaffte und erfolgreich durch mehrere Länder tourte.
Und vor genau 100 Jahren, 1918, drehte der schwedische Filmemacher Victor Sjöström einen Film über die Legende mit dem Titel „Berg-Ejvind und seine Frau”, in dem er selbst die Hauptrolle übernahm. So kommt es, dass der Name „Halla” zumindest für das isländische Publikum mit guten Erinnerungen verbunden ist.

Man könnte den Film als Drama, als Öko-Thriller oder als Komödie bezeichnen oder einfach als alles drei zusammen. Hast Du über Genres während der Arbeit am Film nachgedacht?
Ich denke niemals während des Schreibens oder der Entwicklung eines Films über Genres nach, absolut nicht. Was auch immer geschieht, über das Genre kann man spekulieren, wenn das Kind sozusagen zur Welt gekommen ist. Man denkt doch auch nicht darüber nach, was für ein Mensch ein Kind wird, während man es zeugt. Zumindest ich tue das nicht.
Mein Co-Autor Ólafur Egill Egillsson und ich haben zu keinem Zeitpunkt ernsthaft über das Genre des Films diskutiert. Am nächsten kamen wir dem noch, als wir mit Begriffen spielten... „Märchen” zum Beispiel. Das ist ein sexy Wort. Und eines, das für uns sehr hilfreich war, als wir die Geschichte entwickelten. Mir geht es immer mehr um die Handlung, die Aufgabe, den Schmerz, um die abstrakte Idee, die mich bei einem Projekt fasziniert und die Geschichte, die erzählt werden muss. Und die Dramaturgie interessiert uns beide sehr, die Essenz aller guten Geschichten. Ich finde nicht, dass dieser Film eine Komödie ist… Ich mache keine Komödien, oder zumindest ist es nicht mein Ziel. Wenn etwas in den Geschichten, die ich erzähle, komisch ist, ist es ein Zusatz oder ein Nebeneffekt.
Es gehört zu meiner Arbeitsweise, als erstes den Schmerz zu suchen... Ich entscheide mich immer erst einmal für den Schmerz… Ich betrachte den Schmerz des Autors oder der Hauptfiguren und was dieser Schmerz bedeutet. Gleichzeitig mag ich aber keine Filme, bei denen es nur darum geht „den Schmerz zu fühlen”. Für mich beginnt damit alles, weil ich dadurch die Geschichte wirklich verstehe und ich danach verschiedene Richtungen ausprobieren kann.
Als ich zum Beispiel mit meinem Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson begann, das Konzept zu entwickeln, hat uns die Geschichte dazu gebracht, mit der Vorstellung von einem ‚Actionfilm’ zu spielen.

An welchem Punkt kam die Musik ins Spiel?
Die Musik gab es schon in meiner allerersten Vision, die mich veranlasst hat, diesen Film zu drehen. Während ich davon träumte und mir vorstellte, was ich in meinem nächsten Film sehen will, stellte ich mir eine Frau vor, die durch eine leere Straße läuft. Sie rannte durch den Regen auf mich zu und stoppte direkt neben mir, vollkommen durchnässt. Nachdem ich sie genauer sehen konnte, erkannte ich eine dreiköpfige Band, die direkt hinter ihr spielte. Sie spielten nur für sie und ganz und gar nicht für mich. Ich hörte genauer hin, bis ich schließlich erkannte, was die Band spielte – es war der Soundtrack für das Leben der Frau.

Wie bist Du ganz praktisch die Zusammenarbeit mit den Musikern und Sängern angegangen und war es eine tiefergehende Zusammenarbeit als gewöhnlich?
Wir entwickelten die Musik ganz früh und mussten auch herausfinden, für welches Element der Geschichte die Band genau stehen sollte. Auf dem Weg dorthin tauchte immer wieder diese andere Musik auf und versuchte, sich in der Geschichte breitzumachen. Daraus wurden die drei ukrainischen Stimmen, die Hallas Chor bilden.
Bei der Musik wollte ich absolut auf Nummer sicher gehen und „Gürtel und Hosenträger” tragen, wie wir in Island sagen, um sicherzustellen, dass wir flexibel bleiben und nicht blockiert werden, wenn es ans Schneiden geht. Um das zu erreichen, haben wir Probeaufnahmen von allen Musikszenen gemacht und das nachdem wir bereits komplette Demo-Versionen von jedem Musikstück produziert hatten.
Unser Ziel war es, so viel Musik wie möglich live am Set aufzunehmen. Das war für alle eine Herausforderung, nicht nur für die Musiker, sondern auch für den Art- Direktor und den Kameramann und die ganze Tonabteilung.
Dadurch haben wir sichergestellt, dass wir jede Menge Stücke hatten, um damit herumzuspielen: Wir hatten die Studio-Aufnahmen, die Live-Aufnahmen vom Set und noch weitere Außenaufnahmen außerhalb des Sets, sodass wir am Ende von allen etwas verwenden konnten.
Davíð Þór Jónsson, der Filmkomponist, hat hauptsächlich am Theater mit mir zusammengearbeitet und er hat auch die Filmmusik zu „Von Menschen und Pferden” komponiert. Zwei der Bandmitglieder, Ómar und Magnús, sind alte Freunde von Davíð, der in einer Band mit Ómars Bruder Óskar spielt. Die Band nennt sich ADHD und sie machen ganz andere Musik als die Band im Film.

Wie beeinflusst Deine Arbeit als Schauspieler und Entertainer Deine Herangehensweise an die Regie bei einem Film?
Ich gewöhne mich immer noch an meine neue Rolle als Filmemacher und tatsächlich, zumindest auf eine gewisse Art, helfen mir meine früheren Erfahrungen. Aber gleichzeitig empfinde ich sie auch als Handicap.
Aber mir gefällt die Frage, weil sie zeigt, wie weit wir seit den Anfängen des Filmemachens gekommen sind. Wie hätte Charlie Chaplin sie beantwortet? Oder Orson Welles? Hätte man ihnen diese Frage überhaupt gestellt?
Ich sehe mich als Geschichtenerzähler, der auch ein Poet sein will, weshalb ich irgendwo zwischen diesen beiden Ansätzen gefangen bin, was so ähnlich ist, wie zwei Pferde gleichzeitig reiten zu wollen. Was übrigens möglich ist. Man braucht nur das richtige Training und ein Talent dafür, so wie alle guten Zirkusartisten.
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