Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Nik Bärtschs Ronin - Voll drängender Intensität

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Puchheim: Bluesfestival – Und er lebt auch heute

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Fürstenfeld: Florian Weber – Spontan auf Zuruf

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Fürstenfeld: Aterballetto „Golden Days“ - Freiheitsdrang und Or...

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Landsberg: Hochzeitskapelle – Musikalische Identitätsfindung

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Fürstenfeld: Jütz – Das etwas andere Folk-Konzept

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Sonntag 17.03.2019
Landsberg: Nik Bärtschs Ronin - Voll drängender Intensität
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Fotos: TJ Krebs
Landsberg. Es sind genau jene scheinbar nicht enden wollenden Wiederholungen, welche der Musik Nik Bärtschs etwas beinahe Rituelles geben. Diese rhythmischen Patterns und deren unablässigen, minimalen Verschiebungen, die letztendlich neue Klanghorizonte eröffnen. Diese sparsamen Variationen der Themen auf dem Fundament eines rastlos treibenden Grooves. Komponierte Askese, die von Bärtschs vital agierendem Quartett in den unterschiedlichsten Modulen zusammengesetzt werden. So entsteht ein sich ständig erneuerndes Verhältnis zwischen Aufwand und Wirkung, verschieben sich die kreativen Schnittmengen der Titel immer wieder neu, ohne dass es dem Ergebnis an Spannung oder Leidenschaft fehlt. Nik Bärtschs Formation Ronin im Landsberger Stadttheater - ein optimistischer Kraftakt voll drängender Intensität.
Jeder Ton scheint genau kalkuliert, ist präzis gesetzt, füllt zielgenau den Äther. Musik, wie ein frisch geschnittener Strauch, der erst durch die Redundanz die prachtvollsten Blüten treibt. Jazz in einer der eigenwilligsten Varianten. Weder Swing noch Avantgarde, kein Blues und schon gar nicht Bop. Und doch schwingt von all dem in dieser Musik ein wenig mit, wohlbedacht und intuitiv.
Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten verfolgt der Schweizer sein Konzept des Zen-Funk oder auch der Ritual Groove Music, wie er selbst seine Kreation nennt. Die Herangehensweise selbst erinnert an frühere Aussage von Miles Davis, der meinte, alles Neue im Jazz passiere über den Rhythmus. Und Bärtschs Zen-Funk ist etwas Neues, etwas Ungewöhnliches, bis dato nie Gehörtes. Musik voller Stärke und Sturheit.
Bärtsch hat eine eingeschworene Truppe an seiner Seite. Schlagzeuger Kaspar Rast, dessen knochentrockene Rimshots klingen, als wolle er die Zeit neu takten. Thomy Jordi, der dem Bass seine tiefen Töne, seinen „Bauch“ lässt und der zugleich die peitschende Slap-Technik überzeugend beherrscht. Sha, der an Bassklarinette und Altsaxophon sowohl für hymnische Klangfarben sorgt, als auch mit stotterndem Staccato die Musik komprimiert. Und natürlich der Meister selbst, inspirierend, virtuos, die Dramaturgie perfekt in Szenen setzend.
Und dann wäre da noch ein zweiter Bassist, Björn Meyer. Noch vor einigen Jahren selbst festes Mitglied von Ronin, bis er sich anderen musikalischen Herausforderungen stellte. Der „schwedische Schweizer“ bestritt den ersten Teil des Abends - unbegleitet. Grundlage für diesen selten zu erlebenden Solotrip eines Bassgitarristen ist sein vor eineinhalb Jahren erschienenes Album „Provenance“ (ECM). Eine Sammlung von spieltechnischen Ideen und mentalen Befindlichkeiten, die er kontrastreich und differenziert umsetzt. Ein Monolog, der eine breite Palette an stilistischen Herausforderungen nutzt, der zwischen Jazz und Ambient charchiert, zwischen Affront und Beseelung und dabei eine wunderbar lyrisch pulsierende Musik schafft.
Dass Björn Meyer ganz zum Schluss noch gemeinsam mit Ronin auf der Bühne steht und in völliger Vertrautheit mit der Band ein gewaltiges finales Feuerwerk abbrennt, macht auch die offene und idealistische Dimension, die diese Musik ausstrahlt, überdeutlich.
Jörg Konrad

Auch in der Augsburger Allgemeinen
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Sonntag 17.03.2019
Puchheim: Bluesfestival – Und er lebt auch heute
Puchheim. Es ist knapp einhundert Jahre her, da fuhren in den Südstaaten der USA mobile Aufnahmestudios durch die Provinz. Und irgendwo auf dem Land oder in einer kleineren Stadt hielten die Gefährte. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte meist blitzschnell, dann standen vor den fahrbaren Studios eine Handvoll Sänger mit ihren Instrumenten. Sie bekamen fünf Dollar für zwei ländliche Blues-Aufnahmen. Anschließend bewegte sich das Fahrzeug wieder in den Einflussbereich einer großen Plattenfirma. Die Songs wurden auf Schellack gepresst und nicht selten in zig-facher Vervielfältigung vertrieben. Die Musiker selbst sahen von den Einnahmen oft keinen Cent.
Nun, die Zeiten haben sich geändert. Trotzdem gehören diese Tatsachen noch heute zur Geschichte des Blues. Und die Historie stand im Mittelpunkt des mittlerweile 4. Bluesfestivals in Puchheim (im Grunde handelte es sich aber um die 9. Ausgabe – zählt man einmal die fünf einzelnen Blues-Abende in den Jahren zuvor mit).
Das Programm wurde auch 2019 von Ferdinand "Jelly Roll" Kraemer und Peter Crow C., besser bekannt unter dem Namen Black Patti, zusammengestellt. Und auch 2019 waren die beiden Abende fast ausverkauft, was zeigt, wie sehr die Seele des Blues auch heute noch frisch und vital lebt.
Das Musikfest eröffnet haben am Freitag Black Patti mit ihrem Post-War-Blues. Es folgten mit Ignaz Netzer und den Crazy Hambones dann zwei Vertreter, die den Blues ebenfalls deutlich verinnerlicht und in ihre Interpretationen die verschiedenen Entwicklungen des Blues aufgenommen haben.
Samstag enterte dann der Österreicher Sir Oliver Mally mit seinem launischen wie wunderbaren akustischem Folk Blues die Bühne. An seiner Seite: Hubert Hofherr, einer der besten und anerkanntesten Mundharmonikaspieler der Szene. Gemeinsam beackerten sie aber nicht nur die amerikanische Bluesgeschichte. Manche ihrer Songs und Balladen war klassisches Singer-Songwriting, ehrlich, eindringlich, abgeklärt.
Aus England stammt Steve „Big Man“ Clayton der mit rollenden Augen und kräftiger Stimme stampfend den Boogie Woogie zelebrierte. Ein musikalisches Genie, ein schwergewichtiger Entertainer, dieser Pianist und Sänger. Gemeinsam mit seiner Band, den Wild Blues Men, wechselte er aber auch locker vom Funk zum Soul, schmetterte herzzerreißende Balladen ins Publikum, zitierte den Chicago Blues und coverte tatsächlich Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ und machte aus diesem fünfzig Jahre alten Hit eine begeisternde Boogie-Woogie-Hymne.
Clayton jedenfalls kämpfte sich mit purer Freude durch sein Programm, ließ deutlich werden, woher der Blues kommt, und, in diesem Teil des Konzertes fast noch wichtiger, welchen Einfluss der Blues auf die Popmusik bis heute hat.
Nun, fahrbare Aufnahmestudios gab es in Puchheim nicht. Aber vielleicht gäbe es ja in der Zukunft die Möglichkeit, einige der Konzerte mitzuschneiden und einen Sampler mit den musikalischen Höhepunkten der Blues-Nacht zu veröffentlichen. Zum Beispiel im nächsten Jahr, wenn das 10. jährige Jubiläum ansteht?!
Jörg Konrad

Auch in der SZ


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Donnerstag 28.02.2019
Fürstenfeld: Florian Weber – Spontan auf Zuruf
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Foto: Christoph Müller-Bombard
Fürstenfeld. Schon vor Jahren war an dieser Stelle zu lesen, dass die Zukunft des Jazz gesichert scheint. Zumindest was den Nachwuchs auf der Bühne betrifft. Sieht man sich allein die Pianisten der Zunft an, wird dies besonders deutlich: Michael Wollny, Benedikt Jahnel, Julia Hülsmann, Pablo Held. Sie alle sind schon in Fürstenfeld gewesen. Auch Florian Weber. Doch war der gestern erstmals mit seinem Soloprogramm Gast der Reihe JAZZ FIRST. Und er spielte ein grandioses Konzert, elegant und raffiniert, magisch und provokant.
Erst in diesem Jahr hat der aus Detmold stammende Klavierspieler ein Album mit internationaler Besetzung auf ECM-München veröffentlicht. Am Mittwoch saß er hingegen als Solist auf der Bühne. Sein Spiel? Flüssiges Musizieren zwischen Europäischem und Exotischem, zwischen Traditionellem und Modernem, zwischen Improvisation und Komposition. Ein Meer an Befindlichkeiten und Stilen, in welches der Tastenmagier taucht, ja, die er sogar abzurufen in der Lage ist.
Weber ist ein Meister im geschickten Setzen von Tönen und Intervallen, im Nutzen von Pausen, im Sprunghaften zwischen Blues und Debussy, in der dramaturgischen Gestaltung eines Stückes. Er spielt mit dem Faktor Zeit, bewegt sich eindeutig gegen den Strom (des Mainstream!) und reißt fragmentarisch immer wieder neue Themen an. Standards braucht er für seine Herangehensweise nicht, obwohl ihm das Spiel mit den Altvorderen des Jazz in der Vergangenheit große Freude bereitet hat – wie die zurückliegenden Aufnahmen mit Lee Konitz akustisch nahelegen.
Sein Monolog am gestrigen Abend war auch ein Manifest der Freiheit. Freiheit in dem Sinn, zu tun, also spielerisch zum Ausdruck zu bringen, was ihm  künstlerisch wichtig und individuell angezeigt ist. Denn Florian Weber ist, wie in seinem bisherigen Leben, auch während eines Konzertes gedanklich unterwegs, immer auf der Suche nach dem bestimmten Klang, dem ganz bestimmten Ton. Und an diesem kreativen Geschehen lässt er seine Zuhörer direkt und unmittelbar teilnehmen. Spontan auf Zuruf, oder sich selbst stets wieder neu herausfordernd. Nur so, im praktischen Teil des Experimentierens, entsteht Neues.
Seine manchmal scharfen, meist eigenwilligen Kompositionen atmen den Geist der Klassik und des Jazz. Dabei ist er nah dran, am Abenteuer der Improvisation, am bisher ungehörten, an der Amplitude zwischen dem Ideal und dem Leben.
Jörg Konrad
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Mittwoch 27.02.2019
Fürstenfeld: Aterballetto „Golden Days“ - Freiheitsdrang und Orientierungssuche
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Fotos: Nadir Bonazzi
Fürstenfeld. Wenn es um Tanz geht, geht es auch immer um Musik. Sie ist die Grundlage für rhythmische Bewegungen, für schlingernde, für routierende Emotionalität, für explosionsartige Sprünge und zugleich die Botschaft, die über die Choreographie zum Ausdruck kommt. Im Fall von GOLDEN DAYS, dem aus drei Einzelteilen bestehenden Tanzstück des in Italien beheimateten Aterballetto, ist Musik die Inspirationsquelle schlechthin. Johan Inger fühlte sich von der Kunst Tom Waits, Patti Smiths und Keith Jarretts derart berührt, dass er in ihnen nicht nur „den Freiheitsdrang und die Orientierungssuche einer ganzen Generation“ erkannte. Zugleich verknüpfte er mit deren Schaffen seine ganz persönlichen „Goldenen Tage“. Inger ist Jahrgang 1967.
Sind die GOLDEN DAYS somit der Tanz gewordene Blick durch die rosarote Brille? Zurück, in eine verklärte Vergangenheit? Jein. Denn die Vergangenheit ist, wie wir alle wissen, nie so großartig gewesen, wie wir aus der Gegenwart heraus zu glauben meinen. Dieser Gedanke entspringt auch immer dem Gefühl, ja der inneren Überzeugung, das Vergangene erfolgreich überstanden zu haben. Ein Trugschluss also? Jein.
Johan Inger hat am gestrigen Abend im Fürstenfelder Veranstaltungsforum also eben jene drei Favoriten seiner Jugend zu neuem Leben erweckt. Die Stücke „Rain Dogs“ (Tom Waits), „Birdland“ (Patti Smith) und „Bliss“ (Keith Jarrett) entstanden zu unterschiedlichen Zeiten, passen aber wunderbar zueinander. In „Rain Dogs“ verknüpfen die Tänzer eine Geschichte von Waits, die von der Schwermut eines Hundes handelt, der nach einer großen Tour und nach dem großen Regen den Weg zurück in seine Lebensheimat nicht findet. Es ist, wie viele der Stücke von Tom Waits, eine tragische Geschichte und die Tänzer bringen die Härte des Lebens, die Verzweiflung und die Sehnsucht in einer orientierungslosen Welt berührend zum Ausdruck.
Das anschließende Solostück Birdland ist zugleich die Umbaupause für den dritten und letzten Tanzakt. Während die Bühnenarbeiter den schwarzen Tanzboden entfernen (darunter erscheint ein weißer Belag), wird der Raum der (schwarz gekleideten) Tänzerin immer kleiner. Doch diese versucht sich zum Song „Birdland“ von Patti Smith auf ihrem Areal zu behaupten. Sie provoziert, zeigt sich verletzlich, verführt, verteidigt sich – zumindest eine Zeitlang. Sie setzt sich in einer stets kleiner werdenden Welt durch, mit ihren Möglichkeiten und voller Intensität.
Im letzten Stück „Bliss“, auf der Grundlage eines Ausschnittes aus dem großen „Köln Concert“ von Keith Jarrett aufgebaut, geht es Johan Inger um die Offenheit, um die Freiheit, um den Augenblick der in einer Improvisation so spontan zum Ausdruck kommt. Die Tänzer bringen in einem Reigen von verspielten Szenen Lebensenergie und Glück über die Bühne. Auch Melancholie, Sensibilität, statt Tragik Zuversicht. Sich dem Moment hingeben, ihn genießen, endlich einmal sorglos. Diese positiven Kräfte stecken an, gehen von der Bühne direkt in den Zuschauerraum über, so dass das Publikum am Ende die Tanztruppe nicht mehr von der Bühne lassen möchte.
Alfred Esser
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Sonntag 24.02.2019
Landsberg: Hochzeitskapelle – Musikalische Identitätsfindung
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Foto: Andreas Staebler
Landsberg. Beziehungen, die von Dauer sein könnten, scheitern oft schon an den ersten unbedeutenden Problemen. Verbindungen, die ad hoc, aus dem Augenblick heraus entstehen, halten hingegen eine scheinbare Ewigkeit. Das ist im Miteinander von Menschen ebenso, wie in ihrem persönlichen Bezug zu Dingen. Im kosmopolitischen Universum musikalischer Identitätsfindung gleich sowieso. Bestes Beispiel: Die Hochzeitskapelle. Zusammengekommen ist die Band zur musikalischen Untermalung der Eheschließung eines guten Freundes in Weilheim, in Oberbayern. Dabei fanden die Instrumentalisten, als auch die Festgemeinschaft, derart Spaß mit- und aneinander, dass man sich spontan entschloss, dem einstweiligen Gedankenblitz etwas Beständiges angedeihen zu lassen.
Die Hochzeit liegt mittlerweile knapp sieben Jahre zurück (wir nehmen einmal an, dass das Brautpaar …... ) und die Hochzeitskapelle tourt und tourt und tourt. Am Samstag war die Formation mit Gästen in Landsberg, im ehrwürdigen Stadttheater, um die Artist-in-Residence-Woche der Band Notwist und all ihrer verzweigten Projekte würdig abzuschließen.
Doch bevor der „folkloristisch-elegische Rumpeljazz“, wie die Hochzeitskapelle ihre Musik selbst bezeichnet, das Parkett eroberte, gaben Cico Beck und Nico Sierig alias Joasihno ihre musikalische Visitenkarte ab. Die beiden – ein einmaliges Soundlaboratorium. Während ihres Auftritts wird probiert und experimentiert. Klänge werden geschichtet, verfremdet, verdichtet, Melodien flüchtig skizziert, Rhythmen selektiert, es gibt technische Spitzfindigkeiten und verspielte Klanginstallationen. Was Joasihno musikalisch kreieren, ist wie eine späte Fortsetzung von Michael Rother, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius aus dem Weserbergland und all der anderen elektronischen Krautrockpioniere – nur mit anderen Mitteln. Nicht alles was das Duo dabei aus dem Hut zauberte, klang dabei ideal. Aber auf ihrer Suche nach dem ultimativen Bravourstück gab es immer wieder Momente, in denen sie mit ihrem fundamentalen Anspruch der Popmusik ein anderes, ein individuell berührendes Level erschließen konnten, in dem Schönheit und Harmonie ganz neue, gemeinschaftliche Wege gingen.
Nach  der Pause dann Kontrastprogramm, sowohl was den Sound betraf, die Kompositionstechnik, die Spielweise und das Ergebnis letztendlich auch. Die Hochzeitskapelle als Septett, mit Gastmusikern  aus Japan. Das Programm war mit dem im letzten Jahr erschienen Album „Wayfaring Suite“ identisch. Komponiert hat dies komplett Takuji Aoyagi aus Tokio. Eine spannende Erweiterung des Kulturbegriffs. Die Songs klangen minimalistisch, melodisch, waren glasklar strukturiert. Hochkonzentriert agierte die Band. Sie brachte die Musik zum Schwingen und Klingen, nachdenklich wie melancholisch und nutzte dafür all die typischen traditionellen Instrumente, die in der mitteleuropäischen Bergwelt zum musikalischen Alltag gehören, plus Kinderklavier, indisches Harmonium, Glockenspiel, singender Säge und Banjo. Das klang mal nach den Meriten eines Olivier Messiaen, besaß etwas Spirituelles, in dem der Geist deutlich ein künstlerisches Gewissen verkörperte und hatte letztendlich so gar nichts mit spätpubertären Revoluzzer-Allüren zu tun. Aber vielleicht ist es auch gerade diese akustisch bedächtige Herangehensweise, die der Musik eine besondere Note verleiht. Gewichtige Kammermusik, mit Anleihen aus Fernost – statt rumpelndem Jazz.
Jörg Konrad
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Donnerstag 24.01.2019
Fürstenfeld: Jütz – Das etwas andere Folk-Konzept
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Fürstenfeld. Als im Juni letzten Jahres alle drei Jütz unserem Portal ein Interview gaben (lesen Sie hier), waren ihre Antworten auf die Frage, welches die schönsten Momente ihrer Arbeit seien, folgende: Dänu Woodtli (Trompete, Flügelhorn, Stimme, Hackbrett) sagte „Dann, wenn die Kraft der Musik voll einschlägt; wenn der unmittelbare Moment alles Bewusste vergessen lässt.“ Isa Kurz (Stimme, Geige, Akkordeon, Hackbrett) meinte „Wenn man sich und seine Musik verstanden fühlt“, und Philipp Moll (Kontrabass, Stimme) freut sich „Wenn man merkt, dass die eigene Musik anderen Menschen etwas bedeutet.“
Am gestrigen Abend dürften Jütz, das aus der Schweiz und Tirol stammende Alpen-Jazz-Trio, allen Grund zur Freude gehabt haben. Denn ihr Konzert in Fürstenfeld löste all diese Antworten akustisch beim Publikum ein. Ja, Jazz in den Bergen, Jazz aus den Bergen, das ist bei Jütz absolut kein Widerspruch. Gute Musik findet eben überall statt – wenn nur der Boden fruchtbar ist. Und den bereiten die drei mit Akribie und Leidenschaft fantasievoll vor.
Doch Jazz im klassischen Stil findet bei ihnen nicht unbedingt statt. Zwar verirrt sich in ihrer Musik einmal der Blues und auch der Swing schrammt nur kurz ihr Konzert. Es ist die Freiheit dieser Musikform die sie nutzen, der Mut, Neues zu probieren, ausgetretene Pfade mit Überzeugung und manchmal auch ungestüm zu verlassen. Und vor allem ihre Improvisationen. Jütz sind ein musikalisches Experimentierlabor, eine folkloristische Alchemistenstube, die in manchen Momenten wie ein stoisches Avantgarde-Trio klingen.
Doch im nächsten Moment sind sie wieder die kreuzbraven Traditionalisten, die alpenländische Volksmusik spielen. Fast im original Kontext. Ihr Klangtableau ist dabei breit gefächert - dank der vielen Instrumente die Isa, Dänu und Philipp beherrschen. Manche ihrer Songs vermitteln eine meditative Aura, bewegen sich im Halbschatten elegischer Konzepte, bevor sie energisch den poetischen Bannkreis verlassen und sich der Schwerkraft spannender Disharmonien aussetzen. Wie die Drei das machen, das kann man getrost als integrative Intelligenz bezeichnen. Dabei sind sie so frisch und sprudelnd, wie ein kristallklarer Bergbach.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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