Blickpunkt:
Film
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Inhaltsverzeichnis
DIE TÄNZERIN

37

GIRL ON THE TRAIN

38

DAS KALTE HERZ

39

SAINT AMOUR – DREI GUTE JAHRGÄNGE

40

MEINE ZEIT MIT CEZANNE

41

LENALOVE

42

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Donnerstag 20.10.2016
DIE TÄNZERIN
Ab 3. November 2016 im Kino
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Niemand hätte ahnen können, dass Loïe Fuller (Soko), die Tochter eines Rodeoreiters irgendwo aus dem amerikanischen Westen, zum Star der Belle Epoque in Europa werden würde. Unter Metern von Seide, die Arme verlängert durch Holzstäbe, erfand sie ihren Körper auf der Bühne jeden Abend neu und verzauberte das Publikum mit ihrem revolutionären Tanzstil. Mit ihrem magischen Serpentinentanz aus Stoff und Licht wird sie zum neuen Stern am Pariser Nachthimmel und im Folies Bergère gefeiert, wie keine zweite Künstlerin ihrer Zeit. Ihr schonungsloser Köpereinsatz und das blendende Licht der Bühne schwächen sie zunehmend, doch vom Perfektionismus getrieben, gibt Loïe nicht auf. Unterstützung findet sie in ihren Bewunderern. Der melancholische Adlige Louis Dorsay (Gaspard Ulliel) fasziniert sie und wird zu ihrem Seelenverwandten. Die sanfte Gabrielle (Mélanie Thierry) erdet und umsorgt sie. Die junge, grazile Tänzerin Isadora Duncan (Lily-Rose Depp) beflügelt sie, aber bringt sie auch fast um ihren Verstand. Am Ende muss Loïe ihren Weg alleine gehen, um ihren persönlichen Traum zu leben: das Publikum der Pariser Oper mit ihrem Tanz zu betören. Ein außergewöhnliches Schicksal, ein einzigartiges Leben, eine Frau, die ihrer Zeit voraus war!

Ein Film von Stephanie di Giusto
Mit Soko, Gaspard Ulliel, Lily-Rose Depp u.a.

Sie war die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit, verehrt wie ein Popstar und hofiert wie eine Königin, doch heute ist Loïe Fuller (1862 – 1928) so gut wie vergessen. Eine historische Ungerechtigkeit, die die französische Filmemacherin Stéphanie Di Giusto wettmacht, indem sie der Pionierin des modernen Tanzes mit DIE TÄNZERIN ein eindringliches filmisches Denkmal setzt. Ihr Regiedebüt zeigt Fuller als unvergessliche Rebellin, die im ausgehenden 19. Jahrhundert mutig künstlerische Grenzen sprengte und auch das Verständnis davon, was es bedeutet, eine moderne Frau zu sein. Mit großer Nähe zu ihrer einzigartigen Heldin entwirft Di Giusto in faszinierenden Bildern ein Sittenbild der Belle Époque, das Fullers Lebensweg von der Wildnis des amerikanischen Westens bis in die heiligen Hallen der Pariser Oper nachzeichnet: weniger klassische Biografie als konsequent kompromisslose Annäherung an einen anarchischen, genialen Freigeist. Verkörpert wird diese außergewöhnliche Künstlerin zwischen Bewunderung und Skandal, zwischen radikaler Selbstbestimmung und ungewöhnlichen Freundschaften von der französischen Popmusikerin und Schauspielerin Soko. Als Fullers Freundin und spätere Gegenspielerin Isadora Duncan beeindruckt die erst 16-jährige Lily-Rose Depp in ihrer ersten großen Kinorolle, und ergänzt wird das brillante Ensemble von Stars des französischen Films wie Gaspard Ulliel („Saint Laurent“), Mélanie Thierry („Die Prinzessin von Montpensier“) und François Damiens („Das brandneue Testament“). Die umjubelte Weltpremiere feierte DIE TÄNZERIN im Mai 2016 beim Internationalen Filmfestival von Cannes, in der Sektion „Un Certain Regard“, und begeisterte außerdem das Publikum des diesjährigen Filmfests München in der Sektion „Spotlight“.


LANGINHALT

Es klingt grausam, doch ihr Leben kommt rasant in Bewegung, als Banditen ihren Vater unter freiem Himmel in seiner Badewanne erschießen. Bis dahin ist Marie Louise Fuller (Soko) als Tochter eines französischen Rodeoreiters und Goldsuchers irgendwo im wilden Westen der USA aufgewachsen. Ein junges Mädchen, das Kälbern geschickt die Beine zusammenbinden kann, aber nur auf den ersten Blick ein ungebildeter, roher Wildfang ist. Vielmehr hat sie etwas von einem Rohdiamanten, denn bei jeder Gelegenheit fertigt Marie Louise in ihrer Kladde Zeichnungen an oder liest sich selbst Theaterstücke mit lauter Stimme und verteilten Rollen vor. Doch nach dem Tod ihres Vaters wird es Zeit, die harte Existenz in freier Natur zurückzulassen. Allein macht sie sich auf den Weg nach New York, wo ihre Mutter lebt. Doch ihre künstlerischen Ambitionen werden von der schwarz gekleideten Frau mit dem strengen Gesichtsausdruck nicht unterstützt. Lily (Amanda Plummer) möchte, dass ihre Tochter in die sektenartige Abstinenzliga eintritt, deren Mitglied sie seit vielen Jahren ist. Zumindest soll sie sich so verhalten, dass sie ihr keine Schande macht. Und die Flausen, Schauspielerin zu werden, das gibt sie Marie Louise zu verstehen, werde sie ihr auch noch austreiben.

Doch das junge Mädchen ist selbstbewusst und durchsetzungsfähig genug, um ihren eigenen Weg zu gehen, wenn nötig gegen alle Widerstände. Marie Louise versucht sich als Modell für „künstlerische“ Aktfotos und bewirbt sich als Schauspielerin am Theater. Sie hat Glück und wird für eine stumme Drei-Minuten-Rolle als Hypnose-Patientin engagiert. Bei ihrem Auftritt stolpert sie jedoch über das viel zu lange Kleid und improvisiert, um die Szene zu retten, einen Tanz, bei dem sie wild mit ihren Rockschößen wedelt. So entsteht – Glück im Unglück – aus ihrer Hilflosigkeit heraus die Kunstform, mit der Marie Louise nachhaltig von sich reden machen soll. Die Zuschauer sind begeistert, spenden minutenlang Applaus und verlangen nach einer Zugabe. Die bekommen sie, als die junge Frau, die sich mittlerweile den Künstlernamen Loïe zugelegt hat, am Broadway mit ihrem bahnbrechenden Tanzprogramm auftritt, das alles in den Schatten stellt, was man um die Jahrhundertwende in Sachen Ballett gewöhnt ist. Von ihr begeistert ist auch bald der französische Dandy Louis Dorsay (Gaspard Ulliel), ein Graf mit Hang zu Melancholie, schönen Frauen und Äther-getränkten Taschentüchern. Die tiefe Freundschaft, die ihn und Loïe verbindet, bleibt jedoch – trotz seiner Annäherungsversuche – rein platonisch. Als Loïe ihre Choreographie patentieren lassen will, weil sie eine Konkurrentin dabei erwischt, wie sie ihren Stil nachahmt, muss sie erfahren, dass die Kunst in Amerika frei ist. Als sie den Rat erhält nach Frankreich zu gehen, da sie hier mehr Glück haben könnte, weiß Loïe sofort, wohin ihre künstlerische Wanderschaft sie als nächstes führt. In Paris, davon ist sie außerdem überzeugt, wird sie eines Tages an der Oper auftreten. Ihr größter Traum!

Das nötige Geld für die Überfahrt „leiht“ sie sich bei dem nichtsahnenden Louis. Er hatte in New York beiläufig erwähnt, dass sie wie geschaffen sei für einen Auftritt in den Folies Bergère, und so lässt sie keine Zeit verstreichen, um den Manager des berühmten Vergnügungsvarieté für sich zu begeistern. Ihrem ungestümen Charakter entsprechend verzichtet Loïe auf ein klassisches Vorsprechen und überrascht Monsieur Marchand (François Damiens) nachts vor seinem Haus im Licht seiner Autoscheinwerfer, und tanzt. Eine Überrumpelungstaktik, die Erfolg zeigt – und Loïe innerhalb kürzester Zeit zum Stadtgespräch macht. Ganz Paris will mit eigenen Augen sehen, wie die Tänzerin das Ballett revolutioniert. Marchands rechte Hand Gabrielle (Mélanie Thierry) wird in den folgenden Wochen und Monaten zu Loïes größter Stütze. Nicht nur körperlich gerät die Tänzerin häufig an ihre Grenzen, auch mit ihren Forderungen nach immer mehr finanzieller und technischer Unterstützung stößt sie potentielle Geldgeber vor den Kopf. Ohne Gabrielles Vertrauen in ihr Talent und ohne ihre selbstlose Unterstützung würde Loïes Karriere scheitern, noch ehe sie  richtig Fahrt aufnehmen kann. Und das mehr als einmal.
Unerwartet trifft Louis eines Tages in Paris ein, nachdem er von ihrem Erfolg gehört hat. Er lädt die Freundin auf sein Schloss ein, wo sie nicht nur wohnen und trainieren, sondern auch ihre technisch aufwändigen Darbietungen akribisch planen und vorbereiten darf. Er gestattet ihr sogar, eine Art Ballettschule zu eröffnen, denn inzwischen steht sie nicht mehr allein auf der Bühne, sondern mit einem kleinen Ensemble junger Tänzerinnen. Als ihr schließlich das Angebot eröffnet wird, an der Pariser Oper aufzutreten, wähnt sich Loïe am Ziel ihrer Träume. Doch das Ereignis, auf das sie all die Jahre schonungslos hingearbeitet hat, scheint sich als eine Nummer zu groß für sie zu erweisen. Ihr Körper lässt sie zunehmend im Stich – und auch ihre Zuversicht. Denn mit der blutjungen, ehrgeizigen Tänzerin Isadora Duncan (Lily-Rose Depp) drängt sich eine Lichtgestalt in ihr Leben, die alles ist, was Loïe jenseits der Bühne nicht ist: schön, grazil, verführerisch. Die Premiere an der Pariser Oper rückt immer näher, doch an den Triumph, den sie sich so sehr wünscht, glaubt selbst Loïe irgendwann nicht mehr…


ÜBER LOÏE FULLER

Es ist schier unmöglich, sich heutzutage den Sog auszumalen, der von Loïe Fuller ausging. Auf ihre Zeitgenossen muss sie – um einen aktuellen Popmusik-Vergleich zu bemühen – wie ein Mix aus Madonna, Lady Gaga und Miley Cyrus gewirkt haben. Sie war ein echter Superstar der vorigen Jahrhundertwende, eine, die mutig Ketten sprengte, selbstbewusst Grenzen überschritt und nur dem verpflichtet war, was sie für richtig hielt. Konventionen interessierten sie nicht, auch nicht, was andere von ihr dachten. Und wenn sie auf die Bühne trat, dann in der Gewissheit, dass das, was sie ihrem Publikum präsentierte, so noch nie zu sehen war. Sie wurde bejubelt und gefeiert, und hätte es damals Instagram und Twitter gegeben, die Zahl ihrer Follower wäre wohl in die Millionen gegangen. Heute ist Loïe Fuller aber hauptsächlich einigen Ballettexperten und Kunsthistorikern noch ein Begriff – eine jener visionären Frauen, die Bahnbrechendes leisteten, vom großen Publikum jedoch vergessen wurden. Ihre Leistung als Pionierin des modernen Tanzes schmälert das zum Glück nicht.
Als Marie Louise Fuller kam sie 1862 in Chicago, Illinois, zur Welt, ihr Vater war US-Amerikaner. Nach Anfängen als Kinderschauspielerin trat sie landesweit als Burlesque-Tänzerin auf, in Vaudeville-Theatern, aber auch im Zirkus. In den 1890er Jahren begann sie den für sie typischen Stil zu entwickeln: Sie experimentierte nicht nur mit immer leichteren Stoffen für ihr Tanzkostüm, das radikal Abschied nahm von den herkömmlichen, steifen Kostümen des Spitzentanzes, sondern auch mit neuartigen Formen der Beleuchtung, ganz zu schweigen von den sehr freien, wie improvisiert wirkenden Bewegungen ihrer Tänze, die jedoch einer strengen Choreografie unterlagen, die es in dieser Form noch nicht gegeben hatte. Aus diesem Grund ließ sie sich ihren Serpentinen-Tanz in Frankreich patentieren, wo sie ab 1892, nach einer umjubelten Tournee, lebte. Eine Entscheidung, die auch davon beeinflusst wurde, dass man sie dort ihrer Meinung nach ernster nahm und ihre Kunst viel mehr gewürdigt wurde als in ihrer Heimat. Am Neujahrstag 1928 (einige Quellen nennen auch den 2. Januar) starb sie als Loïe Fuller in Paris an einer Lungenentzündung. Sie wurde eingeäschert und ihre Urne auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt.

Ihr Einfluss zu Lebzeiten und auf spätere Generationen – beispielsweise legendäre Vertreterinnen des Modern Dance wie Isadora Duncan, die ihre Schülerin war, Mary Wigman, Martha Graham oder Twyla Tharp – kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Während der Belle Époque und zu Zeiten des Jugendstils inspirierte sie Maler wie Toulouse-Lautrec und Koloman Moser, sie zierte unzählige Plakate und wurde von den besten Fotografen ihrer Zeit abgelichtet, mutmaßlich sogar von den Brüdern Lumière, den Pionieren des Kinos, gefilmt. 1919 führte sie bei dem Stummfilm „Le lys de la vie“ selbst Regie. Neben der Kunstrichtung Jugendstil prägte sie mit ihrer Persönlichkeit und Arbeit auch den Kubismus, Symbolismus und Futurismus. Künstler, Intellektuelle und Poeten lagen ihr zu Füßen. Sie war mit vielen Berühmtheiten ihrer Epoche befreundet, darunter Nobelpreisträgerin Marie Curie, Edison, Rodin und Königin Marie von Rumänien. Und obwohl sie manchmal selbst von Zweifeln beschlichen wurde, ob das, was sie tat, zu Recht als Tanz bezeichnet werden konnte, eröffnete sie 1908 eine Ballettschule; dort unterrichtete sie unter anderem Improvisationstechniken, war aber andererseits streng darauf bedacht, die Grundlagen ihrer Beleuchtungs- und Kostümtricks für sich zu behalten.
In stimmungsvollen, atemberaubend schönen Chiaroscuro-Bildern vermittelt der Film DIE TÄNZERIN mittels grandioser Ausstattung (verantwortlich: Carlos Conti) und Kameraarbeit (Benoît Debie) eine nahezu dreidimensional wirkende Ahnung davon, welch hypnotisierender Zauber von Loïe Fullers Auftritten ausgegangen sein muss, wie trügerisch leicht in ihrem einzigartigen Bühnenprojekt Gestik, Kostüm, Technik, Licht und Poesie zu einem faszinierenden Ganzen verschmolzen. Wenn die junge Schauspielerin Soko als Loïe Fuller mit vollem Körpereinsatz in einen orgiastischen Rausch aus Farben, Licht und Bewegung verfällt – eine „körperliche Schrift im Raum“, wie es der Dichter Stéphane Mallarmé ausdrückte –, lässt sich nachvollziehen, weshalb ihre Zeitgenossen sie begeistert feierten und verehrten.
Aber auch, warum es sich letztlich um eine bodenlose Ungerechtigkeit der Geschichte handelt, dass Loïe Fuller heute nur noch wenigen Eingeweihten ein Begriff ist…



INTERVIEW MIT STÉPHANIE DI GIUSTO
(Regie & Drehbuch)

Wie kam es zu diesem Film?
Alles begann mit dem Schwarzweißfoto einer Tänzerin, die von wirbelnden Tüchern eingehüllt war und förmlich über dem Boden schwebte. Am unteren Bildrand stand „Loïe Fuller: Ikone der Belle Époque“. Die Frau hinter den meterlangen Stoffbahnen machte mich neugierig, und als ich ihre Geschichte erfuhr, war ich erst mal sprachlos. Ich fand es großartig, dass sie ihre Berühmtheit erlangte, indem sie sich verhüllte, bewunderte ihre bahnbrechende Natur. Mit ihrem Serpentinentanz revolutionierte Loïe Fuller gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Bühnenkunst. Trotzdem erinnert sich heute kaum noch jemand an sie.

Wie erklären Sie sich den ebenso plötzlichen wie abenteuerlichen Wunsch, Ihren ersten Film zu drehen?
Ich bin schon lange Filmfan. Aber mich mit den Regisseuren zu messen, die ich bewundere, erschien mir dann doch eine etwas zu große Herausforderung. In gewisser Weise nahm mir die Begegnung mit Loïe Fuller aber meine Ängste. Die Kämpfe, die dieses Bauernmädchen aus dem amerikanischen Mittelwesten ausfechten musste, um als Künstlerin anerkannt zu werden, machten mir Mut.

Was berührte Sie an ihrer Persönlichkeit besonders stark?
Sie entsprach in keiner Weise dem Schönheitsideal ihrer Zeit. Im Grunde war Loïe unansehnlich. Sie hatte den kräftigen Körperbau eines Bauernmädchens und fühlte sich als Gefangene ihres Körpers, den sie am liebsten ignoriert hätte. Und doch kreierte sie instinktiv eine Bewegung, mit der sie die Welt eroberte. Obwohl es ihr an natürlicher Anmut mangelte, gelang es ihr, in den Aufführungen anmutig zu wirken und sich mit Hilfe ihrer Kunst zu befreien. Sie erfand ihren Körper für die Bühne quasi neu. Für mich hat das eine ausgesprochen wichtige Bedeutung. Es gibt Menschen, die kommunizieren mit Worten. Sie hingegen entwickelte einen Gestus und formte daraus ihr Schicksal. Ihre Hemmungen verwandelte sie in Bewegung, ihr Unbehagen in Energie, das Ergebnis war explosive, aufsässige Vitalität. Außerdem wollte ich zeigen, welche Gefühle sich in ihrem Kampf äußerten, nämlich eine seltsame Mischung aus Stärke, Willenskraft und Zerbrechlichkeit.

Sie zeigen gleich am Anfang, wie Loïe auf dem Land klassische Texte rezitiert und Zeichnungen anfertigt…
Sie war bereits Künstlerin, bevor sie Schauspielerin wurde. Die Kunst gibt ihr die Möglichkeit zu fliehen. Loïe mag sich nicht, doch die Schönheit, die sie umgibt, zieht sie magisch an. Schauspielerin wollte sie eigentlich nur werden, weil sie schöne Texte liebt. Es ging ihr nicht darum, sich selbst zur Schau zu stellen.

Ironie des Schicksals: Ihre erste Rolle ist eine stumme Rolle…
Ja, und von diesem Tag an beschließt sie, beim Spielen künftig zu schweigen. Sie drückt sich allein durch die von ihr erfundenen Tanzbewegungen aus, die sie unablässig erweitern und verbessern wird. Sie hebt buchstäblich ab, nimmt ihr Schicksal in die Hand und lässt sich von ihrem Glauben an das Schöne und an ihre eigene Originalität davon tragen. Ihre Leidenschaft ist grenzenlos. Es handelt sich um eine Art Wettrennen mit der Zeit, das sie bis an die Pariser Oper führt. Eigentlich unglaublich, welche Anerkennung Loïe Fuller für ihre Choreographien erfuhr – was wiederum beweist, wie offen die Epoche für alles Kreative war.

Der Tanzstil, den sie entwickelte, machte sich viele wissenschaftliche Disziplinen zunutze: Mathematik, Chemie, die Bühnenkunst…
Allein die Herstellung ihres Tanzkostüms, das 350 Meter Seide verschlang, war eine Meisterleistung. Die mathematische Formel, die dafür vonnöten war, ist keine Erfindung von mir. Gleich bei der ersten Aufführung ihres Serpentinentanzes in den USA, bei der sie nur ein schlichtes Baumwollkleid trug, wusste Loïe, dass sie sich etwas einfallen lassen musste, damit es luftiger und zugleich voluminöser wirkt, und dass es mit einer normalen Bühnenbeleuchtung nicht getan sein würde. Jedes Buch, das sie in die Hand nahm, und jeder Mensch, der ihr begegnete, darunter Edison und der Astronom Flammarion, brachte ihr etwas bei. Sie studierte das Licht und entwickelte sich zu einer meisterhaften Bühnenbeleuchterin – deshalb brauchte sie auch 25 Techniker –, ja, sie erfand sogar phosphoreszierendes Salz, das sie auf ihre Kostüme aufbrachte, und richtete sich ein eigenes Chemielabor ein. Man kann wirklich sagen, dass sie zu den Mitbegründern der abstrakten und der Multimedia-Künste gehört. Als sie schließlich in den Folies Bergère auftrat, war sie quasi die Chefin ihrer eigenen Firma.

Kaum hatte sie ihren typischen Gestus kreiert, wollte sie ihn patentieren lassen.
Auch in dieser Hinsicht gehörte sie zur Avantgarde. Als ihr klar wurde, dass ihr Betätigungsfeld in Amerika von Patenten nicht geschützt wird, war ihr erster Reflex, nach Frankreich zu gehen, wo – so hoffte sie – ihre Arbeit anerkannt und geschützt würde. Insgesamt meldete sie zehn Patente auf ihren Namen an.

Ihr Talent wurde zunächst in Paris, später auch im Rest der Welt, anerkannt. Trotzdem wurde sie von Isadora Duncan verdrängt…
Isadora Duncan war all das, was Loïe nicht war: jung, brillant, grazil. Sie ist DIE TÄNZERIN. Isadora brauchte einfach nur zu erscheinen, während Loïe stundenlang trainieren musste und auf tausend Hilfsmittel angewiesen war. Mich hat diese Ungerechtigkeit sehr interessiert. Wir alle werden mit unseren Grenzen konfrontiert, die einen früher, die anderen später.

Wie gestaltete sich Ihre Arbeit am Drehbuch?
Zunächst so, als würde ich an einem Dokumentarfilm arbeiten. Ich las wahnsinnig viele Bücher über Loïe und traf eine Menge Leute, darunter Jody Sperling, eine Tänzerin, die den Stil von Loïe Fuller heute am besten tanzt. Ihre Mitarbeit war ganz entscheidend. Später habe ich mir Loïe förmlich einverleibt, damit ich das ausdrücken konnte, was mich am meisten an ihr berührt. Ich wollte meiner Heldin so nah wie möglich kommen und ihren Körper filmen, um zu zeigen, welche außergewöhnliche Energie und Leidenschaft sie antrieben. Ich wollte eine etwas andere Geschichte ausprobieren, die weniger durch Dialoge, als vielmehr durch Bewegung erzählt wird. Das bedeutete, dass ich ganz viel streichen musste – wofür ich drei Jahre brauchte. Jede Bewegung ist exakt im Drehbuch festgehalten. Sarah Thibau half mir bei meiner ersten Fassung, und Thomas Bidegain stand mir später zur Seite. Ihm gelang es, das Drehbuch noch weiter zu entschlacken und gleichzeitig mit Energie aufzuladen.

Haben Sie sich bei Ihrer Heldin Freiheiten erlaubt?
Ja, denn ich fühlte eine sehr innige Beziehung zu der Figur. Ich wollte nie ein klassisches Biopic drehen. Mein erster „Verrat“ bestand darin, dass ich ihr einen französischen Vater andichtete. Ich wusste von Anfang an, dass Soko die Loïe spielen würde, und fand es lächerlich, sie einen amerikanischen Akzent sprechen zu lassen. Also machte ich aus ihrem Vater einen dieser Fortyniner, französischen Pioniere, die während des Goldrauschs nach Nevada kamen. Außerdem fand ich die Idee interessant, dass sie vor Gewalt flieht, wenn sie die USA verlässt. Ich schilderte die Beziehung zu ihrer Mutter weniger positiv, als sie es tatsächlich war, indem ich aus ihr ein Mitglied der „Mothers“ machte, einer Prohibitionsbewegung, die gleichzeitig auch die erste Frauenbewegung in den USA war. Schließlich erlaubte ich mir die Freiheit, die Figur des Louis Dorsay, den Gaspard Ulliel spielt, komplett zu erfinden. Ich brauchte eine männliche Präsenz im Film, der ansonsten hauptsächlich mit Frauen bevölkert ist. Loïe Fuller war lesbisch, und mir war es wichtig, dass dies nicht zum Sujet des Films wird. Ich finde, dass Louis Dorsay eine sehr bewegende Figur ist: Er ist das männliche Opfer unseres Films.

Er ist auch eine sehr doppelbödige Figur…
Man glaubt, er würde sie verletzen, aber dann tut er ihr ausnahmslos gut. Er liebt die Kunst. Und er begeistert sich sofort für die Künstlerin, die er auf der Bühne entdeckt. Er und Loïe sehnen sich nach Spiritualität und führen eine Beziehung, die man weder als Freundschaft noch als Liebe bezeichnen kann. Sie ist rein plantonisch und trotzdem sehr sinnlich. Mit dem Thema männliche Impotenz  – ein Kinotabu – zu spielen, machte mir Spaß, eine Impotenz, die ich gleichzeitig sexy wirken lassen wollte.

Es existieren keine Filmaufnahmen von Loïe Fullers Aufführungen. Wie ist es Ihnen gelungen, sie zu rekonstruieren?
Das war die aufregendste Herausforderung des Films. Obwohl ihr Freund Thomas Edison sie ständig bekniete, weigerte sich Loïe Fuller, ihren Tanz auf Film zu verewigen. „Kommt nicht in Frage, dass ich mich in eine Schachtel einsperren lasse“, sagte sie immer. Die Videos, die auf YouTube zirkulieren, sind nur blasse Kopien. Jody Sperling, die ich bereits erwähnte, half uns sehr mit der Choreografie. Sie fand es großartig, dass wir einen Film drehten, der die gleichen Requisiten und die gleiche Anzahl von Technikern benutzte. Obwohl wir der Epoche gerecht werden wollten, wussten mein Produktionsdesigner Carlos Conti und ich, dass wir mit modernen Hilfsmitteln würden arbeiten müssen. Aber wir fanden Künstler, mit denen Loïe zweifellos zusammen gearbeitet hätte, darunter Alexandre Le Brun, ein wahrer Lichtkünstler, dessen Arbeit für die letzte Saint-Laurent-Show mich fasziniert hat. Anschließend sind wir ganz akribisch Loïe Fullers Arbeitsmethoden gefolgt. Die Proben nahmen unglaublich viel Zeit in Anspruch. Und für Soko bedeutete es intensives Training.

Wie genau bereitete sie sich denn auf ihre Rolle vor?
Ich wollte, dass sie einen kräftigen, muskulösen Körper bekommt. Deshalb trainierte sie einen Monat lang sechs Stunden täglich mit Jody Sperling. Das Schwierigste war für sie, die Balance zu halten, während sie zweieinhalb Meter über dem Boden im Dunkeln tanzte. Aber Soko gibt immer 100 Prozent. Sie ist lernbegierig und stürzte sich mit Haut und Haaren in die Vorbereitung. Vier Wochen später war sie so weit. Die Herausforderung bestand nun darin, dass sie den Tanz wieder vergisst, den sie mit Jody Sperling einstudiert hatte. Sie musste zu ihrer eigenen Interpretation finden. Da es für mich nicht in Frage kam, ein Double zu benutzen, mussten wir das bis zum Ende durchziehen.

Wenn man den Film sieht, erkennt man, dass jede Aufführung für Loïe eine körperliche Herausforderung darstellte…
Es war extrem anstrengend, diese scheinbar schwerelosen Bewegungen zu koordinieren. Da arbeiteten ja nicht nur ihre Arme, sondern der ganze Körper. Tatsächlich ist Loïe Fuller praktisch nach jeder Vorstellung zusammengebrochen, wie man in der Szene in den Folies Bergère sieht, wo unsere Heldin auf einer Tragbahre abtransportiert wird. Loïe tanzte nur alle drei Tage. So lange brauchte sie, um sich nach einer Vorstellung zu erholen.

Je mehr sie tanzt, desto mehr reibt sie sich auf. Zur körperlichen Anstrengung kommt hinzu, dass die Bühnenbeleuchtung ihr Augenlicht beeinträchtigt. Außerdem trainiert sie ständig an einer Maschine, um ihre Armmuskeln zu stärken.
Wenn Loïe auf die Bühne kommt, ist es jedes Mal, als würde sie in einen Boxring steigen. Mein Film ist stark vom Boxen inspiriert. Ich habe keine Tänzerin gefilmt, sondern eine Kämpferin. Auch die Art und Weise, wie sie sich am Ende einer Darbietung auf ihren Stuhl fallen lässt, kommt direkt vom Boxen.

Der Vergleich mit Isadora Duncan fällt dadurch noch schmerzhafter aus.
Denn Isadora ist talentiert und trinkt lieber Cocktails mit Journalisten, als stundenlang an der Stange zu üben. Ihre Vorstellung vom Tanz unterscheidet sich radikal von Loïe Fullers Konzept: übe nicht, träume, atme, schau dir zur Anregung Bilder von Griechenland an. Als Loïe ihr begegnet und sich in sie verliebt, verliebt sie sich in erster Linie in eine Projektion ihrer selbst, in einen Menschen, der sie gern selbst wäre, aber niemals sein kann.

Man spürt, wie selbstzerstörerisch sie ist, dass sie sich im Grunde selbst verachtet…
Ja, sie schaut sich nie im Spiegel an, sie mag sich nicht, und deshalb schont sie sich auch nicht. So gesehen ist DIE TÄNZERIN auch ein Film über die Selbstachtung. Ich bin fasziniert von dem tiefen Graben, der sich zwischen der Ikone der Weiblichkeit auftut, die sie beim Tanzen zweifellos war, und dem normalen Mädchen, zu dem sie im Alltag wird und das sie hasst. Loïe weiß genau, dass sie ohne ihr Kostüm nichts darstellt, und sie tut alles, um den Traum, den sie ihrem Publikum und den Kritikern bietet, nicht zu zerstören. Sie hat Angst, die anderen zu enttäuschen, und das nicht ohne Grund. Mallarmé etwa schrieb begeisterte Texte über ihre Auftritte, doch als er sie persönlich traf, war er zutiefst enttäuscht. Im Grunde war es Loïe gleichgültig, ob oder wie berühmt sie ist. Unterm Strich ist sie nur dann wirklich glücklich, wenn sie von den Menschen umgeben ist, mit denen sie arbeitet, oder beim Armdrücken mit ihren Technikern.

Im Film traut sie sich nur ein einziges Mal, ihr Publikum zu treffen, und zwar in der Pariser Oper, ausgerechnet, nachdem sie gestürzt ist…
Weil sie ja schon eine Menge erreicht hatte. Es scheint, als würde sie sich endlich selbst lieben – dank Louis Dorsay, der ihr half, eine Frau zu werden, aber auch dank Isadora Duncan, die sie mit ihrem provozierenden Telegramm zu dem Solo auf der Bühne der Pariser Oper drängte. Immerhin ist es Isadora, die sie entkleidet und ihr dabei hilft, ihre Weiblichkeit zu akzeptieren.

Heute kann man sich kaum vorstellen, wie berühmt sie zu ihrer Zeit war.
Loïe Fuller gehörte zu den bestbezahlten Tänzerinnen der Welt. Und obwohl sie die intellektuelle Elite ebenso wie das große Publikum begeisterte, wird sie heute von vielen Gelehrten nicht als Tänzerin geachtet, weil sie ihr Wissen nicht weitergab. Aber Loïe wusste, wie unmenschlich, fast schon destruktiv ihre Art zu tanzen war, deshalb vermittelte sie den jungen Mädchen etwas anderes. Ich hatte das Glück, einen Film zu sehen, den sie selbst gedreht hat, einen Film, in dem man ihre Tänzerinnen sieht, halb nackt und unglaublich frei, was damals skandalös war – man schrieb ja erst das Jahr 1900. Aber es war genau diese Freiheit, die Loïe Fuller ihnen beibringen wollte. Ironie des Schicksals, dass sie nur 100 Meter von Isadora Duncan entfernt auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise begraben ist. Loïes Grab ist total überwuchert, das von Isadora hingegen wirkt sehr gepflegt. Die Ungerechtigkeit setzt sich auch hier fort.

Es gibt einige visuell sehr beeindruckende Szenen im Film, etwa wenn Sie beim Tod von Loïes Vaters zeigen, wie das Badewasser von seinem Blut gefärbt wird, oder die Fotosession, in der Loïe eine Rüstung trägt und zum ersten Mal Liebe macht…
Bei jeder Szene habe ich versucht, mir etwas einfallen zu lassen, dass eine gewisse Bewegung ausdrückt. Und immer habe ich mich gefragt: Hat man so etwas schon mal gesehen? Mein Kameramann Benoît Debie trug sehr viel zur visuellen Qualität des Films bei. Nachdem ich seine Arbeit in Gaspard Noés „Love“ gesehen hatte, wusste ich, dass ich ihn engagieren musste. Zum Glück mochte er das Drehbuch und war einverstanden, an meinem Film mitzuwirken. Ich bin wie Loïe Fuller mit ihren 25 Technikern: ohne ihn, ohne meinen Produzenten Alain Attal, ohne die Kostümbildnerin Anaïs Romand, ohne meinen Produktionsdesigner Carlos Conti, ohne all die Menschen, die mit mir gearbeitet haben, gäbe es DIE TÄNZERIN nicht.

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?
Parallel zum Drehbuchschreiben ging ich auf Location-Suche. Ich musste die richtigen Schauplätze finden, um meine Figuren zum Leben zu erwecken, beispielsweise die Ruinen im Park, die wir für Gabrielles Geburtstagsessen brauchten; die Rotunde des Schlosses, in der sie tanzt; die Kirche, in der die „Mothers“ leben – die entdeckte ich übrigens im 19. Pariser Arrondissement – das Theater, in dem sie auftritt, und dann die Szenen, die im Westen der USA spielen, die wir aber im französischen Vercors drehten. Das Drehbuch strotzt vor Details, zu denen mich die Schauplätze inspirierten. Ich brauchte sie, um daran zu glauben.

Haben Sie den letzten Tanz – den Spiegeltanz – wirklich in der Pariser Oper gedreht?
Ja, ich hatte nur eine Nacht Zeit, exakt von zwei bis acht Uhr morgens. Aber es war einfach großartig.

Obwohl sie bereits in einigen Filmen zu sehen war, spielt Lily-Rose Depp in DIE TÄNZERIN ihre erste wirklich große Rolle.
Persönlich kannte ich sie gar nicht und flog in die USA, um Probeaufnahmen mit ihr zu machen. Ich merkte sofort, dass ich es mit einem künftigen Star zu tun hatte. Lily-Rose ist erst 16, aber sie hat vor nichts Angst, und sie fühlt sich unglaublich wohl in ihrer Haut. Soko musste wochenlang trainieren, Lily-Rose hingegen war gleich mit ihrer Filmfigur vertraut. Da hätten wir sie wieder, die bereits erwähnte Ungerechtigkeit…

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit so erfahrenen Schauspielern wie Soko, Mélanie Thierry, Gaspard Ulliel und François Damiens, der den Direktor der Folies Bergère spielt?
Ich kam mir vor wie Loïe Fuller, denn auch ich hatte eine Mission! Für mich waren es nicht Soko oder Gaspard Ulliel, die zu einer Tür hereinkamen, sondern Loïe Fuller und Louis Dorsay. Ich steckte so tief drin in meinem Sujet, das ich nicht mit den Darstellern sprach, sondern mit den Figuren. Im Übrigen waren sie alle sehr unterschiedlich: Soko großzügig und engagiert, mit einer Energie, die lediglich in die richtigen Bahnen gelenkt werden musste; Gaspard ein Meister der Präzision, und Melanie so talentiert und von ihrem Instinkt geleitet! Für Mélanie Thierry war es nicht leicht, eine Frau im Schatten zu spielen. Als Kontrast zu Loïes überbordender Energie brauchte ich jemanden, der genau so stark, dabei aber zurückgenommen ist. Und nichts ist schwieriger, als Stille und Ruhe zu spielen. Mein Ensemble hat mich sehr beeindruckt. Ich machte nur wenige Aufnahmen, und das beunruhigte meine Schauspieler manchmal. Obwohl ich die Epoche, in der mein Film spielt, respektierte, musste ich analog zum Rhythmus und der Energie meiner Heldin filmen, sprich: auf ähnliche Weise modern. Ich mag es, wenn Körper auf der Leinwand in Bewegung sind. Das habe ich beim Filmschnitt noch stärker herausgearbeitet. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass alle gekommen waren, um meinen Film zu unterstützen, egal, was auch passiert. Jeder einzelne hat etwas riskiert. Immerhin ist und bleibt mein Film ein Erstling, und sie wussten nicht, was sie erwartet. Ihr Engagement hat mich sehr berührt.

Ein Wort zur Musik…
Mir war sofort klar, dass ich Max Richters ausgesprochen moderne Interpretationen von Vivaldi für die Choreographien benutzen würde. Loïe Fuller selbst hatte kein besonderes Verhältnis zur Musik, sie tanzte praktisch zu allem. Als Ergänzung zu Vivaldi wählte ich Stücke von Warren Ellis und Nick Cave, die mich sehr berühren.

Es lässt sich kaum vermeiden, dass man Parallelen zieht zwischen dem Kampf, den jede Aufführung für Loïe Fuller bedeutet, und dem eines Regiedebütanten…
Jeder Regisseur ist gewissermaßen eine Loïe Fuller. Und in mancher Hinsicht ist mein Film ja auch ein Film über die Anfänge des Kinos, was sich im Gestus und der Inszenierung niederschlägt. Loïe Fuller verkörpert eine Kunstform, die elitär und volksnah zugleich ist. Sie sieht das große schöne Ganze. Jede Kunstform gibt uns die Möglichkeit, frei zu sein. Insofern handelt mein Film von dieser lebensnotwendigen Freiheit.






INTERVIEW MIT ALAIN ATTAL (Produzent)

DIE TÄNZERIN ist ein ausgesprochen ambitioniertes Projekt für eine Regiedebütantin. Was hat Sie dafür begeistert?
Der erste, der mein Interesse daran weckte, war Vincent Maraval von Wild Bunch. Er sagte: „Der Film hat keine Stars, die junge Regisseurin hat noch nie einen Film gemacht, und das Ganze kostet ein Vermögen.“ Ich war also vorgewarnt, als ich das Drehbuch las. Aber als ich fertig war, war ich Feuer und Flamme. Den Ausschlag gab schließlich mein Treffen mit Stéphanie Di Giusto – die schöpferische Leidenschaft, mit der sie ihr Projekt verteidigte, war ansteckend.

Können Sie diese erste Begegnung näher beschreiben?
Sie wusste genau, was sie wollte, und ihr 130 Seiten langes Drehbuch war bereits sehr ausgereift und außerdem wundervoll illustriert. Zusätzlich hatte sie ein umfangreiches Dossier vorbereitet, mit Fotos von Loïe Fuller und ihren Vorstellungen, was Ausstattung und Besetzung betraf. Auf all meine Fragen wusste Stéphanie präzise Antworten. Entsprechend leicht fiel es mir, den Film vor meinem inneren Auge zu sehen. Ich muss sagen, es war eine der schönsten beruflichen Begegnungen meines Lebens, denn im Gespräch schäumte sie über vor Kreativität und Leidenschaft.

Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass sie die Rolle der Loïe Fuller mit Soko besetzen wollte?
Für mich hat immer der Regisseur das Sagen. Obwohl ich mich nie in den Casting-Prozess einmische, gibt es natürlich Dinge, die ich mag und mit denen ich mehr oder weniger etwas anfangen kann. Aber offen gestanden war Soko ausschlaggebend für meine Mitwirkung. Ich fand sie großartig in Alice Winocours „Augustine“ und in Xavier Giannolis „À l’origine“, ja sogar in den Filmen, in denen sie nur einen kleinen Part hatte. Ich mag ihre Unberechenbarkeit, und die Idee, eine eigensinnige Künstlerin zu engagieren, um eine andere eigensinnige Künstlerin zu spielen, fand ich spannend.

Soko ist zwar in Indierock- und Post-Punk-Kreisen sehr bekannt, in der Filmindustrie aber eher weniger…
Ich wusste, dass ich mir meinen Job nicht leichter mache, indem ich Stéphanies Entscheidung gutheiße – zum Beispiel würde es sehr schwer werden, Fernsehsender als Co-Produzenten zu gewinnen für ein Regiedebüt mit einer Schauspielerin, die das große Publikum noch nicht kennt. Trotzdem beschloss ich, das Projekt voranzutreiben. Meine Frau Caroline – die sich mit all meinen Projekten beschäftigt und deren Meinung mir sehr wichtig ist, weil sie absolut kompromisslos ist – stand mir während der gesamten hektischen Produktion zur Seite, und ihr Enthusiasmus gab mir viel Kraft.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie eng mit Ihren Regisseuren zusammenarbeiten. Wie sah diese Zusammenarbeit mit Stéphanie Di Giusto aus?
Wir diskutierten viel und arbeiteten intensiv am Drehbuch – die Nebenfiguren waren nicht besonders plastisch herausgearbeitet. Deshalb bauten wir die Rollen von Mélanie Thierry und Gaspard Ulliel stärker aus. Stéphanie und ich waren bei manchen Szenen unterschiedlicher Meinung und stritten uns auch schon mal. Zumal sie täglich Teile des Drehbuchs umschrieb. Ich schätze, dass sie rund 50 Fassungen bis zur finalen Version geschrieben hat. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber Stéphanie und ich kamen oft auf „Rocky“ zu sprechen, jenen Typ, der davon träumt, Boxweltmeister zu werden und der bereit ist, alles für dieses Ziel zu opfern – auch wenn er nur in einem heruntergekommenen Boxstudio in einem Vorort von Philadelphia trainiert. DIE TÄNZERIN erzählt eine ähnliche Geschichte mit vielen Berührungspunkten. Stéphanie war im Übrigen kompromisslos: Sie wollte unbedingt Benoît Debie als Kameramann und konnte ihn schließlich überzeugen. Sie flog immer wieder nach L.A. – ohne uns zu informieren –, weil sie Lily-Rose Depp für die Rolle der Isadora Duncan engagieren wollte. Man könnte sagen, dass sie Gaspard Ulliel stalkte, bis er für die Rolle des Louis Dorsay unterschrieb. Und sie überredete François Damiens, die Rolle des Direktors der Folies Bergères zu übernehmen, obwohl wir ihn uns eigentlich gar nicht leisten konnten.

Wie sieht die Finanzierung des Films aus? Handelt es sich um eine riskante Produktion für Trésor Productions?
Ja, ich bin große Risiken eingegangen. Noch nie habe ich meine Firma so stark belastet – mit mehr als 1,5 Millionen Euro. Der Film kostete 8 Millionen Euro, und ich konnte lediglich 6,5 Millionen Euro auftreiben.

Sie sind dafür bekannt, dass sie sich gerne „verrückter“ Projekte annehmen…
Stimmt. Da gab es „Poliezei“, bei dem aus „vernünftigen“ Entscheidungen schnell „nötige“ Entscheidungen wurden. Oder „Kein Sterbenswort“, bei dem kein potentieller Geldgeber begeistert war, dass wir François Cluzet in der Hauptrolle besetzen wollten. Aber vor allem gab es Radu Mihaileanus „Das Konzert“, der bis zu DIE TÄNZERIN mein wohl wahnwitzigstes Projekt war. In solchen Fällen befindet man sich immer in einer total schizophrenen Lage: Einerseits will man nur das Beste für den Film, weiß aber gleichzeitig, dass nicht genug Geld vorhanden ist. Also macht man Schulden, stürzt sich kopfüber in das Projekt, und vor allem akzeptiert man die Entscheidungen des Regisseurs, weil man weiß, dass er oder sie Recht hat, wenn sie nicht gewillt sind, Kompromisse einzugehen. Radu Mihaileanu wusste genau, was er wollte, und Gott sei Dank war sein Film ein Erfolg. Stéphanie Di Giusto war genauso kompromisslos – es wird sich zeigen müssen, ob es eine gute Idee war, sie zu unterstützen.

Welche Finanzierungspartner haben Sie gefunden?
Erstens das CNC, von dem wir Filmförderungsgelder erhielten. Dann Canal Plus, Ciné+, Wild Bunch Distribution, die sich auch um den Weltvertrieb kümmern, schließlich Serena Films aus Tschechien sowie die Dardenne-Brüder. Als wir bereits mitten in den Dreharbeiten steckten, kam Orange Studio als kleiner Co-Produzent mit an Bord.

Sie sagen, dass Stéphanie Di Giusto kompromisslos arbeitet. Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Wir hatten kein Budget, um die Szenen zu finanzieren, die Loïe in den USA in den Bergen zeigen, und ich war der Meinung, dass der Film durchaus damit beginnen könnte, dass sie zu ihrer Mutter reist. Aber Stéphanie kam am Ende der Dreharbeiten noch einmal auf diesen Punkt zurück: „Hör zu“, meinte sie, „ich brauche diese Szenen, lass es uns so machen, als würden wir einen Kurzfilm drehen. Zieh mir die Kosten von meiner Gage ab – ich komme gern dafür auf.“ Und sie hatte natürlich Recht. Inzwischen kann ich mir den Film ohne die Szenen, die sie im Vercors gedreht hat, nicht mehr vorstellen. Sie wollte unbedingt auch zwei Einstellungen drehen, die Soko bei der Atlantiküberquerung zeigen – die fielen zunächst ebenfalls dem Sparzwang zum Opfer. Aber im vergangenen Februar ist sie dann mit Soko und den beiden Produzentinnen Marie Jardillier und Emma Javaux, die den Film mit mir zusammen stemmten, an Bord einer Fähre gegangen, und dort drehte sie ohne offizielle Erlaubnis die Einstellungen, die sie brauchte – nur mit einer Kamera und Soko. Erst gegen Ende der Produktion habe ich ihr ein paar Drehstunden weggenommen – unterm Strich  addierte sich das vielleicht auf zwei von insgesamt 47 Drehtagen. Ich musste das tun, weil unser erschöpfter Produktionsleiter es nicht mehr schaffte, sie zu irgendwelchen Kompromiss zu bewegen.

Worin bestand Ihre Aufgabe während der Montage?
Nachdem sie acht Wochen am Filmschnitt gesessen hatte, rief Stéphanie mich an und sagte: „Ich bin fertig“. Die Version von DIE TÄNZERIN, die sie mir zeigte, war 80 Minuten lang. Ich habe bis heute 26 Filme produziert, und so etwas hatte ich noch nie erlebt. Die meisten Regisseure schneiden ihre Filme immer viel zu lang. Sie hingegen hatte Angst, dass er zu beschaulich und überemotional ausfallen würde, und deshalb rauschte er förmlich an einem vorbei. Also nahmen wir uns den Rohschnitt noch einmal vor und fingen von vorne an. Ich habe versucht ihr zu zeigen, dass es dem Film gut tun würde, das Tempo zu verlangsamen – kaum zu glauben, oder? –, und dann machte sie sich erneut an die Arbeit, diesmal entspannt und mit klarem Kopf.



DIE DARSTELLER

SOKO
geboren am 26. Oktober 1985 in Bordeaux
So lange sie sich erinnern kann, wird Stéphanie Sokolinski, Tochter eines Polen und einer Mutter mit französisch-italienischen Wurzeln, Soko genannt. Mit 16 verlässt sie die Schule und zieht nach Paris, wo sie Schauspielunterricht nimmt. Parallel zu ersten Engagements als TV- und Filmdarstellerin – so spielt sie 2006 in „Mes copines“ an der Seite einer anderen Debütantin namens Léa Seydoux – schreibt Soko erste Songs, mit denen sie schnell eine internationale Fangemeinde um sich schart und Indie-Hits in Ländern wie Dänemark, Belgien und Australien landet. 2008 ist sie neben François Cluzet in Xavier Giannolis von der Kritik gefeiertem Drama „À l’origine“ zu sehen und erhält dafür ihre erste César-Nominierung in der Kategorie Beste Nachwuchsdarstellerin. 2012 erscheint Sokos erstes Album „I Thought I Was an Alien“, dem drei Jahre später „My Dreams Dictate My Reality“ folgt. Nach Auftritten in Alice Winocours „Augustine“ und Virginie Despentes „Bye Bye Blondie“ (beide 2012) begeistert sie 2016 beim Filmfestival von Cannes gleich mit zwei vielbeachteten Filmen: als Tanzpionierin Loïe Fuller in DIE TÄNZERIN sowie als Soldatin in Delphine und Muriel Coulins „Voir du pays“.


LILY-ROSE DEPP
geboren am 27. Mai 1999 in Paris
Lily-Rose Depp ist die Tochter von Hollywoodstar Johnny Depp und Frankreichs Pop- und Filmikone Vanessa Paradis. Noch bevor sie im Frühsommer 2016 ihren Highschool-Abschluss macht, wird sie bereits vom Modehaus Chanel als Model verpflichtet, unter anderem für Chanel No. 5 L'Eau und die Sonnenbrillen-Kollektion Pearl, und spielt an der Seite ihrer Freundin Harley Quinn Smith in zwei Filmen von deren Vater, Kultregisseur Kevin Smith: „Tusk“ und „Yoga Hosers“. Doch ihre erste wirklich bedeutende Rolle übernimmt sie als junge Isadora Duncan in Stéphanie Di Giustos DIE TÄNZERIN. Zuletzt abgedreht hat Lily-Rose Depp, die fließend Englisch und Französisch spricht, den Film „Planetarium“ der französischen Regisseurin Rebecca Zlotowski, in dem sie die Schwester von Natalie Portman spielt.

GASPARD ULLIEL
geboren am 25. November 1984 in Boulogne-Billancourt
Eigentlich träumt der Sohn eines Paars, das in der Modebranche arbeitet, von einer Laufbahn als Filmregisseur. Doch eine Freundin seiner Mutter, die eine Künstleragentur betreibt, verschafft dem jungen Gaspard erste kleine Rollen in Fernsehfilmen. Ulliel macht sein Abitur und schreibt sich an der Filmschule in Saint Denis ein. Mit 19 wird er jedoch von Starregisseur André Téchiné entdeckt und spielt seine erste bedeutende Rolle neben Emmanuelle Béart in „Die Flüchtigen“. Bereits 2003 und 2004 für einen César als bester Nachwuchsdarsteller nominiert, erhält er 2005 für die Rolle von Audrey Tautous Verlobtem in Jean-Pierre Jeunets „Mathilde – Eine große Liebe“ den begehrten Preis. Er arbeitet anschließend mit Gus Van Sant, der eine Episode von „Paris, je t’aime“ inszeniert, wird für die Hollywoodproduktion „Hannibal Rising – Wie alles begann“ als junger Hannibal Lecter engagiert, steht für eine Parfumwerbung vor der Kamera von Martin Scorsese und spielt  2010 erstmals an der Seite von Mélanie Thierry in „Die Prinzessin von Montpensier“. Nach der vielbeachteten Titelrolle in der Designer-Biografie „Saint Laurent“ (2015) ist Gaspard Ulliel beim Festival von Cannes 2016 gleich mit zwei Filmen vertreten: DIE TÄNZERIN sowie als Hauptdarsteller von Xavier Dolans preisgekröntem Familiendrama „Einfach das Ende der Welt“.


MÉLANIE THIERRY
geboren am 17. Juli 1981 in Saint Germain en Laye
Obwohl sie nur 1,60 Meter groß ist und damit nicht den herkömmlichen Modelstandards entspricht, macht Mélanie Thierry schon sehr jung als Model Karriere und ist auf den Titelblättern bekannter Frauenmagazine wie Elle und Vogue zu sehen. Mit 18 Jahren gibt sie 1999 in Giuseppe Tornatores „Die Legende vom Ozeanpianisten“ als „das Mädchen“ ihr Kinodebüt. Ihren Durchbruch feiert sie im selben Jahr in Patrick Timsits „Quasimodo d'el Paris“ als Esmeralda. Es folgen Aufgaben beim Film und im Fernsehen, doch auch am Theater beweist sie ihr Talent, so in dem Stück „Le vieux juif blonde“ in einer Doppelrolle. Als Freundin des französischen Erfolgssängers Raphaël wird sie von ihm in dessen Hit-Clip „Caravane“ besetzt (ihr gemeinsamer Sohn Roman kommt 2008 zur Welt). 2007 spielt sie neben Albert Dupontel in dem Thriller „Chrysalis“. Mit Vin Diesel und Gérard Depardieu dreht sie das Sci-Fi-Actionspektakel „Babylon A.D.“ und wird 2010 für ihre Rolle in „Le dernier pour la route“ mit einem César als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet. Zu ihren wichtigsten Filmen seither zählen Bertrand Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“, André Téchinés „Impardonnables“ sowie Diane Kurys‘ „Pour une femme“.

DIE PRODUKTION

STÉPHANIE DI GIUSTO (Regie & Drehbuch)
Stéphanie Di Giusto studierte an der renommierten Pariser Kunsthochschule Ècole nationale supérieure des arts décoratifs und machte ihren Abschluss an der ebenfalls in Paris beheimateten ESAG Penninghen, an der u.a. Design und Innenarchitektur gelehrt wird. Ihre berufliche Laufbahn startete Di Giusto mit Werbeaufträgen für den französischen Telefonanbieter Orange und den Fernsehsender France 5, für den sie zahlreiche Creditsequenzen entwarf. Es folgten Videoclips in Zusammenarbeit mit innovativen Musikern jenseits des Mainstream wie Elsa Lunghini, Camille, Brigitte Fontaine sowie Sliimy und Jarvis Cocker. Schon bald galt ihr Interesse jedoch vor allem der Modeindustrie: Sie konzipierte und drehte einige Kurzfilme mit Model und Designerin Lou Doillon und arbeitete eng mit der Modeschöpferin Vanessa Bruno zusammen: Für Brunos Kollektionen entwarf sie Videoinstallationen, Kurzfilme und animierte Lookbooks, die nicht nur als Werbeträger, sondern auch als Kunstprojekte funktionieren. Mit ihren fotografischen Arbeiten war Di Giusto bereits in Zeitschriften wie Vogue, Elle und Purple Magazine vertreten. DIE TÄNZERIN ist ihr erstes Spielfilmprojekt als Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie konnte dafür ein beeindruckendes Darstellerensemble verpflichten – darunter Soko, Mélanie Thierry, Gaspard Ulliel sowie François Damiens – und gab Lily-Rose Depp, Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis, darin ihre erste große Kinorolle. Weltpremiere feierte DIE TÄNZERIN in der Sektion „Un certain regard“ bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2016, wo Stéphanie Di Giustos Erstling begeistert aufgenommen wurde.

ALAIN ATTAL (Produktion)
Alain Attal, Jahrgang 1959, arbeitet zunächst als Drehbuchautor, bevor er 1989 mit „Jour après jours“ seinen ersten eigenen Kurzfilm dreht. Noch im Gründungsjahr 1998 seiner Produktionsfirma „Les Productions du Trésor“ entsteht Guillaume Canets Kurzfilm „Je t'aime“, dem bis 2002 ausschließlich weitere Kurzfilme folgen, u.a. von Xavier Barthélemy und Bruno Garcia. 2003 produziert Attal mit Canets „Bad, Bad Things“ seinen ersten abendfüllendem Spielfilm. Zu seinen erfolgreichsten Produktionen zählen Radu Mihaileanus wunderbare Tragikomödie „Das Konzert“ mit Mélanie Laurent sowie der Thriller „Kein Sterbenswort“ und der Ensemblefilm „Kleine wahre Lügen“, beide von Guillaume Canet. Auch für Canets ersten englischsprachigen Film „Blood Ties“ (2013) mit Mila Kunis, Zoe Saldana, Marion Cotillard und Clive Owen verantwortet Alain Attal die Produktion. Allein in den vergangenen zwei Jahren produziert Attal, der sich weiterhin intensiv um die Förderung des Filmnachwuches kümmert, drei Debütfilme, darunter „Elle l'adore“ von Jeanne Herry, „Je te survivrai“ von Sylvestre Sbille und DIE TÄNZERIN von Stéphanie Di Giusto.
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Donnerstag 13.10.2016
GIRL ON THE TRAIN
Ab 27. Oktober 2016 im Kino
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Der Herbst 2016 wird spannend: Paula Hawkins Debütroman „The Girl on the Train“ wurde für die große Leinwand adaptiert. In den Hauptrollen der Bestsellerverfilmung sind neben der grandiosen Emily Blunt auch Rebecca Ferguson, Haley Bennet und viele andere zu sehen.

Ein Film von Tate Taylor
Mit: Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett u.a.

In GIRL ON THE TRAIN beobachtet die frisch geschiedene Rachel auf ihrer täglichen Zugfahrt in die Stadt ein junges Paar, das in einem Haus an der Bahnstrecke lebt, und malt sich dessen vermeintlich perfektes Leben aus. Eines Tages aber wird Rachel aus dem Zug heraus Zeugin, wie dort etwas Schreckliches geschieht. Sie meldet der Polizei ihre Beobachtung und verstrickt sich damit unaufhaltsam in die kommenden Ereignisse…

Seit der Veröffentlichung im Januar 2015 hat sich „The Girl on the Train“ weltweit bereits sieben Millionen Mal verkauft und ist damit der am schnellsten verkaufte Roman für Erwachsene in der Geschichte. Der internationale Bestseller landete schon in der ersten Woche auf einem Spitzenplatz in der New York Times Bestseller-Liste. Ganze 42 Woche hielt sich der Titel auf dieser Liste und stand mehr als die Hälfte dieser Zeit auf Platz 1. Auch in Deutschland steht „Girl on the Train“ seit 26 Wochen auf der Paperback-Bestsellerliste, davon vier Wochen in Folge auf Platz 1 und verkaufte sich in kürzester Zeit weit über eine halbe Millionen Mal.

Die Besetzung kann sich sehen lassen: Neben Emily Blunt (SICARIO) und Rebecca Ferguson (MISSION: IMPOSSIBLE 6) spielen Haley Bennett (THE EQUALIZER), Justin Theroux (The Leftovers), Luke Evans (FAST & FURIOUS 7), Emmy®-Gewinnerin Allison Janney (Mom), Edgar Ramirez (ZERO DARK THIRTY), Lisa Kudrow (The Comeback) sowie Emmy®-Gewinnerin Merritt Wever (Nurse Jackie).

Tate Taylor (THE HELP) führt Regie. Gemeinsam mit Erin Cressida Wilson (SECRETARY – WOMIT KANN ICH DIENEN?) verfasste er auch das Drehbuch. Produziert wird der Film von Marc Platt (BRIDGE OF SPIES: DER UNTERHÄNDLER), Celia Costas ist gemeinsam mit Jared LeBoff von Marc Platt Productions ausführender Produzent. Die Dreharbeiten finden gerade in New York, NY und Westchester County, NY statt.
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Donnerstag 06.10.2016
DAS KALTE HERZ
Ab 20. Oktober 2016 im Kino
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Der mittellose Peter sucht aus Liebe zu der schönen Lisbeth, die aus gutem Hause stammt, einen Weg, um reich zu werden. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf einen Pakt mit dem teuflischen Holländer-Michel ein, der ihm anstelle seines Herzens einen Stein in die Brust setzt. Befreit von jeglichem Mitgefühl gelangt Peter schnell zu Reichtum und Ansehen. Doch Lisbeth erkennt ihren einst so gutmütigen Peter in dem skrupellosen Geschäftsmann nicht mehr wieder und stellt sich gegen ihn. Um Lisbeth zurückzugewinnen, muss Peter um sein Herz kämpfen.


Ein Film von JOHANNES NABER

Mit FREDERICK LAU (PETER MUNK), HENRIETTE CONFURIUS (LISBETH), MORITZ BLEIBTREU (HOLLÄNDER-MICHEL), MILAN PESCHEL (GLASMÄNNCHEN), DAVID SCHÜTTER (BASTIAN), SEBASTIAN BLOMBERG (LÖBL), ROELAND WIESNEKKER (ETZEL), ANDRÉ M. HENNICKE (JAKOB MUNK), JULE BÖWE (BARBARA MUNK), LARS RUDOLPH (SCHUI-FRANZ)


DAS KALTE HERZ entführt in eine archaische Welt, in der die Menschen noch an Geister glauben. In der kraftvollen Geschichte um den jungen Peter, der aus Liebe zu der schönen Lisbeth sein Herz verkauft, glänzt ein hochkarätiger Cast von Jungstars wie Frederick Lau (VICTORIA), Henriette Confurius (DIE GELIEBTEN SCHWESTERN) und David Schütter (WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK.) neben Leinwandgrößen wie Moritz Bleibtreu (SOUL KITCHEN) und Milan Peschel (HALT AUF FREIER STRECKE). Die bildgewaltige Neuverfilmung der beliebten Hauffschen Erzählung entstand vor grandiosen Kulissen im Schwarzwald sowie an aufwendigen Sets im
traditionsreichen Studio Babelsberg.

Der gutmütige Peter lebt mit seinen Eltern in einer einsamen Köhlerhütte im mittelalterlichen Schwarzwald. Das Leben der Kohlenbrenner ist hart und entbehrungsreich. Von den anderen Dorfbewohnern werden sie gedemütigt, von den Holzfällern verprügelt. Die Einzige, die Peter mit Respekt behandelt, ist Lisbeth, die anmutige Tochter des Glasmachers Löbl. Peter ist von ihr ebenso fasziniert wie von der Kunst des Glasmachens. Doch Lisbeth ist bereits dem gutaussehenden Holzhändlersohn Bastian versprochen.
Peter glaubt, dass er Lisbeths Herz nur durch Reichtum und Ansehen erobern kann. Als ihm seine Mutter vom Glasmännchen erzählt, einem sagenumwobenen Waldgeist, der seit Jahrhunderten den Menschen Wünsche erfüllt, sieht Peter seine Chance gekommen. Hoch oben im Wald findet er schließlich das Glasmännchen, das ihm drei Wünsche gewährt. Peter wünscht sich zuerst, der beste
Tänzer im Dorf zu sein, um endlich Beachtung unter den Bürgern zu finden. Sein zweiter Wunsch ist es, beim Würfeln im Gasthaus immer so viel Geld in den Taschen zu haben wie der Holzhändler Etzel, der reichste Mann im Dorf. Sein letzter Wunsch ist es, die schönste Glashütte im Schwarzwald zu besitzen, um endlich nicht mehr Köhler sein zu müssen und stattdessen dem angesehenen Beruf des Glasmachers nachgehen zu können.
Das Glasmännchen erfüllt ihm die drei Wünsche, doch Peter hat sie nicht mit Bedacht gewählt. Zwar kann er seinen Kontrahenten Bastian beim Tanzduell ausstechen und kommt so Lisbeth näher. Aber die neue Glashütte bringt ihm nicht viel – hat er doch das Glasmachen nie erlernt. Lisbeth, die sich insgeheim schon längst für ihn entschieden hat, hilft ihm bei seiner neuen Existenz als Glasmacher und ihrem gemeinsamen Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen.
Doch dann gewinnt Peter beim Würfeln im Gasthaus gegen Etzel – und seine Taschen sind plötzlich ebenso leer wie die von Etzel. So kann Peter die 500 Gulden, die Löbl für Heirat seiner Tochter fordert, nicht aufbringen. Peter weiß nur noch einen Ausweg: Er sucht den geheimnisvollen Holländer-Michel, einen zwielichtigen Holzfäller, der einst von den Menschen verstoßen wurde und in einer dunklen Höhle haust. Dieser überzeugt Peter, dass ihm seine Ängste im Weg stehen, und schlägt ihm einen Handel vor: Peter soll ihm sein Herz geben und bekommt dafür eines aus Stein in die Brust, wodurch er gefühllos wird. Peter sieht, dass bereits viele andere vor ihm sein Herz beim Holländer-Michel ließen, und willigt ein.
Von jeglichem Mitgefühl befreit geht er nach Holland, um reich zu werden. Als er schließlich vermögend zurückkehrt, glaubt Lisbeth, dass sie nun endlich glücklich werden können. Doch Peter ist nicht mehr derselbe. Gefühllos und kalt ist er nur daran interessiert, seine Macht zu vergrößern. Lisbeth ist für ihn nur noch ein Spielzeug. Schockiert weigert sich Lisbeth, ihn zu heiraten, und will ihn davon überzeugen, dass er sein Herz zurückgewinnen muss. Als Peter sie schließlich im Streit unterwerfen will, verunglückt sie tödlich. Peter wird klar, was er angerichtet hat, und begibt sich ein letztes Mal zum Holländer-Michel, um sein Herz zurückzubekommen.


FREDERICK LAU
IST PETER MUNK
Als Sohn eines Köhlers steht Peter weit unten in der gesellschaftlichen Ordnung. Mit kohleverschmiertem Gesicht muss er sich die Demütigungen der Holzfäller gefallen lassen und die schöne Lisbeth, die Tochter des reichen Glasmachers Löbl, scheint für ihn schier unerreichbar. Um dies zu ändern, ist Peter bereit, einen teuflischen Pakt einzugehen.
„Es ist für jeden Schauspieler spannend, jemanden zu spielen, der sein Herz hergibt. Jemanden, der ursprünglich von einer jugendlichen Neugier und Offenheit ist, und der plötzlich zu einem Menschen wird, der manipulativ und gewissenlos handelt.“
Frederick Lau
Der 1989 in Berlin geborene Frederick Lau begann seine Karriere als Schauspieler bereits im Alter von zehn Jahren und ist bekannt aus Filmen wie DIE WELLE, VICTORIA und TRAUMFRAUEN. Für seine Rolle in VICTORIA wurde er beim Deutschen Filmpreis 2015 als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.


HENRIETTE CONFURIUS
IST LISBETH
Die anmutige Lisbeth ist für die jungen Männer im Dorf eine erstrebenswerte Trophäe. Doch sie hat ihren eigenen Kopf und entscheidet sich zum Groll ihres Vaters nicht für den angesehenen Schönling Bastian, sondern für den armen, aber gutmütigen Peter. Als dieser plötzlich zum skrupellosen Geschäftsmann mutiert, wird ihre Liebe auf eine harte Probe gestellt.
„Als Peter verschwindet, hält Lisbeth zu ihm und wartet auf ihn – obwohl sie nicht weiß, wo er ist oder wann er wiederkommt. Sie schüttelt alle Zweifel ab und glaubt daran, dass er zurückkommt. Als er dann zurückkehrt, ist er ein komplett anderer Mensch. Aber selbst da hält Lisbeth noch zu ihm und glaubt daran, dass es diesen Grund, warum sie sich in ihn verliebt hat, immer noch gibt. Nachdem ihre Großmutter ihr vom Holländer-Michel erzählt, wird ihr plötzlich klar, dass Peter sein Herz weggegeben hat. Und solange er ohne Herz ist, will sie ihn nicht heiraten.“
Henriette Confurius
Henriette Confurius wurde 1991 in Berlin geboren und spielte u.a. in TANNBACH – SCHICKSAL EINES DORFES und DIE GELIEBTEN SCHWESTERN.


MORITZ BLEIBTREU
IST DER HOLLÄNDER-MICHEL
Einst von den Menschen verstoßen und von Waldgeistern in eine dunkle Höhle verbannt, sucht der Holländer-Michel nach Wegen, sich zu rächen. Doch das dumme Streben nach Reichtum und Ansehen treibt die Menschen ganz von selbst in seine Hände. Mit Hilfe verführerischer Versprechen stiehlt er ihnen das, was sie zu Menschen macht: ihr Herz.
„Der Holländer-Michel ist jemand, der seine Kraft aus den Herzen der Menschen zieht. Eigentlich ist er ein Junkie: Jemand, der sich Liebe über Drogen zuführt, die ihn kaputt machen; die dazu führen, dass er vereinsamt, weil die Leute Angst vor ihm haben. Er ist jemand, der nur überleben kann, weil sich diese Droge für ihn anfühlt wie ein bisschen Liebe. Und genau so hab ich mir das mit den Herzen vorgestellt: Jedes Herz ist für ihn neue Lebenskraft, neue Liebe. Der Holländer-Michel leidet sehr, aber nicht auf sentimentale Weise, sondern auf aggressive Weise. Es ist ein hasserfülltes Leiden, in dem er anderen wehtun will, damit es ihm selbst besser geht.“
Moritz Bleibtreu
Moritz Bleibtreu, geboren 1971 in München, spielte in Filmen wie LOLA RENNT, LAMMBOCK und SOUL KITCHEN.

MILAN PESCHEL
IST DAS GLASMÄNNCHEN
Hoch oben im Wald, dort, wo die großen Tannen stehen, lebt das Glasmännchen. Seit Jahrhunderten erfüllt es die Wünsche der Menschen. Doch inzwischen glauben die Menschen nicht mehr an Geister und verlieren zunehmend den Respekt vor der Natur. Die Kräfte des Glasmännchens schwinden und sein Appell an die Menschen, sich ihres Verstandes zu besinnen, scheint vergeblich.
„In unserer Verfilmung gibt es die Waldgeister, die im Einklang mit der Natur leben. Sie stehen für alte Mythen, für etwas, das es in unserer Welt nicht mehr gibt. Sie stehen für eine Welt, in der man bis zum Horizont schauen konnte, hinter dem noch etwas anderes lag – die nicht sichtbare Welt, die Welt der Feen und Geister.“
Milan Peschel
Milan Peschel, 1968 in Ost-Berlin geboren, ist aus Publikumshits wie DER NANNY und SCHLUSSMACHER, aber auch aus Filmen wie HALT AUF FREIER STRECKE bekannt. Außerdem spielt und inszeniert Milan Peschel regelmäßig am Theater.


DAVID SCHÜTTER
IST BASTIAN
Als Sohn des reichsten Mannes im Dorf, gutaussehend und beliebt, ist Bastian gewohnt, alles zu bekommen, was er will. Doch nicht nur seine Tanzpartnerin Lisbeth verweigert ihm plötzlich ihre Zuneigung. Auch bei seinem Vater ringt er verzweifelt um Anerkennung.
„Bastian hat nie seinen eigenen Weg gesucht, sondern immer nur versucht, in die Fußstapfen seinen Vaters zu treten. Und gerade dieser verweigert ihm seine Liebe. Deshalb kann Bastian trotz Reichtum und Ansehen nicht glücklich sein.“
David Schütter
Spätestens seit seinem Auftritt in WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. zählt der 1991 in Hamburg geborene David Schütter zu den vielversprechendsten jungen Schauspieltalenten Deutschlands. 2016 ist er zu sehen in CRO – UNSERE ZEIT IST JETZT und VIER GEGEN DIE BANK.


ROELAND WIESNEKKER
IST ETZEL, BASTIANS VATER
Etzel ist einer der reichsten Männer im Dorf. Als Holzhändler verkauft er die mächtigen Stämme bis nach Holland. Dabei ist ihm vor allem Peters Vater, der Köhler Jakob Munk, im Weg. Um an sein Ziel zu kommen, sind dem skrupellosen Geschäftsmann alle Mittel recht. Roeland Wiesnekker, geboren 1967 in der Schweiz, ist ein mehrfach ausgezeichneter Theater-, Film- und Fernsehschauspieler. Im Kino war er unter anderem in TÖTE MICH von Emily Atef zusehen. Außerdem spielt Wiesnekker den Kommissariatsleiter Riefenstahl im Frankfurter TATORT.
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Mittwoch 28.09.2016
SAINT AMOUR – DREI GUTE JAHRGÄNGE
Ab 13. Oktober 2016 im Kino
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So kann es nicht weitergehen! Seit Langem redet Bruno (Benoît Poelvoorde) kaum noch mit seinem Vater Jean (Gérard Depardieu). Wie jedes Jahr fahren sie zur Pariser Landwirtschaftsmesse, bei der Bruno traditionell seine „Weinreise“ unternimmt, während Jean hofft, mit seinem Zuchtbullen Preise zu gewinnen. Doch diesmal soll alles anders zu werden. Eine echte Weinreise muss her! Obwohl man die beiden eher voreinander schützen müsste, sitzen sie kurzentschlossen gemeinsam im Taxi des jungen Mike (Vincent Lacoste) und fahren schnurstracks nach Saint Amour, dem malerischen Weinort im Beaujolais. Eine Gegend der Weinberge und kleinen Restaurants, in der alles möglich scheint. Vielleicht ja auch, dass Jean und Brunos Differenzen sich auflösen, und sie wieder zueinander finden.


Regie und Drehbuch: Gustave Kervern und Benoît Delépine

Mit Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Céline Sallette, Chiara Mastroianni, Izïa Higelin, Ana Girardot, Andréa Ferréol und Michel Houellebecq u.v.a.


Mit SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge bringt das Regie-Duo Gustave Kervern und Benoît Delépine (MAMMUTH, DER TAG WIRD KOMMEN) zwei der ganz großen Schauspieler des französischen Kinos zum ersten Mal gemeinsam auf die Leinwand: Gérard Depardieu (VALLEY OF LOVE – TAL DER LIEBE) und Benoît Poelvoorde (DAS BRANDNEUE TESTAMENT). Hinreißend komisch erzählen die beiden Regisseure in ihrer siebten gemeinsamen Regiearbeit von den Höhen und Tiefen einer Vater-Sohn-Beziehung, den Irrwegen, Sackgassen und überraschenden Abzweigungen familiärer Liebe. Bei ihrer ebenso kurzentschlossenen wie turbulenten Fahrt von Paris ins Beaujolais laufen Depardieu und Poelvoorde zur Höchstform auf. Abgerundet wird die Besetzung dieser Hommage an die Familie, die Frauen und den Wein durch Shootingstar Vincent Lacoste (JACKY IM KÖNIGREICH DER FRAUEN), Céline Salette (HAUS DER SÜNDE), Chiara Mastroianni (3 HERZEN), Izïa Higelin (HEUTE BIN ICH SAMBA), Ana Girardot (ESCOBAR: PARADISE LOST), durch die legendäre Andréa Ferréol (DAS GROSSE FRESSEN) sowie Kultschriftsteller Michel Houellebecq als Gasthofbesitzer.

Ein erfolgreicher Tag auf der Pariser Landwirtschaftsmesse beginnt für Bruno (Benoît Poelvoorde) damit, dass er sich einen hinter die Binde kippt. Und noch einen. Und dann noch einen. Wie jedes Jahr ist er mit seinem Vater Jean (Gérard Depardieu) aus der Provinz angereist, doch diesmal ist er mit dem Herzen nicht bei der Sache. Während Jean optimistisch ist, dass sein Zuchtbulle nach zig Anläufen endlich ausgezeichnet wird, beschließt Bruno, zusammen mit Kumpel Thierry (Gustave Kervern) eine virtuelle Tour durch Frankreichs Weinbaugebiete zu unternehmen. Er hat die Schnauze voll von seinem harten Job, den langen Arbeitszeiten, der Tatsache, dass er in seinem Alter immer noch keine Frau gefunden hat. Doch Jean reinen Wein einzuschenken, dass er den elterlichen Hof auf keinen Fall übernehmen möchte, schafft er nicht – sich selbst kräftig einzuschenken zu lassen, hingegen schon. Denn hier reiht sich praktischerweise eine Probierstube an die nächste, vom Beaujolais über Burgunder bis hin zum Bordeaux lassen sich alle wichtigen Rebsäfte Frankreichs verköstigen, ohne dass man auch nur einen Schritt vor die Tür setzen müsste.
Mit Argwohn beobachtet Jean, wie sein Sohn schon am frühen Vormittag alkoholisiert von Stand zu Stand taumelt. Als Bruno erst eine junge Hostess anpöbelt und dann in Selbstmitleid zerfließt und die Sauftour mit Thierry peinlicherweise damit endet, dass die beiden sich grölend mit ein paar Ferkeln im Heu suhlen, muss Jean die Reißleine ziehen. Er beschließt, Bruno spontan auf eine echte Tour de France des Weines mitzunehmen. Kann ja nicht schaden, sich ein bisschen frischen Wind um die Nase wehen zu lassen. Und vielleicht hilft die Auszeit seinem Sohn ja wieder auf die Beine. Höchste Zeit jedenfalls, dass sich ihr nicht ganz leichtes Verhältnis ein wenig entspannt. Gesagt, getan. Jean und Bruno finden einen jungen Taxifahrer, der gewillt ist, sie durch die Gegend zu kutschieren. Doch Mike (Vincent Lacoste) ist nicht nur ein simpler Chauffeur, sondern entpuppt sich als Casanova mit eigener Agenda, wie die beiden unterwegs schon bald feststellen.
Von Paris aus geht es zunächst Richtung Süden, erste Etappe: die Gegend um Saint-Amour im Beaujolais. Als das Trio sich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umsieht, kommen sie bei einem seltsamen älteren Mann (Michel Houellebecq) unter, der in seinem Haus Betten vermietet – und deshalb, wie sich mitten in der Nacht herausstellt, mit Frau und Kindern zusammengepfercht in einem Zimmer auf dem Boden schnarcht. Die Begegnung mit einer skurril-schüchternen Kellnerin (Solène Rigot) in einem Meeresfrüchterestaurant endet bei ihr zu Hause. Doch als sie Jean mit auf ihr Zimmer nimmt und die beiden Jüngeren sich sonst etwas ausmalen, macht sie nur ihrem Herzen Luft, wie sehr die Staatsschulden sie belasten und dass eh alles den Bach runtergeht.
Auch bei der jungen Kellnerin ist Bruno abgeblitzt. Was, wie Mike ihm erklärt, daran liegt, dass er definitiv die falsche Masche drauf hat, und man bei den Frauen nur landet, wenn man ein paar erprobte Kniffe anwendet. Zum Beispiel Süßholz raspeln und so tun, als würde man ihnen aufmerksam zuhören. Mike, der trotz seiner 24 Jahre angeblich Ehefrau und Kinder in Paris hat, nutzt den Zickzackkurs durch die französische Weinprovinz ganz offensichtlich, um sich mit ehemaligen Freundinnen, Affären und sonstigen Verflossenen zu treffen. Wiedersehen, die verflucht ernüchternd ausfallen – ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen. Als Mike wieder einmal außerplanmäßig hält und für eine Weile verschwindet, ohne zu verraten, was er vorhat nutzt Bruno die Zeit, um die Ratschläge des Taxifahrers auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen. Und siehe da, als er zufällig an einer Immobilienagentur vorbei schlendert und seine Blicke die einer attraktiven Maklerin (Ovidie) kreuzen, kommt er schneller zum Zug als vermutet. Denn in einer Wohnung, die die junge Frau dem scheinbar interessierten Bruno zeigt, fällt sie förmlich über ihn her. Doch der Sex am Nachmittag endet ernüchternd, denn damit wollte sie – wie sich nach der Rückkehr in die Agentur zeigt – nur ihre lesbische Kollegin eifersüchtig machen.
Während das Trio weiter nach Süden und schließlich westlich Richtung Bordelais fährt, kommen Jean und Bruno immer besser miteinander klar. Endlich sprechen sie über den Tod von Jeans Frau - der Jean noch immer Nachrichten auf der Mailbox hinterlässt - und Brunos Mutter, der noch nicht lange zurückliegt und beide enorm belastet. Bruno erkennt, dass Alkohol vielleicht doch keine Lösung ist, nachdem er Mike in einem vornehmen Restaurant die zehn Stufen der Trunkenheit erklärt hat. Und ganz allmählich scheint er sich auch mit dem Gedanken anfreunden zu können, Jeans Nachfolge auf dem Bauernhof anzutreten. Da übernachtet das Trio in einer idyllischen Hotelanlage mit Baumhäusern, die von einer jungen Frau mit orangefarbenem Haar geführt wird, die nicht nur auf den viel versprechenden Namen Vénus (Celine Sallette) hört, sondern den drei Männern einen so unerwarteten Vorschlag macht, dass sie ihren Trip so schnell nicht wieder vergessen werden…


INTERVIEW MIT BENOÎT DELÉPINE & GUSTAVE KERVERN (Regie, Drehbuch)

Wie ist SAINT AMOUR entstanden?
Benoît Delépine: Die Entstehungsgeschichte ist schon sehr speziell. Vor vier, fünf Jahren wollten wir einen Film drehen, der eine kleine Tour de force gewesen wäre, weil er ausschließlich während und auf der Landwirtschaftsmesse spielen sollte, und gedreht hätten wir ihn innerhalb von wenigen Tagen. Die Weinreise hätten wir also in den Messehallen unternommen. Im Großen und Ganzen erzählte die Geschichte bereits von einer Vater-Sohn-Beziehung, wir hatten sogar schon Jean-Roger Milo gefragt, ob er den Vater spielen wollte, und für den Sohn dachten wir an Grégory Gadebois. Aber der Film sollte sehr gesellschaftskritisch und dramatisch sein, außerdem hätte er mit einem Selbstmord geendet. Merkwürdig, aber die Landwirtschaftsmesse hat uns keine Drehgenehmigung erteilt. (lacht) Dann drehten wir unseren sechsten Film NEAR DEATH EXPERIENCE, und anschließend wollten wir wieder mit Gérard Depardieu arbeiten. So kam es, dass wir uns das Projekt wieder vorknöpften, jedenfalls teilweise, denn die Geschichte haben wir komplett neu geschrieben.

Hat sie eigentlich autobiographische Züge?
Gustave Kervern: Zugegeben, wir haben schon einige Weinreisen unternommen…
Benoît Delépine: Was das Thema Alkohol angeht, wissen wir tatsächlich, wovon wir reden. Andererseits waren meine Eltern Landwirte, das Thema hat also schon eine besondere Bedeutung für mich. Mein Vater heißt Jean, und er hat uns während der Dreharbeiten besucht, um Gérard kennenzulernen. Die Frage, ob ich eines Tages den elterlichen Bauernhof übernehme, hat sich für mich eigentlich nie gestellt. Ich war nämlich ein Versager, um nicht zu sagen eine Vollkatastrophe – ich hab es einmal sogar geschafft, unseren Traktor zu schreddern. Mein Vater hat mich also schon recht früh von allem landwirtschaftlichen Material ferngehalten. Aber Cousins oder Freunde von mir mussten sich wirklich mit dieser Frage beschäftigen. Was die Zuneigung für die bäuerliche und die Tierwelt betrifft, findet man die ja schon in unseren älteren Filmen…
Gustave Kervern: Ich bin ein Fan von „Bauer sucht Frau“, das ist eine meiner Lieblingssendungen. Die Bauern finde ich einfach großartig. Dass man in dem Milieu nur schwer eine Frau findet, ist wirklich keine Erfindung des Fernsehens…
Benoît Delépine: Mein Vater hat seinen kleinen Bauernhof verkauft, als er in Rente ging. Aber meine Schwester behielt einen Teil der Gebäude und eröffnete darin einen Reitstall. Sie ist übrigens in einer kleinen Rolle im Film zu sehen. Die Probleme der Landwirte sind mir durchaus vertraut.

Heißt das, manche Themen tragen Sie bei, Benoît, und andere kommen wiederum von Gustave?
Gustave Kervern: Ich bin auf Mauritius geboren, und noch haben wir keinen Film übers Wasserskifahren gedreht…
Benoît Delépine: Themen, die wir aufgreifen, müssen uns beiden gefallen und uns inspirieren, und wir müssen beide das Potenzial erkennen. Auf der Landwirtschaftsmesse zu drehen, hielten wir für eine tolle Idee.
Gustave Kervern: Es war der reinste Wahnsinn, während der Messe mit bekannten Schauspielern zu drehen. Aber wir stellen uns gern solchen verrückten Herausforderungen. In nur neun Tagen einen Film mit Michel Houellebecq zu drehen, war auch so eine irre Idee…
Benoît Delépine: Es ist ein bisschen so, als würde man sich in ein Piratenabenteuer stürzen. Aber letzten Endes sind nicht wir es, die entscheiden, was der Film braucht. Das zeigt sich am deutlichsten währen der Schnittphase. Wir hatten für SAINT AMOUR eine ziemlich gelungene Szene gedreht, die am Ende des Films in einer Tanzhalle spielt, eine sehr lange, ungeschnittene Sequenz mit Céline Sallette und unseren drei Helden. Aber bei der Montage hat der Film sich ihr widersetzt, und wir haben sie rausgenommen…

Wie gestaltet sich das Schreiben zu zweit eigentlich ganz konkret?
Benoît Delépine: Wir diskutieren sehr viel. Ich wohne zwar in der Provinz, aber ich komme einmal wöchentlich nach Paris. Wir sind Nachtarbeiter, da kommen einem viele Ideen, auch ganz schlechte. Aber weil wir uns gut verstehen, ist das nicht weiter schlimm. Wenn ich einen Einfall habe, den ich interessant finde, rufe ich Gus an und frage: „Was hältst du davon, wenn wir es so machen…“, und dann herrscht oft eine lange Funkstille am anderen Ende der Leitung. Und dann wird mir klar, dass die Idee richtig schlecht war. Es gibt Leute, die zehn Jahre an einer vermeintlich guten Idee festhalten. Wir entsorgen sie ganz fix.
Gustave Kervern: Inzwischen schreiben wir immer öfter jeder für sich. Das ist auch gut so, denn wir würden zu viel Zeit verlieren, wenn wir zu zweit schreiben würden, uns über jedes Wort streiten, alles endlos durch diskutieren. Diesmal hatten wir die Szenen untereinander aufgeteilt, jeder hat in seinem stillen Kämmerlein geschrieben, und anschließend wurde alles zusammengefügt. Irgendwas kommt letztlich immer dabei heraus. Ein Drehbuch, halt. Aber so ein Drehbuch ist im Grunde nur der Anfang von etwas sehr Lebendigem.
Benoît Delépine: Jeder von uns versucht den anderen zu überraschen, und zum Schluss fügt sich normalerweise alles ganz prima zusammen.

War schon frühzeitig klar, dass Sie mit diesen drei Hauptdarstellern arbeiten würden?
Gustave Kervern: Schauspieler motivieren und inspirieren uns, deshalb legen wir uns gleich zu Anfang fest. Das ist wie mit den Drehorten, die für uns auch sehr wichtig sind.
Benoît Delépine: Gérard Depardieu in der Rolle eines Bauern – das erschien uns irgendwie selbstverständlich, nicht nur in körperlicher Hinsicht, sondern auch mental. Dabei hat man ihn in dieser Rolle noch nicht sehr oft gesehen. Wir wussten, dass Benoît Poelvoorde und er sich mögen. Deshalb war es uns egal, dass sie kaum Ähnlichkeit miteinander haben. Mein Vater ist auch groß und stark, und er hat einen Sohn wie mich gezeugt, der im Vergleich wie ein Hänfling wirkt.
Gustave Kervern: Den Taxifahrer sollte ganz zu Beginn des Projekts noch Michel Houellebecq spielen, und er hatte im Prinzip auch schon zugesagt. Aber nach den Attentaten und der Veröffentlichung seines Buchs wurde es echt schwierig. Der Dreh auf der Landwirtschaftsmesse war schon die Hölle auf Erden. Stellen Sie sich vor: zwei wahnsinnig bekannte Filmschauspieler, keine Bodyguards… Die Fans filmten uns ohne Unterlass, blitzten, wenn sie Fotos machten, es war der reinste Wahnsinn. Kaum auszumalen, wenn auch Michel mit dabei gewesen wäre… Vincent Lacoste, den wir schon lange im Auge haben, ist gern für ihn eingesprungen. Uns gefiel, dass auf diese Weise drei Männergenerationen im Film vertreten waren. Damit schloss sich der Kreis: Wir würden von den Beziehungen zwischen Männern und Frauen in drei unterschiedlichen Lebensaltern erzählen.

SAINT AMOUR wirkt viel zärtlicher und emotionaler als Ihre älteren Filme. War von Anfang an klar, dass es zwischen Vater und Sohn zur Aussöhnung kommen würde?
Benoît Delépine: Ja, denn es ist die Geschichte eines liebenden Vaters, der versucht, seinen Sohn wieder auf einen halbwegs rechten Weg zu bringen. Dass er unglücklich ist, und Alkoholprobleme und Schwierigkeiten mit den Frauen hat, sieht doch ein Blinder…
Gustave Kervern: Im Drehbuch war der Vater nicht ganz so liebevoll angelegt, ein bisschen steifer, vielleicht. Aber Gérard hat die Rolle nach seinen Vorstellungen interpretiert. Er ist einfach genial. Filme entwickeln sich im Lauf von Dreharbeiten ja häufig in eine andere Richtung. Eigentlich wollen wir immer lupenreine Komödien schreiben, aber irgendwann stellen wir fest, dass sich alles viel emotionaler entwickelt.
Benoît Delépine: Das ist uns diesmal gleich beim Sichten der Muster aufgefallen. Obwohl die Figuren alles andere als normal sind, wirkt das Ganze sehr zärtlich. Selbst die Musik von Sébastien Tellier trägt ihren Teil dazu bei. Eigentlich hatten wir ihn engagiert, damit er für einen musikalischen Gegenpol sorgt und der Film nicht zu sentimental wirkt. Aber dann komponierte er völlig unerwartet eine grandiose Filmmusik, die den im Drehbuch festgelegten Emotionen entsprach. Kaum hatte er das Drehbuch gelesen, hatte er schon fünf Stücke geschrieben. Faszinierend!
Gustave Kervern: Trotzdem enthalten viele Szenen kleine Brüche, die dafür sorgen, dass es nicht allzu sentimental wird. Etwa wenn Gérard und Benoît in den Toiletten darüber diskutieren, ob sie seine Mutter anrufen sollen – plötzlich hört man ein junges Mädchen sagen: „Ihr seid auf dem Damenklo…“

Das Gefühlige hat sich also während der Dreharbeiten ergeben?
Benoît Delépine: Ja, aber auch beim Schnitt, da haben wir nachträglich eine Menge verändert. Nehmen wir die Sequenz mit Chiara, wenn Vater und Sohn was trinken und Gérard eine kleine Lektion erteilt. Diese endete damit, dass Gérard viel zu viel trank, fast gewalttätig wurde und beinahe ausrastete. So konnte man als Zuschauer nachvollziehen,  weshalb er vor längerer Zeit mit dem Trinken aufgehört hatte. Aber letztlich haben wir die Szene geopfert. Das Ganze zielte in Richtung Trash-Humor ab und wirkte nicht sehr stimmig. Schade für Chiara, die wirklich großartig war, aber wir sehen uns bestimmt bei einem unserer nächsten Filme wieder.
Gustave Kervern: Sobald die Dinge ein bisschen aufgesetzt wirken, spornt uns das an, bestimmte Szenen zu schneiden, und damit schlägt der Film natürlich eine andere Richtung ein. Den psychologischen Fluss eines Films im Vorfeld zu erkennen, ist schwer. Beim Schreiben halten wir uns damit auch nicht besonders lange auf. Er nimmt erst beim Schnitt Gestalt an. Wir wollten ja keinen Film über Suffköppe drehen. Deshalb ist es nicht der Wein, der den Rhythmus der Handlung vorgibt, sondern eindeutig die Frauen.

Der Titel bezeichnet also nicht nur ein Weinanbaugebiet, sondern ist durchaus wörtlich zu nehmen?
Benoît Delépine: Ja, der Titel hat eine doppelte Bedeutung. Manche sagen uns jetzt: „Euer Film ist nicht so radikal wie seine Vorgänger“ – stimmt, wir möchten uns ja auch nicht ständig wiederholen. Die Liebe – ob die von Vater zu Sohn oder die sentimentale Liebe – hat uns einfach gepackt, außerdem handelt sich um ein Thema, das wir noch nie angepackt haben.
Gustave Kervern: Trash haben wir im Fernsehen zur Genüge gemacht, mit „Groland“. Im Kino lassen wir uns von Emotionen leiten, die viel mehr mit uns zu tun haben.

Die Drehorte inspirieren Sie, haben Sie gesagt. Die Schauplatzsuche war für den Film also unerlässlich?
Benoît Delépine: Wir sind gemeinsam verreist, um uns Weinberge anzuschauen – aber das hatte keinen großen Einfluss aufs Drehbuch. Ich für meinen Teil hatte schon ein paar der Schauplätze gefunden – und zwar beim Radfahren in meiner Gegend rund um Angoulême.
Gustave Kervern: Wir fanden es lustig, uns eine Weinreise auszudenken, die eigentlich nichts mit edlen Weinen zu tun hat…
Benoît Delépine: Wir wollten auf gar keinen Fall einen touristischen Film drehen – so was wie SIDEWAYS auf Französisch.
Gustave Kervern: Und wir wollten uns auch nicht zu weit von den Autobahnen entfernen. Schlauere Menschen hätten sicher die schönsten Landschaften Frankreichs gezeigt, so wie bei den Live-Übertragungen von der Tour de France. Da fliegen dann Drohnen über die Gegend, aber das haben wir nicht gemacht.
Benoît Delépine: Ganz am Anfang hatte ich mir überlegt, ob wir nicht so was Richtung Konzeptkunst drehen sollen – dann hätte man keine Landschaften gesehen, sondern nur die Schilder an der Autobahn, die beispielsweise auf die „Weinberge der Drôme“ hinweisen. Aber so weit sind wir dann doch nicht gegangen. Erstens geht auf der Autobahn alles dermaßen schnell, dass man die Schilder meistens verpasst, und zweitens muss man dann zig Kilometer zurückfahren, um sie wiederzufinden!
Gustave Kervern: Aber der Film enthält immerhin noch eine Einstellung von einem Wohnwagen, der vor einem dieser Schilder steht.

Wenn man ein Road-Movie dreht, fallen die Dreharbeiten dann automatisch ein bisschen abenteuerlicher aus als sonst?
Benoît Delépine: Der Dreh auf der Landwirtschaftsmesse verlief tatsächlich so chaotisch, dass wir von dem Material einen Rohschnitt machten und uns sagten, wenn es nichts wird, annullieren wir den Rest der Dreharbeiten. Aber unsere Schauspieler sind einfach so fantastisch, dass das Ergebnis natürlich ganz toll ausfiel. Deshalb haben wir weiter gemacht – anderthalb Monate Abenteuer!
Gustave Kervern: Wir sind keine Werner Herzogs, auch wenn es ein paar Momente à la Herzog gab. Die haben den Film allerdings nicht zwingend verbessert, sondern nur unsere Müdigkeit intensiviert! Im Grunde hätten wir den Film an ein und demselben Ort drehen können. Aber wir sind nun mal gerne unterwegs, und wir wollten unbedingt einen Teil der Weinstraße abfahren. Dreharbeiten müssen etwas Lebendiges sein. Und zwar für alle, für die Crew ebenso wie für die Schauspieler.

Wurde viel improvisiert oder hielten sich die Schauspieler weitgehend an die Dialoge, die im Drehbuch standen?
Gustave Kervern: Im Großen und Ganzen schon. Aber wir waren tagtäglich auf dem Qui-vive und offen für alle Unwägbarkeiten.
Benoît Delépine: Wenn ich mir den Film heute ansehe, muss ich immer wieder Tränen lachen bei der Szene auf der Landwirtschaftsmesse, in der du einen mit Benoît Poelvoorde trinkst. Dazu muss man wissen, dass Benoît diese Szene – genau wie die „zehn Etappen des Alkohols“ – à la Actors Studio gespielt hat. Anders ausgedrückt: Was er da trank, war kein Traubensaft! Und wer genau hinschaut, erkennt, dass du ihm die Dialoge flüsternd vorsagst, weil du Angst hattest, dass er sie vergisst…
Gustave Kervern: Wie die Eislaufeltern in der Talentshow „L'école des fans“! Poelvoorde zeichnet sich durch eine große Freiheit aus. Trotzdem erkennt man in manchen Filmen, dass er sich von den Dialogen eingeengt fühlt. Was in SAINT AMOUR aber überhaupt nicht der Fall war.
Benoît Delépine: Stimmt, er hat sich mit den Dialogen enorme Freiheiten erlaubt. Andere Regisseure hätten das vielleicht nicht mitgemacht, aber wir kennen ihn jetzt schon so lange… Außerdem ist er ein großartiger Schauspieler, keinem außer ihm würde das gelingen, was er gemacht hat.
Gustave Kervern: Depardieu ist auch nicht immer leicht zu steuern, aber wir hatten uns nun mal für ihn entschieden. Sich nicht mit dem Erstbesten zufrieden zu geben oder vorhersehbar zu sein, ist seine Art zu arbeiten. Wenn man mit ihm dreht, wird es jedenfalls garantiert nicht langweilig.
Benoît Delépine: Es ist das erste Mal, dass wir einen ganzen Film mit zwei Kameras drehten. Auf der Landwirtschaftsmesse war das dringend nötig, weil im Hintergrund ständig Messebesucher zu sehen waren, die Selfies machten. Andererseits konnten wir so die Gesichter unserer Schauspieler und Filmfiguren besser einfangen. Rückblickend wird uns klar, dass wir in unseren alten Filmen nicht oft genug Gesichter gezeigt haben. Und radikaler könnte der Unterschied zu heute nicht ausfallen: In AALTRA etwa zeigen wir Poelvoordes Gesicht überhaupt nicht, sondern immer nur seinen Hintern. Diesmal wollten wir gefühlvoller sein, und das erreicht man nur, indem man Gesichter zeigt.

Könnte man sagen, dass einer von Ihnen beiden in erster Linie für die Schauspielerführung zuständig ist?
Gustave Kervern: Den Ausdruck Dompteur finden wir in diesem Zusammengang angemessener. Es gab zum Beispiel viele Aufnahmen im fahrenden Auto, die für alle wahnsinnig anstrengend waren.
Benoît Delépine: Weil wir uns im Auto dahinter befanden und nicht immer alles richtig mitbekamen. Wir orientierten uns deshalb vor allem am Ton und spürten meistens, ob es stimmig ist oder nicht.
Gustave Kervern: Was die Stimmigkeit angeht, hatten wir mit unseren Schauspielern kaum Probleme. Sie dazu zu bringen, mit dem Herumalbern und Quatsch machen aufzuhören, das war nicht leicht! Immerhin hat es Vincent Lacoste die meiste Zeit geschafft, Ruhe zu bewahren. Und das will was heißen, bei all dem Wahnsinn! Es gibt da eine Anekdote, die stellvertretend ist für viele: Die Szene mit dem Gästezimmer und Michel Houellebecq drehten wir bei einem Nachbarn von Benoît, in der Nähe von Angoulême. An der echten Kulisse hatten wir nichts verändert – wenn wir einen Schauplatz gut finden, bleibt er meistens so, wie er ist. Poelvoorde kam ans Set, ging schnurstracks auf einen Buffetschrank zu, entdeckte darin eine kleine Flasche Calvados und trank alles in einem Zug aus. Als der Besitzer das mitbekam, regte er sich tierisch auf. Es handelte sich nämlich um ein Hochzeitsgeschenk, das er seit zehn Jahren aufbewahrt und noch nicht angerührt hatte. Er wollte uns auf der Stelle rausschmeißen. Benoît musste sich umständlich entschuldigen und eine neue Flasche kaufen. Das hat Stunden gedauert! Und so war es die ganze Zeit. Wie gesagt, Vincent war im Grunde der einzige Erwachsene am Set!
Proben Sie viel mit Ihren Schauspielern?
Gustave Kervern:  Niemals! Keine Proben, keine Lesungen, keine Kameratests.
Benoît Delépine: Man könnte das, was wir machen, als Art brut bezeichnen. Bevor wir mit ihm DER TAG WIRD KOMMEN drehten, meinte Benoît Poelvoorde: „Ich hab mit meiner Frau gesprochen, wir können es nicht mehr so machen wie früher – wir müssen uns künftig anstrengen und zumindest eine Leseprobe machen.“ Okay, abgemacht. Also verabredeten wir uns in einem Restaurant in Montparnasse, er streifte sich flüchtig irgendein Kostüm über, wir wollten den ganzen Nachmittag lang arbeiten. Aber erstmal Mittagessen. Die Hölle! Am nächsten Tag konnten wir uns an nichts mehr erinnern. Er: „Habt ihr irgendwas in meinen Wein getan? Ich hatte anschließend noch einen Termin mit einem anderen Regisseur, dessen Film ich wirklich machen wollte – aber dann habe ich ihn beleidigt…“

Wie haben Sie all die Schauspielerinnen dazu gebracht, in SAINT AMOUR mitzuspielen?
Benoît Delépine: Wir hatten einfach Glück, dass sie zugesagt haben, und das hat uns selbst am meisten überrascht. Eine haben wir allerdings nicht bekommen, und zwar Tilda Swinton. Obwohl wir lange in Kontakt standen, damit sie die Rolle der Vénus spielt. Weil Vénus letzten Endes doch von einer Französin gespielt wurde, kam nur Céline Sallette für die Rolle in Frage. Wir fanden sie in MON ÂME PAR TOI GUÉRIE großartig. Eigens für uns hat sie reiten gelernt… und wie man Depardieu zähmt. Ein weiterer Kino-Crush von uns ist Solène Rigot, die wir in TONNERRE gesehen hatten, wo sie uns sehr beeindruckte.
Gustave Kervern: An Izïa Higelin fanden wir ihre ganze Art toll. Und Ana Girardot hat uns in „Les revenants“ ausgesprochen gut gefallen.
Benoît Delépine: Chiara Mastroianni hat uns auf Anhieb erobert. Wir bewegen uns nicht in mondänen Kreisen – wenn wir Leute treffen, dann nur, weil wir Filme mit ihnen drehen wollen. Ach nein, stimmt gar nicht: Ovidie haben wir vor zwei Jahren beim Festival du Film Grolandais kennengelernt!
Gustave Kervern: Im Grunde arbeiten wir nur mit Leuten zusammen, die uns irgendwie überraschen. Jean-Louis ist so einer, ein echter Prophet vom Montmartre, den wir in einer Bar entdeckt haben.
Benoît Delépine: Es ist schon was dran, dass wir bislang eher selten mit Schauspielerinnen gearbeitet haben – mal abgesehen von Yolande Moreau, Miss Ming und Isabelle Adjani. Aber es waren die Frauen, die – so unterschiedlich sie auch sein mögen – dafür sorgten, dass der Dreh von SAINT AMOUR derart angenehm und reizend verlief. Und genauso ist hoffentlich auch unser Film geworden.

Darf man den Auftritt von Andréa Ferréol als kleine Hommage an DAS GROSSE FRESSEN verstehen?
Gustave Kervern: Ja, für uns ist Marco Ferreri einer der wichtigsten Regisseure. Das war noch mutiges Kino, damals! Okay, wir wollen jetzt nicht damit nerven, dass früher alles besser war. Aber ambitionierter waren die Regisseure schon.
DIE SCHAUSPIELER


GÉRARD DEPARDIEU (Jean)

Gérard Depardieu kam am 27. Dezember 1948 in Châteauroux als Sohn eines Blecharbeiters zur Welt. Nach einer schwierigen Jugend entdeckte Depardieu, der eine Druckerlehre abbrach und beinahe auf die schiefe Bahn geriet, während einer Paris-Reise seine Leidenschaft für´s Theater. Er nahm Schauspielunterricht bei dem renommierten Lehrer Jean-Laurent Cochet und wurde 1970 erstmals für einen Spielfilm engagiert, Michel Audiards LE CRI DU CORMORAN. 1974 machte ihn seine Rolle in Bertrand Bliers erotischem Roadmovie DIE AUSGEBUFFTEN („Les valseuses“) über Nacht zu Frankreichs neuem Superstar. Doch erst seine Leistung ein Jahr später als Mediziner in dem Thriller SEPT MORTS SUR ORDONNANCE (2015) überraschte viele mit seiner Bandbreite. Gab er bis dahin zumeist den Rüpel vom Dienst, unterstrich er mit diesem Film, dass er alles spielen konnte. Und bewies es auch in den folgenden Jahrzehnten, indem er mühelos von Bernardo Bertolucci (1900) über Marguerite Duras (LE CAMION) zu Claude Zidi (INSPEKTOR LOULOU) wechselte, in Komödien ebenso überzeugend spielte wie im intellektuellen Autorenkino, in Thrillern ebenso wie in Liebesfilmen etwa von François Truffaut (DIE FRAU NEBENAN). Bereits zu Lebzeiten eine Schauspiellegende, wurde er schon bald in einem Atemzug mit Größen wie Jean Gabin, Lino Ventura, Jean-Claude Belmondo und Alain Delon genannt. Als Preisträger von u.a. zwei Césars (für DIE LETZTE METRO und CYRANO VON BERGERAC) sowie einem Golden Globe für GREEN CARD und nach mehr als 170 Filmen verkündete Depardieu 2005, dass er Abschied nehmen werde von der Schauspielerei – eine Drohung, die er letztlich nicht wahr machte. Im Gegenteil: Es gelang ihm, auch im vierten Jahrzehnt seiner Karriere, Kritiker und Publikum weiter zu überraschen und zu begeistern. Etwa mit seiner Rolle als abgehalfterter Provinzsänger in CHANSON D'AMOUR („Quand j'étais chanteur“, 2006), als Piaf-Entdecker im Welterfolg LA VIE EN ROSE („La môme“, 2007), als verliebter Gewerkschafter in François Ozons DAS SCHMUCKSTÜCK („Potiche“, 2010, seinem siebten Film mit Catherine Deneuve) oder in Ang Lees Welterfolg LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER („Life of Pi“, 2012). Zuletzt drehte Gérard Depardieu das Drama WELCOME TO NEW YORK, in dem er unter der Regie von Kultfilmer Abel Ferrara die Rolle des ehemaligen Weltbankchefs Dominique Strauss-Kahn übernahm, die Boule-Komödie EINE GANZ RUHIGE KUGEL („Les invincibles“) und neben Isabelle Huppert, die wiederholt seine Filmpartnerin war, das Familiendrama VALLEY OF LOVE – TAL DER LIEBE („Valley of Love“). Seine erste Zusammenarbeit mit dem Regie-Duo Gustave Kervern und Benoît Delépine war 2010 das Roadmovie MAMMUTH („Mammuth“) mit u.a. Yolande Moreau und Isabelle Adjani.

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

2014        VALLEY OF LOVE – TAL DER LIEBE („Valley of Love“)
        Regie: Guillaume Nicloux

2013    EINE GANZ RUHIGE KUGEL („Les invincibles“)
        Regie: Frédéric Berthe

2012    LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER („Life of Pi“)
        Regie: Ang Lee

2010        SMALL WORLD („Je n'ai rien oublié”)
        Regie: Bruno Chiche

2010        DAS SCHMUCKSTÜCK („Potiche“)
        Regie: François Ozon

2009        KOMMISSAR BELLAMY („Bellamy“)
        Regie: Claude Chanbrol

2006        BABYLON A.D. („Babylon A.D.“)
        Regie: Mathieu Kassovitz

2007        LA VIE EN ROSE („La môme“)
        Regie: Olivier Dahan

2006    CHANSON D'AMOUR („Quand j’étais chanteur“)
        Regie: Xavier Giannoli

2004        36 – TÖDLICHE RIVALEN („36, Quai des Orfèvres“)
        Regie: Olivier Marchal

2002        CITY OF GHOSTS („City of Ghosts“)
        Regie: Matt Dillon

2001    EIN MANN SIEHT ROSA („La placard“)
        Regie: Françis Veber

1999        ASTERIX & OBELIX GEGEN CAESAR („Astérix et Obélix contre César”)
        Regie: Claude Zidi

1996        EIN LICHT IN MEINEM HERZEN („Unhook the Stars“)
        Regie: Nick Cassavetes

1995        ELISA („Elisa“)
        Regie: Jean Becker

1992        1492 – DIE EROBERUNG DES PARADIESES („1492“)
        Regie: Ridley Scott

1991        MEIN VATER DER HELD („Mon père ce héros“)
        Regie: Gérard Lauzier

1990        GREEN CARD – SCHEIN-EHE MIT HINDERNISSEN  („Green Card“)
        Regie: Peter Weir

1990        CYRANO VON BERGERAC („Cyrando de Bergerac“)
        Regie: Jean-Paul Rappeneau

1989        ZU SCHÖN FÜR DICH („Trop belle pour toi“)
        Regie: Bertrand Blier

1988        CAMILLE CLAUDEL     („Camille Claudel“)
        Regie: Bruno Nuytten

1986        ABENDANZUG („Tenue de soirée“)
        Regie: Bertrand Blier

1983        DANTON („Danton“)
        Regie: Andzej Wajda

1983        DIE WAHL DER WAFFEN („Le choix des armes“)
        Regie: Alain Corneau

1981        DER HORNOCHSE UND SEIN ZUGPFERD („La chèvre“)
        Regie: Claude Zidi

1980        DIE LETZTE METRO („Le dernier métro“)
        Regie: François Truffaut

1978        FRAU ZU VERSCHENKEN („Préparez vos mouchoirs“)
        Regie: Bertrand Blier

1976        1900 („Novecento“)
        Regie: Bernardo Bertolucci

1974        DIE AUSGEBUFFTEN („Les valseuses“)
        Regie: Bertrand Blier


BENOÎT POELVOORDE (Bruno)

Benoît Poelvoorde kam am 22. September 1964 im belgischen Namur zur Welt. Im Jahr, als er Abitur machte, lernte er Rémy Belvaux und André Bonzel kennen und drehte mit den neuen Freunden schon bald eine Reihe von Kurzfilmen. Mit ihrem so kontroversen wie spektakulären Spielfilmdebüt MANN BEISST HUND („C’est arrivé près de chez nous“), in dem Poelvoorde einen Auftragskiller spielt, wurde das Trio 1992 auf Anhieb bekannt, auch über die Grenzen Frankreichs und Belgiens hinaus. Poelvoorde spielte danach eine Zeit lang am Theater und arbeitete erfolgreich für den Privatsender Canal Plus als Sketch-Komiker. In den Folgejahren war er hauptsächlich in Filmkomödien gefragt, die ihn oft als zynischen, dummen, manchmal sogar bösen Zeitgenossen zeigten. 2002 wurde er mit dem Prix Jean Gabin als französische Filmhoffnung ausgezeichnet und bestätigte diese Ehrung zwei Jahre später mit der erfolgreichen Tragikomödie PODIUM (2004), in der er einen Doppelgänger des französischen Schlageridols Claude François spielte und bewies, dass er nicht nur komisch sein kann, sondern auch das dramatische Fach beherrscht. Nach mittlerweile 59 Filmen gilt Benoît Poelvoorde als einer der wandlungsfähigsten und meistbeschäftigten Darsteller seiner Generation, spielte an der Seite der größten weiblichen Stars Frankreichs wie Audrey Tautou, Laetitia Casta, Isabelle Huppert, Isabelle Carré oder Vanessa Paradis und wurde bereits drei Mal für einen César vorgeschlagen. Zuletzt begeisterte er als Mann zwischen Chiara Mastroianni und Charlotte Gainsbourg in 3 HERZEN („3 coeurs“,2014), als wütender Gott im Kultfilm DAS BRANDNEUE TESTAMENT („Le tout nouveau testament“, 2015) sowie neben seiner Landsmännin und Shootingstar Virginie Efira in der Komödie FAMILIE ZU VERMIETEN („Une famille à louer“, 2015).

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

2015         DAS BRANDNEUE TESTAMENT („Le tout nouveau testament“)
        Regie: Jaco Van Dormael

2015        3 HERZEN („3 coeurs“)
        Regie: Benoît Jacquot

2015        DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“)
        Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

2013        MEIN LIEBSTER ALPTRAUM („Mon pire cauchemar“)
        Regie: Anne Fontaine

2013        NICHTS ZU VERZOLLEN („Rien à déclarer“)
        Regie: Dany Boon

2012        DIE ANONYMEN ROMANTIKER („Les émotifs anonymes“)
        Regie: Jean-Pierre Améris

2011        COCO CHANEL – DER BEGINN EINER LEIDENSCHAFT („Coco avant            Chanel    „)
        Regie: Anne Fontaine

2011        ASTERIX BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN („Astérix aux Jeux             Olympiques“)
        Regie: Thomas Langmann, Frédéric Forestier

2004        DIE WUNDERBARE WELT DES GUSTAVE KLOPP („Narco“)
        Regie: Gilles Lelouche, Tristan Aurouet

2001         DAS RENNRAD („Le vélo de Ghislain Lambert“)   
        Regie: Philippe Harel

1997         SINGLES UNTERWEGS („Les randonneurs“)
        Regie: Philippe Harel

1992         MANN BEISST HUND („C’est arrivé près de chez vous“)
        Regie: Remy Belvaud, André Bonzel, Benoît Poelvoorde


VINCENT LACOSTE (Mike)

Vincent Lacoste, geboren am 3. Juli 1993 in Paris, zählt mit gerade mal 23 Jahren und bislang 23 Filmen zu den meist gefragten Schauspielern Frankreichs. Für seinen ersten Auftritt in der Pubertätskomödie JUNGS BLEIBEN JUNGS („Les beaux gosses“), der 2009 beim Festival von Cannes uraufgeführt wurde, erhielt er auf Anhieb eine César-Nominierung als bester Nachwuchsdarsteller. Mit Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy drehte er bereits zwei erfolgreiche Komödien, FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN („Le Skylab“, 2011) und LOLO – DREI IST EINER ZUVIEL („Lolo“, 2015). Er war in der Großproduktion ASTERIX & OBELIX – IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT („Astérix & Obélix: Au service de sa Majesté“, 2012) zu sehen sowie – in einer ungewohnt ernsten Rolle – neben Léa Seydoux in der Literaturverfilmung LE JOURNAL D'UNE FEMME DE CHAMBRE (2015) von Benoît Jacquot.

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

2015        LOLO – DREI IST EINER ZU VIEL („Lolo“)
        Regie: Julie Delpy

2014        JACKY IM KÖNIGREICH DER FRAUEN („Jacky au royaume des filles“)
        Regie: Riad Sattouf

2012        ASTERIX & OBELIX – IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT („Astérix & Obélix:         Au service de sa Majesté“)
        Regie: Laurent Tirard

2012        CAMILLE – VERLIEBT NOCHMAL! („Camille redouble“)
        Regie: Noémie Lvosvky

2011        FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN („Le Skylab“)
        Regie: Julie Delpy

2009        JUNGS BLEIBEN JUNGS („Les beaux gosses“)
        Regie: Riad Sattouf



CÉLINE SALLETTE (Vénus)

Céline Sallette wurde am 25. April 1980 in Bordeaux geboren. Obwohl sie zunächst Theaterwissenschaften studierte, wandte sie sich bald der Schauspielerei zu und schrieb sich 2003 am Pariser Conservatoire National Supérieur d'Art Dramatique ein. Nach einem dreijährigen Studium bei u.a. der legendären Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine begann ihre Karriere mit einer kleinen Rolle in Sofia Coppolas aufsehenerregenden Historiendrama MARIE ANTOINETTE („Marie Antoinette“, 2006). Ihren Durchbruch erlebte Sallette nach Auftritten bei Clint Eastwood und Pascal Bonitzer in Philippe Garrels EIN BRENNENDER SOMMER („Un été brûlant“, 2011). Allein 2012 drehte sie vier Filme, darunter Jacques Audiards viel beachtetes Liebesdrama DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN („De rouille et d’os“) mit Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts. Außerdem übernahm sie eine Rolle in der Fantasy-Serie „Les revenants“, die auch im Ausland auf starke Resonanz stieß und von der bislang zwei Staffeln gedreht wurden. Zuletzt begeisterte sie als Freundin von Oscar®-Preisträger Jean Dujardin im Thriller DER UNBESTECHLICHE – MÖRDERISCHES MARSEILLE („La French, 2014).


Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern

2014        DER UNBESTECHLICHE – MÖRDERISCHES MARSEILLE („La French“)
        Regie: Cédric Jimenez

2012        DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN („De rouille et d’os“)
        Regie: Jacques Audiard

2011        EIN BRENNENDER SOMMER („Un été brûlant“)
        Regie: Philippe Garrel

2010        HEREAFTER – DAS LEBEN DANACH („Hereafter“)
        Regie: Clint Eastwood

2006        MARIE ANTOINETTE („Marie Antoinette“)
        Regie: Sofia Coppola

DIE FILMEMACHER


GUSTAVE KERVERN (Regie, Drehbuch)

Gustave Kervern wurde am 27. Dezember 1962 auf Mauritius geboren. Er arbeitete zunächst beim Fernsehen und für´s Radio, doch als er 1999 Benoît Delépine traf, wurden die Weichen für eine gemeinsame kreative Zukunft gestellt. Für den Privatsender Canal+ entwickelten beide die Comedyreihe „Grolandsat“, in der Kervern auch als Darsteller zu sehen war. 2004 wagte das Duo den Sprung ins Regiefach und drehte mit AALTRA ein Roadmovie in Rollstühlen, das auf diversen internationalen Festivals viel Beachtung fand. Dergestalt ermutigt, setzten sie ihre Zusammenarbeit mit dem Film AVIDA fort, der 2006 außer Konkurrenz beim Filmfestival von Cannes lief. Den Durchbruch hatten Kervern und Delépine schließlich 2008, als ihre schwarze Komödie LOUISE HIRES A CONTRACT KILLER („Louise-Michel“) über Fabrikarbeiter, die ihren Boss umbringen wollen, beim Filmfestival in San Sebastian den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Nachdem sie bereits mit Gérard Depardieu in MAMMUTH („Mammuth“, 2010) gearbeitet hatten, engagierten Kervern und Delépine die französische Kinolegende erneut für ihren jüngsten gemeinsamen Film SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge. Neben seiner Arbeit als Regisseur übernimmt Gustave Kervern auch weiterhin Engagements als Schauspieler, zuletzt etwa neben Catherine Deneuve in der gefeierten Tragikomödie DANS LA COUR (2014).

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)

2014        NEAR DEATH EXPERIENCE

2012        DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“)

2010        MAMMUTH („Mammuth“)

2008        LOUISE HIRES A CONTRACT KILLER („Louise-Michel“)


BENOÎT DELÉPINE (Regie, Drehbuch)

Benoît Delépine wurde am 30. August 1958 im nordfranzösischen Saint-Quentin geboren. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium gründete er 1980 eine Zeitung namens Fac Off, die allerdings pleiteging und einen großen Schuldenberg hinterließ. Um beruflich wieder Fuß zu fassen, arbeitete Delépine viele Jahre als Autor beim Privatsender Canal+, darunter für die Sendungen „Guignols de l’info“ und „Grolandsat“, die er zusammen mit Gustave Kervern entwickelte. Seine ersten beiden Kinofilme, darunter der kommerzielle Flop MICHAEL KAEL CONTRE LA WORLD NEWS COMPANY (1997), drehte er noch allein. Doch gleich die erste gemeinsame Regiearbeit mit Gustave Kervern, AALTRA, stieß 2004 bei der Kritik auf Begeisterung. Es folgten u.a. LOUISE HIRES A CONTRACT KILLER („Louise-Michel“, 2008) sowie MAMMUTH, der 2010 als einziger französischer Beitrag auf der Berlinale lief. 2012 gewannen Delépine und Kervern beim Filmfestival von Cannes in der Nebenreihe Un certain regard für DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“) den Spezialpreis der Jury.

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)

2014        NEAR DEATH EXPERIENCE

2012        DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“)

2010        MAMMUTH („Mammuth“)

2008        LOUISE HIRES A CONTRACT KILLER („Louise-Michel“)


JEAN-PIERRE GUÉRIN (Produzent)

„Der Beruf des Produzenten ist ein schöner Beruf, vor allem, wenn man mit Benoît Delépine und Gustave Kervern arbeiten darf.
Stellen Sie sich vor, es ist Vormittag: Benoît und Gustave schauen vorbei, um über ihren nächsten Film zu reden. Er spielt in der Welt der Bauern, das Ganze geht los auf der Landwirtschaftsmesse, dann fahren wir die Weinstraße entlang, die beiden Hauptrollen – ein Viehzüchter und sein Sohn – werden von Depardieu und Poelvoorde gespielt. Und das Ganze soll SAINT AMOUR heißen. Ein wirklich aufregendes Projekt, es ist nicht schwer sich auszumalen, wie das Drehbuch sein wird, was die Darsteller mit ihren Rollen anstellen, es macht auf Anhieb richtig Spaß. Und dennoch kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass die fröhliche Truppe von Weinliebhabern dafür sorgen wird, dass diese Produktion sich, nun ja, sehr speziell gestaltet… um nicht zu sagen: berauschend.
Aber dann: nichts dergleichen! Die Dreharbeiten verlaufen so entspannt wie die der beiden Vorgängerfilme, die ich mit ihnen gemacht habe. Ich traf Benoît und Gustave zum ersten Mal im Restaurant von Depardieu an der Place Gaillon, er hatte die Begegnung in die Wege geleitet. Sie unterbreiteten mir ihr aktuelles Projekt, der Film sollte MAMMUTH heißen, und jeder weiß, welchen Erfolg wir am Ende damit feierten.
Die Begegnung mit Autoren und Regisseuren ist wahrscheinlich das, was ich an meinem Beruf am meisten liebe. Man hört ihnen zu, verliebt sich in ihr Projekt, leistet Geburtshilfe – und begleitet das Ganze bis zum Tag, an dem das Publikum den Film entdeckt.
Vor ein paar Jahren gab es eine Fernsehsendung, die „Cineasten unserer Zeit“ hieß. Leider wurde sie abgesetzt, sonst hätte ich den Machern empfohlen, unseren beiden Regisseuren eine Folge zu widmen. Sie sind zutiefst und auf natürliche Weise modern und fest in unserer Zeit verankert. In SAINT AMOUR, das im bäuerlichen Milieu spielt, begegnen wir etlichen Figuren, die uns berühren, weil sie so authentisch wirken. Es handelt sich um Franzosen von heute, die auf der Weinreise unseren Weg kreuzen. Alles wird mit Humor vermittelt, die Dialoge funkeln. Das Kino, das die beiden machen, ist frei, witzig und innovativ.
In meinem Beruf gibt es eine Belohnung und ein Privileg: Ich bin stets der erste Zuschauer des Films, den ich produziere, und Benoît und Gustave machen mich jedes Mal wunschlos glücklich. Für mich ist SAINT AMOUR ihr bester Film. Jedenfalls bis zum nächsten…“



JPG Films
Ende 2012 gründete Jean-Pierre Guérin eine neue Filmproduktionsfirma, JPG Films, nachdem er die Leitung von GMT Productions niedergelegt hatte, eine Firma, die er 1987 gründete. Mit GMT Productions produzierte Jean-Pierre Guérin nicht nur einige der größten Erfolge des französischen Fernsehens, darunter „Julie Lescaut“, „Monte Cristo“, „Napoléon“, „Boulevard du Palais“ und „Flics“, sondern auch eine Reihe von Kinofilmen, die alle ihr Publikum fanden: MAMMUTH („Mammuth“), LEB WOHL, MEINE KÖNIGIN! („Les adieux à la reine“) oder DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“). JPG Films ist eine junge, unabhängige Produktionsgesellschaft, die das erklärte Ziel verfolgt, sehr besondere, anspruchsvolle und ambitionierte Filme zu drehen, sei es für´s Kino oder für´s Fernsehen.

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Gustave Kervern, Benoît Delépine

2015        LA PEUR
        Regie: Damien Odoul

2015        JOURNAL D’UNE FEMME DE CHAMBRE
        Regie: Benoît Jacquot

2014        ABLATIONS
        Regie: Arnold de Parscau

2012        DER TAG WIRD KOMMEN („Le grand soir“)
   
2012        LEB WOHL, MEINE KÖNIGIN! („Les adieux à la reine“)
        Regie: Benoît Jacquot

2010        MAMMUTH („Mammuth“)


SÉBASTIEN TELLIER (Musik)

„Ich traf die beiden Regisseure auf der Terrasse eines Cafés, wir tranken ein paar Bier, wir lachten, und irgendwann sprachen wir auch über den Film. Sie erklärten mir, dass er hauptsächlich von Liebe handeln sollte: von der Liebe zwischen Vater und Sohn, der Liebe zwischen Männern und Frauen – übrigens eines meiner Lieblingsthemen. Ich stellte mir gleich eine sehr sentimentale, anrührende Musik vor und war sofort Feuer und Flamme. Sie baten mich darum, die Gefühle und Empfindungen der Figuren herauszuarbeiten. Geschrieben habe ich die Musik dann direkt zum Bild. Den ganzen Tag Gérard Depardieu vor Augen zu haben, empfand ich als sehr inspirierend. Depardieu ist mein Held – ich wäre gern so etwas wie der Depardieu der Musik. Die Filme, die Benoît und Gustave machen, fand ich schon immer sehr originell, ihr Kino ist ein Fall für sich. Sie denken sich Figuren aus, denen man im Supermarkt begegnen könnte, und gleichzeitig haben sie etwas Poetisches. Ihre Art zu schreiben gefällt mir – es ist, als würde man ausgehend von einer kleinen Melodie ein großes Chanson komponieren. Deshalb konnte ich auch etwas mit ihrer Methode anfangen.“

Filmographie (Auswahl):

2016        SAINT AMOUR – Drei gute Jahrgänge („Saint Amour“)
        Regie: Gustave Kervern, Benoît Delépine

2015        NOS FUTURS
        Regie: Rémi Bezançon

2011        OSLO, 31. AUGUST („Oslo, 31. august“)
        Regie: Joachim Trier

2011        DAS LEBEN GEHÖRT UNS („La guerre est déclarée“)
        Regie: Valérie Donzelli

2010        SOMEWHERE („Somewhere“)
        Regie: Sofia Coppola

2009        LE BAL DES ACTRICES   
        Regie: Maïwenn

2007        TOUT EST PARDONNÉ
        Regie: Mia Hansen-Løve

2003        LOST IN TRANSLATION („Lost in Translation“)
        Regie: Sofia Coppola
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 22.09.2016
MEINE ZEIT MIT CEZANNE
Ab 6. Oktober 2016 im Kino
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Die Geschichte der stürmischen Freundschaft zweier Genies, die ausziehen, um ihre Welt auf den Kopf zu stellen: Paul Cézanne und Émile Zola. Getränkt in den magischen Farben der Provence zeichnet MEINE ZEIT MIT CÉZANNE dabei das Porträt einer ganzen Epoche, bildgewaltig inszeniert und hochkarätig besetzt.

Ein Film von Danièle Thompson

Mit Guillaume Canet, Guillaume Gallienne, Alice Pol, Déborah François, Sabine Azéma u. v. m.


Sie haben alles geteilt: ihr Aufbegehren, die Neugierde, die Hoffnungen, Zweifel, Mädchen, Ruhmesträume. Paul ist reich, Émile arm. Irgendwann ziehen sie fort aus Aix-en-Provence, hoch nach Paris, freunden sich an mit jenen, die am Montmartre und in Batignolles leben. Man verkehrt an denselben Orten, schläft mit denselben Frauen, verachtet die Spießbürger (was auf Gegenseitigkeit beruht), geht nackt baden, stirbt vor Hunger und stopft sich bei Gelegenheit den Bauch voll, trinkt Absinth, malt tagsüber jene Modelle, die man nachts streichelt, nimmt 30 Stunden Zugfahrt in Kauf, nur um einen Sonnenuntergang in der Provence zu sehen… Paul Cézanne und Émile Zola – aus dem einen wird ein Maler, aus dem anderen ein Schriftsteller. Der Ruhm geht achtlos an Paul vorbei. Émile hingegen besitzt alles: Ansehen, Geld, eine perfekte Frau, die Paul zuerst geliebt hat. Sie kritisieren und bewundern sich. Und sie gehen keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Sie verlieren sich aus den Augen und finden sich wieder – wie eins dieser Paare, die nicht aufhören können sich zu lieben…

Mit ihren gigantischen Lebenswerken gehören der Schriftsteller Émile Zola und der Maler Paul Cézanne zu den wichtigsten Figuren der französischen Kulturgeschichte. Weniger bekannt ist die tiefe Freundschaft, die die beiden Künstler ein Leben lang verband. Es ist eine hochspannende Geschichte von Zuneigung und Eifersucht, von Mut und Verzweiflung sowie von unbändiger Schöpfungskraft. In ihren fantastischen Dialogduellen gelingt es den beiden Hauptdarstellern, uns Zola und Cézanne so nahezubringen wie noch nie: Guillaume Gallienne („Yves Saint Laurent") spielt Cézanne als labilen Rebellen mit dem unersättlichen Verlangen nach Perfektion. Guillaume Canet („Zusammen ist man weniger allein“) gibt den erfolgsverwöhnten und doch stets mit sich selbst hadernden Zola. Als prägende Frauen im Leben der beiden Genies runden die hinreißende Alice Pol („Super-Hypochonder“), Déborah François („Mademoiselle Populaire") und Alain Resnais’ Stammschauspielerin Sabine Azéma („Herzen") das hochkarätige Ensemble ab, das die Grande Dame des französischen Kinos, Regisseurin Danièle Thompson („Eine Hochzeit und andere Hindernisse“, „Affären à la carte“) gekonnt in Szene setzt. Gedreht an Originalschauplätzen entfaltet MEINE ZEIT MIT CÉZANNE in wundervollen Bildern den visuellen Kosmos der Impressionisten und zeichnet neben der Filmbiographie zweier herausragender Künstler das Portrait einer ganzen Epoche.



Frankreich im 19. Jahrhundert. Émile Zola, Sohn italienischer Einwanderer, und Paul Cézanne, Sprössling eines reichen Fabrikanten, wachsen unter südlicher Sonne auf. Eine Kindheit, geprägt von Träumen, Abenteuern und erster Verliebtheit, ein endloser Sommer, unbeschwert und idyllisch. Obwohl die beiden Jungen aus denkbar unterschiedlichem Hause stammen, werden sie unzertrennlich – und kommen auch im Erwachsenenalter nicht mehr voneinander los. Als das verschlafene Aix-en-Provence zu eng für ihren Tatendrang wird, führt sie der Weg ins ferne brodelnde Paris. Zunächst verkehren beide in den Künstlerkreisen vom Montmartre, lieben mit Alexandrine (Alice Pol) dieselbe Frau, verachten die spießbürgerliche Gesellschaft, leben von der Hand in den Mund und wollen mit ihrer Kunst – Émile schreibt, Paul malt – die Welt aus den Angeln heben. Während Émile (Guillaume Canet) schon bald auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist, kehrt Paul jedoch frustriert in die Provence zurück, weil ihm der Erfolg verwehrt bleibt. An den Orten seiner Kindheit glaubt er, frei von Konventionen leben und sich ganz seiner Kunst widmen zu können. Trotzdem zieht es ihn wieder und wieder nach Paris in Émiles Nähe zurück, so wie seinerseits Émile – obwohl er die Menschen aus seiner Heimatstadt verachtet – immer wieder magisch von Aix und der Provence angezogen wird. Mit seiner Ungeduld, Eifersucht und Kompromisslosigkeit wird Paul Cézanne die tiefe Freundschaft zu Émile Zola ein Leben lang auf eine harte Probe stellen. Doch Zola bringt immer wieder Geduld und Verständnis für den Gescheiterten auf. Erst als Émile, mit seinen Nerven am Ende, in seinem Roman „Das Werk“ ein wenig schmeichelhaftes Porträt von Paul zeichnet, bringt er mit diesem „Verrat“ das Fass endgültig zum Überlaufen. Es kommt zu einem letzten Treffen…


CÉZANNE, ZOLA UND IHRE ZEIT
Ihr späteres Leben stellten sie sich immer als gemeinsames Leben vor, seit sie auf dem Gymnasium Collège Bourbon in Aix-en-Provence Freundschaft geschlossen hatten. Für Émile Zola (geb. 1840 in Paris) und Paul Cézannes (geb. 1839 in Aix-en-Provence) war es ein Segen, dass sie sich kennenlernten. Denn sie wurden für den jeweils anderen zum unverzichtbaren Rettungsanker. Die Stadt, in der sie lebten und die sie ein Leben lang – auch künstlerisch – gegen ihren Willen prägen sollte, meinte es nicht gut mit ihnen. Sie wurden gehänselt, verachtet, nicht ernst genommen. Émiles Mutter war Witwe, und das Geld war knapp. Pauls Vater gehörte eine Bank, aber für die feine Gesellschaft war er nur ein neureicher Emporkömmling. Deshalb wurde beiden häufig übel mitgespielt, und viele Jahre später sollte Zola, wenn er Aix in seinen Romanen erwähnte, kaum ein gutes Wort über sie und ihre Spießbürger verlieren.
Es war die Zeit des Zweiten Kaiserreichs, in der die beiden Jungen aufwuchsen. Während sie auf der Schule wenig überraschend Bestnoten im Aufsatzschreiben (für Émile) und Zeichnen (für Paul) bekamen, setzten sich unter Louis Napoléon Bonaparte, einem Neffen Napoléons I., die konservativen Kräfte im Land durch. Was unter anderem zur Folge hatte, dass das allgemeine Wahlrecht – eine Errungenschaft der französischen Revolution – abgeschafft wurde. Um nach seiner ersten Amtszeit weiter regieren zu können, organisierte Napoléon III. zudem einen erfolgreichen Staatsstreich und wurde 1852 schließlich zum Kaiser ernannt. Es war politisch betrachtet eine turbulente Epoche, doch in Aix war wenig davon zu spüren. Zumindest für Paul und Émile. Mit dem gemeinsamen Freund Batistin Baille unternahmen sie häufig kleine Fluchten aus ihrem Alltag, machten lange Wanderungen in der näheren Umgebung, picknickten, badeten im Fluss. Drei Jungs, die nackt unter südlicher Sonne auf heißem Sand brutzelten, eine idyllische, unschuldige Existenz voll kindlicher Abenteuer und geteilter Geheimnisse. Später, wenn es ihnen mal nicht so gut ging, dachten sie häufig an diese glücklichen Tage zurück: So konnte das Leben sein, so müsste es wieder sein…
Doch in Paris entwickelte sich längst nicht alles so, wie Paul und Émile sich das erhofft hatten. Hier spielte zwar das Leben, zumindest wenn man in einer schläfrigen Kleinstadt wie Aix aufgewachsen war, und revolutionäre Hungerleider wie die impressionistischen Maler Auguste Renoir, Edgar Degas und Camille Pissaro, die später ebenfalls zu weltberühmten Künstlern avancieren sollten, gehörten zu ihrem Freundeskreis. Andererseits bekam das scheinbar unzertrennliche Band zwischen Zola und Cézanne die ersten Risse. Denn Émile, der als erster in die Hauptstadt zog und vor anfänglicher Einsamkeit seinen Freund immer wieder bekniete, endlich nachzukommen, wurde als Journalist relativ schnell erfolgreich und konnte schon bald vom Schreiben seiner Romane gut leben. Paul hingegen, der bereits als Kind notgedrungen gelernt hatte, sich bei niemandem anzubiedern und nichts auf die Meinung anderer zu geben, blieb der Erfolg als Maler versagt. Hätte Émile ihn, seine spätere Frau Hortense und den kleinen Sohn Paul nicht regelmäßig finanziell unterstützt, wäre Cézanne vermutlich vor die Hunde gegangen. Cézanne seinerseits war es, der Émile mit Alexandrine, genannt Coco, bekannt machte, die seine Ehefrau werden sollte. Bei der Hochzeit war Paul Trauzeuge. Und sein erstes richtiges Buch widmete Émile seinem Freund. Er war es auch, der voller Begeisterung über Paul und seine Kumpel, die später als Impressionisten bekannt wurden, schrieb und ihrer neuen Art zu malen mit seinen Texten zu frühem Ansehen verhalf.
Ihre tiefe, scheinbar unauflösliche Freundschaft hielt, bis beide in ihren Vierzigern waren. Denn Émile und Paul veränderten sich. Paul kehrte enttäuscht und verbittert in die Provence zurück, Émile avancierte zum französischen Nationalgut. Schließlich starb Pauls Vater, und das Erbe, das Cézanne danach antreten konnte, befreite ihn endlich von seinen finanziellen Sorgen. Nun malte er, wenn das überhaupt möglich war, noch kompromissloser, entfernte sich immer mehr vom Stil der Impressionisten, schuf Werke, die die Moderne des 20. Jahrhunderts sowohl vorwegnahmen und überhaupt erst ermöglichten. Zola vollendete seinen gigantischen, 20-bändigen Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ – ein kritisches Sittenbild des Zweiten Kaiserreichs, eine Phase, in der Frankreich zur nach Großbritannien zweitwichtigsten Wirtschafts- und Kolonialmacht aufstieg.
Einen der Romane aus diesem Zyklus nannte Émile Zola „Das Werk“, und es war eine unverhohlen (auto-)biografische Geschichte, denn Paul Cézanne diente ihm als Vorbild für einen gescheiterten Maler, der sich schließlich verzweifelt das Leben nimmt. Es war dieses Buch, das 1886 den Anfang vom Ende ihrer Freundschaft besiegelte: Paul reagierte mit einem wütenden Brief auf das wenig schmeichelhafte Porträt, von dem er – zu Recht – annahm, dass er unfreiwillig dafür Modell gestanden hatte. Danach sahen sie sich nie wieder. Kaum zwei Jahre später geriet Émile Zola durch einen „J'accuse“ genannten Brandbrief mitten hinein in die berühmte Dreyfus-Affäre. Zunehmend Prozessen, Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt, weil er für einen als pro-deutschen Spion verurteilten jüdischen Offizier Partei ergriffen hatte, setzte er sich nach London ab, wo er fast ein Jahr lebte.
Lange Zeit wurde angenommen, ihre Freundschaft sei sehr abrupt zu Ende gegangen, was sicher einerseits richtig ist. Auf der anderen Seite scheint dies nur die halbe Wahrheit zu sein, denn Paul Cézanne sollte noch zwei Mal unter Beweis stellen, dass der alte Freund ihm nicht gleichgültig geworden war. 1902, als Zola starb, soll Paul den ganzen Tag in seinem Atelier geweint haben. Und 1906, als eine Zola-Statue eingeweiht wurde: Der Zeremonie wohnte er nämlich bei, und es ist erneut überliefert, dass er auch bei dieser gelegenheit bitterlich geweint haben soll.
In einem Lied des berühmten Chansonsängers Jacques Prévert, das viele Jahre nach dem Tod der beiden Nationalhelden entstand, heißt es: „Und das Leben entzweit die, die sich lieben, ganz sanft, ohne großen Lärm…“ Die perfekte Metapher für das, was Paul Cézanne und Émile Zola wiederfuhr, die als 13-jährige Knaben davon geträumt hatten, ihr Leben gemeinsam zu leben.


INTERVIEW MIT DANIÈLE THOMPSON
(Buch und Regie)

DANIÈLE THOMPSON ÜBER DIE IDEE ZUM FILM UND IHRE INSPIRATIONEN
Was hat Sie so an Paul Cézanne und Émile Zola fasziniert, dass Sie dazu bewogen hat, diesen Film zu drehen?
Wenn heute von Cézanne, Zola, Victor Hugo oder Renoir die Rede ist, hat man auf Anhieb beeindruckende, weißhaarige alte Herren vor Augen. Doch bei meinen Recherchen stieß ich auf junge Männer, die ihr Leben noch vor sich hatten, entdeckte ihren oft wenig beeindruckenden Alltag und Lebenswandel. Weil sie noch keine Ikonen waren, sondern nur junge Menschen mit ihren Freunden, Problemen und Träumen, mit ihren Schwächen und Hoffnungen. Weil diese Epoche nicht sehr lange zurückliegt, existieren noch zahlreiche anschauliche Dokumente und Aufzeichnungen. Dank Jean-Claude Fasquelle, dessen Großvater Zolas Verleger war, lernte ich Martine Leblond-Zola kennen, die Urenkelin von Émile. Ich habe mich mit dem beschäftigt, was Zola und Cézanne schrieben und was über sie geschrieben wurde, ich bin ihren Fußspuren gefolgt, buchstäblich und im übertragenen Sinne. In der Nationalbibliothek habe ich mir Zolas Manuskripte angeschaut – so bewegend mit all den Korrekturen und Streichungen! Ich habe Museen besucht und mir mit offenen Augen Gemälde angeschaut, die mich auf meine Recherchen zurückwarfen. All die Bilder, die mir etwas sagten, habe ich fotografiert. Mit diesen Fotos und den anderen Unterlagen habe ich schließlich diverse Alben angelegt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, im 19. Jahrhundert zu leben und als gehörten Cézanne und Zola zu meiner Familie. Da merkte ich, dass ich bereit war, um dieses Abenteuer in Angriff zu nehmen. Ich beschloss, ihre Geschichte zu erzählen – aber eben so, wie ich sie mir vorstellte.

Was berührt Sie an der Beziehung zwischen Cézanne und Zola am meisten?
Ihre Geschichte ist so ausgesprochen vielschichtig, und genau das hat mich begeistert. Zunächst einmal handelt sie von zwei Freunden, die ihr Leben lang versuchen, jene Kindheitsfreunde zu bleiben, die sie einmal waren, was ihnen aber nicht gelingt. Für mich ist das so stark wie eine Liebesgeschichte – vielleicht noch stärker. Denn wie es einmal im Film heißt: Freundschaften sind komplizierter als Liebesbeziehungen, weil es keine Spielregeln gibt, weil sie nicht so genau definiert sind. Die beiden haben sich nach ihrer Kindheit und Jugend praktisch alles geteilt: Geld, Frauen, Ehrgeiz, Sorgen – und all diese Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man Künstler werden will. Hierbei handelt es sich um den zweiten Aspekt, der mich interessierte – genau genommen das zentrale Thema des Films: Wie man sein Leben als Schriftsteller oder Maler lebt, und nebenher auch noch eine tiefe Freundschaft pflegt. Wie man dabei mit dem Erfolg des einen und dem Misserfolg des anderen umgeht, damit, dass der eine den anderen bewundert. Spannend finde ich dabei, wie die beiden Schicksale verschmelzen: Der Sohn aus armer Familie wandelt sich zum anerkannten Bürger, während der Spross aus reichem Hause mehr oder weniger an den Rand der Gesellschaft gerät. Er führt schließlich ein Leben als Bohemien mit sehr wenig Geld, lebt mit einer Frau zusammen, die er nicht heiratet, und interessiert sich ausschließlich für seine Kunst. Erst in dem Moment, in dem man sich fragt, ob sein Talent vergeudet ist, macht er endlich von sich reden und wird bekannt. Der eine schreibt den bedeutendsten Teil seines Werks zwischen 25 und 50, während der andere erst ab 50 seinen Weg findet und zum Vorreiter der modernen Kunst wird. Im Leben von Cézanne und Zola geschieht praktisch alles gegenläufig.

Die letzte Begegnung 1888 in Médan zwischen Cézanne und Zola zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Hat sie wirklich stattgefunden?
Vielleicht! (lacht) Als ich am Drehbuch arbeitete, ist etwas Unglaubliches passiert: Obwohl „Das Werk“, jener Roman, der ihren Bruch mehr oder weniger besiegelte, aus dem Jahr 1886 stammt, und auch der letzte bekannte Brief, den Cézanne an Zola schrieb, 1886 entstand, beschloss ich, den roten Faden des Films im Jahr 1888 anzusiedeln. Damals starb Cézannes Vater, was von großer Bedeutung war, weil er plötzlich über Geld verfügte; außerdem heiratete er ein paar Monate zuvor endlich Hortense. 1888 begann auch Jeannes Dienst im Hause Zola, was sich als katastrophal erwies, weil der sonst so brave Zola sich in sie verliebte und schließlich mehr oder minder offiziell ein Doppelleben mit ihr führte. Aus diesen Gründen habe ich mir vorgestellt, dass sich die beiden – im Gegensatz zu dem, was Historiker glauben – 1888 ein allerletztes Mal sahen. Als ich das Drehbuch fast beendet hatte, fuhr ich nach Aix, um mir die Schauplätze anzusehen, die ich beschrieben hatte, ohne sie wirklich zu kennen. Dort traf ich Michel Fraisset, den Konservator des Ateliers, in dem Cézanne zuletzt gearbeitet hatte. Er sagte zu mir: „Kennen Sie eigentlich Cézannes letzten Brief an Zola?“ Ich erwiderte: „Sie meinen den, von dem alle Historiker sprechen? Natürlich!“ Aber er meinte einen anderen Brief, der erst drei Monate zuvor bei Sotheby's versteigert worden war. Ein Brief aus dem Jahr 1887, in dem Cézanne sich für ‘Die Erde‘ bedankt, einen Roman, den Zola nach ‘Das Werk‘ verfasst hat, und den er mit den Worten ‘Ich komme dich besuchen‘ beendet. Im Jahr 1887! Ein Jahr nach dem bis dahin letzten bekannten Brief! Die künstlerischen Freiheiten, die ich mir erlaubt hatte, wirkten auf einmal durchaus plausibel. Sollten sich Zola und Cézanne tatsächlich noch einmal gesehen haben, weiß natürlich kein Mensch, was sie sich zu sagen hatten. In solchen Fällen ist eben die Fantasie des Drehbuchautors gefragt. Nun gut, eine Fantasie, die Zolas Büchern und Cézannes Briefen viel verdankt, den Antworten, die Zola ihm geschrieben hat und den Aussagen der Zeitzeugen, etwa der Autobiografie von Vollard, jenem Kunsthändler, der viel für Cézannes Ruf getan hat. Ich fand es faszinierend, all das zu vermischen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb Zola das Genie von Cézanne offensichtlich verkannt hat, obwohl er seinerzeit die Avantgarde so verteidigte, die Impressionisten, Manet…
Bis er 30 wurde, war Zola ein wunderbarer Kunstkritiker. Damals schrieb er einen großartigen Artikel, in dem er sich leidenschaftlich für die Impressionisten einsetzte, obwohl der Rest der Welt sie verachtete. Er widmete den Text zwar Cézanne, erwähnte dessen Arbeit aber mit keinem Wort. Er mag seinen Freund, macht ihm Mut. Doch im Grunde ist er überzeugt, dass ihm der Durchbruch nicht gelingen wird. Hinzu kommt, dass Zolas Geschmack sich im Lauf der Jahre änderte, er wurde klassischer, konformistischer (man muss sich nur mal sein Haus mit all den verstaubten Antiquitäten anschauen!), und mit 48 – für die damalige Zeit ein älterer Herr – verfasste er sogar einen Artikel, in dem er die Impressionisten rundweg ablehnte. Doch abgesehen davon muss man auch sehen, dass Cézanne erst in den zehn letzten Jahren seines Lebens jene Werke malte, die ihm seinen Platz in der Kunstgeschichte sicherten, und dass sich die beiden zu Beginn dieser Epoche (Zola starb vier Jahre vor Cézanne) schon nicht mehr sahen. Erst ganz am Ende seines Lebens erfuhr Cézanne ein wenig Anerkennung. Als Zola starb, verkaufte seine Frau Alexandrine alles, und sämtliche Cézannes gingen für einen Apfel und ein Ei weg.

Sie haben die Struktur des Films aufgebrochen, er wirkt fast schon impressionistisch. War das bereits im Drehbuch so angelegt?
Ja, und auch die Begegnung in Médan diente schon als roter Faden. Wobei… am Ende sah die aufgebrochene Struktur dann doch wieder völlig anders aus. Wenn man mit dem ganzen Material beim Schnitt sitzt, entsteht plötzlich ein anderer Eindruck. Meine Cutterin Sylvie Landra und ich haben fast ein halbes Jahr für die Montage gebraucht. Im Grunde haben wir den Film noch einmal gedreht. Aber genau das macht ja das Geheimnis und die Schönheit der Filmmontage aus!

Sie haben viel an echten Schauplätzen gedreht.
Die meisten der in Paris spielenden Szenen haben wir in Moulins gedreht – das hat einiges erleichtert. Aber es stimmt, wir haben viel an Orten gedreht, wo sich Teile dieser Geschichte wirklich abgespielt haben. Und das beeinflusste nicht nur die Schauspieler, sondern auch den Rest der Crew. Martine Leblond-Zola hatten wir es zu verdanken, dass wir in Zolas Garten in Médan drehen konnten. Außerdem im Wäschezimmer, als Jeanne von Zola beobachtet wird. Wir hätten auch in den übrigen Zimmern des Hauses drehen können, aber draußen fährt ja nun alle vier Minuten ein Zug vorbei. Wir drehten auch im Jas de Bouffan, dem Haus von Cézannes Vater. Dort rekonstruierten wir die Fresken, die Cézanne gemalt hatte und die sich heute im Petit Palais befinden – nach Drehschluss beschloss man, sie zu behalten! Das Haus soll bald vollständig restauriert und zum Museum umgewandelt werden. In der obersten Etage, wo Cézanne malte, haben wir sein Atelier nachgebaut.. Erst nachdem er das Erbe seines Vaters angetreten hatte, ließ Cézanne ein neues Atelier – das Atelier des Lauves – bauen. Damals befand es sich auf dem Land, inzwischen liegt es mitten in der Stadt. All diese Schauplätze haben unsere Arbeit stark beeinflusst. Ganz besonders der Steinbruch in Bibémus, der heute noch exakt so aussieht wie zu Cézannes Zeiten. Seine Hütte ist ebenfalls erhalten geblieben, da stehen noch Farbeimer und Pinsel herum. Weil er früh morgens vom Licht und den Farben profitieren wollte, übernachtete er häufig dort. Es handelt sich um einen magischen Ort, der sehr bewegend und inspirierend war.

Apropos Licht: Gerade bei einem Film wie diesem ist es ungeheuer wichtig. Warum entschieden Sie sich für eine Zusammenarbeit mit dem Kameramann Jean-Marie Dreujou?
Dieser Film unterscheidet sich ganz bewusst von denen, die ich davor gedreht habe. Das hieß auch, dass ich meine übliche Mannschaft austauschen wollte. Jean-Jacques Annaud, dessen Arbeit ich sehr schätze, hatte mir von Jean-Marie erzählt. Wir trafen uns und verstanden uns auf Anhieb sehr gut. Ganz abgesehen von seinem Talent ist er ein wunderbarer Mensch – was mir sehr wichtig ist, weil man ja die gesamten Dreharbeiten in unmittelbarer Nähe seines Kameramanns verbringt. Wir haben uns viel unterhalten, und ich zeigte ihm die von mir zusammengestellte Dokumentation. Ich wollte nicht, dass man von den Bildern sagen konnte: „Das sieht ja aus wie bei Cézanne“. Ich sah mir noch einmal Filme an, die in jener Zeit spielen und die mich beeindruckt hatten: Pialats „Van Gogh“, dann natürlich Renoirs „Das Frühstück im Grünen“, „Ein Sonntag auf dem Lande“ von Tavernier, „Das Piano“ von Jane Campion, Scorseses „Die Zeit der Unschuld“. Und natürlich auch – obwohl er etwas später spielt – „Carrington“ von Christopher Hampton, weil ich mich daran erinnerte, wie intim die Innenaufnahmen im Vergleich zu den im Freien entstandenen Bildern wirkten. Ich wollte, dass sich das Licht in Paris und Médan von dem in der Provence unterscheidet. Aber dafür mussten wir uns nicht sehr anstrengen. Denn das Licht in der Provence ist so schön wie an kaum einem anderen Ort auf der Welt. Inspiriert haben mich auch Gemälde von Caillebotte und Degas, beispielsweise zu bestimmten Kostümen oder Szenen, etwa die, in der Déborah François nackt Modell liegt. Mit dem Picknick der Freunde erweise ich dem Filmemacher Jean Renoir, Sohn des großen Impressionisten Auguste Renoir, eine Hommage. Und alte Fotografien – etwa von der Ankunft einer Kutsche vor Zolas Haus in Médan oder wie der Schriftsteller an seinem Schreibtisch arbeitet – gaben ebenfalls den Anstoß für manche Einstellungen.
Welche Anweisungen gaben Sie Ihren Mitarbeitern in den Abteilungen Kostüm, Ausstattung, Make-Up?
Meiner Kostümbildnerin Catherine Leterrier erzählte ich gleich an dem Tag, an dem ich mit der Arbeit begann, von dem Projekt – weil wir eng befreundet sind und sie wahnsinnig talentiert ist. Ich zeigte ihr die gesamte Dokumentation, die ich zusammengestellt hatte. All diese Alben mit den Fotos, die ich überall gemacht hatte. Fotos von Roben, Alltagskleidung, Stimmungen. Von Mädchen in hoch geschlossenen Kleidern und solchen, die kaum etwas trugen, hier eine Farbe, dort ein Hut, eine Straße… Die Alben habe ich letztlich all meinen Mitarbeitern gezeigt, Jean-Marie Dreujou, der Produktionsdesignerin Michèle Abbe, Dominique Colladant, der fürs Make-Up und die Altersmasken zuständig war. Sie haben uns während der Vorbereitung wie auch bei den Dreharbeiten inspiriert. Wir hatten den Ehrgeiz, einen Film zu machen, der nicht verknöchert und altbacken wirkt, sondern sehr lebendig und natürlich, als würde die Geschichte heute spielen, mit Menschen, die nicht sehr pingelig frisiert und geschminkt sind. Das Gleiche gilt für die Musik. Weil ich keine zeitgenössische Musik wollte, bat ich Eric Neveux, Musik zu komponieren, die sich eng an den Gefühlen orientiert – nichts, was einfach nur beschaulich im Hintergrund erklingt, sondern eine Musik, die notwendigerweise die Emotionen verstärkt. Und was er geschrieben hat, finde ich wunderschön und sehr elegant. Etwa für die letzte Szene, wenn Cézanne in die Berge und die Landschaften der Provence zurückkehrt, wo er ja hingehört. Dafür schwebten uns hoffnungsvolle Klänge vor. Denn so schmerzhaft die Geschichte der Freundschaft zwischen Zola und Cézanne – die ja fast eine Liebesgeschichte ist – auch verlaufen mag, sie hat auch etwas Wunderbares.

DANIELE THOMPSON ÜBER IHRE HAUPTDARSTELLER
Warum ist für Sie Guillaume Canet der ideale Zola und warum Gallienne die richtige Besetzung von Cézanne?
Der ideale Schauspieler ist für mich immer der, mit dem ich unbedingt arbeiten will – und der genauso viel Lust hat wie ich, den Film zu machen. Wenn ein Darsteller sagt: „Ach, ich bin mir nicht sicher, ich spüre es nicht wirklich…“, vergeht mir sofort die Lust, mit ihm zu arbeiten. Ich glaube stark an schauspielerische Instinkte, und ich mag es nicht, wenn ich Schauspieler beknien muss. Aber die beiden Guillaumes waren von Anfang an begeistert! Was vielleicht auch daran liegt, dass es im französischen Kino nicht sehr viele Charakterrollen zu spielen gibt, und die beiden sich unbändig darauf freuten. Sie haben mir sehr geholfen, und dafür kann ich ihnen nicht genug danken.

Man vergisst sehr schnell die beiden Schauspieler und sieht nur noch die Figuren. Allerdings handelt es sich um zwei Darsteller, die nicht denselben Parcours absolviert haben. Wie haben Sie mit ihnen gearbeitet?
Nun, schon das Drehbuch fußt ja auf den Unterschieden zwischen den beiden Figuren. Andererseits beschloss ich bei der Arbeit, nicht darauf zu achten. Ich merkte ja sehr schnell, was ich aus ihnen herausholen konnte. Nachdem jeder für sich den fertigen Film gesehen hatte, sagten sie mir, wie großartig sie den anderen fanden, und das zu hören, war natürlich ganz toll. Als wären sie beim Dreh so sehr in ihrer Filmfigur gefangen gewesen, dass ihnen das am Set gar nicht aufgefallen war, wie gut der andere spielte. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich es mit zwei Schauspielern zu tun hatte, die selbst als Regisseur arbeiten. Wobei ich am Set nicht daran denken durfte, sonst hätte mich das vermutlich gehemmt. Tatsache ist, dass mir zwei sehr aufmerksame Schauspieler zur Verfügung standen, die beide durchaus nervös waren angesichts der Herausforderung, die sie sich aufgehalst hatten, die aber ihr Bestes geben wollten und stets bereit waren, noch eine weitere Aufnahme zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir absolut vertrauten, und deshalb fühlte ich mich in ihrer Gesellschaft unglaublich wohl.

Können Sie beschreiben, was die stärksten Trümpfe der beiden sind?
Vielleicht ihr enormer schauspielerischer Instinkt. Guillaume Canet spürte zum Beispiel sofort, dass er diese Ikone auf eine sehr schlichte, zurückgenommene Art darstellen musste. Guillaume Gallienne seinerseits erkannte, dass er es bei Cézanne mit einem Verrückten zu tun hatte – heute würde man Cézanne wahrscheinlich als manisch-depressiv diagnostizieren. Er konnte sich unglaublich aufregen und hatte nur ein paar Sekunden später offenbar schon wieder alles vergessen. Was beide Schauspieler vereint – obwohl sie sehr unterschiedliche Ausbildungen absolviert haben und aus verschiedenen Milieus stammen, ihre Karriere ganz anders verlaufen sind und sie sehr unterschiedliche Rollen gespielt haben –, ist ihre Arbeitsmoral, ja man könnte diesbezüglich fast schon von Obsession sprechen. Ihre Ausdauer, ihr Durchhaltevermögen und ihre Hartnäckigkeit, was die Arbeit betrifft, sind äußerst selten und einfach fabelhaft.

DANIÈLE THOMPSON ÜBER DIE SCHAUSPIELERINNEN UND IHRE ROLLEN
Alexandrine Zola, gespielt von Alice Pol
Madame Zola ist eine faszinierende Figur. Man könnte einen eigenen Film über sie drehen. Als junge Frau aus ganz einfachen Verhältnissen gab sie ein uneheliches Kind gleich nach der Geburt weg und lebte in großer Armut. Aber sie wandelte sich zur perfekten Gattin und Hausfrau, wurde eine ehrwürdige Bürgerin, die sich ihr Leben lang um ihren Mann und sein Werk kümmerte. Sie meisterte sogar die Affäre Jeanne, die Tatsache nämlich, dass ihr Mann sich in eine Wäscherin verliebte, mit der er zwei Kinder hatte, obwohl sie selbst keinen Nachwuchs zeugen konnten. Nur durch einen anonymen Brief bekam sie davon Kenntnis. Zola gelang es, Alexandrine zum Bleiben zu überreden und sein Doppelleben zu akzeptieren. Morgens schrieb er, dann aß er mit seiner Geliebten und den Kindern zu Mittag und blieb bei ihnen, bis er abends zum Essen nach Hause zurückkehrte und mit seiner Frau unter einem Dach schlief. Obwohl Alexandrine damals sehr viel reiste, kümmerte sie sich um alles. Sie stand die Affäre Dreyfus an seiner Seite durch. Für die anderen war sie nur Madame Zola, die vorbildliche Gattin eines weltbekannten Schriftstellers. Sie weigerte sich, Jeanne noch einmal zu sehen, obwohl sie sich gut mit ihr verstand, als sie noch bei ihnen arbeitete, aber zu ihren Kindern hatte sie Kontakt. Nach Zolas Tod kam es zu einer Annäherung zwischen den beiden Frauen, und Alexandrine schlug Jeanne sogar vor, ihre Kinder zu adoptieren, damit der Name Zola nicht ausstirbt. Alice Pol war mir in „Super-Hypochonder“ von Dany Boon aufgefallen. Sie ist nicht nur eine sehr gute Schauspielerin – was mir auffiel, war, dass sie eine echte Frau ist, schön, aber nicht zu schön, mit Charakter und Sinnlichkeit, nicht affektiert, aber voller Lebensfreude, und all das äußerte sich in ihrer Art zu spielen. Ich behielt sie irgendwo im Hinterkopf, und als ich mit dem Casting von MEINE ZEIT MIT CÉZANNE begann, dachte ich für die Rolle der Alexandrine sofort an sie. Zumal sie überzeugend sowohl ein junges Mädchen spielen kann als auch – entsprechend geschminkt und gekleidet – eine leicht matronenhaft wirkende, energische Ehefrau.
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Mittwoch 14.09.2016
LENALOVE
Ab 22. September 2016 im Kino
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Lena (Emilia Schüle), 16, kreativ und hochsensibel, fühlt sich in der Vorortsiedlung, in der sie lebt,
zunehmend ausgegrenzt und unverstanden. Im begabten Künstler Tim (Jannik Schümann) findet sie
einen Seelenverwandten. Ein erster Flirt bahnt sich an, der aber jäh endet, als sich Lenas ehemals
beste Freundin Nicole (Kyra Sophia Kahre) an Tim heranmacht. Tief enttäuscht schüttet Lena ihrem
neuen Chat‐Freund Noah ihr Herz aus. Noch ahnt die Schülerin nicht, wer sich tatsächlich hinter
diesem Account verbirgt. Ein hinterhältiges Spiel nimmt seinen Lauf, das die makellose Fassade des
Vorstadt‐Idylls allmählich zum Einsturz bringt. Bei einem nächtlichen Date mit Noah gerät das „Spiel“ außer Kontrolle. Danach wird für Lena und alle Beteiligten nichts mehr so sein, wie es einmal war.


Ein Film von Florian Gaag
Mit EMILIA SCHÜLE, JANNIK SCHÜMANN, SINA TKOTSCH, KYRA SOPHIA KAHRE u.a.


Zwischen Verachtung für ihr Umfeld und dem Wunsch, doch irgendwie dazu zu gehören, gerät ein 16jähriges Mädchen in einen Strudel von Intrigen, falscher Freundschaft und erfundener Identität. Das Handy immer im Anschlag, verschwimmen in dieser Welt der inneren Unsicherheit und des äußeren Perfektionismus die Grenzen zwischen real und virtuell, die auch die hilflosen Erwachsenen nicht bestimmen können. Zart und verstörend zugleich erzählt der preisgekrönte Regisseur Florian Gaag („Wholetrain“, u.a. Grimme Preis 2009) in seinem packenden Lovestory Thriller von einer schönen neuen Teenager Welt, in der echte Persönlichkeit künstlichen „Profilen“ weicht. Die inneren und äußeren Dämonen des Erwachsenwerdens und die Herausforderungen eines ganz besonderen Zeitgeists, mit dem sowohl Jugendliche als auch Erwachsene heute konfrontiert sind, werden intelligent und rasant sowie filmisch brillant umgesetzt. LENALOVE überzeugt mit einem hervorragenden jungen Ensemble den neuen Shootingstars Emilia Schüle und Jannik Schümann ‐ die mit großer Spielfreude scheinbar mühelos für absolute Authentizität sorgen.

BESONDERE AUSZEICHNUNGEN
Der Film wurde von der Filmbewertungsstelle mit dem Prädikat BESONDERS WERTVOLL ausgezeichnet. Er feierte seine Uraufführung auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis (2016) in Saarbrücken. Der Film lief dort in der Sektion Wettbewerb. Der Darsteller Jannik Schümann war dort auch als Bester Nachwuchsschauspieler nominiert. Weiterhin wurde LENALOVE für den Deutschen Filmpreis, der LOLA, vorausgewählt und lief im Rahmen der Berlinale 2016.


Die 16jährige Lena ist intelligent und begabt, aber eine Außenseiterin. Ihr Hobby ist Formationstanz, außerdem gestaltet sie kunstvolle Collagen, in denen sie verarbeitet, was sie in ihrem nur scheinbar wohl geordneten Vorort sieht: Lügen, Betrug und Verrat. Mit ihrer jungen, allein erziehenden Mutter Pia versteht sie sich nicht, und auch von ihrer früheren besten Freundin Nicole hat sie sich entfernt, seit diese die Nähe der vermeintlich cooleren Stella sucht. Aus vermögendem Hause stammend, aber einsam, intrigiert Stella mit allen Mitteln, um die Freundschaft zwischen Lena und Nicole endgültig zu zerstören und Nicole für sich zu gewinnen.
Lena ist in ihren Mitschüler Tim verliebt, einen talentierten Zeichner. Auch er ist ein Außenseiter und neu in der Klasse. Nicole und Stella haben die beginnende Romanze an der Schule bemerkt und verstehen nicht, warum Tim gerade die in ihren Augen langweilige Lena interessant findet. Tim aber sieht mehr in Lena und erkennt, dass sie viel gemeinsam haben. Die beiden kommen sich näher. Auf einer Party kommt es jedoch zum Schock für Lena: Sie sieht, wie ausgerechnet Nicole sich an Tim heranmacht, angestiftet von der intriganten Stella. Tim scheint mitzuspielen, so dass Lena enttäuscht von der Party flieht. Sie fühlt sich allein, von allen betrogen und bricht die Kommunikation zu allen ab.
Eine Hausarbeit, die sie für Nicole schreiben sollte, wirft sie weg, wodurch Nicole sitzen bleibt und Lena zu hassen beginnt was Stella mehr als recht ist. Lena zieht sich zurück, verbringt Stunden vor dem Computer und mit ihrem Social Network Profil. In ihrer Einsamkeit schminkt und kleidet sie sich nun anders, macht sexy Porträtfotos und postet sie online. Unter dem Profilnamen „LENALOVE“ ist ihr wichtigster Kontakt die Chat Freundschaft mit dem 17jährigen Noah, den sie nur per Internet kennt. Er scheint immer für sie da zu sein, und Lena erzählt ihm alles, auch von der Affäre ihrer Mutter mit Nicoles Vater, von der sie tatsächlich weiß. Was sie nicht ahnt: Noah existiert nicht. Es ist Judith, Nicoles Mutter, die ihr schreibt. Über den falschen Account spioniert sie Lena aus, denn sie vermutet schon lange, dass ihr Mann eine Affäre mit Lenas Mutter hat. Als Lena „Noah“ von der Affäre erzählt, hat Judith ihr Ziel erreicht. Die Bestätigung der Affäre ihres Mannes trifft sie hart. Judith weiß nun, was sie wissen wollte, und wirft den Zettel mit den Zugangsdaten weg.
Sie ahnt nicht, dass ihre Tochter Nicole und Stella die Informationen finden und nun das Profil „Noah" benutzen, um sich wegen der Hausarbeit an Lena zu rächen. Auch Tim macht am Anfang mit, denn Stella erzählt ihm Lügen über Lena: Sie habe ihn wegen seiner Drogendelikte bei der Polizei verpfiffen. Was als Intrige und Spaß begann, wird zum Mobbing‐Exzess. Gemeinsam kopieren sie das Foto eines echten „Noah“ von einer Sex Website in das unechte „Noah“ Profil und locken Lena so in eine gefährliche Falle. Bei einem Tanzwettbewerb kippen Nicole und Stella Lena Drogen in den Drink. Lena bricht zusammen und flüchtet verwirrt. Sie glaubt, dass ihr nur noch Noah helfen kann und will ihn treffen. Nicole und Stella arrangieren online ein Treffen mit einem fremden jungen Mann, der Lena fast vergewaltigt. In Panik und noch unter Drogen rennt Lena in den Wald und fühlt sich von Monstern verfolgt. Stella filmt Lenas Panik mit der Kamera. Nicole erkennt, dass Lena in Lebensgefahr gerät und will Stella aufhalten. Zu spät: Verwirrt und unter Drogeneinfluss springt Lena von einer Brücke ins Wasser. Sofort wird sie in einen gefährlichen Wasserstrudel gerissen. Nicole ist geschockt und begreift jetzt erst, was sie und Stella getan haben.
Für alle sieht es so aus, als sei Lena tot. Während die Polizei ermittelt, Lenas Mutter trauert und die
Schule unter Schock steht, hat Nicole ihren Eltern alles gebeichtet. Nicoles Vater Axel will der Polizei die Wahrheit über das falsche Profil berichten. Aber Judith zeigt nun eine andere Seite ihres
Charakters. Sie will vertuschen, dass sie den falschen Account angelegt hat und ihre Tochter Nicole
mit schuldig ist. Was keiner ahnt: Lena lebt. Tim hatte erkannt, dass Lena ihn nicht an die Polizei verraten haben kann und das Mobbing zu weit geht. Auf der Suche nach Lena rettet er sie aus dem Wasser und gesteht ihr seine anfängliche Beteiligung am Mobbing. Lena ist entsetzt, aber Tim hat erkannt, dass er Lena liebt und ihr nie wieder wehtun will. Gemeinsam beschließen sie, die Schuldigen auffliegen zu lassen und offenbaren die Hauptschuldige am Mobbing. Jetzt wissen sie, dass sie zusammengehören. Lena findet zu sich selbst – und auch wieder zu ihrer Mutter.´


Prädikat „besonders wertvoll“
Aus der Begründung der Deutschen Film und Medienbewertung (FBW) Florian Gaag hat ganz offensichtlich ein Händchen für Stoffe, die aktuelle Trends und das Lebensgefühl der jungen Heranwachsenden aufgreifen. LENALOVE taucht in die gegenwärtige jugendliche Welt der Sozialen Medien und der Chats ein und zeichnet diese spannend, aber keineswegs schwarzmalerisch nach. Finster ist für ihn – und das liegt vor allem an der Sichtweise und dem Lebensgefühl der 16‐Jährigen, deren Blickwinkel er überwiegend einnimmt – die Welt der Erwachsenen. Dennoch sind diese für ihn keine Karikaturen, sondern durchaus der Wirklichkeit nachempfundene Charaktere (…) Ein runder Film, der überaus gelungen die Balance zwischen
spannender Unterhaltung und Aufklärungscharakter hält.


„Ein bekanntes Phänomen in modernem Gewand“
Interview mit Autor und Regisseur Florian Gaag

Ist dein Film LENALOVE durch einen konkreten Fall motiviert oder eher eine gesellschaftliche Beobachtung?
Ich habe die in den Medien verhandelten Mobbing‐Fälle natürlich wahrgenommen und aufmerksam verfolgt, aber die Geschichte in LENALOVE orientiert sich an keinem realen Vorkommnis, ist rein fiktional.

Wie ordnest du das Phänomen „Cybermobbing“ in die Lebenswelt der Teenager ein?
Ein bekanntes Phänomen in modernem Gewand. Mit dem Unterschied, dass Attacken aus der Anonymität perfider ablaufen und die Bloßstellungen im Netz im schlechtesten Fall für alle immer sichtbar bleiben. Dass Mobbing verstärkt in den von Jugendlichen intensiv genutzten Medien vorkommt, ist naheliegend.

Wie schätzt du die veränderte Mediennutzung und die nicht selten zum Exzess neigende Kommunikation über die sozialen Netzwerke persönlich ein?
Diese neue Art der Kommunikation hat positive wie negative Aspekte. Problematisch wird es, wenn
Jugendliche die Tragweite ihrer offenen Online‐Kommunikation nicht abschätzen können und intimste Details preisgeben, ohne sich über die möglichen Konsequenzen oder Gefahren Gedanken zu machen. Darüber hinaus irritiert mich das blinde Vertrauen vieler Nutzer in Netzwerk Anbieter, die, ohne einen Hehl daraus zu machen, persönliche Daten und Informationen ihrer Kunden abschöpfen, um diese für kommerzielle Zwecke auszuwerten.

Welche universellen Themen des Teenagerlebens spiegeln sich in dieser Geschichte?
Die Suche nach der eigenen Identität, die Unsicherheiten und Nöte, die mit der Zerrissenheit zwischen Anpassung und Streben nach Individualität in diesem Lebensabschnitt oft einhergehen. Erfahrungen mit der ersten Liebe. Und natürlich die nicht selten extrem ausschlagenden emotionalen Pegel, welche diese Entwicklungsperiode kennzeichnen, in der nicht Selbstreflexion, sondern das Ausloten eigener und fremder Grenzen im Vordergrund steht.

LENALOVE ist vor allem eine klassische Coming of Age Liebesgeschichte. Wie wichtig ist dir dieses Element?
Sehr wichtig. Sowohl der Coming of Age Aspekt für viele Menschen ist der Übergang vom jugendlichen in ein erwachseneres Dasein mit all seinen Herausforderungen eine der prägendsten Phasen ihres Lebens ‐ als auch die Liebes Thematik. Es geht in LENALOVE ja nicht nur um eine erste romantische Liebe, sondern, wie schon angedeutet, vor allem um die Identitätsfindung der Hauptfigur Lena, um ihre sich entwickelnde Selbstakzeptanz, um die Entdeckung ihrer Eigenliebe.

Sowohl Lena als auch Tim legen ihr Herz in „Offline Kunst“ wie Collagen und Zeichnungen. Ein Gegenentwurf zu den virtuellen Aktivitäten?
Tatsächlich, ja. Ein bewusst gesetzter Kontrapunkt. Eine analoge Kreativität, welche die Protagonistin Lena mit ihrem Seelenverwandten Tim verbindet.

Ebenfalls ein großes Stilmittel ist der Formationstanz. Wie kamst du auf diese Idee?
Eines Nachmittags habe ich mich zufällig in die Live Übertragung eines Formationstanzwettbewerbs reingezappt und konnte mich nicht mehr davon lösen. Die Synchronität der Bewegungen, die grellbunten Kostüme, die extrem geschminkten Gesichter visuelles Suchtpotenzial. In der Geschichte von LENALOVE stellt diese theatralisch opulente Inszenierung der tänzerischen Perfektion einen Kontrast zur moralischen Schieflage der Vorort‐Welt dar und funktioniert in ihrer Maskenhaftigkeit zugleich als Analogie zum nach außen sorgsam gewahrten schönen Schein ihrer Bewohner.

Bereits in „Wholetrain“ hast du sehr überzeugend und erfolgreich mit jungen Schauspielern gearbeitet. Worin besteht die Herausforderung, mit dieser Altersgruppe zu arbeiten? Welche Form des Vertrauens ist hier nötig – eventuell eine andere als mit erwachsenen Darstellern?
Die jeweiligen Arbeitsbedingungen lassen sich nicht wirklich vergleichen. Bei WHOLETRAIN hatte ich zum Teil Darsteller, die vorher gar nicht oder sehr wenig als Schauspieler in Erscheinung getreten sind. Die Proben Prozesse waren dementsprechend zeitaufwendig und umfangreich. Der junge Cast von LENALOVE dagegen besteht größtenteils aus erfahreneren Schauspielern, die sehr schnell und intuitiv erfasst haben, worum es mir inhaltlich und bei der Zusammenarbeit ging. Die besondere Herausforderung besteht aber sicherlich darin, das Vertrauen junger Schauspieler in die realistische und klischeefreie Umsetzung einer Geschichte zu gewinnen, die nicht so weit von ihrer eigenen Lebensrealität entfernt ist.


„Die Drastik nimmt zu“
Kommentar der Produzenten Tatjana Bonnet und Viktor Jakovleski

Das Thema „Mobbing“ verfolgt uns seit Schulzeiten, allerdings bringen neue Medien wie die sozialen Netzwerke neben all den offensichtlichen Vorteilen der Vernetzung besonders für junge Menschen neue Konflikte und Schwierigkeiten hervor. Auch davon erzählt unser Film LENALOVE. Er ist inspiriert von verschiedenen authentischen Internetmobbing‐Fällen, in denen Jugendliche an den Rand der Verzweiflung gebracht wurden.
Internetmobbing ist eine wichtige gesellschaftliche Angelegenheit geworden. Eltern und Lehrer
können sich dem nicht mehr verschließen, denn durch das Internet, die dortige Anonymität und freie
Wahl der Mittel hat das Mobbing eine neue Qualität gewonnen. Die Drastik nimmt zu, die Aktionen
werden härter. Vor dem Computerbildschirm scheinen Hemmschwellen und moralische Bedenken
endgültig zu verschwinden. Viele Menschen sind im Netz zügelloser und haben einen direkten und
unmittelbaren Zugang zum ausgewählten Opfer. Sich schnell verbreitende Beleidigungen in Form von Posts und Kommentaren verbreiten sich in ungeheurem Tempo. Vor allem in den USA, Japan und Großbritannien, aber auch zunehmend in Deutschland, häufen sich Fälle von Internetmobbing in ungeheurem Ausmaß. In Deutschland werden jede Woche schätzungsweise 500.000 Schüler gemobbt, fast jedes dritte Schulkind. Nach einer bundesweiten Forsa Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse gaben 32 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 20 Jahren an, schon einmal im Internet beleidigt, bedroht oder verleumdet worden zu sein. Jeder Zehnte hat nach eigenen Angaben bereits selbst im Internet gemobbt und jeder Fünfte hält es für wahrscheinlich, selber Täter zu werden.
Die Folgen sind gravierend: Es gab erste Fälle gerichtlicher Verurteilungen aufgrund von Cybermobbing. Dabei sind es oft spektakuläre Fälle, über die viele Medien berichten und über die sich weltweit vor allem Jugendliche in Blogs und sozialen Netzwerken austauschen. Es sind Präzedenzfälle, die das Verhalten und die Regeln im Internet bereits geprägt haben. In Großbritannien wird von staatlicher Seite dagegen vorgegangen, in Südkorea wurde schon ein Gesetz zur Vermeidung von Mobbing im Internet vorgelegt. In den USA gab es die erste strafrechtliche Verurteilung wegen Internetmobbing. Es gibt mittlerweile Internetseiten und –Kampagnen, die vor Cybermobbing warnen und aufklären. Gerade auch die Sozialen Netzwerk Betreiber wie „Facebook“ werden vermehrt aktiv und starten große Kampagnen gegen das Mobbing im Internet. Von dieser Dynamik und den damit verbundenen Schattenseiten erzählen wir mit LENALOVE.


DIE DARSTELLER
EMILIA SCHÜLE (Lena)
Emilia Schüle wurde 1992 in Russland geboren und kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihr Interesse an den Künsten war schon in der Kindheit groß, und so begann sie im Alter von sieben Jahren mit Tanzunterricht in klassischem Ballett und Modern Dance. Ihr Fernsehdebüt gab sie im vielfach ausgezeichneten Film „Guten Morgen, Herr Grothe“ (2006; Regie: Lars Kraume), ihre erste Kinohauptrolle spielte sie in „Freche Mädchen“ (2008; Regie: Ute Wieland). Ihr Talent und ihre Präsenz wurde von renommierten Filmemachern schnell erkannt, und so folgten unterschiedliche Rollen, darunter Märchen wie „Aschenputtel“ (2010; Regie Susanne Zanke), Fantasy wie „Isenhart“ (2011; Regie: Hansjörg Thurn), Musicals wie „Rock it“ (2010; Regie: Mike Marzuk), Jugenddramen wie „Gangs“ (2009, Regie: Rainer Matsutani) oder die dramatische Komödie „Besser als nix“ (2014; Regie: Ute Wieland). Ihren großen Durchbruch hatte sie 2012 im „Tatort“, und zwar in den aufeinanderfolgenden Filmen „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“. 2014 war ein sehr produktives Jahr für Emilia Schüle mit den Filmen „Besser als nix“ (Regie: Ute Wieland), „Tod den Hippies, es lebe der Punk“ (Regie: Oskar Roehler), „Boy 7“ (Regie: Özgür Yildirim) und LENALOVE (Florian Gaag). Als Synchronsprecherin war sie wie bereits im ersten Teil auch in „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ im Kino zu erleben.
2015 arbeitete sie im Frühjahr und Sommer an zwei großen historischen Stoffen. „Berlin Eins“ für
Sat.1 erzählt eine Geschichte aus den Zwanziger Jahren in Berlin. Im Mittelpunkt von „Ku'damm 56“ (UFA Fiction für ZDF), der in den 1950er Jahren spielt, stehen junge Frauen, die sich nicht mehr in die traditionelle Rolle fügen wollen, die ihnen die Gesellschaft vorschreibt.

JANNIK SCHÜMANN (Tim)
Im Alter von neun Jahren nahm der 1992 geborene Jannik Schümann an einem Casting für das Musical „Mozart“ in die Neue Flora Hamburg teil und wurde direkt für den kleinen Amadé besetzt. Er spielte die Rolle 2001/2002 und begann 2001, Schauspielunterricht zu nehmen. Auf Kampnagel in Hamburg spielte er 2004 in „Oliver Twist“ und 2008 am Operettenhaus Hamburg in der Welturaufführung des Udo Jürgens Musicals „Ich war noch niemals in New York“. Die Film und Fernsehbranche wurde schnell auf das junge Talent aufmerksam. Es folgten erste Auftritte in TVFormaten wie „Tatort“, „Stubbe“ und „Kommissarin Lucas“ sowie Fernsehfilmen wie „Das Glück am anderen Ende der Welt“. 2008 sprach er „Die drei Fragezeichen“ als Hörbuch ein und synchronisierte die Figur des Jupiter Jonas für die beiden Kinofilme, die in englischer Sprache gedreht wurden. Mit dem vielfach preisgekrönten Fernsehfilm „Homevideo“ (2010; Regie: Kilian Riedhof) wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt und für den New Faces Award nominiert. Den Hessischen Filmpreis gab es für „Mittlere Reife“ (2011), dort überzeugte er als unverstandener, hyperaktiver Tim, dessen Lebenswelt nicht mal seine Eltern interessiert. Nach seiner Mitwirkung in Christian Petzolds „Barbara“ (2012) folgte im Oktober 2013 die Juli Zeh‐Bestseller‐Verfilmung „Spieltrieb“ (Regie: Gregor Schnitzler). In seiner Rolle als Schüler Tim in LENALOVE wurde er beim Filmfestival Max Ophüls Preis (2016) als Bester Nachwuchsschauspieler nominiert. Zu weiteren bemerkenswerten Arbeiten gehören 2015 der ARD‐Fernsehfilm „Mein Sohn Helen“ (Regie: Gregor Schnitzler), „Die Diplomatin“ (Regie: Franziska Meletzky) sowie eine weitere Verfilmung von Ferdinand von Schirachs „Schuld“ („Die Illuminaten“; Regie: Hannu Salonen). Im Spätsommer 2015 wurde die Bestsellerverfilmung „Die Mitte der Welt“ (Regie: Jakob M. Erwa) mit Schümann in einer Hauptrolle abgedreht, ebenso „Die Hebamme 2“ von Hannu Salonen.

KYRA SOPHIA KAHRE (Nicole)
Ihre Schauspielausbildung erhielt die 1989 geborene Kyra Sophia Kahre bei Suzanne Geyer, Nick
Dong‐Sik und Teresa Harder. Zu den namhaften Regisseuren, mit denen das junge Multitalent zu
ihren Hobbies gehören Ballett, Skifahren, Tennis, Reiten, Singen, Klavier – bereits arbeitete, gehören Christian Petzold („Wölfe“; 2015), Hannu Salonen („Die Hebamme 2“; 2015), Gregor Schnitzler („Mein Sohn Helen“; 2014), Bora Dagtekin („Fack juh Göhte“; 2013) und Sylke Enders („Schönefeld Boulevard“; 2013). Auf der Bühne war sie 2011 unter der Regie von Walter Ullrich am Theater Bad Godesberg in „Hänsel und Gretel“ zu sehen.

SINA TKOTSCH (Stella)
Sina Tkotsch wurde 1990 in Berlin geboren. Im Alter von neun Jahren gab sie ihr Filmdebut in
Dominique Othenin Girards TV Film „Florian – Liebe aus ganzem Herzen“. Zahlreiche Rollen folgten, unter anderem in Krimiserien wie „Tatort“, „Der letzte Zeuge“ und „Die Cleveren“. Von 2002 bis 2004 war sie in der ARD und auf Ki.Ka in einer durchgehenden Hauptrolle als Johanna „Johnny“ Freytag in 26 Episoden der Familienserie „Wie erziehe ich meine Eltern?“ zu sehen. Im Anschluss wirkte sie in einer Vielzahl von Fernsehproduktionen mit, darunter der ZDF‐Zweiteiler „Die Himmelsleiter“ (2014; Regie: Carlo Rola) sowie „Polizeiruf 110 – Abwärts“ (2012) von Nils Wilbrandt.
Im Kino war Sina Tkotsch unter anderem 2008 im später mehrfach ausgezeichneten Film „Beautiful Bitch“ von Martin Theo Krieger zu sehen. 2009 folgten die Kinoproduktionen „Gangs“ von Rainer Matsutani und „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ von Marc Rothemund. Für den Kinofilm „Dschungelkind“ lebte und drehte Sina Tkotsch 2010 zwei Monate im Dschungel von Malaysia und erhielt 2011 bei der „Goldenen Henne“ eine Nominierung als „Aufsteigerin des Jahres“. 2016 war sie neben LENALOVE von Florian Gaag auch mit dem Kinofilm „Der Nachtmahr“ von Akiz Ikon auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis (2016) vertreten. Beide Filme liefen im Wettbewerb.

SANDRA BORGMANN (Judith)
Nach ihrem Abitur in Mülheim studierte die 1974 geborene Sandra Borgmann von 1994 bis 1997
Schauspiel an der Folkwang Hochschule in Essen‐Werden. Seit 1997 arbeitet sie als Filmschauspielerin und lebt heute in Hamburg. Große internationale Aufmerksamkeit erhielt sie im Jahr 2000 für die weibliche Hauptrolle im Film „Oi!Warning“ von Dominik und Benjamin Reding. Zu den renommierten Regisseuren, mit denen sie im Laufe ihrer Karriere zusammen gearbeitet hat, gehören Fatih Akin („Im Juli“; 1998), Uli Edel („Der Baader Meinhof Komplex“; 2007), Franziska Buch („Hier kommt Lola“, 2009) und Alain Gsponer („Das kleine Gespenst“; 2012). Im Fernsehen spielte sie in Serien wie „Berlin, Berlin“ (2001), „Ladykracher“ (2002), „KDD Kriminaldauerdienst“ (2006) sowie „Lottokönige“ (2011‐2014) und ist regelmäßig auf der Theaterbühne zu sehen. 2004 war sie sowohl für „Tatort: Odins Rache“ sowie „Ein krasser Deal“ für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. 2008 erhielt sie mit dem Darstellerteam den Grimme‐Preis für „KDD – Kriminaldauerdienst“.

ANNA BEDERKE (Pia)
Schon in ihrer frühen Kindheit liebte die 1981 geborene Hamburgerin Geschichten, Malerei und Musik. Während ihrer Schulzeit war sie einige Jahre Mitglied einer Theatergruppe, spielte Geige und nahm Gitarren und Klavierunterricht. Mit 16 Jahren drehte Anna Bederke ihren ersten Kurzfilm, einige Jahre später begann sie an der Hochschule für bildende Kunst Hamburg (HfbK) Regie zu studieren. Dort drehte sie in den Klassen von Wim Wenders und Fatih Akin weitere Kurzfilme und vertiefte ihre Fähigkeiten. Um das Studium zu finanzieren, arbeitete Anna nebenbei als Model und Kellnerin und verkaufte einiger ihrer Bilder. Ihr Diplom erhielt sie im Jahr 2007. Kurze Zeit später erzählte ihr Fatih Akin von einer Rolle, die er ihr für seinen neuen Film „Soul Kitchen“ (2009) geschrieben hätte und lud sie zum Casting ein. Nicht nur das Fachmagazin „Variety“ lobte ihr Debüt in dem international vielfach ausgezeichneten Film als „wirkliche Entdeckung“. Seitdem hat sich Anna durch ihre schauspielerische Leistung bei vielen Film und Fernsehproduktionen etabliert. So arbeitete sie mit Matthias Schweighöfer bei „Frau Ella“ (2013; Regie: Markus Goller) und „Der Schlussmacher“ (2013) zusammen, den er selbst inszenierte. Bereits 2012 spielte sie im „Tatort – Die Ballade von Cenk und Valerie“ von Matthias Glasner, der für den Grimme Preis nominiert war.
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