Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

19

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew "Väter und Söhne"

20

Wolfram Knauer „Duke Ellington“

21

Bernhard Schlink „Olga“

22

Anita Rée „Retrospektive“

23

Ines Geipel „Tochter des Diktators“

24

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Dienstag 06.03.2018
Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Es klingt wie das prächtige Fantasieprodukt eines Autors. Dabei ist das, was Jakob Hein in seinem neuen Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ beschreibt, eine historisch verbürgte Geschichte. Und Hein ist es wichtig, dies auch immer wieder zu betonen: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte Leutnant Edgar Stern im Namen des deutschen Kaisers Wilhelm II. den Dschihad, den „Kampf der Muslime zur Verteidigung und Verbreitung des Islams“, kurz den „Heiligen Krieg“ von der Türkei aus anschieben. Grund hierfür war, dass Deutschland glaubte, wenn sich die gesamte islamische Welt gegen die Kolonialmächte Frankreich und England erheben, wären diese Länder zugleich in der kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland arg geschwächt. Die Idee hierzu hatte eben jener jüdische Leutnant Stern und der Gedanke fiel deshalb auf fruchtbaren Boden, da Kaiser Wilhelm II. eine enge Beziehung zu Sultan Abdul Hamid II., dem damaligen Herrscher des Osmanischen Reiches und Kalif der Muslime, unterhielt.
Jakob Hein erzählt in seinem Roman eine verwegene Geschichte. Aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf bei Potsdam, das ausschließlich muslimischen Soldaten vorbehalten war(!),  wurden vierzehn Gefangene ausgesucht. Diese reisten mit Stern von Deutschland aus in die Türkei, um hier, möglichst öffentlichkeitswirksam, frei gelassen zu werden. Aber wie kam eine solche „Reisegruppe“ damals quer durch Europa? Österreich-Ungarn, vor allem aber Rumänien standen Deutschland kritisch bis feindlich gegenüber. So kam Stern auf die Idee, die muslimischen Ex-Soldaten als Zirkustruppe getarnt an den Bosporus zu schleusen. Stern selbst wurde kurzerhand zum Zirkusdirektor.
Hein versteht es meisterlich, diese kaum zu glaubende Geschichte sehr kurzweilig und flott zu erzählen. Er nimmt hierfür verschiedene Sichtweisen ein, schreibt aus dem Blickwinkel der muslimischen Gefangenen, aus der Sichtweise von Sterns Vorgesetztem, dem Legationssekretär Schabinger von Schowingen, eines deutschen Funkers, eines Diplomaten und natürlich aus der Perspektive des Leutnants selbst. Die Schilderung besitzt, bei aller historischen Ernsthaftigkeit, natürlich einen Hauch von Abenteuer und irgendwie klingt das exotische Unternehmen immer wieder nach einem intelligenten Schelmenroman – für die Jakob Hein schon in der Vergangenheit bekannt war.
Hein vermittelt diese Geschehnisse auf eine mitreißende und anregende Art, macht neugierig auf Geschichte, leuchtet völlig neue Facetten im Blick auf die Vergangenheit aus und bindet diese in die Gegenwart ein. Ähnlich wie schon in dem wunderbaren Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky, taucht, zumindest am Rande, auch jener Max von Oppenheim auf, der als deutscher Diplomat, Orientalist und Archäologe so etwas wie der Gegenentwurf zu Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, gewesen ist. Hein erinnert auch an den Bau der legendären 1.600 Kilometer langen Bagdadbahn, die unter maßgeblicher Beteiligung einiger deutscher Firmen gebaut wurde. Auch wird das Leid und die staatliche Verfolgung der Armenier deutlich an Einzelschicksalen benannt.
Am Ende des Buches findet sich in dem Kapitel Paralipomena ein Nachtrag zu einigen historischen Fakten, wie zum Beispiel die erste Moschee auf deutschem Boden, die in eben jenem Gefangenenlager in Wünsdorf entstand, vor allem aber die Fortsetzung der Lebensläufe einiger handelnder Personen. Geschichte ist nun einmal fortlaufend – im Gesellschaftlichen wie im Privaten.
Jörg Konrad


Jakob Hein
„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“
Galiani Verlag
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 20.02.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Iwan Turgenjew "Väter und Söhne"
Die Auseinandersetzung zwischen den Generationen ist so alt wie die Menschheit. Schon im Jahr 3000 v.Chr. ritzte ein unbekannter Sumerer auf eine Tontafel: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.“
Ein großer Roman der Weltliteratur trägt den Gegensatz zwischen Alt und Jung schon im Titel: „Väter und Söhne“ von Iwan Turgenjew. Das Buch wurde nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1862 schnell berühmt und sorgte in der intellektuellen Szene Russlands für heftige Diskussionen. Im Dezember 2017 ist es bei dtv in der frischen, unverstaubten Neuübersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschienen und liest sich auch heute noch überraschend aktuell.
Iwan Turgenjew, ein Hauptvertreter des literarischen Realismus, spiegelt in seinen Romanen das geistige und soziale Klima Russlands in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Es war eine Zeit des Umbruchs, der Neuorientierung. Russland öffnete sich zögernd liberalen, aufklärerischen Ideen aus dem Westen. Unter Zar Alexander II. gab es zahlreiche Reformen, die wichtigste war die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1862. Die patriarchalische Ständegesellschaft galt vor allem der Jugend als überholt.
In seinem Roman „Väter und Söhne“ lässt Turgenjew die alte und die neue Welt aufeinander prallen. Der Medizinstudent Basarow, die Hauptfigur des Romans, wird von seinem Freund Arkadi auf das kleine Landgut seiner Familie eingeladen. Dort treffen die beiden jungen Männer auf die „Väter“, Arkadis Vater und seinen Onkel. Basarow und Onkel Pawel Kirsanow sind die eigentlichen Antipoden des Romans. Der Onkel. ein feinsinniger, eleganter Aristokrat, ist der Typus des „überflüssigen Menschen“, der in der russischen Literatur des 19.Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielt und auch einer Erzählung Turgenjews den Namen gegeben hat. In melancholischem Nichtstun trauert er einer unglücklichen Liebe nach und wird von Basarow als dekadenter Taugenichts verachtet. Der nichtadelige Student provoziert ihn durch seine ungehobelten Manieren und seine umstürzlerischen Ansichten.
Basarow verkörpert in überspitzter Weise die revolutionär eingestellte Jugend seiner Zeit. Seine Ideen weisen bereits auf den dialektischen Materialismus, den sozialistischen Menschen späterer Jahrzehnte und auch auf die 68er Generation hin. Basarow bezeichnet sich selbst als „Nihilist“, ein Begriff, der durch Turgenjew Verbreitung fand. „Ein Nihilist ist jemand, der sich keinen Autoritäten beugt, der kein einziges Prinzip bedingungslos akzeptiert, egal wie sehr es geschätzt wird“ heißt es im Roman. Kunst, Musik, Naturempfinden gelten ihm als überflüssige Romantik. Statt die Natur zu bewundern seziert er Frösche. „An Principes glaubt er nicht, aber an Frösche glaubt er“ beklagt sich Pawel Kirsanow.
Die Liebe hält Basarow konsequenter Weise für einen rein physiologischen Vorgang. Als er sich jedoch in die schöne Anna Odinzowa verliebt und von ihr abgewiesen wird, zerbricht er an seinem Unglück. Turgenjew zeigt, wie Basarows Theoriegebäude, seine ideologischen Positionen dem realen Leben mit seinen existentiellen Erschütterungen nicht standhalten können. Die ergreifende Abschiedsszene zwischen dem todkranken Basarow und Anna stellt in ihrer Behutsamkeit und ernsthaften Schlichtheit einen Höhepunkt des Romans dar.
„Väter und Söhne“ ist alles andere als ein Thesenroman. Turgenjew, der selbst ein aufgeklärter Geist war, behandelt Basarows materialistische Weltanschauung zwar kritisch, aber er zeigt auch Sympathie für seine leidenschaftliche Unbedingtheit. Nie wird Turgenjew moralisierend, und es gibt kein Schwarz-Weiß. Alle Personen des Romans, die Jungen wie die Alten, die Adeligen, Dienstboten und Bauern, schildert er mit feiner Ironie und großem psychologischem Einfühlungsvermögen. Da ist zum Beispiel der liebenswerte, aber schwache Vater Arkadis, der zwar fortschrittlich sein möchte und seine Bauern aus der Leibeigenschaft entlassen hat, aber sein Gut herunterwirtschaftet. Da sind starke Frauengestalten wie die vorurteilsfreie, unabhängige Anna Odinzowa und die junge Fenetschka, die Geliebte des Vaters. Und da sind die rührenden alten Eltern Basarows, die seine Schroffheit geduldig ertragen.
So zeichnet Turgenjew elegant, poetisch und mit leichter Hand, aber tiefem Verständnis, ein eindrucksvolles Porträt der Menschen seiner Zeit, ihrer Sehnsüchte, ihrer Konflikte und ihrer Suche nach neuen Lebensentwürfen.
Lilly Munzinger, Gauting


Iwan Turgenjew
"Väter und Söhne"
dtv
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 29.01.2018
Wolfram Knauer „Duke Ellington“
„Duke Ellington war der bedeutendste Jazzkomponist des 20. Jahrhunderts – Punkt. Doch schon diese Definition greift zu kurz.“ So beginnt Wolfram Knauer seine Biographie über Edward Kennedy „Duke“ Ellington. Er deutet damit schon an, dass die Vielfalt und der künstlerische Anspruch des Ausnahmepianisten, Komponisten, Bandleaders und Entertainers nicht einfach darzustellen ist. Denn Ellington war ein Musikgenie, der sowohl der Volks- als auch der Kunstmusik der Moderne einen festen Platz gab. 1929 erklärte der „Duke“ in einem Interview: „Die Zukunft der Musik liegt bei den Komponisten der Tin Pan Alley, die in den populären Schlagern und Melodien von heute die Stimme des Volkes erkennen.“
Tin Pan Alley, so wurde die 28. Straße im New Yorker Stadtteil Manhatten genannt. Hier war ab 1900 das Zentrum der Musikverleger. Ihnen wurden von jungen Pianisten den ganzen Tag über neue Kompositionen vorgespielt, immer in der Hoffnung, einen zukünftigen Hit zu erkennen und dann entsprechend zu vermarkten. Und da das „klimpern“ der Klaviere bei geöffneten Fenstern im Sommer wie das ständige aneinanderschlagen von Blech- und Zinnpfannen klang, wurde der Straßenzug Tin Pan Alley (Blech- / Zinnpfannengasse) genannt.
Knauer beschreibt den Lebensweg des 1899 in Washington geborenen Ellington. Neben den biographischen Stationen und einem analytischem Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, gibt das Buch Einblicke in die Entstehung und den Aufbau einzelner Werke des Jazzgroßmeisters. „Sophisticated Lady“, „Mood Indigo“ oder „The Moocher“ werden von Knauer auf den Prüfstand gestellt. Und auch die großen Kompositionen wie „Black, Brown And Beige“ oder „Black And Tan Fantasy“ finden eine ausführliche Betrachtung und Würdigung.
Knauer beschreibt die legendäre Ära des Cotton Club in den 1920er Jahren und der Harlem Renaissance, er erläutert die besondere Begabung Ellingtons, seine Orchester einen ganz eigenen, spezifischen Sound spielen zu lassen und seinen Anspruch, musikalisch sowohl in Broadway Revuen als auch mit dem „Jungle Style“ in den Clubs zu begeistern.
Sein Gespür für Klangfarben, die (oft auch persönliche) Beziehung zu seinen Musikern, die meist über einen langen Zeitraum seinen Bands angehörten, sein Können als Geschäftsmann, seine Wirkung auf Frauen – der Autor beleuchtet in einer leicht verständlichen Sprache all die verschiedenen Facetten des Ausnahmemusikers. Er zeigt ihn als einen genialen, selbstbewussten wie wichtigen Brückenbauer zwischen afrikanischer und westlicher Kultur, als Integrationsfigur des Jazz, an dem weder die Traditionalisten, noch die Avantgarde vorbeikommt. Denn Duke Ellington war weit mehr als ein Vertreter des Swing, auch wenn er selbst sagt, dass alles nichts wert ist, wenn es keinen Swing besitzt („It don’t mean a thing if it ain’t got that swing“).
Es ist nicht die erste Monographie, die über den wichtigsten Komponisten des Modernen Jazz geschrieben wurde. Und es wird mit Sicherheit auch nicht das letzte Buch über ihn sein. Aber Knauer,, der seit 1990 das Jazzinstitut Darmstadt leitet, hatte die Möglichkeit im Smithsonian Institution in Washington, D.C. im originalen Nachlass Ellingtons zu recherchieren, in den Geschäftspapieren, der Korrespondenz und in den kompositorischen Skizzen. So stammen die originalen Quellen als Grundlage für diesen 310 Seiten starken Text aus erster Hand. Ein wichtiges Buch über eine Lichtgestalt, welche die Musik des 20. Jahrhunderts wie kaum eine andere Persönlichkeit beeinflusst hat.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 15.01.2018
Bernhard Schlink „Olga“
Es ist die Geschichte einer vergangenen Liebe zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen und die Geschichte einer nicht alltäglichen Freundschaft Jahrzehnte später. Im Mittelpunkt beider Beziehungen steht Olga Rink, eine Frau, so ungewöhnlich wie stolz, so hingebungsvoll wie intelligent, so strebsam wie geheimnisvoll.
Sie und Herbert finden in schwierigen Zeiten zueinander und ihr Schicksal wird entscheidend von dieser Zeit geprägt und beeinflusst. „Olga“, eine Waise, die bei der strengen Großmutter in der Kaiserzeit in Pommern aufwächst und melancholisch still ist, genau beobachtet, gedanklich vieles hinterfragt und manchmal gerne einfach anders wäre. Er, Herbert, verwöhnter Sohn des reichen Gutsherren, verliebt sich in jungen Jahren in eben diese Olga. Er ist ein mutiger Draufgänger, dem das Militärisch-Zackige liegt und den zugleich die verlorene Weite der Natur fasziniert. Beide haben drei Jahre umeinander geworben, gegen den Willen Herberts Familie, und sich weit draußen an den Wäldern getroffen, um sich hier heimlich ihrer Liebe hinzugegeben. Doch Herbert zieht, wie viele seiner Freunde, freiwillig in den Krieg, später in die Arktis, aus der er nicht mehr zurückkehren wird.
Olga, die mutige, die emanzipierte, wird Lehrerin, später, nach dem 2. Weltkrieg, geht sie als Näherin in die Familien und lernt hier den weitaus jüngeren Ferdinand kennen. Ihm erzählt sie ihre Lebensgeschichte, ohne in Emotionen zu versinken. Und so wird Ferdinand ein abschließender Teil ihres Lebens, der sie bis zum Tod begleitet. Anschließend lüftet er aufwendig ein Geheimnis, dass Olga in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.
Bernhard Schlink setzt in seinem neuen Roman „Olga“ verschiedene historische wie menschliche Versatzstücke geschickt zusammen. Er ordnet und glättet ein offenes und ausgefranstes Puzzle, das nicht selten ein Ergebnis der erzählenden Hochgeschwindigkeit ist. Über zwei Drittel des Buches gibt Schlink seinen Figuren, allen voran dem tauben Fräulein Rink, nur eine bedingte persönliche Tiefe. Der Leser sieht sie von „außen“, erfährt sie durch ihre meist tragischen Lebensstationen. Doch ihre innere Kraft, ihr seelisches Schicksal und die daraus resultierende individuelle Stärke, wird erst später, durch ergreifende Liebesbriefe deutlich.
Schlink gelingt das Kunststück, Olga als eine Person zu beschreiben, wie wir sie selbst zu kennen glauben. Einen Menschen, der uns seine biographischen Daten vermittelt, dessen Leben an abgesessene Geschichtsstunden erinnert. Doch erst die später beschriebenen Emotionen lässt die Figur in ihrer ganzen Lebendigkeit erblühen.
Gleichzeitig streift dieses Buch fast eineinhalb Jahrhunderte. Es lockt den Leser nach Brasilien und nach Sibirien, in die vereisten Felder der Nordostpassage, bis hin zu den Greueltaten deutscher Soldaten in Südwestafrika. Fast im D-Zug-Tempo beschreibt es das deutsche Wirtschaftswunder, erzählt von Flucht und Vertreibung, von hoffnungsvollem Neuanfang und persönlichen Enttäuschungen. Und es handelt vom vielleicht Furchtbarsten überhaupt, von einer Mutter, die ihren Sohn an die menschenverachtende Ideologie nationalsozialistischer Verführer verliert. Und trotzdem ist „Olga“ ein ungemein lebensbejahendes, ein positives Buch.
Jörg Konrad

Bernhard Schlink
„Olga“
Diogenes
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Freitag 29.12.2017
Anita Rée „Retrospektive“
Es war Max Liebermann, der der 21jährigen Anita Rée 1906 bestätigte, dass sie ein außergewöhnliches Talent besäße. Zwar stand für die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmannes und der aus Venezuela stammenden Mutter Anna Clara schon zuvor unabdingbar fest, dass sie Malerin werden würde, doch der Widerstand der Eltern gegen eine solche Laufbahn begann erst aufgrund der Einschätzung Liebermanns nachzulassen.
Anita Rée arbeitete in den Jahren bis zu ihrem selbst gewählten Tod 1933 intensiv und schuf ein beeindruckendes Gesamtwerk. In der rückwärtigen Betrachtung nimmt ihr Arbeiten eine Art Schlüsselstellung zwischen Tradition und Moderne in der Malerei ein – ohne dass dies in den letzten Jahrzehnten entsprechend gewürdigt wurde. Anita Rée geriet nach ihrem Tod fast in Vergessenheit.
Zwar haben einzelne Sammler ihre Arbeiten wohl gehütet und es gab auch hin und wieder kleinere Ausstellungen, aber erst jetzt ist in der Hamburger Kunsthalle die erste große Retrospektive der Künstlerin zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 04. Februar des kommenden Jahres.

Anfangs arbeitet Anita Rée noch im „verborgenen“, in einem Atelier, das sie sich unter dem Dach ihres elterlichen Wohnhauses in Hamburg einrichtete. Einerseits zwar klar wissend, dass keine andere Tätigkeit ihr diese Erfüllung bringt, ist sie doch Zeit ihres Lebens ein unsicherer, von Selbstzweifeln und Skepsis getriebener Mensch. Kurzzeitig teilt sie sich ein Atelier mit den beiden Malerfreunden Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken. In letzteren verliebt sie sich, doch ihre Gefühle werden von Nölken nicht erwidert. Daraufhin zerbricht die Ateliergemeinschaft. Anita Rées ist maßlos enttäuscht, die Wunden, die diese Zurückweisung in ihrer Seele hinterlassen haben, sind enorm und sollen nie richtig verheilen.
Später geht Anita Rée nach Paris. Sie studiert die Impressionisten, die Architektur, verarbeitet die Stadt nachweislich und arbeitet nach ihrer Rückkehr wie besessen weiter. Ihr künstlerisches Selbstverständnis wächst, ihre Selbstzweifel bleiben. Weil niemand ihren hohen Ansprüchen gerecht wird, bleibt sie allein und leidet zugleich unter dieser Einsamkeit stark. Ein Mensch, der Zeit seines Lebens zerrissen ist, der sich unausgeglichen verhält, nach außen schwierig wirkt.
1919 gehört Anita Rée zu den Gründern der Hamburgischen Sezession, deren Ziel darin bestand, das Klima für die bildenden Künste in der kaufmännisch geprägten Hansestadt zu verbessern. Aber auch mit dieser Aufgabe beschäftigt, findet sie keinen inneren Frieden.
Impressionismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit, Magischer Realismus - all ihre Energien und ihr intellektuelles Vermögen steckt sie in das Ausprobieren und Suchen nach neuen stilistischen Ausdrucksformen und bleibt doch innerlich eine ewig mit sich hadernde, zerrissene Künstlerin.
Für einige Jahre zieht es sie dann nach Italien. Hier verlebt Anita Rée die vielleicht glücklichste Zeit. Ihre Bilder strahlen einen matten Glanz aus. Sie scheinen der Realität weit entrückt und sind doch deutlich sichtbar ein Teil der Wirklichkeit. Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen sind ihre Portraits visuelle Seelenlandschaften. Hier korrespondieren Vertrautes und Fremdes, Sehnsucht und Gewissheit, Flüchtiges und Akkribisches, Glück und Trauer.
Der vorliegende Band ist vom Prestel-Verlag im Rahmen der Hamburger Retrospektive erschienen. Das Buch gibt einen recht umfassenden Einblick in das reichhaltige Schaffen der Malerin. Zugleich bringen die Essays von Karin Schick, Anna Heinze, Gabriele Himmelmann und anderen die Lebens- und Arbeitsbedingungen einer der „faszinierenden Figuren der Kunst der 1920er Jahre“ nahe.
In Anita Rée ist eine Malerin zu entdecken, die in ihrem gesamten künstlerischen Oevre immer ein wenig an Paula Modersohn Becker erinnert. Es ist wie der Aufbruch zu neuen Ufern, die in ihrer Arbeit überdeutlich zu sehen und noch mehr zu spüren sind. Dass sie diese nie ganz erreicht hat, ist einfach nur tragisch.
Jörg Konrad

Anita Rée
„Retrospektive“
Herausgegeben von Karin Schick im Auftrag der Hamburger Kunsthalle
Prestel
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Montag 25.12.2017
Ines Geipel „Tochter des Diktators“
In diesem Buch prallen Biographien aufeinander, die im Rückblick mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als es der erste Eindruck vermuten lässt. Das mag zweifellos am realen Lebensweg zweier Frauen liegen, die diesen tief berührenden Roman bestimmen: Die Autorin Ines Geipel und die Zentralfigur Beate Ulbricht. Jede von ihnen hinterlässt für sich eine erschütternde Sprachlosigkeit.
Ines Geipel sagte einmal, dass all ihre Sportrekorde durchweg kriminell seien. Aufgestellt hat sie diese als Leichtathletin in der ehemaligen DDR. Es gibt kaum einen Betroffenen aus der Riege damaliger Leistungskader, der sich später so schonungslos mit diesem, seinem Thema auseinandergesetzt hat. Mit gerade einmal vierzehn Jahren wurde sie Teil des damaligen staatlichen Dopingprogramms. Ines Geipel bekam, wie viele andere weibliche Sportler, männliche Steroide verabreicht. Niemand klärte sie auf, über die „kleinen blauen Pillen“ und deren mögliche Spätfolgen, wie Krebs, Leberschäden oder verändertes Erbgut. „Es wurden Doktorarbeiten mit unseren Körpern geschrieben“, sagte sie nach dem Studium ihrer Stasiunterlagen.
Während eines Wettkampfes 1984 verliebte sie sich in einen mexikanischen Geher. Sie wollte daraufhin die DDR verlassen und schmiedete Fluchtpläne. Ihre Absichten wurden von „vertrauten“ Menschen an die Staatssicherheit verraten. Ines Geipel fiel in Ungnade. Während einer vorgetäuschten Blinddarmoperation zerschnitt man ihr in nachweisbarem Stasi-Auftrag Bauchmuskulatur und verstümmelte einen Teil ihrer inneren Organe. Damit war auch ihre Karriere als Sportlerin beendet. Zudem wurde sie massiv denunziert und mit sofortiger Wirkung aus allen Kadern gestrichen. Sie durfte nicht abtrainieren und bekam auch keine medizinische Nachbetreuung. Als Folge litt sie unter Nieren- und Herzproblemen. 1989 floh sie, nach einem Germanistik-Studium, aus der DDR. Heute ist Ines Geipel Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und freie Autorin.
Schnitt.
Maria Pestunowa war die Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Ihre Mutter starb 1944 bei einem Bombenangriff auf Leipzig. Das Mädchen kam in ein Waisenhaus und wurde 1946 adoptiert. Ihre Pflegeeltern hießen Walter und Lotte Ulbricht. Beate Ulbricht, wie sie seit der Adoption hieß, wurde in der Schulzeit von ihren Klassenkameraden verspottet und ausgegrenzt. Ihre Eltern schickten sie aus diesem Grund zu Beginn der 1950er Jahre nach Leningrad, wo sie ihr Abitur machte und anschließend Geschichte und Russisch studierte. Dort fand sie in dem Italiener Matteoli ihre große Liebe. Beide heirateten heimlich in Berlin und bekamen ein Kind. Den Wunsch, ein gemeinsames Leben im kapitalistischen Italien zu führen, verhinderten der Staatsratsvorsitzende und seine Frau. Das Paar wurde zwangsweise voneinander getrennt, indem man Beate den Reisepass entzog. Nach zwei Jahren der Trennung willigte diese deprimiert in die Scheidung ein.
Beate Ulbricht ging später, wieder in Leningrad lebend, eine Beziehung mit einem Russen ein. Von ihm bekam sie einen Sohn. Doch die Ehe hielt nicht. Die junge Frau wurde gedemütigt und auch misshandelt. Verzweifelt kam wieder zurück nach Berlin, wo sie schwer alkoholabhängig verwahrloste. Die Behörden entzogen ihr das Sorgerecht für ihre Kinder, von ihren Pflegeeltern wurde sie gemieden, später auch enterbt. 47jährig fand man sie 1991 erschlagen in ihrer Wohnung. Die Tat wurde bis heute nicht aufgeklärt.
Ines Geipel erzählt in ihrem Roman „Tochter des Diktators“ die Lebensgeschichte eben dieser Beate Ulbricht - aus einem möglichst distanzierten Blickwinkel.
Erzählen lässt Ines Geipel die Geschichte von einer gewissen Anni Paoli, einer Vertrauten eben jenes Ivano Matteoli, aus dem toskanischen Dorf Cigoli. Allein seine Familiengeschichte wäre Stoff für einen eigenen Roman. Ines Geipel erzählt über die Unmöglichkeit freier Selbstbestimmung und gleichzeitig über verschiedene Abhängigkeitsbeziehungen und dem daraus resultierenden Untergang menschlicher Existenz. Sie taucht zusätzlich in die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts ein – ohne sich in deren Wirrnissen und sonstigen Katastrophen zu verlieren, trotzdem alles immer irgendwie zusammenhängt. Der Ost-West-Konflikt, der Traum einer klassenlosen Gesellschaft und die Realität der kommunistischen Diktatur, das Dritte Reich und die 68-Bewegung in Paris und Deutschland spielen in der „Tochter des Diktators“ eine Nebenrolle, die jedoch die Grundlage für die eigentliche Geschichte bilden. Denn alles dreht sich um die großen (gesellschaftlichen) Hoffnungen und die daraus resultierenden (persönlichen) Enttäuschungen. Es geht es um das Schicksal von Menschen in politisch angespannten Zeiten. Den Kampf um Identität und Verwurzelung, um gelebtes Selbstverständnis und zu ertragende indoktrinierende Entmündigungen. Welche Möglichkeit der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit bleiben am Ende? Geht es nur um den Grad der individuellen Leidensfähigkeit?
Ines Geipel findet für diese sehr komplexen Themen eine wunderbare, eine eigenwillige Sprache, die Poesie und Realität miteinander verschmilzt und in der beschriebenen Melancholie nicht selten an den großen italienischen Dichter Cesare Pavese erinnert. Dieser Roman ist ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte.
Jörg Konrad

Ines Geipel
„Tochter des Diktators“
Klett Cotta
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.