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Inhaltsverzeichnis
Germering: Joris Roelofs / Phil Donkin / Han Bennink – Ein Glücksfall...

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Landsberg: Stefano Bollani – Auch als Sänger

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Fürstenfeld: tanzmainz – Energie, die nicht verloren geht

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Gröbenzell: Das Elias String Quartet – Grandiose Kunst von großer Int...

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Landsberg: Pablo Ziegler Trio – Alles Tango

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Germering: Jason Seizer Quartett – Konzentriert und fantasiereich

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Samstag 27.10.2018
Germering: Joris Roelofs / Phil Donkin / Han Bennink – Ein Glücksfall
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Germering. Er trommelt wie ein fiebriger Derwisch. Sein Drive ist pure Magie, seine Synkopen erschüttern den Äther. Die Tradition ist ihm unendlich wichtig, trotzdem ist sein Stil individuell. „So, wie ich bin, versuche ich zu spielen“, sagte er vor über vierzig Jahren in einem Interview. Zu dieser Zeit konnte Han Bennink schon auf eine Zusammenarbeit mit Sonny Rollins und Peter Brötzmann, mit Ben Webster und Misha Mengelberg, mit Fred van Hove und Eric Dolphy zurückblicken. Aus heutiger Sicht ein Schattenkabinett großer Jazzsolisten, eine Art Ahnengalerie zeitgenössischer Musik. Gestern Abend spielte der charismatische Meistertrommler mit Joris Roelofs und Phil Donkin in der Germeringer Stadthalle und wertete die an Höhepunkten schon reiche Reihe „Jazz It“ um eine weitere Legende auf.
Eigentlich plante Bassklarinettist Roelofs die Tour mit Schlagzeuger Ted Poor. Doch dieser war verhindert. Ersatz musste her. Bennink Ersatz? Von wegen! Ein Glücksfall, für die Musik, für das Publikum und überhaupt. Von Roelofs und Bennink ist zudem gerade ein Album erschienen: „Icarus“. Das außergewöhnliche Ergebnis ihrer schon Jahre anwährenden Zusammenarbeit.
Die Musik des Trios in Germering klang natürlich anders. Sie war dichter, beweglicher, größer, bunter, wirkte in manchen Momenten gefährlicher und visuell heiterer. Nichts für Avantgarde-Allergiker, auch nichts für Mainstream-Puristen. Sie drehten Monk und Parker durch eine kreative Mangel, füllten eigene Stücke mit scharfsinnigen Improvisationen, fanden immer wieder neue Wendungen und bewegten sich so in diesem wunderbar bizarren Zwischenreich von Tradition und Moderne. Mal kantig provozierend, mal sparsam swingend. Aber immer weit, weit ab aller Beliebigkeit.
Roelofs entlockte seiner Bassklarinette butterweiche Töne - inspirierenden Ideenflügen gleich. Oder er zeigte, welche Kraft und welche Entschlossenheit in seinem Instrument (und in seinem Körper) stecken. Sein Ausdrucksspektrum schien unbegrenzt und sein Sinn für melodische Formen und deren Dekonstruktion waren beeindruckend. Bennink ging rhythmisch hingegen über Stock und Stein. Er nutzte alles was sich im bot (und dem er habhaft werden konnte), um mit den Sticks, Besen und Schlägel seine Geschichten zu erzählen. Er tobte über die Bühne, saß plötzlich unten im Publikum und hielt dabei immer traumwandlerisch die Zeit („Rhythmus spielen ist das schwerste, was es gibt“). Das ist oft nicht nur unkonventionell, sondern sieht manchmal auch verrückt aus („Ich will nicht so statisch spielen, und es soll viel mehr Humor und Unsinn sein“). Und Phil Donkin? Der ließ sich von nichts und niemanden ablenken. Er zog stoisch seine tieftönenden Kreise, hielt dabei die Spannung, bereitete dramaturgische Wendungen vor, gab der Musik Rückrat und seinen Mitstreitern permanente Sicherheit.
Es war insgesamt ein großer Jazzabend, der in der mittlerweile schon über elf Jahre andauernden Geschichte dieser Reihe einfach mit zum Besten gehörte.
Jörg Konrad
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Montag 22.10.2018
Landsberg: Stefano Bollani – Auch als Sänger
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Landsberg. Gibt es etwas, das Stefano Bollani nicht spielen kann? Lässt sich tatsächlich eine Klangsprache finden, die er nicht beherrscht? Schwer vorstellbar. Und wenn doch, dann wäre der italienische Pianist aufgrund seines musikalischen Denkens und spieltechnischen Könnens in der komfortablen Lage, diese scheinbare Lücke in kürzester Zeit zu schließen. Wetten das?
Am Sonntagabend hat der aus Mailand stammende Pianist im Landsberger Stadttheater etwaige Zweifler seines Könnens, sollte es diese überhaupt geben, eines besseren belehrt. Bollani als Virtuose, Bollani im solistischen Stegreifspiel, Bollani als Traditionalist, Bollani als avantgardistischer Entertainer, Bollani im intimen Balladenmodus – und so könnte man die Form der Beschreibung seines Auftritts noch ewig fortführen. Denn all diese, manchmal launenhaft wirkenden Interaktionen, wurden von ihm an diesem Abend in überzeugender Manier geboten. Auch Bollani als Sänger.
Mit an seiner Seite hatte das pianistische Tastengenie, Bollani lernte das Klavierspielen übrigens allein weil er Schlagersänger(!) werden wollte und er sich so entsprechend selbst begleiten konnte, Daniele Sepe (Saxophon, Flöte), Nico Gori (Klarinette) und Bernardo Guerra (Schlagzeug). Eine exzellente Besetzung, die Bollani während aller klanglichen Extravaganzen sicher zur Seite stand, die ihm folgte, ihn inspirierte, ihn auf Augenhöhe begleitete, die selbst solistische Ausrufezeichen setzte und mit der er letztendlich eins wurde.
Das Quartett wirbelte mit Verve durch das „Napoli Trip“-Programm, verströmte ungezügelte Lebenslust und berührende Melancholie im ständigen Wechselspiel. Mal schunkelte die Musik im Walzertakt träge dahin, mal entlud sie sich im fiebrigen Neobop, mal beeindruckte sie mit einer folkloristischen Charmoffensive. Der musikalische Strom an Ideen versiegte jedenfalls nie.
Bollani hatte während des Abends die Fäden des Geschehens fest in seinen Händen. Jedoch nicht, dass er dabei seinen Mitspielern zu wenig Raum gab. Nico Gori erinnerte an der Klarinette allein klanglich immer wieder einmal an die weit zurückliegenden Anfangsjahre des Jazz in New Orleans und Chicago. Bollani fiel es in solchen Momenten nicht schwer, in einen gestenreichen Ragtime-Rhythmus zu verfallen und launenhafte Stride-Zitate zu streuen. Solistisch brillierte Gori mit oft schneidendem Ton in virtuoser Hochenergie. Oder er spielte schwierige, aber federleicht klingende Motive unisono mit seinem Partner am Saxophon Daniele Sepe. Das erinnerte häufig an Straßenmusik oder jene Drehwurmmelodien, die im Süden Italiens an Feiertagen auf den Volksplätzen gespielt wurden. Bernardo Guerra hielt an den Drums die verschiedenen stilistischen Abzweigungen geschickt zusammen. Das war nicht immer ganz leicht, weil immer wieder neue Möglichkeiten im musikalischen Ausdruck spontan genutzt wurden, die zuvor nicht unbedingt abgesprochen wirkten. Einen Sack Flöhe zu hüten, könnte einfacher sein.
Und Bollani? Der wechselte vom Klavier zum E-Piano, sprang auf, klatschte in die Hände, ließ nicht den Hauch eines routinierten Auftritts entstehen. Er spielte das Publikum (und vielleicht auch manchen seiner Musikerkollegen) schwindlig, nutzte mit seinem Können die Möglichkeiten des Musikkabaretts und hatte bei all dem einfach seinen Spaß. Er spielt eben alles. Obwohl – außer vielleicht Ambient- oder Minimal-Music. Da käme er mit seinem Temperament auf jeden Fall in Konflikt.
Jörg Konrad
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Mittwoch 03.10.2018
Fürstenfeld: tanzmainz – Energie, die nicht verloren geht
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Fotos: Andreas Etter
Fürstenfeld. Ihre Körper scheinen befreit von allen physikalischen Gesetzen. Sie fliegen schier grenzenlos durch den Bühnenäther, wobei sich ihre Bahnen gefährlich kreuzen. Nach weiten und hohen Schwüngen landen sie federnd auf dem Boden, werden kontrolliert gefangen, verlässlich gestützt und in neue Sphären und Richtungen gestemmt. Kein Stillstand, ständige Bewegung. Aus Fliehkräften werden Umarmungen und aus Gewichten geschickte Gegengewichte. Keine Energie geht verloren, alles ist im Fluss.
Der Schwerkraft erfolgreich widerstehen, könnte man den Auftritt von tanzmainz und „Fall Seven Times“ umschreiben. Doch Guy Nader und Maria Campos, den beiden Choreographen, geht es bei ihrem Stück, das am gestrigen Dienstag in Fürstenfeld aufgeführt wurde, weniger um wissenschaftliche Gegenbeweise oder gar artistische Akrobatik. „Fall Seven Times“, für das die Truppe im letzten Jahr den „Faust“ erhielt, ist eine Metapher für das Leben, für sprunghaft verwirbeltes Leben. Risiko und Zuversicht, Herausforderung und Verwirklichung, Flucht und Hinwendung im Wechselspiel. Manchmal wirkt diese Körpersprache wie ein Liebesakt, dann wieder ähnelt das rhythmisch balancierende Mit- und Gegeneinander dem brasilianischen Capoeira, einem Kampftanz, den während der Kolonialzeit verschleppte Sklaven praktizierten. Und unterlegt wurde das Ganze mit den rhythmischen Gebilden des Miguel Marin, dessen treibende Dramaturgie den Takt vorgibt und dessen an- und abschwellende Soundlabyrinthe wie straff gespannte Sprungtücher wirken.
„Fall Seven Times“ war das zweite Stück an diesem ganz besonderen Abend, der mit einer kurzen Einleitung des künstlerischen Leiters der Reihe Theater Fürstenfeld Heiner Brummel und dem Direktor des Ensembles tanzmainz des Staatstheaters Mainz Honne Dohrmann begann. Denn beide hatten einige Tage zuvor einen Kooperationsvertrag für zukünftige Zusammenarbeit geschlossen, der im Zusammenhang mit dem Förderprogramm TANZLAND, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes in der Projektträgerschaft vom Dachverband Tanz Deutschland e.V., steht. Das bedeutet: der Tanz wird im Landkreis auf verschiedenen Ebenen gefördert und das Fürstenfelder Publikum wird die Entwicklung des Ensembles tanzmainz in Zukunft durch entsprechende Gastspiele verfolgen können.
Anschließend, vor der Pause, gab es dann noch das 22-minütige fünf-Personen-Stück „Im Orbit“, das bisher einzig in Mainz aufgeführt wurde. In dieser von Alexandra Waierstall choreographierten Nummer beeindruckte besonders die minimale Körpersprache, die schlichten, grazilen aber ungemein sparsamen Bewegungsabläufe. Jeder einzelne der Tänzer wirkte wie ein eigener, harmonisch ins Leben tretender (aus dem Meer angeschwemmter) Organismus, wie eine verlorene, vereinsamte, sich um sich selbst bewegende Seele, die erst mit der Zeit die Gruppe wahrzunehmen schien und sich in ihr entfaltete. Zugleich aber machten diese bizarren Wesen den Eindruck, sie seien untereinander verbunden, korrespondierten über unsichtbare Fäden und ließen auf diese Art ein Beziehungsgeflecht entstehen. Ein getanztes Naturschauspiel im Zeitraffer, „ein genetischer Code“ der deutlich machte, dass sich auch die Erde „Im Orbit“ befindet.
Jörg Konrad
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Sonntag 30.09.2018
Gröbenzell: Das Elias String Quartet – Grandiose Kunst von großer Intensität
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Joseph Haydn hat im Laufe seines Lebens 68 Kompositionen für Streichquartette geschrieben. Das sogenannte „Lobkowitz-Quartett“ (Streichquartett G-Dur Hob. III:81 op. 77/1) gilt als das vorletzte in seinem überaus reichen Schaffen. Es ist ein Auftragswerk des böhmisch-österreichischen Generalmajors Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz, ein großer Freund und Förderer der Kunst. Dieses Stück dokumentiert Haydns ganze Erfahrung, aber zugleich auch seinen Drang, Neues zu probieren. Das Elias String Quartet spielte am gestrigen Samstag in Gröbenzell seine meisterhafte künstlerische Souveränität als auch sein vollendetes instrumentales Könnens aus. Faszinierend das geschmeidige Ineinandergreifen der einzelnen Stimmen des Quartetts, die Perfektion im gemeinsamen Satzspiel, die Feinfühligkeit in den teilweise federleicht wirkenden Soloparts. Sara Bitlloch (Violine), Donald Grant (Violine), Simone van der Giessen (Viola) und Marie Bitlloch (Violoncello) machten das spannungsgeladene Innenleben der Vorlage begeisternd hörbar, wobei immer wieder die Natürlichkeit der Interpretation berührte.
Weitaus verspielter, tänzerischer, teilweise energischer (da war Leben auf der Bühne!) aber auch nachdenklicher agierte das Quartett in Bedrich Smetanas Streichquartett Nr. 1 e-Moll „Aus meinem Leben“. Eine autobiographische Komposition vor einem eher tragischen Hintergrund. Smetana vertonte 1876 sein persönliches Schicksal. Denn dem tschechischen Komponisten wurde klar, dass ein Pfeifen im Ohr der Beginn der eigenen Taubheit und damit die Folge einer Syphiliserkrankung war. Jeder der einzelnen Sätze steht für einen bestimmten Lebensabschnitt des Komponisten. Seine Jugend und die erwachende Liebe zur Kunst (Allegro vivo appasionato), die Zeit, in der er viel Tanzmusik komponierte (Allegro moderato alle polka), das Kennenlernen seiner späteren Ehefrau  Kateřina Kolářová (Largo sostenuto) und zuletzt der Ausbruch der Krankheit und die damit einhergehende Verzweiflung (Vivace). 
Felix Mendelssohn Bartholdy war, als er sein Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 13 schrieb, gerade einmal achtzehn Jahre jung. Es gilt als sein meisterliches Frühwerk und entstand nachdem Mendelssohn Bartholdy vom Tod Beethovens erfuhr, den er stark verehrte. Insofern wundert es nicht, dass der junge Tonsetzer dieses Stück als eine Art Reminiszenz an den großen Meister und Vorbereiter der Romantik verstand. Energiereich hier die dynamischen Schattierungen des Quartetts und elegisch tiefsinnig deren Umsetzung. Herausfordernde Expressivität und quälende Sehnsüchte liegen ganz nah beieinander. Die exquisite Dramaturgie hat nichts mit kraftmeierischem Vitalismus zu tun, sondern besticht durch seine differenzierte Ausformulierung und pfiffige Beweglichkeit.
Fazit: Das Elia String Quartet schafft mit seinem Spiel grandiose Kunst, die von großer Intensität und Vollkommenheit gezeichnet ist.
Jörg Konrad
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Freitag 28.09.2018
Landsberg: Pablo Ziegler Trio – Alles Tango
Landsberg. Er mäandert ruhelos zwischen Jazz und Klassik, zwischen Tango, wie ihn seit über sechs Jahrzehnten die argentinischen Reformatoren spielen und Neuer Musik. Pablo Ziegler, ein pianistisches Schwergewicht, der das federnd Swingende ebenso beeindruckend aus dem Ärmel schüttelt, wie er die verschränkten Konstruktionen der Improvisation beherrscht. Einst mit dem legendären Astor Piazzolla und seiner Message des Tango Nuevo weltweit auf Tournee – am Donnerstag mit eigenem Trio in Landsberg. Ein Weltstar vor Ort mal wieder.
Im Stadttheater war es prombt zu spüren, dieses Morbide, das Anrüchige, das Verletzliche und Stolze, wie es nur dem Tango eigen ist. Und zugleich ein virtuoses Feuerwerk dreier Einzelkönner, denen jedoch nichts ferner zu liegen scheint, als folkloristische Klischees aufzuwärmen. Von wegen „Ball der Einsamen Herzen“.
Pablo Ziegler, Quique Sinesi (Gitarre) und Walter Castro (Bandoneon) sind Bewahrer und Erneuerer einer eigenen Musikgattung, drei Instrumentalisten, die auf einem brodelnden Vulkan zu musizieren scheinen, der von Leidenschaft und Melancholie gespeist wird. Sie beherrschen das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, die einschmeichelnden Melodien ebenso, wie die harten Synkopen in den Themen, die kantigen Akkorde, sowie Tempi- und Harmoniewechsel am laufenden Band.
Und sie bleiben, was die Vorlagen ihrer Kompositionen betreffen, nicht allein in der Tradition ihrer Heimat stecken. Sie verarbeiten brasilianische Musik und ihre ganz persönliche Verehrung für Hermeto Pascoal, sie verbeugen sich vor John McLaughlin und formen aus dessen zeitlosem Fusion-Meisterstück „The Dance of Maya“ eine stille, aufwühlende Milonga. Oder eben doch argentinische Volksmusik, die unter ihren Händen ebenfalls zu einer pathetischen, gefühlvollen Milonga wird. Alles Tango – möchte man rufen. Und doch wieder ganz anders.
Ziegler nennt sein jetziges Programm (wie auch sein vorletztes Album) „Jazz Tango“. Es ist eine Art Zwischenreich, in der sich der grammyverwöhnte Pianist schon eine ganze Weile musizierend austobt. Jazz und Tango - zwei Ausdrucksformen, die allein geschichtlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen. So ist ihre jeweilige Entstehungszeit, Ende des 19. Jahrhunderts, fast identisch. Bei beiden ist die Etymologie, die Herkunft des Begriffes unklar. Sowohl die USA (Jazz) als auch die Länder um den Rio de la Plate (Tango) waren aufgrund politischer und wirtschaftlicher Veränderungen von starken Einwanderungsbewegungen gezeichnet. So entstand in den Metropolen, überwiegend in den großen Hafenstädten, aufgrund des Aufeinandertreffens von Menschen unterschiedlicher Ethnien, eine kulturelle Vielfalt, die zu neuen Formen auch des musikalischen Ausdrucks fanden. Fast möchte man von einer eigenen kulturellen Gattung sprechen, die an der Basis und im Millieu der Vergnügungsviertel entstnd und nicht an den Reißbrettern gebildeter Akademiker. Und um zu überleben, haben sich diese Musikformen in Laufe ihres Seins immer wieder verändert, neu erfunden, haben in ihrer Grenzen sprengenden Offenheit bis dato Unbekanntes aufgenommen, instrumental verarbeitet – nicht immer im Sinne der Bewahrer.
Ziegler hat sich in den zurückliegenden Jahren weit aus dem Fenster des Tango Nuevo herausgelehnt. Trotz aller stilistischen Aufarbeitungen ist er aber heute wieder näher am klassischen Tango, als in vergangenen Zeiten. Signifikanter, als bei einem anderen „Tango-Exportschlager“, bei Dino Saluzzi, der vor genau fünf Jahren an gleicher Stelle konzertierte. Bei Ziegler ist der Tango als Volksmusik deutlicher zu spüren – trotz aller stilistischen Destillate und musikalischen Querverbindungen. Zum Glück aber ohne jeden Anflug einer Imponier- oder Balzpose.
Jörg Konrad
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Samstag 22.09.2018
Germering: Jason Seizer Quartett – Konzentriert und fantasiereich
Germering. Es gibt bekannte und erfolgreiche Musikproduzenten und Labelmanager, die ihre Karriere einst als Instrumentalisten begannen, bis sie merkten, dass ihre eigentliche Stärke auf der anderen Seite der Trennscheibe eines Aufnahmestudios liegt. Jason Seizer, Produzent und Labeleigner von Pirouet Records München, ist hingegen als tätiger Saxophonist selbst noch unterwegs – mit eigenem Quartett! Er schafft diese Doppelbelastung bravourös, so knapp bemessen seine Zeit auch sein mag. Vielleicht liegt genau deshalb sein letztes Album schon drei Jahre zurück. 2015 erschien „Cinema Paradiso“, natürlich bei Pirouet Records. Und wie kann es anders sein, der Titel ist Programm. Filmmelodien als Vorlage für ganz persönliche Interpretationen.
Am gestrigen Freitag waren Seizer und seine Band nun in Germering. Jazz It! hat gerufen und pünktlich 19.30 Uhr standen sie auf der Bühne: Pablo Held am Klavier, Felix Henkelhausen am Bass, Fabian Arends am Schlagzeug und natürlich der Saxophonist und Namensgeber selbst .
Bis auf eine Ausnahme, dem Titelstück des Albums, hat sich Seizer aber nicht auf die eingängigen Ohrwurmqualitäten von Filmmelodien verlassen. Oft sind es unbekanntere Songs aus bekannten Filmen, wie Disneys „Dschungelbuch“, „Deer Hunter“ von Michael Cimino oder Alfred Hitchcocks „Vertigo“, denen er den Vorzug gab. So scheint das Quartett stärker in der Lage, eine eigene Musik zu spielen, den Vorlagen deutlicher einen individuellen Stempel zu geben.
Auffallend von Beginn an das vorsichtige Herantasten an das jeweilige Zentrum der Kompositionen, der zurückhaltende Aufbau von musikalischen Spannungsbögen, die sich auch nicht immer gänzlich auflösten, die gelassene Korrespondenz untereinander. Die Band denkt und spielt in großen Bögen, versucht der Musik als Gruppe zu begegnen, setzt nur selten auf ausgedehnte solistische Improvisations-Rituale. Jeder trägt mit seinem Beitrag den Nebenmann und stützt so das Ganze als Einheit. Man spürte während des Vortrags weniger die vier Einzelstimmen auf der Bühne. Stattdessen schob sich der Gruppengedanke deutlicher in den Vordergrund. Konzentriert und fantasiereich, mit einem gewissen Schuss Melancholie, tauchte das Quartett in die Soundtracks, schuf neue, auf jeden Fall eigene Klangbilder, fand im Neobeop immer wieder befeuernde Ausdrucksmöglichkeiten und Wendungen.
Seizers rauchiger von Diskretion und Eleganz durchzogener Tenorsound war natürlich so etwas wie die Leaderstimme im Gesamt-Quartett. Trotzdem hatte er keine Schwierigkeiten, sich an den Bühnenrand zurückzuziehen und den Begleitern die akustische (und visuelle) Präsenz zu überlassen. Es zeigte sich der generöse Bandgedanke ebenfalls in der Repertoireauswahl, die neben den Filmtiteln Kompositionen von Seizers Musikerkollegen auflistete. Auch hier das gleiche Bild, resp. der gleiche Ton: Intime, musikalisch berührende Freiheiten eines radikal-demokratischen Quartetts. 
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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