Film
Film
Inhaltsverzeichnis
EIN KÖNIGLICHER TAUSCH

1

CAN YOU EVER FORGIVE ME?

2

IMPULSO

3

GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER

4

FRÜHES VERSPRECHEN

5

BEAUTIFUL BOY

6

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Donnerstag 21.02.2019
EIN KÖNIGLICHER TAUSCH
Ab 28. Februar 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Frankreich, 1721: Um den Frieden mit Spanien zu besiegeln, fädelt der Regent Herzog Philipp von Orléans einen Prinzessinnentausch ein. Er will den elfjährigen französischen König Ludwig XV. mit der erst vier Jahre alten Tochter des spanischen Königs, Infantin Maria Anna Victoria, verheiraten. Im Gegenzug soll die Tochter Philipps, die zwölfjährige Louise Elisabeth, die Gemahlin des jungen spanischen Thronfolgers Don Luis werden. Madrid willigt ein und schon bald findet der Austausch der beiden Prinzessinnen an der Grenze zwischen den Ländern statt. Doch die königlichen Strategen haben die Rechnung ohne die Vermählten gemacht – denn diese haben ihren eigenen Willen. 
 
Nach dem Roman von Bestsellerautorin Chantal Thomas, basierend auf wahren Ereignissen, zeichnet der französische Regisseur Marc Dugain ein treffendes Sittenbild des Adels im 18. Jahrhundert und beschreibt die verrückten diplomatischen Verwicklungen mit scharfen und humorvollen Untertönen. EIN KÖNIGLICHER TAUSCH ist ein mitreißendes und emotionales Historiendrama, das durch eine aufwändige Ausstattung und prachtvolle Kostüme beeindruckt.


Ein Film von MARC DUGAIN
Mit LAMBERT WILSON, ANAMARIA VARTOLOMEI, OLIVIER GOURMET u.a.


Nach dem Tode des Sonnenkönigs Ludwig XIV. wird sein fünfjähriger Urenkel zu seinem Thronfolger Ludwig XV. (Igor Van Dessel) ernannt. Der kleine Junge hat als Einziger die Pockenepedemie, die nacheinander seine Eltern und seine Brüder dahinraffte, überlebt. Regiert wird Frankreich jedoch von seinem Vormund Philipp von Orléans (Oliver Gourmet). Das Land ist durch die Kriege von Ludwig XIV. ausgeblutet und der Hof hat Versailles verlassen. 1721 jedoch, kurz bevor Ludwig XV. zum König gesalbt werden soll, schmiedet der Regent einen waghalsigen Plan. 
 
Der elfjährige Ludwig XV. soll die vierjährige Infantin Maria Anna Victoria (Juliane Lepoureau), Tochter von König Philipp V. von Spanien, heiraten. Im Gegenzug soll die zwölfjährige Louise Elisabeth d’Orléans (Anamaria Vartolomei), die Tochter des Regenten, mit dem vierzehnjährigen Sohn und Thronfolger des spanischen Königs, Don Luis (Kacey Mottet Klein), vermählt werden. Mit diesem Menschenhandel will der Regent die Herrscherdynastie sichern, den Frieden zwischen Frankreich und Spanien nach dem äußerst verlustreichen spanischen Erbfolgekrieg besiegeln – und den Aufstieg seiner eigenen Familie vorantreiben.
 
So werden vier unschuldige Kinder zu Schachfiguren eines gnadenlosen dynastischen Machtspiels. Louise Elisabeth, die in einer von Soldaten eskortierten Kutsche nach Spanien gebracht wird, ist die Einzige, die offenen Widerwillen bekundet. Der Tausch der Prinzessinnen an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien auf der Ile des Faisans ähnelt trotz des höfischen Zeremoniells einem Geiselaustausch. Der spanische Thronfolger Don Luis, der die Prinzessin sehnsüchtig erwartet, wird von ihr zurückgestoßen. Sie verweigert Luis, der selbst unter seiner herrschsüchtigen Stiefmutter (Maya Sansa) und seinem paranoiden Vater Philipp V. (Lambert Wilson) leidet, ihr Bett und zieht ihm die Umarmungen einer Kammerzofe vor. Jede Teilnahme am höfischen Zeremoniell boykottiert sie mit trotzigem Durchhaltevermögen und lässt alle an sie gestellten Anforderungen abblitzen.
 
Während die rebellische Louise Elisabeth sich also am spanischen Hof nach Kräften unbeliebt macht und auch das Kalkül ihres Vaters, der so schnell wie möglich Nachkommen erhofft, durchkreuzt, läuft es in  Frankreich etwas besser. Die kleine Maria Anna Victoria bezaubert ihre Umgebung mit ihrer Anmut, Intelligenz und Würde. Neben ihrer Gouvernante Madame de Ventadour (Catherine Mouchet) rührt die kleine Königin besonders das Herz der freimütigen „princesse palatine“, Liselotte von der Pfalz (Andréa Ferréol). Unverbrüchlich hofft das Mädchen auch auf die Zuneigung von Ludwig XV. Der schüchterne König aber ist vor allem damit beschäftigt, sich im Dschungel der politischen Intrigen und höfischen Begierden zurechtzufinden. In sich gekehrt, voller Trauer und Sehnsucht nach seiner Mutter lässt er Maria Anna Victoria links liegen. Mehr noch, sie wird unfreiwillig zu seiner Rivalin um die Zuneigung seiner Gouvernante und einzigen Vertrauten, die sich nun auch um die junge Infantin kümmern muss.
 
Trotzdem entwickeln die zwangsverheirateten Kinder in ihrem Kampf um Selbstbehauptung eine Stärke, die sie schließlich dazu befähigt, aufeinander zuzugehen. Im Hintergrund aber lauert ein noch größerer Gegner als die menschliche Niedertracht: der allgegenwärtige Tod.



INTERVIEW MIT MARC DUGAIN
 
Dies ist das erste Mal, dass Sie einen Film nach einer anderen Buchvorlage als Ihrer eigenen adaptiert haben. Was hat Sie an Chantal Thomas’ Roman „Der königliche Tausch“ gereizt? 
Ich interessiere mich sehr für Geschichte. Dieser Roman hat mich deshalb so sehr angesprochen, weil ich als Kind so viele Bücher über das 18. Jahrhundert verschlungen habe. Und die historische Fußnote über den Prinzessinnen-Tausch ist wirklich einzigartig, besonders im Hinblick darauf, mit welch unvorstellbarer Grausamkeit diese Kinder behandelt wurden; wie sie, jedes auf seine Weise, versucht haben, diese Situation zu meistern. All das ist nicht weit entfernt von meinem bevorzugten Thema, der politischen Manipulation. Diese Kinder sind ganz buchstäblich Instrumente in den Händen von Erwachsenen, die selbst nicht wirklich erwachsen sind. Junge Prinzen und Aristokraten wurden mit viel Prunk und der Vermittlung des Gefühls ihrer „grandeur“ aufgezogen und zugleich infantilisiert, in einem kindlichen Stadium gehalten: Kinder, die Krieg spielen, weil sie sonst nichts zu tun haben. Dies hat zum Teil zum Untergang der Monarchie beigetragen. In diesem Film kann man sehen, dass die Monarchie bereits im Niedergang begriffen ist. 
 
Tatsächlich beginnt schon Ihr Film mit dem Blick auf eine einzigartige, untergegangene Welt, in einem Versailles, in dem der Tod allgegenwärtig ist, und das zur Ruine verfällt.
Das Gefühl der Unsicherheit, das in jenem historischen Zeitraum herrschte, war ausschlaggebend für meinen Wunsch, diesen Film zu drehen. Im 18. Jahrhundert führte die Omnipräsenz von Seuchen wie Pest und Pocken dazu, dass die Menschen eine für uns ungewohnte Perspektive auf das Leben hatten. Die heutige Aussicht, das siebzigste Lebensjahr zu erreichen, existierte nicht. Es war wahrscheinlicher, vor dem Erreichen des 35. Lebensjahres zu sterben. Die unheilverkündende, allgegenwärtige Präsenz des Todes erklärt auch die Bedeutung der Religion für die Menschen, denn diese knüpfte eine Verbindung zwischen dem ewigen Leben und dem so vergänglichen Erdendasein. Wenn Philipp V. der Infantin sagt, dass Leben und Tod dasselbe sind, beschreibt er jenes fundamentale Konzept der Religion, nach dem das Leben in der Vorbereitung auf den Tod besteht. Und diesen zentralen und bestimmenden Moment einer Kindheit, nämlich die schreckliche Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit, wollte ich deutlich machen. 
 
Das ist etwas, das besonders Ludwig XV. betrifft…
Ludwig XV. ist ein Kind, dessen gesamte Familie durch die Pocken ausgelöscht wurde. Er hat jeden in seiner Umgebung sterben sehen: Urgroßvater, Großvater, Vater, Mutter, Bruder. Und trotz dieses schrecklichen emotionalen Verlustes ist er gezwungen, König zu sein. Er steckt in der Zwangsjacke einer Funktion, die er anfangs nur unbeholfen ausfüllt; er lernt aber, sie gänzlich zu verkörpern. 
 
Ein Satz des Königs, den er zu dem Regenten sagt, zeigt seine komplexe Beziehung zu seiner Rolle als König: „Am Vorabend meiner Mündigkeit weigern wir uns, allein zu schlafen.“ 
Der Film zeigt den Prozess der Königwerdung; wie ein kranker, verwaister Junge wegen eines im Grunde lächerlichen Erbfolgesystems plötzlich die Funktion eines Königs übergestülpt bekommt – und wie er die Welt durch das Prisma eines absoluten Herrschers entdeckt. Gleichzeitig versteht er aber auch, dass „er einzig zum König erhoben wurde, um dieser Bürde zu gehorchen.“  Der junge Ludwig XV. ist taktlos und unentschlossen. Immer wenn er eine Entscheidung treffen soll, ist er auf der Hut, beobachtet misstrauisch seine Umgebung und antwortet kaum. Es ist dieser Aspekt der königlichen Macht, den ich zeigen wollte - die Last, die diese Verantwortung für ein Kind darstellt. Ludwig XV. ist von seiner Rolle überfordert, doch er weicht nicht davor zurück und erfüllt sie, manchmal sogar mit großem Ernst. Wenn er mit der Infantin in einem Boot sitzt und sagt: „Madame, die Leute sagen, dass ihr nicht wachst“, hat er, im königlichen Verständnis dieses Begriffs, bereits seine reproduktive Rolle angenommen.
 
Die innere Stärke und Würde der Infantin sind erstaunlich… 
Schon in Chantal Thomas’ Buch ist die Figur der Infantin sehr präsent und sehr gut ausformuliert. Sie verleiht den Kindern spezielle Eigenschaften und eine Frühreife, die sie in der Realität vielleicht nicht besaßen. Dennoch liebe ich es, wie sie diese Kinder charakterisiert. Ich verlieh Ludwig XV. Eigenschaften, Chantal verlieh der Infantin Eigenschaften; der Film ist das Ergebnis unserer jeweiligen Projektionen. Chantal akzeptierte meine Vorstellung von Ludwig XV., und ich versuchte so gut wie möglich ihre Sichtweise der Infantin zu respektierten. Dies im Wissen, dass ich ebenso sehr an den Charakteren der anderen Kinder interessiert war, und dass es wichtig für mich war, die richtige Balance zu finden. Es ging darum, vier Kinder von gleicher Wichtigkeit zu erschaffen.
 
Die Fiktion hat im Film eine größere Rolle als im Buch, besonders in Bezug auf Louise Elisabeth, die schließlich beginnt, sich Don Luis anzunähern… 
Louise Elisabeth war ein emanzipiertes, freches und eher modernes Mädchen. Dennoch wollte ich diese Aspekte nicht übertreiben. Ich fand es interessant, jenen Moment zu zeigen, in dem sie sich in ihre Rolle einer königlichen Ehefrau fügt, beginnt, sich in Don Luis zu verlieben und ihn dazu ermuntert, sich gegen seine Eltern zu behaupten: „Wenn du als König ebenso entschieden bleibst, könnte ich dich sogar lieben“, sagt sie zu ihm. Ich finde die Tatsache, dass sie resignierend ihr Schicksal akzeptiert, zugleich unerträglich und wunderschön. 
 
Diese Kinder sind Teil einer zynischen Verschwörung und doch gelingt es ihnen, mit Würde durch diese rauen Gewässer zu steuern und ihr Schicksal anzunehmen …
Niemals würde ich meine Charaktere degradieren oder verniedlichen, das kann ich einfach nicht, das ist nicht meine Art. Ich mag Filme, in denen die Charaktere in ihrem Wesen eine gewisse Würde und Größe ausstrahlen. Wir müssen uns nicht ständig auf die Darstellung einer untergehenden und verzweifelten Menschheit konzentrieren, das Untergehen bekommt sie schon gut allein hin! Dass die Kinder den Kopf hoch halten und ihre Würde bewahren, macht sie nicht weniger zu Opfern ihres verfaulenden Erbes. Das betrifft letztlich das Thema des Determinismus: in welchem Umfang kann es gelingen, sich von seiner Erziehung zu befreien, sich aus jener Umgebung zu lösen, in der man von Geburt an steckt? Wenn man sehr stark gegen seine Kindheit opponiert, bedeutet das zugleich, dass man sehr stark darin gefangen war. Und die Flucht aus diesem Milieu ist für Kinder extrem kompliziert, besonders für Ludwig XV., weil er nur einen einzigen Ausweg hat: König zu werden, weil er dazu geboren wurde, König zu werden. Er akzeptiert dies und wächst daran. 

Sie konzentrieren sich vor allem auf das Privatleben Ihrer jungen Charaktere und zeigen sehr wenig von der höfischen Pracht. 
Wenn man einen historischen Film dreht, hat man zwei Optionen. Entweder man filmt die offizielle Geschichte – Historie mit einem großem H, inklusive Glanz und Gloria, also eine eher angelsächsische Herangehensweise an Geschichte – oder man wählt einen eher intimeren Weg der Erzählung. Ich habe Letzteres gewählt, weil ich ganz nah bei den Kindern bleiben wollte, bei ihren Reaktionen und Gefühlen. Darin beruht, nach meinem Verständnis, die eigentliche Spannung meines Films, und eben nicht in einem detaillierten Panorama des 18. Jahrhunderts. 
 
Was das gemeine Volk betrifft, so wird es vollkommen ausgeblendet, abgesehen von jenem Intermezzo im Wald, in dem die Prinzessin einer jungen Bäuerin ansichtig wird … 
Die Prinzessin steigt aus der Kutsche um sich zu erleichtern, blickt in den Himmel und sieht plötzlich dieses junge Mädchen im Wald. Sie ist fasziniert, ihr Gesicht wird vom Anflug eines Lächelns überzogen, doch man ruft sie sofort in ihre eigene Welt zurück. Ich fand es interessant, die einzige Interaktion zwischen der Aristokratie und dem gemeinen Volk auf diese Weise zu zeigen – zu zeigen, dass die Prinzessin in ihrer Welt auch unterdrückt wird. Um den Niedergang der Aristokratie zu zeigen, war es nicht nötig, das abgenutzte Klischee von Sansculotten in Lumpen zu bringen, die Blutsverwandtschaft reichte dazu vollkommen aus! Diese Aristokratie zerstörte sich in ihren Stammeskriegen ganz von allein: die Bourbonen-Dynastie gegen das Haus Orléans. Nach Jahren der Inzucht innerhalb ihrer Sippe sind sie degeneriert, wie es etwa Philipp V. beispielhaft veranschaulicht. 
 
Der Fürst von Condé ist eine ziemlich lächerliche Figur. 
Ich mag die exzessive Seite dieses Charakters, jemand der gerade verrückt genug ist, um den Wunsch zu hegen, Politiker zu werden. In dieser Zeit war Frankreich die weltweit führende Nation – und an ihrer Spitze stand ein junger dreizehnjähriger König, der sich selbst zu finden versuchte, und ein 21-jähriger, degenerierter Premierminister. 
 
Es gibt viele Anspielungen auf Homosexualität…
Diese Periode der Uneindeutigkeit, die viele Jugendliche durchlaufen – übrigens nicht nur im Hinblick auf ihre Sexualität – ist hochinteressant. Besonders weil in jener Zeit viele Männerfreundschaften von Bewunderung und tiefen Gefühlen befeuert wurden; damals schrieben sich Männer fast so viele Briefe, wie es sonst nur zwischen zwei Frauen üblich ist. In jener Epoche war die Annäherung an Frauen viel komplizierter. Ich wollte all diese Fragestellungen, die dieser werdende König durchläuft, veranschaulichen. Was Louise Elisabeths Homosexualität betrifft, war ich hingegen ganz direkt. Wenn sie mit ihrer Zofe aus dem Bett steigt, verstehen wir, dass hier wirklich etwas passiert ist, dass sie neues Territorium entdeckt hat. In jener Zeit war Homosexualität ein Weg, sexuelle Tabus zu umgehen, und auch ein Weg, um das ziemlich hohe Risiko einer Schwangerschaft zu vermeiden. 
 
Wo haben Sie den Film gedreht? 
Wir nutzten mehrere belgische Schlösser: Beloeil, dessen Einrichtung eine Kopie von Versailles ist, und den Egmont-Palast, der das belgische Außenministerium beherbergt. Nicht weit davon entfernt befindet sich in Flandern das Kasteel Gaasbeek, ein schönes Beispiel für spanisch beeinflusste flämische Baukunst. Dort drehten wir die Szenen am Hof von Philipp V. 
 
Wie entdeckten Sie die vier jungen Darsteller? 
Jemand hatte mir von Igor Van Dessel erzählt, der später Ludwig XV. spielen sollte. Er drehte gerade einen Film in Cap Ferret, und da ich in Bordeaux lebe, bin ich losgefahren, um ihn zu treffen. Ich habe ihn zum Essen ausgeführt, wir hatten ein Gespräch, und dann hat er, mit seinen 13 Jahren, seine Brieftasche gezückt und gefragt: „Darf ich Sie zum Essen einladen?“ Igor ist extrem fotogen. Irgendwie zieht er, mit seinen unglaublichen Augen und dem leicht engelhaften Gebaren, das Licht auf sich. Wie alle großen Schauspieler ist er zu großer Konzentration fähig, kann aber, wenn ein Take vorbei ist, sofort abschalten. Die Fähigkeit dieses Jungen, in Sekundenbruchteilen Details nachzubessern, ist verblüffend. Er hatte die Begabung, seinen Filmcharakter immer weiterzuentwickeln, obwohl wir nicht chronologisch drehten. Igor hatte ein tiefes Verständnis für seinen Rollencharakter, diesen Jungen, der alles verloren hat und sich selbst neu zusammensetzen muss. 
 
Und die Wahl von Juliane Lepoureau als Infantin? 
Sie befand sich inmitten zahlreicher Kinder, die zum Casting gekommen waren. Sobald ich sie gesehen hatte, wusste ich, dass sie die Richtige war. Sie war so spontan, und sie strahlte soviel Intelligenz beim Vorsprechen aus. Ich weiß nicht, wo jemand in ihrem zarten Alter soviel Talent her hat. Am Set war sie immer fröhlich, nie müde und beklagte sich nie, obwohl es lange Zeiten gab, in denen sie warten und warten musste.  Für die Rolle von Louise Elisabeth wurde mir von Gilles Porte Anamaria Vartolomei empfohlen. Er hatte sie, als Kameramann, in Frédéric Beigbeders Film L’IDÉAL (2016) gesehen. Tatsächlich erwies sie sich als hervorragende und sehr talentierte Schauspielerin. Und Kacey Mottet-Klein, der Don Luis spielt, war geradezu ein Geschenk des Himmels. 
 
Und das Casting der Erwachsenen?
Als Schauspielerin hat Catherine Mouchet einen besonderen Stil. Das ist schon am Set aufregend, aber noch mehr, wenn man ihre Arbeit auf Filmmaterial sieht. Catherine verkörpert perfekt das Bindeglied zu den beiden verlorenen Kindern. Und was Lambert Wilson betrifft, so ist er extrem freigiebig, besitzt eine Kraft, die manchmal gebändigt werden muss, die ihn aber zu einem außergewöhnlichen Schauspieler macht. Besonders in der Abdankungsszene, in der er in vollendeter Weise den mystisch befeuerten Wahnsinn von Philipp V. verkörpert, finde ich ihn umwerfend. Ich habe ihn mir von Anfang an in dieser Rolle vorgestellt, weil er zugleich extrem sensibel und imposant ist. Auch Olivier Gourmet als Regent war für mich eine naheliegende Wahl. Tatsächlich war der Regent effeminierter, doch die Brutalität, die Gourmet ausstrahlte, passt gut zum Kuhhandel-Charakter des Austauschs: Ich verkaufe dir meine Tochter und kaufe deine…  Ich wollte auch unbedingt Maya Sansa für die Rolle der spanischen Königin Elisabeth Farnese. Alle diese Schauspieler waren genau die richtigen Leute, auf die ich gehofft hatte, selbst bei den Nebendarstellern, wie etwa Vincent Londez, der Saint-Simon spielt. Wir sehen zwar nicht viel von ihm, doch er schafft es, mit nur einem Blick, Präsenz zu zeigen.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Kameramann Gilles Porte? 
Was Schauspieler betrifft, so vertraue ich ihrem Talent, ihrer Fähigkeit zu improvisieren – das gilt jedoch nicht für einen Regisseur während des Drehs. Folglich bereite ich alles im Voraus vor, besonders die Drehfassung. Einen Monat vor dem Dreh habe ich mit Gilles die verschiedenen Orte und Sets aufgesucht und die Stellungen der Schauspieler Szene um Szene ausprobiert, um die Kamerapositionen herauszufinden. Letztendlich haben wir die Drehfassung ziemlich exakt befolgt. Um Gilles meine Vorstellung für die Beleuchtung zu verdeutlichen, zeigte ich ihm Gemälde, besonders eins, das perfekt mit dem übereinstimmt, was ich vorhatte: das Gemälde eines Kindes von Gainsborough. Ich mochte die Lichtreflexe, die er auf das Gesicht des Kindes zauberte, und Gilles hat sich davon auf brillante Weise inspirieren lassen. 
 
Und wie haben Sie die Musik erarbeitet? 
Ich wandte mich an Marc Tomasi, der bereits die Musik für meinen Fernsehfilm „Der Fluch des Edgar Hoover“ (2013) komponiert hatte. Ich wollte Musik in einem neobarocken Stil, und Marc hat Tag und Nacht gearbeitet, um die Komposition des Soundtracks rechtzeitig fertig zu bekommen. Der Applaus, den ihm die Musiker des London Symphony Orchestra während der Aufnahme spendeten, bedeutete für ihn die größtmögliche Auszeichnung.
 
Warum interessieren Sie sich so sehr für historische Figuren? 
Das ist bei mir seit jeher so. Als Kind hatte ich einen Mann vor Augen, dessen Leben mit der Geschichte kollidiert war: Mein Großvater wurde während des ersten Weltkriegs entsetzlich entstellt. Dieser Zusammenprall zwischen Geschichte und Privatleben führte mir eindringlich vor Augen, dass große Dinge äußerst dramatische Folgen für Individuen haben können. EIN KÖNIGLICHER TAUSCH erzählt auf seine Weise, von jenen Mächten, die uns manipulieren und kollektiv ins Desaster hinabziehen. Es ist eine Geschichte, die auch ich hätte schreiben können.  Interview von Claire Vassé
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 14.02.2019
CAN YOU EVER FORGIVE ME?
Ab 21. Februar 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
In CAN YOU EVER FORGIVE ME? (2018) spielt Melissa McCarthy die Bestsellerautorin – und Katzenliebhaberin – Lee Israel, die in den 1970er- und 1980er-Jahren Biographien über Berühmtheiten wie Katherine Hepburn, Tallulah Bankhead, Estee Lauder und die Journalistin Dorothy Kilgallen publizierte. Als ihre Bücher aus der Mode kam und nicht mehr verlegt wurden, wandte sie sich der Kunst der Täuschung zu und wurde dabei von ihrem treuen Freund Jack (Richard E. Grant) unterstützt.
Fox Searchlight Pictures präsentiert – in Zusammenarbeit mit TSG Entertainment – die Archer Gray Produktion CAN YOU EVER FORGIVE ME?. Regie führte Marielle Heller nach dem Drehbuch von Nicole Holofcener und Jeff Whitty, als Vorlage diente das Buch von Lee Israel. In den Hauptrollen sind Melissa McCarthy, Richard E. Grant, Dolly Wells, Jane Curtin, Ben Falcone, Anna Deavere Smith und Stephen Spinella zu sehen. Als Produzenten firmieren Anne Carey, p.g.a., Amy Nauiokas und David Yarnell, als Ausführende Produzenten Jawal Nga, Pamela Hirsch und Bob Balaban.
Zum Kreativteam gehörten Chefkameramann Brandon Trost, Produktionsdesigner Stephen Carter, die Editorin Anne McCabe, ACE und der Kostümbildner Arjun Bhasin. Für die Musiküberwachung war Howard Paar zuständig, den Score komponierte Nate Heller und die Besetzung besorgte Jennifer Euston, CSA.

Ein Film von MARIELLE HELLER
Mit MELISSA McCARTHY und RICHARD E. GRANT

Aus der Riege großer amerikanischer Fälscher sticht eine Frau hervor: Lee Israel, einst eine anerkannte Schriftstellerin, die, zwischenzeitlich völlig verarmt, allein mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft von ihrer winzigen Wohnung in Manhattan aus, einen genialen Coup landete. Sie verfasste glaubhafte Bonmots berühmter Autoren, die sie bewunderte. Plötzlich hatte sie einen Weg gefunden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie verkaufte von ihr gefälschte Briefe von Berühmtheiten an Sammler. Israel stürzte sich kopfüber in ein kriminelles Leben, Diebstahl und Täuschung inklusive.

Der Aufstieg und Fall der Fälscherin Lee Israel würde wohl, hätte ein Drehbuchautor sich dies ausgedacht, als unglaubwürdig abgetan – aber die Geschichte ist so tatsächlich passiert. Nachzulesen ist sie in Israels humorvollen, 2008 erschienenen Memoiren, die den Titel Can You Ever Forgive Me? tragen. Melissa McCarthy ist in den Part Israels geschlüpft, eine Rolle, die sich von ihrem bisherigen komödiantischen Repertoire grundlegend unterscheidet. Die renommierte Filmmacherin Marielle Heller (DIARY OF A TEENAGE GIRL, 2015) hat das bewegte und zum Teil überaus bewegende Leben Israels nun auf der Leinwand nacherzählt, unterstützt von zahlreichen weiblichen Mitarbeiterinnen, darunter die Produzentinnen Anne Carey und Amy Nauiokas, die Drehbuchautorin Nicole Holofcener sowie die Editorin Anne McCabe.
Auf der einen Seite stehen Israels kriminelle Machenschaften, auf der anderen ihre persönlichen Erlebnisse und Geschichten. Sie beschreiben eine einsame, schwer dem Alkohol zusprechenden Katzenliebhaberin, deren Leben mit jeder Person, die sie hereinlegte, aufregender wurde. Israel ließ sich von all jenen literarischen Schlitzohren beeinflussen, die sie so klug imitierte. Und das tat sie mit Stil. Israel machte sich mit ihren tadellosen Fälschungen einen Namen – vor allem beim FBI – und fand so ein gutes Auskommen. Aber allmählich wurde das Geschäft für sie allein zu anstrengend, also band sie einen Komplizen in ihre Machenschaften mit ein. Sie erkor den Trickbetrüger und Dieb Jack Hock zu ihrem Mitarbeiter und musste in der Folge als ewige Einzelgängerin lernen, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen.

Besonders gefällt Heller die Tatsache, dass Lee Israel keine typisch weibliche Protagonistin ist, sondern vielmehr eine draufgängerische Anti-Heldin. Ein Rollenfach, das bislang Männern vorbehalten war. „Es ist doch so, dass wir im Kino vielen dieser wunderbar komplizierten Männer zuschauen, die schroff und abweisend sind, zudem moralisch zweigespalten. Das nehmen wir als gegeben hin“, sagt sie. „Also fand ich es aufregend und an der Zeit, eine Frau zu zeigen, die auch so tickt. Eine komplizierte, schwierige Person, die Verbrechen begeht, dennoch aber beherzt, schlau, schlagfertig und ehrgeizig ist.” 
McCarthy über ihre Israel: „Ich bin von Lee fasziniert. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, sie zu zeigen wie sie war: talentiert, intelligent und schlagfertig. Ich wollte beleuchten, in welchen Schwierigkeiten sie steckte, welche Schwächen sie besaß. Nicht zu vergessen ihre Fehler, ihre Wut und ihr gebrochenes Herz. Ich will, dass die Kinogänger sie genauso lieben wie ich.”  



Lee Israel: Heimtückischer Bücherwurm und bezaubernde Fälschungen

Lee Israel hatte sich nie vorgestellt, als Kriminelle ein Leben in Armut führen zu müssen. In den aufregenden Tagen im Manhattan der Siebzigerjahre war sie eine gefeierte Biographin mit großen Erwartungen und hoffnungsvoller Zukunft. Dank Ihrer beiden Bestseller – Biographien der Leinwandikone Tallulah Bankhead und der Society-Reporterin Dorothy Kilgallen – hatte sie Zutritt zur hochnäsigen New Yorker Literaturszene erlangt. Als sich jedoch ihr drittes Buch, eine Biographie über Estee Lauder, als Misserfolg entpuppte, änderte sich Israels Leben schlagartig. Die Ära der Bestseller war angebrochen, Autoren wurden zu „Marken“ – und Israel zur Persona non grata. Ihre Agentin beantwortete ihre Telefonanrufe nicht mehr, die Einladungen zu den noblen Partys blieben aus und sie fand keinen Job. Bald lebte sie in Schmutz und Elend, umgeben von modrigen Büchern. Ihr einziger verbliebener Partner war ihre geliebte Katze Jersey.

Unaufhaltsam ging es für sie bergab. Israel rätselte, wie dies einer begabten Schriftstellerin wie ihr hatte passieren können. Aber da war sie noch nicht einmal an ihrem Tiefpunkt angekommen. Als sie eines Tages nicht einmal mehr in der Lage war, den dringend notwendigen Tierarztbesuch ihrer Katze zu bezahlen, erkannte sie, dass sich in ihrem Leben etwas nachhaltig ändern musste. Sie fing an, alles zu verkaufen, was einen gewissen Wert besaß, darunter einen von Kate Hepburn signierten Brief. Die 200 Dollar, die sie dafür bekam, setzten die Dinge in Gang. Dabei half ihr das Schicksal, als sie gerade das Leben der Komödien- und Bühnenpionierin Fanny Brice für eine neue Biographie recherchierte. In einer öffentlichen Bibliothek entdeckte – und stahl – sie zwei Briefe von Brice, die sie an einen Sammler verkaufte. Dies brachte sie auf ihre neue Geschäftsidee. Sie verfasste eigene Briefe von Prominenten, um den Geldfluss am Laufen zu halten. Der Beginn ihrer neuen Karriere als raffinierte Literaturfälscherin.

Fortan fälschte sie Korrespondenzen von Literaturgrößen wie Dorothy Parker, Ernest Hemingway, Noel Coward, Edna Ferber, Lillian Hellman, Louise Brooks, George S. Kaufman und anderen. Überaus sorgfältig ging sie dabei zu Werk. Sie studierte den Stil der Autoren, die sie kopierte, übte sich in deren Handschrift bzw. legte sich exakt jene Schreibmaschinen zu, auf denen die Schriftsteller tippten, deren falschen Briefe sie ersann. Ihre Fälschungen waren so makellos, dass selbst Fachleute sie nicht als solche erkannten.

Perfekt brachte sie sich in die Gedankenwelt ihrer Autoren ein, unterfütterte diese mit eigenen Erlebnissen und Ideen. Ihr Gewissen beruhigte sie damit, indem sie sich einredete, dass sie im Prinzip niemandem schadete, sondern „ihre” Autoren nur noch mehr strahlen ließ, deren Intelligenz und Geist unterstrich. Sie verfasste elegante, clevere und wortgewandte Briefe, ersann Sprüche, die sich wunderbar zitieren ließen und genau die Sprache widerspiegelten, die die von ihr kopierten Autoren berühmt und unsterblich gemacht hatte. Darüber – und nicht zuletzt wegen des einsetzenden regelmäßigen Geldflusses – wurde ihr Leben wieder vergnüglicher und leichter. Sie hatte an ihrem durchtriebenen Spiel Spaß, liebte die Action und gewann auch wieder Bewunderer. Ein Problem blieb jedoch: Israel beging Verbrechen am laufenden Band. 

Diese Diskrepanz – einerseits war da diese unglaublich talentierte Autorin, andererseits diese ruchlose Fälscherin –  sprach die Filmemacher sofort an. Sie erkannten hier eine ganz ungewöhnliche Geschichte. Amy Nauiokas, Produzentin bei Archer Gray, spezifiziert: „Mir gefiel Lee besonders deshalb, weil sie so tapfer und skrupellos war – und das in einer Zeit, in der man Frauen solche Wesenszüge überhaupt nicht zutraute. Ich las ihr Buch bei Laternenlicht in einem Rutsch in einem Zelt in Tansania durch.”

Anne Carey, Nauiokas’ Partnerin bei Archer Gray, bekam das Manuskript des Buches schon früh von einer befreundeten Redakteurin zugesandt. Sie erinnert sich: „Ich verliebte mich augenblicklich in das Buch, denn es erinnerte mich an die Frauen, die ich in New York kennengelernt hatte, nachdem ich gerade dorthin gezogen war. Ich arbeitete damals in einer Welt, in der wir nach geeigneten Buchvorlagen fürs Kino suchten. Damals lernte ich viele alleinstehende Frauen kennen, die extrem klug waren, sich Katzen hielten und einen viel zu aufwändigen Lebensstil führten. Sie unterschieden sich ganz grundsätzlich von allen Menschen, die ich sonst traf. Es fühlte sich also an, als würde ich Lee kennen, jedoch hatte ich noch nie einen Film über so eine Frau gesehen. Mir sagte zudem zu, dass es eine Geschichte über geistiges Vergnügen war, eine Geschichte über New York und eine Geschichte über die Freundschaft zweier Menschen, die einander auf eine ganz merkwürdige und spitzbübische Art unterstützen.”
 
Produzent David Yarnell war ein lebenslanger Freund und Vertrauter von Israel, ehe diese 2014 verstarb. Er überredete sie, ihre Memoiren zu schreiben. Sie hatten sich Jahre zuvor kennengelernt, als Yarnell die Filmrechte für ihre ersten beiden Bücher optionierte. Damals hatte ihm Israel widerwillig die Geschichte ihrer Schurkenjahre offenbart.

„Ich saß mit ihr beim Mittagessen, als sie sagte: ‚Weißt du, ich habe in meinem Leben etwas getan, worauf ich nicht besonders stolz bin. Eigentlich möchte ich gar nicht darüber sprechen’“, erinnert sich Yarnell. „Und ich erwiderte: ‚Na, jetzt musst du das aber präzisieren’. Also bestellte ich ihr noch einen Scotch, was ihr half, über ihre gefälschten Briefe zu erzählen. Sie hatte sich dabei auf die berühmten Autoren des Algonquin Round Table spezialisiert, einer Gruppe renommierter Literaten, die sich in den 1920er-Jahren jeden Tag zum Mittagessen im New Yorker Algonquin Hotel getroffen hatten, namentlich Lillian Hellman, George S Kaufman, Louise Brooks und Dorothy Parker. Es war ein gefährliches und illegales Unterfangen gewesen, das ihr aber ihrer Aussage nach eine tiefe innere Befriedigung gegeben hatte. Ihr gefiel besonders, dass es ihr gelungen war, ihre Texte als die ihrer berühmten Kollegen auszugeben.”

Das war die Zeit, in der Yarnell Israel gegen deren heftige Proteste ermutigte, diese Geschichte in ihrem ganz eigenen scharfzüngigen und süffisanten Ton zu Papier zu bringen – inklusive ihres geradezu surrealen Katz-und-Maus-Spiels mit dem FBI. Die Ironie dabei: Als dann die Chronik dieser Ereignisse erschien, wurde ihr jene literarische Aufmerksamkeit zuteil, nach der sie so lange gehungert hatte. Yarnell hatte zugleich auch die Kinoqualität des Stoffes erkannt, obwohl Israel alles andere als ein typischer Outlaw und Trickbetrüger war. Kurz vor Israels Tod haben die beiden sich noch mit Produzentin Carey getroffen – und Israel war von dem Gedanken, auf der Leinwand verewigt zu werden, begeistert. 

„Wir alle wollten Lees Story im Kino sehen”, sagt Yarnell. „Aber es war Anne Carey, die es schaffte, diesen Traum Realität werden zu lassen. Als wir uns mit Anne trafen, sagte Lee: ‚Wenn ihr diesen Film wirklich macht, dann muss David mit von der Partie sein’. Aber den größten Anteil daran, dass dies dann passierte, hat sicherlich Anne.”

Carey verpflichtete zwei hoch angesehene Drehbuchautoren, die denselben schrägen Humor pflegen wie einst Israel: Den für sein Musical „Avenue Q” mit einem Tony ausgezeichneten Dramatiker Jeff Whitty und die renommierte Filmemacherin Nicole Holofcener (ENOUGH SAID („Genug gesagt“, 2013), FRIENDS WITH MONEY („Freunde mit Geld“, 2006)), die beide Skripts vorlegten, die die überlebensgroßen Qualitäten Israels perfekt einfingen, die tragischen Umstände ihres Lebens und die dunklen Seiten ihres Charakters dennoch nicht verschwiegen. Whitty, zu dessen Bühnenarbeiten „The Further Adventures of Hedda Gabler” und das Musical „Head Over Heels“ nach der Musik von The Go-Go’s gehören, kennt sich mit starken Frauen aus, hat er sich doch im Verlauf seiner Karriere häufig mit solchen beschäftigt.

Holofcener kennt man als Autorin und Regisseurin zahlreicher hoch emotionaler Filme über komplexe Frauen. Ihr Ziel war es, diese Memoiren als temporeiches, spannendes und menschliches Drama zu adaptieren. „Ihr Skript fing Lees kämpferischen Geist perfekt ein”, weiß Yarnell.
Sowohl Whitty als auch Holofcener hatten die Ehre, Israel noch vor deren Tod kennenzulernen.
„Ich wusste damals schon, dass sie sehr krank war und ich hätte mir gewünscht, dass sie unseren Film noch hätte sehen können. Ich besuchte sie in ihrem Apartment, das noch kleiner war, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Aussicht aufs Nachbargebäude war überaus trist. Sie besaß Millionen wunderbarer Bücher sowie – wenig überraschend – zig Tassen und Bilder mit Katzenmotiven. Sie hätte Besseres verdient”, sagt Holofcener.

Als Israel dann in Folge eines multiplen Myeloms im Jahr 2014 verstarb, blieb ihr Yarnell in Treue verbunden, er fand sogar ein neues Zuhause für ihre beiden Katzen. Er glaubt, dass ihr der fertige Film gefallen hätte. Nicht nur weil er ihre Kunst des Schreibens und ihre Bonmots feiert, sondern auch weil er zeigt, wie sie ums Überleben kämpfte und ihren Platz in einer Welt suchte, die sie fast vergessen hatte.
„Lee war streitsüchtig, schlagfertig, bissig und taff”, erklärt er. „Als sie ihre Würde und den Boden unter ihren Füßen verlor, kämpfte sie sich zurück. Dieses Gefühl zurückgestoßen und nicht anerkannt zu werden, kennen wir alle. Also denke ich, dass man sich leicht mit jemandem identifizieren kann, der sich wie sie auf dem absteigenden Ast befindet. Sie wirkte schon geschlagen, dagegen hat sie sich aber mit ihren ureigenen Mitteln gewehrt und damit auch Erfolg gehabt – eine ganz eigene Art von Erfolg.” 

Nauiokas und Carey entschlossen sich letztendlich, das Skript der aufstrebenden Regisseurin Marielle Heller zu übertragen, deren erste Arbeit ihnen sehr zugesagt hatte. Das Archer-Gray-Team hatte Hellers Karriere von Beginn an unterstützt, sie ermutigt, die Sundance Writer’s bzw. Director’s Labs zu besuchen und ihren Spielfilmerstling DIARY OF A TEENAGE GIRL produziert, der auf der Graphic Novel von Phoebe Gloeckner basiert. Beide waren sich einig, dass Heller die perfekte Wahl für den Stoff war. 

„Mari ist eine rastlose Person, das zeigt sich in allem, was sie tut”, sagt Nauiokas. „Sie besitzt eine ganz eigene Vision und hat ein Talent dafür, mit anderen Leuten zu kooperieren. Das hat uns bei diesem Projekt zusammengeschweißt. Sie verfügt über einen äußerst subtilen Regiestil und gleichzeitig versteht sie es, ihre Geschichten mit Tiefe und Leidenschaft zu erzählen. Ich halte sie für sehr tapfer und aufrichtig, beides Eigenschaften, die dieser Film unbedingt brauchte. Weil sie Frauen respektiert und mag, versteht sie die Bedürfnisse und Gefühlslagen ihrer Geschlechtsgenossinnen hervorragend. So ist ihr ein überaus authentischer Film geglückt.” 
Carey fügt hinzu: „Als wir Mari zum ersten Mal trafen, besaß sie schon genau jene Eigenschaft, die meiner Meinung nach alle Erstlingsregisseure haben sollten. Sie strahlte dieses spezielle Gefühl aus: ‚Ich werde diesen Film machen, koste es, was es wolle’. Das muss man haben – und sie hatte es. Und nun, bei ihrem zweiten Film, war es wunderbar zu sehen, wie ihr Selbstvertrauen gewachsen war. Sie wirkte noch stärker, noch geerdeter.“
Heller erinnert sich, dass sie beim Lesen des Skripts etwas tief im Inneren berührte. „Schon während der ersten Lektüre war ich begeistert”, erzählt sie. „Ich fühlte mich Lee sogleich verbunden. Ich bin auch so eine Katzenfrau, also spürte ich gleich diese Nähe. Nicht zu vergessen, dass ich alte Buchläden ebenso liebe wie die New Yorker Literatenwelt, in der Lee verkehrte. Aber mir sagte auch zu, dass ich es hier mit einer weiblichen Figur zu tun bekam, die – na ja – in gewisser Weise auch ein echtes Arschloch sein konnte. Sie ist bzw. war ein unnachgiebiges, witziges und ungeheuer taffes Weib.”
 
Selten hat man im Kino eine so barsche, gesetzlose Anti-Heldin gesehen. „Ich will Geschichten über Frauen erzählen, die von der Gesellschaft normalerweise übersehen oder wenig beachtet werden”, fasst Heller zusammen. „Lee war jemand, der wirklich jede Menge Fehler hatte, gleichzeitig war sie aber überaus erfinderisch und einfallsreich. Ob man nun dem zustimmt, was sie getan hat oder nicht – sie war zweifelsfrei eine Kriminelle –, sie setzte ihren Geist und ihr Schreibkönnen dafür ein, nicht vollkommen unterzugehen. Sie fand einen Weg, um zu überleben, um weiterzumachen und hatte dabei – und das ist sehr wichtig – ungeheuer viel Spaß.”
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 07.02.2019
IMPULSO
Ab 14. Februar 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Ein Film von Emilio Belmonte
mit Rocío Molina

Antrieb, Schwung, Trieb … Impulso! Die junge spanische Tänzerin und Choreographin Rocío Molina tanzt Flamenco seit ihrer frühen Kindheit. »Mich verlieren«, nennt sie ihre Antriebsfeder, »um mich selbst zu finden.« In ihrem eigenen persönlichen Stil – Impulso – vereint sie traditionelle und avantgardistische Elemente zu einer grandiosen Flamenco-Improvisation.
Der Dokumentarfilmer Emilio Belmonte begleitet sie und ihre Musiker acht Monate lang bei der spannungsgeladenen Vorbereitung auf ihren großen Auftritt im Pariser Théâtre National de Chaillot: Caída del Cielo.

»Ein Impuls bewegt zuerst den Körper, dann erreicht er den Geist.
Dadurch enthüllt er die ganze Wahrheit eines Moments.«
Rocío Molina
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 31.01.2019
GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER
Ab 07. Februar im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Stefan Gabriel (MARTIN WUTTKE) ist Bademeister, engagierter Vater und stets darum bemüht, das Leben positiv zu sehen. Während er versucht, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben und sich als Sterbebegleiter engagiert, kämpfen seine beiden Töchter, die zwölfjährige Jessica (ELLA FREY) und ihre ältere Schwester Sabrina (EMILIA BERNSDORF) mit ihren ganz eigenen Problemen. Jessica wird oft für einen Jungen gehalten und muss ständig gegen ihre vielen seltsamen Ticks ankämpfen. Sabrina ist schwer krank. Jessica  würde gerne mit ihrer hübschen Schwester tauschen, die trotz Krankheit ihr Leben scheinbar voll im Griff hat. Je mehr sich Sabrinas gesundheitlicher Zustand verschlechtert, desto schlimmer werden auch Jessicas Ticks. Ein Plan muss her und zwar schnell. In einem alten Buch stoßen die beiden auf ein spezielles Ritual, das die Rettung bringen soll. Dafür müssen Sabrina und Jessica allerdings einen Jungen finden, der mit Sabrina schläft. Ihnen bleibt nur noch wenig Zeit, und Jessica setzt alles daran, den lebensrettenden Plan in die Tat umzusetzen, egal wie verrückt er auch sein mag.

Ein Film von Anca Miruna Lăzărescu
Mit Ella Frey, Martin Wuttke, Emilia Bernsdorf, Christian Friedel, Tina Ruland, Stephan Grossmann, Sophie Rois u.v.m.


PRESSENOTIZ

GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER ist die zweite lange Regiearbeit der deutsch-rumänischen Regisseurin und HFF-Absolventin Anca Miruna Lăzărescu nach ihrem viel beachteten Erstling „Die Reise mit Vater" (2016) und dem vielfach ausgezeichneten Kurzfilm „Silent River" (2011). Mit Ex-Tatort-Kommissar und Schauspielschwergewicht Martin Wuttke („Inglourious Basterds“, „Gladbeck“) als Vater sowie Naturtalent Ella Frey („Auf Augenhöhe“, „Das Tagebuch der Anne Frank“) und Emilia Bernsdorf als seine Töchter ist der Film wunderbar stimmig besetzt. In weiteren Rollen spielen unter anderem Christian Friedel, Tina Ruland, Stephan Grossmann und Sophie Rois.

GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER ist eine Walker+Worm Film Produktion (Produzenten: Tobias Walker und Philipp Worm) in Koproduktion mit ZDF/Das kleine Fernsehspiel, gefördert vom FFF Bayern, Filmstiftung NRW, Nordmedia, DFFF und Kuratorium junger deutscher Film. Das Drehbuch hat Silvia Wolken („Vakuum") verfasst, hinter der Kamera stand Christian Stangassinger. Concorde Filmverleih startet den Film am 7. Februar 2019 in den Kinos.

GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER ist der Eröffnungsfilm der 52. Internationalen Hofer Filmtage. Deren Künstlerischer Leiter, Thorsten Schaumann, sagt über den Film: „Anca Miruna Lăzărescu zeichnet eine Familiengeschichte mit allen Höhen und Tiefen als Hymne auf das Leben. GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER ist großartig emotionales Kino." Oder, wie es die Regisseurin selbst ganz ähnlich formuliert: „Es ist ein Film über Hoffen und Bangen und Lieben und Scheitern. Ein Film, der das Leben in all seinen Facetten feiert.“



LANGINHALT

Das Leben stellt die zwölfjährige Jessica Gabriel (ELLA FREY) immer wieder vor neue Herausforderungen. In der Schule gilt sie wegen ihres burschikosen Aussehens und der seltsamen Ticks, unter denen sie leidet, als Außenseiterin. Zu Hause muss sie darüber hinaus ganz andere Probleme meistern. Denn ihre über alles geliebte, ältere Schwester Sabrina (EMILIA BERNSDORF) ist schwer krank. Sabrina lässt sich von ihrem Handicap jedoch nicht abhalten, das Leben im Rahmen ihre Möglichkeiten zu genießen.
Vater Stefan Gabriel (MARTIN WUTTKE) hat  gelernt, sein kompliziertes Leben in den Griff zu bekommen. Der Bademeister, der sich in seiner Freizeit als Sterbebegleiter engagiert, musste den Tod seiner Ehefrau verkraften und nach und nach in die Rolle des alleinerziehenden Vaters hineinwachsen. Gar nicht so einfach bei zwei Teenager-Mädchen, die ihn vor die unterschiedlichsten Aufgaben stellen. Um diese bewältigen zu können, hat er eine ganz eigene Methode entwickelt: Stefan hört Musik mit Walgesängen. Das beruhigt, hilft gegen Stress und lenkt ab.
Obwohl Stefan alles andere als ein strenger Vater ist, erfüllt er seinen Töchtern nicht jeden Wunsch. Für Jessica hat er allerdings eine Überraschung parat. Sie bekommt endlich die langersehnten Spikes-Turnschuhe geschenkt. Diese werden dann auch sogleich in der Schule sehr erfolgreich im Nahkampf mit Andrea, einem italienischstämmigen Klassenkameraden, ausprobiert. Doch der Unterlegene schlägt verbal, in Anspielung auf Jessicas kranke Schwester, erbarmungslos zurück: „So eine Verschwendung, dass die schöne Sabrina stirbt und nicht du“.
Zu Hause herrscht gerade keine so gute Stimmung. Sabrina hatte einen Rückfall, ihr geht es schlecht. Stefan kann Jessi aber erst einmal beruhigen. Kleinere Unverträglichkeiten seien völlig normal. Dennoch würde Jessica alles dafür geben, damit es Sabrina wieder besser geht. Deshalb machen ihr auch die Hänseleien und Sticheleien ihrer Mitschüler, die sie täglich über sich ergehen lassen muss, fast nichts aus. Ob Raufereien vor dem Klassenzimmer, Untertauchen im Schwimmbad oder gehässige Verbalattacken, bei denen sie als Neutrum bezeichnet wird, all das scheint förmlich an ihr abzuperlen.
Aber dann platzt Jessica eines Tages doch der Kragen. Als einer ihrer Klassenkameraden sie mit einem Blasrohr während des Unterrichts malträtiert, flippt sie plötzlich völlig aus und geht dem Übeltäter schreiend an die Gurgel. Die wenig einfühlsame Englischlehrerin ist mit dieser Situation hoffnungslos überfordert und ordnet an, dass Jessica ab sofort einen Psychologen aufsuchen muss.
Stefan ist unterdessen im Krankenhaus seelsorgerisch tätig. Um einem schwerkranken Patienten die Angst vor dem Sterben zu nehmen, beginnt er, ihm von seinen eigenen Erfahrungen zu erzählen. Während er ausschweifend davon berichtet, dass er sich von seiner Frau wegen ihres plötzlichen Unfalls nicht richtig verabschieden konnte, merkt er nicht, dass sein Patient unterdessen für immer eingeschlafen ist.
Viel Zeit, über dieses Erlebnis nachzudenken, bleibt Stefan nicht. Schließlich muss er, wie von der Lehrerin angeordnet, Jessica noch zum Psychologen bringen. Er findet den Besuch beim „Seelendoktor“ alles andere als dramatisch. Denn er ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch einmal an dem Punkt ankommt, an dem sein Geist den Anforderungen des Lebens nicht mehr standhält.
Von Dr. Wolfgang Teuter (CHRISTIAN FRIEDEL) erhält Jessi wertvolle Tipps wie sie ihre Ticks in den Griff bekommen kann. Unter anderem fordert sie der freundliche Psychologe dazu auf, ein so genanntes Zwang-Tagebuch zu führen. Darüber hinaus ist er der Meinung, dass seiner Klientin ein Freund guttun würde. Deshalb gibt er ihr Ratschläge, wie ein Mädchen mit einem Jungen, für den es sich interessiert, ins Gespräch kommen kann.
Doch zunächst gilt es, sich um ihre große Schwester zu kümmern. Während Papa gerade in der Küche einen Multifunktionsmixer zusammenbaut, an den er eher zufällig über den kürzlich verstorbenen Patienten gekommen ist, hat Jessi ein interessantes Buch entdeckt. Darin wird die gewagte These aufgestellt, dass durch Beischlaf eine Krankheit auf die andere Person überspringen könnte. Jessica findet die Idee großartig und schlägt Sabrina sofort deren Freund Ron als mögliches „Opfer“ vor.
Papa Stefan bekommt von alledem nichts mit. Er ist gerade viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als Sabrina auch noch einen neuen Anfall erleidet, muss er erst einmal auf andere Gedanken kommen. Da trifft es sich gut, dass Horst (STEPHAN GROSSMANN), der Nachbar von gegenüber, sich gerade ein neues Auto gekauft hat und ihn zu einer kleinen Spritztour, ein kühles Bierchen inklusive, einlädt. Dieser spontane Ausflug endet jedoch in einem mittleren Desaster. Bei einem Wildunfall kommt es zu einem Zusammenprall mit einem kapitalen Hirsch. Während dem Tier nicht mehr zu helfen ist, kommen die beiden Männer immerhin mit dem Schrecken davon. Für Stefan löst die erneute Konfrontation mit dem Tod, auch wenn es sich nur um einen Hirsch handelt, jedoch eine weitere innere Krise aus. 
Jessi hat in der Zwischenzeit versucht, die Tipps von Dr. Teuter in die Praxis umzusetzen. Schon seit längerem steht sie heimlich auf den attraktiven Nicolai. Doch bei der ersten Annährung zeigt sich Nicolai ziemlich irritiert von ihren Avancen – er hält sie für einen Jungen. Von diesem Fehlschlag frustriert macht Jessica hinter ihr aktuelles Liebesleben erst einmal einen Haken und kümmert sich um potenzielle „Beischläfer“ für Sabrina, nachdem es mit deren Freund Ron aus terminlichen Gründen bisher nicht klappen wollte. Doch weder der  Herr aus der Bücherei noch die zwei coolen Jungs aus dem Schwimmbad lassen sich auf diesen ominösen „Sex-Deal“ ein. 
Am Abend hat Stefan seit vielen Jahren erstmals wieder eine Art Rendez-Vous. Er ist mit Frau Gems (SOPHIE ROIS), der Chefin des Hospizes, in dem er als Sterbebegleiter ehrenamtlich arbeitet, verabredet. Doch die Erwartungshaltung an den Abend ist unterschiedlich. Während Frau Gems Stefan unvermittelt verführen will, möchte er seiner Vorgesetzten eigentlich  klar machen, dass Sterbebegleitung nichts für ihn ist und er seinen Job hinschmeißen will.
Nach einem weiteren Krankenhausaufenthalt kehrt Sabrina nach Hause zurück. Ihr Zustand hat sich zusehends verschlechtert. Damit kann der Vater kaum umgehen, muss er doch machtlos mit ansehen, wie er nach seiner Frau möglicherweise einen weiteren geliebten Menschen verliert.
Jetzt ist seine kleine Tochter gefragt. Und Jessica zieht ein letztes Ass aus dem Ärmel. Denn es gibt noch einen jungen Mann, der mit Sabrina schlafen und so ihr Leben retten könnte: Ihr Raufkumpan Andrea, der schmächtige Italiener aus der Schule. Doch um diesen Deal einfädeln zu können, muss Jessi einmal mehr ihren Kopf hinhalten – und das im absolut wortwörtlichen Sinne…




PRODUKTIONSNOTIZEN

„Die individuelle Machart, das Streben nach Authentizität und der Wunsch, die persönlichen Visionen der Regisseure bestmöglich umzusetzen, stehen im Zentrum jeder Produktion,“ so heißt es auf der Website der Münchner Produktionsfirma Walker+Worm Film, die 2008 von Tobias Walker und Philipp Worm gegründet wurde. Diese selbstgesteckten Vorgaben konnten die beiden HFF-Absolventen bisher schon mehrfach eindrucksvoll erfüllen, in preisgekrönten Werken wie „Finsterworld“, „Wir waren Könige“, „Picco“ oder „Sommerhäuser“. Und auch bei Anca Miruna Lăzărescus GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER, dem Eröffnungsfilm der 52. Internationalen Hofer Filmtage, verhält es sich nicht anders.

Was die Entstehungsgeschichte des Films betrifft, muss man allerdings einige Jahre, genauer gesagt sind es acht, zurückgehen. Damals fiel Regisseurin Anca Maria Lăzărescu ein 20-seitiges Treatment von Drehbuchautorin Silvia Wolkan in die Hände. Die beiden studierten zu der Zeit an der Münchner HFF und belegten gemeinsam ein Stoffentwicklungsseminar. Lăzărescu war sofort von der Grundidee überzeugt und hatte sich auch umgehend in die von Wolkan schon sehr explizit gezeichneten Figuren verliebt. Das Ganze verzögerte sich allerdings auch deshalb, weil die Regisseurin erst einmal ihr eigenes Drehbuch „Die Reise mit Vater“ ausarbeiten und realisieren wollte. Lăzărescus Langspielfilmdebüt kam dann im November 2016 in die Kinos.


SCHON DER FILMTITEL: EIN GLÜCKSGRIFF
GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER. Allein der Titel ist in seiner Widersprüchlichkeit schon ein echter Hingucker. Allerdings hieß das Projekt am Anfang noch „Das Leben meiner Schwester“. Philipp Worm weiß noch, dass „wir diesen Titel nicht gut fanden. Zusammen mit Anca und Silvia saßen wir eines Tages zusammen und haben gemeinsam über den Titel nachgedacht. Dabei sagte Silvia dann in einem Nebensatz, ihr habe ‚Das Leben meiner Schwester‘ nie gefallen. Sie hatte früher immer den Wunschtitel GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER, den sie aber nicht verwendet hat. Wir waren sofort begeistert und mögen ihn bis zum heutigen Tage immer noch sehr. Und es kommt gar nicht so oft vor, dass man in einem so frühen Stadium bereits einen Titel hat, den man super findet.“
Mit dem ZDF/Das kleine Fernsehspiel war schnell ein gewichtiger Koproduktionspartner und mit Concorde ein kompetenter Kinofilmverleih gefunden. Danach folgten die Förderanstalten FFF Bayern, Filmstiftung NRW, Nordmedia und das Kuratorium junger deutscher Film. Nur die letzten Meter auf dem Weg, die Budgetplanung abzuschließen, gestalteten sich ein wenig mühsam, für Philipp Worm allerdings nichts Ungewöhnliches: „Wie so oft bei derart speziellen Projekten, hat man sich letztendlich darauf verständigt, diesen Film mit einem sehr herausfordernden Budget zu machen. Aber da haben wirklich alle sehr problemlos mitgezogen.“

UND NOCH EIN GLÜCKSGRIFF: ELLA FREY
Schwieriger war es da schon, die geeignete Darstellerin für die Schlüsselrolle der Jessica zu finden. Denn, so weiß Tobias Walker: „In dem Alter, in dem sich Jessica befindet, sind ja oft die Eltern dafür verantwortlich, die Kinder ins Casting zu schicken. Und meist schickt man die Kinder hin, die blond, dünn und gutaussehend sind. Deswegen gibt es bei den Um-die-13-Jährigen so wenige Schauspieler, die klein und pummelig sind. Das ist Ella Frey selbstverständlich nicht, denn sie ist eine gute Sportlerin, aber sie hat auch etwas Burschikoses, was wirklich sehr selten anzutreffen ist.“
Tatsächlich meistert Ella Frey ihren Part mit Bravour. Das kommt nicht von ungefähr, denn sie hat trotz ihrer Jugend bereits in mehreren Kinofilmen mitgewirkt, darunter in „Auf Augenhöhe“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“. Walker erinnert sich: „Wir haben in Fußballvereinen tatsächlich Kinder gefunden, die optisch durchaus gepasst hätten, aber da haperte es wieder am schauspielerischen Talent oder der Offenheit, damit vor der Kamera umzugehen. Diesbezüglich ist Ella natürlich ein absoluter Traum, und mit Hilfe von Maske und Kostüm ist sie dann noch mehr zu Jessica geworden. Sie besitzt eine wahnsinnige Kamerapräsenz. Darüber hinaus ist das auch sehr klug von ihr gespielt.“

NACH ALLEN REGELN DER KUNST: MARTIN WUTTKE
Eine weitere wichtige Position nimmt Martin Wuttke in der Rolle des Vaters ein. Für Philipp Worm keine große Überraschung: „Man merkt sofort: An seiner Figur können vor allem ältere Menschen andocken, zu dem Leid, das er durchmacht, hat jeder, der selbst Kinder hat, sofort einen Bezug. Das erwischt einen einfach auf der Gefühlsebene.“ In einer Szene geben Wuttke und Sophie Rois, die in GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER eine kleine, aber prägnante Nebenrolle als dessen Chefin spielt, eine Kostprobe ihres Könnens ab. Während sie gerade versucht, ihn nach allen Regeln der Kunst zu verführen, hat er ganz anderes im Sinn, will lediglich seinen Job als Sterbebegleiter aufkündigen. Dazu Tobias Walker: „Das Schöne an dieser absurden Szene ist, dass beide ihre Rollen in dem Moment vollkommen ernst nehmen. Das macht es erst absurd, aber trotzdem versteht man es emotional.“ Und Worm ergänzt: „Beide sind einfach traumhaft gute Schauspieler, sie gehören schon in eine ganz besondere Kategorie.“
Die Dreharbeiten zu GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER fanden vom 26. September bis zum 01. November 2017 in Bielefeld, Rinteln und Bad Salzuflen, wo im Übrigen Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu einen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte, sowie in München statt. Da es ein sehr zeitgemäßer Film ist, gab es bei der Suche nach geeigneten Locations relativ wenige Schwierigkeiten. Zwei Motive stellten dann aber doch eine Herausforderung dar, weiß Tobias Walker: „Zum einen haben wir sehr lange nach dem Schwimmbad gesucht, denn unseres sollte unbedingt so einen gewissen 1970er Charme versprühen. Und es musste für den Dreh natürlich gesperrt werden. Das andere war die Eishalle, in der Jessicas Love Interest zu den Klängen des Bonnie Tyler-Hits „Total Eclipse of the Heart“ tanzt. Und natürlich mussten wir es erst einmal schaffen, einen frisch verstorbenen Hirsch zu organisieren.“ Diesen überfährt Martin Wuttke alias Stefan Gabriel ausgerechnet in einem seiner wenigen Momente des Glücks.

KLEINER KOSMOS – GROSSE WIRKUNG
Generell war es gar nicht so einfach, zwischen Niedersachsen und dem östlichsten Teil Nordrhein-Westfalens Filmschaffende ausfindig zu machen. Auf der anderen Seite fand es Walker einfach toll, „mit welcher Begeisterung die Menschen dort die Dreharbeiten verfolgt haben. Das kennt man von München und anderen Großstädten gar nicht mehr. Da sehen die meisten Leute nur noch Dollarzeichen und wollen abkassieren.“
Ein Vorteil, in der Provinz zu drehen, war auch, dass sich das Team in einem sehr kleinen, konzentrierten Kosmos befand. Worm blickt zurück: „Wir haben alle in einem Hotel gewohnt, es war ein wahnsinnig konzentriertes Arbeiten mit einem übersichtlichen Team. Das hat auch der Produktion total gutgetan. Aus GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER ist ein sehr intimer, warmer Film geworden, und genauso haben sich auch die Dreharbeiten weitestgehend angefühlt.“

DIE WELT WEGSCHALTEN MIT WAL-MUSIK
Und Walker fügt hinzu: „Hier wurden mit viel Engagement und abseits normaler Wege Dinge ermöglicht, die sonst nicht funktioniert hätten. Und wir saßen einfach viele Wochen lang alle jeden Morgen, Mittag und Abend zusammen. Man hat sich permanent gesehen, und glücklicherweise hat das mehr Energie freigesetzt als umgekehrt.“
Um die einzelnen Charaktere zu beschreiben, überließen die Filmemacher nichts dem Zufall. So stand bereits in Silvia Wolkans sehr detailliert ausgearbeitetem Drehbuch, dass Wuttkes Rolle des Stefan Musik mit Gesängen von Walen hört. Dazu Philipp Worm: „Wir hatten bereits in der Entwicklung eine starke Betonung der Figuren. Bei der Figur von Martin Wuttke war es so, dass er durch diese Wal-Musik in Verbindung mit seinem Kopfhörer die Welt um sich herum ein Stückweit wegschalten will und es so vermeidet, sich auf bestimmte Dinge einzulassen. Filmisch ist das eine sehr einfache, aber irrsinnig schöne Übersetzung. Und genau das macht Kino für uns auch aus.“

EIN FILM, AUCH TRAURIG, ABER SO SCHÖN!
Wenn Walker+Worm ein Projekt angehen, dann überlegen sie nicht bereits von Anfang an, wer sich den Film später ansehen soll oder für welche Zielgruppe er geeignet ist. Der Hauptansatz ist vielmehr, so Tobias Walker, „dass wir diesen Film machen, weil wir ihn selbst gerne sehen wollen.“ Im speziellen Fall von GLÜCK IST WAS FÜR WEICHEIER hat man das klassische Arthaus-Publikum im Visier, ältere Kinofans, die sich „Little Miss Sunshine“ oder „Captain Fantastic“ angesehen haben.
Abschließend Philipp Worm: „Natürlich ist unser Film auch für Menschen ohne Kinder gedacht, aber gerade Eltern, die bereits das Gröbste hinter sich haben und da mit einem anderen Auge noch mal draufblicken, trifft es noch genauer. Das wichtigste ist, dass die Emotionen funktionieren. Man soll den Film weiterempfehlen, weil er am Ende ein positives Gefühl beim Zuschauer hinterlässt, nach dem Motto: Du musst dir den Film unbedingt anschauen. Der ist zwar auch traurig, aber so schön!“
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 23.01.2019
FRÜHES VERSPRECHEN
Ab 07. Februar 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Ein Wunderkind sollte er werden und die Welt ihm zu Füßen liegen. FRÜHES VERSPRECHEN enthüllt das fabelhaft bunte Leben des berühmten französischen Schriftstellers, Regisseurs und Diplomaten Romain Gary. Von seiner schweren Kindheit in Polen über seine Jugend unter der Sonne von Nizza bis hin zu den Heldentaten seiner Flüge in Afrika während des Zweiten Weltkriegs und seiner Ehe mit der berühmten Schauspielerin Jean Seberg...
Romain Gary lebte ein außergewöhnliches Leben. Ein Leben, dessen Wirklichkeit das mütterliche Wunschdenken noch übertrifft. Denn es ist die unerschütterliche Zuneigung seiner liebenswerten wie exzentrischen Mutter Nina, die ihn stets voranschreiten lässt und zu einem der größten Romanciers des 20. Jahrhunderts macht, zu dem Mann, der als einziger zweimal den französischen Literaturpreis Prix Goncourt erhielt. Von diesem einzigartigen Band zwischen Mutter und Sohn erzählt der Film FRÜHES VERSPRECHEN, nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman, als eine unendliche Hommage an die wohl anstrengendste, verrückteste und gleichwohl liebevollste Mutter der Welt.

Ein Film von ERIC BARBIER
Mit CHARLOTTE GAINSBOURG und PIERRE NINEY

FRÜHES VERSPRECHEN klingt wie die Überschrift für sein Leben. Romain Gary ist – immer noch - einer der erfolgreichsten Autoren der französischen Literatur. Seine Biographie gleicht einer irisierenden, schwer greifbaren Seifenblase. Er war Weltkriegspilot, Literat, Filmregisseur und Diplomat. Er schrieb rund 30 Romane, Drehbücher und Geschichten und benutzte hierbei fünf Pseudonyme. Als einziger Autor gewann er zweimal den französischen Literaturpreis Prix Goncourt: Romain Gary.
Nun hat der französische Regisseur Eric Barbier Garys verrückten Lebensroman FRÜHES VERSPRECHEN erfolgreich für das Kino adaptiert - schillernd und facettenreich. In der Rolle der über alles bestimmenden Mutter Nina – der zentralen Frau in seinem Leben – brilliert Charlotte Gainsbourg. Romain Gary wird von Pierre Niney gespielt, der bereits in YVES SAINT LAURENT sein Talent für biographische Rollen unter Beweis stellte.




ROMAIN GARY: SCHRIFTSTELLER, ABENTEURER, FILMEMACHER & DIPLOMAT 

Romain Gary nimmt in der französischsprachigen Literatur eine besondere Rolle ein. Er war Diplomat und Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur. Sein allererster Roman, Le vin des morts, aus dem Jahr 1937, geschrieben unter seinem richtigen Namen, erscheint erst 34 Jahre nach seinem Tod. Zeit seines Lebens schreibt und versteckt sich Gary auch hinter diversen Pseudonymen. In Frankreich sind seine Bücher wie Frühes Versprechen Pflichtlektüre in der Schule. Er schrieb über 30 Romane. In Deutschland ist er ein absoluter Geheimtipp für Liebhaber der französischen Literatur; viele seiner Titel sind hier allerdings momentan vergriffen.
Geboren wird Romain Gary mit dem Nachnamen Kacew am 8. Mai 1914 als Kind aschkenasischer Juden im damals russischen Wilna (heute Vilnius). Um diese Zeit leben nur etwas mehr als 3% Litauer in der Stadt, dafür aber 45% Juden und 45% Polen. Nach Ende des 1. Weltkrieges gehört Wilna für kurze Zeit zu Litauen, wird dann aber ab 1921 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von Polen besetzt. Roman ist der Sohn des Pelzhändlers Leib Kacew und der Schauspielerin Nina Owczyńska. Der Vater verlässt die Familie als der Junge elf Jahre alt ist.
Mit der Mutter zieht er 1926 nach Warschau. Zwei Jahre später erhalten Mutter und Sohn ein Touristenvisum für Frankreich und leben fortan in Nizza. Dort kommt der 14-jährige Roman in die 8. Klasse. Er ist kein sonderlich guter Schüler, brilliert jedoch schnell in der französischen Sprache. 1933 macht er sein Abitur, 1935 wird er Franzose. Im November 1938 beginnt sein Militärdienst bei der Luftwaffe. Als Anhänger von General de Gaulle flieht er im Juni 1940 zunächst nach Algerien und kommt über die Stationen Casablanca und Glasgow nach England. Aber schnell schließt er sich den Freien Französischen Luftstreitkräften (FAFL) an und wird nach Libyen, Abessinien, Syrien und Palästina versetzt.
Seine Mutter stirbt nach einer schweren Krankheit im Februar 1941. Anders als im Buch und im Film FRÜHES VERSPRECHEN beschrieben, erfährt Gary schnell durch ein Telegramm vom Tod der Mutter. Noch während seiner Zeit als Soldat schreibt er an seinem Roman Education Européenne und nennt sich Romain Gary. Das Buch erscheint zunächst auf Englisch und später auf Französisch. Es ist laut Albert Camus einer der besten Romane über die Résistance und erzählt von dem 14-jährigen Janek, der sich in Polen in einem Wald Partisanen im Kampf gegen die Deutschen anschließt.

Erst 1962 wird das Buch als General Nachtigall erstmalig auf Deutsch verlegt. Nach Ende des Krieges wird Romain Gary französischer Diplomat, arbeitet u.a bei der UNO und zwischen 1956 und 1960 als Generalkonsul in Los Angeles. In dieser Zeit erscheint sein bis dahin erfolgreichster Roman Die Wurzeln des Himmels (Les racines du ciel) für den Romain Gary 1956 den begehrten Literaturpreis Prix Goncourt erhält. Dort versucht ein französischer KZ-Überlebender zusammen mit einer traumatisierten Deutschen in Afrika Elefanten vor Wilderern zu retten. John Huston verfilmt den Roman 1958 nach einem Drehbuch von Gary unter dem Titel The Roots of Heaven mit Trevor Howard, Juliette Gréco und Errol Flynn. Nach einer ersten Ehe mit der britischen Schriftstellerin Lesley Blanch heiratet Romain Gary 1963 die 24 Jahre jüngere, amerikanische Schauspielerin Jean Seberg, die seit AUSSER ATEM vor allem in Frankreich ein Star ist. Beide verbindet bereits seit 1959 eine Liebesbeziehung. Ihr gemeinsamer Sohn Diego kommt 1962 zur Welt. Das ungleiche Paar trennt sich 1969 öffentlich am Rande der Dreharbeiten zu WESTWÄRTS ZIEHT DER WIND (PAINT YOUR WAGON), den Jean Seberg in den USA mit Clint Eastwood dreht, mit dem sie eine Affäre beginnt. Als Romain Gary sie am Set besucht und die Wahrheit von ihr erfährt, soll er Eastwood zunächst zu einem Duell herausgefordert haben. Später gibt er eine Pressekonferenz und verkündet die Trennung. 

Neben der Arbeit an seinen Romanen und Kurzgeschichten versucht sich Romain Gary als Drehbuchautor und Regisseur. Man stellt ihn als Autor für „zusätzliche Szenen“ 1962 für DER LÄNGSTE TAG ein.  Fünf Jahre später dreht er mit VÖGEL STERBEN IN PERU  seinen ersten von zwei Filmen als Regisseur.  Bekannter wird der trashige Film TÖDLICHES HEROIN (KILL!) (1971). In dem konfusen Werk um Drogenschmuggel spielen Jean Seberg, James Mason und Curd Jürgens mit. 1970 wird Romain Garys autobiographisches Schlüsselwerk Frühes Versprechen , das 1960 erschien und in Deutschland zunächst als Erste Liebe - Letzte Liebe heraus kommt, erstmalig verfilmt.

Der Film wurde in Deutschland unter dem Titel VERSPRECHEN IN DER DÄMMERUNG (PROMISE AT DAWN) veröffentlicht, Regie führt der einst aus den USA nach Europa emigrierte Jules Dassin. Melina Mercouri „die Ehefrau des Regisseurs“ spielt die Mutter Nina, Assi Dayan „der Sohn von Moshe Dayan“ und späterer Filmemacher (LIFE ACCORDING TO AGFA) verkörpert den 25-jährigen Romain Gary.

Obwohl Romain Gary am Drehbuch beteiligt ist, werden viele Details des Romans stark verändert. So ist seine Mutter hier ein russischer Stummfilmstar aus dem Leningrad der 1920er Jahre, die mit ihrem Sohn nach Krakow flieht, weil sie unglücklich in den Vater von Roman verliebt ist. Der Spiegel kritisiert diese Verfilmung als „schwelgerische Nostalgierevue“.

Es bleibt nicht die einzige Verfilmung nach einem Bucherfolg des französischen Literaten. Bereits 1965 verfilmt Peter Ustinov LADY L mit Paul Newman und Sophia Lauren und Costa Gavras adaptiert 1979 DIE LIEBE EINER FRAU.
Seine erfolgreichste Romanverfilmung kann Romain Gary Zeit seines Lebens jedoch nie für sich verbuchen. 1977 erscheint MADAME ROSA von Moshé Mizrahi nach Du hast das Leben noch vor Dir über eine alternde jüdische KZ-Überlebende und Prostituierte in Pigalle. Simone Signoret spielt Madame Rosa, und der Film erhält 1978 den Oscar für den Besten Nichtenglischsprachigen Film. Geschrieben hat Gary Du hast das Leben noch vor Dir jedoch unter dem Pseudonym Emile Ajar. So erhält er für 1975 als einziger französischer Schriftsteller zum zweiten Mal den Prix Goncourt, weil niemand seine wahre Identität kennt.

Erst lange nach seinem Freitod am 2. Dezember 1980 erfährt die Welt, wer sich wirklich hinter Émile Ajar verbarg. Das löst posthum in Frankreich einen Skandal aus. Trotz seiner großen literarischen Erfolge lässt sich Romain Gary nie auf einen Schreibstil festlegen und ändert von Roman zu Roman seine Themen.
Warum er freiwillig mit 66 Jahren aus dem Leben scheidet, bleibt bis heute unklar. Er selbst liefert in einem Abschiedsbrief kaum Anhaltspunkte. Mit dem Selbstmord von Jean Seberg nur 15 Monate vorher, habe seine Tat nichts zu tun, behauptet Romain Gary: „Keine Verbindung zu Jean Seberg. Liebhaber von gebrochenen Herzen werden freundlich gebeten, anderswo zu gucken.“  Auch Romain Gary litt unter Depressionen und er wollte nie alt werden. So schreibt er in seinem letzten Brief „Je me suis enfin exprimé entièrement (Ich habe mich endlich, vollständig ausgedrückt)“.
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 17.01.2019
BEAUTIFUL BOY
Ab 24. Januar 2019 im Kino
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Basierend auf den Autobiografien von David Sheff und Nic Sheff erzählt BEAUTIFUL BOY die bewegende Geschichte einer Familie, die über Jahre hinweg gegen die Drogenabhängigkeit des ältesten Sohns Nic ankämpft.
 
Timothée Chalamet beweist mit der packenden Performance eines jungen Mannes und seines wütenden, verzweifelten Kampfs gegen die Drogensucht in BEAUTIFUL BOY erneut, dass er zu den besten jungen Schauspielern Hollywoods gehört, seit er mit Call Me By Your Name seinen Durchbruch feierte und eine Oscar©-Nominierung erhielt. In der Rolle des Vaters brilliert Steve Carell, der neben seinen komödiantischen Rollen in jüngerer Vergangenheit auch in Filmen wie Foxcatcher und The Big Short begeisterte. Er spielt David Sheff, einen ebenso liebenswerten wie liebevollen Vater, der mit seiner Frau Vicky (Amy Ryan) alles richtig gemacht zu haben scheint. Als ihr Sohn Nic (Timothée Chalamet) drogenabhängig wird, kann David es nicht glauben, er kann es nicht aufhalten, und er tut alles dafür, seinen Sohn zurück zu bekommen. Während er mit Nics Lügen und Vertrauensbrüchen ringt, blickt der Film immer wieder zurück auf den Nic, wie er früher einmal war – ein rücksichtsvoller, wunderbarer Junge.
Regisseur Felix van Groeningen, dessen The Broken Circle für einen Oscar© für den besten fremdsprachigen Film nominiert war, erzählt mit BEAUTIFUL BOY so realistisch wie bewegend, was es für die Familie Sheff bedeutet, sich der unberechenbaren Sucht ihres Sohns entgegenzustellen. So wenig sich BEAUTIFUL BOY dabei der rauen Wirklichkeit ihres Kampfes verweigert, so sehr überrascht der Film mit seinem Blick auf das Leben, auf die Liebe und die Hoffnung.


Ein Film von Felix van Groeningen
Mit Steve Carell, Timothée Chamalet, Maura Tierney, Amy Ryan u.a.



Anmerkung des Regisseurs

Als ich die Erinnerungen von David Sheff, dem Vater, und seinem Sohn Nic 2014 zum ersten Mal las, war ich zutiefst bewegt. David und Nic schrieben von ihren persönlichen Erfahrungen, vom Durchleben all der Rückfälle und der Genesungen, aber auch von Momenten der Freude, der Unschuld und der Liebe zum Leben. Anfangs denken sie noch, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, mit Nics Sucht umzugehen, sie gar ‚lösen‘ zu können. Das haben sie aber nicht und müssen schließlich auf dem Weg dorthin viel lernen. Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder Momente des Kontrollverlusts, und sie stellen fest, dass sich die Sucht und ihre Folgeerscheinungen auf alle Lebensbereiche auswirken.

Ich hatte schon in Vergangenheit darüber nachgedacht, einen englischsprachigen Film zu machen, aber nichts hat mich persönlich je so angesprochen wie die Geschichte der Sheffs. Familiendynamiken, die Illusion von Kontrolle, der Lauf der Zeit – das sind die Themen, die mich in meinen bisherigen Filmen angezogen haben. Ich hatte mich auch schon in früheren Filmen mit Drogenmissbrauch beschäftigt, aber eine solch emotionale Offenherzigkeit wie in der Geschichte der Sheffs und die Art und Weise, wie sie ihre Geschichte erzählten, haben mich sofort für sie eingenommen. Ihre Familie glaubte immer an die bedingungslose Liebe, und doch musste sie sich damit abfinden, dass es nicht auf alles im Leben einfache Antworten gibt, und dass der Umgang mit Sucht ziemlich unberechenbar sein kann. Ich war zunächst etwas entmutigt von der Vorstellung, diese vielen Jahre und die gesamte Bandbreite ihrer Geschichte abdecken zu müssen, aber gleichzeitig fühlte sich das auch notwendig an. Und ich spürte geradezu eine Verpflichtung, mit meinen Partnern von Plan B viele Jahre meines Lebens darauf zu verwenden, diese Geschichte zu erzählen. Ich hätte nie gedacht, dass es eine so aufregende Reise werden würde.

Die Sheffs haben mich in ihr Leben eingeladen und waren während dieser ganzen Erfahrung unglaublich offen mit mir. Sie waren trotz allem, was sie durchgemacht hatten, immer absolut ehrlich, teilten ihre tiefsten Ängste und verbargen auch ihre Schamgefühle nie. Zu sehen, wie sie leben und wie nah sie einander sind, ist wirklich erstaunlich. Obwohl das alles weit davon entfernt ist, wie ich selbst aufgewachsen bin, fühlte sich mir vieles von dem, wie David und Nic ihr Leben beschrieben haben, sehr vertraut an. Ich bin zwar in einer ganz anderen Familie groß geworden, aber die Liebe zwischen den beiden ist dennoch etwas, mit dem ich mich gut identifizieren kann. Der feste Kern dieser außerordentlichen Familie, die immer wieder auf die Probe gestellt wird, und die Idee, immer füreinander da zu sein, haben mich unwahrscheinlich beeindruckt.

Ich mache Filme, weil sie mich dazu zwingen, meine eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und mich unangenehmen Situationen zu stellen. Indem ich gewissermaßen kopfüber in ein ganz bestimmtes Gefühl wie den Umgang mit meiner Vergangenheit oder den Umgang mit Verlusten eintauche, lerne ich durch meine Filme etwas über diese Gefühle. Ich lerne, mich dem Leben zu stellen, und indem ich mich ihm stelle, schätze ich es umso mehr. Ich habe meinen Vater schon mit 26 Jahren verloren, aber in mancher Hinsicht lebt er durch meine Filme noch immer weiter in mir. Das ist auch der Grund, warum ich mich so zu Vater-Sohn-Geschichten hingezogen fühle. Mit meinen Filmen will ich das Leben feiern. Und ich möchte zu verstehen versuchen, was jede meiner Figuren durchmacht, und hoffe, dass die Empathie, die ich dabei spüre, sich auch auf die Zuschauer überträgt.

Durch die Bücher von David und Nic habe ich gemerkt, dass meine Familie und ich gewisse Vorurteile gegenüber Drogensüchtigen hatten. Wir kannten kaum Möglichkeiten, wie man damit umgehen soll oder wie man helfen kann. Ihre Geschichte aber inspirierte uns zu diesem Film, von dem wir nun hoffen, dass er erstens vielen Menschen, die mit Sucht zu kämpfen haben, eine Stimme geben, und zweitens auf einfache und ehrliche Weise die Komplexität dieser Krankheit zeigen wird.

Als wir mit dem Film fertig waren und ich nach Belgien zurückkehrte, wurde ich durch die Geburt meines Sohnes zum ersten Mal Vater. Es ist unglaublich, diese Freude zu spüren, die man darüber empfindet, jemanden so sehr zu lieben wie das eigene Kind. Ich hoffe, dass dieser Film den Menschen dabei helfen wird, verschiedene Standpunkte sehen und begreifen zu können, und dabei die Herzen der Menschen so zu öffnen, wie es die Geschichte der Sheffs bei mir getan hat.



Über die Produktion

Im Jahr 2005 schrieb der renommierte Journalist David Sheff für das New York Times Magazine den Artikel „My Addicted Son“ [„Mein abhängiger Sohn“]. Das war ein aus erster Hand stammender, schmerzhaft offener und unnachahmlicher Bericht über seinen Sohn Nic und dessen Kampf gegen die Drogensucht. Zudem war es aber auch ein Bericht über Davids Bemühungen, seine Familie – zu der auch seine zweite Frau Karen und ihre beiden gemeinsamen jüngeren Kinder gehören – während einer fast zehn Jahre währenden Tortur vor dem Abgrund zu retten.

Zwei Jahre später erfuhr Produzent Jeremy Kleiner von Plan B Entertainment, dass Sheff „Beautiful Boy“, ein Buch über diesen zehnjährigen Kampf seines Sohnes gegen die Drogensucht geschrieben hatte, und dass Nic selbst diese Jahre in seinen eigenen Erinnerungen unter dem Titel „Tweak“ aufgeschrieben hatte. Gleichzeitig veröffentlicht, boten beide Bücher zusammen ein emotional vielschichtiges Porträt einer Familie in Not. Als Kleiner die Bücher seinen Partnern bei Plan B, den Produzent*innen Dede Gardner und Brad Pitt, zu lesen gab, schlug er zugleich ein ungewöhnliches Szenario vor. Jedes Buch für sich genommen war zwar bewegend und wichtig, aber die Kombination aus beiden würde weit mehr als die Summe ihrer Teile bedeuten. Könnten sie wohl, so fragte sich Kleiner, einen Film drehen, der beide Erinnerungen zu einer einzigen Geschichte verschmelzt? „Wir waren von beiden Texten gleichermaßen begeistert“, sagt Gardner, „und dachten, in einem Film beide Perspektiven ein und derselben Serie von Ereignissen nebeneinander zu stellen, wäre noch überzeugender als jede Perspektive für sich allein.“

Die Produzenten wussten sofort, dass sie für dieses Projekt ein unkonventionelles Duo aus Drehbuchautor und Regisseur benötigen würden, eines, das die Geschichte so zu gestalten wüsste, dass sie sowohl die Perspektive von Nic als auch die von David gleichermaßen widerspiegelt. „Wir haben erkannt“, erklärt Kleiner, „dass der Film genau darin einzigartig sein würde, dass er sich aus zwei verschiedenen Erinnerungen speisen würde, die über Jahrzehnte im Leben einer Familie entstanden sind. Mit Vater und Sohn durch die viele, vielen Jahre zu reisen, in denen sie mit dieser Krankheit zu kämpfen hatten, sollte schmerzhaft sein, aber auch inspirierend und ermutigend.“ Kleiner und Gardner hatten bereits einen flämischen Film des belgischen Filmemachers Felix van Groeningen gesehen und waren von seiner Filmsprache fasziniert. „Als wir THE BROKEN CIRCLE sahen, wurde ich in eine Welt versetzt, die sich genau so anfühlte, wie BEAUTIFUL BOY sich anfühlen sollte“, sagt Kleiner. „Unser Film ist zwar eine groß angelegte Geschichte, zugleich ist er aber auch ganz intim. Er sieht sowohl die Schönheit als auch die Schwierigkeiten im Leben, und dass sie als wesentliche Aspekte unserer Erfahrung des Menschseins gar nicht voneinander zu trennen sind. Auch Felix’ Film hatte eine innovative, fast unbeschreibbare Struktur, die weit über den Film hinausging und sich eher wie das Leben selbst anfühlte“, sagt Gardner. „Denn THE BROKEN CIRCLE zieht den Zuschauer zwar in eine zutiefst tragische Geschichte hinein, sagt ihm aber dabei: ‚Ich weiß, dass das unangenehm ist, aber ich werde dich da durchführen.’ Das war genau das, was wir gesucht haben.“

Van Groeningen hat bisher fünf Spielfilme auf Flämisch gedreht, darunter CAFÉ BELGICA, der beim Sundance Film Festival 2016 den Preis für die beste Regie in der Kategorie World Cinema Dramatic gewann, und DIE BESCHISSENHEIT DER DINGE, der als offizieller belgischer Beitrag für den Oscar® in der Kategorie bester fremdsprachiger Film 2010 eingereicht wurde. Als sein vierter Film, THE BROKEN CIRCLE, dann tatsächlich 2014 für den Oscar® als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, war van Groeningen bereits ein international anerkannter Filmemacher und fester Bestandteil von Filmfestivals auf der ganzen Welt.

Es überrascht daher auch nicht, dass van Groeningen, nachdem er überall Auszeichnungen und Kritikerlob für seine Arbeit erhielt, sofort mit Nachfragen überhäuft wurde, endlich seinen ersten englischsprachigen Film zu drehen.

Obwohl er sowohl von der Idee begeistert war, mit internationalen Stars zusammen zu arbeiten, die er lange bewundert hatte, als auch von der Aussicht, ein weltweites Publikum erreichen zu können, suchte er sehr lange und gründlich nach dem richtigen Projekt für seinen ersten Ausflug nach Hollywood. „Ich habe einige sehr gute Drehbücher gelesen, mich dabei aber immer gefragt, warum ausgerechnet ich für jedes dieser Projekte der beste Regisseur sein sollte“, erinnert er sich. „Es war schwierig, etwas zu finden, dem ich mich nahe fühlte – bis zu dem Moment, als ich BEAUTIFUL BOY begegnete. Natürlich war es ein Vorteil, dass ich Plan B hinter mir wusste, aber es fühlte sich auch unabhängig davon so an, dass dies der richtige Film für mich sein würde.“

Das komfortable Leben der Sheffs an der Küste in Marin County war geografisch und kulturell zwar weit entfernt von dem, wie van Groeningen aufgewachsen ist, aber die Liebe zwischen Vater und Sohn war etwas, mit dem er sich leicht identifizieren konnte. „Sie sind eine wunderbare Familie“, sagt er. „Jeder von ihnen will wirklich für die anderen da sein. Die Sehnsucht nach dieser Art von Familienleben spielt in meinen bisherigen Filmen eine große Rolle. Das ist etwas, das mich schon sehr bewegt hat.“

Gardner und Kleiner wandten sich 2014 erstmals an van Groeningen. Als sie über BEAUTIFUL BOY sprachen, erkannte van Groeningen sofort viele jener Themen wieder, die er schon in seinen früheren Filmen behandelt hatte: Familienkonflikte und Kontrollverlust, tiefe Emotionen, den Lauf der Zeit und visuelles Geschichtenerzählen. „Felix fühlt sich vor allem anderen dem ehrlichen Ausdruck verpflichtet – er hat überhaupt keine Geduld für Künstlichkeit. Aber gerade das macht ihn zu einem äußerst liebevollen Regisseur, der viel Geduld hat mit seinen Schauspielern, mit dem Text und mit der Art und Weise wie sich Zeit und Erinnerung in seinen Filmen durch die Geschichte schlängeln“, sagt Gardner.

Van Groeningen spürte sofort, dass die Bücher der Sheffs, die reich an eindrucksvollen Details waren, sich für die Leinwand eignen würden. „Sie waren voller kleiner Einzelheiten, die ich liebte“, sagt der Regisseur. „Vielleicht liegt es daran, dass David und Nic Filme wirklich lieben. Wenn sie schreiben, denken sie – wie in der Szene mit dem Surfen – über Bilder oder Situationen bereits filmisch nach. Plötzlich ist es neblig und dunkel und David verliert seinen Sohn. Das war eine unglaubliche Metapher für den gesamten Film. Letztendlich aber lag es daran, dass sich die Geschichte so mythisch und universell angefühlt hat, dass es sich für mich gelohnt hat, drei oder vier Jahre meines Lebens damit zu verbringen.“

Etwas anderes, das die beiden Bücher einzigartig machte, war die Art und Weise, in der sie die unverbrüchliche Bindung zwischen Nic und seinem Vater darstellten, sagt van Groeningen. „Da lag so viel Potential in dieser Beziehung“, sagt er. „Es war aufregend, darüber nachzudenken, diese besondere Verbindung zu zeigen, die die beiden teilten und die sie jederzeit zu verlieren drohten. Das ist herzzerreißend, besonders weil dies eine Familie ist, in der es so viel Liebe gibt, dass keiner von ihnen begreifen kann, was da passiert. Darüber hinaus ist es nicht nur die Geschichte einer einzigen Person“, fährt er fort. „Nic und David sind immer gleich präsent. In Filmen über Sucht geht es oft um Menschen, die aus dem Entzug kommen und ihr Leben neu beginnen. Oder es geht um die Drogenerfahrung selbst, mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich bin noch nie auf einen Film gestoßen, der sich speziell mit den Erlebnissen einer Familie beschäftigt, die diese Tortur gemeinsam durchmacht. Es ist ein schwieriges Thema, doch der Dunkelheit und der Schwere wird eine Liebe zum Leben gegenüber gestellt.“

Das verbreitete Missverständnis, dass Sucht nur in verarmten oder benachteiligten Milieus gedeiht, wird laut Gardner durch BEAUTIFUL BOY entlarvt. „Sucht ist sozusagen ein demokratisches Phänomen. Es ist ihm egal, wie viel Geld oder Liebe oder Bildung man besitzt“, sagt die Produzentin. „Ich kenne niemanden, der nicht irgendeinen Bezug zu diesem Thema hat. Einen Jungen zu sehen, der aus einer schönen Umgebung kommt und Menschen hat, die ihr Bestes geben, um ihm zu helfen, ist genau deshalb quälend, weil es unsere Voreingenommenheit gegenüber der Sucht auf den Kopf stellt.“

Anstatt zu versuchen, jemandem die Schuld für Nics Sucht zu geben, wirft BEAUTIFUL BOY einen klaren und genauen Blick auf eine Familie, die mit einem verheerenden und wachsenden Phänomen zu kämpfen hat. „In der Vergangenheit – und teilweise noch immer – wurde Drogensucht als Charakterfehler oder als Folge von Missbrauch und Vernachlässigung wahrgenommen“, sagt van Groeningen. „Süchtige wurden auf Distanz gehalten. Inzwischen haben wir aber gelernt, dass das jedem passieren kann, egal wo.“
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.