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7. Maria Mendes „Close To Me“
8. Ruth Maria Rossel „Back 2 The Ruth“
9. Souad Massi „Oumniya“
10. Louis Sclavis „Characters On A Wall“
11. Iggy Pop „Free“
12. Vor 40 Jahren: Joni Mitchell "Mingus"
Freitag 22.11.2019
Maria Mendes „Close To Me“
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Auch der Jazz hat sein Sinfonieorchester. Es stammt aus den Niederlanden, wurde vor über sieben Jahrzehnten in Hilversum gegründet und ist im Laufe der Zeit, neben ungezählten Live-Auftritten, auf hunderten, wenn nicht tausenden Alben von Künstlern unterschiedlichster Sparten zu hören. In der vergangenen Dekade eben besonders auf Jazzproduktionen.
Im Frühjahr dieses Jahres arbeitete das Metropole Orkest mit der portugiesischen Sängerin Maria Mendes zusammen. Das Ergebnis ist ein wunderbar leichtes und beschwingtes Fado-Album, das die positive Kraft der Musik in den Mittelpunkt stellt.
Doch im Grunde hat „Close To Me“ mit der reinen Form des iberischen Blues nur recht wenig zu tun. „Es ist kein Fado“, erläutert Maria Mendes diese Zusammenarbeit. „Ich habe nur die Musik und Poesie aus diesem Genre verwendet, aber eine ganz persönliche Interpretation vorgenommen, mit neuen Arrangements.“
Das wundert nicht. Denn Maria Mendes ist zwar in Portugal geboren, lebt aber seit vielen Jahren in den Niederlanden. Hier hat sie sich eine Karriere als Jazzsängerin aufgebaut und ist stetig auf der Suche nach neuen, stimmigen Ausdrucksmöglichkeiten. So hat es sich fast von selbst ergeben, dass sie den Saudade ihres Geburtslandes mit Jazzarrangements in Verbindung bringt. Damit ist ein musikalischer Hybrid entstanden, der Maria Mendes voll und ganz entspricht, der ihr auf den Leib geschrieben scheint.
Im Mittelpunkt von „Close To Me“ steht, neben den bemerkenswerten Arrangements, die eben jenes Metropole Orkest so stimmig wie diszipliniert umsetzt, Mendes Stimme. Sie gibt den Songs eine erfrischende Ursprünglichkeit, sie verleiht den Kompositionen eine beseelte Aura. Sie fasziniert durch eine spielerische Leichtigkeit, mit der ihre Stimme die unterschiedlichsten Gefühle ausdrückt. Schmerz und Wehmut (den beiden häufigsten Umschreibungen für Saudade), aber auch tänzerische Fröhlichkeit bis hin zu raffinierten Scat-Einlagen finden ausreichend Raum. Maria Mendes kann das Einfache perfekt, muss es nicht auf Hochglanz polieren, was immer ein wenig überdreht wirkt. Auf „Close To Me“ ist das Gegenteil der Fall: Inspirierte, luftige Vokalkunst.
Jörg Konrad

Maria Mendes
„Close To Me“
Justin Time
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Sonntag 17.11.2019
Ruth Maria Rossel „Back 2 The Ruth“
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Nun, man konnte sich schon vor Jahrzehnte herzlich streiten, ob es denn nötig sei, manch dürftigen Schlager der 1920er Jahre von Musikern wie Chet Baker, Tommy Dorsey oder Sonny Rollins aufzupeppen. Doch die Jahre gaben den Instrumentalisten recht. Denn aus vielen dieser damals eingängigen Melodien sind zeitlose Standards des Jazz geworden – die noch heute mit größter Konzentration und mit Anspruch gespielt werden.
Die Augsburger Cellistin Ruth Maria Rossel hat sich für ihr zweites Album „Back 2 The Ruth“ ebensolche Paradenummern (der Neuzeit) herausgepickt. Nur improvisiert sie nicht über Hits von Astor Piazzolla, Ed Sheeran oder George Michael, sondern gibt ihnen eine völlig neue musikalische Form. So klingen „Libertango“, „Shape Of You“ oder „Last Christmas“ bei der Cellistin zwar noch immer vertraut, doch gleichzeitig auch wieder stark alternierend. Nicht eben neu - aber irgendwie re-restauriert.
Ruth Maria Rossel bringt eine neue Farbe in diese und ihre eigenen Songs. Das Violoncello schlägt bei ihr Brücken, dreht sich weg von einer seligmachenden Virtuosität und seinem wunderbar weichen und warmen Klang. Sie nutzt hierfür ein beeindruckendes elektronisches Equipment (das heutzutage schon in einen kleinen Handkoffer passt) und begegnet der Musik mit einem electro-Pop ähnlichem Ansatz. Manchmal erinnert das schon sehr an die 1980er Jahre.
Aber auf diese Art wird aus dem altehrwürdigen Streichinstrument eine Art Gebrauchsgegenstand im positiven Sinn. Der Respekt vor der Tradition ist geblieben, aber er lässt keine Hörer erstarren, macht eher neugierig, bringt altgediente und autoritär gepackte Schubladen fröhlich durcheinander. Man hört förmlich, wie junge Menschen nach „Back 2 The Ruth“ sagen: Ich wünsche mir zu Weihnachten auch so ein Cello.
Alfred Esser

Ruth Maria Rossel
„Back 2 The Ruth“
MusicJustMusic / Galileo
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Samstag 09.11.2019
Souad Massi „Oumniya“
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Obwohl Souad Massi seit über zwei Jahrzehnten in Frankreich lebt, fühlt sie sich ihrer Heimat Algerien stark verbunden. Kräftige Wurzeln versorgen sie noch immer mit den Träumen und Melancholien, mit den Geschichten, die sich häufig um Ungerechtigkeiten drehen, den Landschaften und vor allem mit den Menschen des nordafrikanischen Landes. Besonders deutlich wird das in der Musik Souades. Sie stützt sich dabei auf die Tradition der Chaabi-Folklore, der Volksmusik Algeriens, die sich aus ganz verschiedenen Stilen zusammensetzt und bis heute eine wichtige kulturelle Stellung inne hat. Besonders im Zentrum Algiers kamen in den 1920er Jahren viele Kulturen und Einflüsse zusammen. Hier trafen sich Berber und Andalusier, Muslime lebten Tür an Tür mit jüdischen Familien und auch das osmanische Reich und das frühe Christentum hatten ihre Spuren hinterlassen. Gesteuert wurde das Leben in jener Zeit von der französischen Kolonialherrschaft, die bis 1962 den Alltag bestimmte.
Aus diesem reichen Fundus an Ethnien und Stimmungen schöpft Souad Massi auch auf ihrem mittlerweile siebten Album „Oumniya“. Es ist sehr engagierte Musik, die sich nicht nur mit den Sonnenseiten des Lebens beschäftigt. Sie selbst sieht sich in einer Reihe mit westlichen Protestsängern wie Bob Dylan und Joan Baez, die über ihre Kompositionen und Texte schon immer auch auf Missstände und Diskriminierungen verwiesen haben. „Ich gehöre zu einer Kultur, in der Frauen kämpfen müssen, um respektiert zu werden“, sagte Souad dieser Tage in einem Interview. „Aber überall müssen sie um ihre Existenz kämpfen und sich das Recht zu sprechen erkämpfen“.
Natürlich kommt neben Politik und Emanzipation auch die Poesie zum Tragen, die für sie ein globales Erleben ist, eine Art internationales Fühlen und Erleben. Zugleich liebt sie die Vielfalt des Lebens. Schon als Teenager begeisterte sie sich für alte arabische Poesie und  las mit Begeisterung die Romane von Victor Hugo. Sie hörte Musik von Aretha Franklin und James Brown, sah leidenschaftlich gern Western von Sergio Leone und spielte Fußball. Dann wollte Souad selbst ein Instrument erlernen. Doch das war in Algerien allein den Männern vorbehalten. „Ich hatte Angst eine Frau zu sein, weil der Status von Frauen in Algerien mich verängstigte.“
Sie begann aufzubegehren, sich mit einengenden gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen und stieß dabei an Grenzen – die sie mühevoll überwand.
Und all dieses Erlebte bringt sie in ihrer Musik mit tiefer, warmer Stimme bewegend zum Ausdruck. Ihre Verletzlichkeit ist zu spüren, wie aber auch ihr fester, kämpferischer Wille. Zudem erstrahlen ihre Songs, trotz mancher Tristesse, durch Temperament und Eleganz. Auf „Oumniya“ ist die Musik Ventil und Vision zu gleichen Teilen.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
Dienstag 29.10.2019
Louis Sclavis „Characters On A Wall“
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Von der Berliner Mauer, die vor drei Jahrzehnten im Rahmen einer friedlichen Revolte des Volkes ihres Zweckes beraubt wurde, sagte man, sie sei die längste Freiluft-Galerie der Welt. Das mag ein wenig zynisch klingen. Denn diese kunterbunte, durch viel Kreativität gekennzeichnete Projektionsfläche war nur von westlicher Seite zu betrachten. Die graue Rückseite war Teil des sogenannten Todesstreifens. Der zugängliche Teil wurde auf diese Art humor-und lustvoll entweiht. Hier bekam der Wall eine respektlose Fassade, die die Absurdität des Bauwerkes deutlich machte.
Ernest Pignon-Ernest ist ein französischer Künstler, der seine Werke, es handelt sich um Zeichnungen, Graphiken, überarbeitete Fotografien u.ä., an Mauern und Hauswänden platziert. Sie sind auf diese Weise nicht nur der Öffentlichkeit zugänglich, sondern ein Teil der Öffentlichkeit selbst, wodurch weniger das Werk des Künstlers im Mittelpunkt steht, sondern, ähnlich der Berliner Freiluft-Galerie, der Standort in seiner Gesamtheit. Und so wie sich dieser Ort durch die Zeit, durch Witterungseinflüsse oder architektonische Entwicklungen verändert, verändert sich auch Wirkung des Kunstobjekts stetig.
Louis Sclavis, Klarinettist aus Lyon, fühlt sich von der Kunst Ernest Pignon-Ernests inspiriert. Mit „Characters On A Wall“ hat Sclavis nun schon ein zweites Album veröffentlicht, das seine enge Verbundenheit mit den Arbeiten Pignon-Ernests musikalisch zum Ausdruck bringt.
Sclavis gelingt es, sich auf sehr sehr differenzierte und empathische Weise diesen Werken musikalisch anzunähern, seine Gefühle und Gedanken klanglich auszudrücken. Gemeinsam mit Benjamin Moussay (Piano), Sarah Murcia (Bass) und Christophe Lavergne (Schlagzeug) bleibt der Ausgangspunkt der Musik ein magischer, ein offener Ort. Nichts wird durch virtuose oder dynamische Betriebsamkeit entweiht. Musik aus dem Blickwinkel eines fühlenden Betrachters. Die Stille, die Sensibilität in der Hingabe wirkt subtil und fasziniert durch eine akustische Balance. Dabei ist diese Musik universell. Sie „funktioniert“ ebenso großartig ohne Vorgaben. Trotzdem ist „Characters On A Wall“ weitab jedweder Selbstinszenierung eine respektvolle Verbeugung vor der Kunst. Und Sclavis zeigt sich als Mittler, als ein Meister der Einfühlungsgabe.
Jörg Konrad

Louis Sclavis
„Characters On A Wall“
ECM
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Samstag 12.10.2019
Iggy Pop „Free“
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An manchen Alben kommt man einfach nicht vorbei. Und wer Iggy Pops Karriere auch nur ein klein wenig von außen betrachtet und dabei seine Wandlung von der Punk-Ikone schlechthin zum nörgelnder Jazzcrooner (Jamie Saft „Loneliness Road“), zum Chansonier („Après“) oder zum vokalen Electro-Dance-Einpeitscher (Underworld „Teatime Dub“) verfolgt hat, für den ist „Free“ einfach Pflicht. Und Freude zugleich. Denn was der 1947 in Michigan geborene James Newell „Jim“ Osterberg, wie Pop mit bürgerlichem Namen heißt, auf seiner neuesten Veröffentlichung präsentiert, ist Reife, großartige Musikalität und, man glaubt es kaum - Verinnerlichung. Spätestens mit diesem Album gehört er endgültig in die Reihe der ganz wenigen in Würde gealterten Rock`n Roll Helden vergangener Jahre.
Das wichtigste Instrument auf „Free“, welch ein einfacher, wie auch passender Titel, sind nicht heulende und kreischende Gitarren („Ich kann die Scheißgitarren nicht mehr hören“, sagte er in einem Interview dem Spiegel), sondern die Trompetenexkursionen(!) Leron Thomas. Dieser hat das Album auch produziert und der gut einer halben Stunde langen musikalischen Spritztour auch noch einen Hauch Ambient verpasst.
Doch allein Iggy Pops von Drogenexzessen und Karrieretiefs gestählte Stimme bricht jedes Hintergrundrauschen gnadenlos auf, gibt verfeinerten Klangflächen eine völlig neue Dimension. Das aufeinanderprallen von Gegensätzen ist hier das exzellente Ergebnis einer bewußtseinserweiternden Selbstreflexion. Die alten, subversiven Geschichten werden von Iggy Pop auf „Free“ mit neuem, manchmal selbstironischen Unterton erzählt. Die einstige Wut ist einer raffinierten Lässigkeit gewichen, die Unangepasstheit einer Melancholie.
Dabei ist dieses Album, so einschmeichelnd und elysisch es auch klingen mag, radikaler als manches aus der Vergangenheit des Sängers. Schließlich gehören lärmender Rock`n Roll oder knalliger Post-Punk heute zum Mainstream. Volksmusik in erweitertem Sinn. Kreativität klingt anders. Zum Beispiel so wie „Free“, wo die Intensität sich auch in den stillen Momenten Bahn bricht und die Reduktion bzw. Sparsamkeit der musikalischen Mittel einer Art Provokation gleich kommt.
Jörg Konrad

Iggy Pop
„Free“
Caroline
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Autor: Siehe Artikel
Freitag 27.09.2019
Vor 40 Jahren: Joni Mitchell "Mingus"
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„Ich bin Malerin, die Lieder schreibt“, hat Joni Mitchell einmal in einem Interview gesagt. Was sie damit zum Ausdruck bringen wollte ist, dass sie sich in ihrer individuellen Kreativität von außen nicht beeinflussen lässt. Schon gar nicht, was Erwartungshaltungen betrifft. Man weiß nie, an welchen (auch klanglichen) Farben, Formen und Formaten sie als nächstes arbeitet. Diese Sichtweise hat sie ihr gesamtes künstlerisches Leben beibehalten. Das einzige, was sie in der Gegenwart aufhält ähnliches zu tun, ist ihr Alter und die damit einhergehende Fragilität, die es ihr heute, 75jährig, scheinbar nicht mehr vergönnt, die Welt mit neuen musikalischen Ideen zu überraschen. Aber wer weiß.
Als die in der kanadischen Provinz Alberta geborene Sängerin, Gitarristin und Komponistin 1978 ein Album mit dem großen Jazzbassisten Charles Mingus einspielte, sprach sie davon, dass sie noch nie in einem Aufnahmeprozess so laut habe eine Uhr ticken hören. Diese Metapher hatte ihren Ursprung darin, dass Charles Mingus bei der Zusammenarbeit an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) in fortgeschrittenem Stadium erkrankt war und man nicht wusste, wieviel Zeit ihm bleiben würde. Die Veröffentlichung von „Mingus“, dem Album, dass, trotz etlicher Kritik bei seinem Erscheinen, heute in den Kanon von hybriden Geniestreichen aus Blues, Jazz, Rock und Country gehört, hat er dann tatsächlich nicht mehr erlebt. 
Vielleicht war „Mingus“ der Höhepunkt in der Auseinandersetzung Joni Michells mit jazzmusikalischen Strukturen. Denn nachdem die SingerSongwritering mit Alben wie „Clouds“, „Blue“ oder „Court And Sparks“ eine ganze Generation von amerikanischen Liedermachern (Neil Young, David Crosby, James Taylor, Jackson Brownie) nachhaltig beeinflusste, verließ sie die ausgetretenen Pfade des Folk und stürzte sich kopfüber in das Abenteuer Jazz.
Für „The Hissing of Summer Lawns“, 1975 erschienen und mit Musikern wie Joe Sample und Wilton Felder (The Crusaders), Chuck Findley und Bud Shank eingespielt, erhielt sie ebenfalls anfangs derbe Kritiken. Aber das hielt sie nicht davon ab, auf ihrem Weg der musikalischen Öffnung hin zu komplizierteren Kompositions- und Interpretationstechniken selbstbewusst voranzuschreiten.
Als nächstes folgte der Geniestreich „Hejira“. Hier arbeitete sie erstmals mit dem Bassisten Jaco Pastorious und dem Schlagzeuger John Guerin. Dies zeigt, wie wichtig für die Sängerin der rhythmische Aspekt in ihrer Musik wurde.
Als nächstes lud sie mit Wayne Shorter und Herbie Hancock, Peter Erskine, Airto Moreira und Don Alias gleich eine ganze Band an Jazzmusikern ins Studio ein, um „Don Juan Reckless Daughter“ einzuspielen. Mit dem Stück „Paprika Plains“ befindet sich zudem eine 16-minütige Orchesterkomposition auf dem Album, die von Michael Gibbs orchestriert wurde und wie man sie von der Sängerin bis dahin noch nicht gehört hatte.
All diese Arbeiten haben ihr in der Musikwelt später hohe Achtung eingebracht. Und nicht zuletzt aufgrund dieses ungewöhnlich mutigen, aber auch überzeugenden Umgangs mit musikalischen Grenzerfahrungen hat sich Charles Mingus bei Joni Mitchell gemeldet, damit sie für eine neue Arbeit des Ausnahmeinstrumentalisten und Komponisten Texte schreibt. Mingus gehörte über zweieinhalb Jahrzehnte zu den überragenden Bassisten des Jazz. Er verknüpfte in seiner Musik auf  völlig unorthodoxe Weise Gospel, Blues, New Orleans Zitate, Bebop, freie Improvisation und er schuf, virtuos und mit sicherem Gespür für dynamische Gruppensounds, unsterbliche Werke des Jazz. Als Persönlichkeit war dieser Mingus eine Urgewalt, ein Hurrican, der alles hinwegfegte, was sich seinen musikalischen Ideen und Vorstellungen in den Weg zu stellen wagte.
Mingus traf Joni Mitchell mehrmals in seiner New Yorker Wohnung, wo sie die einzelnen Kompositionen durchgingen und an ihnen gemeinsam arbeiteten. Es waren letztendlich drei neue Songs, die so für das Album „Mingus“ von Joni Mitchell entstanden. Hinzu kam eine der schönsten Kompositionen die der Bassist überhaupt schrieb, für die Joni einen neuen Text verfasste: Goodbye Pork Pie. Mingus spielte diese Nummer 1959 erstmals ein. Sie war Lester Young gewidmet – eine Abschieds-Ballade an den bedeutenden Tenorsaxophonisten.
Die restlichen Titel des Albums „Mingus“ stammen von Joni Mitchell, die sie wieder mit einem halben Dutzend Jazzmusiker einspielte.
Es ist wunderbare Musik, deren Melancholie ebenso berührt, wie die temperamentvolleren Stücke mitreißen. Die einmalige Sinnlichkeit in Joni Mitchells Stimme steht in einem korrespondierenden Gegensatz zu den kunstvollen Improvisationen von Wayne Shorter und Herbie Hancock. Ihre Stimme fliegt über die unerhörten Akkorde wie eine Schwalbe vor dem Gewitter, beschrieb die Sängerin Judith Holofernes einmal Jonis Gesang.
Auch Charles Mingus, zu dieser Zeit ausschließlich im Rollstuhl sitzend und zum Bassspiel nicht mehr in der Lage, singt an Jonis Seite und ist in originalen Dialogen mit ihr zu hören. Dem Album sind einige Bilder beigelegt - allesamt Portraits von Charles Mingus. Gemalt von Joni Mitchell.
Jörg Konrad


Joni Mitchell
"Mingus"
Elektra
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Autor: Siehe Artikel
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