Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Tord Gustavsen Trio - Fernab eines übereilten Lebensgefühls

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Gilching: Die drei Damen – Elegant und freundlich provozierend

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Fürstenfeld: Paier Valcic Quartet – Funktionierende Fiktion

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Landsberg: Das Ende des Regens – Ewig traumatisiert

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Landsberg: Renaud Garcia-Fons – Der Bass spielende Kosmopolit

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Puchheim: Karl Seglem und die Quelle seiner Kreativität

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Montag 03.12.2018
Landsberg: Tord Gustavsen Trio - Fernab eines übereilten Lebensgefühls
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Landsberg. Der Fundus skandinavischer Musiker, die sich im speziellen Fahrwasser des Jazz bewegen, scheint schier unerschöpflich. Mittlerweile ist die dritte Generation am Start, was deutlich macht, dass es sich schon lange nicht mehr um ein Zeitgeistphänomen handelt. Es gibt Menschen, die sprechen gar von „Nordischer Musik“, als handele es sich um eine eigene musikalische Gattung. Tord Gustvasen, Pianist mit Wohnsitz Oslo, gehört schon eine Weile ins Epizentrum skandinavischer Instrumentalisten. Mit seinem neuen Album „The Other Side“ (ECM) ist er derzeit auf Tour und war am Sonntag zu Gast im Landsberger Stadttheater.
Gemeinsam mit seinen beiden Triopartnern Sigurd Hole am Bass und Jarle Vespestad bewegte sich Gustavsen in einem musikalischen Bereich melodischer Abstraktion und klanglicher Reduktion. So komplex die gesamte Musik auch klang, sie wirkte letztendlich doch immer romantisch, verströmte etwas grüblerisches und intimes. Das mag an den ständig wechselnden und stets neu aufbereiteten Melodien liegen, die sich wie ein roter Faden durch das Konzert zogen und eine Stimmung verwehender Nostalgie schufen.
Für Tord Gustavsen, der stark von Bill Evans und Keith Jarrett beeinflußt ist, war es nicht einfach, jetzt erneut ein Trio zusammenzustellen. Nachdem vor einigen Jahren sein Bassist Harald Johnsen plötzlich und unerwartet starb, scheute sich der Pianist vor dieser Besetzung. Es brauchte Zeit, in der er in anderen Konstellationen auftrat und Alben einspielte. Nun aber war er soweit. „Ich glaube mit „The Other Side“ und unserem neuen Bassisten Sigurd Hole jetzt eine Besetzung und einen Weg gefunden zu haben, der das Andenken an das alte Trio bewahrt und der Musik gleichzeitig erlaubt, sich in eine neue Richtung zu bewegen“, sagte Gustavsen in einem Interview dem Jazzpodium.
Andenken, das klingt auch nach Aufarbeitung, nach Trauerarbeit. Insofern sind die Choräle von Johann Sebastian Bach, die Gustavsen im Repertoire hatte, nur folgerichtig. Das Trio nutzte diese sakralen Vorgaben für ganz eigenwillige Interpretationen, die in dieser Form immerhin eine Zeitspanne vom Barock bis in die Moderne umfassten. Hinzu kamen Einflüsse aus der nordischen Folklore, Minimal- und Ambient-Notizen und vor allem eine die Zeit sprengende Herangehensweise. Die einzelnen Stücke entwickelten sich fernab eines übereilten Lebensgefühls. Wiederholungen wurden geschichtet, verdichtet, verschleiert. So offenbarte das Trio die Übergänge mit innerer Hingabe, dehnte die fast meditativen Zwischentöne dramaturgisch geschickt und ließ die Musik ganz plötzlich in einem zerklüfteten Groove regelrecht explodieren. In diesen Momenten schienen Gustavsen, Hole und Vespestad voller Adrenalin, fast im freien Fall – um im nächsten Moment wieder in poetische Sensibilität einzutauchen.
Von diesen Kontrasten lebte die Musik, atmete sie und pulsierte sie. Und hinterließ den Eindruck einer perfekt aufeinander eingespielten Formation, die sich und seinem Publikum hoffentlich noch viel zu sagen hat.
Jörg Konrad
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Sonntag 02.12.2018
Gilching: Die drei Damen – Elegant und freundlich provozierend
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Gilching. Was das wichtigste an einer Jazzsängerin sei? Die Noten zu biegen, als lausche man einem Saxophon - sagte zumindest einmal Cassandra Wilson in Bezug auf Billy Holiday. Und weiter spricht sie davon, den emotionalen Kern eines Songs freizulegen, wäre die eigentliche Aufgabe von Jazzeusen, wollen sie von der Öffentlichkeit ernst genommen werden. Fragt man Sängerinnen des Jazz ganz allgemein nach ihren vocalen Favoritinnen, so fallen spontan (und meist in dieser Reihenfolge) folgende Namen: Ella Fitzgerald, Billy Holiday, Sarah Vaughan, in den letzten Jahren auch häufiger wieder Nina Simone. Von all diesen Sängerinnen besitzt Lisa Wahlandt ein wenig. Nein, sie eifert keiner dieser unsterblichen Legenden nach. Aber man spürt deutlich deren Einfluss und Charisma und sie legt, wie am Freitagabend im Gilchinger Rathaus, den emotionalen Kern eines Songs frei.
Musikalisch bewegt sich die in Postmünster, im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn geborene Sängerin dabei in eine völlig andere Richtung. Zumindest im Umfeld des Trios Die drei Damen. Eine Klein-Formation, die sich elegant und freundlich provozierend zwischen den stilistischen Stühlen platziert, die da heißen Jazz und Folk, Chanson und Bossa, ein wenig Ethno und jede Menge Impro. Für letzteres steht vor allem Andrea Hermenauer, die am Flügel und elektrischen Klavier immer wieder für solistische Glanzpunkte sorgt. Sie spielt virtuos, erfrischend,zupackend und mit großem Atem und gibt dem Auftritt des Trios eine wunderbar intensive Note. Christiane Öttl am Bass singt und moderiert in Teilzeit. Mit ihrem Spiel steht sie selbst mit akutem Albschoss für das Bodenständige in diesem verschworenen weiblichen Bühnen-Kommando. So gradlinig und treibend sie ihr Instrument spielt, so gallig erheiternd geraten ihre Kommentare. Lisa Wahland gibt unglaublich lässig die Grande Damen – mit allen ihren Ecken und Kanten und einem noncharlanten Understatement. Sie ist sich für keine Pointe zu schade, rutscht manchmal leicht ins schauspielerisch-kabarettistische und singt, egal in welcher Sprache oder Mundart, einfach brillant. Die drei Damen – hier paaren sich erfrischendes Entertainment und musikalische Meisterschaft.
Jörg Konrad
 
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Mittwoch 28.11.2018
Fürstenfeld: Paier Valcic Quartet – Funktionierende Fiktion
Fürstenfeld. Filmmelodien hatten schon immer, auch abseits der Lichtspielhäuser, Konjunktur. Sie füllen als Standards das Great American Songbook auf etlichen Seiten, bringen als Chartserfolg ihren Komponisten Millionen ein und haben sich als Erkennungsmerkmal großer Gefühle in das kollektive Gedächtnis der Kinogänger eingebrannt. Klaus Paier, der österreichische Akkordeonspieler und die kroatische Cellistin Asja Valcic veröffentlichten im Januar dieses Jahres ein Album unter dem Titel „Cinema Scenes“ (Act). Knapp sechzig Minuten Musik aus Filmen - die es nicht gibt. Bis auf zwei Ausnahmen. Mit diesem Programm imaginärer Klangbilder waren die beiden am gestrigen Abend mit Stefan Gfrerrer (Bass) und Roman Werni (Schlagzeug) Gast der Reihe JazzFirst in Fürstenfeld. Und diese Fiktion funktionierte einfach prächtig.
Paier und Valcic, von denen die meisten Kompositionen auch an diesem Abend stammten, haben ein wunderbares Gleichgewicht zwischen feinfühliger Tonmalerei und Instrumentationsvirtuosität geliefert. Überhaupt sind sie in der Lage, gegensätzliche musikalische Spannungsfelder und unterschiedliche Stimmungslagen miteinander in Beziehung zu bringen. In ihrer Musik gibt es Tango, Klassik, Blues, Musette und Jazz. Mal glaubt man sich auf dem Markusplatz neben einem Cafehausensemble zu befinden, mal scheint man Gast einer südosteuropäischen Hochzeit zu sein. Plötzlich swingt das Quartett dann in bester Ellington Manier, um anschließend in eine bittersüße Melancholie zu verfallen.
Die Verbindung Akkordeon - Cello ist sicher, bis auf wenige Ausnahme, eine eher selten anzutreffende Besetzung. Denn beide Instrumente stehen für sehr unterschiedlich ausgerichtete Kulturen, die so eigentlich nur unter dem Dach des Jazz zusammenfinden - ohne dabei ausschließlich Jazz spielen zu müssen. Aber die Art, wie diese instrumentalen Stimmen zueinander finden, ihre von Entdeckerlust geprägte Großzügigkeit im Umgang miteinander, ihre produktive Freiheit, ihre strukturierte Konzentriertheit lassen die Musik als ein Manifest der Natürlichkeit erstrahlen. Man kann zu ihr tanzen, mit ihr träumen, sie duftet frisch und unverbraucht, verzaubert mit ihren Balladen und begeistert in ihrer Lebensfreude. Für ihre Kunst nutzen sie Freiheit und Neugier wie das täglich Brot. Und das Ergebnis ist musikalisch grandios.
Jörg Konrad
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Fotos: Jean-Marc Turmes
Freitag 23.11.2018
Landsberg: Das Ende des Regens – Ewig traumatisiert
Landsberg: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch? Wieviel Scham? Wieviel Schande? Berührende und wahrhaftige Geschichten setzen sich meist aus verschiedenen Perspektiven zusammen. Zumindest dann, wenn sie Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben und überzeugen wollen. Nun mag es Unterschiede geben, wie die diversen Ebenen einen tragenden erzählerischen Strang bilden. In Andrew Bovells Stück „Das Ende des Regens“, welches am Donnerstag in einer Inszenierung des Münchner Metropoltheaters in Landsberg aufgeführt wurde, geschieht dies durch Intervallsprünge. So umfasst die Handlung acht Jahrzehnte, spielt auf zwei Kontinenten und betrifft vier Generationen. Die erzählerische Ebene wechselt ständig, die der chronologischen Ereignisse, die Personen an sich und das geographische Umfeld. Das mag verwirrend klingen, ist aber am Ende, wenn sich das familiäre Mosaik endgültig zusammensetzt, erschreckend klar – und bedrückend.
Jochen Schölch hat dieses 2008 veröffentlichte Stück vor zwei Jahren für das Münchner Ensemble inszeniert. Es thematisiert Liebe und Verrat, Eifersucht und Tod, Schuld und Moral, Verbitterung und Vergessen. Hinzu kommt der Regen als das Sinnbild von Not und Untergang, als roter Faden, der die Episoden zusammenhält und der dem Drama als Namensgeber dient. Aber der Regen ist auch Inspirationsquelle, märchenhafter Nahrungsspender und sein Ausbleiben, nach dem Abwaschen all der Schuld und Schuldgefühle, ein Symbol der Hoffnung.
Was passiert mit den Leidtragenden einer Katastrophe, mit den Angehörigen der Opfer, der Familie der Täter? Wie hängen Schicksalsschläge zusammen, was lösen sie bei den Beteiligten aus, wie Leben sie weiter? Können sie überhaupt weiterleben? Versuchen sie das Geschehen zu verstecken, die Tat zu negieren, alle Indizien und Erinnerungen zu vergraben? Den Vorfall und seine Folgen mit den Tüchern einer monotonen Alltagsbewältigung abzudecken? Oder flüchten sie in Alkohol und in Demenz - um letztendlich doch auf ewig traumatisiert zu bleiben? Kinder und Eltern drehen sich im Kreis, bis allen schwindlig wird, kommen, solange sie innerlich schweigen, nicht vom Fleck. Nicht allein das Emotionale bleibt auf der Strecke, wird grausam erstickt.
Fragen über Fragen, die diese erschütternde Familiengeschichte aufwirft und die sie individuell beantwortet. Erst wenn die Betroffenen beginnen das Geschehen zu realisieren, es zu reflektieren, wenn ihr Leid den Kontakt nach außen sucht, gibt es nach genügend zeitlicher Distanz die Möglichkeit, dass die Wunden dick vernarben.
„Das Ende des Regens“ ist in seiner Thematik und seiner Intensität eine Herausforderung. Eine Herausforderung, ja eine Katharsis, der es lohnt sich zu stellen. Verantwortlich hierfür ist eine großartige Ensembleleistung. Über fast zwei Stunden greift dramaturgisch und schauspielerisch ein Rad schicksalhaft ins andere, vervollständigt sich das Anfangs erwähnte Mosaik langsam aber zielstrebig zu einer erschütternden Gewissheit, gelingen die Wechsel der Generationen glaubwürdig und nachvollziehbar. Die Figuren leben, trauern, verzweifeln und hoffen überzeugend. Überlebensangelegenheiten werden rechtschaffend verdrängt. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum nimmt mit Fortschreiten der Handlung stetig ab. Eine Inszenierung wie ein Alptraum. Was kann einem Stück besseres passieren?
Jörg Konrad
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Montag 19.11.2018
Landsberg: Renaud Garcia-Fons – Der Bass spielende Kosmopolit
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Foto: S. Baramsky
Landsberg. „Bass-Wochen“ könnte man einige Veranstaltungen aus der letzten Zeit in Landsberg zusammenfassend nennen. Erst gab es im Rathaus die klassische Variante, mit dem gebürtigen Australier Matthew McDonald und seinem Bach-Bottesini-Schumann-Repertoire im Duo. Dann war die aus Polen stammende Kinga Glyk zu Gast am Lech und begeisterte mit ihrer Band und der Fusion aus Jazz, Funk und Pop. Am Sonntag stand nun ein Bass spielender Kosmopolit im Zentrum eines Konzerts im Stadttheater. Renaud Garcia-Fons, geboren 1962 in einem Pariser Vorort, ist als Musiker ein Verbindungsglied zwischen divergierenden stilistischen Welten, ein technisch brillanter Virtuose zwischen Klassik und Folklore, der die zeitgenössische Improvisation als Grundlage für seine weitläufigen Klangreisen nutzt. In Landsberg trat Garcia-Fons mit dem Akkordeonspieler David Venitucci und dem Schlagzeuger/Vibraphonisten Stephan Caracci auf.
In jeder Faser ihres gemeinsamen Auftritts spürte man jenes weltumspannende und weltvereinigende Denken, von der die Politik so phrasenhaft redet, aber selten überzeugend handelt. Dabei meinte Garcia-Fons selbst einmal: „Meine Musik ist nicht politisch. Es gibt keine Botschaften, nein. Sie soll die Menschen erfreuen, für ein paar Stunden aus allem heraus reißen!“ Gesagt getan. Für ihn ist es eben eine Selbstverständlichkeit, in die unterschiedlichsten europäischen, latainamerikanischen, nordafrikanischen und arabischen Lebensformen einzutauchen und hier für seine Kunst fündig zu werden.
Garcia-Fons strich, zupfte, streichelte, trommelte und schüttelte sein Instrument, dass es eine Freunde war. Das Ergebnis? Sein Bass sang und stöhnte, stampfte und growlte, zirpte dunkel und wechselte in die höchsten Obertöne. Er improvisierte eloquent und sein dickbäuchiger Korpus klang wie eine handliche Gitarre, mal wie ein elegantes Cello, hatte Ähnlichkeit mit der Kurzhalslaute des Vorderen Orients, oder einer japanischen Koto. All diese Möglichkeiten nutzte Garcia-Fons, um seine üppige Musik zu spielen. Er bringt während eines Konzertes derart viel Töne zum klingen, von denen manch anderer Bassist die Hälfte seiner Karriere zehrt. Der Bass scheint für Garcia-Fons das Kommunikationsmittel Nummer Eins zu sein. Und er beherrscht dieses Kommunikationsmittel perfekt, spielt es grandios und in traumwandlerischer Sicherheit, sowohl in den sinnlichen, als auch in den impulsiven Lagen. Er ist dabei das Zentrum seiner Musik, gibt Stilistiken, Stimmungen und Tempo vor, reißt seine Partner temperamentvoll mit. Von einem Bass spielenden Rhythmusknecht kann keine Rede sein.   
Sein Auftritt war wie eine Seightseeing-Tour durch Paris. Denn das Programm nannte der Bassist entsprechend seinem letzten Album „La vie devant soi- Revoir Paris“. Und Paris ist aufgrund seiner Geschichte und natürlich seiner heutigen Anziehungskraft randvoll mit fernen Kulturen – die meist friedlich nebeneinander und miteinander leben. Und in einem Umfeld der „Les Rue Vagabondes“, dem „Montmatre En Courant“, der „Le Long De La Seine“ darf ein Song des großen George Brassens nicht fehlen – als eine von etlichen Zugaben.
Jörg Konrad
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Freitag 16.11.2018
Puchheim: Karl Seglem und die Quelle seiner Kreativität
Puchheim.Die Natur ist mir wichtig. Wenn ich in der Natur bin, fühle ich mich erneuert, ich finde die Inspiration, kreativ zu sein, und ich entdecke wahre und oft sehr einfache Freuden. In vielerlei Hinsicht wird Musik für mich lebendig: Indem ich Zeit in der Natur verbringe, sie nutze und erlebe“ - Karl Seglem anlässlich der Veröffentlichung seines letzten Album „Nunatak / Eine Erzählung“. Am gestrigen Abend merkte man im Puchheimer Kulturcentrum PUC dem norwegischen Saxophonisten und Ziegenhornspieler an, was genau er damit meinte: Getragene Melancholien, kleine, sich wiederholende subtile Figuren, perkussive Kontraste, mitreißende Melodielinien.
Karl Seglem schafft auf verführerische Art musikalische Innenräume, die er anschließend mit ausgewogenen Improvisationen füllt. Er trotzt der Musik eine gewisse Schönheit ab. Nein, ein musikalisches Widerstandsnest klingt eigentlich anders.
Inspiration ist natürlich die Voraussetzung für ein solch bewegendes Konzert. Zugleich zielte der Inhalt des Auftritts von Seglems Septett genau auf den Erhalt dieser Quelle der Kreativität, dem Verhältnis von Mensch und Natur. Insofern ein musikalischer Aufschrei, ein kämpferischer Auftritt, ein entschiedenes Nein zu Zerstörung und Demontage des Elementaren, oder zur fahrlässigen Urbanisierung der Umwelt.
Es greift zu kurz, seine Idee und sein Spiel allein als Ausdruck seiner musikalischen Fantasie zu bezeichnen. Bei Karl Seglem geht es inhaltlich um bewusstes Handeln, es geht auch um politische Überzeugungen, ja in gewisser Weise auch um Kampf – für eine intakte Zukunft. So klingt vieles von dem, was der Norweger instrumental und inhaltlich umsetzt, eben doch wütend, bissig, ohne sich ins instrumental Aggressive zu stürzen. Er will mit seiner Musik erhalten, bewahren und erneuern. Er ist, was die Umwelt und deren Erhaltung betrifft, letztendlich aber konventionell, er ist Traditionalist im positiven, im kreativen Sinn.
Seglem besitzt dieses große Herz des Nordens. Manchmal leicht unterkühlt wirkend, dabei jedoch immer empathisch, der Musik und seinen Instrumentalisten freundlich zugewandt. Die Wirkung die sein Spiel entfaltet, immer zwischen Jazz und Folklore changierend, ist und das lässt sich kaum anders beschreiben, dabei berauschend, beharrlich und letztendlich brennend. So wird Musik zu einem Therapeutikum oder anders ausgedrückt: Das war ungesattelter Jazz, der Synkopen überspringt, der folkloristisch galoppiert, bei dem der Pflug ächzt und letztendlich ein fruchtbares Feld zurückbleibt. Selten war der Titel der seit fast sechs Jahren erfolgreichen laufenden Reihe JAZZ AROUND THE WORLD passender. Da wirkte auch der zwar kurze, aber insgesamt ausgewogene Auftritt des Duos Beba Ebner & Thomas Frey im Vorprogramm stimmig.
Jörg Konrad
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