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Stewart O`Nan „Westlich des Sunset“ Rowohlt Verlag

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Fridolin Schley „Die Ungesichter“ Allitera

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Tschingis Aitmatow „Dshamilja“ Insel ...

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Alice Greenway „Schmale Pfade“ Mare Verlag

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Birgit Vanderbeke „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ Piper

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Dienstag 21.06.2016
Stewart O`Nan „Westlich des Sunset“ Rowohlt Verlag
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Sie hatten alles: Jugend, gutes Aussehen, Geld und Ruhm. In Amerika galten sie als typische Vertreter ihrer Generation, der „Roaring Twenties“: Francis Scott Fitzgerald und seine schöne Frau Zelda. Fitzgerald wurde 1896 geboren, und er war durch seine Romane „Diesseits vom Paradies“ und „Der große Gatsby“ schon früh als Schriftsteller bekannt geworden. Aufsehen erregten die beiden aber vor allem durch ihren unkonventionellen Lebensstil, ihre wilden Partys, ihre Alkoholexzesse.
In dem biographischen Roman „Westlich des Sunset“, der 2015 in den USA und 2016 in der deutschen Übersetzung bei Rowohlt erschienen ist, schildert der amerikanische Schriftsteller Stewart O`Nan die letzten Jahre im Leben von F. Scott Fitzgerald, die Jahre 1937 bis zu seinem Tod 1940. O`Nan erzählt eine Geschichte, die sich so zugetragen haben könnte - alle Figuren, Schauplätze und Ereignisse des Romans sind authentisch. Durch seine Einfühlungsgabe und sein großes Erzähltalent lässt er den Leser hautnah am Leben eines empfindsamen, gefährdeten Künstlers teilhaben. „Westlich des Sunset“ ist ein ergreifender Roman über die Vergänglichkeit, über das Scheitern, und zugleich eine bewegende Liebesgeschichte.
In den 30er Jahren ist F. Scott Fitzgeralds Ruhm bereits verblasst. Zelda erleidet 1930 einen ersten Nervenzusammenbruch. Das Schulgeld ihrer gemeinsamen Tochter Scottie und vor allem Zeldas Aufenthalte in teuren Privatkliniken verschlingen ein Vermögen. Scott sieht sich gezwungen, mit 41 Jahren als Drehbuchautor nach Hollywood zu ziehen. Hier wohnt er im berühmten Hotel „Garden of Allah“ am Sunset Boulevard. Atmosphärisch dicht, in einer eleganten Sprache, schildert O`Nan die leichtlebige Gesellschaft am Pazifik und die bunte Hollywoodwelt. Alle sind sie hier, die Stars der 30er Jahre: Greta Garbo, Gary Cooper, Marlene Dietrich, Humphrey Bogart und so viele andere. In der Filmwelt regieren die Studiobosse, herrscht die Jagd nach Erfolg und die Angst vor der Niederlage.
Scott stürzt sich in die Arbeit, muss aber häufig mit Demütigungen fertig werden. Mehrmals wird er von Filmprojekten abgezogen. Sein Drehbuch zu dem Film „Three Comrades“ nach einem Buch von Erich Maria Remarque, in dem Scott offen Kritik an den Nazis übt, wird bis zur Unkenntlichkeit gekürzt. MGM fürchtet, Deutschland als Absatzmarkt zu verlieren. Scott sucht Trost im Alkohol. Mit großer Empathie und feinem Gespür für Details erzählt O`Nan, wie Scott immer wieder Halt im Schreiben findet, aber immer wieder seiner Alkoholsucht erliegt und an sich selbst verzweifelt. „Er hatte geschworen, sich zu ändern. Zu seiner Schande war er noch immer derselbe Mensch, bloß älter und müder.“
Scott begegnet in Hollywood der attraktiven Klatschkolumnistin Sheilah Graham. Sie hat eine frappierende Ähnlichkeit mit der jungen Zelda und Scott verliebt sich in sie. Im Grunde ist es Zelda, die Scott sein Leben lang liebt und sucht. Seine Tragik ist, „dass es niemanden wie Zelda gab, und die Zelda, die er kannte, nicht mehr existierte.“ Eine große Melancholie liegt über dem Buch. Erinnerungen an die Zeiten, als beide jung waren und ein Talent zum Glücklichsein hatten, holen Scott immer wieder ein und lassen die Gegenwart glanzlos und traurig erscheinen. Dennoch bleibt er Zelda eng verbunden, er fühlt sich für sie und ihr Unglück verantwortlich. Häufig verreist er mit ihr, obwohl alle Reisen in einem Fiasko enden. O`Nan schildert erschütternde Szenen. Einmal irrt Zelda nachts um Hilfe schreiend durch die Hotelflure in dem Wahn, er wolle sie töten. Meistens aber ist sie durch Medikamente ruhig gestellt und in sich selbst zurückgezogen. Scott vermisst schmerzlich ihre Spontaneität und Lebensfreude, die sie für ihn zu einer so außergewöhnlichen Frau gemacht haben.
Mit der jungen Sheilah hofft Scott auf einen Neuanfang, auch wenn er seine Beziehung zu ihr als Verrat an Zelda empfindet. O`Nan beschreibt Sheilah als eine Frau, die Zelda nur äußerlich ähnelt. Sie ist ehrgeizig und zielstrebig, und sie möchte Scott retten: vor seiner zerstörerischen Ehe, vor seiner Labilität, seiner Sucht. Scotts häufige Rückfälle treiben sie in die Flucht, aber sie kehrt immer wieder zu ihm zurück. Die Abwärtsspirale, in der Scott gefangen ist, dreht sich schneller und schneller.
Nach einem Selbstmordversuch und einem Herzinfarkt scheint es jedoch aufwärts zu gehen. Sheilah unterstützt ihn bei seiner Arbeit, hilft ihm dabei, ein Drehbuch zu verkaufen und abstinent zu bleiben. Scott arbeitet an einem neuen Roman, zum ersten Mal seit langem ist er glücklich. Doch seine Gesundheit ist zerrüttet. Am 21. Dezember 1940 stirbt F. Scott Fitzgerald in Hollywood an einem Herzinfarkt.
Über seiner Lebensgeschichte könnte ein Satz aus dem „Großen Gatsby“ stehen, den O`Nan in seinem wunderbaren Buch zitiert: „Und so kämpfen wir uns alle voran, Boote gegen die Strömung, unablässig in die Vergangenheit zurückgetragen.“
Lilly Munzinger, Gauting
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Sonntag 12.06.2016
Fridolin Schley „Die Ungesichter“ Allitera
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Die Geschichte ist ein einziger, gehetzter Satz.
Mittendrin innezuhalten oder auszusteigen ist nicht möglich - vor allem nicht für die junge Frau aus Somalia, aber auch nicht für uns, die wir sie auf ihrer atemlosen Flucht begleiten.
Für die fünfzehnjährige Amal beginnt der jahrelange Albtraum, als die islamistische Terrormiliz das Dorf in Somalia stürmt, in dem sie mit ihrer Familie lebt, als ihr Vater ermordet und sie verschleppt wird. In ihrer Not verkauft ihre Mutter Haus und Hof um den dubiosen Schlepper zu bezahlen, der die Flucht der Tochter, die noch fast ein Kind ist, ermöglichen soll. Auf unsicheren Wegen voller Angst und Gewalt, Hitze und Kälte, in Autos und Lastwagen, gelangt Amal über Abu Dhabi, die Ukraine und Slowenien schließlich nach Deutschland. Unterwegs lernt sie Cariim kennen, einen jungen Flüchtling, der für sie zu einem Bruder wird - gegenseitig treiben sie sich voran, die Verantwortung füreinander gibt ihnen Mut und Hoffnung, wenn die Verzweiflung sie zu überwältigen droht.
Fridolin Schley hat Amal, die in Wirklichkeit anders heißt, kennengelernt, als er zusammen mit anderen (u.a. Friedrich Ani, Doris Dörrie, Lena Gorelik) für die Anthologie „Die Hoffnung im Gepäck. Begegnungen mit Geflüchteten“ (Allitera, 2015) deren Erlebnisse aufgeschrieben hat. Amals Schicksal hat ihn so berührt, dass daraus die Erzählung „Die Ungesichter“ wurde. Zu der jungen Frau, die er bei „Refugio“ kennengelernt hatte und die heute in Deutschland lebt und eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, hat er immer noch Kontakt.
Der erlösende Punkt am Ende der Erzählung ist zwar kein „Happy End“, denn ihre Erlebnisse wirken für immer in ihrem Leben nach, aber es ist ein Ausgangspunkt für neue Hoffnung und Chancen auf ein Leben in Frieden und Sicherheit. Schley gelingt es durch die Dynamik dieses langen, atemlosen Satzes und seine ehrliche Anteilnahme am Leben der jungen Frau ihr Gesicht im scheinbar namenlosen Strom der Flüchtlinge sichtbar zu machen. Vielleicht ist es das Beste, was Literatur mit ihren Mitteln zu einem wichtigen gesellschaftlichen und politischen Thema beitragen kann.
Thyra Kraemer
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Sonntag 29.05.2016
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Tschingis Aitmatow „Dshamilja“ Insel Verlag
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KLASSIKER WIEDERENTDECKT
Tschingis Aitmatow
„Dshamilja“ Insel Verlag
Mit Illustrationen von Stefanie Harje


„Dshamilja“ ist die Geschichte einer selbstlosen wie tragischen Liebe, die sich am Rande des Großen Vaterländischen Krieges in der zentralasiatischen Provinz zuträgt. Die jungen Männer eines Dorfes der kirgisischen Sowjetrepublik, dem heutigen Kirgisistan, sind im Krieg. Kaum eine Familie blieb im August 1943 von einer Einberufung verschont. Alle notwendigen Arbeiten, ob auf den Feldern, in den Werkstätten, oder den Fabriken wurden allein von den Frauen und ihren Kindern verrichtet. Die schöne Dshamilja hat vier Monate zuvor Sadyk geheiratet, der ebenfalls einige Tage später an die Front kommandiert wurde. Die junge Braut ist eine selbstbewusste und fröhliche Natur, die auch von der Familie ihres Ehemannes hoch geachtet wird. Besonders Said, der 15jährige Bruder Sadyks und Ich-Erzähler dieser Novelle, ist ihr in stiller Liebe verfallen.
Eines Tages kommt Danijar, der einst im angrenzenden Tal lebte, als Kriegsheimkehrer humpelnd ins Dorf. Er ist ein zurückhaltender, manchmal auch finster dreinblickender und schwer einschätzbarer junger Mann, der sich am öffentlichen Leben nur wenig beteiligt. Gemeinsam mit Dshamilja und dem Ich-Erzähler Said, bekommt Danijar den Auftrag, das gedroschene Getreide mit Fuhrwerken in die 20 Kilometer entfernte Bahnstation zu transportieren. Dshamilja und Said necken den schweigsamen Sadyk unterwegs, provozieren ihn, vielleicht in der Hoffnung, er möge seine Befangenheit ablegen. Doch stolz erträgt er jede Kränkung, bis er plötzlich in den weiten der Ebenen die schönsten Lieber singt und damit nicht nur die melancholische Seite seiner Seele zum Ausdruck bringt ….. .
In diesem Text vereinen sich herbe Natur und beseelte Poesie aufs innigste. Die erste aufkeimende Liebe junger Menschen, das Ende der unschuldige Kindheit und die harte, selten gerechte Realität dieser Welt finden einen gemeinsamen Ausdruck. Aitmatow zeigt seine Hauptfiguren mit all ihren Hoffnungen, aber auch Schwächen und lässt sie nicht zuletzt aus diesem Grund so glaubwürdig erscheinen.
Tschingis Aitmatow, geboren 1928, kam aus einem politisch und kulturell sehr engagierten Elternhaus. In jungen Jahren auf einer Kolchose arbeitend, studierte er später Veterinärmedizin und wurde Viehzüchter. Sein Vater, ein überzeugter Kommunist, fiel 1937 stalinistischen Repressalien zum Opfer und wurde gemeinsam mit seinen beiden Brüdern hingerichtet.
1956 ging Aitmatow, der nebenher mit dem Schreiben begonnen hatte, an das Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau. Zwei Jahre später reichte er „Dshamilja“ als Abschlussarbeit ein. Sie wurde nur ein Jahr später von Louis Aragon als die „schönste Liebesgeschichte der Welt“ bezeichnet. Im Rahmen der Perestroika wurde Aitmatow Berater von Präsident Gorbatschow, 1990 letzter sowjetischer Botschafter in Luxemburg, später in Kirgisistan, dann bei der Europäischen Union. Er starb 2008 in Nürnberg.
Jörg Konrad
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Dienstag 17.05.2016
Alice Greenway „Schmale Pfade“ Mare Verlag
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Jim Kennoway ist Ornithologe aus Leidenschaft. In Fachkreisen wegen seiner Kompetenz geschätzt, arbeitete er über 30 Jahre im „Museum of Natural History“ in New York.
Doch seit dem  letztem Herbst hat er sich in das Sommerhaus seiner Familie auf einer kleinen Insel an der Küste Maines zurückgezogen. Als Folge seines übermäßigen Alkohol -und Nikotinkonsums hatte er sich zuvor einer Teilamputation seines Beines unterziehen müssen. Jetzt sitzt er im Rollstuhl und lebt in dem alten Bootshaus völlig zurückgezogen von Konserven, Zigaretten und Gin. Pläne oder Ziele hat er keine mehr, jede Begegnung mit anderen Menschen ist ihm eine Last.
Doch dann erreicht ihn der Brief seines früheren Freundes Tosca von den Pazifikinseln. Tosca bittet ihn, seine Tochter Cadillac für eine Weile bei sich aufzunehmen.
Jim und Tosca hatten sich während des Pazifikkrieges 1943 kennengelernt. Jim hatte sich damals freiwillig für den amerikanischen Militäreinsatz auf den Salomonen gemeldet. Seine Aufgabe war das Ausspähen japanischer Kriegsschiffe. Doch sein eigentliches Interesse galt der einzigartigen Vogelwelt auf den  Inseln . Der erst 16-jährige Salomone Tosca war ihm als Inselscout zugeteilt und wurde sein treuer Begleiter und Freund. Indem er Tosca in die Grundlagen der Ornithologie und Vogelpräparation einführte, veränderte er das Leben des Inseljungen nachhaltig .
Jetzt, 30 Jahre später, steht Tosca`s Tochter, die tiefschwarze Cadillac vor Jim. Durch ein Stipendium wird sie im Herbst in Yale ihr Medizinstudium beginnen und soll sich hier bei ihm schon einmal an das Leben in Amerika gewöhnen.
Jim ist alles andere als begeistert von ihrer Anwesenheit. Entsprechend mürrisch und abweisend begegnet er ihr. Doch Cadillac lässt sich nicht beirren und tritt Jim in ihrer natürlichen Art offen  gegenüber. Zum Schlafen rollt sie ihre Bastmatte aus und um sich Bewegung zu verschaffen, schwimmt sie jeden Morgen im eiskalten Meer.  Ganz unbefangen stellt sie Jim Fragen nach seinem Leben und bringt ihn dadurch dazu, sich mit der eigenen Vergangenheit, die dieser  mit Hilfe des Gin  wegspülte, zu konfrontieren.
So erfährt der Leser Stück für Stück die düsteren Kapitel aus der Vergangenheit des Ornithologen. Durch Cadillac wird Jim wieder in die Zeit um 1943 zurückversetzt, man folgt als Leser aus der Gegenwart von 1973 in die Zeit des Pazifikkrieges und auch ins Jahr 1917 zu einem sehr einschneidenden Ereignis aus Jim`s Kindheit. Alice Greenway fordert  vom Leser Konzentration, da sie in ihrer Erzählperspektive zwischen den Hauptprotagonisten , sowie auch zwischen den verschiedenen Zeitebenen  hin und herwechselt. Sie  verzichtet dabei  auf jede überflüssige Ausschmückung und beschränkt sich in ihrer schlichten, schönen Sprache aufs Wesentliche.
Ganz nebenbei nimmt sie den Leser immer wieder in nur kurzen Passagen mit in die Welt der Ornithologie , dabei zu faszinieren ohne jemals zu langweilen.
In diesem wunderschönen, traurigen Buch ist jedes Wort mit Bedacht gesetzt. Es gibt keine Klischees oder Sentimentalität.
Die Übersetzung  von Klaus Modik trägt sicher seinen Teil dazu bei, dass dieses wunderschöne Buch auch im Deutschen nichts von seinem Zauber einbüßt.
Martina Hirsch (Buchhandlung Kirchheim, Marc Schürhoff, Gauting)

 
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Dienstag 03.05.2016
Birgit Vanderbeke „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ Piper
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Es war schon immer schwierig, in der Literatur die Welt durch Kinderaugen zu betrachten. Entweder war das, was uns die Kinder im Text vermittelten, in Form und Ausdruck zu intelligent für ihr Alter und damit der Autor hinter der Fassade zu deutlich spürbar. Oder der Tonfall des Erzählers geriet derart kindlich und naiv, dass man schon nach wenigen Seiten das Buch entnervt aus der Hand legte. Birgit Vanderbecke gelingt hingegen in ihrem neuen Roman diese infantile Perspektive ausgezeichnet. Dabei erzählt die Autorin in „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ eine (autobiographisch eingefärbte) Geschichte, die vom Leser so einiges abverlangt.
Es ist die Schilderung einer Kindheit, die in den 1960er Jahren von der Flucht aus dem Osten Deutschlands ins „Land der Verheißung“ gezeichnet ist. Aber ist für das sechsjährige Mädchen das neue Leben, anfangs in stigmatisierten Flüchtlingslagern und später in einer Werkssiedlung, tatsächlich lebenswerter? Was hat sich hier für sie geändert“ Was erfährt sie aus der Welt der Erwachsenen an Hilfe? Äußerlichkeiten berühren sie nur wenig. Viel wichtiger ist ihr der Umgang untereinander, die Sensibilität, mit der sie die Erwachsenenwelt aufnimmt und wie diese Welt auf sie reagiert. Sie erfährt immer deutlicher, dass sie ein ungewolltes Kind ist, das das Leben der Mutter stark behindert; dem trotz zwanghaftem Bemühen in den Augen der Erzeuger nichts positives gelingen will; dem Gewalt und mehr angetan wird, die sich in dunklen Ahnungen verbergen.
Selbst zu ihrem Geburtstag, an dem die Mutter wie jedes Jahr das Lied anstimmt „Wir freuen uns, dass Du geboren bist“, ist sie nicht sicher vor Demütigungen und Repressionen. Doch zum Schluss findet sie einen hilfreichen Weg aus dieser Verzweiflung. Sie liest Bücher und taucht in eine andere, gerechtere und freundlichere Welt, sie hört Stimmen und findet in ihrem Tun Bestätigung. Insofern deutet der vom Kinderlied abgeleitete Buchtitel „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ eine Art Trotzhaltung an, der dem Mädchen zumindest imaginär hilft, raus aus dieser kleinen, miefigen, von individueller Gewalt und geistiger Enge gezeichneten Welt zu kommen. Ein Buch, das bedrückt und letztendlich doch soviel Mut macht.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 21.04.2016
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Charles Dickens „Große Erwartungen“ Hanser Verlag
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Warum in unserer Zeit noch Charles Dickens lesen? Seine berühmten Romane wie „David Copperfield“ oder „Oliver Twist“ gelten heute vielen als Jugendbücher, voller Abenteuer, aber auch leicht verstaubt und betulich.
Doch wer sich die Zeit nimmt, sich auf einen von Dickens´ Schmökern einzulassen, wird mit einem überraschenden Lesevergnügen belohnt. Sein Roman „Große Erwartungen“ aus dem Jahr 1861  liegt seit 2012, dem 200. Geburtstag von Charles Dickens, im Hanser Verlag in der herausragenden Neuübersetzung von Melanie Walz vor und ist auch als Taschenbuch bei dtv erhältlich. Man entdeckt, welche Lust Dickens an Wortspielen und Wortwitz hat, und mit welcher Virtuosität  er mit Sprache umgehen  kann. Und man liest eine Geschichte, die mit überbordender Phantasie, Humor und Mitgefühl erzählt ist.
„Große Erwartungen“ ist, wie alle Romane von Dickens, stark autobiographisch geprägt. In seinen Büchern thematisiert er immer wieder sein großes Kindheitstrauma, die bedrückende finanzielle Not seiner Familie. Kinder, die in Armut und Entbehrung leben und vom sozialen Aufstieg träumen, sind häufig Hauptpersonen in Dickens´ Romanen. Auch Philip Pirrip, genannt Pip, der Protagonist in „Große Erwartungen“, hat eine traurige Kindheit. Er lebt mit seiner wesentlich älteren Schwester und ihrem Mann Joe im öden Marschland nahe der Themsemündung. Der schlichte und gutherzige Joe ist Pips einziger Freund. Bei seiner Schwester und in der Welt der Erwachsenen dagegen erlebt Pip vor allem Härte und Lieblosigkeit. In dieser Erwachsenenwelt tummeln sich groteske Gestalten. Dickens geht es, anders als vielen seiner literarischen Zeitgenossen, nicht darum, das Seelenleben seiner Figuren in ihren Feinheiten und Widersprüchen auszuleuchten. Er scheut sich nicht vor plakativen, satirischen Personenzeichnungen.  Mit oft beißender Ironie geißelt er Herzlosigkeit, Hochmut und Verlogenheit,  und immer gilt sein Mitleid den Armen, den Hilflosen und den Kindern.
„Große Erwartungen“  ist eine Mischung aus Entwicklungsroman, Gesellschaftssatire und Kriminalroman. Schon im spannenden 1. Kapitel wird ein Hauptmotiv des Romans eingeführt: Auf dem Friedhof begegnet Pip dem entsprungenen Häftling Magwitch.  Er zwingt Pip , eine Feile für ihn zu stehlen, mit der er sich von seinen Fußfesseln befreien kann. Dieses düstere Geheimnis überschattet die Kindheit des kleinen Pip. Durch seine Tat fühlt er sich in die Welt von Schuld und Verbrechen hineingezogen.
Eine entscheidende Wende erfährt sein Leben, als er in das Haus der exzentrischen Miss Havisham geholt wird. Sie ist eine gespenstische Figur. Seit sie vor Jahren von ihrem Verlobten verlassen wurde, sind die Uhren in ihrem Haus angehalten, schimmelt der Hochzeitskuchen auf dem Tisch, und trägt sie ihr vergilbtes Hochzeitskleid. Ihre  Adoptivtochter mit dem sprechenden Namen  Estella hat sie zu einer hochmütigen, gefühllosen Person erzogen, Estella ist ihr Mittel, sich an den Männern zu rächen.  Pip verliebt sich in das schöne Mädchen, sie ist sein kalter, unerreichbarer Stern. Nun schämt er sich seiner einfachen Herkunft und verachtet seinen ungehobelten Freund Joe. Er möchte ein Gentleman werden.
Wie in einem Märchen scheint dieser Wunsch in Erfüllung zu gehen. Ein anonymer Gönner stellt ihm ein großes Vermögen in Aussicht und finanziert seine Ausbildung.
Pip hält Miss Havisham für seine Wohltäterin und glaubt, dass sie auch die Ehe mit Estella für ihn vorgesehen hat. Mit großen Erwartungen zieht er nach London.
Die Hauptstadt bevölkert Dickens mit zahlreichen skurrilen, liebenswerten und unheimlichen Gestalten. Eine zentrale Figur ist der undurchschaubare Jurist Jaggers, der zu Pips Vormund bestellt wird. Durch ihn erhält Pip Einblick in die Welt der Gesetze.  Dickens, der ehemalige Gerichtsschreiber, schildert mit Abscheu das finstere Londoner Gefängnis Newgate und die Bestrafungsmethoden seiner Zeit, in der die Todesstrafe an der Tagesordnung war und sogar Kinder zum Tode verurteilt werden konnten.
Pips äußerer Aufstieg  ist zugleich ein moralischer Abstieg. Immer wieder quälen ihn Schuldgefühle, weil er sich von Joe, dem  Freund seiner Kindheit, abgewendet hat, aber immer wieder beschwichtigt er sein Gewissen. Er wird zu einem Snob, der über seine Verhältnisse lebt, und der auch seinen treuen Freund Herbert zu einem verschwenderischen Leben verführt.
Anders  als Dickens´  frühere Romane ist „Große Erwartungen“ keine Geschichte der erfüllten Hoffnungen, sondern eine Geschichte der Irrtümer und Enttäuschungen. Spannend wie ein Krimi liest sich Pips Weg zu der Einsicht, dass er sich in all seinen Erwartungen getäuscht hat. Denn nicht Miss Havisham entpuppt sich als seine Wohltäterin.  Aus dem Märchen wird ein Alptraum. Pip verliert sein Vermögen, seinen sozialen Status und seine Hoffnung auf eine Verbindung mit Estella.
Aber  er findet durch diesen Schock zu seelischer Reife und einem selbstbestimmten Leben. Er erkennt, dass er sich durch die Macht des Geldes und durch seelenlose Schönheit hat blenden lassen. Seinen Lesern zuliebe hat Dickens den ursprünglich resignativen Schluss des Buches umgeschrieben und in ein offenes, hoffnungsvolleres Ende verwandelt. Doch er zeigt in diesem späten Roman die Gefahr von gesellschaftlichem Ehrgeiz, von Erfolg  und Reichtum: die Gefahr, sich selbst zu verlieren.
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
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